Ausgabe 
5.10.1932 Frühausgabe
 
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Aus der Provinzialhauptstadt

Buntes Allerlei

gerade so, als ob ein Strafbefehlsverfahren nicht stottgcfunden hätte. Bei einer Nichtzurücknahme des Einspruchs wäre allerdings die Möglichkeit einer Freisprechung oder Herabsetzung der Strafe, aber auch diejenige einer Heraufsetzung und einer Behandlung des Strafbefehls durch die Staats­anwaltschaft von einem strengeren Gesichtspunkt aus gegeben gewesen. So aber wurden die sämt­lichen Strafbefehle rechtskräftig. Der eine Aus­nahmefall, in dem unter Anwendung des hydrau­lischen Belastungsmessers ein Liebergewicht von 3350 Kilogramm festgestellt wurde, war milde zu beurteilen insosern, als dem angeklagten Unter» nehmer von dem Hersteller des Wagens eine un­richtige Bescheinigung hinsichtlich ) einet Trag­fähigkeit ausgestellt worden war, er also im guten Glauben handelte. Der Richter ist an die Be­lastungsangaben in der Zulassungsbescheinigung

gebunden. Die im Strafbefehl festgesetzte Strafe wurde auf 10 Mk. reduziert.

Warum kräht -er Hahn?

Der Hahn, der nach dem Wort in Shakespeares Hamlet"zur Trompete dient dem Morgen", ist seit unvordenklichen Zeiten als Wecker und Uhr benutzt worden. Aber mit den wissenschaft­lichen Beweggründen, aus denen der Herr des Hühnerhofes seinen Ruf erschallen läßt, hat man sich erst in neuester Zeit beschäftigt. Ein russischer Gelehrter, D. S i n i t s i n, der seine Beobachtun­gen zu Minsk in Rußland ausführte, hat dar­über eine Arbeit veröffentlicht, über die in der Pariser Akademie der Wissenschaft berichtet wurde. Sinitsin hatte einen Hahn in seinem Arbeits­zimmer untergebracht und stellte nun fest, das) das Tier regelmäßig in der Zeit zwischen 23 Uhr und 5 Uhr von Stunde zu Stunde krähte; zwischen dem Hahnenschrei und dem Stundenschlag befand sich höchstens ein Spiel­raum von 10 Minuten. Vor 11 Uhr war der Hahn stumm, und nach 5 Uhr morgens krähte er nur noch unregelmäßig. Die Regelmäßigkeit der nächtlichen Stundenrufe war bei längerer Beobachtung sehr bemerkenswert. Es scheint, daß der Hahnenschrei weder durch Veränderungen des Luftdrucks noch durch Musik noch durch Licht oder durch Gespräche, die in seiner Gegenwart geführt wurden, irgendwie beeinflußt war. Das Krähen war um 2 Uhr und um 4 U^ mor­gen« am stärksten und Wurde von einem Flugel- f oblagen begleitet. Sinitsin ist über die Frage, Warum der Hahn kräht, zu keinem klaren Er­gebnis gelangt. Er glaubt, daß die Umdrehung der Erde oder irgendwelche noch unbekannten Strahlungen dabei eine entscheidende Rolle spie­len müssen. Er spricht die Vermutung aus, daß die Zeiteinteilung in zweimal 12 Stunden, die von der Menschheit angenommen worden ist, in Zeiten, da eine genaue Zeitmessung während der Rächt noch nicht möglich war, veranlaßt

Rundfunkprogramm

Samstag, 8. Oktober.

7.05: Frühkonzert auf Schallplatten. 12: Kon­zert auf Schallplatten. 13.30 bis 14.30: Mittags­konzert des Rundfunk-Orchesters. 15.30 bis 16.30: Stunde der Jugend. 17: Rachmittagskonzert. 18.25:Arbeiterbewegung in Frankreich", Vor­trag von Johannes Sassenbach. 18.50:Die prak­tische Ausbildung von Luftschuhanlagen", Vor­trag von Dipl.-Jng. K. Lautmann, Koblenz. 19.30: Karlsruhe: Lieder aus der späten Ro­mantik. 20: Schwenningen: Bunter Abend. 22.45 bis 24: Von Budapest: Zigeunermusik.

