mit anschließender Beschränkung des Zugangs zur Anwaltschaft (numerus clausus der Rechtsanwälte) gefordert wird. Diese Maßnahmen sollen so lange aufrechterhalten bleiben, bis sich durch eine Beschränkung der Zulassung zum juristischen Vorberei- tungsdienst und durch die Einführung der Wartezeit ein dem Bedarf entsprechender Zugang von An- rbärtern entwickelt.
Das Vorgehen der Schweiz gegen die Kommunisten.
Bern, 3.Dez. (ERB.) Der Erlaß des Bundes- rates über den Ausschluß der Kommunisten aus dem Staatsdienst wird von der bürgerlichen Presse der Schweiz allgemein gebilligt. Es wird darauf verwiesen, daß die Kommunistische Parte-i der Schweiz offen zum Aufruhr ge- hetzt und sich als Feind des Staates erklärt habe. Das führende Sozialistenblatt der Schweiz, das Züricher „Volksrecht", erklärt, man möge zu den Kommunisten stehen wie man wolle, man könne aber diese Verfemung dieser Partei nicht gutheißen. Der kommunistische Baseler „Vorwärts" druckt den Bundesratsbeschluß unter der Ueber- fchrift „Wütende Reaktion gegen die Kommunisten im Bundesdienst" kommentarlos au. — Durch den Erlaß des Bundesrates werden nach Schätzungen etwa 200 Beamte betroffen, die hauptsächlich im Betriebe der Bundesbahnen sowie der Post und Zollverwaltung angchören.
Streikbewegung in Spanien.
Madrid, 3. Dez. (TU.) Die Streikbeweg mg in Spanien nimmt weitere Ausdehnung an. An mehreren Stellen der Provinz Cordoba haben die Landarbeiter die Arbeit niedergelegt. 3n den Dörfern der Umgebung Sevillas herrscht starke Beunruhigung. In der Stadt Sevilla wurden zahlreiche Ueberfälle auf Ladengeschäfte verübt. In Cadiz wurden im Zusammenhang mit dem Streik Bäckerläden geplündert und es kam zu Zusammen- stöhen mit der Polizei, zu deren Unterstützung zwei Infanterie-Kompanien herangezogen wurden. In der Provinz Saragossa hat der S t r e i k der Zuckerrübenarbeiter großen Umfang angenommen Für Montag wird ein Streik der Metallarbeiter in Valencia und der Belegschaften der Hochöfen in Oviedo befürchtet. Aus Felguera, wo der Versuch gemacht wird, den Generalstreik auszurusen werden zahlreiche Spreng st offexplosionen gemeldet, bei denen u. a. Hochspannungsleitungen zerstört wurden. Starke Polizeikräfte sind zum Schutze gegen weitere Ausschreitungen zusammengezogen wor-. Den.
Oer japanische Vormarsch in der Nordwest-Mandschurei.
Paris, 5. Dez. (WTB. Funkspruch.) Der Korrespondent des „Petit Parisien" in Schanghai meldet, die japanischen Truppen setzten chren Vormarsch in der Rordwest-Mandschurei fort. Sie hätten die Khingan-Berge überschritten und rückten trotzSchneeundgroßerKälte (30 Grad unter Null) auf Hai la r vor. Ein Bomben- flugzeuggeschwader habe bereits Khingan überflogen und das Hauptquartier des Generals Su ping wen zusammengeschossen. Supingwen und sein Stab hätten Khingan unter Mitnahme ihrer Kostbarkeiten auf Kamelen und Pferden verlassen. Sie würden von japanischen Flug,zeugen verfolgt. Die Japaner hätten vorgestern 150 Kilometer vor Hailar gestanden, dessen Einnahme unmittelbar beoo»zustehen scheine.
Aus aller Welt.
Der Diebstahl im Säckinger Jribolinmünffer aufgeklärt.
Der große Einbruchsdieb stahl im Frido! in Münster Säckingen (Baden), wo im Ok- I toter d. I. kirchliche Gegenstände im Taxwert von *
6m kriegsverraisprozeß vor dem Reichsgericht.
