Aus der Provinzialhauptfladt.
Gießen, den 5. November 1932.
Wahlzeit in (Stehen von 9 bis 18 Llhr.
Es sei nochmals darauf hingewiesen, daß in der Stadt Gießen zur Reichstagswahl am 6. November nur in der Zeit von 9 bis 1 8 (6 Uhr nachmittags) abgestimmt werden lann. Alm 18 Alhr können nur noch die Wähler zur Abstimmung zugelassen werden, die sich bereits im Wahlraum befinden. Dringend notwendig ist frühzeitige Stimmabgabe, wenn man dem erfahrungsgemäß größeren Andrange in den letzten Nachmittagsstunden entgehen will.
Kein Aushang der Wahlergebniffe.
Dom Polizeiamt Gießen geht uns folgende Verfügung zu:
Die Bekanntgabe der Wahlergebnisse am Abend des 6. November 1932 und in der Nacht zum 7. November 1932 durch Lautsprecher, in der Art der Lichtreklame, durch Aushängen in Schaufenstern oder in den Verlags- und Druckerei-Gebäuden der Zeitungen, ihrer Filialen und den Zeitungskiosken ist verboten, weil diese Art der Verkündung der Wahlresultate zu Ansammlungen und bei der herrschenden großen politischen Spannung zu Störungen der öffentlichen Ordnung und Sicherheit führen kann. Die Mitteilung durch Rundfunk gibt jedermann eine ausreichende Gelegenheit, die Wahlergebnisse ungestört und ungefährlich zur Kenntnis zu nehmen.
Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde.
_ 3m Winterhalbjahr 1932/33 tritt die Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde wieder mit einer Reihe Von Vorträgen an die Oeffentlichkeit. Die Darbietungen wurden am Donnerstagabend mit einem Vortrag von Professor Dr. Walther Vogel (Berlin) über „Die Funktion der deutschen Seehäfen im Lichte der Geschichte" eröffnet.
Die landläufige Ansicht von der Bestimmung eines Seehafens gehe meist dahin, daß der Seehafen das Binnenland mit der See, mit anderen Ländern zu verbinden habe. Weiter verbinde sich damit die Vorstellung, daß für einen Seehafen das Hinterland der allein ausschlaggebende Faktor sei. Das sei nicht unbedingt so. Die Benutzung eines Hafens geschehe von den verschiedensten Gesichtspunkten aus. Mit entscheidend für einen Seehafen "sei oft genug die Bedeutung, die der Hafen als Handelsplatz hat, andererseits üben die Lagergelegenheiten einen Einfluß aus. Das Hinterland selbst sei nicht absolut zu gliedern, oder das Land einem bestimmten Seehafen als Hinterland zuzumessen, vielmehr überschneiden sich die Bereiche der Häfen ie nach der Art der Güter, nach Einfuhr oder Ausfuhr u. dgl. Oft genug aber sei der Hafen die Vorbedingung für die Entwicklung mächtiger, reicher Gemeinwesen.
Interessant sei es, die Seehäfen im Lichte der Geschichte zu betrachten. AInterscheiden muffe man drei verschiedene Formen von Häfen. Man spreche von einem Hafen als Vermittler des Warenaustausches, von einem Zwischenhanhelshafen und dem Reedereihafen, der eine Aushilfsfunktion
übernommen hat. Hamburg, Deutschlands bedeutendster Hafen, sei der größte Austauschhafen. Ihm diene ein weitreichendes Hinterland. Seit dem 16. Jahrhundert sei Hamburg tonangebend. Wichtigstes Ausfuhrgut fei lange Zeit schlesisches Leinen gewesen. Sehr stark wurde der Hafen für die Einfuhr von Kolonialwaren in Anspruch genommen. Lübeck habe während des Mittelalters eine Vormachtstellung als Zwischenha^delshafen gehabt. Der Hafen habe insbesondere der Vermittlung der Güter der Ostseeländer und Rußlands mit aller Welt gedient. Die Waren seien in Lübeck ausgeladen, auf die Eisenbahn verfrachtet, nach Hamburg gebracht und von dort aus in alle Welt verladen worden. Der Bau der Kanäle zwischen Hamburg und Lübeck habe dem Lübecker Hafen (da sich Durchgangsverkehr entwickelte) stark Abbruch getan. Der bedeutendste Hafen der Ostsee sei Danzig gewesen. Holz und Getreide waren die Hauptausfuhrgüter, die über Danzig gingen. Danzig habe stets schwer zu kämpfen gehabt und sei durch die politische Entwicklung immer in das Hintertreffen gedrängt worden. Die neuere Entwicklung bewegte sich durch den Bau des polnischen Hafens Gdingen in ungünstigster Linie. Bremen fei von Natur aus benachteiligt, denn das unmittelbare Hinterland sei nicht besonders produktiv, die Weser außerdem schlecht schiffbar: in Bremen fei deshalb die Reederei und die Linien-Dampfschiffahrt groß geworden, die Einfuhr afrikanischer Güter wurde bewußt gefördert und fo die bedeutsame Stellung gehalten, die Bremen bisher immer einnahm.