SebuMaMeiem... SMchränke... Geselligkeit

Unpolitischer Brief aus der Reichshauptstadt.

Vielleicht hebt sie die Geldschränke, die nichts mehr hinter ihren Geheimschlössern zu verbergen haben, auf, bis bessere Zeiten kommen. Vielleicht aber vermacht sie sie auch einem M u s c u m , damit pätere Generationen die Freude haben zu sehen, » einmal die Menschheit so viel G e l d besaß, daß sie in ihren Taschen keinen Platz dafür fand und es in diesen eisernen Ungetümen verbergen mußte. Und staunend, wie vor den Fossilien aus dem Ne- andertal, wird die Nachwelt vor diesen elf verwaisten Berliner' Geldschränken stehen ...

Geselligkeit als Geschäft.

Mit der F-lucht aus der großen in die kleine Wohnung, die in Berlin beson­ders wild eingesetzt hat, werden natürlich auch der.Gastlichkeit Schranken auferlegt. Andererseits hat man doch so viel Sehnsucht nach Berührung mit anderen Menschen. Auch ist in der Großstadt das ProblemMöbliertes Zimmer" brennender als anderswo, und so entsteht etwas, was man mitBudenangst" bezeichnen könnte, und läßt die Menschen einander suchen in Eases, in Kinos, in Wirtshäusern.

Warum soll man nicht aus dieser Erfahrung ein Geschäft machen ... in allen Ehren natürlich? Als Antwort auf diese Frage entsteht derKlub für moderne Geselligkeit". Wir wollen doch da mal hereinsehen. Wie an der Schwelle aller irdischen Genüsse steht auch hier: das Zah­len. Der Beitrag kostet fünf Mark, einmalige Einschreibegebühr nochmal zwei Mark*-: man maß sich seine Zweisamkeit etwas kosten lassen! Dafür wird man nun aber auch von der Frau Direktor empfangen, die uns lieblich lä­chelnd in einen Raum geleitet, der^aussieht wie ein Mittelding zwischen einer gut eingerichteten Privatwohnung und einem kleinen Rendezvous- Eafe. .

Entschieden mehr Damen als Herren scheinen hier dievornehme Geselligkeit" pflegen zu wol­len. Immerhin haben sich bereits ein paar Pär­chen gefunden, die flüsternd die ersten Dorposten­geplänkel miteinander führen. Ein schlankes, rotblondes Mädchen, das bestimmt jünger aus­sieht, als es ist, und ein netter junger Mann stecken noch tief in der Literatur drin. Ich höre sie von Rilke zu Stefan Zweig, von Storm zu Wallace gewandt das Gespräch lenken, und wenn eine kleine Pause eintritt, dann Jagt einer von ihnen:Haben Sie das gelesen?" und schon ist das Schiffchen wieder flott. In einer anderen Ecke scheint man sich bereits seelisch nähergetreten zu sein.Sie" ist füllig und in der reiferen Jugend, undEr" das, was man wohlgesetzt" nennt. Brocken des Gesprächs flie­gen zu uns herüber ... tatsächlich, sie sind schon bei der Wohnungseinrichtung.Bet­ten nimmt man ja jetzt weniger, da hat man ja meist diese moderne Couch ..." meint sie sachverständig ... Die beiden können wir ruhig sich selbst überlassen, das wird schon ein gutes Ende nehmen.

Wir haben genug gesehen von diesem harm­losen und freunMkfjen Gesellschaftsspiel und tre­ten ins Freie. Draußen und an uns vorbei fährt in schnellem Tempo ein Motorrad mit einem Jungen auf dem Führersitz und einem Mädel mit fliegendem, kurzem Haar auf dem Rotsitz. Es ist Samstagnachmittag, und wer kann, fährt zu den .Märkischen Seen" weit fort von der Großstadt. Ob das nicht doch besser und bezeichnender ist für Berlin als alleKlubs I für vornehme Geselligkeit"?

Bornotizcn.

Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Heute, pünktlich 19.30 Uhr erste Wiederholung des Trauerspiels(Sgmonf von Goethe in der Besetzung der Eröffnungsvor­stellung. Spielleitung unb Bearbeitung Intendant Dr. P r a s ch , musikalische Leitung Llniversitäts- musikdirettor Dr. Temesvary. Erste Vorstel­lung im Mittwoch-Abonnement. Gewöhnliche Preise. Ende gegen 22.30 Uhr. Als erste Vor­stellung im Freitag-Abonnement Erstausführung des SchauspielsDer 18. Oktober" von Walter Erich Schäfer; Spielleitung Peter F a s s o 11. Ein Schauspiel, das durch seine Gekonntheit und un­pathetische Behandlung des Konfliktes, der sich schicksalsmäßig als tragischer Einzelfall auf dem Hintergrund einer Zeitwende löst, volkstümlich im guten Sinne geworden ist.

*

** VerwaltungssonderzugHerbor n Gießen Heidelberg. sßom Bahnhof Gießen wird uns geschrieb' i: Am Sonntag, 9. Oktober, ver­kehrt ein Verwaltungssonderzug von Herborn über WetzlarGießenFrankfurt nach Heidelberg. Her­born ab 6.30 Uhr, Wetzlar 7.12, Gießen 7.36, Heidel- berg an 10.03. Rückfahrt Heidelberg ab 17.37, Gießen an 20.24, Wetzlar 20.45, Herborn an 21.29 Uhr. Der Fahrpreis ab Gießen betragt für Hin- und Rückfahrt 5 RM., für Kinder im Alter von vier bis zehn Jahren die Hälfte. , ri

** Eine amtliche Verkaufsstelle für Postwertzeichen ist 'M Zigarrenhaus W. S t e p h a n in Gießen, Bahnhofstraße 24, eingerichtet worden. Gleichzeitig ist die Markenoerkaufsstelle bei

Frl. Frieda 9 oft, Bahnhofstraße 33, aufgehoben worden.

** Provinzialausschuß-Sitzung. Am Samstag, 8.30 Uhr, findet im Sitzungssaal des Re­gierungsgebäudes zu Gießen eine öffentliche Sitzung des Provinzialausschusses der Provinz Oberhessen statt mit folgender Tagesordnung: 1. Klage des Be­zirksfürsorgeverbandes des Kreises Meiningen gegen den Landesfürforgeverdand Hessen, vertreten durch den Bezirksfürsorgeverband des Kreises Alsfeld, auf Erstattung von Fürforgeaufwendungen für Ernst Liefecke aus Pessin. 2. Klage des Bezirksfürsorge­verbandes Stadtkreis Frankfurt a. M. gegen den Landesfürsorgeverband Hessen, vertreten durch den Bezirksfürsorgeverband des Kreises Büdingen, auf Ersatz von Unterstützungskosten für Anna Bömer und Deren Kind Amalie Anna Bömer. 3. Bürger­meisterwahl in Harbach; hier: Berufungen des Kreis­direktors des Kreises Gießen sowie des Bürger­meisters Schomder in Harbach gegen das Urteil des Kreisausschusses des Kreises Gießen vom 23.April 1932

**" Die Hauskollekte der Anstalt für Epileptische in Rieder-R am- stadt. Manschreibtuns: In den nächsten Wo­chen läßt die Anstalt für Epileptische (Fallsüchtige) in Rieder-Ramstadt die ministeriell genehmigte Hauskollekte in der Stadt und im Kreis Gießen durch ihren Kollektanten erheben. Da es sich um ein Liebeswerk an den armen, höchst bedauerns­werten Fallsüchtigen handelt, werden unsre Leser gebeten, den Kollektanten nicht leer von der Tür gehen zu lassen. Gebe jeder, was er kann. Jede, auch die kleinste Gabe ist willkommen. Zur Zeit werden 356, zum Teil sehr schwer kranke Fall­süchtige in der Anstalt betreut. Der Kollektant ist mit Ausweis und Kollektenbuch versehen.

