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ist die politische Geschichte des Memellandes unter litauischer Herrschaft eine Kette von Rechtsbrüchen und offenen Vergewaltigungen. Memelbeschwerden gehören mit größter Regelmäßigkeit zur Tages­ordnung einer jeden Ratssitzung des Völkerbundes, aber ohne daß es jemals zu einem energischen Ein­schreiten der Genfer obersten Instanz gekommen wäre. Seit den ersten Landtagswahlen, die erst anderthalb Jahre nach Verkündung der Memel­autonomie stattfanden und den Groß-Litauern nur zwei Mandate einbrachten, datiert ein fortgesetzter Kampf zwischen dem vom Gouverneur ohne Rück­sicht aus die Zusammensetzung des Landtags er­nannten litauischen Direktorium und der starken deutschen Parlamentsmehrheit. Erst im Januar 1931 veranlaßten die fortgesetzten Beschwerden in Genf die litauische Regierung mit dem Direktor Bött­cher erstmalig einen Deutschen^ zum Präsidenten des Landesdirektoriums zu ernennen.

Mit dieser Berufung griff im Memelland ein neues System der Unterdrückung Platz. Denn diese der Zusammensetzung des Landtages entsprechende und vom Vertrauen der Bevölkerung getragene Re­gierung war keineswegs Hekr im eigenen Hause. Inzwischen waren so zahlreiche großlitauische Partei­gänger in die verschiedensten Aemter h'incingebracht, daß es der neuen Regierung außerordentlich er­schwert wurde, einen eigenen memelländischen Kurs durchzusetzen, zumal der Gouverneur mit Hilfe des seit Jahren über Memel verhängten Kriegszustands und einer brutal gehandhabten Pressezensur auch weiter seinen Einfluß rücksichtslos geltend machte. Die völlige Litauisierung der Lehrer­schaft durch verwiegende Ernennung von Groß- Litauern zu Lehrern am Lehrerseminar und der Aufbauschule hat in den letzten Jahren beängstigende Fortschritte gemacht. Beide Anstalten sind wahre Brutstätten des groß-litauischen Gedankens gewor­den. Und auch' das neue Direktorium Böttcher konnte, wenn auch vom besten Willen beseelt, nichts daran ändern, da es sich vor vollendete Tatsachen gestellt sah, über die der litauische Gou­verneur seine schützende Hand hielt. In engster Ver­bindung damit steht die rigorose Politik der Aus­weisungen, die den Gouverneur in den Stand setzte, den kulturellen Zusammenhang des Memel­landes mit dem Reich völlig zu unterbinden. Reichs­deutsche Redakteure, Lehrer, Beamte, Techniker und Facharbeiter haben in Scharen das Land verlassen. Durch Versagen der Aufenthaltsgenehmigung wur­den deutsche Künstler daran gehindert, im Memel- land für deutsche Kultur zu zeugen.

