Ausgabe 
4.11.1932 Erstes Blatt
 
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i;ce5 bedürfe, dürfe nicht abgefchafft, oder in ic ne.: tx-featikben Grundlagen abgeändert wer­den. DaS Zentrum kämpfe für das sacrum impcrum des Rechtes und der Verfassung

Der Wahlaufruf der Landvoitpariei.

Berlin, 3. Rov. Der Dorstand der Landvolk- pariei erläßt folgenden Aufruf zur Reichs­tag S w a h l:

Zur ReichLtagswahl stellt die Landvolkpartei (Christlich-Rationale Bauern- und Landvolk- Partei) in allen Wahlkreisen eigene Listen aus.

Aus wahltechnischen Gründen hat die Land­volkpartei eine Listenverbindung mit dem Bayri­schen Bauernbund abgeschlossen. Dieses Bündnis hat den Zweck, Stimmenverluste zu vermeiden, wenn es nicht gelingen sollte, in einem Wahl­kreis einen eigenen Kandidaten der Landvolk­partei durchzubringen. Die Landvollpartei wird in ihrer absoluten Selbständigkeit durch dieses rein taktische Dorgehen nicht berührt. Alle Stimmen, die für das Deutsche Landvolk ab­gegeben werden, kommen ihm zu gute.

Die Landvolkpartei will keine Zersplitterung im nationalen Lager. Im Gegenteil, sie sucht diejenigen Wähler an die Wahlurne zu bringen, die beim Fehlen einer eigenen Landvolkpartei nicht zur Wahlurne gingen.

Die Landvolkpartei ist keine Gegnerin der Stadt. Sie kämpft lediglich für die Gleichberech­tigung des Landvolks gegenüber der Stadt.

Die Landvolkpartei sieht in einem boden­ständigen, freien, gesunden Bauerntum die Grund­lage und Voraussetzung des Wiederaufstiegs un­serer Gesamtwirtschaft und unseres Dolles.

Die Landvolkpartei sieht im Marxismus und Kommunismus, den sie mit allen Mitteln bekämpft, nicht allein den Todfeind des eigenen Berufs­standes. sondern auch den Zerstörer der geistigen und sittlichen Kräfte unseres Gesamtvolkes.

Tie Landvolkpartei ist Gegnerin des heutigen parlamentarischen Systems und der Weimarer Verfassung. Mehr denn je ist die Rettung un­seres Vaterlandes aus tiefster Rot und Elend eine Frage der Persönlichkit.

Teshalb sieht die Landvolkpartei in eiwrr über­parteilichen Präsidialregierung den einzig mög­lichen Weg des Wiederaufstiegs.

Tie Landvolkpartei kämpft für die Sammlung aller nationalen und sittlichen Kräfte des Land­volkes. Ihr höchstes Kampfziel ist die äußere und innere Freiheit unseres Gesamtvolkes."

Im Wahlkreis 33 Hessen-Darmstadt wird der Wahlvorschlag der Landvolkpartei von dem Landwirt Heinrich Fenchel in Ober-Hör­gern (Kreis Gießen) als Spitzenkandidaten ge­führt.

Oer Verkehrsstreik in Berlin.

52 kommunistische Führer verhaftet.

Berlin, 4. Noo. (WTB.) Im Zusammenhang mit dem wilden Streik bei der BVG. nahm die Polizei am Donnerstagabend die Berliner Be­zirksleitung der Revolutionären Gewerkschafts- Opposition (Jndustriegruppe Gemeinde und Ver­kehr) fest. Die Mitglieder dieser Gruppe befanden sich in einer Versammlung, die den Zweck hatte, einen Sympathiestreik der Gas-, Was­ser- und Elektrizitätswerke anzuzetteln. Insgesamt wurden 52 Funktionäre festge­nommen.

Zusammenstöße vor einem Straßen­bahnhof.Ein Toter.