Landsturm tag in Gießen. Aus An- laß des Grenadiertages versammelten sich am Sonntag in unserer Stadt die Angehörigen des ehemaligen Landsturm-BataiUons XVIII, 9 zu einer Wiedersehensfeier. Aus allen Teilen Hes­sens waren die alten Kameraden in großer Zahl gekommen. Am Sonntagvormittag begaben sich die Teilnehmer zum Ehrensriedhof auf dem Reuen Friedhof zur gemeinsamen Gedächtnisfeier für die im Weltkrieg gefallenen und nach dem Kriege verstorbenen Kameraden. Die Gedächtnisrede hielt Kamerad Lehrer W e h r h e i m (Gießen). An­schließend legte der ehemalige Kampanieführer die 4. Kompanie, Dr. Topelmann (Gießen), einen Kranz nieder. Der Sonntagnachmittag brachte die eigentliche Wiedersehensfeier im Saale des Cafä Leib. Die Begrüßungsrede hielt Dr. Töpelmann. Er verlas dabei viele Briefe von Kameraden, die leider am Erscheinen ver­hindert waren. Dann würdigte er die Verdienste unseres Reichspräsidenten von Hindenburg und brachte ein Hoch auf Hindenburg und unser Vaterland aus, in das d«e Kameraden begei­stert einstimmten. Kamerad Heinrich Lotz (Lich) sprach in humorvoller Weise über Erlebnisse im einstigen Landsturm-Bataillon und regte eine Zu­sammenkunft für das Jahr 1933 an. Karl Wei­tz i g (Gießen) brachte mit seinen heiteren Vor- trägen rechte Stimmung unter die Teilnehmer. Mit alben Militärmärschen und sonstigen Vorträ­gen einer guten Musikkapelle wurde die Feier umrahmt. Erst in später Nachtstunde sand die schön verlausen« Wiedersehensfeier ihr Ende.

Große Strafkammer Gießen.

Gießen, 4. Okt. Die beiden heutigen Ver­handlungen fanden unter Ausschluß der Öffent­lichkeit statt. Die Urteile wurden öffentlich ver­kündet. . , ,

Ein wegen Sittlichkeitsverbrechen mehrfach vor­bestrafter Schlosser von hier hat sich beim Baden an der Lahn an einem Kind vergangen. Er leugnete, wurde aber durch die sich ergänzenden Aussagen der Zeugen, Erwachsener und Kinder, überführt. Die Strafe lautete aufzwerJahre drei Monate Zuchthaus und fünf Jahre Ehrverlust. Der Haftbefehl wurde aufrechterhalten.

Frei gesprochen wurde ein Händler aus Büdingen, der wegen Blutschande, verübt mit seiner Stieftochter, vom Schöffengericht zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt worden war. Die Verhandlung ergab wesentliche Beden­ken gegen die Glaubwürdigkeit der Zeugin, die trotz ihres Zeugnisverweigerungsrechts den An­geklagten belastete, nachdem sie angeblich jal)re» lang geschwiegen hatte. Von ihrem letzten Dienst­herrn wurde ihr ein schlechtes Zeugnis ausgestellt: sie sei diebisch und verlogen. Es besteht die Möglichkeit, bafr sie sich durch ihre Aussage an ihrem Stiefvater rächen wollte, oder daß sie von dritter Seite ausgehetzt worden ist. Das erste Urteil wurde aufgehoben.

wurde durch das regelmäßige Krähen des Hahnes in bestimmten Zeitabständen, und er läßt ein Zukunftsbild vor uns auffteigen, das die Züch­tung einer Rasse von Hähnen voraussieht, die in ganz regelmäßiger Weise die Stunden an- zeigen. Jedenfalls steckt trotz dieser Bemühungen die Erforschung des Hahnenschreies noch in den Anfängen.

Wer hat -en Radiergummi erfunden?

Radiermefser und Radierpulver waren in alten Zeiten die Mittel, wenn man etwas Geschriebenes ober Gezeichnetes wieder entfernen wollte. Dazu kommt die Brotkrume, die Cennini um 1400 in feinem Malerbuch für das Auswischen von Dlei- stiftstrichen empfahl. Die Verwendung des Radier­gummis ist, wie in der Frankfurter Wochenschrift Die Umschau" mitgeteilt wird, erst anderthalb Jahrhunderte alt. Zuerst machte der englische Naturforscher Joseph Priestley im Jahre 1770 öffentlich auf diese Eigenschaft des Kautschuks aufmerksam. Er hatte sie bei dem Instrumenten­macher Edward Nairne beobachtet, der bereits seit einigen Jahren Kautschukwürfel zum Radie­ren verkaufte. In den Schriften der Pariser Akademie der Wissenschaften wird 1772 ein Hin­weis auf den Radiergummi mitgeteilt, der von dem Portugiesen Joao Hyazinthe Magelhaens, einem Urenkel des berühmtenSeefahrers, stammte. Es ist aber nicht gerechtfertigt, wenn er im Jahre 1918 alsErfinder des Radiergummi" zu Oporto ein Denkmal erhalten hat, denn Magel­haens lebte damals in England und stand mit Priestley in Briefwechsel, der ihn darauf hin­gewiesen hat. In Paris tauchten 1775 zuerst Radiergummis auf, die wegen ihrer schwarzen Farbepeau de negre", Negerhaut, genannt wurden. Sie waren aber noch recht teuer, denn bei einer Seitenlänge von kaum mehr als 12 Millimeter kostete ein Stück Gummi 4 Franken.

