Zusammenarbeit nicht preiszugeben, sondern sie vielmehr durch Heranziehung auch der am Schulleben interessierten Verbände und Gruppen außerhalb des Kollegiums enger und wirksamer zu gestalten. Es erscheine schwer möglich, die so verschieden gelagerten Aufgaben für das Volksschulwesen und für die höheren Schulen in einer Behörde zu vereinigen.
England und die deutsche Wehrfreiheit.
Ruhige Auffassung in London.
London, 4. Sept. (WTB.) Die englische Sonntagspresse ist sich über die Berechtigung der deutschen Forderung auf Gleichberechtigung einig. Dagegen gehen die Auffassungen darüber auseinander, ob Zeit und Art der Geltendmachung des Anspruches günstig gewählt seien. „Observer" erklärt: Die Genfer Konferenz hat überhaupt keine Fortschritte in Richtung auf die Einlösung des Versprechens von Versailles gemacht. Wenn sie nicht eine schmerzliche und bleibende Erinnerung an den Fehlschlag hinterlassen soll, dann muß sie ihre grundsätzliche Zustimmung zu der gerechten Forderung geben, die
Deutschland jetzt vorgebracht habe. Die gegenwärtige deutsche Regierung habe einige ins Auge fallende Beweise praktischer Klugheit gegeben und nichts berechtige zu der Annahme, daß sie diese Qualität verlieren werde, wenn man ihr die Hand zu wirklicher Zusammenarbeit anbiete. — Auch „S u n d a y T i m es" gibt zu, daß die deutsche Forderung in ihrem Wesen oernunf- tig genug und schwer zu widerlegen sei. Das Blatt erinnert daran, daß das Refunte lediglich den klar umrissenen Standpunkt wiederhole und
unterstreiche. . „
In einem Aufsatz im „News C h r o n i c l e heißt es, die Forderung Deutschlands nach Rü-
stungsgleichkeit sei ursprünglich von Stresemann
und Brüning gestellt worden. Nur weil sie damals kein Gehör gefunden habe, sei die Welt jetzt genötigt, sie in anderer Sprache und anderer Tonart von General von Schleicher und Herrn Hitler entgegenzunehmen. Die meisten französischen Staatsmänner und einige britische Staatsmänner seien entschlossen, keine Rüstungsaleichheit anzuerkennen. Sie wollten nicht, daß ihre Länder bis auf den deutschen Rüstungsstand abrüsten und ebenso nicht, daß Deutschland bis auf ihren Rüstungsstand aufrüstet. Aber es sei ausgeschlossen, daß das heutige Deutschland mit seiner leidenschaftlich patriotischen Jugend s i ch durch Gewalt niederhalten lasse.
Aus aller Welt.
mutet, daß Brand st iftung vorliegt. Ob der historische Hildegardis-Altar ebenfalls em Raub der Flammen wurde, konnte noch nicht fest- gestellt werden.
Gronau in Tokio.
Der deutsche Flieger v. G r o n a u ist im Flughafen von Tokio glatt gewassert. Arn Flug- Hasen hatte sich eine große Menge von Zuschauern eingesunden, um das Eintreffen Gronaus zu erwarten. Der Kaiser hatte einen Vertreter ent- sandt. Auch zahlreiche Vertreter der japanischen Armee und Marine waren erschienen. Der Bürgermeister von Tokio und mehrere Vertreter der Behörden hielten an Gronau Ansprachen, in denen sie die Verdienste des deutschen Fliegers und seine Lei st ungen aus dem Weltfluge würdigten. — Gronau beabsichtigt, eine Woche in Tokio zu bleiben, um sich von den Anstrengungen des Fluges zu erholen und gleichzeitig die technischen Errungenschaften der japanischen Fliegerei kennenzulernen. Für den Aufenthalt Gronaus in Tokio wird von japanischer Seite in großzügiger Weise gesorgt werden.
Die Hutchinsons in Grönland gelandet.
Vach einem Bericht des Landvogts über Südgrönland ist der amerikanische Flieger Leutnant Hutchinson mit seiner Familie von Hopedale auf Labrador kommend, in der Kolonie Godthaab im Hhdroplan eingetroffen. Hutchinson beabsichtigt, seinen Flug baldmöglichst quer übev das Inlandeis nach Angmaksalik und danach über Island und die Faroer nach Großbritannien fortzusetzen.
