Und auf dem Schachbrett der Abrüstungskämpfe bedeutet der Plan: Anerkennung der deutschen Gleichberechtigung. Das deutsche „Nein" hat erreicht, daß Frankreich keinen Witz e r s p r u ch gegen das Prinzip unserer Forderung mehr erhebt! Zum erstenmal geht ein französischer Ministerpräsident von dem Standpunkt ab, der V. Teil des Versailler Vertrags müsse bei allen Abrüstungs- gesprächen rpnberührt bleiben! Klar, das; damit noch nicht alles erreicht ist. Denn nun ist die Frage, ob die Bedingungen des Plans, der nur als Ganzes — so sagte Herriot — anzunehmen oder abzulehnen sei, nicht diesen Fortschritt einfach wertlos machen. Einzelnes stellt sich ja gleich auf den elften Blick als unmöglich dar. Aber sehr richtig hat die deutsche Regierung in dem Plan Verhandlungsmöglich- feiten zu sehen erklärt. Ob Derständigungsmöglich- keiten, das steht noch — dahin. Aber über diese Ideen zu sprechen, die wahrhaftig nicht einfach klischeemäßig abzuiüachen sind, dem kann und wird Deutschland nicht ausweichen.
Iedoch nun weiter: Man sieht dem Plan an, Laß er wesentlich kontinentaleuropäisch gedacht ist. Wie nehmen ihn England und Nordamerika auf, nach der Rüstungsseite und nach der Seite des zur Sicherung zu schaffenden Vertragsnehes? Leicht für die angelsächsischen Mächte, solche Garantiewünsche in bezug auf kontinentaleuropäische Konfliktsfälle abzuweisen, aber beide wünschten, daß Frankreich einem Flottenpakt beiträte. Namentlich England wünscht das. So verknüpfen sich die beiden Gebiete und in den Mittelpunkt ^ückt dann leicht in Paris wieder der Gedanke: Frankreichs Entgegenkommen in der Seeabrüstungsfrage, ohne das ein Flottenpakt der fünf Seemächte nicht möglich ist, solle ihm bezahlt werden durch Erfüllung se iner Sicherheitswünsche, wie sie eben jetzt durch Herriots Plan vorbereitet sind., Und besser vorbereitet, wie man hinzufügen muß, als jemals früher, namentlich als 1930 und weiter als 1928 mit Driands ähnlichem aber allgemeinerem Vorschlag an die Vereinigten Staaten, den bann Kellogg so geschickt parierte. Man sieht: es ist ein sehr verwickeltes Gewebe, in dem am sichersten ihrer Sache, ihrer Absichten die französische Politik ist.
Wie wir also immer wieder sagen: der Abrüstungskampf in diesem Winter ist nicht mit der deutschen Forderung schlechthin erledigt. Er erfordert eine gespannte Aufmerksamkeit der deutschen Politik und ein fortwährendes, geschicktes Sich-Einschalten, das vorzeitige und gefährliche Bindungen vermeidet, aber gleichgerichtete Interessen sich gewinnt. Es liegt auf der Hand, was dafür eine richtig angelegte deutsche Politik sowohl mit Rußland wie mit den Vereinigten Staaten bedeutet, und wie zugleich auch Japans nicht leichte Position uns von Vorteil sein kann. Es heißt also hier wirklich „große" Politik machen, ohne Lärm und große Erklärungen nach außen, aber zäh, still und des Zieles sicher!
Rußland begeht am 7. November den 15. Gedenktag der, wie man es ausdrückt, Ergreifung der Macht durch die Bolschewiken. Damals hat niemand geglaubt, daß sie eine kurze Zeit überdguern werde. Heute steht die Geschichte eines halben Menschenalters hinter der Sowjetunion. Sie beginnt den zweiten Fünfjahr plan. Sie steht in schwerer Sorge um die Ernährungsfrage, die wiederum zu Spannungen zwischen Stadt und Land, zwischen Staat und Bauern geführt hat. Aber Stalin behauptet sich nach wie vor.