Amtsgericht Gießen.

Nach vorausgegangenem Wortwechsel wurde ein hiesiger Einwohner in seiner Erregung gegen eine Frau, die bei ihm zur Miete wohnte, tätlich. Er trat nach ihr, packte sie am Kopfe und schlug sie mit der Faust. Dieses rohe Verhalten, na­mentlich einer Frau gegenüber, trug ihm wegen Körperverletzung eine Geldstrafe von 40 Mark ein. Außerdem hat er der Verletzten, die eine Zeit lang infolge ihrer nicht unerheb­lichen Verletzungen ihrem Berufe nicht nachgehen konnte, eine Buße von 20 Mk. zu zahlen.

Am 14. Juli raste ein mit zwei Pferden be­spanntes Fuhrwerk ohne Führer durch die Bahn­hofstraße und setzte die Passanten m Schrecken. Einem beherzten Manne gelang es, an dem Lichtspielhaus die Pferde zum Stehen zu bringen. Der Führer des Fuhrwerks hatte auf der Straße gehalten und sich auf ganz kurze Zeit in ein Haus begeben, es aber unterlassen, die Pferde vor­schriftsmäßig auszusträngen. Infolge eines Pro­pagandaumzugs scheuten diese und gingen durch. Wegen ilebertretung der allgemeinen Straßen­verkehrsordnung erhielt der unvorsichtige Wagen­führer, dem Milderungsgründe zur Seite standen, eine geringfügige Geldstrafe.

Weiter stand eine ganze Reihe von Einsprüchen gegen Strafbefehle wegen kleinerer Vergehen und Uebertretungen zur Verhandlung, namentlich solcher gegen die Polizeiverordnung über den Verkehr mit Kraftfahrzeugen vom 10. Mai 1932, die von den Folgen einer vorschriftswidrigen Be- laftung von Lastkraftwagen handelt. Sämtliche Einsprüche, mit einer Ausnahme, wurden nach Belehrung durch den Richter zuruckgenommen, und zwar noch vor Eintritt in die Verhandlung. Eine nachherige Zurücknahme wäre wirkungslos gewesen, und es hätte verhandelt werden müssen,

Das prominententrio.

Was in Berlin so im Lause des Tages an die Tür kommt Darüber könnte, wer es könnte, einen dicken Roman schreiben. Andauernd klingelt es. Sechs Personen zwischen sechzehn und sechzig, die um Geld ober Essen bitten, Leute, Die Zitronen, Bürsten, Eier und elektrische Geräte verkaufen wol­len, StuDenten, Die mit irgenDeinem Artikel handeln, um sich Das Geld für ihr Studium zusammenzu- verbienen.

Es ist ein Heer, und man braucht nicht besonders rohen ober kalten Herzens zu sein, wenn man lang­sam gegen bie fast immer gleichbleibende Leibes- melodie, bie ba Durch bie Türritze gemurmelt wirb, ein wenig abgestumpft wirb. Kein Wunder also, baß sich einige Phantasiebegabte unter biesen durch bie Not zu Bettlern Geworbenen kleine Tricks aus« gebucht haben, um Die Aufmerksamkeit unb bas Mit- leib berer hinter ber Türspalte zu erregen unb her­vorzustechen aus ber großen grauen Masse ihrer Kollegen.