Breslau ehrt Gerhart Hauptmann.
In Breslau fand dieser Tage in Anwesenheit des Dichters die Eröffnung der im Museum für Kunstgewerbe und Altertümer untergebrachten G e r - hart-Hauptmann-Ausst ellung statt. Die Ausstellung soll das Werden des Dichters in der Heimat sichtbar baqteUen. Ebenfalls in Breslau erfolgte die Einweihung des neuen Gerhart- Hauptmann°T Heaters. Das Bauwerk stellt einen von der Volksbühne durchgeführten Umbau des früheren Thalia-Theaters dar. Die Einweihungsfeier gestaltete sich zu einer großen Kundgebung f ü r Hauptmann. Der Dichter wurde vom Publikum stürmisch begrüßt. In einer Aussprache wies Hauptmann darauf hin, daß Breslau feine geistige Vaterstadt sei. Hier habe er seine ersten und tiefsten Theatereindrücke empfangen. Im Anschluß an die Ausführungen des Dichters wurde fein Glashüttenmärchen „Und Pippa tanzt" mit einer von Dr. Edmund N i ck geschaffenen Musik aufgeführt. Den Abschluß der Breslauer Hauptmann-Ehrungen bildete ein Ehrenabend, den die Stadt Breslau im Schloß veranstaltete, und zu dem sich die Spitzen der Behörden sowie Vertreter von Kunst und Wissenschaft aus dem ganzen Reiche eingefunden hatten. Ein Turner überbrachte Gerhart Hauptmann einen Staffelten st ab, der in siebenstündigem Lauf von etwa 1OOO schlesischen Turnern vom Kamm des Riesengebirges nach dem Breslauer Schloß getragen wurde. Er enthält eine Widmung an Gerhart Hauptmann und ist unterzeichnet von den Städten Breslau und Hirschberg und den Gemeinden Schreiberhau, Bad Salzbrunn und Agnetendorf, deren Ehrenbürger Hauptmann ist. Der schlesische Dichter und Kleist- preisträger Gerhard Menzel überbrachte den „Gruß an den Dichter", Wilhelm Boelsche den „Gruß an den Freund".
100 Jahre Gustav-Adolf-Verein.
Der Evangelische Verein der Gustav-Adolf-Stiftung, der Träger des Hilfswerks für die deutsche evangelische Diaspora in aller Welt, begeht unter Anteilnahme des ganzen evangelischen Deutschland vom 18. bis 2 0. September in Leipzig und Lützen die Feier seines 100jährigen Bestehens, zu der auch zahlreiche Führer des evangelischen Auslandsdeutschtums erwartet werden. Gottesdienste in allen Kirchen der Stadt und Um
gebung und eine Kundgebung amDölker- schlachtdenkmal mit Ansprache von Staatsminister a. D. Dr. Boelitz leiten am Sonntag die Feier ein. Am Montag empfängt der Rektor der Universität den Verein in der Aula. Abends findet die Begrüßungsversammlung statt, bei der führende Vertreter der Diasporakirchen zu Wort kommen werden. In der ersten öffentlichen Hauptversammlung wird die Iubiläumsgabe, „Eine Million in Groschen", überreicht werden. Der württembergische Prälat D. Dr. Hoffmann, Ulm, spricht über das Thema „Die weltweite Bedeutung des Gustav-Adolf-Dereins im Blick auf Heimat und Volkstum". In der zweiten Hauptversammlung wird über das Iubiläumslie- beswerk abgestimmt werden, für das der Zentralvorstand den Dau der deutschen evangelischen Kirche in Athen, die Kai- serswerther Diakonissenarbeit im In- und Ausland und die Heranbildung von kirchlichen Führern und Helfern für Polen vorschlägt. Am Dienstag begeben sich die Teilnehmer zu einer Gustav-Adolf-Ge° dächtnisfeier n a f) Lützen.
Brandkatastrophe bei Rüdesheim.
