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05/11/1932 Erstes Blatt
 
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Und auf dem Schachbrett der Abrüstungskämpfe be­deutet der Plan: Anerkennung der deut­schen Gleichberechtigung. Das deutsche Nein" hat erreicht, daß Frankreich keinen Wi­tz e r s p r u ch gegen das Prinzip unserer Forderung mehr erhebt! Zum erstenmal geht ein französischer Ministerpräsident von dem Standpunkt ab, der V. Teil des Versailler Vertrags müsse bei allen Abrüstungs- gesprächen rpnberührt bleiben! Klar, das; damit noch nicht alles erreicht ist. Denn nun ist die Frage, ob die Bedingungen des Plans, der nur als Ganzes so sagte Herriot anzunehmen oder abzulehnen sei, nicht diesen Fortschritt einfach wertlos machen. Einzelnes stellt sich ja gleich auf den elften Blick als unmöglich dar. Aber sehr richtig hat die deut­sche Regierung in dem Plan Verhandlungsmöglich- feiten zu sehen erklärt. Ob Derständigungsmöglich- keiten, das steht noch dahin. Aber über diese Ideen zu sprechen, die wahrhaftig nicht einfach klischeemäßig abzuiüachen sind, dem kann und wird Deutschland nicht ausweichen.

Iedoch nun weiter: Man sieht dem Plan an, Laß er wesentlich kontinentaleuropäisch gedacht ist. Wie nehmen ihn England und Nordamerika auf, nach der Rüstungsseite und nach der Seite des zur Sicherung zu schaffenden Vertragsnehes? Leicht für die angelsächsischen Mächte, solche Garantiewünsche in bezug auf kon­tinentaleuropäische Konfliktsfälle abzuweisen, aber beide wünschten, daß Frankreich einem Flottenpakt beiträte. Namentlich England wünscht das. So verknüpfen sich die beiden Ge­biete und in den Mittelpunkt ^ückt dann leicht in Paris wieder der Gedanke: Frankreichs Entgegen­kommen in der Seeabrüstungsfrage, ohne das ein Flottenpakt der fünf Seemächte nicht möglich ist, solle ihm bezahlt werden durch Erfüllung se iner Sicherheitswünsche, wie sie eben jetzt durch Herriots Plan vorbereitet sind., Und besser vorbereitet, wie man hinzufügen muß, als jemals früher, namentlich als 1930 und weiter als 1928 mit Driands ähnlichem aber allgemeine­rem Vorschlag an die Vereinigten Staaten, den bann Kellogg so geschickt parierte. Man sieht: es ist ein sehr verwickeltes Gewebe, in dem am sichersten ihrer Sache, ihrer Absichten die fran­zösische Politik ist.

Wie wir also immer wieder sagen: der Ab­rüstungskampf in diesem Winter ist nicht mit der deutschen Forderung schlechthin erledigt. Er er­fordert eine gespannte Aufmerksamkeit der deut­schen Politik und ein fortwährendes, ge­schicktes Sich-Einschalten, das vorzei­tige und gefährliche Bindungen vermeidet, aber gleichgerichtete Interessen sich gewinnt. Es liegt auf der Hand, was dafür eine richtig angelegte deutsche Politik sowohl mit Rußland wie mit den Vereinigten Staaten bedeutet, und wie zugleich auch Japans nicht leichte Posi­tion uns von Vorteil sein kann. Es heißt also hier wirklichgroße" Politik machen, ohne Lärm und große Erklärungen nach außen, aber zäh, still und des Zieles sicher!

Rußland begeht am 7. November den 15. Gedenktag der, wie man es ausdrückt, Ergreifung der Macht durch die Bolschewiken. Damals hat niemand geglaubt, daß sie eine kurze Zeit überdguern werde. Heute steht die Geschichte eines halben Menschenalters hinter der Sowjetunion. Sie beginnt den zweiten Fünfjahr plan. Sie steht in schwerer Sorge um die Ernährungsfrage, die wiederum zu Span­nungen zwischen Stadt und Land, zwischen Staat und Bauern geführt hat. Aber Stalin be­hauptet sich nach wie vor.