Da ist zum Beispiel bas P r o m i n e n t e n t r i o. Die Geburtstage von bekannten ober berühmten Leuten aller Art zu erfahren, ist nicht gerade schwer. Jedes Nachschlagewerk verrät sie. Unb eine Karto­thek biefer Tage anzulegen, ist auch nicht schwierig. Drei abgebaute Kinomusiker tarnen auf diese Jbee. Unb nun ziehen sie, jeben Tag, vor bas Haus der verschiedensten prominenten Geburtstög- ler unb spielen: bem Politiker seine Parteihymne, bem Filmstar seinen letzten Erfolgsschlager, dem Wis­senschaftler ein auf ihn umgedichtetes Stubentenlieb, dem Komponisten ober Librettisten ein Potpourri seiner Werke. Was sie ber Sportkanone aufspielen, habe ich nicht erfahren können, wahrscheinlich aber die Nationalhymne des Landes, in dem er seinen letzten Rekord hatte ...

Welchem Prominenten wird ba nicht, so zwischen Geburtstagskuchen und gratulierenden Freunden, ein bißchen weich ums Herz? Kommen diese rühren­den Leute unb spielen ihm sein Lied auf! Und weil die Eitelkeit den Menschen geläufiger ist als die Barmherzigkeit, so machen die drei Kmomusiker bessere Geschäfte als die, die nur ihr Elendssprüchlein durch Die Türritze murmeln.

Herrenlose Geldschränke.

Das Geld liegt auf der Straße, wird man sagen, wenn man von solchen Methoden des Geldverdienens hört. Ich glaube es kaum, und wenn, dann ist es ein bitteres Brot. Was aber vor ein paar Tagen wirklich auf der Straße lag oder besser stand, das war nicht das Geld, wohl aber ein Geldschrank. Ober vielmehr: elf Gelbschränke stauben in Berlin eines frühen Morgens auf bem Bürgersteig an verschiedenen Ecken ber Stabt. Wie sie bahin tarnen, weiß man nicht genau. Man nimmt aber an, baß nicht unweit davon mal wieder ein Unternehmen sich in Schwie­rigkeiten befunden habe, unb daß die Möbelträger, die die Bureaus ausräumten, wahrscheinlich zu hohe Sätze für den Gelbschrank verlangten; benn ein solcher ist entsetzlich schwer auch wenn nicht das Geringste darin ist. Und da wird sich so eine Firma wahrschein, lich gesagt haben, daß sie die Reste ber Konkursmasse nicht unbebingt in einen Geldschrank sperren müsse, ja daß der Besitz eines solchen sich bis auf weiteres wohl gar nicht lohne. Man ließ ihn auf der Straße, dem Schutze des Publikums empfohlen. Aber bas Publikum machte nur faule Witze über dieses altmodische Möbel, und so war die Stadt Berlin gezwungen, ihn auf eigene Kosten abtrans­portieren zu lassen.

Gießen, den 5. Oktober 1932.

Helft alle mit!

Don Dr. Dohr nger, Generalsekretär der Liga der freien Wohlfahrtspflege.

Der Aufruf zur neuen Winterhilfe der freien Wohlfahrtspflege ist ergangen. Reichs­präsident und Reichsregierung haben sich zu ihm mit einem mahnenden Geleitwort an alle, die hel­fen können, bekannt. Städte und Gemeinden haben sich bereiterklärt, mithelsen zu wollen. Tausende von ehrenamtlichen Mitarbeitern wollen wiederum Zeit und Kraft für den Erfolg des allgemeinen, bitter notwendigen Hilfswerkes einsehen. Die Or­ganisation des Hilfswerkes wird in allen Teilen des Reiches nach den bewährten Erfahrungen der letzten Winterhilfe durchgeführt.

Mögen dieSpenderjetztkvmmenl Alles wird so eingerichtet, daß jeder Groschen, jedes Kleidungsstück und jeder Zentner Kartoffeln und Kohlen unmittelbar und zur rechten Zeit an den wirklich Hilfsbedürfti­gen gelangt. .