In dem in der Nähe von Rüdesheim gelegenen Dorfe Eibingen brach in einer der vergangenen Nächte Feuer aus, das einen verheerenden Umfang annahm. Die Hildegardiskirche, bas Pfarrhaus, bie Schule mit Lehrerinnenwohnung, bas Rathaus mit ber Gemeindekasse und ein Privathaus fielen dem Brand zum Opfer. In der Kirche befand sich eine neue Orgel, die erst am vergangenen Sonntag eingeweiht worden war. Das Werk, ein Geschenk des Pfarrers, das einen Wert von 30 000 Mark hatte, wurde ebenfalls von den Flammen vernichtet. Die Feuerwehren von Eibingen, Rüdesheim, Geisenheim, Oestrich und Eltville waren bis in die Vormittagsstunden hinein angestrengt tätig, bis es gelang, dem rasenden Element Einhalt zu tun. Die Hildegardiskirche, die erst vor drei Jahren anläßlich ihres 750jährigen Bestehens restauriert worden war, ist vollständig ausgebrannt. Die Reliquien der heiligen Hildegard, die in einem wertvollen Schrein untergebracht waren, konnten zum Glück gerettet werden. Bei den Rettungsversuchen wurde ein Postbeamter aus Eibingen erheblich verletzt. Die Staatsanwaltschaft Wiesbaden besichtigte die Brandstätte. Man ver
Neukonstruktion eines schwanzlosen Flugzeugs.
Der bekannte Kunstflieger und deutsche Meister Gerh. F i e s e l e r führte dieser Tage über Kassel einen wohlgelungenen Flug mit einem schwanzlosen Flugzeug aus, das nach Entwürfen der Fieseler-Flugzeugwerke in Ihringshausen gebaut worden ist. Die Maschine sieht in der Luft wie ein zusammengedrängtes Dreieck aus und entfaltete während ihres Fluges eine große Wendigkeit und Schnelligkeit. Fieseler ist mit der Konstruktion vollkommen zufrieden. Demerkens- wert ist die verhältnismäßig hohe Geschwindigkeit von 250 Kilometer, die Fieseler bereits beim ersten Flug erreichte, ebenso die Höhe von 1000 Meter, wobei hervorzuheben ist, daß die Maschine bei voller Belastung glänzend steigt. Die Maschine wird von den Fieseler-Flugzeugwerken als schnelle und sichere Reisemaschine für private Fliegerei herausgebracht werden.
Der belgische Kohlenarbeiterstreik.
Die Beilegung des Streiks in der belgischen Kohlenindustrie hängt, wie aus Brüssel gemeldet wird, jetzt hauptsächlich von der Haltung der Zechenbesitzer ab. Die Arbeiter ha- &en sich in den örtlichen Versammlungen zu 66,7 Prozent für die Annahme der neuen Vermittlungsvorschläge des Arbeitsministers ausgesprochen. Der außerordentliche Kongreß des sozialistischen Dergarbeiterverban- des, der sich dieser Tage in Brüssel versammelte, beauftragte seine Delegierten, mit der Besprechung dieser Vorschläge in der nächsten Sitzung, der gemischten, aus Arbeitgebern und Arbeitnehmern zusammengesetzten Bergbaukommission. — Infolge des mmmehr seit 8 Wochen dauernden Streiks hat sich in der letzten Zeit ein empfindlicherM angel an Hausbrandkohlen herausgestellt. Unglück bei einem Motorradrennen. — (Ein Toter, mehrere Verletzte.
Bei dem Motorradrennen in Dufala bei Gotenburg ereignete sich ein schweres Unglück. Zwei Motorräder stießen zusammen. Durch den Anprall wurde ein Motorrad in bie Z u s ch a u e r m e n g e geschleudert. Mehrere Personen würben verletzt. Eine Person starb sofort, während eine zweite so schwere Verletzungen erlitt, daß sie kaum mit dem Leben devonkommen wird. Auch einer der Motorradfahrer trug schwere Verletzungen davon.
neuntes Betiilttis
Roman von Hertha Fricke
LIrheberrechtsschutz: Verlag Oskar Meister, Werdau
13. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Di« großen Siedlungen der Arbeitergärten kamen. Drollige Lauben und Häuschen, spielerische Windmühlen und Wetterfahnen, mit viel Liebe gepflegte Gärten. Eine Ziehharmonika spielte ein schwermütiges Lied. Junge Stimmen sangen dazu. Ein Liebespärchen koste auf einer Dank. Kinder winkten den Reisenden vergnügt zu.