In der Außenpolitik hat Rußland keine schlechte Position. Im Westen hat es das System der Nichtangriffspakte, sogar mit Polen, erreicht. Der mit Frankreich scheint nur noch eine Frage kurzer Zeit und wenn dann schließ­lich der mit Rumänien offen bleibt, ist das für Rußland kein älnglüd. Dann ist Rumänien, an sich schon schwach und auf schwankendem Boden, keine Gefahr. Im Fernen Osten wieder ist einziges Ziel Rußlands, den F r i e - d e n zu erhalten, aber die fernöstliche Position nicht zu verlieren. Das Spiel zwischen Japan und Amerika, das wiederum nach Europa über­greift, durch die Verbindungen Englands und Frankreichs mit dem Fernen Osten und über den Völkerbund, erleichtert Rußland von Monat zu Monat mehr seine Stellung. Die russische Außenpolitik ist zurückhalte nd und ruhig, aber sie ist bereit, auf allen Tischen zu spielen, die sich ihr bieten. Geht es nicht mit Amerika, was ihr lieber wäre, so geht es mit Iapan.

Daß diese Tatsache auch ganz kühl und sicher in unsere Erwägungen, wie die deut» s ch e Außenpolitik in den nächsten Monaten zu paktieren habe, eingesetzt werden muh, bedarf keines Wortes!

Neuer Anlauf im Preußenlandtag.

Die Wahl eines Ministerpräsidenten wieder auf der Tagesordnung.

Berlin, 5. Nov. (Bdz.) Bereits in der kommen­den Woche, unmittelbar nach der Reichstagsroahl, wird die parlamentarische Tätigkeit im Preußischen Landtag wieder ausge­nommen. In parlamentarischen Kreisen glaubt man damit rechnen zu können, daß beschleunigt die Besprechungen über die Neuwahl eines preußischen Mini st erpräf identen wie­der aufgenommen werden. Sowohl von national sozialistischer, wie von Zentrumsseite ist der Wunsch laut geworden, anstelle des gegenwärtigen Zwischen- zustandes mit dem Vorhandensein einer lediglich ge- schäftsführenden Regierung und einem Reichskom- missar so rasch wie möglich wieder den Normalzustand einer vom Landtag durch Wahl des Ministerpräsidenten eingesetzten Staats­

regierung herbeizuführen. Es hat den Anschein, als ob die in Frage kommenden Parteien versuchen wollen, bereits auf die Tagesordnung der ersten Plenarsitzung des Landtags nach der Reichstagswahl die Neuwahl des Ministerpräsi­denten zu setzen. Lantztagspräsitzent Kerrl, der als einer der maßgebenden nationalsozialistischen Unterhändler zu betrachten ist, ist bereits wieder in Berlin eingetroffen.

Kein Bündniekangeboi papenS an Frankreich.

Berlin, 4. Nov. (CNB. Amtlich.) ImVöl­kischen Beobachter" vom 4. November wird unter der UebevjchriftAn Frankreich wurde das Angebot eines Militärbündnisses ge­macht!" behauptet,Reichskanzler v. Papen hat Frankreich die Hand ausgeftreckt mit dem Vorschlag eines Militärabkommens". Weiter veröffentlicht das Blatt angebliche Einzelheiten dieses Vorschlages und behauptet außerdem, der Großindustrielle Arnold Rech berg habeim Anschluß an eine längere Konferenz im Reichskanzlerpalais" über diese angeb­lichen Pläneaufsehenerregende Aeußerungen" ge­macht.

Diese Behauptungen sind, wie von zuständiger Stelle erklärt wird, von Anfang bis zu Ende unwahr. Reichskanzler v. Papen hat Frankreich weder direkt noch indirekt den Vorschlag eines Militärab'kommens gemacht. Er hat auch mit dem Großindustriellen Arnold R e ch b e r g weder im Reichskanzlerpalais, noch an anderer Stelle eine Konferenz gehabt und auch nicht durch Mit­telsleute mit Arnold Rechberg in Verbindung gestanden.