Verrat des ersten deutschen Gasangriffs bei Langemarck.
Leipzig, 3. Dez. (WTB. Funkspruch.) Dem 4. Strafsenat des Reichsgerichts wurde gestern vormittag der 42jährige Kraftfahrer August Jäger aus Erfurt zur Aburteilung oorgeführt, der am 29. Dezember vorigen Jahres auf der Straße verhaftet worde-n war.
Dem Angeklagten wird zur Last gelegt, in der Nacht vom 14. April 1915 in der Stellung vor Langemarck übergelaufen zu sein und den Franzosen den ersten an diesem Frontabschnitt geplanten deutschen Gasangriff verraten zu haben. Jäger wurde in dieser Nacht von einer französischen Patrouille gefangen genommen. Er bestreitet sehr entschieden, irgendwelche verräterischen Aussagen gemacht zu haben. Es sei lediglich ein Gaspäckchen bei ihm gefunden worden, von dem er angegeben habe, daß dies dem deutschen Soldaten gegen Gasgerüche diene. Gegen Jäger, der November 1919 aus der Gesängenichoft nach Deutschland zurückkehrte, war bereits ein Verfahren wegen Kriegsverrat singeleitet worden, das jedoch eingestellt wurde, da man Jäger damals nicht überführen konnte. Zehn Jahre 'später, im Juli 1930 erichien eine französische militärische Veröffentlichung über den ersten deutschen Gasangriff, in welchem der Verfasser ausführte, „daß ein deutscher Ueberläufer, August Jäger, vom 234er Reserve-Infanterieregiment sich den französischen Jägern ergeben habe und unverzügl.ch vernommen worden sei". Der Artikel behauptete weiter, daß Jäger alle Einzelheiten des geplanten Gasangriffs, wie den Einbau der Gasflaschen, die Stellung der Geschütze usw. dem Dolmetscher mitgeteilt habe. In dem Tagebuch eines französischen Ober ft en, der später gefangen wurde, war angeführt, daß in der Nacht zum 14. April ein Gefangener des 2 3 4er Regiments verraten habe, daß die deutschen Soldaten kurz vorher in Roulers Unterricht im Gasangriff erhalten hatten, und daß ein Gasangriff im Abschnitt Langemarck—Poelkapelle geplant sei. Schon damals kam Jäger in Verdacht: denn er war der einzige in Gefangenschaft aeratene Angehörige vom Regiment 234 bei diesem Angriff. Sein später gefangengenommener Kompanieführer hatte ihn kurz vorher als einen feigen Deserteur bezeichnet. Jäger war vorher Kraftwagenführer bei der Brigade und soll dort wegen seiner zu engen Beziehungen zur Zivilbevölkerung abgelöst worden sein. Bei seinen Kameraden war Jäger, der sich wiederholt im Schützengraben krank gemeldet hatte, nicht beliebt.
*
In der Verhandlung wurden in Gegenwart des I Dolmetschers die Aufzeichnungen in dem in deutsche |
Hände gefallenen Tagebuch eines französischen Obersten, sowie die militärpolitischen Ausführungen des Generals F e r r y in der „Revue des Victoirs" verlesen. In beiden Fällen ist der Name des deutschen Ueberläufers, der den bevorstehenden Gasangriff verraten hat, m i t AugustJägerundgenauerRegiments- bezeichnung angegeben. Der Vorsitzende wies den Angeklagten darauf hin, daß nurerber Ueberläufer gewesen sein könne, jumal er nach den einwandfreien Feststellungen der einzige gewesen sei, der vom Regiment in der Nacht vom 13. zum 14. April abhanden gekommen sei. Der Angeklagte bestritt, irgendwelche verräterischen Angaben gemacht zu haben.
