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04/11/1932 Frühausgabe
 
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Heuer Appell Brauns an Hindenburg.

Berlin, 3. Rov. (CAD.) Ministerpräsident Staun empfing heute nachmittag Vertreter der Presse und gab ihnen eine Darstellung der Ver­handlungen des alten preußischen Staatsmini­steriums mit dem Reichskommissar über die Wie­dereinsetzung in das Amt.

Er erklärte, daß alle versuche, zu einer Ver­ständigung zu gelangen, gescheitert seien. Nach­dem nun alle Mittel erschöpft seien, sehe er sich gezwungen, sich morgen erneut an den Herrn Reichspräsidenten zu wenden.

Er werde ihm in einem Briefe offen darlegen, wie sich die Dinge feit dem Empfang beim Reichs­präsidenten entwickelt hätten. Dabei werde er auseinanderfetzen, daß, worüber nach seiner Mei­nung bei dem Empfang eine Verständigung her­beigeführt worden sei, die loyale Durch­führung des Urteils des Staatsge- rechtshofes durch die Reichsregierung leider nicht eingetreten sei, daß man im Gegenteil ver­suche, mit kleinlichen Mitteln die Wiedereinsetzung der alten preußischen Regierung in ihr Ämt zu verhindern. Weiter werde er darauf Hinweisen, daß der Herr Reichspräsident berufen sei, das Urteil auszuführen. Er werde ihn deshalb bitten, den Reichskommifsar anzuhalten, endlich dafür zu sorgen, daß

das alte preußische Ltaalsministerium wieder in sein Amt eingesetzt werde.

Zum Schluß werde er noch betonen, daß er alles getan habe, um zu einer Verständigung zu ge­langen; um so mehr müsse er es bedauern, wenn er gezwungen sei, sich noch einmal an den Staatsgerichtshof zu wenden.

Zur Begründung des Briefes an den Herrn Reichspräsidenten führte Dr. Braun noch aus, daß sich seine Bemühungen um die Wiederein­setzung ins Amt nicht nur auf die Räume, son­dern auch auf die Verfügung über hie Akben und die Beamten erstreckten. Der Reichskommissar wolle, daß die Mitglieder der alten preußischen Staatsregierung die Beamten immer durch den Staatssekretär anfordern. So aber sei die Erfüllung der Aufgaben, die das Leipziger Urteil ihm zuweise, nicht möglich, na­mentlich dann nicht, wenn es sich um eilige Fälle handle. Ministerpräsident Dr. Braun fügte noch hinzu: Wenn übrigens erzählt werde, daß er die Absicht habe, mit einem Reichsbanner­kommando in der Wilhelmstraße einzuziehen, so verkenne man doch seine ganze Einstellung.

Schließlich nahm auch Staatsminister Hirt- siefer noch das Wort, um zu betonen, daß es nach Auffassung des Staatsministeriums wohl möglich sei,

die acht preußischen Ministerien in sechs oder vier zusammenzulegen.

Das alte Staatsministerium habe aber nicht daran gedacht, das Wohlfahrtsministerium so zuse­zieren", wie es jetzt geschehen sei. Auf die Dauer könnten bei dieser Reorgaugisation keine Erspar­nisse gemacht werden.

Oie Aussprache

im Reichsrat-Ausschuß.

Berlin, 3. Rov. (DDZ.) 2m großen Reichs- rats-Sitzungsfaal trat heute vormittag der Reichsratsau sschuß für Verfassung und Geschäftsordnungsfragen zusam­men. Den Vorsitz übernahm Reichsinnenminister Freiherr v. G a y l selbst, der in Begleitung des Staatssekretärs Dr. Z w e i g e r t, des Ministe­rialdirektors Dr. G o t t h e i n e r und anderer Beamter seines Ministeriums erschienen war. Für Preußen waren die Ministerialdirektoren Brecht und B a d t anwesend. Außer den Ländern, die durch ihre Hauptbevollmächtigten vertreten waren, waren auch die preußischen Provinzvertreter vollständig erschienen. Auf der Tagesordnung stand offiziell die Geschäftslage des Reichsrats. Tatsächlich handelte es sich je­doch um eine Sitzung, die als

