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Original-I^oman von Anny von panhuys.
Copyright by Vertag A. Bechthold, Braunschweig.
27. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Werner Sturm äußerte sich nicht viel, er achtete kaum darauf, wie seine Mutter und Celia sich in das Thema vertieften, er muhte nur mit einem Male denken, also Lil war gar nicht verheiratet, wie man geglaubt, und weil sie doch nun, da sie ihr Vaterhaus gekauft, manchmal in Frankfurt wohnen würde, bestand die Möglichkeit eines Zusammentreffens. Er aber fürchtete sich davor. Lil wiederzusehen.
Lils Derschlossensein hatte es fertiggebracht, dah er sie matt und matter sah in der Erinnerung. Jetzt aber ward ihr Bild jählings wieder unheimlich lebendig und er sand, es war gut, dah er so dicht vor seiner Hochzeit stand. Celias Liebe muhte ihm helfen, Lils Bild für immer zu töten. Celia liebte ihn. Ihre Küsse waren heiß, ihre Arme schlank, und sie wollte seine Ge? hilfin sein. Das Mädel, das als Clown durch die Welt zog, ging ihn nicht Mehr an als jede Fremde.
Zwei Tage darauf begegnete er Lil in der Nähe des Bahnhofs. Er erkannte sie sofort.
Sie erschien ihm noch liebreizender als früher und sehr vornehm.
Er überlegte, sollte er sie grühen, die heimlich aus dem Haus geflohen, die in einem zurückgelassenen Dries seine Liebe „jämmerlich klein" genannt?
,x Es war, als risse ihn eine starke, unsichtbare Macht zu Lil, trotz allem, was gegen sie sprach. Er bemerkte ihr Erröten, aber ihr Blick traf fremd und kalt den seinen, dann ging sie hastig an ihm vorbei, wie an einem Fremden, den sie in ihrem ganzen Leben niemals vordem gesehen. Ihm war es. als müsse er laut rufen: Lil, meine Lil! Doch da fiel ihm ein, er trug den Ver- lobungsring am Finger.
Er blickte sich um und verfolgte die zierliche Gestalt, die an einen der Gepäckabfertigungsschalter trat, wo ein Herr stand, mit dem sie hastig sprach. Werner erkannte den Herrn auf den ersten Blick. Cs war derselbe, der sich vor ein paar Wochen bei ihm hatte melden lassen. „Franz Hirt. London" hatte auf seiner Karte gestanden.
Es bedurfte keiner besonderen Schlauheit, um zu wissen, Lil war der Menschenfreund, in dessen Auftrag der Besucher bei ihm gewesen.
Lil hatte ihm helfen wollen!
Wie sonderbar und unverständlich das war. Dieselbe Lil hatte ihm die große Summe ohne
jede Verpflichtung seinerseits geben wollen, die ihn eben gar nicht beachtet, deren Augen unsäglich gleichmütig an ihm vorbeigeglitten.
Er wandte den Schritt. Sie brauchte nicht bemerken, daß er ihr gefolgt war. Er wußte jetzt auch, ohne von jemand die Gewißheit dafür erhalten zu haben, der Begleiter Lils war ihr Kollege, mit dem sic zusammen austrat.
Von zwiespältigen Gefühlen hin- und hergerissen, ging er nach Hause.
Celia war wieder da. Celia war fast den ganzen Tag da und er traf sie meist, wenn er nach Hause kam. Sie begrüßte ihn immer, als wäre er endlose Zeit fortgewesen. Er hatte stets gelächelt, wenn sie ihm stürmisch um den Hals gefallen und ihn bis zur Atemlosigkeit geküßt hatte, heute aber empfand er es unangenehm. Er dachte an Lil, dast sie noch liebreizender geworden, seit er sie nicht gesehen und sann darüber nach, warum sie ihm Gutes hatte erweisen wollen, obwohl sie so rücksichtslos aus seinem Leben gegangen war.