Eva-Marie sah alles mit frohen Augen an und dachte daran, Renate davon zu erzählen. Plaudern war eigentlich ihr Hauptdienst und oft gar nicht leicht! Denn sie muhte unterhaltend sein, heiter und interessant, sich nicht wiederholen! Aber aus der Reise hatte sie wieder allerhand Eindrücke gesammelt, für die nächst« Zeit war es nicht so schwer, Gesellschafterin zu sein und nicht zu langweilen.
Sie durchfuhr die Dahnhöfe von Derlin. Dald würde sie da sein! Und Doktor Heinrich würde dastehen mit seinem strahlenden Gesicht, den Hut schwenkend und „Willkommen in der Heimat" rufen. Eva-Marie ordnete ihre Frisur ein wenig, nahm den Hut aus dem Gepäcknetz, der Zug lief ein. Aber kein Hut winkte, kein strahlendes, junges Männergesicht, kein Doktor Heinrich, soweit sie auch schaute. Dort, dort vielleicht, nein doch, wieder eine Enttäuschung! Wie hatte er doch geschrieben: „Ich bin ganz besttmmt auf dem Bahnhof und trag« Ihren Koffer mit Wonne durch ganz Derlin!"
Wo war er? Was war geschehsn? Run, es muht« doch klar werden! Warum denn so ärgerlich sein? Ein Arzt kann doch einmal aufgehalten werden! Eva-Marie nahm selbst ihr Gepäck und suchte der großen Enttäuschung Herr zu werden. Es gelang nicht! Es war ihr, als solle sie lieber umkehren, als schwebe ein großes Unglück mit schweren, grauen Flügeln auf sie zu. Als sie aus der Bahnhofshalle trat, kam ihr Andresens Chauffeur entgegen. Er zog di« Mütze und nahm ihr den Koffer ab. Die gnädige Frau schicke ihn, das gnädige Fräulein abzuholen.
„Das ist sehr liebenswürdig von der gnädigen Frau!" sagte Eva-Marie. „Ich bin froh, daß Sie da sind, Steffen!"
„In der Rächt zum D-Zug war ich schon einmal hier", erzählte Steffen, als er den Wagen schloß. „Der Herr Dr. Andresen mußte plötzlich abreisen!"
„Wohin denn?" fragte Eva-Marie gespannt.
„Rach Hamburg!" antwortete der Mann. Dann kurbelt« er an und fuhr los.
„Da ist ja di« Erklärung!" tröstete sich das Mädchen. „Es war ja sein größter Wunsch, Assistent an der Barmbecker Heilanstalt zu werden!" Aber ihre große Freude war dahin, und die lähmende Furcht vor etwas Entsetzlichem, das da kommen würde, wollte trotz der Erklärung nicht weichen. Und was war ihr Derlin ohne Heinrich Andresen!
Das Auto hielt. Sie stteg aus. Da sprang Renates kleine Tochter ihr entgegen und fiel ihr um den Hals. „Oh, Tante Eva-Marie! Wie gut, daß du wieder da bist! Muttt freut sich schon so sehr auf dich. Es geht ihr viel besser! Sie darf sogar «in bißchen aufstehen."
Eva-Marie küßte das Kind. „Ich will mich nur ein wenig zurechtmachen, dann bin ich bei euch! Wo ist Muttt?"
„Auf der Veranda!" sagte die Kleine. „Komm nur, komm nur, ganz fix!" Dann sprang sie wieder davon. Eva-Marie ging in ihr Zimmer. Da stand auf dem kleinen Mahagonitisch ein köstlicher Strauß toter Rosen, und daneben lag ein Brief. Oh, sie kannte die liebe Handschrift! Sie drückte ihr Gesicht in seine Rosen, und es war ihr, als ob er sie liebkose. Dann wusch sie sich, zog ein frisches Kleid an, tat die Feldblumensträuße in den Wasserkrug, damit sie sich erholen sollten, und lächelte. Den Brief legte sie in den kleinen Schreibtisch. Sie hob sich ihn auf für den Abend, wie die Kinder sich irgend etwas aufhvben, um sich «ine Freude aufzusparen. Dann lief sie zu Renate hinüber.