Ersah für eine öffentliche Auseinandersetzung zwischen dem Reich und der preußischen Re­gierung

zw.scheu beiden vereinbart worden ist, damit eine vertrauliche Aussprache über die Differenzen statt­finden kann. Die Sitzung des Reichsrats war von etwa einstündiger Dauer. Man einigte sich dahin, daß in der nächsten Woche eine neue Sitzung des Verfassungsausschusses statt­finden soll, in der die Verfassungsfragen be­sprochen werden sollen.

2m Anschluß an die Sitzung fand jedoch eine interne Besprechung der Hauptbevoümäch- tiglen der verschiedenen Länder ohne Beteiligung der Reichsregierung über das weitere Verhalten der Länder statt. Auch die interne Besprechung dauerte nur kurze Zeit.

Sowohl die Ausschußsitzung, als auch diese Konferenz waren streng vertraulich; irgend­welche Auskünfte über den Verlauf der Besprechun­gen waren nicht zu erlangen. Der endgültige Ter­min für die nächste Ausschutzsitzung steht noch nicht fest; es ist lediglich in Aussicht genommen, daß sie Ende nächster Woche stattfinden soll.

2m Anschluß an die interne Besprechung der Ländervertreter im Reichsrat ohne Beteiligung der Reichsregierung hatte der preußische Ministerial- diroktor Dr. Brecht noch eine vertrauliche Aus­sprache mit Provinzialvertrekern. Auch über diese Verhandlungen wurde von ben Beteilig­ten st r e n g st e s Stillschweigen gewahrt. Allgemein wird in Kreisen des Reichsrats wie der Reichsregierung erklärt, eine Entscheidung der Ver­fassungsstreitfragen werde erst erfolgen können, wenn das Ergebnis der Reichstagswahlen vom 6. November vorliege. Aus diesem Grunde dürfte auch die nächste Sitzung des Verfassungsaus­schusses des Reichsrats auf das Ende der nächsten Woche gelegt worden sein.

Das Zentrum für Neubildung einer Regierung.

Berlin, 3. Rov. (VDZ.) Der Vorstand der Zentrumsfraktivn des Preußischen Landtages hat sich am Mittwoch und Don­nerstag eingehend mit der Lage befaßt, die in­folge der Maßnahmen der Reichsregierung nach dem Leipziger Urteil in Preußen entstanden ist. Wie das VDZ.-Bureau erfährt, ist der Vorstand der Zentrumssraktion mit dem Kabinett Braun der Auffassung, daß die Maßnahmen der Reichsregierung dem Sinn und Buchstaben des Leipziger Urteils, besonders ange­sichts dessen Begründung, widersprechen, und vor allen Dingen mit dem Wunsch des Reichspräsidenten auf eine friedliche Zusammen­arbeit nicht zu vereinbaren sind. Der Vorstand der Zentrumsfraktion ist der Ansicht, daß es nun Sache des Preußischen Landtages sei, möglichst bald durch Schaffung einer verfas­sungsmäßigen Staatsregierung da­für Sorge zu tragen, daß der Reichskom­missar für Preußen bald der Vergangenheit angehöre. Der Fraktionsvorstand ist von seinem Standpunkt aus bereit, alle dahingehenden Bestre­bungen zu unterstützen.

Der Preußische Landtag wird, einer Vereinba­rung im Aeltestenrat vor der letzten Vertagung gemäß, in der Woche vom 14. bis 19. Rovember zu seiner nächsten Tagung zusammentreten.

Oie Amtsenthebung des Eutmer Dürgermersters.