Seinen Höhepunkt erreichte der Kampf der Memel­länder gegen diese litauischen Unterdrückung^versuche mit der rechtswidrigen Absetzung des Präsi­denten Böttcher, dem von der litauischen Re­gierung zum Vorwurf gemacht wurde, er habe bei wirtschaftspolitischen Besprechungen in Berlin gegen Litauen intrigiert. Ein deutscher Protest in Genf hatte wenigstens den Erfolg, daß die Signatar­mächte der Memelkonvention zur Klageerhebung gegen Litauen vor dem Internationalen Gerichtshof im Haag veranlaßt wurden. Litauen ließ sich in­dessen in seinem auf einen neuen Hewaltstreich hin- treibenden Äurs keineswegs stören. Der Gouverneur Merkys ernannte nach einem kurzen Zwischen­regime unter völliger Umgehung der deutschen Par­lamentsmehrheit den Litauer S i m m a t zum Prä- fibenten des Landesdirektoriums, der, nachdem die Memellänber Verhandlungen mit ihm ablehnten, ein rein litauisches Direktorium bildete und am 22. März 1932 vom Gouverneur den nicht gefügigen Landtag auslösen ließ. Die Neuwahl des Par­laments sollte die Signatarmächte der Memel­konvention nun vor dem Spruch des Haager Ge­richtshofs vor die vollendete Tatsache stellen, die der litguischen Politik im Memelland dank der Schwäche des Völkerbundes und der Gleichmütigkeit der Schutzmächte so oft schon zu einem Erfolg ver- holfen hat. Die folgenden Wochen der Vorbereitung des Wahlkampfes find gekennzeichnet durch eine Kette von unerhörten Rechtsbrüchen und Vergewal­tigungen, die dem einzigen Zweck dienen sollten, die durch brutales Willkürregiment gewonnene Macht­stellung im Memelland durch Niederknüppelung des deutschen Elements zu verewigen. Im Zeichen des auch während des Wahlkampfes aufrechterhaltenen Kriegszustandes wurden die Wahlvorbereitungen der deutschen Parteien durch Redeverbote und Preßzensur fast gänzlich unterbunden. Doch nicht genug damit, man scheute auch nicht davor zurück, einen der tatkräftigsten Führer des memel- läpdischen Deutschtums, den Schulrat Meyer aus Heydekrug, den die Memelländische Volkspartei als ihren Spitzenkandidaten aufgestellt hatte, drei Wochen vor der Wahl unter einem nichtigen Vorwand zu verhaften und in ein litauisches Gefängnis abzu- schieben. So wurden die Deutschen mundtot gemacht. Um den litauischen Parteien ober, die bislang im Memelländischen Landtag in hoffnungsloser Minder­heit waren, genügend Stimmvieh zuzutreiben, wurde vom Direktorium Simmat unter Umgehung des Einbürgerungsgesetzes und des Memelftatuts rund 9000 Groß-Litauern das Bürgerrecht verliehen und diese frischgebackenen Memelländer in die Wahllisten eingetragen. So hoffte man die Mandatszahl der litauischen Parteien im neuen Landtag wenigstens zu verdoppeln und den durch den deutschen Protest in Genf aus ihrer Uninteressiertheit aufgekäscherten Signatarmächten den schlagenden Beweis für den echt litauischen Charakter des Memellandes und den ständigen Rückgang des deutschen Elements erbrin­gen zu können.

Das Ergebnis des 4. Mai hat diese Hoffnungen Kownos trotz der unerhörten Wahlschiebungen und eines in den letzten Tagen des Wahlkampfes bis zu offenen Gewalttaten gegen deutsche Wähler ge­steigerten Terrors, dank tiner bewunderungswü» digen Wahldisziplin, die auch die letzte deutsche Stimme an die Wahlurne brachte, grausam ent­täuscht. Daß das Memelland kerndeutsch ist und bleiben will, ist durch die Wahl erneut vor aller Welt bewiesen. Die Memelländer und mit ihnen ganz Deutschland erwarten nun, daß der Völkerbund und die Signatarmächte der Memelkon- oention aus diesem einwandfreien und beweiskräf, tigen Zeugnis des Memellandes für fein Deutsch­tum nun endlich die notwendigen Folgerungen ziehen. Mit einer der bislang üblichen milden Er­mahnungen an die litauische Regierung, die im Memelstatut niedergelegten Autonomierechte der Memelländer besser zu achten, kann es unmöglich getan fein. Litauen hat durch seine unerhörte Unter­drückungspolitik längst aufgehört, ein Rechtsstaat zu sein, der internationale Verträge achtet. Es hat durch sein Willkürregiment längst seine ihm vertraglich zugesicherten Rechte verwirkt. Auch hier ist es an der Zeit, an die Revision des Versailler Diktats zu denken und die Rückgliederung des Me­mellandes an das Reich zu verlangen, die allein das furchtbare Unrecht wiedergutmachen kann, das hier dreizehn Jahre hindurch im Namen des Völkerbundes unter den Augen der ganzen zivili- fierten Welt und unter Mitverantwortung der vier Signatarmächte an deutschen Stammesbrüdern von einem kulturell weit tiefer stehenden Volke verübt