Di« sah, ja si« sah ganz behaglich in einem der tiefen großen Pedoigrohrsessel und streckte der Freundin lächelnd die Hand entgegen. Oh, es war doch ein anderer Anblick, als wie sie so hilflos dalag vor der Operation!
„Renate, wie glücklich bin ich, dich wiederzusehen!" sagte Eva-Marie erfreut, und damit kam ihre ganze, sonnig« Fröhlichkeit wieder. Renate klingelte und bestellte Tee. Sie ließ für drei decken. Für sich, Eva-Marie und die Klein«. Ließ noch Cis aus der Konditorei besorgen, und es war ein Erzählen und Lachen bei den dreien, daß es nur so «in« Art hatte. Eva-Marie hatte ganz die düst«ve Stimmung vergessen, die sie auf dem Stettiner Bahnhof überkam. Was sollte sie auch traurig sein? Renate ging es soviel besser, in ihrem Zimmer standen Heinrichs Rosen, und sein lieber Brief wartete auf sie.
Da trat Schwester Elisabeth «in, grau und streng.
„Guten Tag, Schwester! Ich bin auch wieder da! Wie geht es Ihnen?" sagte arglos Eva- Marie und bot ihr die Hand.
„Besten Dank, ich bin gesund!" antwortete die Pflegerin. „Ich habe nur zu bestellen, daß Herr Andresen Fräulein von Diemen zu sprechen wünscht!"
„Ich komme!" sagte Eva-Marte befremdet. Was
sollte das sein? Wieder überkam sie das unbehagliche Gefühl nahenden Unheils. Rasch ging sie den Korridor entlang zum Herrenzimmer. Sie llopfte und horte „bitte" sagen. Da trat sie ein. Herr Karl Andresen saß am Schreibtisch ohne aufzusehen von seiner Arbeit. Das empörte Eva-Marie. Was hatte si« dem Mann getan?
„Herr Andresen ließen mich rufen!" sagte sie laut.
„Einen Augenblick!" antwortete er ungeduldig. „Ihre Zeit ist wohl nicht so ausgefüllt tote meine!"
Eva-Marie biß sich auf die Lippen. Der Mann war offenbar feindlich. Was lag hier vor? Hatte sie ihn vielleicht irgendwie fühlen lassen, daß sie von seiner bösen Tat wußte? Daß sie ihn verachten mußte, weil er sich Renate erworben hatte durch Lüge? Daß er den Mann betrogen hatte, der da draußen in Gefangenschaft litt? Ihn und Renate? Sie meinte doch, sie habe sich in der Gewalt gehabt. Sie wäre ihm immer höflich und geziemend begegnet, zu ändern war ja doch nichts mehr. Und nun dies unhöfliche Benehmen!
„Wenn Sie noch beschäftigt sind, Herr Andresen", sagte sie stolz und kalt, „darf ich wohl in einer halben Stunde wieder kommen!"
„Ditte!" antwortete Andresen schneidend.
Da ging Eva-Marie auf ihr Zimmer. Sie wollte Renate nicht so gegenübertreten. Sie war tief beleidigt. Einen Augenblick saß sie so. Dann griff sie nach Heinrich Andresens Brief. Vielleicht enthielt der eine Aufklärung, einen Fingerzeig.
„Liebes, gnädiges Fräulein! Kleine gute Eva- Marie!" stand da herzlich wie immer. Eva-Marte atmete auf.