Im weiteren Verlaufe des Abends schilderte der Redner noch kurz die Geschichte der Häfen Memel, Königsberg, Stettin, Stralsund, Rostock und Emden. Er betonte, daß für die Geschichte der deutschen Seehäfen immer die menschliche Einwirkung entscheidend gewesen sei, während geographische und wirtschaftliche Lage nicht unbedingt so einflußreich waren, wie man gemeinhin annimmt. Mit einer beispielhaften Vergleichung der Häfen Hamburg, Lübeck und Bremen untereinander fand der beifällig aufgenommene Vortrag feinen Abschluß.
Srauengruppe
der Deutschen Volkspariei.
Man berichtet uns: Die Frauengruppe der Deutschen Dolkspartei hielt dieser Tage ihre sehr gut besuchte Monatsversammlung ab. Zuerst ehrte die Vorsitzende in warmen Worten das Andenken eines der treuesten Mitglieder, Frau Minna Naumann, die, zehn Jahre als volksparteiliche Stadtverordnete tätig, in unverbrüchlicher Traue bis zuletzt der Partei verbunden war.
Nach einigen geschäftlichen Mitteilungen sprach Frau Maria Birnbaum über „Die Bedeutung der Wahl", die so schicksalsschwer für Volk und Staat sei, daß jeder die Pflicht habe, sich eingehend damit zu befassen. Sie zeichnete zuerst die staatspolitische Krise und im Zusammenhang damit die Entwicklung des Nationalsozialismus. Die au einer Gesundung des Staatslebens notwendigen Reformen, wie die der Verfassung, Verwaltung, des Parlamentarismus,
Rundfunkprogramm.
Sonntag, 6. November.
6.35 Alhr: Von Hamburg: Hasenkonzert. 8.15: Choralblasen (veranstaltet von der Zentralstelle für Kirchenmusik der Evangelischen Landeskirche Frankfurt a.M.) 8.30: Evangelische Morgenfeier (veranstaltet von der Evangelischen Landeskirche Frankfurt a.M.). 9.30: Stunde des Chorgesangs. 10.20: „Die Geschichte vom lebendigen Brot". Von Peter Kremer. Sprecher: Alexander Engels. 10.45: „Die Erschließung eines Neulandes", Vortrag von Geheimrat Dr. Leo Frobenius über seine soeben abgeschlossene 10. Fezzan-Expedition. 11.15: „Die Repertorirepläne des Mainzer Stadt- lhealers". Von Intendanten Paul Trede. 11.30: Von Leipzig (Gustav-Adolf-Kapelle): Gottesdienst. 12.15: Mittagskonzert l (Blasmusik). 13: Mittagskonzert 11. 14.10: Stunde des Landes. 15: Stunde der Jugend. 16: Dreißig bunte Minuten. 16.40: Nachmittagskonzert des Rundfunk-Orchesters. 18.05: Vortrag. 18.30: „Rheinische Charakterbilder: Fürst Metternich", Vortrag von Dr. Kurt Rheindorf, Frankfurt a. M. 19: Don Berlin: Orchesterkonzert des Berliner Konzertvereins. In den Pausen: Bekanntgabe der Wahlergebnisse bis zur Feststellung des vorläufigen Endresultats. Anschließend von Berlin: Unterhaltungsmusik. In den Pausen: Bekanntgabe der Wahlergebnisse bis zur Feststellung des vorläufigen Endresultats.