worden ist. Die Politik des offiziellen Deutschlands kann sich den 4. Mai 1932 allerdings nicht als Ruhmesblatt auf ihr Konto buchen. Ein unkulti- vierter, sich kaum seiner Existenz bewußter Klein­staat wie Litauen, hat es sich erlauben können, dem deutschen Ansehen ins Gesicht zu schlagen. Das war der Eindruck draußen in der Welt, den die schwäch­liche Aktion des deutschen Auswärtigen Amtes vor dem Völkerbundsrat in Genf geweckt hat. UeberaU in den Nandstaaten, in Estland und Lettland sowohl, wie vor allem in Polen, konnte der Gedanke auf­kommen, so etwas also kann unsereins gegen Deutschland riskieren. Daß von einem solchen Ge­danken zur Tat nur ein kleiner Schritt ist, zeigen die unerhörten Pläne eines polnischen Handstreichs

auf die Freie Stadt Danzig. Mag auch die War­schauer Regierung von ihnen abrücken, so ist doch nicht zu leugnen, daß die nationalistischen Kreise um die Oberstenclique Pilsudskis Morgenluft wittern. Durch die überaus matte Politik des Auswärtigen Amts gegenüber der litauischen Großmannssucht wird überall im Osten der Eindruck verstärkt, daß man sich den Deutschen gegenüber alles erlauben darf. Hoffen wir, daß die energische Tat der Memel­länder auch der auswärtigen Politik des Reiches im nahen Osten den Rücken stärkt und ihr das Selbstbewußtsein wiedergibt, das zur rechten Zeit mit ruhiger Entschiedenheit herausgekehrt, gerade hier gewiß manches hätte verhindern können.

Vor vierzig Jahren...

Eine Erinnerung an die Ermordung Sadi Earnots im Zahre 1894.

Zum zweitenmal in der politischen Geschichte der dritten Republik ist ein französisches Staatsober­haupt ruchloser Mörderhand zum Opfer gefallen. 38 Jahre sind verstrichen, seit in einer Sommernacht des Jahres 1894 der Draht die Kunde von der Er­mordung Sa bi Carnots , bes Präsibenten ber Französischen Republik, in alle Well trug. Es war jene Zeit, in ber Anarchistenattentate bie gekrön­ten Häupter wie die Staatsmänner ftänbig bebrohten. Am Sonntag, 24. Juni 1894, war Präsident Carnot zum Besuch ber Kolonialausstellung nach Lyon aekommen. Es war ein prächtiger Sommertag, bie Anwesenheit des Präsidenten ber Republik hatte ge­waltige Menschenmassen aus der Umgebung von Frankreichs zweitgrößten Industriestadt zusammen­geführt, und die Ausstellung war von Besuchern überfüllt. Präsident Carnot, vom Präfekten und dem Bürgermeister von Lyon geleitet, wurde durch alle' Teile der Ausstellung geführt, und die Besichtigung verlief ohne jeden Zwischenfall. Nach dem Besuch ber Ausstellung fanb zu Ehren bes Präsidenten ein Festmahl statt, und am Abend war neben einer Illumination der Stadt eine Festvorstellung im Theater anberaumt. Carnot, berühmt wegen seiner Unermüdlichkeit in der Erfüllung seiner Re.- präsentationspflichten, hatte sich umgekleidet und fuhr im Frack, geschmückt mit dem Großkordon der Ehrenlegion, in offenem Zweispänner

zum Theater. Unterwegs schwang sich plötzlich ein Mann auf das Trittbrett des offenen Wagen; und versetzte mit einer Geschwindigkeit, die ei(i Ein­greifen der Begleiter des Präsidenten unmöglich machte, Carnot einen D o l ch st o ß in den Unterleib. Lautlos brach der Getroffene zusam­men; sofort kehrte der Wagen mit dem Schwerver­letzten um, und es wurde unverzüglich eine Opera­tion vorgenommen. Aber alle Hoffnung, den Präsi­denten am Leden zu erhalten, war vergeben^. Wenige Stunden später, in den Morgenstunden des 25. Juni, hauchte Sadi Carnot seinen Geist aus.