Der Sachverständige des Reichswehrministe- riums erklärte, die Gegner seien durch den Verrat gewarnt worden. Sie hatten bestimmte vorbereitende Abwehrmcvhnahmen treffen können. So sei die Besatzung in den ersten Gräben verringert worden, um größere Verluste zu vermeiden: Umgruppierungen in den Streitkräften seien borgenornmen und die Aachbarab- schnitte gleichfalls über die bevorstehende Gefahr verständigt worden. Ferner wurden die im Graben liegenden Leute gewarnt und über ihr Verhalten im Falle eines deutschen Gasangriffes belehrt. Damit wurde die Ueberraschung und Schreckwirkung eines solchen Uebersalles wesentlich herabgemindert. Bedeutungsvoll sei auch, daß der Ueberläufer nach den französischen Aufzeichnungen erklärt haben soll, daß die Gasflaschen in den er st en Gräben einge- b a u t worden seien. Dadurch habe sich die Aufspürung der Gasbatterien für die Gegner erleichtert. Die feindlichen Batterien brauchten nur das Feuer auf diese Gräben zu legen, um die deutschen Vorbereitungen zu durchkreuzen. Ohne einen Verrat wären die deutschen Verluste wahrscheinlich geringer gewesen.
Am Schluß der Beweisaufnahme beantragte die Verteidigung eine neue Beweiserhebung. Cs hatte sich nämlich herausgestellt, daß neben dem BIA.2 3.4 einige Iägerbat a i l l one gelegen haben, und daher eine Ramensverwechselung mit dem Angeklagten Jäger vorliegen könne. Das Reichsgericht beschloß, den Oberreichsanwalt zu beauftragen, die Kriegstagebücher der deutschen Iä- gerbataillone, die von Anfang April bis zum 22. April 1915 bei Langemarck der 11. französischen Division unter General Ferrh gegenübergelegen haben, herbeizuschaffen. Rach einigen Zeugenvernehmungen wurde darauf der Prozeß auf den 9. Dezember vertagt.
etwa einer Million Mark gestohlen worden waren, hat nunmehr durch Festnahme einiger T ä - t.e r seine Aufklärung gefunden. Es verschwanden damals u. a. ein kostbares Meßgewand des SyL Fridolin, ein mit Edelsteinen besetztes Messer, das von der Königin Agnes Hejchenkte Agnetenkreuz, das sog. Hilariuskästchen, eine silberne Kassette und eine Anzahl anderer kostbarer alter Kunstgegenstände. Landjäger verhafteten nun einen 36 Jahre alten Russen namens Iwan Federoclow, zuletzt wohnhaft in Odessa. Er behauptete er gehöre zu einer internationalen Verbrecherbande, die den Diebstahl in Säckingen ausgeführt.habe. Die gestohlenen Wertsachen seien nach Antwerpen und verschiedenen französischen Städten verkauft worden. Mit Hilfe der Polizei dieser Länder gelang es, die Wertsachen zum größten Teil wieder herbeizuschaffen. Komplizen des Russen, ein Franzose und ein Belgier, wurden von der Polizei ihres Landes fe ft genommen. Außerdem wurden noch zwei auf dem Hochwald
wohnende Personen verhaftet. Weitere Verhaftungen in Deutschland und im Auslande stehen bevor.
vier Tote bei einem Flugzeugabsturz.
Ein schweres Flugzeugunglück, das vier Todesopfer forderte, ereignete sich in der Nähe der amerikanischen Stadt Detroit. Als das Flugzeug den Eriesee passierte, stürzte es plötzlich ab und die vier Insassen, zwei Männer und zwei Frauen, die Schwestern waren, ertranken.
vier Fischer ertrunken.
Bei einem starken Südweststurm vor der Dront- heimer Küste sind, wie aus Oslo gemeldet wird, vier Fischer umgekommen^ außerdem wird ein Motorboot mit drei Mann vermißt. Im Hochgebirge hat der Sturm großen Schaden an- gerichtet. Die Telephon- und Telegraphen-Der- bindungen zwischen Oslo und Bergen sind unterbrochen.
Aus ver Provinzialbauptsta-L
Oer Tag -es heiligen Nikolaus.
Don Peter Wannund.
