Ausgabe 
6.12.1932 Frühausgabe
 
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erweiterten Notenumlauf zuzulassen.

Der Ankauf solcher Wertpapiere soll weiter die Wirkung haben, den Kauf der fe st verzins­lichen Wertpapiere zu heben, d. h. also, zur Herabdrückung des Zinsfußes in Deutschland beizutragen. Solche Wertpapiere sind insbesondere Reichs-, Länder- und Gemeinde-An­leihen sowie Pfandbriefe. Die Einführung solcher Wertpapiere als berechtigte unmittelbare oder mittelbare Anlage von Notenbankmitteln würde sehr bald neue private und öffentliche Emissionen ermöglichen.

4. Für die Uebergangszeit ist das System der Notendeckung durch Finanzwechsel noch fortzusetzen.

Oie Berliner Handelskammer zum Regierungswechsel.

Berlin, 5. Dez. (END.) Der Präsident der Industrie- und Handelskammer Berlin gab aus Anlaß der Regierungsneubildung eine Er.lärung ab, in der es u. a. heißt: Anzeichen der Be­lebung unserer Wirtschaft bieten Anlaß, trotz eines gewissen Rückschlags im November nicht ohne Optimismus an die Winterarbeit zu gehen. Die Arbeitslosigkeit hat sich nicht verschärft. Die Produktion der 3n* dustri« ist gestiegen. Der Leihzins hat sich verbilligt. Die Wagengestöiilungen bei der Eisenbahn haben sich ziffernmäßig erhöht. Für die Hebung des inneren Marktes ist das Er­forderliche im Ankurbelungsprogramm der Re­gierung geschehen. Es steht zu erwarten, daß durch Hebung der Kaufkraft auch der Land­wirtschaft geholfen wird. Eine lebens­fähige Landwirtschaft ist Voraussetzung für jede gesunde Volkswirtschaft. Trotzdem darf keines­falls der deutsche Export erschwert werden, wie es bei dem hoffentlich erledigten Plane der Kon­tingentierung der Fall war. Grundlage für jede Besserung ist die Bewahrung einer un­erschütterten Währung. Daß die Mark gehalten worden ist, hat das Vertrauen auf eine bessere Zukunft mehr unterstützt als irgendeine andere Erscheinung. Die angespannte Lage der öffentlichen Finanzen erfordert äußerste Zurückhaltung gegenüber Plänen, die nur mit großem Aufwand ins Werk gesetzt werden können. Rur so läßt sich der Steuerabbau vorbereiten, der eine Vor­aussetzung für jeden wirtschaftlichen Aufschwung ist. Bei Einschränkung der öffentlichen Ausgaben und zeitgemäßer Umgestaltung der Sozialversiche­rung erscheint die Zukunft der öffentlichen Fi­nanzen immerhin nicht hoffnungslos. Freilich wird zu einem wirklichen Aufblühen der deutschen Wirtschaft auch eine internationale Verständigung nötig sein. Lassen sich die Probleme der Stabili­sierung der internationalen Währungen, der Schuldenregelung und der Befreiung des Waren­verkehrs von übermäßigen Hemmungen lösen, dann dürfte nach menschlichem Ermessen der Weg in eine gesunde Zukunft offen sein.

AationalsozialistischeZorderungensür den IreiwilliaenAtbeMienst.

München, 5. Dez. (TU.) Der Beauftragte der RSDAP. für Arbeitsdienst, Oberst a. D. Hierl, beschäftigt sich imVölkischen Beobach­ter" mit der bisherigen Regelung des Frei­willigen Arbeitsdienstes. Das bis­herige System habe völlig versagt und jetzt werde der Freiwillige Arbeitsdienst sogar noch abgebaut. Dies bedeute die Bankrotter­klärung des bisherigen Systems. Es bestehe die Gefahr, daß der Arbeitsdienstgedanke überhaupt im Volke in Mißkredit komme. Die Neugestaltung sei von Grund auf notwen­dig. Es wird gefordert:

I. Grundsätzlich:

I. daß der Freiwillige Arbeitsdienst so umge­staltet wird, daß er die planvolle Vorbereitung und Vorstufe für die Durchführung der allgemeinen Arbeitsdienstpf licht

werden und den festen Rahmen für ihre Organi­sation schaffen kann:

2. daß die Vorarbeiten für die gesetzliche Einführung der allgemeinen glei­ch e n A r b e i t s d i e n st p f l i ch t für die deut­sche Jugend ohne Verzug ausgenommen werden, so daß im Spätherb st 19 3 3 der erste Jahrgang der Arbeitsdienstpflichtigen e in­gezogen werden kann:

3. daß Zentral st eilen für Arbeits­beschaffung mit weitgehendeck*Dol(machten im Reich und in den Ländern geschaffen werden, um eine planvolle, großzügige und volkswirtschaftlich richtige Arbeitsbeschaffung zu ermöglichen.

II. Als sofort zu bestätigende öleberga*ngsmaßnahmen:

1. Daß alles getan wird, um die bestehenden geschlossenen Lager als Winterlager durchzuhalten. Deshalb ist die Gewährung einer Winterbeih.lfe unerläßlich.

2. Daß die jungen Menschen, die im Freiwil­ligen Arbeitsdienst sich bewährt uni) einen neuen Lebensinhalt gefunden haben, beim Ablauf der Förderung nach 20 oder 40 Wochen nicht mehr auf die Straße gesetzt und der früheren Verelendung preisgegeben werden.

3. Daß die im Freiwilligen Arbeitsdienst be­währten Führer, von deren Werk der Wert der ganzen Einrichtung abhängt, durch Gewäh­rung einer der Rotlage unseres Volkes ange- pahten, aber aus:ömml.chen Besoldung dem Arbeitsdienst erhalten bleiben. Die Möglich­keit, ein ausreichendes 'Aus ommen im Arbeits­dienst zu finden, muß auch für verheira­tete Führer geschaffen werden.

Hindenburgs Stimme auf Schattplatten.

Der Herr Reichspräsident hat seine am 4.Oktober d. 3. gehaltene Dankansprache 3 u - gunsten der hindenburgspende für den Schallplatten handel freigegeben. Diese Ansprache zusammen mit Hindenburgs letzter Silvesterkundgebung ist jetzt als Schallplatte zum Preise von 2,50 Mark in allen ein­schlägigen Geschäften erhältlich. Bisher war die Stimme des Herrn Reichspräsidenten der Schall- plattenindustrle nicht zugänglich gewesen.

Heimkehr der deutschen Anden-Expedition.

Dieser Tage kebrt die deutsche Anden-Ex­pedition nach längerer Forschungsreise nach Deutschland zurück. Die Teilnehmer unter Leitung i von Oberregierungsrat Borchert (Bremen) wer­den mit dem Dampfer in Hamburg eintreffen. Die Expedition setzt sich aus Wissenschaftlern und Berg­steigern 3u;ammen, die in glücklicher Zusammen­arbeit weite Gebiete der Anden erforschten. Die Forschungsreise wurile namentlich durch die Unter­stützung des Deutsch-Oesterreich schen Alpenoereins und der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft ermöglicht.

Minter im Allgäu.

Wie aus Kempten gemeldet wird, ist in den Allgäuer Bergen Schnee gefallen: in den letzten Tagen schneite es auch im Tal. Im Nebelhorngebiet herrschte schon lebhafter Wintersportbetrieb.

Zwei Frauen auf offener Straße niedergeschossen.

^Jn einer der letzten Rächte wurden die 46» jährige Ehefrau Emma Sommerfeld und ihre 25jährige Tochter Helene auf der von Bahn­hof Wuhlheide nach Biesdorf (in der Rühe von Berlin) führenden Landstraße von einem etwa 50jährigen offenbar ortsunlundigen Manne nach einer Straße gefragt. Als die Frau ihm den Weg gewiesen hatte, ging er beiden in etwa zehn Meter Abstand voraus. Plötzlich blieb der Ülnbekannte stehen, zog ohne Anlaß eine Pistole und gab etwa sechs Schüsse auf die beiden Frauen ab. Von drei Schüssen schwer getroffen, stürzte Frau Sommerfeld zu Boden, während

Ein Giellverireiungsgeseh für den Reichspräsidenten.