Berlin, 4. Nov. (ERB. Funkspruch.) Vor einem Betriebsbahnhof in Berlin-Schöne­berg kam es heute morgen zu Zusammenrot- tungen streikender BVG.-Arbeiter, die die Polizei auseinanderzutreiben versuchte. Die Be­

amten. wurden tätlich angegriffen und der­art bedroht, daß sie von ihrer Schußwaffe Ge­brauch machen mußten. Auch aus der Menge sollen Schüsse gefallen sein. Eine Person wurde so schwer verletzt, daß sie auf dem Trans­port ins Krankenhaus starb. Zwei weitere Per­sonen wurden verletzt. Der Erschossene und die drei Verletzten find sämtlich S Ä.- L e u t e. Auch unter den Kommunisten, die sich an der Zu­sammenrottung beteiligt hatten, sollen mehrere Personen verletzt worden sein, die aber von ihren Kameraden fort geschafft worden sind.

Fortsetzung -es Streiks?

Berlin, 3. Rov. (ERB.) Don einer Stelle, die sich als Zentrale Streikleitung der Derkehrsarbeiter bezeichnet, wurde gegen Mitternacht den Redaktionen eine Erklärung zu­geleitet, wonach sich an den Beschlüssen der Streik­leitung durch die Derbindlichkeitserklärung nichts ändere. Der Streik werde fortgesetzt.

Freispruch desMobe^ckommaudanien.

Höhere Gewalt als Ursache derAiobe--Katastrophe.

Kiel, 3.Rov. (WTB.) Im weiteren Verlauf der Kriegsgerichtsverhandlung wegen des Unterganges derR iobe" wurden die Personalien des Angeklagten, Kapitänleutnant Ruhfuh, verlesen. Aus einem Führungs­zeugnis des Inspekteurs des Bildungswesens der Marine, Konteradmiral Schultze, ist her­vorzuheben, daß Kapitänleutnant Ruhfuh als Offizier, wie als Kommandant derRiobe" eine hervorragende Dienstauffassung ge­zeigt habe. Seine Leistungen seien ausgezeichnet gewesen, so daß sie ihn als geeignet erscheinen ließen, unter vielen zum Führer des Schiffes ausgewählt zu werden.

Als Kommandant erklärte Kapitär.leutnant Ruhfuh, trage er für alles, was auf dem Schiffe geschehen sei, die volle Verantwortung. Er gab dann eine ausführliche Darstellung von

dem Unglücf. Zum Schluß seiner Aussage er­klärte er:

Ich fühle mich nicht schuldig. Ich habe nach bestem Wissen und Gewissen alle Maßnahmen getroffen, die mir als altem Segler bei Gefahr nötig erschienen.

Ich hatte keinen Grund, mehr Segel zu bergen, da ich nach meinen Erfahrungen hinter der auf- kommenden Gewitterbö nicht soviel erwarten konnte, als tatsächlich dahintersteckte."

Es wurde dann die Frage erörtert, wieviel Zeit verstrichen fei, von dem Einfallen der und dem Augenblick, wo das Schiff als verloren anzusehen war. Kapitänleutnant Ruhfuh meinte, daß es sich um Bruchteile von Sekunden gehandelt habe. Auf eine weitere Frage des Vorsitzenden gab Kapitänleutnant

Deiner Hände Werk

Vornan von Klothilde von StegmannStein.

Copyright by Martin Feuchtwanger, Halle (Saale)

7 Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Siebentes Kapitel.

Schweigend stand sie neben ihm, der jetzt mit der Hand hinauswies in die lichte Weite:

Sehen Sie, Fräulein Hiltrud, wie diese Rächt alles verschönt, was in ihr ist! Sogar die Werk- türme umgibt sie mit einem Zauber, so daß sie ihrer prosaischen Bestimmung fast entrückt scheinen."