In der Außenpolitik hat Rußland keine schlechte Position. Im Westen hat es das System der Nichtangriffspakte, sogar mit Polen, erreicht. Der mit Frankreich scheint nur noch eine Frage kurzer Zeit und wenn dann schließlich der mit Rumänien offen bleibt, ist das für Rußland kein älnglüd. Dann ist Rumänien, an sich schon schwach und auf schwankendem Boden, keine Gefahr. Im Fernen Osten wieder ist einziges Ziel Rußlands, den F r i e - d e n zu erhalten, aber die fernöstliche Position nicht zu verlieren. Das Spiel zwischen Japan und Amerika, das wiederum nach Europa übergreift, durch die Verbindungen Englands und Frankreichs mit dem Fernen Osten und über den Völkerbund, erleichtert Rußland von Monat zu Monat mehr seine Stellung. Die russische Außenpolitik ist zurückhalte nd und ruhig, aber sie ist bereit, auf allen Tischen zu spielen, die sich ihr bieten. Geht es nicht mit Amerika, was ihr lieber wäre, so geht es mit Iapan.
Daß diese Tatsache auch ganz kühl und sicher in unsere Erwägungen, wie die deut» s ch e Außenpolitik in den nächsten Monaten zu paktieren habe, eingesetzt werden muh, bedarf keines Wortes!
Neuer Anlauf im Preußenlandtag.
Die Wahl eines Ministerpräsidenten wieder auf der Tagesordnung.
Berlin, 5. Nov. (Bdz.) Bereits in der kommenden Woche, unmittelbar nach der Reichstagsroahl, wird die parlamentarische Tätigkeit im Preußischen Landtag wieder ausgenommen. In parlamentarischen Kreisen glaubt man damit rechnen zu können, daß beschleunigt die Besprechungen über die Neuwahl eines preußischen Mini st erpräf identen wieder aufgenommen werden. Sowohl von national’ sozialistischer, wie von Zentrumsseite ist der Wunsch laut geworden, anstelle des gegenwärtigen Zwischen- zustandes mit dem Vorhandensein einer lediglich ge- schäftsführenden Regierung und einem Reichskom- missar so rasch wie möglich wieder den Normalzustand einer vom Landtag durch Wahl des Ministerpräsidenten eingesetzten Staats
regierung herbeizuführen. Es hat den Anschein, als ob die in Frage kommenden Parteien versuchen wollen, bereits auf die Tagesordnung der ersten Plenarsitzung des Landtags nach der Reichstagswahl die Neuwahl des Ministerpräsidenten zu setzen. Lantztagspräsitzent Kerrl, der als einer der maßgebenden nationalsozialistischen Unterhändler zu betrachten ist, ist bereits wieder in Berlin eingetroffen.
Kein Bündniekangeboi papenS an Frankreich.
Berlin, 4. Nov. (CNB. Amtlich.) Im „Völkischen Beobachter" vom 4. November wird unter der Uebevjchrift „An Frankreich wurde das Angebot eines Militärbündnisses gemacht!" behauptet, „Reichskanzler v. Papen hat Frankreich die Hand ausgeftreckt mit dem Vorschlag eines Militärabkommens". Weiter veröffentlicht das Blatt angebliche Einzelheiten dieses Vorschlages und behauptet außerdem, der Großindustrielle Arnold Rech berg habe „im Anschluß an eine längere Konferenz im Reichskanzlerpalais" über diese angeblichen Pläne „aufsehenerregende Aeußerungen" gemacht.
Diese Behauptungen sind, wie von zuständiger Stelle erklärt wird, von Anfang bis zu Ende unwahr. Reichskanzler v. Papen hat Frankreich weder direkt noch indirekt den Vorschlag eines Militärab'kommens gemacht. Er hat auch mit dem Großindustriellen Arnold R e ch b e r g weder im Reichskanzlerpalais, noch an anderer Stelle eine Konferenz gehabt und auch nicht durch Mittelsleute mit Arnold Rechberg in Verbindung gestanden.