Er verließ das Haus bald wieder unter dem Vorwand, einen Patienten besuchen zu müssen. Celias Nähe schien ihm heute unerträglich, und er dachte erschreckt an die nahe, bevorstehende Hochzeit, auf die er sich vor kurzem gefreut hatte. Als er wieder nach Hause zurückkehrte, war Celia gegangen und seine Mutter lag im Bett.
Sie klagte: „Heute seht mir das Herz wieder entsetzlich zu, beim Liegen fühle ich mich noch am wohlsten!"
Er tröstete sie und sie schlief schließlich ein. Doch diesem Schlaf folgte kein Erwachen. Adele Sturm ging still in dieser Nacht hinüber in die Ewigkeit.
20. Kapitel.
Eine böse Ueberraschung!
Man hatte die Baronin Sturm begraben und Celia trug Trauergewänder von bezaubernder Einfachheit. Die schwarzen kreppbesehten Kleider, die schleierumwallten Hüte schmeichelten ihrer Schönheit und mancher bewundernder Blick folgte ihr aus der Straste. Sie war im Grunde froh, dast die Baronin gestorben war. Als Werners Braut hatte sie ihr geschmeichelt und in allem nachgegeben, aber sie hatte sich vorgenommen, sobald sie erst Werners Frau geworden, wollte sie dafür sorgen, daß seine Mutter anderswo hinzog. Die kränkliche Frau, die immer einen etwas bevormundenden Ton anschlug, störte sie. Nun hatte der Tod alles vereinfacht.
Celia wohnte, seit sie die Villa in Rödelheim verlassen, bei ihrer Tante, Frau von Welp, und beide Damen saßen beim Frühstück, als Meta einen Herrn meldete, der die Gräfin Kurzmann zu sprechen wünschte.
„Er must seinen Namen nennen", forderte Celia, „ich habe keine Zeit für Unbekannte."
Das Mädchen kehrte gleich darauf zurück.
„Er sagt, ich solle nur bestellen. Fritz wäre da, der frühere Chauffeur Fritz, der in München bei Frau Gräfin in Stellung gewesen. Er hätte ein dringendes Anliegen an Frau Gräfin."
Delia war nicht so leicht in Verwirrung zu bringen. abLr jetzt verfärbte sie sich. Sie wandte sich mit erkünstelter Nachlässigkeit an Frau von Welp.
„Entschuldige einen Augenblick, Tante, der Mann war pflichtgetreu, also werde ich ihn anhören."
Sie ging in ihr Wohnzimmer, ganz am Ende des Ganges, dort mustte Meta den Gemeldeten hinbringen.
Nachdem Meta die Tür von außen eingeklinkt, sah die Gräfin den Mann, der vor ihr stand, mit bösen, zornigen Augen an, aber sie legte zugleich die Finger auf die Lippen zum Zeichen des Schweigens. Erst überzeugte sie sich, daß Meta draußen nicht mehr in der Nähe war, ehe sie sprach.
Hastig warf sie dem bildhübschen, gutgekleideten, ungefähr dreißigjährigen Mann entgegen: „Warum hast du dein Versprechen gebrochen? Du wolltest dich nie mehr vor mir sehen lassen, so war es ausgemacht."
Er nickte und seine dunklen Augen sahen sie groß an. „2a, so war es ausgemacht, aber ich habe Pech im Geschäft gehabt, Celia, ich brauche nochmals Geld, eine größere Summe, und dann habe ich gehört, du willst wieder heiraten. Da dachte ich, wenn du erst verheiratet bist, ist's vielleicht schwerer, an dich ranzukommen, also machte ich mich gleich auf. Wie gesagt, ich brauche Geld und nun ich dich wiedersehe. ärgert es mich, dast du heiraten will." Er flüsterte: „Wir haben uns einmal sehr lieb gehabt. Celia, und ich habe dich noch lieb. Heirate mich, so lieb wie ich, kann dich der Doktor gar nicht haben."