Wenn die trüben Tage des Jahres kommen, bk uns nicht so recht gefallen wollen, bann erscheinen die guten Geister, die milden Heiligen, die Träger der vorweihnachtlichen, adoentl.chen Stimmung. Zuerst kam, schon am 11. November, Sankt Martin und brachte die Martinsgans. Am 4. Dezember nahte Sankt Barbara, poetisch und sanft, wie es einer Frau ansteht: an ihrem Tage muß man die winterlich kahlen Zweige von einem Apfel- ober Kirschbaum schneiden unb sie ins Wasser stellen, um bann schon Enbe Januar ober Anfang Februar die ersten Blütenwunder des kommenden Frühlings vorwegzunehmen Ihr folgt zwei Tage später der Heilige Nikolas, der gute Freund aller Kinder, die stille Hoffnung langer, dunkler Wintertage.
Glauben sie heute noch an ihn, haben wir einmal an ihn geglaubt? Es muß wohl so gewesen sein, denn wir standen in den frühen Dämmeistuirden am Fenster und spähten in die fallende Dunkelheit, unb bisweilen war es wirklich so, als sähe man irgend- wo einen hellen Schein, ein silbernes Blitzen über den Himmel ziehen: das kam von dem Schimmel des Heiligen, ben Ruprecht aus dem Wolkenstall gezogen hatte. Denn biefer Nikolaus ober Ruprecht war mit mannigfachen Eigenschaften begabt. Er schwang die Rute unb verteilte Gaben: er schalt unb erkannte an, er zeigte sich bärbeißig, brummig, gutmütig unb freundlich — die schaffende Phantasie des Volkes und der Glaube der Kinder haben in ihm eine Gestalt geschaffen, die lebendiger unb gegenwärtiger ist als viele Menschen, die die Dichter ersannen.
Woher stammt er, wer ist er gewesen? Die ge- schichtliche Persönlichkeit, von der unser heutiger Nikolaus seinen Ausgang genommen hat, war eine ganz andere Fiaur als die, zu der sie geworben ist. Im vierten Jahrhundert n. Ehr. lebte in Patara ber Heilige Nikolaus, ber später Bischof von Myra würbe. Sein Todestag, ber 6. Dezember, trägt seinen Namen. Er war ein früher Franziskus, ein Wohltäter unb Freund der Armen, denen er sein ganzes ansehnliches Vermögen vermacht haben soll. Eine Sage erzählt, er habe drei armen Schwestern einen Gelbbeutel burchs offene Fenster geworfen, damit sie sich eine Aussteuer beschaffen könnten: baher offenbar ber Kinder glaube, er werbe es auch an diesem 6. Dezember nicht an sich fehlen lassen, wenn man ihm Behälter ans offene Fenster stelle. Man hat ihn mit Fischen unb Broten abgeb Übet, denn er rettete seine Vaterstabt von einer Hungersnot unb war auch der Patron ber Fischer. Nach seinem Tode wurde er in Myra beigesetzt, aber sein Leichnam begann eine unheimliche Wanderung. Er wurde von italienischen Kaufleuten gestcchlen und nach Bari gebracht, wo er in der Kirche des Heiligen Stephan die letzte Ruhe gefunden hohen soll: aber das scheint doch nicht ber Fall gewesen zu sein, sonst könnte man es sich nicht erklären, daß zahlreiche seiner Haare, Kleider, Knochen als Reliquien in alle Wett verstreut worden sind auch die berühmte höllische Sieiligtumsfammlung des Kardinals Albrecht enthielt Stücke von ihm. Deutschland und Rußland haben seine Verehrung besonders gepflegt, überall, wo es Nikolai-Kirchen und nach ihm genannte Straßen und Gassen gibt, lebte einmal die Erinnerung an den Bischof von Myra — wer denkt heute noch daran, daß eine solche Kirche mit dem Sankt Nikolaus oder Ruprecht so nahe verbunden sei? In ber griechisch-russischen Kirche ist Nikolaus ober Ruprecht Hauptgestalt bes Gottesdienstes geworden, daher die vielen Kirchen in Rußland, daher der Name des letzten Zarengeschlechts und des mit ihm verwandten olden- burgifchen Fürstenhauses.