Der Attentäter, der von der wütenden Menge beinahe in Stücke gerissen worden war, konnte sofort verhaftet werden. Es war der italienische Anarchist C a s e r i o , der später zum Tode ver­urteilt und hingerichtet wurde. Die Tckt war auf Anweisung eines italieni- fdjen anarchistischen Komitees verübt worden. Caserio war durch das Los zur Ausführung des Anschlages bestimmt worden. Präsident Carnots sterblichen Uebcrrefte wurden nach Paris überführt und am 1. Juli unter ungeheurer Teilnahme ber Bevölkerung im Panthäon zur Seite seines be­rühmten Großvaters Lazard Nicola Marguerite (Tarnet, desOrganisators des Sieges" in dem Riesenkampf der französischen Revolution gegen die verbündeten Mächte Europas, beigesetzt.

Vom Buchdruckerlehrling zum Präsidenten der Republik.

Paul Ooumers politische Laufbahn.

In manchen Kreisen wurde es dem französischen Präsidenten Paul Doumer übelgenommcn, daß er bei offiziellen Ausfahrten nicht im Frack, sondern im schlichten, schwarzen Be­suchsanzug auftrat. Auch die Eskorte der republikanischen Garde, die früher als Beglei­tung nicht wegzudenken war. mußte nun zu Hause bleiben. Niemand nahm an. daß das Ge­folge notwendig fei, um die Person des Präsi­denten zu schützen; man bedauerte nur, daß Doumer so wenig Wert auf Repräsentation legte. Das hatte man von dem stattlichen Greis mit

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dem dekorativen weihen Bart nicht vermutet. Als er gewählt wurde, hofften die Pferde- züchter, daß der Stall im Clysee, den Doumergue hatte ausräumen lassen, wieder aufgefüllt wer­den würde. Aber der neue Präsident dachte nicht daran. Sogar zur Parade am 14. Juli erschien er im Jackett, im Gegensatz zur Tradition, die den Frack mit dem großen roten Bond der Ehren­legion vorschreibt.

Paul Doumer hat sich in seinen politischen Anschauungen während seiner langen Laufbahn sehr gewandelt, aber er hat nie seinen pro­letarischen Ursprung verleugnet. Am 22. März 1857 wurde er im ärmsten Viertel der Stadt Aurillac geboren. Sein Vater war ein fleißiger, etwas mürrischer Arbeiter, ein Sonder­ling. mit dem schwer auszukommen war. Mit einem Witzwort sagte ein Abgeordneter über den Sohn, der die Charaktereigenschaften des Vaters geerbt hatte;Wäre er nicht Präsident geworden, man könnte ihn für den Führer eines Trauer­zuges halten" Daß er Präsident werden würde, konnte man vor einem halben Jahrhundert frei» lvh nicht ahnen. Rach dem Tode des Vaters zog die Familie nach Paris, und Paul Doumer. der älteste Sohn, kam als Lehrling in eine Buchdruckerei. Dann wurde er als Graveur von einem Warenhaus angestellt, wo er Ein­ladungskarten und Prospekte mit Ornamenten zu versehen hatte. Das Gehalt betrug 50 Francs im Monat. Am Abend arbeitete er an seiner Fortbildung. Er wollte Lehrer werden, und als er cs geschafft hatte, gefiel ihm auch diese.' Beruf nicht. Run drängte es ihn, I o u r n a l i st zu werden, womöglich Politiker. Als Journalist gehörte er zum revolutionärsten Flügel der fran­zösischen Sozialisten. 2m Jahre 1880 wurde er zum erstenmal in das Parlament gewählt.

