.WEM,AM!"
^omon von ®ert Gothberg.
Copyright by Martin Aeuchtwanger, Hall«.
9. Fortsetzung. Rachdruck verboten!
Draußen ging eine Tür. Eine tiefe, befehlende Stimme erklang.
Lisa richtete sich auf. Ihre Hand schaltete alles Licht der großen Krone ein. Innerlich zitternd, nach außen hin ruhig, lehnte sie sich an den hohen Schrank. Ihre Hand spielte mit der kostbaren Perlenschnur.
Eine gleichmütige Pose! Lisa Ausbrück hatte immer nur aus Posen bestanden!
Lind jetzt mußte sie eine besonders gute Pose wählen. Die Situation erforderte cs.
Die Tür ging auf. Doktor Ansbrück stand auf der Schwelle, verbeugte sich kurz.
„Karl sagte mir, daß du hier seiest. Offen ge- standen, ich verstehe dich nicht. Wenn du etwas Wichtiges vergessen hast, konntest du mir ebenso gut schreiben."
Sie lachte leise auf.
„Du hast doch nicht im Ernst glauben können, daß ich dich verlasse?"
Er schwieg! Starr hing sein Blick an dein Kleid, das Aenne getragen und das diese hier jetzt trug, um ihn zu sich zu zwingen nach — ihrem mißglückten Abenteuer.
Eisig wurde dieser Blick, mit dem er sie ansah. Lind eisig, daß es der Frau bis ins Mark fror, klang auch seine Stimme:
„Gib dir keine Mühe. Wir sind fertig miteinander. Für immer. Du müßtest mich besser kennen, als daß du auch nur eine Minute lang glauben konntest, mein Haus stehe dir offen, sobald du wicdcrkämst. Dein Abenteuer mit dem angeblichen Baron Ilzenescu steht zwischen uns, daß ich nun auch nicht einmal mehr aus Rücksicht auf deine Angehörigen und die Klvtschsucht anderer Menschen Rücksicht zu nehmen gewillt bin."
Ihre Lippen waren weih und zitterten.
„Was machst du mir zum Borwurf? Der Zank um den Schmuck kann doch--unmöglich der
Grund fein?"
„Ignoriere bitte nicht, was ich dir in bezug auf Ilzenescu sagte. Es hat auch gar keinen Zweck, daß wir uns streiten. Mein Entschluß steht fest: Ich nehme dich hier nicht mehr auf. Du verläßt mein Haus und kehrst zu deinen Eltern zurück — dein Vater ist orientiert."
Sie schrie laut auf vor Entsetzen.
„Rudolf, ich habe es doch eingefehen, wie töricht ich war. Ich werde dir von jetzt an sicher eine gute Frau sein, werde - dich nie wieder durch kindische Launen quälen."
Sie war nähergekommen, hob flehend die Hände.
Ein grausames Lächeln legte sich um seinen schönen, ausdrucksvollen Mund.
„So host du vielleicht auch Ilzenescu gebettelt, als er dich davonjagte!"
„Rtldolf!"
„Du warst seine Geliebte! Denn du flohest mit ihm! Dann wurde euch von meinem Beauftragten die wertvolle Tasche abgenommen, und in jenem Augenblick, als der Gauner es erkannte, hattest du jeden Wert für ihn verloren. Das geht meist so. Wenn das Mittel zum Zweck ausgedient hat, wird es beiseite geworfen. Ich mache dir hierüber auch gor keine Vorwürfe. Das war deine Sache. Du bist alt genug, um zu wissen, welchen Schritt du tun willst. Du hast gewählt, Lisa, aber verlange nun auch nicht, daß ich über diesen Punkt noch mit dir streite."
Sie kam näher, legte beide Hände auf seinen Arm.
Er machte eine abwehrende Bewegung, diese schönen, gepflegten Hände von sich abzuschütteln.
„Ich — bitte dich um Verzeihung, Rudolf." Er lachte hart heraus.