Nach Rußland deuten auch die historischen NI- kolausverse, die Brentano in die Volksliedersammlung „Des Knaben Wunderhorn" aufgenom-
Deiner Hände Werk Nomon von Klothilde von StegmanmEtein. Copyright by Martin Feuchtwcmger, Halle (Saale) 32 Fortsetzung Nachdruck verboten.
Run mußte Hiltrud trotz ihrer trüben Gedanken lächeln.
„Aber Minister Failwoth, wo bleibt Ihre praktische Ueberlegung? Die Stellung möchte ich sehen, bie_ so gut bezahlt ist, daß sie mir erlauben würde, gleich meine liebe Mutter mitzunehmen und drüben zu ernähren. Ach nein, so etwas passiert vielleicht nur der Prinzessin in unserem deutschen Märchen."
»Auch in Amerika geschehen manchmal Märchen, Miß von Stubben", versetzte Archibald mit eigentümlicher Betonung und empfahl sich etwas plötzlich. Hiltrud sah ihm erstaunt nach.
Was hatte er denn, so auf einmal das Gespräch abzubrechen?
Archibald rannte mit langen Schritten durch ZHc Straßen. Er achtete nicht auf die herrliche Frühlingslandschaft, er sah nicht die blütenüberschütteten Bäume unter sich, den leuchtend blauen, südlichen Himmel — er sah vor sich ein zartes, stolzes Mädchen gesicht mit leuchtend blauen 2lugen und lichtem Haar, hörte eine biegsame, ruhige Stimme, sah einen leidgezeichneten blassen Mädchenmund — und dachte bei sich, wie schön es sein müßte, die Linien dieses Leides vergehen zu sehen und diesem jungen, tapferen Menschen als Lebenskamerad zur Seite zu stehen.
Er wollte bald mit ihr sprechen — sie war sicher vernünftig genug, die Chance anzunehmen, die er ihr als Besitzer einer großen, gutgehenden Fabrik und eines stattlichen Vermögens bot. Sorgen würde sie an seiner Seite niemals haben, und auch ihre Mutter sollte ihm willkommen fein.
Unb schließlich kannte Archibald sich selbst genug, um zu wissen, daß er einem jungen Mädchen nicht unsympathisch zu sein brauchte — es gab brüben in Chikago genügen!) hübsche Mädels, die sich um ihn bemühten, ohne daß er Steigung verspürte, seine Selbständigkeit aufzugeben. Die erste, um derentwillen er es tun würde, war diese lunge. tapfere Deutsche in Mister Mosers Office.
Siebenundzwanzig st es Kapitel.
Olaf Erikson hatte einige Monate im Ausland verbracht unb hatte keine beutfchen Zeitungen rneyr gelesen. Auch zu ber Familie vom Bremer- schloß hatte er keinerlei Verbindungen mehr. Unb — denn so sehr er sich auch muhte. Hiltrub zu vergessen, es gelang ihm nicht. Immer wieder drängte sich ihr Bild vor seine
Seele, und er dachte ihrer in Sehnsucht, Trauer unb Sorge.
Was mochte aus ihr geworden fein an der Seite dieses Ivarsen, von dessen Charakter er nur das Allerschlimmste erwartete? — Kamen diese trüben und sehnsüchtigen Gedanken über ihn, bann vergrub er sich tiefer in seine Arbeit: sie war das einzige, was ihn zeitweise vergessen ließ.
Run kam er auf ber Durchreise, von Englanb nach dem Düben, wo er in Rom Geschäfte für die väterliche Firma einzuleiten hatte, auch nach Deutschland. Zum ersten Male, daß er wieder deutsche Zeitungen las. Er saß beim Mittagessen in einem Hotel Unter den Linden in Berlin, als ihm aus einer Seite der Qiame Ivarsen entgegensprang. Er stutzte, sah schärfer hin unb las folgende Rotiz:
„Tie Verhandlungen, die vor dem Gericht in B. gegen den Hochstapler Baron Arel Ivarsen geführt werden sollten, sind durch eine tragische Wendung in letzter Stunde vereitelt worden. Man wird sich noch an die sensationelle Verhaftung Ivarsens erinnern, der Patente einer hochangesehenen deutschen Firma, des Bremerwerks, stehlen unb ins Ausland bringen wollte. Seine Verhaftung gelang gerade noch, ehe er sein verbrecherisches Vorhaben ausführen konnte.