Berlin, 5. Dez. (TU.) Die nationalsozia­listische Reichstags, raktion hat beschlossen, einen Jnitiativgesetzentwurf einzubringen, der de Stellvertretung des Reichsprä­sidenten regeln soll. Die Einleitungsformel weist darauf hin, daß das Gesetz mit der für Der- fassungsänderungen erforderlichen Zweidrit­telmehrheit verabschiedet werden muh. Der Wortlaut des Gesetzes ist:

Artikel 51 der Reichsverfassung erhält folgende Fassung:

1. Der Reichspräsident wird im Falle seiner Verhinderung durch den Präsidenten des Reichsgerichts, vertreten.

2. Das gleiche gilt für den Fall einer vorzeitigen Erledigung der Präsi­dentschaft bis zur Durchführung der Reu­wahl.

Dolkspariei und Christlich-Soziale bilden eine Reichsiagssraktion.

Berlin, 6. Dez. (VDZ.) Die Reichstags­gruppen der Deutschen Volkspartei und des Volksdienstes hiiben sich, wie das Rach­richtenbüro des VDZ. meldet, zu einerFrak­tion der technischen Arbeitsgemein» schäft"^zusammengeschlossen. Die politische Selbständigkeit der beiden Gruppen bleibt durch die Biloung dieser technischen Fraktion völlig unberührt. Die neue Fraktion hat 17 Mitglieder, nämlich 11 Dolksparteiler, fünf Ehristlich--Soziale und einen Hannoveraner.

ihre Tochter mit einem Schulterstreifschuß davon­kam. Auf die Hilseruie der Tochter flüchtete der llnbetannte in den an die Landstraße grenzenden Wald. Da die Straße an und für sich einsam ist, konnte der Täter ungehindert entkommen. Frau Sommerfeld hat neben zwei leichteren Ver­letzungen einen schweren Lungenschuh da­vongetragen, so daß sie sofort operiert werden mußte. Heber den Täter und über den Grund zu seiner Tat sind noch keine Einzelheiten be­kannt geworden.

Jur Rückkehr des KreuzersKarlsruhe".

Der KreuzerKarlsruhe" wird am kom­menden Donnerstag von feiner einjährigen Aus­landsreise nach seinem Heimathafen Kiel zurück­kehren. Voraussichtlich wird der Kreuzer bereits am Dienstagabend vor der Kieler Förde ein* treffen, aber vorläufig nicht in den Hafen ein­laufen, sondern an der Strander-Ducht vor An­ker gehen. Am Donnerstagvormittag werden sich der Ehef der Marineleitung, Admiral R a e d e r, und der Inspekteur des Dildungswesens, Konter­admiral Schultze, an Bord begeben. Anschlie­ßend an die Besichtigung wird der Kreuzer dann in den Kieler Hafen einlaufen.

Der klein-parlwiher Giftmord vor dem Schwur­gericht.

Vor dem Schwurgericht in Görlitz nahm der mit großer Spannung erwartete Prozeß gegen den des fünffachen Giftmordes angeklagten Schuh­macher 9 u ft aus Kicin-Partwitz seinen Anfang. BaLd nach Eröffnung der Verhandlung wider­rief der Angeklagte sein Geständnis und behaup­tete, daß in allen fünf Fällen die Verstorbenen Selbstmord verübt hätten urtb daß er hierüber bisher im Interesse der Toten selbst geschwiegen habe. Der Angeklagte gab ferner an, in der Wirt­schaft seines Schwagers Groba in Klein-Partwitz Hube Groba ihm vergiftete Leberwurst gegeben, die er jedoch nicht gegeßen habe. Einige Tage später habe seine Frau auf dem Felde plötzlich nach dem Genuß von Kaffee Brechreiz bekommen. Am näch­sten Tage wurden auch er, feine Tochter und sein Schwiegervater nach dem Frühstück krank. Auf dem Schinkenbrot, das Groba auf das Feld gebracht