Hamburg, 3. Rov. (CRB.) Zu der A m t s - Hebung des Eutiner Bürgermeisters Dr. Stoffregen durch den nationalsozialiistischen Regierungspräsidenten Dr. B ö h m ck e r erfährt dasHamburger Fremdenblatt", daß der Re­gierungspräsident Einblick in gewisse Er­mittlungsarbeiten in den Bombenleger­affären hatte haben wollen. Dr. Stoffregen habe aber jede Auskunft ab gelehnt mit dem Hinweis darauf, daß er durch die S t a a t'S -

anwaltschaft in Lübeck zur Geheimhal­tung verpflichtet sei.

Ein neuer englischer Abrüstungsvorschlag.

London, 4. Rov. (WTB. Funkspruch.)Daily Mail" berichlel: Der kabinetts-llnkeraus- fchuß für die Abrüstungsfrage hielt gestern abend eine Sitzung ab. heute wird wahr­scheinlich das Kabinett in einer Sondersitzung den Entwurf der britischen Vorschläge prüfen, die der Außenminister nächste Woche in Genf unter­breiten wird. Bezüglich der Abrüstung in der Luft hat, wie verlautet, der Außenminister per­sönlich folgende Vorschläge ausgearbeitel und dem Unterausschuß vorgelegk:

1. Die Bomben- und Kampfflugzeuge aller Länder seien entweder ganz abzu- schaffen oder aber sehr weil einzu­schränken.

2. Aller handelslufkverkehr wird künftig einer internationalen Kontrolle unterstehen.

3. Die Zahl der im privaten Besitz befind­lichen Flugzeuge wird für jedes Land kontingentiert.

Daily Mail" bemerkt dazu, gegenwärtig bestehe im Kabinett keine volle Einigkeit. Ls sei noch nicht sicher, ob der Plan Billigung finde» werde.

Rücktritt des südslawischen Kabinetts.

Wien, 3. Nov. (TU.) Die amtliche österreichische Telegraphen-Agentur verbreitet folgende Meldung aus Belgrad:

Ministerpräsident Dr. S r s k i t s ch übermittelte am Donnerstagabend dein König den Rücktritt des Gesamtkabinetts. An maßgebender Stelle wird erklärt, daß der Rücktritt nur durch die Gründung der neuen Regierungspartei und die Wahl des neuen Parkeiausschufses hsrvor- gerufen worden und demnach zunächst nur for­maler Natur fei.

Oer Grund für Zalefkis Rücktritt.

London, 3. Roo. (WTB.) Der Pariser Korre­spondent derMorning Post" glaubt, der Haupt­grund für den Rücktritt Zaleskis fei der Anschluß der polnischen Regierung, den polnisch- r u s s ischen Nichtangriffspakt zu rati­fizieren, ohne den Abschluß der entsprechenden russisch-rumänischen VevhanAungen abzu­warten.

Aus aller Welt.

Graf Zeppelin" in Friedrichshafen gelandet.

Das LuftschiffGraf Zeppelin" ist am Donnerstag gegen 14.30 Uhr von seiner neunten und letzten diesjährigen Südamerikafahrt nach Friedrichshafen zurückgekehrt und nach einer Rundfährt über der Stadt um 15 Uhr glatt ge­landet. Unter den 21 Fluggästen, die die Rück­fahrt mitgemacht haben, befindet sich der Ad­jutant des spanischen Kriegsministers 5> c r r e r a, ferner eine Familie mit drei Kindern. Etwa 200 Kilo Postsachen das sind 50 000 bis 60 000 Briefe und Postkarten wurden befördert. Die Führung hatte Kapitän Lehmann.

Reues deutsches Schnellflugzeug.