Vergangene Rächt gelang es Ivarsen, mit Unterstützung einiger Helfershelfer, aus dem Gefängnis zu entkommen. Beim Ueberfteigen der Gefängnismauer aber wurde er von dem Posten gesichtet, unb als er auf Anruf weiter» lief, angeschossen unb starb noch in der gleichen Rächt."
Die Gäste am Rebentische wunderten sich, baß ein eleganter Herr, ber eben erst fein Essen bestellt hatte, in aller Hast es bezahlte, ohne bie Speisen auch nur ungerührt zu haben, unb mit einem gänzlich verstörten Gesicht aus dem Speisesaale lies.
Kurt Bremer sah über Briefe unb Abrechnungen gebeugt da, als ihm plötzlich Olaf Erik- son gemeldet wurde.
„Ich lasse bitten!“ sagte er erstaunt. Mit aus- geftredten Händen kam Olaf auf Kurt zu:
-Sie sind sicherlich erstaunt. lieber Herr Bremer", begann er, „mich so plötzlich hier zu sehen."
„Allerdings", gab Kurt zurück: „aber ebenso «roh ist meine Freude. Was führt Sie zu mir, Daron Srikson? Leider finden Sie bei uns vieles verändert vor. Mein lieber Vater —", er sprach nicht weiter, seine Stimme schwankte.
„Gerade diese Veränderungen führen mich her, mein lieber Herr Bremer“, war Olafs Antwort. „Ich fühle Ihren Schmerz um den Verstorbenen
mit; er war ein Mensch, der allen teuer war, die mit ihm nur flüchtig in Berührung kamen. Ich persönlich habe ihn von ganzem Herzen verehrt. Wie schwer mutz sein Scheiden für Sie gewesen fein."
•Unb er drückte Kurt nochmals die Hand. — Dann fuhr er fort:
„Was mich heute fo unerwartet %u Ihnen führt, sind aber vor allem bie Rachrichten. die ich heute zum ersten Male während meikies Aufenthaltes in Deutschland in einer deutschen Zeitung gelesen habe."
„Sie meinen die Rachricht von dem Tode Ivarsens? Sie wußten also gar nichts von den dramatischen Ereignissen, deren Schauplatz leider unser liebes Dremerwerk geworden ist?“
„Rein! Würden Sie es wohl nicht als Reu- gierbe auffassen, wenn ich Sie bitten darf, mir einmal den Gang der traurigen Ereignisse zu schildern? Ich habe ein besonderes Interesse daran, das Treiben dieses Ivarsen kennenzu- lemen. Wumm, werde ich Ihnen dann erzählen."
Seine Stimme unb sein Gesichtsuusdruck waren so teilnahmsvoll, daß Kurt, der immer eine geheime Sympathie für Olaf gehegt hatte, ihm mit freimütiger Offenheit alles schilderte.