Damals war er 51 Jahre alt. Es war eine auf­geregte Zeit, General Boulanger bedrohte bie Republik, *Sorruption^affären mürben aufgedeckt, unb die oppositionellen Abgeordneten fanden ein großes Betätigungsfeld. Doumer selbst fiel bei den Neuwahlen durch, aber er fiel sozusagen die Treppe herauf. Er hatte sich mit dem Kammerpräsidenten Floquet angefreundet, ber ihn in fein Bureau nahm, und im Jahre 1893 war Doumer auch wieder Ab- geordneter. Zwei Jahre darauf war er zum ersten-

mal F i n a n z m i n i st e r. Inzwischen hatte er ge­heiratet, einegute Partie", die ihm wertvolle Ver­bindungen brachte. Die rote Farbe seiner Welt­anschauung begann zu verblassen, Minister neigen zu Kompromissen, und Paul Doumer machte darin keine Ausnahme. Er entwickelte sich ähnlich wie ein großer Teil der führenden bürgerlichen Politiker Frankreichs, die alle einmal rote Revolutionäre waren.

Der nächste Schritt, den Paul Doumer auf seinem Weg zu den höchsten Aemtern im Staat machte, wird sehr verschieden dargestellt. Seine Ernennung zum Generalgouverneur von Jndo- ch i n o ist niemals ganz geklärt worden, und die Sozialisten, von denen sich Doumer trennte, haben in diesem Zusammenhang immer von einemFall Doumer", von einer dunklen Affäre, gesprochen. Ob nun die offizielle Darstellung stimmt, die darin gipfelt, daß man einen zu radikalen Politiker durch ein schönes Amt aus Paris weglocken wollte, oder ob die Gegendarstellung richtig ist, daß Doumer für den Verzicht auf eine bestimmte Einkommen­steuer von den Großbanken belohnt wurde jeden­falls bedeutete dieses Amt den Wendepunkt in Doumers Geben. Als Marxist war er nach Jndo- d)inn gegangen, als gemäßigter bürgerlicher Poli­tiker kam er zurück. Im Jahre 1905 wurde er vor- übergehend Kammerpräsident. Dann kandidierte er im Jahre 1906 zum erstenmal um die Präsi­dentschaft und fiel durch. Fa11ieres be­siegte ihn. Auch bei dieser Wahl soll es eine pein­liche Angelegenheit gegeben haben; zumindest war Doumer verärgert und zog sich, in das Privatleben zu- riick. Darüber erzählt man sich eine hübsche Anek­dote. Als Doumer in Gedanken versunken am Elysee vorüberging, trat ein fremder Mann an ihn heran und fragte verbindlich:Entschuldigen Sie, mein Herr, was ist das für ein Palast?" Darauf antwortete der durchgefallene Doumer:Das ist das Staatsgefängnis der französischen Re­publik. Die Verurteilten verbringen hier zumeist sieben Jahre, aber'n i ch t jeder hat das Glück, verurteilt zu werde n." Der Fremde war ein Journalist, der sich diesen Scherz erlaubt hatte und ihn dann veröffentlichte.

Im Jahre 1912 wurde Doumer Senator, und er blieb es, bis er Präsident wurde. Von 1921 bis 1922 war er Finanzminister im Kabinett Briand, 1925 erhielt er noch einmal das Finanzministerium. Am 14. Februar 1927 wurde er bann Präsident des S e n a t s. Es ist noch in aller Erinnerung, wie er im vergangenen Jahre bei den französischen Präsidentenwahlen in Versailles über Briand tri­umphierte.

Wer wird derMchsolger Doumers

Am Dienstag Präsidentenwahl durch die Nationalversammlung.

vermutlich am kommenden Dienstag, 10. Mai, werden Senat und Kammer in Versailles d i e Mahl des neuen Präsidenten vornehmen. Einer alten Tradition entsprechend wird wohrschein. lich Senatspräsident Albert Lebrun Kandidat für die Präsidentschaft der Republik sein, hat man doch schon anläßlich der letzten Wahl von seiner Kandi­datur gesprochen, die ganz besonders von den Freunden poincares und Maginots empfohlen wurde. Ls ist aber damit zu rechnen, daß die Linksparteien ebenfalls einen Kandidaten auf ft eilen werden. Senatßpräfi- dent Lebrun ist 1871 in Mercy le-Haut (Lothringen) geboren. Dem Senat gehört er seit 1920 an. Er war verschiedene Male Minister, von Beruf ist er Berg, werksingenieur. Er ist eingeschrieben bei der Repu­blikanischen Vereinigung, also der Fraktion poin- care-Millerand.