Die Junkerswerke in Dessau haben ein neues leistungsfähiges Schnellflugzeug fertiggestellt, das die deutsche Zulassungsnum­mer D 2400 und die Wertsbezeichnung2u. 60" trägt. Es wurden zur Bekämpfung des Luft­widerstandes Wege gegangen, wie sie bisher im deutschen Flugzeugbau nicht üblich waren. Das Schnellflugzeug ist völlig aus Metall ge­baut, jedoch hat man das gesamte Flugzeug mit Schleiflack überzogen. Das erste Schnellslugzeug von Junlers ist von gelb-roter Farbe und glänzt durch die Polierung wie eine Autolimousine. Beim Fahrgestell ist die Kabine so angeordnet, daß das Fahrgestell in den Rumpf eingezogen wird. Der Rumpf ist völlig rund gebaut. Das Flugzeug ist 13 Meter lang und 15 Meter breit. Cs ist ausgerüstet mit einem BMW.-Motor mit Luft­kühlung. Der Motor leistet 450 PS. Das Flug­zeug ist gebaut für vier Fahrgäste und zwei Füh­rer. Die Reisegeschwindigkeit reicht an die 300- Stundenkilometergrenze heran.

Flugzeug im Schneeskurm obgestürzl. Zwei Schwerverletzte.

Das Leichtflugzeug 1673, mit dem der Pilot Morzik 1930 den Europaflug gewann, wurde bei Oberankenreute auf dem Wege von Friedrichs­hafen nach München von einem heftigen Schnee- sturm an einen Fabrikschornftein geschleudert und stürzte ab. Die rechte Tragfläche uno die Steue­rung wurden zertrümmert, der Motor aus der Maschine gerissen. Der Flugzeugführer Pummer aus München erlitt, ebenso wie sein Fabrgaft Pfitzer, außer einer Gehirnerschütterung schwere andere Verletzungen. Die Maschine, die das nationalsozialistische SA.-Zeichen trug, war zu einem Werbeflug nach Friedrichshafen eingesetzt; auf dem Rückfluge nach München ereignete sich das Unglück.

Opernsängerin Gertrud Dindernagel t-

Die Berliner Opernsängerin Gertrud Binder­nagel, die wie erinnerlich, vor kurzem von ihrem Manne, dem Bankier Hintze, nach einer Auffüh­rung in der Städtischen Oper in Berlin durch einen Revolverschuh schwer verletzt worden war, ist im Krankenhaus Westend an Embolie ge­storben.

Gülerzug fährt in eine Arbeiterkolonne. Drei lote, mehrere verletzte.

3n Rothenburgort bei Hamburg ereignete sich ein schweres Unglück Ein Güterzug, der sich auf der Fahrt von Harburg-Wilhelmsburg nach Hamburg befand, fuhr am Brückendamm i n eine Arbeiterkolonne hinein. Drei Ar­beiter wurden getötet, zwei schwer und mehrere leicht verletzt. Vier Krankenwagen sorgten für den Abtransport der Verletzten. Der Rotten­führer Krupa ist fest genommen worden. Krupa, dem vorschriftsgemäh ein Mann als Aufsichtsposten zur Verfügung stand, hat diesen Mann in der Rotte Mitarbeiten lassen, ohne ihn seiner Bestimmung entsprechend zu verwenden. Rur diesem Umstand ist es zuzuschreiben, daß der Zug in die Arbeitergruppe hineinfuhr.

Schwerer Raubüberfall in Göttingen.

Dor dem Göttinger Landgerichtsgebäude wurde ein schwerer Raubüberfall verübt. Dem 18jährigen Kassenboten Heise der Göttinger Gewerbebank wurde von zwei Motorradfahrern seine Aktentasche mit 5000 Mark Sil­be rgeld, zwei Schecks in Werte von je 16 000 Mark und mehrere Ueberweisungsschecks ent­rissen. Heise setzte sich zur Wehr, mußte sich aber, als die Räuber auf ihn schossen, zu Boden werfen. Er wurde nicht verletzt. Ein bin» zuspringender Passant wurde gleichfalls von den Tätern angegriffen. Die Täter konnten mit ihrem Motorrad die Flucht ergreifen. Die Räuber schos­sen dauernd auf ihre Verfolger und entkamen.

Explosion auf einem finnischen Dampfer.