Der deutschnationale Parteiführer Dr. Hugenberg erklärt, an systematischen Fälschungen von Nationalsozialisten seien u. a. folgende nachgewiesen: Fälschung eines an­geblichen Rundschreibens des Zentralvereins deut­scher Staatsbüraer jüdischen Glaubens vom 19. Oktober, das auffordert, deutschnational zu wäh­len. (Durch eidesstattliche Erklärung widerlegt.) Gefälschtes Flugblatt, das behauptet, Hugenberg sei 1917 im Auftrage von Freimaurerlogen in Genf gewesen, um Friedensangebot zu sabo­tieren. Hugenberg erklärt, er sei im Kriege nie außerhalb des deutschen Hoheitsgebietes gewesen und habe nie mit Logen in Beziehung gestanden.

Die Grüne Front zur Kontingentierung.

Berlin, 4. Nov. (TU.) Die Grüne Front hat an den Reichkanzler folgendes Telegramm ge­richtet: Der gestrige Beschluß des Reichskabinetts, die Entscheidung über die zugesagte landwirtschaft­liche Kontingentierung wiederum hinauszu- schieben, beschwört erneut große Gefahren für die Existenzfähigkeit der deutschen landwirtschaft­lichen Edelerzeugnisse, sowie der Forstwirtschaft her­auf. Die Absatzmöglichkeiten der wichtigsten bäuerlichen Betriebe Deutschlands werden täglich wachsend durch eine Auslandeinfuhr bedroht, die trotz Senkung der deutschen Verbraucherkauf- krast noch immer im Zunehmen begriffen ist. Jeder Tag, um den die Erfüllung der der Landwirtschaft gegebenen Zusagen hinausgezögert wird, bringt neue bäuerliche Betriebe zum Erliegen und fügt damit der Landwirtschaft wie dem gesamten Volke unermeßlichen Schaden zu. Für eine Besserung der Adsatzverhältnisse für die deutschen Veredelungser­zeugnisse bildet die Kontingentierung mit ihrer Möglichkeit, die Auslandeinfuhr den deutschen Produktions- und Kaufkraftbedingungen anzupassen, die erste unerläßliche Voraussetzung. Nur die sofortige autonome Verwirklichung der be­reite seit langem tn Aussicht gestellten Maßnah­men wird der deutschen Landwirtschaft den Glauben erhalten können, daß hinter wiederholten Kontin- gentierungsversprechungen der ernste Wille steht, eine lebensfähige Landwirtschaft zum Wiederauf­bau der deutschen Volkswirtschaft zu schaffen.

gea.: Brandes. Fehr. Hermes. Kalckreuth.

Oie neue Aktion zur Stützung des Getreidepreises.

Berlin, 4. Nov. (WTB. Amtlich.) Der Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft ist vom Reichskabinett er- mächtigteund in den Stand gesetzt worden, mit beträchtlich verstärkten Mitteln und über den laufenden Bedarf an Eosincoggen hin­aus Roggen für längere Zeit aus dem Markt zu nehmen und dadurch einen Aus­gleich zwischen Angebot und Nach­frage auf angemessener Preishöhe zu schaffen. Das Entsprechende ist für Wei­zen geschehen. Die Aufkauftätigkeit wird in dem durch die natürliche Marktlage jeweils be­dingten Ausmaß langandauernd betrieben wer­den. Die bisher von der Landwirtschaft geübte Verkaufsdisziplin kann demnach mit voller Be­rechtigung durchgehalten werden.

Weitere Belebung des Kohlenmarktes

Essen, 4. Nov. Das Rheinisch-Westfälische Kohlen-Syndikat teilt mit: Der Ruhrkohlenmarkt hat sich im abgelaufenen Monat weiter be­lebt. Der Gesamtabsatz für Rechnung des Syn­dikats stellte sich nach den vorläufigen Ergeb­nissen im Oktober auf arbeitstäglich 178 000 Ton­nen gegen 150 000 Tonnen im September. Am stärksten war die Steigerung im unbestrittenen Gebiet, und zwar erhöhte sich hier der arbeits­tägliche Absatz von 76 000 Tonnen im Vormonat auf 87 000 Tonnen im Oktober. Dec Versand in das bestrittene Gebiet hob sich von 83 000 Ton­nen auf 91 000 Tonnen. Die Haldenbcstände auf den Zechen (einschließlich Koks und Briketts, in Kohle umgerechnet) waren Ende Oktober mit 8,8 Tonnen gegenüber dem Vormonat unver­ändert.