Der deutschnationale Parteiführer Dr. Hugenberg erklärt, an systematischen Fälschungen von Nationalsozialisten seien u. a. folgende nachgewiesen: Fälschung eines angeblichen Rundschreibens des Zentralvereins deutscher Staatsbüraer jüdischen Glaubens vom 19. Oktober, das auffordert, deutschnational zu wählen. (Durch eidesstattliche Erklärung widerlegt.) Gefälschtes Flugblatt, das behauptet, Hugenberg sei 1917 im Auftrage von Freimaurerlogen in Genf gewesen, um Friedensangebot zu sabotieren. Hugenberg erklärt, er sei im Kriege nie außerhalb des deutschen Hoheitsgebietes gewesen und habe nie mit Logen in Beziehung gestanden.
Die Grüne Front zur Kontingentierung.
Berlin, 4. Nov. (TU.) Die Grüne Front hat an den Reichkanzler folgendes Telegramm gerichtet: Der gestrige Beschluß des Reichskabinetts, die Entscheidung über die zugesagte landwirtschaftliche Kontingentierung wiederum hinauszu- schieben, beschwört erneut große Gefahren für die Existenzfähigkeit der deutschen landwirtschaftlichen Edelerzeugnisse, sowie der Forstwirtschaft herauf. Die Absatzmöglichkeiten der wichtigsten bäuerlichen Betriebe Deutschlands werden täglich wachsend durch eine Auslandeinfuhr bedroht, die trotz Senkung der deutschen Verbraucherkauf- krast noch immer im Zunehmen begriffen ist. Jeder Tag, um den die Erfüllung der der Landwirtschaft gegebenen Zusagen hinausgezögert wird, bringt neue bäuerliche Betriebe zum Erliegen und fügt damit der Landwirtschaft wie dem gesamten Volke unermeßlichen Schaden zu. Für eine Besserung der Adsatzverhältnisse für die deutschen Veredelungserzeugnisse bildet die Kontingentierung mit ihrer Möglichkeit, die Auslandeinfuhr den deutschen Produktions- und Kaufkraftbedingungen anzupassen, die erste unerläßliche Voraussetzung. Nur die sofortige autonome Verwirklichung der bereite seit langem tn Aussicht gestellten Maßnahmen wird der deutschen Landwirtschaft den Glauben erhalten können, daß hinter wiederholten Kontin- gentierungsversprechungen der ernste Wille steht, eine lebensfähige Landwirtschaft zum Wiederaufbau der deutschen Volkswirtschaft zu schaffen.
gea.: Brandes. Fehr. Hermes. Kalckreuth.
Oie neue Aktion zur Stützung des Getreidepreises.
Berlin, 4. Nov. (WTB. Amtlich.) Der Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft ist vom Reichskabinett er- mächtigteund in den Stand gesetzt worden, mit beträchtlich verstärkten Mitteln und über den laufenden Bedarf an Eosincoggen hinaus Roggen für längere Zeit aus dem Markt zu nehmen und dadurch einen Ausgleich zwischen Angebot und Nachfrage auf angemessener Preishöhe zu schaffen. Das Entsprechende ist für Weizen geschehen. Die Aufkauftätigkeit wird in dem durch die natürliche Marktlage jeweils bedingten Ausmaß langandauernd betrieben werden. Die bisher von der Landwirtschaft geübte Verkaufsdisziplin kann demnach mit voller Berechtigung durchgehalten werden.
Weitere Belebung des Kohlenmarktes
Essen, 4. Nov. Das Rheinisch-Westfälische Kohlen-Syndikat teilt mit: Der Ruhrkohlenmarkt hat sich im abgelaufenen Monat weiter belebt. Der Gesamtabsatz für Rechnung des Syndikats stellte sich nach den vorläufigen Ergebnissen im Oktober auf arbeitstäglich 178 000 Tonnen gegen 150 000 Tonnen im September. Am stärksten war die Steigerung im unbestrittenen Gebiet, und zwar erhöhte sich hier der arbeitstägliche Absatz von 76 000 Tonnen im Vormonat auf 87 000 Tonnen im Oktober. Dec Versand in das bestrittene Gebiet hob sich von 83 000 Tonnen auf 91 000 Tonnen. Die Haldenbcstände auf den Zechen (einschließlich Koks und Briketts, in Kohle umgerechnet) waren Ende Oktober mit 8,8 Tonnen gegenüber dem Vormonat unverändert.