Wir wissen, daß es diesmal eines gesteigerten Optimismus bedarf, um einen Sammlungsertrag zu erhoffen, der auch nur die allerdringendste Rot lindem kann. Denn die Rot drängt sich heute vielfach auch in die Kreise ein, die im vorigen Jahre noch geben konnten. Was im Vorjahr an Kleidung und Wäsche entbehrlich war, ist weg- gegeben, und gerade an Kleidung und Wäsche fehlt es. Aber die Opferbereitschaft des deutschen Volkes, die im vorigen Jahre 100 Millionen Reichsmark in Geld und Sachwerten als Winterhilfe für die verzweifelten Volksgenossen darbrachte, gibt uns die Hoffnung, daß der deut­sche Hilfswille ungebrochen ist.

Gewiß war ber Betrag dessen, was Reich, Länder unb Gemeinben, also die öffentliche Wohlfahrts­pflege, an Unterstützungen ausgezahlt haben, unver­gleichlich höher als der Ertrag des Sammelwerkes aus privaten Spenden. Aber es kommt bei jeder Hilfeleistung nicht bloß darauf an, daß gegeben wird, sondern wo, wie und wann die Hilfe einfetzt. Mit den freiwilligen Spenden, die in vielen Fällen unter eigener Entbehrung gegeben wurden, sind so viel innere Werte verbunden, daß ihre zugleich materielle und ideelle Hilfe für Hunderttaufende das wurde, was sie brauchten, um im Kampfe mit der Not nicht zu erliegen.

Die ersten Zeichen für die neue Winterhilfe sind günstig. Die Deutsche Reichsbahn-Gesellschaft, die mit der Gewährung der Frachtfreiheit für Liebes- gaben zur Winterhilfe im letzten Jahre Die Grund­lage für das Gelingen des ganzen Hilfswerkes ge­schaffen hat, hat auch für die neue Winterhilfe die Frachtfreiheit für solche Liebesgaben zugesagt. Auch Reichswehr und Schupo werden sich mit chren tech­nischen Einrichtungen wieder zur Verfügung stellen. Von den ehrenamtlichen Kräften, die als selbstver­ständliche Pflicht die mühevolle Arbeit der Samm­lung Ordnung und Verteilung der Spenden weiter auf sich nehmen wollen, habe ich schon gesprochen. Ihre Mitarbeit wird es ermöglichen, auch die Un­kosten Der neuen Winterhilfe auf ein Minimum herabzusenken. , .

Nicht bürokratische Methoden, sondern un- verzüglich wirksame praktische Er­fahrungen werden Sammlung und Verteilung regeln, mit dem Ziele rechtzeitiger Hilfe, wo sie nottut. Alle Spenden bleiben grundsätz­lich in dem sammelnden Bezirk und werden in ihm verteilt.

Wir wollen helfen!" ist das Losungs­wort auch der kommenden Winterhilfe. Die Sammlung hat auf dem Lande wegen der gün­stigen DrÄngunge t durch die Ern e breit '; k.ästig eingesetzt. Aber' auch in der Stadt muh zeitig gesammelt werden, um möglichst bald eine Heber» sicht über die Erträgnisse zu gewinnen. Nur rechtzeitiges Sammeln gibt der Winterhilfe die Möglichkeit, auch rechtzeitig und am rechten Ort zu polfen. Planloses Helsen führt zu Unwirt- schaftlichkeit und zu Verstimmungen. Wer helfen will, möge deshalb mit seiner Spende nicht zurückhalten. Auch hier gilt: Wer zeitig gibt, gibt doppelt! _ Q

Heber der Not kann die Einheit einem Volkes zerbrechen. Die Not kann aber ebenso ein unlös­liches Baud um ein Volk schmieden. Welche Wir­kung die kommende Wintemot auf unser Volk haben wird, ist in die Hand unseres Volkes ge­legt. Jeder, der jetzt noch selbstsüchtig an sich selbst denkt, ist ein Zerstörer der Einheit, 2eder, der im rechten Geist hilft, baut mit an der Einheit und Zukunft unseres Volkes. Darum:Wir wollen helfen!"

Laten für Mittwoch, 5 Oktober.

1609: der Dichter Paul Fleming in Hartenstein (Sachsen) geboren; 1813: Eleonore Prochaska Heldin Des Befreiungskrieges, in Dannenberg ge­storben; 1857: Der Schriftsteller Fedor von Zabel­titz in Spiegelberg geboren; 1862: Der Kolonial­politiker Wilh. Solf in Berlin geboren; 1880: der Komponist Jaques Offenbach in Paris gestorben.