Montag, 7. November.
7.20 Alhr. Frühkonzert auf Schallplatten. 12: Mittaaskonzert I auf Schallplatten. 13.30: Mittagskonzert II des Rundfunk-Orchesters. 15.20: -Wie kann ein Mädchen sprachliche, pädagogische oder künstlerische Befähigung beruflich aus» rrühen?", Vortrag von Dr. Käthe Gaebel. 17: Nachmittagskonzert. 18.25: „Die große Rolle", Vortrag von Professor Dr. Martin Sommerfeld. 18.50: Englischer Sprachunterricht. 19.30: „Wer ist es?" (II). Literarische Rätsel, aufgegeben von Wolfgang Weyrauch. 19.50: Selbstanzeigen, Werner Deumelburg spricht über sein neuestes Werk: „Bismarck". 20.05: Großer Saal des Saalbaues, Frankfurt a. M.: 3. Montags-Konzert des Frankfurter Orchester°Vt..eins. 22: Aus der Arbeit der Winterhilfe: Wir wollen helfen, wer hilft mit? 22.45: Nachtmusik.
Dienstag, 8. November.
7-20 Frühlonzert auf Schallplatten. 10.10 bis 10.40: „Die Oder, der Lebensstrom Schlesiens und der Stadt Breslau" (Staffelhörbericht für Kinder vom 13. Jahre ab). 12: Mittagstonzert I Kapelle der Orchestervereinigung Münchener "Sc- rusömusiker. 13.30: Mittags.onzert 11, auf Schall- platten. 15.20 bis 15.50: Hausfrauen-Nachmittag. 17: Nachmittagskonzert. 18.25: Vortrag von Dr' Stickler. 18.50: „Stadt- und Landfrau im Dienst der Deutschen Woche", Vortrag von Johanna Bopp, Darmstadt. 19.30: Alnterhaltungskonzert des Philharmon. Orchesters Stuttgart. 20.30: (M, Breslau): Hannibal, Tragödie von Chistian Dietrich Grabbe. 22.10: Schumann-Theater: Variete. 22.45 bis 24: Nachtmusik. Lied und Tanz.
Mittwoch, 9. November.
7.20 Alhr: Frühkomert auf Schallplatten. 10.10 vis 10.40: „Eine halbe Stunde auf dem Reisebureau." Hörbild von Actualis. 12: Von Augs
burg: Mittagskonzert I des Augsburger Konzertorchesters. 13.30: Mittagskonzert II. 15.15 bis 16.15: Der Singkreis eines Iungenbundes auf Fahrt und Lager. Altdeutsche Lieder für Feier und Fest, gesungen vom Singkreis des Horstes Gießen int Deutschen Pfadfinderbund. 17: Nachmittagskonzert des Rundfunk-Orchesters. 18.25: „Gesellschaftsleben der primitiven Völker", Vortrag von Professor Dr. Ernst Vatter. 18.50: „Die Wiederbelebung der deutschen Wirtschaft", Vortrag von Professor Schmitt. 19.20: „Neues aus aller Welt", von Prof. Dr. Walter Tehrmann. 19.30: Freiburg: Alnser Volkslied. I. Oberbaden. 20: Quellen, die die Wirtschaft speisen. I. „Oel." 21: Aeltere Tanzmusik. Gespielt vom Rundfunk- Orchester. 21.30: Die Entwicklung des deutschen Streichquartetts. 22.45 bis 24: Nachtmusik. Kapelle Ludwig Wörthmüller.
Donnerstag, 10. November.