Aus aller Well.
Dr. Eckener zum Abschluß der Zeppelinfahrlen.
Or. Eckener gewährte Pressevertretern eine Unterredung und gab zum Abschluß tzer diesjährigen Fahrten einige Zahlen. Danach hat das Luftschiff „Graf Zeppelin" insgesamt 290 Fahrten mit 503 600 Km. in 5369 Stunden zurückgelegt, davon in diesem Jahre 58 Fahrten mit 180 780 Km. Es ergibt sich also wieder eine Durch- schnittsgeschwintzigkeit von 100 Km. je Stunde. Bei den 290 Fahrten wurden befördert 7495 Fahrgäste; 1932 betrug die Zahl der Fahrgäste 1218. An Post wurden befördert 2745 Kilogramm (960 750 Sendungen). An Fracht 2021 Kilogramm. Das Luftschiff ist lllmal auf fremden' Plätzen mit ungeschultem Personal gelandet, hat 26mal den Aequator überflogen und 33 Ozeanüberquerungen durchge- führt. Von den 13 Südamerikafahrten wurden fünf bis Rio >de Janeiro ausgedehnt, wo sich ein größerer Zuspruch von Fahrgästen zeigte. Bei der letzten Fahrt wurden 18 Passagiere von Rio de Janeiro bzw. Pernambuco aus über den Ozean befördert. Das große Interesse der amerikanischen Geschäftswelt an dem regelmäßigen Luftschiffverkehr zeigt sich durch die wachlende Zahl der angelieferten Postsendungen. Für die letzte Fahrt lagen 30 Anmeldungen von Fahrgästen vor, die jedoch nicht alle berücksichtigt werden konnten.
Gronau in Rom.
Der deutsche Weltflieger Wolfgang v. Gronau ist, einem Funkspruch zufolge, in Rom e i n getroffen. Damit haben die Flieger die letzte Etappe ihres Weltfluges erreicht. Der nächste Tagesflug bringt sie in die Heimat. Heber die Absicht des Weiterfluges hat sich der Flieger noch nicht geäußert. — Die Wasserung Gronaus, der in Athen gestartet mar, erfolgte im Flughafen von Ostia bei Rom. Zum Empfang ber deutschen Besatzung hatte sich der italienische Luftfahrtminister Balbo mit zahlreichen höheren Offizieren eingefunben, ferner der deutsche Geschäftsträger, Botschaftsrat S m e n d, und viele Angehörige der deutschen Kolonie. Die Begrüßung zwischen Baldo und v. Gronau gestaltete sich äußerst herzlich. Bei einem kleinen Imbiß brachte der italienische Minister einen warmen Trinkspruch auf Gronau, den er „unseren Meister" nannte, und auf die deutsche Luftfahrt aus. Anschließend begab er sich mit der deutschen Besatzung nach Rom, um sie Mussolini persönlich vorzustellen. — Wie Gronau berichtet, war ber Flug nach Rom eine der schönsten Etappen des Flugunternehmens, das auf etwa 300 Stunden reiner Flugzeit und 45 000 Km. Flugstrecke geschätzt werden darf.
Eine „kalte Ueberraschung" für Llly Beinhorn.
Deutsche Studenten der Universität Sydney (Australien), die Elly B e i n h o r n für ihre Flug- Desuche ihren Dank besonders sinnvoll abstatten
wollten, haben einen originellen Einfall verwirklicht. Von allen australischen Flugplätzen, die Elly Beinhorn berührte, hat jeder der Studenten eine seltene Blume besorgt. An der älniverfität Sidney wurden sie dann in einem riesigen Cisblock eingefroren. Dieses eisige, sechs Zentner schwere Bukett wurde auf einem Dampfer der Rhenania-Ossag nach Deutschland geschafft und traf dieser Tage im Rhenania-Ossag Haus ein, wo es von Elly Beinhorn dankbar bewundert wurde. Schon beginnt sich die eisige Hülle zu lösen und bald wird Elly Beinhorn die kostbaren Blumen und den ebenfalls „eingefrorenen" geschriebenen Brief in Empfang nehmen können. In große Verlegenheit gerieten übrigens die Zollbeamten, die diese merkwürdige Sendung erst mit 900 Mk. verzollen wollten, sich aber dann doch mit 15 Mark begnügten.