Mit ernster Miene hörte Olaf zu. Als Kurt geendet hatte, sagte er: „Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen. Herr Bremer, unb ich will Gleiches mit Gleichem vergelten. Ich möchte Ihnen ein Geständnis machen. Aber ich bitte Äe. es vorderhand vertraulich zu behandeln. Ich habe feineneit in dem Seebad W. Ihre Schwester, Fräulein Hiltmd, vor diesem Ivarsen gewarnt — ich hoffte, daß sie meiner Warnung Gehör schenken würde, ich hoffte es um ihrer selbst tt>illen. Aber noch aus einem anderen Grunde hoffte ich es: auch um meiner selbst willen, ■D«rr Bremer — denn ich liebte Ihre Schwester. (Die aber zeigte mir in nicht mißverständlicher
daß sie von mir keinerlei Warnung tounfcbte — und daß sie nichts mit mir zu tun haben wollte. So beschloß ich, mich zurückzu- werjen — obwohl dieser Entschluß mir bitter schwer wurde. Dann war ich. ohne es zu wollen, Zeuge eines Gesprächs, das mir bewies, in wie frivoler Weise Axel Ivarsen mit dem Vertrauen eines reinen Mäbchenherzens spielte. — Run gab für "ich keine Rücksicht mehr. Wollte Fräulein Hiltrud nicht auf meine ehrliche Warnung hören — so würde, dachte ich. Iyr Herr Vater weitschauender sein als ein unerfahrenes junges Mädchen. Ich war entschlossen, zu Ihrem Herrn Vater zu reifen — für mich gab es nur eins: Hiltrud vor Kummer und Verrat zu bewahren. Da ereignete sich bei Ihnen die Katastrophe. Ihr lieber Vater starb plötzlich — und die Verlobung Axel Ivarsens mit Ihrer Schwester wurde veröffentlicht, ehe ich imstande gewesen war, einzu-
?reifen. Run war es natürlich zu spät — ich onnte den offiziellen Verlobten Ihrer Schwester nicht mehr angreifen — es blieb mir nur das eine übrig: zu verschwinden und zu hoffen, daß ich zu schwarz gesehen haben ' möchte. Leider hat sich diese Hoffnung nicht erfüllt — im Gegenteil, alles ist noch viel schlimmer gekommen, als -ich gefürchtet habe. Was gäbe ich darum, wenn ich Fräulein Hiltrud vor all diesem Leid hätte bewahren können."
Er stand erregt auf und ging im Zimmer auf unb ab. Kurt folgte ihm mit den Blicken — ein Gedanke zuckte durch sein Hirn: „Ich glaube nicht, daß Hiltrud sehr unter der Trennung von Ivarsen litt, wenn auch die häßlichen Begleitumstände chr sehr, sehr weh getan haben. Die Rachricht von seinem Tode wird sie sicherlich erschüttern, weil sie ihr die ganze wirre Vergangenheit noch einmal lebendig machen wird. Dem Toten selbst aber wird sie nicht nachtrauern, dessen bin ich sicher.“
Olaf hielt auf seiner Wanderung durch das Zimmer jäh inne:
„Dessen sind Sie sicher? Ja, dann muß ich ja Ihre Worte so verstehen, als hätte sie diesen Ivarsen niemals wirklich —“
„Sie haben recht verstanden", setzte Kurt die stockende Rede fort, „niemals wirklich geliebt. Unb nun, lieber Baron Erikson, werden (Sie eine Frage nicht undelikat finden — eine Frage, die ich als Mann zum Mann an Sie stelle und die zwischen uns beiden bleibt: Wie stehen Sie heute innerlich zu meiner Schwester Hiltrud?"
„Genau wie damals!" war Olafs feste Antwort. „Ich liebe sie unerschütterlich — und ich werde nie eine andere lieben. Wüßte ich, daß sie vergessen kann, was hinter ihr liegt — wüßte ich. daß sie für mich würde fühlen lernen können, fo würde ich mich ihr nochmals nähern — aber eine zweite Absage — das läßt mein Stolz nicht su."
Da lächelte Kurt Bremer glücklich: Liebe, tap- dachte er, nun kann ich mich einmal in Wahrheit als dein Bruder erweisen. Dann legte er die Hand auf Olafs Arm: „Lieber Baron", sagte er herzlich, „es ist nun schon so bieleä offen und klar zwischen uns beiden besprochen worden, daß ich keine Indiskretion begehe, wenn ich Ihnen noch etwas erzähle." Unb er erzählte von der Unterredung, die er kurz nach ber Festnahme Ivarsens mit Hiltrud gehabt hatte. „Damals gestand sie mir, daß sie sich mit Ivarsen nur verlobt habe aus Trotz gegen einen anderen, den sie wahrhaft geliebt hatte — doch ich habe oft darüber nachgedacht, wer dieser an- bere fein könnte — nun kenne ich ihn — und Sie chn hoffentlich auch." *
(Fortsetzung folgt.)