Auf dem finnischen DampferGantoise" (3900 Tonnen) wurde durch eine Explosion in einem Kohlenbunker ein Mann getötet, drei Mann wurden schwer verletzt.

Todessprung vom 103. Stockwerk.

Ein Unbekannter sprang vom 10 3. Stock­werk des Empire-States-Gebäudes in Neuyork, des höchsten Gebäudes der Welt, in selbstmör­derischer Absicht in die Tiefe.

Hundegebell

und Kükengezwitscher.

Don Hans Germann.

Eduard war Zauberkünstler gewesen, und was seine Gattin ist, die hatte ihm dabei assistiert, weil sie laut Tarifvertragfreie Reise" hatte, aber sie sah damals ganz schmuck aus und konnte auch ein bißchen beim' Zaubern helfen tja, und nun sind sie beide alt und mürbe geworden und freuen sich, mal zehn Märker pro Tag zu verdienen, das be­kommen sie nämlich vom Film geboten für Mitwir­kung an der Kultur, und das ist gut genug bezahlt, denn sie können alle zwei nicht Diel, im Gegenteil, ihre Fähigkeiten find recht bescheiden und nur sel­ten zu verwenden. Was kann Eduard? Ach, um die Wahrheit zu sagen: Eduard kann weiter nichts als bellen. Bitte? Jawohl: bellen. Wie ein Hund. Wie verschiedene Hunde. Er hat sich darin geübt und bringt sowohl den wütenden Bernhardiner als auch den schelmischen Dackel naturgetreu zustande. Und seine Gattin Pauline? Nun, Pauline kann leider, kann leider, leider nur tüten. Küken sind ihre Spe­zialität. Sie hat sich dermaßen hineingelebt in die Küken, daß alte, erwachsene Glucken von ihr ge­täuscht werden. Also Eduard kann Hundegebell, und Pauline kann Kükengezwitscher. Und jetzt sind sie einträchtig draußen im Kulturatelier und warten, bis sie an ber Reihe sind. Früh um acht waren sie pünktlich zur Stelle. Er mit seinem Hundegebell und Pauline mit ihrem Kükengezwitscher. Und dann haben sie sich still in einen Winkel verkrochen und haben gewartet. Sie warten noch. Sie sind das gewöhnt. Bis Mittag haben sie ab und zu ein biß­chen geprobt. Er hat geknurrt und gewinselt und wauwau gemacht, und Pauline hat mit feiner, dün­ner Stimme immerfort gepiepst. Und nun harren sie ihres Auftritts.

Das Warten ist gar nicht so langweilig. Immer­fort gibt es was zu sehen und zu hören. Man dreht einen Kulturfilm. Kultur darf nicht viel kosten und darf nicht lang sein. Nebenan im Atelier wird auf jegliche Art von Kultur strengstens verzichtet. Ne­benan wird ein Drama in den Cordilleren gedreht. Hunde müssen Schurken aufftöbern. Es sind auch Bären leihweise zur Stelle. Seit Vormittag neun Uhr wurden ausschließlich die Bären gefilmt. Einer ist dabei totgeschossen worden. Das ist so in den Cor- billeren. Das muß so sein. In den Cordilleren gibt's leine Kultur.