habe, habe sich ein weißgraues Pulver befunden, das er jedoch nicht als Gift betrachtet habe. Selbst Groba habe von den vergifteten Eßwaren gegessen und sei gleichfalls wie seine Frau und sein Kind erkrankt. An dem Gift starben nacheinander Christian Groba, sein Söhnchen, sein Schwieger- oater Türke und schließlich die Ehefrau Grobas. Das Gift müße Groba selbst in das Essen getan haben. Seine Angabe in der Dorunteisuchung, daß er das Gift in das Eßen gemischt habe, erklärte Just jetzt für unrichtig, fand jedoch keine be­stimmte Erklärung für seine Aucfage bei der ersten Vernehmung. Mit dem Arsen, das er gekauft habe, hätte er sich selbst das Leben nehmen wollen. Das habe er aber nicht mehr gebraucht, weil fein Schwager Groba, dessentwegen er aus dem Le'en scheiden wollte, inzwischen an Vergiftung gestorben sei.

Der japanische TorpedoboolszersiörerSawarabi" gesunken.

Der 900 Tonnen große japanische Torpedo­bootszerstörerSawarabi" ist in einem Sturm in der Rähe von Futschau gesunken. Die Zahl der Toten steht noch nicht fest. Den bis­herigen Meldungen zufolge sind von der Be­satzung 14 Mann gerettet worrden. Die japanische Amiralität hat zwei in Maca'o lie­gende Kreuzer angewiesen, sich mit höchster Ge­schwindigkeit an die älnfallstells zu begeben. Der Zerstörer war bei einem Sturm von seinem An?' llah bei der Insel Formosa auf die hohe See hinausgetrieben.

Furchtbarer Anfall. Mit Glas die kehle durchschnitten.

Der 43jährige Hans Steffens in Hamburg transportierte auf feinem Fahrrad ein großes Glas- transparent. An der Alster stieß er mit einem An­hänger eines Kohlenlastzuges zusammen. Steffens muß hierbei mit dem Kopf durch das Glastranspa- rent gestoßen sein: ihm wurde die Kehle glatt durchschnitten. Er ist auf dem Transport ins Kran- kenhaus gestorben.

Sich selbst mit einem Kopierstift die Augen ausgestochen.

Der ehemalige Fremdenlegionär Bernhard Meh­ring aus Elberfeld, der von mehreren Staats­anwaltschaften gesucht und in Minden fest ge­nommen wurde, hat sich als Untersuchung^ge­fangener im Mindener Gefängnis selbst ge­blendet, indem er sich einen Kopierstift in beide Augen bohrte. Die Verletzungen Mehrings sind so schwer, daß er beide Augen verlieren wird.

Fünf Arbeiter beim Reinigen eines Brunnens getötet

In Transdanubien wurden, einer Meldung aus Budapest zufolge, fünf Arbeiter bei der Reinigung eines Brunnens von den ausströmenden Gasen eines in den Brunnen hineinmontierten Benzin­motors getötet. Ihre Leichen konnten geborgen werden.

Doppelmord im afrikanischen Busch.

In Nairobi (Kenya, Britisch-Ostafrika) wurde der 20jährige Williams Roß, Sohn eines englischen Majors, wegen Ermordung feiner Braut und eines anderen Mädchens im Dschungel von Kenya zum Tode verurteilt. Beide Mädchen waren nach einer Wagenfahrt mit Roß spurlos verschwun­den. Später wurden ihre Leichen aufgefunden.

3m kleinen Kutter über den Ozean.

Ein mit drei jungen Deutschen besetzter kleiner Kutter ist in Sao Luiz de Maranhao an der Nord käste von Brasilien gelandet. Die drei hatten ihre Fahrt am 28.. Juli d. I. in Ham­burg angetreten.

Revierförster bei Gleiwih ermordet.

Der Revierförster Mendel aus Kupferhammer wurde im Revier Brzezinka bei Gleiwitz ermor­det aufgsfunden. Sein Hund lag erschossen neben ibm. Von den Tätern fehlt vorläufig jede Spur. Sämtliche Anzugtaschen des Försters waren leer. £>b der Tod durch Schuß oder Hieb eingetreten ift, konnte bei der vorläufigen Untersuchung noch nicht einwandfrei festgestellt werden. Revierförster Men­del hatte sich allein zu einem Streifgang vom Hause entfernt. Etwa eine Stunde später wurden mehrere Schüsse gehört.