Leise sagte Hiltrud:Sie sprechen von gütigen Feen. Baron Grikson, die in solchen Mondnächten unterwegs sind, um den Menschenkindern Gaben zu bringen. Mir scheint, Ihnen hat solch eine Fee die @abe verliehen, die Ratur mit anderen Augen zu sehen. Ich habe bisher nie etwas Schönes an unseren Werktürmen finden können und an den kleinen bescheidenen Häusern. Auf einmal aber erkenne ich auch, daß eine Schönheit in ihnen verborgen liegt. Man hat mich nur nie gelehrt, darauf zu achten."

Mit warmen Blicken sah Olaf das junge Mäd­chen an. Wie sie so dastand, das feine, zarte Ge­sicht mit einem verwunderten und ernsten Aus­druck auf die Landschaft vor sich gerichtet, schien sie ihm als eine ganz andere. Alle die blasierte Müdigkeit und Oberflächlichkeit schien von ihr abgefallen, dies ganze hochmütige Besserwissen­wollen, das ihn an ihr störte. Hier neben ihm stand ein junges, liebreizendes Mädchen, das mit verträumten Augen in das Wunder der Frühlingsnacht hinauslauschte.

Eine warme Welle stieg ihm zum Herzen. Wie wundersam erglänzte das matte Gold des Mäd­chenhaares, auf dem der Mond sein Licht wie in leichter Zärtlichkeit ruhen ließ ...

Wie fein war der Ansatz der durchsichtigen Stirn unter diesem Blondhaar, das Profil der feinrüdigen Rase, der Wangen und des mädchen­haften blaßrosa Mundes. Wie aus Mondlicht und Traum gewoben, stand die ganze lichte Gestalt neben ihm, Sehnsucht und Verlangen ins Herz gießend.

Aber er bezwang sich. Dieses Traumbild zeigte sich im grellen Tageslicht oft so anders, so ganz anders. Er konnte es jetzt nicht fassen, daß dieser zarte, sehnsüchtige Mund oft so törichte, hoch­mütige Worte finden konnte, daß diese Augen, die jetzt mit schwärmerischem Ausdruck dem wan­dernden Mond folgten, verächtlich und hart blicken konnten. Vielleicht aber hatte er jetzt in diesem zauberhaften Augenblick Hiltruds wahres Wesen erkannt? Dann war alles das, was ihn an ihr

immer wieder zurückgestoßen, weniger sie selbst, als die Folge einer falschen Erziehung durch die kalte, stolze Mutter. Wenn es so war, dann ver­mochte man sicherlich Hiltruds wahres Wesen zu erwecken durch die Liebe. Liebe vermochte ja so viel bei einer Frau. Liebe konnte eine Frau zum Engel oder zum Teufel machen.

Unwillkürlich rückte Olaf näher an Hiltrud heran, deren Hand auf der Birkenlehne der kleinen Brücke lag. Wie zart und schmal war diese Hand; es war eine Kinderhand fast. Sie würde nie imstande sein, wenn etwas Schweres an sie herantrat, das Leben zu meistern. Immer würde ein anderer da sein müssen, der sie stützte und hielt. Die Hand ihrer Mutter, Frau Me­lanies Hand, war eine andere: lang, fest, mit harten Fingern, eine Hand, die wußte, wo sie zugreifen, wo sie abweifen mußte. Hiltrud war wohl zu sehr das Geschöpf dieser Mutter: aber vielleicht würde sie auch das Geschöpf eines Mannes werden, der es verstand, sie in die rich­tigen Bahnen zu lenken.

Wissen Sie, Fräulein Hiltrud", sagte der Mann leise,daß ich glaube, ich habe schon Glück gehabt und habe eine der guten Feen gesehen?"

Ein Schauer lief durch die Seele des Mäd­chens; das stolze, kühne Gesicht des Mannes hatte jetzt einen so weichen Ausdruck, wie sie nie für möglich gehalten. Sie fühlte feinen Blick mit heißer Zärtlichkeit auf ihrer Hand ruhen, und in einem plötzlichen Gefühl mädchenhafter Scheu Aog sie die Hand fort. Hätte Olaf zu ihr ge­sprochen, keck und werbend, wie sie es allzuoft von den jungen Leuten ihres Kreises erfahren, sie wäre nicht so verlegen gewesen denn noch immer hatte sie jeden Menschen in die ihm ge­bührenden Schranken zurückweisen können. Aber diese Art des jungen Mannes weckte ungeahnte, scheue Regungen in ihr.