Paris nach dem Attentat.

Paris, 7. Mai. (WTB. Funkspruch.) Noch selten hat eine verobscheuungswürdige sinnlose Tat, für die ber Täter noch nicht einmal Halbwegs vernünftige

Gründe angeben kann, eine Bevölkerung so In Er» regung gesetzt, wie bas Attentat, dem der Präsident der französischen Republik zum Opfer gefallen ist. Fast die ganze Rocht hindurd) hielten sich Hun - derttausende auf den Straßen auf, be­sonders vor den Gebäuden der großen Zeitungen, um die letzten Nachrichten zu erhalten. Die Zeitungs­kioske waren schon von gestern nachmittag an um­lagert, unb bie Menge versammelte sich jeweils um irgenb jemanben, ber bie Ereignisse erläuterte unb feinem Unwillen über bie Tat Ausbruck verlieh.

Das Attentat spielte fid) in einem Milieu ab, bas bie verwerfliche Tat in einem befonberstra» gischen Lichte erscheinen läßt. Sie würbe näm­lich in bem Raume verübt, in dem bie ehemaligen Frontkämpfer ihre Werte zur Ausstellung bringen. Doumer hat bekanntlich im Kriege seine vierSöhne verloren, unb alles, was mit biefem Verlust tatsächlich ober literarisch in Zu­sammenhang steht, übt auf ihn einen ganz beson- bereu Einbruck aus. Und nun hat, als ber Präsident in Gedanken bei seinen Söhnen weilte, ein Russe bie mörberische Waffe gegen ihn gerichtet.

pariser preffestimmen.

Paris, 7. Mai. (WTB. Funkspruch.) Die Presse bringt einmütig ihre Entrüstung über bas Attentat gegen ben Präsibenten zum Ausbruck.Petit P a r i f i e n" erklärt: Wer Zeuge ber. Bestürzung unb ber Empörung gewesen ist, die bie" Pariser Menge bei bem Bekanntwerben ber Nachricht befun- bete, weiß, welche Achtung und welchen Respekt Paul Doumer als Präsident ber Republik genossen hat.Journal" meint: Niemanb wirb begreifen können, baß Paul Doumer auch nur ben geringsten Anlaß zu irgenbeiner feinbfeiigen Geste hat geben können. Für Frankreich, wo man instinktiv vor jebem politischen Attentat zurückschreckt, ist es ein seltsames Schicksal, bas Doumer nach Carnot von fremder Hand fällt.La R e p u b (i q u e" warnt, die Faschisten aus Rußland oder anderwärts für das Attentat verantwortlich machen zu wollen. Um ber Ehre ber Menschheit willen, müsse man an- nehmen, baß ber Mürber ein Geistes- g c ft ö r t e r sei. Man habe and) wahnsinnig fein müssen, um in Doumer einen Beschützer des Bolsche­wismus zu erblicken.

Bestürzung in Genf.

Genf, 6. Mai. (SU.) Die Nachricht von bem. Anschlag auf den Präsidenten der französischen Republik hat hier größte Bestürzung aus- gelöst. Die erste Mitteilung über den Anschlag wurde in der Sitzung des.Ausschusses der Abrüstungskonfc^enzfür Haus­haltsfragen bekannt.' Der Vorsitzende, der portugiesische- Außenminister Vasconcelles, unterbrach die Sitzung unb gab ein Telegramm Tardieus über ben Anschlag auf Doumer bekannt. Oluf Antrag des deu.tschen Vertre­ters im Ausschuß, Oberst Karmann, wurde die Sitzung sofort zum Zeichen der Trauer abgebrochen. Sämtliche übrigen Ausschüsse der Abrüstungskonferenz haben gleich­falls ihre Arbeiten eingestellt. 2n den Wandel­hallen des Völkerbundssekretariats wurde das Ereignis von den Abgeordneten, die in Gruppen zusammenstanden, lebhaft erörtert. Botschafter Graf Welczek hat dem rangältesten Mitglied der französischen Abrüstungsdelegation Du m o n t einen Besuch gemacht und ihm die Anteil­nahme der deutschen Delegation an bem Attentat ausgesprochen.