„Mit ein paar demütigen Worten denkst du aus der Welt zu streichen, daß du den Weg der ehrbaren Frau verlassen hast?"
„Ich habe — doch nichts getan!"
„Lüge doch nicht. Lisa! Ilzenescu war hier in meiner Abwesenheit. Daß du die wertvollen Papiere für ihn stahlst, war nicht das Schlimmste. Wozu noch Worte? Geh!"
Das Kleid an ihr machte ihn rasend.
Aenne! Sie hatte dieses Kleid getragen. Die kleine, schöne, blonde Aenne! Er hatte sic bis gestern nicht gekannt. Llnd sie hatte nichts dazu getan, daß er sie nun liebte.
Voll Verachtung ruhte sein Blick auf Lisa.
Das sah ihr ähnlich. Roch in der gefährlichsten Situation glaubte sie, ihn durch ein betörendes Lächeln wieder^fesseln zu können. Wenn sie wüßte, wie gänzlich ausgelöscht sie in seinem Innern war durch diese Tat!
Durch diese gemeine Tat des Diebstahls und die noch gemeinere ihres Ehebruchs, den sie nur aus Langweile begangen und — weil es ihr viel zu gut ging!
Er hatte sie nicht mehr geliebt. Schon lange nicht mehr. Ihre Rücksichtslosigkeit und ihre unberechenbaren Launen hatten diese einst heiße Liebe vollständig zerstört. Trotzdem hatte er noch gestern früh nicht daran gedacht, sich von ihr zu trennen. Er hätte eine gute Ehe mit ihr auch weiterhin geführt, wäre ihr treu geblieben. Well er sich vielleicht ab und zu selbst die Schuld gan an den verschiedenen Auftritten. Lind weil er älter, reifer war als sie. Run aber hatte sie selbst den Kreuzweg bestimmt, an dem der gemeinsame Pfad sich trennte und jeder seinen eigenen Weg ging.
Klar und ehrlich hatte Doktor Ansbrück sich gefragt, ob er auch so unbedingt und unerbittlich auf Trennung seiner Ehe nach den gestrigen Geschehnissen bestehen bliebe, wenn in diese Ereignisse Aenne Ohlen nicht mit hineingezogen • worden wäre. Sie, die rein und schuldlos in sein Haus gekommen war, die keinen Anteil hatte an» der zerstörten Ehe.
Llnd er mußte sich die Antwort geben: Ja! Auch dann! Ein Mann wie er, verzieh niemals, was Lisa getan! Riemals! Llnd wenn er einsam blieb bis an sein Lebensende.
„Ich bat um Verzeihung. Mehr kann ich nicht tun", sagte sie tonlos.
„Ich kann mir denken, was dich das kostet, Lisa. Doch ein Mann verzeiht das nicht."
Langsam ging sie zur Tür. Dann wandte sie sich um; das Weiche, Zerknirschte war abgefallen von ihr. Sie warf den Kopf zurück.
„Ich gehe nicht! Du kannst mir nichts beweisen. Llnd du wirst dich hüten, der Welt mehr Skandal zu bieten, als nötig ist. Ich bleibe."
„Du gehst, Lisa! Ich frage nicht nach der Meinung der Leute. Den Skandal hast du heraufbeschworen, nicht ich — willst du das künftighin immer bedenken!"
„Llnd wenn ich nicht gehe?"
„Dann werde ich gerichtliche Verfügung beantragen. Ich werde dir jedoch, solange du dich nicht wieder verheiratest, eine Rente zahlen. Sagen wir: monatlich fünfhundert Mark.'
„Das ist ein Bettel im Vergleich zu deinem Vermögen!" schrie sie außer sich.
„Du brauchst diesen Bettel ja nicht anzunehmen, Lisa! Wenn du es auf eine gerichtliche Entscheidung ankommen lassen willst, wirst du von dort aus jedenfalls gar nichts zugesprochen erhalten. Einige dich über diesen Punkt also lieber gütlich mit mir. Wie mir überhaupt daran liegt, alles gütlich zu schlichten und so wenig wie möglich Staub aufzuwirbeln."