7.20: Frühkonzert. 9 bis 9.45: Von Berlin: Schulfunk. Gemeinschaftssendung der deutschen Schulfunksender: „Sanssouci". Ein Hörbericht (mit Beteiligung von Schülern) unter Leitung von Dr. Ernst Eall, Direktor der staatl. Schlösser und Gärten, Berlin. (Für Kinder vom 13. Jahre ab.) 12: Mittagskonzert I auf Schallplatten. 13.30: Mittagskonzert II: 15.30 bis 16.30: Stunde der Jugend. 17. Nachmittagskonzert des Rundfunk- Orchesters. 18.25: Zeitfragen. 18.50: „Bilden Waren- und Devisen-Derrechnung eine neue Wirtschaftsform?", Vort?ag von Herbert Kayser. 19.25: Bericht über die Ergebnisse des Vortragswettbewerbs. 20: Expansion. Ein Hörstück von Leopold Lorenz. 21: Fideles Wien. 21.30: Klari- netten-Triv.
Freitag, 11. November.
7.20 Alhr: Frühkonzert auf Schallplatten. 12: Mittagstonzert I des Rundfunk-Orchesters. 13.30: Mittagskonzert II auf Schallplatten. 17: Nachmittagskonzert. 18.20; Gespräch mit einem jungen Kaufmann, geführt von Dr. Fritz Buß. 18.55: „Großbetrieb, Mittelbetrieb und Kleinbetrieb", Vortrag von Dr. C. A. Schleußner. 19.30: D'r Prestlengsgockel (schwäbischer Schwank in drei Auszügen von Rudolf Bader). 20.50: Aus der Bundeshalle Reutlingen: Opern-Abend. 22.45 bis 24: Nachtmusik.
Samstag, 12. November.
7.20 Alhr: Frühkonzert auf Schallplatten. 10.10 bis 10.40: Schulfunk: „Philotas", Trauerspiel in einem Akt von Gotthold Ephraim Lessing. 12: Mittagskonzert I auf Schallplatten. 13 30 bis 14.30: Mittagstonzert II des Rundfunk-Orchesters. 15.30 bis 16.30: „Kinder der Schule zu Hornbach (Odenwald) spielen und fingen“. 16.30: „Ein rheinischer Weberjunge erzählt", Improvisation von Paul Laven. 17: Nachmittagskonzert. 18.25: „Arbeitsbeschaffung und Althausbesitz", Vortrag von Regierungsbaumeister a. D. Beigeordneter Otto Schmidt, Trier. 1850; „Die Maßnahmen der Reichsregierung zur Erleichterung des Geld« und Kreditmarktes", Vortrag von Professor Dr. L. Albert Hahn. Mitglied der Industrie- und Handelskammer Frankfurt a. M.-Hanau. 19.30: Rezitation, Lydia Dusch. 20.05: Aus der Stadt» -lPvrr, :<wzz -peSuapafieipG :2ud]qoy s^vg musik.
des Wahlrechts usw., die die Regierung Papen einleitete, entsprechen oft erhobenen und in den „Kampfzielen" von Dingeldey 1931 ausführlich begründeten Forderungen der Deutschen Dolkspartei. Die Rednerin berührte einige der zur Behebung der wirtschaftlichen Krise eingeleiteten Maßnahmen und betonte, daß das Gelingen neben der Besserung der weltwirtschaftlichen Lage vor allem die Einsicht und den Willen der deutschen Menschen zur Doraussetzung habe, an ihrem Teil mitzuwirken. Rach näherem Eingehen auf die Kontingentierung, bei der die DDP. nicht mit der Regierung und der Deutsch- nationalen Partei übereinstimme, kam die Rednerin zuletzt auf die geistig-seelische Krise des deutschen Volkes und das Programm der Regierung auf kulturellem Gebiet zu sprechen, das ebenfalls den Grundanschauungen der DDP. entspreche. _ Notwendig sind starke Hervorhebung und Stützung der religiösen Grundlagen unseres staatlichen und privaten Lebens, Kampf gegen den Kulturbolschewismus, Schuh der Familie. Heranbildung der Jugend zum uneigennützigen Dienst am Staat und Dolk und zum Gemein- schaftsgeist als Gegensatz zu Klassenkampf und Dolksverhehung. Wertvollste Ansätze dazu sind aus der Jugend selbst hervorgegangen im Freiwilligen Arbeitsdienst und den verschiedenen Bewegungen, die der körperlichen Ertüchtigung dienen und den Grund zu einer wahren Volks- gemeinschaft legen können. In der Schaffung des „Reichskuratoriums für Iugendertüchtigung" toeift der Reichspräsident dem Streben der Jugend Richtung und Ziel. Dem innen» und außenpolitischen Programm der Regierung kann die DDP., ohne mit allem einverstanden zu fein, um so mehr zustimmen, da die innerpolitischen Forderungen sich mit denen der DDP. decken und die außenpolitischen Forderungen auf der auf weite Sicht eingestellten Politik Strese- manns fußen.