„Wie schmerzlich es mir ist, abrsisen zu müssen, ohne Ihnen guten Tag sagen zu können, das kann ich Ihnen nicht sagen! Sie wissen aber, wie sehr ich mich auf Ihr« Rückkehr freute. Mögen meine Rosen Sie statt meiner grüßen. Sie verstehen, was die roten Rosen sagen! Oft kommt die Erfüllung eines großen Wunsches gerade dann, wenn wir keinen Sinn dafür haben. Sv geht es mir! Aber ich darf das Schicksal nicht tadeln! Wie lang« wünschte ich mir die Stellung in den Hamburger Heilanstalten! Run bekomme ich si« plötzlich durch den Ausfall eines Kollegen, und ich muß sofort antreten, sonst kommt mir ein anderer zuvor. Es ist das Sprungbrett, über welches ich zu einer Selbständigkeit gelange, die eine sichere Zukunft gewährleistet. Richt mehr lange, liebes Mädchen, dann stehe ich so sicher, daß ich die Frage tun darf, zu der nur eine auskömmliche Stellung berechtigt!
älnd für diesen großen Preis muß ich es mir schon versagen, Sie heute wiederzusehen!
Aber ich bin ein wenig in Sorge um Eva- Marie! Die vortreffliche Schwester Elisabeth hat es in Ihrer Abwesenheit verstanden, meinen Bruder
Spinale Kinderlähmung in Mecklenburg.
Das Mecklenburg-Strelitzer Staatsministerium hat als Vorbeugungsmaßnahme gegen die weiter« Ausbreitung der spinalen Kinderlähmung die Schließung aller Schulen des Landes bis zum 18. September angeordnet. Besonders in Reustrelitz und älmgegend traten Reuerkrankungen auf, von denen bereits sechs tödlich verlaufen sind.
Schwere Ueberschwemmungskalaslrophe in der Mandschurei.
Infolge großer äleberschwemmungen in der nördlichen Mandschurei sind mehr als eine Million Menschen in Verzweiflung. Lebensmittel. Kleider und Unterkunft werden dringend benötigt. Flieger, die die betroffenen Strecken überflogen haben, beschreiben sie als große ©een, aus denen die Gipfel der Hügel wie Inseln hervorragen. Viele der heimgesuchten Einwohner haben das Räuberhandwerk ergriffen und in den Städten werden Abwehrmaßnahmen getroffen. Der Premierminister hat beschlossen, einen Aufruf um Hilfe an die ganze Welt zu richten.
Hochwasser und Brückeneinsturz in Texas. — Zahlreiche Todesopfer.
Im amerikanischen Staate Texas hat sich dieser Tage infolge des Hochwassers des Rio Grande ein schweres Einsturzunglück ereignet, das zahlreiche Todesopfer forderte. In Laredo stürzte die Cisenbahnbrücke über den Rio Grande, deren Eckpfeiler vom Hochwasser unterspült waren, plötzlich ein und riß zahl- reich« Amerikaner, die von der Drücke aus das Hochwasser beobachteten, mit in die reißenden Fluten. Man rechnet damit, daß wenigstens 2 0 PersonendenTod gefunden haben. Disher konnten nur drei Leichen geborgen werden. Das Unglück ereignete sich vor Tausenden von Zuschauern. — Die Farmer im Rio Grande-Tal haben mit ihrem Vieh und ihren Habseligkeiten höher gelegene Gebiete ausgesucht. Das Hochwasser ist im Wachsen begriffen. Militt.r und Rotes Kreuz haben im Hostwassergebiet Hilfsstationen eingerichtet.
Geldstrafe für Erzherzog Karl von Habsburg.
Aus Barcelona wird gemeldet: Es steht nunmehr fest, daß der verhaftete Erzherzog Karl von Habsburg und Bourbon nicht an der spanischen Aufstandsbewegung teilgenommen hat. Er ist aber zu einer Geldstrafe von 1 0 000 Peseten verurteilt worden, weil er an seinem Auto monarchistische Abzeichen angebracht hatte. Er muß diese Summe innerhalb von 24 Stunden bezahlen. Sollte seine österreichisch« Staatsangehörigkeit einwandfrei festgestellt werden, dann wird der Erzherzog aus Spanien ausgewiesen werden.