Aus aller Well.

Blick auf Wien.

Von Wilhelm Hausensteln.

Es ist nicht anders: die Landwege hier außen im Norart, der noch die Züge dörflicher Vergangenheit tragt, heißenEroicagasse" undBeethovengang". Der erste Anstieg des Geländes draußen vor Wien, zum Berg hinauf, ist mit diesen Namen getauft und geweiht, und Augen/ Schläfen, Stirn empfangen mit dem säßen Atem der Herbstluft andächtig das Wehen der Erinnerung, die in diesen Namen lebendig ist.

Die Erde der ab geernteten Felder, der Erdboden des Pfades zur Seite der steigenden Straße ist hell und liebenswürdig. Nußbäume begleiten den Spa­ziergang ein gutes Stäck hinauf: hinter uns heißt es Nußdorf. Nußbäume, oktoberlich duftende Nuß­bäume; dazwischen Heckenrosenbüsche, ob auch ohne Blüten: so ist der Weg gesäumt und so ist er gleich­sam schon heimatlich vertrauliches Ebenbild einer Landschaft am oberen Rhein ... Auch die Weinberge fehlen nicht. Sie kommen weit herab gegen Süden unb Südwesten, bis an den Rand der menschlichen SieblunIen.

Die Straße schlägt einen großen schönen Bogen: sie streift den Rand des Laubwaldes: man ist oben. Die Terrasse mit Dach, Balustrade, Holzpfeilern, Logenbogen und Schnitzwerk umfaßt den Ausblick, rahmt die Welt zum Bilde.

Es ist Nachmittag. Der Kaffee geht angenehm in die Nase. Es ist lau; der Mantel liegt locker über ben von einer zarten Kühle nur leise erschauernden Schultern. Der Duft der guten österreichischen Zi­garette mengt sich mit dem herben Geruch der ab- fterbenben Blätter.

..Wien drunten, draußen, nahe noch unb doch schon Ml'ch entrückt, vergeht schon fast im Nebel, ber die Wabe der Dämmerung meldet, lieber der Stadt erscheint, beinahe unverbunden, senkrecht schwebend $*nf aufrechter Geist, die schlanke, die erstaunlich schlanke Pyramide des Stephansturms.

. $ro!f des Auges vergeht, während sie versucht, ~en Adel auszulösen. Das Schauen widmet sich dem Näheren: den kleinen Häusern, die an diesem mäßigen unb milden Berg heraufgestreut sind: dem kleinen grünen Kirchturm von Grinzing; dem Blaßlila unb bleichen Rosa und ber Sandfarbe ber tlemen Dillen. Das Auge schaut die zarten Flecken an, die im Grünen unb in ber werdenden Bräune "m.dersihen; es spielt mit der Oberfläche aber es. spielt lnmg, unb so hilft es dem Gemüt auf jenen

d" Dinge zu kommen, ber weder dem Begriff noch dem Wort faßlich ist. 8

lE>irb?cr über ber großen «tobt. Er ist aus Rauchgrau unb dichtem Violett

gemischt. Er lagert über ber still trauernden Unend­lichkeit der Stadt und greift über die Donau, die weit draußen, am Rande der menschlichen Behau­sungen, vorüberfließt. Es ist gerade möglich, sie zu erkennen; mattblickend scheint sie stillzüstehn zwi­schen der Stadt unb einer öden deltahasten Ebene, die im Trüben vergeht ... Jenseits der Donau ver­bindet sich ber Nebel mit dem Rauch, ber den Schloten ber Industrie von Floridsdorf entsteigt. Floridsdorfso heißt es dort drüben. Die Kamine stehen dicht beisammen, aber der Vorort hat einen Namen, der einem schmelzenden Gedicht zur Ueber- schrist gereichen könnte.

Die Welt da draußen ist schwermütig, aber auch süß: sie ist weit, aber auch intim; ist.sie einiger­maßen fremd unb von der Härte menschlicher Not berührt, so ist sie doch in ihrem Herzen zu Hause. So stellt die Welt sich dar, wo sie eine Seele hat.