So unterstütze die Deutsche Volkspartei die Regierung Papcn, die vom Vertrauen Hindenburgs berufen wurde, in dessen überparteilicher Staatsführung sie die beste Gewähr für eine Gesundung und Erstarkung Deutschlands erblicke.
In der Aussprache trat wieder das rege Interesse der volksparteilichen Frauen an den politischen Fragen zutage. Aus der Versammlung herauswurde hervorgehoben und anerkannt, daß Frau Dr. M a h aus dritter Stelle der Reichsliste
und in vielen Wahlkreisen die Frau an zweiter oder dritter Stelle stehe.
Auto von einem Eisenbahnzug überfahren.
Wie wir von der Landeskriminailpolizeistekl« Gießen hören, überfuhr gestern gegen 11 Alhr «in Personenzug auf der Streck« Alsfeld-Niederaula unweit vom Bahnhof Alsfeld einen Personenkraftwagen, der von dem Dezirks.Zollkommissar Karl Wein- gärtner aus Lauterbach gesteuert wurde. Der bedauernswerte Mann erlitt bei dem Alnglücks- fall so schwere Verletzungen, daß er kurz nach seiner Einlieferung in das Krankenhaus in Alsfeld verstarb. Der Kraftwagen wurde vollständig zertrümmert. Die Alnglücksstelle befindet sich an einem schrankenlosen Bahnübergang.
Bornotizen.
— Die Cornedian HarrnonistS werden sich, wie uns aus dem Stadttheaterbureau geschrieben wird, am heutigen Samstag in einem einmaligen Gastspiel den Gießenern vorstellen. Die Gäste werden eine neue Dortragsfolge ihrer Schlager und Lieder im Stadttheater zu Gehör bringen. Der Kartenverkauf hat bereits eingesetzt: Theaterkasse, Reisebureau der Hamburg-Arnerika-Linie und Schokoladenhaus Huntemann, Seltersweg.
** Die Besuchszeiten in den Museen. Das Oberhessische Museum im Alten Schloß, das Dölkermuseum, sowie die Städtische Gemäldesammlung und das Kriegsmuseum im Neuen Schloß sind am Sonntag zwischen 11 und 13 Alhr geöffnet.
** Dom Konzertverein wird uns geschrieben: Nach langen Bemühungen ist es gelungen, endgültig das Orchester des Landestheaters Darmstadt für ein Symphoniekonzert am Donnerstag, 17. November, zu verpflichten. Damit ist nach längere^ Pause den musikliebenden Kreisen Gießens Widder die Gelegenheit geboten, eines der hervorragendsten Derufsorchester Deutschlands zu hören. Der Konzertverein eröffnet mit diesem Symphoniekonzert die diesjährige Reihe seiner Abonnementskonzerte. Aleber das Programm wird noch Näheres mitgeteilt werden, doch steht heute schon fest, daß auch dieses einen besonderen Genuß gewähren wird. Alles Weitere aus den Anzeigen und in der Musikalienhandlung von Ernst Challier.
Geschichten ans aller Welt.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Die Nationalhymne von Sansibar.
— Paris.
Mindestens eine exotische Fürstlichkeit aus irgendeinem iber französischen Kolonialgebiete ist jeden Tag in Paris zu Gast. Als bi elfer Tage wieder einmal solch ein farbiger Scheinfürst dem französischen Kolonialministerium einen amtlichen Besuch abstattete, wurde er von Seiner Exzellenz dem Herrn Minister zu einem Gesellschaftsabend eingeladen, und der Minister beauftragte in aller Eile einen Komponisten, eine Nationalhymne für die schwarze Majestät zu fabrizieren, damit der hohe Gast von der HausEapelle gebührend empfangen werden konnte.