Celia blickte ihn erschreckt und verächtlich an. „Du bist verrückt", raunte sie, „last den ilnfinn. Ich will dir noch einmal Geld geben, eine größere Summe, aber danach möchte ich nie mehr von dir hören."
Kein Wörtchen sprach sie laut. Der Mann redete auch leise, ein Lauscher nebenan hätte nichts verstehen können.
Seine Augen funkelten.
„Ich finde dich schöner wie damals, als du mich küßtest und deinen Geliebten nanntest, den du mit Geld abfandest, als du ihn satt hattest. Ich dachte auch, ich wäre mit dir fertig, ich kam wirklich nur, um mir Geld von dir zu holen, aber jetzt hast du mir neue Lust nach deinen Küssen gemacht. Celia. Wozu soll ich mit einer bescheidenen Summe zufrieden sein, wenn ich dein ganzes Geld haben kann und dich dazu. Auf den klugen
Gedanken verfalle ich allerdings erst jetzt, wo ich dich wiedersehe."
Sie raunte: „Reize mich nicht durch Unverschämtheiten, sonst gebe ich dir gar nichts."
Er verzog den Mund — vielleicht sollte es ein Lächeln sein — und erwiderte spöttisch: „Richt zu dreist. Frau Gräfin, es gibt Dinge, die Sie dadurch nicht aus der Welt schaffen. Ich bleibe bei meiner Forderung. Ich habe jetzt ein paar Jahre rumgekrebst mit dem gnädigst gespendeten Geld und trotz aller Mühe und Arbeit das Geschäft nicht halten können. Was war dos auch für ein Geschäft? Zwei Taxis und eine kleine Autoreparaturwerkstatt. Ich habe das Herumgequäle bis über die Ohren satt und lasse mich nicht noch einmal wie einen Dummkopf behandeln. Ich will dich heiraten und dabei bleibt es, aber da ich einsehe, hier ist nicht der Ort, uns auszusprechen, gib mir an, wo und wann wir uns treffen können. Aber heute noch."
Die Gräfin sah sehr blaß aus. „Was ist nur in dich gefahren? Sei doch vernünftig. Ich schreibe dir einen Scheck und du fährst nach München zurück." Sie legte dem schlanken, schöngewachsenen Monn die Hand auf den Arm. „Quäle mich doch nicht. Stefan, und ruiniere meine Zukunft nicht. Ich gebe dir eine anständige Summe, damit kannst du dir schon helfen."
Kaum hatte die Gräfin vorhin das Zimmer verlassen, als Werner Sturm kam und nur von Frau von Welp empfangen wurde. Er hatte Celia um eine Adresse bitten wollen, die sie wustte und die er brauchte. Er hörte, es wäre jemand bei Celia. Frau von Welp erklärte: „Es ist ein früherer Chauffeur Celias, der in 'München bei ihr in Stellung gewesen. Vielleicht ist er in Rot und will Celia um Geld bitten."
Werner Sturm meinte: „Hoffentlich bleibt der Mann nicht zu lange, ich habe nicht viel Zeit."
Frau von Welp unterhielt den Besucher, so gut sie konnte. Sie erzählte auch: „In dem Haus, das Lil Körner zurückkaufte, hat der frühere Diener Franz, der lange bei Lils Vater gewesen, jetzt eine Art Derwalterstellung inne, hörte ich. Derweil also das verdrehte Mädel als Clown herumreist in der Welt, lebt der alte Schleicher mit seiner Frau, der Köchin, in dem großen Haus, als wäre er selbst der Besitzer."
Werner zuckte ein wenig zusammen. Das verdrehte Mädel! Da war die hästliche Benennung wieder, die man Lil gegeben. Seine Mutter hatte sie allerdings zuerst gebraucht, und er hatte dazu geschwiegen. Mit einem Male empfand er Zorn über die abfällige Benennung.
Er erwiderte ein wenig betont: „Lil Körner hat bewiesen, sie ist ein gescheites und muttges Mädchen. Sie hat das Wunder fertiggebracht, den Namen ihres Vaters sauber zu machen."
lFortsetzung folgt.)
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