Mißglückter
Fallschirmabsprung vom Berliner Funkturm.
Der 35jährige Erfinder Willi Warburg aus Hannover sprang mit einem Fallschirm eigener Erfindung von der ober st en Plattform des Berliner Funkturms in die Tiefe. Der Fallschirm entfaltete sich jedoch nicht, und Warburg fiel auf die Rasenfläche am Fuße des Funkturms. Er hat schwere Verletzungen davongetragen und wurde sofort ins Krankenhaus Westend übergeführt. Wie verlautet, hat Warburg den Absprung durchgeführt, ohne bei den zuständigen Stellen eine Erlaubnis hierfür einzuholen.
Der Kanal Weihes Meer—Ostsee fertiggestellt.
Wie aus Moskau amtlich mitgeteilt wird, ist der Dau des vor etwa einem Iahr begonnenen Kanals, der das Weiße Meer mit der Ostsee verbindet, in diesen Taigen fertig- gestellt worden. Die Länge der neuen Wasserstraße beträgt 226 Kilometer. In der amtlichen Mitteilung wird hervorgehoben, daß sein Dau „in einer sagenhaft kurzen Zeit", nämlich genau genommen in 300 Tagen, vollendet werden konnte, während am Panama-Kanal, der nut 82 Kilometer lang ist, neun Iahre gebaut worden sei. Da der Wasserspiegel der in das Kanalsystem einbezogenen Flüsse einander angeglichen werden, Dämme und Schleusen errichtet und umfangreiche Erdarbeiten gemacht werden mußten, wird die Leistung der Sowjet-Intzenieure besonders hervorgehoben. Der Kanal umfaßt neunzehn Schleusen, der Damm bei Dubrowo ist 3,5 Kilometer lang. Der Kanal führt vom Hafen Soroki am Weißen Meer über den Fluß Wyga, den Wygsee, den Fluß Teleksinka, den Onega- See, den Fluß Swir und über den Ladoga-See sowie die Newa nach der Ostsee.
Aus der proviuzialhaupifiadi.
Gießen, den 5. November 1932.
Reformationsfest.
Der 300jährige Todestag des Königs Gustav Adolf von Schweden fällt in diesem Iahre mit dem Reformationsfest zusammen. Diese Te- ziehung ist rein äußerer Llrt, aber es ist eine merkwürdige Fügung, daß der Schweöenkönig die Güter verteidigt hat, auf die der evangelische Christ am Reformationsfeste sich besinnt. Der deutsche Protestantismus war im Iahre 1630 auf das schwerste bedroht, durch den beispiellosen Siegeszug Gustav Adolfs ist sein Untergang verhindert worden. Selten hat der Kriegsruhm so sehr die Fahne eines Heeres umflattert, als das in den Iahren 1630 bis 1632 mit dem schwedischen Heere der Fall war. Als ein Wunder erschienen das Heer und sein Führer den damals Lebenden. Alte Dibelworte bezog man auf den König, so das Wort des Propheten Iesaia: „Von Mitternacht kommt ein Rauch, und ist kein Einsamer mehr in seinen Gezeiten." Man nannte den König den „Löwen aus Mitternacht", und der Schrecken flog vor ihm her bis nach Wien, der Königsstadt der Habsburger.