Dieser Vorfall ruft in einem Mitarbeiter des „Temps" die Erinnerung an eine kleine Geschichte wach, die sich vor einem Menschenalter abspielte, aber heute noch in englischen Marinekreisen lebendig ist. Das Admiralschiff der englischen Afrikaflotte erhielt eines Tages den Besuch eines farbigen Potentaten an Bord, der sich für den Sultan von Sansibar ausgab. Da es so im Handumdrehen nicht möglich war, sich schnell noch die Noten der Nationalhymne von Sansibar zu beschaffen, beschloß man, in verlangsamtem Tempo und mit religiöser Getra- genheit einen Teil des von englischen Armeekapel- len^oft gespielten Marsches „Das Schloß von Dover" als diese Nationalhymne vorzutragen.
Der Sultan folgte sichtlich mit Andacht dieser ihn ehrenden musikalischen Darbietung und gab seiner Befriedigung mit den Worten „bunga, bunga!" Ausdruck, die zwar niemand verstand, aber in dem genannten Sinne gedeutet werden durften. Einige Tage später erfuhr man, daß man einem schwarzen Hochstapler aufgesessen war, und sofort wurde der Marsch „Das Schloß von Dover" in „Bunga- Bunga" umgetauft, unter welcher Bezeichnung' er auch heute noch in der englischen Marine bekannt ist.
Hochflut in Hochzeitsreisen.
(ad) N o m.
Die italienischen Staatsbahnen hatten kürzlich einen eigenartigen Rekord zu verzeichnen: der Schnellzug Mailand—Rom beförderte nicht weniger als 14 hochzeitsreisende Paare, die von der Fahrpreisermäßigung nach Nom Gebrauch machten, die bekanntlich für Hochzeitsreisende ganze 80 Prozent beträgt. In Italien ist es üblich, daß bei Hochzeiten weißverzuckerte Mandeln in Mengen vertilgt und allen Hochzeitsgäften zum Geschenk gemacht werden. So erklärt es sich, daß man im Schnellzug Mailand—Nom ein allgemeines Knirschen, Knacken und Kauen des beliebten weißen Hochzeitskonfekts wahrnehmen konnte, das von den glücklichen Paaren an die Mitreisenden und o.n das Zugpersonal verteilt worden war. Eine hübsche Neuvermählte hatte sogar bem Billettschaffner ein Paket Konfekt überreicht, das ein Viertelpfund wog. Die 14 Paare waren alle italienischen Geblüts, aber auch die Ausländer machen immer mehr Gebrauch von diesem Vorrecht, das sich auch auf sie erstreckt. Bedingung ist, daß sie nicht länger als 15 Tage des Ehestandes hinter sich haben, daß das betreffende Zeugnis vom italienischen Konsul ihres Wohnorts visiert ist, und daß sie die Fahrkarten an der italienischen Grenze, in der Hafenstadt ihrer Landung ober am Bahnhof erstehen, der dem Lusthafen ihrer Landung in Italien am nächsten liegt.
Zlijas Lpucknaps.
(kl) Belgrad.
Jlija war Barbier und ging mit der Kultur. Daher stellte er einen Spucknapf in seinen Laden. Er war sehr stolz darauf und verfehlte nicht, die Kunden bei passender Gelegenheit auf feine Errungenschaft hinzuweisen. Mit Befriedigung sah der Barbier, daß der Napf von den Kunden immer häufiger in Anspruch genommen wurde. Eines Tages aber gab es fürchterlichen Krach. Der Lehrstmge hatte den Napf ebenfalls benützt und Jlijas ließ feinen von Seifenschaum umwölkten Gast im Stich und gab dem aufheulenden Jungen zwei knallende Ohrfeigen: „Du Bengel", stieß er mit zornbebender Stimme hervor, „ich werde dich lehren, den Napf zu benützen. Der Napf ist für Herrschaften da, verstehst
du, für Herrschaften! Du, wenn du spucken willst, spuck auf den Boden ..."
Das Testament der Taubstummen.
(—s—r.) Oslo.