Aus aller Well.

Dr. Eckener zum Abschluß der Zeppelinfahrlen.

Or. Eckener gewährte Pressevertretern eine Unterredung und gab zum Abschluß tzer diesjähri­gen Fahrten einige Zahlen. Danach hat das Luft­schiffGraf Zeppelin" insgesamt 290 Fahrten mit 503 600 Km. in 5369 Stunden zu­rückgelegt, davon in diesem Jahre 58 Fahrten mit 180 780 Km. Es ergibt sich also wieder eine Durch- schnittsgeschwintzigkeit von 100 Km. je Stunde. Bei den 290 Fahrten wurden befördert 7495 Fahrgäste; 1932 betrug die Zahl der Fahrgäste 1218. An Post wurden befördert 2745 Kilogramm (960 750 Sen­dungen). An Fracht 2021 Kilogramm. Das Luft­schiff ist lllmal auf fremden' Plätzen mit ungeschul­tem Personal gelandet, hat 26mal den Aequator überflogen und 33 Ozeanüberquerungen durchge- führt. Von den 13 Südamerikafahrten wurden fünf bis Rio >de Janeiro ausgedehnt, wo sich ein größe­rer Zuspruch von Fahrgästen zeigte. Bei der letzten Fahrt wurden 18 Passagiere von Rio de Janeiro bzw. Pernambuco aus über den Ozean befördert. Das große Interesse der amerikanischen Geschäfts­welt an dem regelmäßigen Luftschiffverkehr zeigt sich durch die wachlende Zahl der angelieferten Post­sendungen. Für die letzte Fahrt lagen 30 Anmel­dungen von Fahrgästen vor, die jedoch nicht alle be­rücksichtigt werden konnten.

Gronau in Rom.

Der deutsche Weltflieger Wolfgang v. Gronau ist, einem Funkspruch zufolge, in Rom e i n ge­troffen. Damit haben die Flieger die letzte Etappe ihres Weltfluges erreicht. Der nächste Tagesflug bringt sie in die Heimat. Heber die Absicht des Wei­terfluges hat sich der Flieger noch nicht geäußert. Die Wasserung Gronaus, der in Athen gestartet mar, erfolgte im Flughafen von Ostia bei Rom. Zum Empfang ber deutschen Besatzung hatte sich der italienische Luftfahrtminister Balbo mit zahl­reichen höheren Offizieren eingefunben, ferner der deutsche Geschäftsträger, Botschaftsrat S m e n d, und viele Angehörige der deutschen Kolonie. Die Begrüßung zwischen Baldo und v. Gronau gestal­tete sich äußerst herzlich. Bei einem kleinen Imbiß brachte der italienische Minister einen warmen Trinkspruch auf Gronau, den erunseren Meister" nannte, und auf die deutsche Luftfahrt aus. Anschlie­ßend begab er sich mit der deutschen Besatzung nach Rom, um sie Mussolini persönlich vorzustellen. Wie Gronau berichtet, war ber Flug nach Rom eine der schönsten Etappen des Flugunternehmens, das auf etwa 300 Stunden reiner Flugzeit und 45 000 Km. Flugstrecke geschätzt werden darf.

Einekalte Ueberraschung" für Llly Beinhorn.

Deutsche Studenten der Universität Sydney (Australien), die Elly B e i n h o r n für ihre Flug- Desuche ihren Dank besonders sinnvoll abstatten

wollten, haben einen originellen Einfall verwirk­licht. Von allen australischen Flugplätzen, die Elly Beinhorn berührte, hat jeder der Studenten eine seltene Blume besorgt. An der älniverfität Sidney wurden sie dann in einem riesigen Cisblock einge­froren. Dieses eisige, sechs Zentner schwere Bukett wurde auf einem Dampfer der Rhenania-Ossag nach Deutschland geschafft und traf dieser Tage im Rhenania-Ossag Haus ein, wo es von Elly Beinhorn dankbar bewundert wurde. Schon beginnt sich die eisige Hülle zu lösen und bald wird Elly Beinhorn die kostbaren Blumen und den ebenfallseingefrorenen" geschriebenen Brief in Empfang nehmen können. In große Ver­legenheit gerieten übrigens die Zollbeamten, die diese merkwürdige Sendung erst mit 900 Mk. ver­zollen wollten, sich aber dann doch mit 15 Mark begnügten.