Hindenburgs Teilnahme.

Berlin, 6. Mai. (WTB.) Reichspräsibent von Hindenburg fy.it bem Präsibenten ber französischen Republik anläßlich bes auf ihn verübten Attentats telegraphisch seine aufrichtigen Wünsche für baldige Genesung übermittelt. Reichskanzler Dr. Brüning hat an Minister- Präsident larbieu folgendes Telegramm gerichtet: Mit tiefer Entrüstung erfahre ich von bem verabscheuungswürbigen Anschlag auf bas Leben Seiner Exzellenz des Herrn Präsibenten Doumer. Ich bitte Sie, Herr Ministerpräsident, zugleich im Namen der Reichsregierung, meine aufrichtig .empfundenen Wünsche für bie balbige Wie­derherstellung des Herrn Präsidenten ber französi­schen Republik entgegenzunehmen.

Bombenanschlag ans den Zug des ägyptischen Ministerpräsidenten. Kairo. 6. Mai. (TTl.) Aus den Sonderzug des ägyptischen Ministerpräsidenten wurde i n der Nähe von Kairo ein Bomben­anschlag verübt. Die Bombe explodierte vorzeitig, so daß nurdieSchienen aus- gerissen wurden. Zwei Bahnbeamte wurden getötet, drei verletzt. In dem Zug, der kurz darauf die Anschlagstelle passieren mußte, be­fanden sich der Verkehrsminister, der ErziehungH- miniftcr, der Vizepräsident der Kammer und an­dere bekannte Persönlichkeiten.

Aus aller Welt.

Eröffnung der Bibliothek des Deutschen Museums«

Die feierliche Eröffnung ber Bibiliothek bes Deut­schen Museums würbe burch einen Festvortrag ein­geleitet, den ber Direktor ber Deutschen Bücherei in Leipzig, Dr. Uhlendahl, überB i b l i o theken geftern unb heute" hielt. Einer Reihe ber für bas Deutsche Museum befonbers vcr- bienten Männer wurde bie Goethe-Mebaille für Kun st unb Wissenschaft burch den Ver­treter ber Reichsregierung, Ministerialrat Dr. Donne- vert, überreicht. Mit der Goethe-Mebaille geehrt würben: Dr, Oskar v. Miller, Ministerpräsident Dr. Helb, Staatsminister Dr. Goldenberger, Oberbürgermeister Dr. Scharnagel, Geheimer Regierungsrat Prof. Dr. Z e n n e rf , Geheimrat Prof. Dr. C. v. Linde und Geheimrat Prof. Dr. -B e st e l m e y e r.

Der 50. Geburtstag des ehemaligen Kronprinzen.

Zur Feier des 50. Geburtstages des ehemaligen Kronprinzen veranstalteten nationale Verbände un­ter Leitung des NDO. einen Deutschen Abend im Berliner Konzerthaus Clou. Zahlreiche Offiziere ber alten Armee unb Marine wohnten ber Veran­staltung bei. Auf der Bühne konzertierte bie Stahl- helrnbunbskapelle. Die Begrüßungsansprache hielt ber 1. Vorfitzenbe bes NDP., Generalleutnant a. D. Waechter. Lebten wir nicht in einer Zeit, der bie Begriffe von Treue unb Dankbarkeit verloren seien, so sagte er, so würbe heute bie ganze Welt ben Geburtstag bes Hohenzollernprinzen feiern. Weite Kreise seien von Deutschlanbs Unschulb am Welt­kriege überzeugt, aber keine Hand rege sich gegen den Artikel 231 Der Weg zur Rückkehr bes Kaisers müsse gebahnt werben. Es habe sich in ben letzten Wochen befonbers gezeigt, wie nötig