Pauline piepst für sich hin, um zu sehen, ob sie die Küken noch kann. Sie kann sie noch. Gut. Eduard haßt den Regisseur von nebenan. Der Man 'f)at ihn noch nie engagiert. Der Mann legt kein Gewicht auf Natürlichkeit. Der Mann läßt alles künstlich Herstellen. Mit Instrumenten und so fort- sck)rittlichen Dingern. Wenn bei ihm ein Vogel pfeifen muß, dann wird das mit der Pfeife nach- sychronisiert. Höchst verächtlich. Und jetzt sind die Bären dran. Immer noch. Ein wilder Kerl mit der Nilpferdpeitsche wütet unter den Bären. Die Bären geben ihr Bestes her. Das Gebrüll wird bann später nachgeliefert. Höchst verächtlich. Aber der Re­gisseur, obwohl er doch brüllen könnte, weil's stumm gedreht wird, der Regisseur ist sanft und leise. Un­angenehmer Mensch. Und jetzt kommen die Hunde an die Reihe. Herrliche Tiere. Sie sollen bellen, aber sie bellen nicht. Kaum haben sie die Bären erblickt, da ziehen sie die Schwänze ein und sagen nicht einmal Piep. Der Regisseur ist verzweifelt. Stunden vergehen. Eduard muß grimmig lachen. Die Hunde bleiben und bleiben ohne Ton. Und die Szene mit den Hunden sollte natürlich der Einfach­heit halber mit Ton ausgenommen werden. Eduard hockt in einem Winkel und platzt vor Schadenfreude. Er hat einen hohen Stehkragen um und einen ab­geschabten Cutaway und eine grasgrüne Weste. Ich schätze ihn auf Ende Sechzig.'

Gibt's denn da keinen Ausweg? Der Regisseur, der sanfte und geduldige Herr, berät sich mit seinem Stabe. Schließlich erinnert sich einer, daß nebenan Kulturfilm ftattfinbet, und daß daselbst Hunde- gebe-ll in kleineren Mengen abgegeben wird. Also erscheint ein Parlamentär und leitet Verhandlun­gen mit dem Regisseur des Kulturfilms ein von wegen leihweifer lleberlaffung des Hundegebell­erzeugers. Eduard wird gerufen. Eduard hört sich den Fall an. Die Leute in den Cordilleren sind geschmissen, wenn Eduard ihnen nicht aus der Patsche hilft. Aber Eduard umgürtet sich mit Stolz. Eduard weigert sich entschieden.Nee", sagt er be­dächtig,der nimmt unsereins nie. Lassen Sie den Mann mit die Maschine bellen." Das sagt Eduard, und Pauline pflichtet ihm selbstbewußt bei. Ihr Gatte kann wauwau machen wie ein richtiger Kö­ter, aber für die Sache mit den Cordilleren ist er zu schade. Er solle man ruhig mit die Maschine machen ...

Und endlich kommen die beiden dran. Eduard bellt wie ein Alter. Er bellt, daß die Wände wackeln. Der Kulturfilm ist klein, aber außerordentlich oho. Driqinata-ufnabmen aus dem Reiche unserer mit Recht so beliebten Haustiere. Auch eine Katze wirkt

mit, die kann einfach alles und bekommt pro Auf­nahmetag achtzig Mark, feit sie zuletzt einen so durchschlagenden Erfolg erzielte. Eduard kann die Katze nicht leiden. Sie ist echt. Er mag das Echte nicht und mag die Maschine nicht. Mensch ist genau dazwilchen. Eduard ist Mensch. Auch Pauline.

Pauline hat in ihrem Winkel gezwitschert, was das Zeug hält. Als das Zeug nicht mehr hielt, wurde sie vom Kulturfilmregisseur gerufen. Die Uhr zeigte sechs Minuten nach sieben. Das Atelier mi/mmelte von Küken. Von den Küken war ein einziges als prominent befunden worden, und Pau­line hatte ihm ihre Stimme zu leihen. Pauline hielt sich nicht zurück. Pauline piepste und zwitscherte aus Leibeskräften.Halt!" donnerte der Regisseur, piepsen Sie leiser!" Und Pauline piepste mit Sor­dine, von ihrem diese Darbietung voll und ganz würdigenden Gatten errötend beobachtet. Und den­noch hagelte es Anschnauzer. Pauline piepste wie irrsinnig. Pauline fühlte die Ohren der Welt auf sich gerichtet und starb vor Ehrgeiz. In Schweiß qehabet vollendete sie ihre Küken-Szene, die später herausgeschnitten wurde. Einerlei sie haben an der Kultur tonfilmisch mitgewirkt, und das kann ihnen keiner entreißen.