Wettervoraussage
Die Kaltluft hat weiteren Luftdruckanstieq veranlaßt und zum Aufbau eines Hochdruckgebietes über Frankreich und Südbeutschland geführt. In seinem Bereich wirb zunächst vielfach aufheitern- des Wetter herrschen, jedoch freien für das herbstliche Hoch charakteristische Frünebelbildungen auf. Auch werden in der Nacht die Temperaturen stark zurückgehen, während tagsüber infolge der Sonnenstrahlung Erwärmung einsetzt. Da sich aber über Irland Vorläufer einer neuen Störung bemerkbar machen, dürfte die Schönwetterlage nicht für längere Zeit gesichert sein.
Aussichten für Dienstag: Nach kühler Nacht und Frühnebelbildungen tagsüber vielfach aufheiternd und wärmer, trocken.
Lufttemperaturen am 4. September: mittags 18,4 Grad Celsius, abends 11 Grad; am 5. September: morgens 6,6 Grad. Maximum 20 Grad, Minimum 6 Grad. — Erdtemperaturen in 10 cm Tiefe am 4. September: morgens 19 Grad; am 5. September: morgens 13,6 Grad Celsius. — Sonnenscheindauer 10% Stunden.
für sich «inzun«hmen und vielleicht ein wenig geg«n Si«! Ich hoffe, daß Sie keine unangenehmen Stunden dadurch haben. Denn Renate hat Sie ehrlich lieb und würde Sie schwer entbehren. Ihr vor allem gönn« ich das Glück Ihrer sonnigen Rähe. Wer weiß, tote lange sich der Zustand der Kranken auf der heutigen Höhe hält! Halten Sie aus, kleine Eva-Marie! Wappnen Sie sich mit Gleichgültigkeit gegen die spitzen Angriffe der ärmlichen Seele Elisabeths! Ich habe vergebens versucht, Renates Wunsch zu erfüllen und Ersatz für di« grau« Rönne zu schaffen. Es war unmöglich, jemand zu finden. Mein Bruder toeigevte sich auch, er glaubt, ich handle in Ihrem Einvernehmen. Und die Abneigung Renates gegen diese nach seiner Ansicht unersetzlich« Person sei eine krankhafte Laune seiner Frau, der man nicht nachgeben solle. Mein Bruder ist manchmal ungerecht, liebe Eva-Marie! Aber wir wollen es ihm verzeihen, denn er ist nicht glücklich. Eine geliebte Frau haben, die dem Tode geweiht ist, ist schwer! älnd schwerer noch, wenn man den Eindruck hat, sie gibt ihm die Schuld an ihrem schweren Leiden. Denn seit sie krank ist, habe ich sie noch nte freundlich mit ihrem Gatten gesehen, und sie ist doch sonst so liebenswürdig!
Schreiben Sie mir bald, liebe Eva-Marte! Ich glaube an Sie, und ich denke, Sie nehmen alles in Ihre tapferen, kleinen Hände, die ich tausendmal küsse. Ihr
Heinrich Andresen."
Eva-Marie faltete den Brief zusammen und verwahrte ihn. „Heinrich hat recht!" dachte sie. „Ich will tapfer sein und mit dieser Elisabeth fertig werden! Was will sie mir denn, wenn ich meine Pflicht tue, und mir nichts zuschulden kommen lasse? älnd tote komme ich dazu, empfindlich zu sein! Ich bin doch in Stellung, wenn Frau Renate mich auch verwöhnt!"
Entschlossen ging sie zu Andresens Zimmer zurück und klopfte an.
„Din ich jetzt angenehm?" fragte sie und machte ein so freundliches Gesicht, daß auch Karl Andresens abweisende Miene etwas freundlicher wurde.
„Rehmen Ste Platz, Fräulein von Diemen!" Eva-Marie setzt« sich in den Sessel, der seinem Schreibtisch gegenüberstand.
„Es ist zu unser aller Verwunderung ein Stillstand in der Krankheit meiner Frau eingetreten!" begann er.
„Ja!" sagte Eva-Marte. „Wie wunderschön ist das! Die Wissenschaft unserer Aerzte ist ja so fortgeschritten, daß kein Mensch die Hoffnung verlieren braucht!"
„So, meinen Sie, Sie Schäfchen!"
Eva-Mari« ärgerte sich über seinen Spott. Si« beherrschte sich aber.
(Fortsetzung folgt.)