Das Drontheimer Landgericht hatte sich in diesen Tagen mit dem Testament einer taubstummen, begüterten, des Lesens und Schreibens unkundigen Dame zu beschäftigen, die ihren gesetzlichen Erben nur ibas Pflichtteil hinterlassen hatte. Alles übrige hatten biedere Landleute erhalten, frei denen die Verstorbene, infolge ihres Gebrechens gegenüber ihr^r eigenen Sippe mißtrauisch geworden, ihren Lebensabend verbracht hatte. Die Erben fochten nun das Testament an mit der Begründung, daß es, entgegen den geltenden Vorschriften, der Erblasserin nicht vorgelesen worden sei, deren Zurechnungsfähigkeit im übrigen angezweifelt werden müsse. Nach wochenlangem Durchforschen der einschlägigen Gesetzgebung und nach Befragung erster Kapazitäten wurde nun entschieden, daß von einer Unzurechnungsfähigkeit der Erblasserin keine Rede sein könne, weil sie selber in dem Testament erklärt habe, daß sie davon absehen wolle, sich das Testament oorlefen zu lassen. Als Taube und Stumme könne sie ja doch nichts begutachten. Diese sehr vernünftigen Worte der Erblasserin, also entschied der Drontheimer Richter, bewiesen vollauf die volle Zurechnungsfähigkeit der reichen Erbtante, denn ein Verlesen von Testamenten taubstummer Erblasser sei eben nichts mehr und nichts weniger als eine Komödie ... Womit die schlecht bedachten Erbneffen und Evbnichten sich vorläufig abfinden müssen, bis die letzte Instanz, nämlich das höchste Gericht in Oslo, nun seinen Spruch gefällt haben wird ... Das norwegische Parlament aber wird auf jeden Fall jetzt das Erbschaftsgesetz mit einem neuen Paragraphen bereichern müssen, wobei dem oben ausgeführten Sonderfall zwecks Vermeidung ähnlicher Zwistigkeiten Rechnung zu fragen ist, wie ein bekannter norwegischer BGB.-Kommenfator sehr richtig ausführt.
Shakespeare in Indien.
(k) Bombay.
Herr Ba-Bu Rajmu-Kar Das, indischer Priester in Kalkutta, bekannte sich zur englischen Kultur. Leider zu (aut. In einem öffentlichen Park spazierend, beschäftigte er sich mit seinem Shakespeare-Studium und sagte einige Stellen laut vor sich hin. Ein Schupo widmete seine volle Aufmerksamkeit dem wandernden „Lautsprecher", schnappte einige Zitat- Brocken auf und zeigte den Priester prompt an wegen Erregung öffentlichen Aergemisses.
Bei der Verhandlung vor dem Polizeischnellrichter wurde Ba-Bu Rajmu-Kar Das zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.
Daraufhin zitterte er abermals Shakespeare.
Und bekam infolgedessen noch eine Geldstrafe in Höhe von fünf Rupien aufgebrummt.
Armer Shakespeare! ...
Das verhexte Telefon.
(w) Stockholm.
UeberaK in den nordischen Ländern erfreut sich der Fernsprecher besonderer Verbreitung, am stärksten jedoch ist das Telefonnetz zweifellos in Schweden ausgebaut. Umso unangenehmer dann, wenn das großzügig ausgebaute Netz aus geheimnisvollen Gründen gestört ist. Normalerweise sorgt die Telefongesellschaft, die amtliche oder die private — denn beide leben in Schweden friedlich nebeneinander, blühen und gedeihen — für Beseitigung der Störung. Dieser Tage aber ereignete sich in einem Vorort von Stockholm eine Massenstörung von beträchtlichem Ausmaß. Keiner der verlangten Anschlüsse kam richtig zustande, immer erhielt der Anrufende einen Teilnehmer, den er durchaus nicht sprechen wollte. Die Gesellschaft, bei der die Beschwerden waschkörbeweise einliefen, ließ die Der» mittlungsstelle genau überwachen, aber es blieb bei dem unheilvollen Zustande. Wohl konnte nachge- wiesen werden, daß die Verbindung richtig berge* stellt wurde, aber sie Tarn dennoch falsch zustande. Woran konnte bas liegen? Alles mögliche wurde untersucht und unternommen, bis ein ganz Mißtrauischer unter den Fernsprechtechnikern auf öeriJj