Iedes mannhafte und zukunftsfrohe Volk verlangt nach Helden, zu denen es in schweren Tagen aufschauen kann. Gustav Adolf ist der Held der Evangelischen und nicht nur derer, die in der Zeit des großen Krieges lebten. Aber er war nicht nur ein Kriegsheld, er war auch eine seine Zeitgenossen religiös und sittlich weit überragende Persönlichkeit. In seltener Weise und in reiner Ausprägung ist in dem nordischen Könige das Christentum, das in Martin Luther lebte, zur Geltung gekommen. Don seinem Gottvertrauen und feiner Demut zeugen viele seiner Worte. Dor der Schlacht bei Dreitenfeld sprach er: „Wir haben einen mächtigen Feind vor uns, aber auf unserer Seite ist die gute Sach?. Wir streiten nicht für zeitliche Güter, sondern für Gottes ^yte, für unseren Glauben." Martin Luther hat das deutsche Volk zur Treue im Dexufe und zur Gewissenhaftigkeit den Nebenmenschen gegenüber erzogen. Diese Willensrichtung tritt rein und klar in einem Briese zutage, den der König am 4. Dezember 1630 zu Gollnow in Pommern an seinen Kanzler Oxenstiem richtete. Damals schrieb er:
„Da der Schlachtenausgang um unserer Sünden willen ungewiß ist und ungewiß auch des Menschen Lebenslänge, so ermahne ich Euch und bitte um Christi willen, daß Ihr, wenn nicht alles nach Wunsch ginge, den Mut nicht sinken, Euch mein Andenken und der Meinen Wohlfahrt auf das beste befohlen sein laßt und gegen mich und die Meinen so handelt, wie Ihr wünscht, daß Gott gegen Euch und die Euern handeln möge
und wie ich gegen Euch handeln werde, wenn Gott mich am Leben läßt. Ich habe nun zwanzig Iahre lang mit vieler Beschwerde, doch Gott sei Dank auch mit vieler Ehre unser Vaterland und alle seine Bewohner geliebt, geehrt und für ihre Ehre, Leib, Gut und gute Tage nichts geachtet. Ich habe auch in der Welt keinen anderen Schah gesucht als den, die Pflicht des Amtes zu erfüllen, das mir Gott gegeben hat." In dem Manne, der im Kriegs- und Lagerleben groß geworden war, war ein Gemütsleben von großer Innigkeit. Als er nach Deutschland in den Krieg zog, rief er seinen Reichstag nach Stockholm und nahm von seinen Getreuen rührenden Abschied. Er rief Gott zum Zeugen an, daß er diesen Krieg nicht aus Kriegslüsten beginne, der Kaiser zwinge ihn und die Not der Glaubensgenossen. Der König dachte an die Möglichkeit seines nahen Todes, befahl Gott feine Seele und gab der Hoffnung Ausdruck, „daß wir nach diesem elenden und mühsamen Leben bei Gott uns wiederfinden mögen im himmlischen und unvergänglichen Leben".
Den Bürgern wünschte er, daß sich ihre Hütten in Steinhäuser, ihre kleinen Boote in große Schiffe wandeln, daß ihnen Del und Korn nie ausgehen möchten. Den Bauern wünschte er, daß ihre Wiesen grünten, ihre Scheuern allezeit gefüllt seien und ihre Aecker tausendfältige Frucht trügen. Kurz vor seinem Tode traf er mit feiner Gattin in Erfurt zusammen, er nahm von ihr Abschied mit den Worten: „Gott sei mit dir, er wird dein Schutz sein. Wir werden uns Wiedersehen, wenn nicht in diesem vergänglichen Leben, dann sonst in der ewigen Seligkeit." Herzenssache war dem Könige auch, wenn er in feinem Heere auf christliche Ordnung hielt. Man glaubt Luther mit seiner unvergleichlichen Erklärung der zehn Gebote zu hören, wenn man vernimmt, daß der König seinen Soldaten das Fluchen, Schwören, Lügen und Trügen verbot, daß er im Standquartier, im Feldlager, auch auf dem Marsche Gottesdienste und Betstunden veranstalten ließ und Raub. Diebstahl, auch sonstigen Frevel nicht duldete. Vollends ie.n Tod lat diesem nordischen Helden, den die Deutschen lieben wie einen der Ihren, die Gloriole auf das Haupt gesetzt.
Gustav Adolf war nichts weniger als ein Feind der katholischen Kirche. Wohin er kam, so in Mainz, hat er den katholischen Gottesdienst und die katholische Religionsübung in keiner Weise gehemmt. So kam es, daß der Papst eine Trauermesse hielt, als er von dem Tode des Königs hörte. In Rom wußte man genau, daß allein Gustav Adolf den Habsburgischen Plänen, die auch dem Papste Gefahr brachten, widerstanden hatte. H. B.
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