Mißglückter

Fallschirmabsprung vom Berliner Funkturm.

Der 35jährige Erfinder Willi Warburg aus Hannover sprang mit einem Fallschirm eigener Er­findung von der ober st en Plattform des Berliner Funkturms in die Tiefe. Der Fall­schirm entfaltete sich jedoch nicht, und Warburg fiel auf die Rasenfläche am Fuße des Funkturms. Er hat schwere Verletzungen davongetragen und wurde sofort ins Krankenhaus Westend über­geführt. Wie verlautet, hat Warburg den Absprung durchgeführt, ohne bei den zuständigen Stellen eine Erlaubnis hierfür einzuholen.

Der Kanal Weihes MeerOstsee fertiggestellt.

Wie aus Moskau amtlich mitgeteilt wird, ist der Dau des vor etwa einem Iahr begonnenen Kanals, der das Weiße Meer mit der Ostsee verbindet, in diesen Taigen fertig- gestellt worden. Die Länge der neuen Wasser­straße beträgt 226 Kilometer. In der amtlichen Mitteilung wird hervorgehoben, daß sein Dau in einer sagenhaft kurzen Zeit", nämlich genau genommen in 300 Tagen, vollendet werden konnte, während am Panama-Kanal, der nut 82 Kilo­meter lang ist, neun Iahre gebaut worden sei. Da der Wasserspiegel der in das Kanalsystem einbezogenen Flüsse einander angeglichen wer­den, Dämme und Schleusen errichtet und um­fangreiche Erdarbeiten gemacht werden mußten, wird die Leistung der Sowjet-Intzenieure beson­ders hervorgehoben. Der Kanal umfaßt neun­zehn Schleusen, der Damm bei Dubrowo ist 3,5 Kilometer lang. Der Kanal führt vom Hafen Soroki am Weißen Meer über den Fluß Wyga, den Wygsee, den Fluß Teleksinka, den Onega- See, den Fluß Swir und über den Ladoga-See sowie die Newa nach der Ostsee.

Aus der proviuzialhaupifiadi.

Gießen, den 5. November 1932.

Reformationsfest.

Der 300jährige Todestag des Königs Gustav Adolf von Schweden fällt in diesem Iahre mit dem Reformationsfest zusammen. Diese Te- ziehung ist rein äußerer Llrt, aber es ist eine merkwürdige Fügung, daß der Schweöenkönig die Güter verteidigt hat, auf die der evangelische Christ am Reformationsfeste sich besinnt. Der deutsche Protestantismus war im Iahre 1630 auf das schwerste bedroht, durch den beispiellosen Sie­geszug Gustav Adolfs ist sein Untergang verhin­dert worden. Selten hat der Kriegsruhm so sehr die Fahne eines Heeres umflattert, als das in den Iahren 1630 bis 1632 mit dem schwedischen Heere der Fall war. Als ein Wunder erschienen das Heer und sein Führer den damals Lebenden. Alte Dibelworte bezog man auf den König, so das Wort des Propheten Iesaia:Von Mitternacht kommt ein Rauch, und ist kein Einsamer mehr in seinen Gezeiten." Man nannte den König denLö­wen aus Mitternacht", und der Schrecken flog vor ihm her bis nach Wien, der Königsstadt der Habs­burger.

Iedes mannhafte und zukunftsfrohe Volk ver­langt nach Helden, zu denen es in schweren Ta­gen aufschauen kann. Gustav Adolf ist der Held der Evangelischen und nicht nur derer, die in der Zeit des großen Krieges lebten. Aber er war nicht nur ein Kriegsheld, er war auch eine seine Zeit­genossen religiös und sittlich weit überragende Persönlichkeit. In seltener Weise und in reiner Ausprägung ist in dem nordischen Könige das Christentum, das in Martin Luther lebte, zur Geltung gekommen. Don seinem Gottvertrauen und feiner Demut zeugen viele seiner Worte. Dor der Schlacht bei Dreitenfeld sprach er:Wir ha­ben einen mächtigen Feind vor uns, aber auf un­serer Seite ist die gute Sach?. Wir streiten nicht für zeitliche Güter, sondern für Gottes ^yte, für unseren Glauben." Martin Luther hat das deut­sche Volk zur Treue im Dexufe und zur Gewissen­haftigkeit den Nebenmenschen gegenüber erzogen. Diese Willensrichtung tritt rein und klar in einem Briese zutage, den der König am 4. Dezem­ber 1630 zu Gollnow in Pommern an seinen Kanz­ler Oxenstiem richtete. Damals schrieb er:

Da der Schlachtenausgang um unserer Sünden willen ungewiß ist und ungewiß auch des Men­schen Lebenslänge, so ermahne ich Euch und bitte um Christi willen, daß Ihr, wenn nicht alles nach Wunsch ginge, den Mut nicht sinken, Euch mein Andenken und der Meinen Wohlfahrt auf das beste befohlen sein laßt und gegen mich und die Meinen so handelt, wie Ihr wünscht, daß Gott gegen Euch und die Euern handeln möge

und wie ich gegen Euch handeln werde, wenn Gott mich am Leben läßt. Ich habe nun zwanzig Iahre lang mit vieler Beschwerde, doch Gott sei Dank auch mit vieler Ehre unser Vaterland und alle seine Bewohner geliebt, geehrt und für ihre Ehre, Leib, Gut und gute Tage nichts geachtet. Ich habe auch in der Welt keinen anderen Schah gesucht als den, die Pflicht des Amtes zu erfüllen, das mir Gott gegeben hat." In dem Manne, der im Kriegs- und Lagerleben groß geworden war, war ein Gemütsleben von großer Innigkeit. Als er nach Deutschland in den Krieg zog, rief er seinen Reichstag nach Stockholm und nahm von seinen Getreuen rühren­den Abschied. Er rief Gott zum Zeugen an, daß er diesen Krieg nicht aus Kriegslüsten beginne, der Kaiser zwinge ihn und die Not der Glau­bensgenossen. Der König dachte an die Möglich­keit seines nahen Todes, befahl Gott feine Seele und gab der Hoffnung Ausdruck,daß wir nach diesem elenden und mühsamen Leben bei Gott uns wiederfinden mögen im himmlischen und un­vergänglichen Leben".

Den Bürgern wünschte er, daß sich ihre Hütten in Steinhäuser, ihre kleinen Boote in große Schiffe wandeln, daß ihnen Del und Korn nie ausgehen möchten. Den Bauern wünschte er, daß ihre Wiesen grünten, ihre Scheuern allezeit gefüllt seien und ihre Aecker tausendfältige Frucht trügen. Kurz vor seinem Tode traf er mit feiner Gattin in Erfurt zusammen, er nahm von ihr Abschied mit den Worten:Gott sei mit dir, er wird dein Schutz sein. Wir werden uns Wiedersehen, wenn nicht in diesem vergänglichen Leben, dann sonst in der ewigen Seligkeit." Herzenssache war dem Könige auch, wenn er in feinem Heere auf christliche Ordnung hielt. Man glaubt Luther mit seiner unvergleichlichen Erklärung der zehn Gebote zu hören, wenn man vernimmt, daß der König seinen Soldaten das Fluchen, Schwören, Lügen und Trügen verbot, daß er im Stand­quartier, im Feldlager, auch auf dem Marsche Gottesdienste und Betstunden veranstalten ließ und Raub. Diebstahl, auch sonstigen Frevel nicht duldete. Vollends ie.n Tod lat diesem nordischen Helden, den die Deutschen lieben wie einen der Ihren, die Gloriole auf das Haupt gesetzt.

Gustav Adolf war nichts weniger als ein Feind der katholischen Kirche. Wohin er kam, so in Mainz, hat er den katholischen Gottes­dienst und die katholische Religionsübung in keiner Weise gehemmt. So kam es, daß der Papst eine Trauermesse hielt, als er von dem Tode des Königs hörte. In Rom wußte man genau, daß allein Gustav Adolf den Habsburgischen Plänen, die auch dem Papste Gefahr brachten, widerstanden hatte. H. B.

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