Lisa wollte sich auflehnen gegen die eherne Stimme, die so hart und gleichgültig über ihr Schicksal entschied.
Ein Blick in sein düsteres, entschlossenes Gesicht aber lehrte sie, daß hier jedes Wort vergeblich sei. Langsam, taumelnd fast, ging sie hinaus.
Ser Mann starrte auf die Sür; wandte sich brüsk um, sah zum Fenster hinaus'.
Es schneite.
Große weiße Flocken tarnten wie Federn leicht zur Erde nieder. Immer höher häufte sich der Schnee da draußen.
In wenigen Tagen war Weihnachten.
Ein einsames, trauriges Weihnachten würde es diesmal fein. Er besaß niemand mehr. Er würde sich also am Heiligabend mit einer Flasche Burgunder, einer guten Zigarre und einem Buch ini
den Erker setzen und beobachten, wie ringsum die Weihnachtsbäume angezündet wurden.
Die Frau, die seinen Ramen mißachtet, ihn vor einen Gauner entehrt hatte, die würde bei ihren Eltern oder vielleicht auch in Polzenhagen bei der Schwester und ihrem Schwager sein.
Cs war gut so, daß ihre Angehörigen über sie wachen würden, denn gänzlich auf sich angewiesen, würde sie wohl bald genug im Sumpf der Großstadt versinken. Daß sie das Zeug dazu in sich trug, hatte sie jedenfalls jetzt zur Genüge bewiesen. Lind diese Frau hatte er einst geliebt!
Hatte in ihr das Höchste gesehen, was ihm die Welt noch bieten konnte, Ünö hatte doch schon gar bald feststellen müssen, daß sie ihn nur genommen, weil er zufällig der Reichste gewesen war von allen Bewerbern. Daß sie ebenso gern einen anderen genommen hätte.
Rach dieser Erkenntnis fiel ihm eine Trennung von dieser Frau nicht schwer. Riemand konnte ihm das verdenken.
Don Lisa fort wanderten seine Gedanken zu Aenne.
Das Harte, Grausame, das Lisa gegolten, schwand aus dem schönen Männergesicht. Ein weiches Lächeln lag um den Mund.
Kleine Aenne, ich hole dich! Jetzt allerdings müssen wir warten, dürfen uns nicht-wiedersehen — ich sehe es ein. Du hast mir das Geld zurück- gegeben. Wie gut und rein du doch bist, Aenne! Ich weiß ja, wo du wohnst. Ich kenne ja alle deine Verhältnisse. Weiß, wie ehrlich und anständig ihr euch daheim durchs Leben schlagt. Kurze Zeit, Aenne, dann hole ich dich!, dachte er.
Aenne erfüllte still ihre Pflicht. Aber sie war verändert. Link Madame Endiee, die sehr viel von dem jungen Mädchen hielt, sah sie einige Male besorgt an und hatte sie auch schon gefragt, ob sie sich nicht wohlfühle. Dann möchte sie doch lieber nach Hause gehen. Obwohl gerade heute sehr viel Arbeit fei.
Aenne ertrug die neugierigen Blicke der andern jungen Mädchen kaum noch, aber sie hörte aus den Worten der Brotherrin auch heraus, daß diese, wohl ehrlich besorgt, sie doch nicht gern für heute entbehre.
So blieb sie. Trotzdem ihr sehr elend zumute war und sie sich kaum auf den Füßen halten konnte. .Sie war sehr froh, als es endlich so weit war und sie wach Hause gehen konnte. Sie hatte bereits gegen Mittag zu Hause angerufen. Run waren sie beruhigt und wußten, daß sie heute pünktlich kommen würde.
Kaum war Aenne auf der Straße, ging sie langsam, ganz langsam an den hohen Häuserreihen dahin.
(Fortsetzung folgt.)
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