Zur Rechten, ein wenig gesenkt, schimmert mit mattem Ockergelb bas Cobenzl. Weithin webt sich von dort hinaus ber Wienerwald, noch grün, schon

r rot unb rostig. Dort drüben ist ber Him­mel lichtblau und ahnungsweise vergoldet und mit soymgen Wolken langzügig gestreift oder wollig mit ihnen gefleckt. Dort wirkt die Sonne. Dort ist der heften,... Es ist merkwürdig, zu denken, daß dort im Westen Deutschland liegt.

Ein wenig zwischen den Akazien des Kahlenbergs spazierengehen und bann wieder zu Tale. Es muß doch einen Weg geben, ber geradehin zum Grin- zmger Kirchlein führt? Es gibt ihn. Steinig geht er zwischen den Rebhängen hinab. Gibt es etwas Schö­neres, als zwischen herbstlichen Rebäckern, auf Stein- roegen, zwischen den Rebhängen hinab, zwischen an- gemauerten Weinbergböschungen zu Tale zu gehen.

Grinzing ist ein Ort, so reizend wie eine dörfliche Vorstadt auf dem Theater der Biedermeierzeit; klar und freundlich; geputzt unb behaglich. Unter bem ausgestreckten Kiefernwebel biege ich ein, in ben Wirtshof, Kastanien stehen ordentlich in Reihen. Die Tische sind säuberlich mit Hellen Tüchern belegt. Der Erdboden ist gekehrt. Der Baumgarten harrt leer. Eine Lampe wird im Freien entzündet nur eine, auf meine Bitte, denn so ist es gut. Die Dinge am Raab des Gartens vergehen im Halbdunkel, und es ist nicht nötig, hineinzuleuchten. Die Kellnerin bringt ben fußen Neuen; ich esse Walnüsse, Kastanien und ^Schwarzbrot dazu wie es sein muß wie es da­heim am vberrhein, im Badischen unb auf der an= Aren Seite drüben, in dem so oft aus brüderlichem »erlangen aufgesuchten Elsaß, von den Vorvätern her die feste Sitte gewesen ist, als wir Kinder waren; und Gott gebe, daß es noch heute so bleibt. Denn es ist eines ber reinsten Rechte ber Menschen, aus ben Jahreszeiten zu loben: dankbar ihnen abzu- nehmen, was sie bringen. Im Herbst gibt bas Jahr

den Süßen, den Traubenmost, und Walnüsse und Kastanien. Ist es nicht einfältig, von der Weihnacht Spargel zu verlangen und Erdbeeren vor Aller­heiligen?

Das Glas geht zu Munde; er segnet die Jahres­zeit, wie er von ihr gesegnet wird. Im heimlichen Spiegel des Nachdenkens erscheint, schon märchenhaft entfernt, der Leopoldsberg mit den zwei barocken Kirchtürmen, wie er rechts droben über meinem Anstieg stand; und die Stabt Wien mit ber Ste-- phanspyramide, bie fein aus bem Nebel sticht; unb der matte Glanz der gewundenen Donau. Der Abend ist mild; die Luft ist weich und zärtlich; als ob es Frühjahr werden wollte, probiert eine Amsel noch einmal ihre Stimme zaghaft, abwesend, und die wenigen Tone sticken sich silbrig in das Traumbild der Erinnerung an den Blick vom Kahlenberg auf die schöne Stabt Wien, über ber die Schwere des Nebels schläft.

Oer Morgenkoller.

Wenn ein sonst friedliebender, gutmütiger und Yosttcher Mensch in der Früh ein Muster der Grobheit und Widerwärtigkeit ist, wenn er sich am Telephon mitZum Teufel, wer ist denn da schon wieder?!" meldet, wenn er Türen knallt mrb auf teilnahmsvolle Fragen nur mit gereiztem Knurren antwortet, wenn er seine ehelichen Kröche mit Vorliebe auf die Frühstückszeit verlegt, kurz, wenn er sichtlich mit sich und aller Welt im Hader steht dann können Sie getrost die Diag- nose stellen: Morgen-Koller. Oder, wenn man es feiner und medizinischer ausdrücken will: Mor* gen-Reurose.