Testament eines alten Seebären.

Das Testament eines Veteranen der englischen Marine, des John Harding, der eine Zeitlang Hornist unter dem englischen Admiral Lord Fisher war, wird jetzt veröffentlicht. Er war Mitglied der Victorianischen China-Marine-Vereinigung, und an sie richtete er das folgende Schreiben in seinem 74. Jahr:Da ich nun wohl bald die mir zugemessene Lebenszeit erreicht habe und den Ruf ins Jnseits erwarte, bitte ich die Kameraden, die folgenden Wünsche nach meinem Tode zu erfüllen. Laßt keinen griesgrämigen Le chenbestatier das bißchen Fleisch verscharren, das von mir noch übrig bleibt. Legt mich selbst in eine Kiste und bedeckt sie mit dem Union Jack (englische Fahne). Mietet einen Lastwagen, fahrt in ein paar Droschken hinter­her und begrabt mich bei meinen Kameraden auf dem Friedhof von Fawkner. Macht auf dem Wege Halt bei der nächsten Destille und hebt dort einen, wofür ich die Summe von 5 Pfund hinterlasse. Ich werde unterdessen draußen warten. Dann fahrt weiter. Aus dem Friedhof angekommen, soll einer von Euch ein paar Worte an Unfern Herrn richten und ihn

bitten, mich so anzunehmen, wie ich bin. Wenn ich dann in der Grube verstaut bin, dann soll der Hornist dieLetzte Post" blasen, so laut er kann, und vielleicht noch ein anderes Stück. Ich hinterlasse ihm dafür ein Pfund. Danach bitte ich Euch alle, mir ein Seemanns-Lebewohl zuzurufen, zu unferm Klub zurückzukehren und auf das Andenken an Euern alten Kameraden und auf unser nächstes lustiges Zusammensein auf der Himmelswiese zu trinken." Die An­ordnungen des alten Seebären wurden von der Vereinigung buchstäblich so ausgeführt, wie er es gewünscht hatte.

Zeitschriften.

In dem reichhaltigen Rovemberheft von Westermanns Monatsheften würdigt Hans von Hülsen Gerhart Hauptmann anläßlich seines 70. Geburtstags. Eine illustrierte Abhand­lung von Carl Meißner bringt uns den Maler Leonid Pasternak nahe. Reden dem RomanDie Elixiere des Glücks" von Max Halbe finden wir eine Rovelle,Ein Verbrechen dunkelt durch die Jahre", von Wilh. v. Scholz. Professor Dr. Ver­wehen plaudert überDie Idee der Bruderschaft in der Geschichte der Menschheit". Eine sehr in­teressante Abhandlung findet der große Kreis der Kamerafreunde in dem Artikel von Otto Aug. Ehlers,Kunst der Kamera", der mit schonen Dckdwiedergaben geschmückt ist. Dr. Robert Rich­ter stellt die Irrtümer, die bei früheren Wieder­gaben desAbendmahl von Leonardo da Vinci" unterlaufen sind, richtig. Erwähnt seien noch die AbhandlungenReues Leben in der Grabmal­kunst" vvn Prof. Dr. von Grolmann, undDie Sprache der Tiere", von Prof. Dr. Bastian Schmid. Das Heft wird durch eine große An­zahl von ein- und buntfarbigen Abbildungen ge­schmückt und dürfte wieder das Interesse weitester Kreise finden.

Hochschulnachrichten.

Der Ordinarius der Psychiatrie an der Mar­burger Universität Dr. Ernst Kretschmer hat den Ruf an die Universität D ern als Rach­folger von Prof. Wilhelm v. Speyr abgelehnt. Kraepelin wurde 1923 Extraordinarius in Tü­bingen und siedelte drei Jahre später als Rach­folger von Stertz nach Marburg über. Sein Spezialgebiet ist medizinische Psychologie und Psychotherapie, ferner Konstitutionsforschung.