Ernsthaft, so etwas gibt es wirklich. Rervöse, geistig stark arbeitende Menschen leiden oft daran und sie können für diesen unerfreulichen Zustand ebenso wenig wie für Kopfschmerzen oder eine . Nkkst sind es allerdings ge- rate Manner, die an diesen Zuständen leiden, Frauen mit Morgenkoller sind eine Seltenheit, öleberhaupt scheint ja das Erwachen, die Rück­kehr aus dem Schlaf in den Wachzustand für den Mann jeden Morgen so eine Art schmerzlicher Geburt zu sein. Rur ungern befreundet er sich wieder nut dem bewußten Leben. Wenn er nicht gerade den Morgenkoller hat, so wandert.er doch meist noch lange mit zugekniffenen Augen und ge­sträubten Haaren umher.

Menschen mit Morgenkoller kurieren zu wollen, ist etn aussichtsloses Unterfangen. Eher besänf­tigt man den Löwen, der in seiner Höhle auf ge­stört wurde, als einen unausgeschlafenen, reiz- baren morgendlichen Wüterich. Schweigen und I sanfte Ergebenheit sind die einzigen Mittel, um |

ernstere Folgen zu verhindern. Andererseits aber hüte man sich, in den Ton des Jrrenwärters voll allzu großer, überlegener Rachgiebigkeit zu verfallen. Man übe einfach Geduld.

Roch eine Möglichkeit dec Heilung des Mor-- genkollers gibt es, das ist, wenn die von ihm Befallenen eines Tages plötzlich zu Frühauf­stehern werden. Wer unaufgefordert beim ersten Hahnenschrei aus den Federn springt und spa­zieren gehen will, hat das Recht auf Morgen­koller verloren. Er ist auch meist geheilt. 2lber ich möchte ganz bescheiden und für mich fest­stellen, daß ich den Morgenkoller als das klei­nere Hebel dem Frühaufsteher bei weitem vor- ziehe. L.

Das sicherste Museum der Welt.

Seit Bestehen des Britischen Museums tn London, in dem unschätzbare Kostbarkeiten auf­bewahrt werden, ist in dem riesigen Gebäude- komplex noch nie ein Diebstahl vorgekommen, noch nie ein Brand ausgebrochen. Diese Tatsache ist nun keineswegs auf besonders geschickte Sicher­heitsmaßnahmen zurückzuführen, denn das Be­wachungssystem ist noch immer das gleiche wie vor der Erfindung der Glühbirne, der elektri­schen Alarmanlage und der Selenzelle. Die nächt­liche Kontrolle im Britischen Museum wird von Wächtern ausgeführt, die mit Oellämpchen aus­gerüstet sind. Diese Oellämvchen werden den Wächtern vor Beginn des Dienstes von einem Inspektor ausgehändigt und nach Schluß der Dienstgange wieder eingefammelt So bestimmt f die Dienstordnung, die noch aus dem Mittel- alter zu stammen scheint. Ebenso ehrwürdig ist das öleberwachungssystem selbst. Die Inspektoren verstecken sich nachts in Alkoven und Seitengän- ZEN. um die Wächter plötzlich zu überraschen. Die Museumsverwaltung ist der Ansicht, daß öleberwachungssystem sicherer und zuver- lassmer sm als alle modernen Signalanlagen, i^ach ^6lischer Auffassung führen die Wächter ihre nächtlichen Rundgänge mit immer angespann- ten Rerven und wacher Aufmerksamkeit aus, ?a ne dauernd befürchten müssen, von einem In­spektor überrascht zu werden. Immerhin hat sich die Leitung des Britischen Museums zu einem Zugeständnis an die heutige Zeit veranlaßt ge- Jepen: die Petroleumlampen verschwinden jetzt und werden durch elektrische Taschenlampen er­setzt. Erst durch die Mitteilung dieser aufsehen­erregenden Reuerung ist die Oeffentlichkeit mit £>m überalterten öleberwachungssystem vertrackt gemacht worden.