Doch gerade diese zurückweichende Bewegung der Mädchenhand war es, die Olaf aus seinem Traume schreckte. Gewaltsam riß er sich zusammen, schüttelte die sehnsuchtsvolle Stimmung ab. Man kannte sich ja noch viel zu wenig. Was er aber von Hiltrud kannte, war viel zu widerspruchsvoll.

So war er beinahe froh, als jetzt die raunende Sülle der warmen Nacht unterbrochen wurde von lauten, fröhlichen Rusen, die drüben vom nahen Strande des Flusses herüberdrangen.

Man unterschied ein paar Iungmännerstim- men. Einer rief ein Kommando. Es rauschte etwas, wie wenn ein Boot zu Wasser gelassen wurde; dann antwortete eine weichere, hellere Stimme, und ein Mädchenlachen mischte sich in das Dunkel der Männerstimmen.

Wer geistert denn da so spät noch bei Ihrem Bootsteg herum, Fräulein Hiltrud?" fragte Olaf Wollen wir einmal nachsehen?" Hiltruds Ge­sicht veränderte sich jäh der hochmütige, böse

R u h f u ß an, daß Bullaugen und Schotten zum Teil geschlossen, zum Teil aber geöffnet gewesen seien. Es habe kein Grund Vorgelegen, das Schiff in allen feinen Teilen abzuschließen.

Es wurde dann in die Zeugenvernehmung eingetreten. Oberbootsm ann Kühn, einer der Ueberlebenöen derRiobe", bestätigte, daß die ganz überraschend gekommen sei. Er habe ähnliches noch nicht erlebt. Kapitän­leutnant Ruhfuh sei ein sehr vorsichtiger See­mann. Das Schiff selbst sei wohl seefest gewesen, aber es habe sich leicht auf die Seite gelegt.

Oberleutnant zur See Lott war Wachossi- zier auf derRiobe". Er hat gleich Kühn den Eindruck, daß es bei der herrschenden Wetter­lage nicht unbedingt notwendig gewesen wär«, die Obersegel zu bergen.

Auch die übrigen als Zeugen vernommenen Lieberlebenden derRiobe" bestätigten

das plöhliche Auftreten der, die mit unge­heurer wucht eingefallen fei, deren Gefährlich­keit aber vorher nicht zu erkennen gewesen sei. Kapitän Thomsen, Führer des Feuerschiffes Fehmam-Delt", erklärte, die aufkommende habe nicht sehr gefährlich ausgesehen. Die Fort- nahme der Obersegel bei derRiobe" scheine ihm jedoch der Wetterlage angemessen gewesen zu sein.

Korvettenkapitän K ü m p e 1, der frühere Kom­mandant derRiobe", betonte, Kapitänleutnant Ruh fuß habe von Anfang an guten seemänni­schen Sinn und Verständnis gezeigt. Er habe die Lieberzeugung gehabt, daß Ruhfuh jeglicher Lage gewachsen sei. ZurRiobe" selbst habe der Zeuge volles Vertrauen gehabt.

Rach Schluß der Beweisaufnahme erstatteten die Sachverständigen ihr Gutachten. Aus ihren Berichten ging übereinstimmend hervor, daß Kommandant Ruhfuh gar nicht anders habe handeln können, als es geschehen sei:

es habe sich um eine gehandelt, wie sie in unseren Breiten nur sehr selten vorkomme. Das Unglück sei daher auf höhere Gewalt zurück- zuführen.

In seinem Plädoyer betonte Kriegsgerichtsrat Becker, von einem Verschulden desKorn- mandanten könne nicht die Rede sein; denn mit einem derartigen außergewöhnlichen Naturereignis habe er nicht rechnen können. Er stelle daher die Freisprechung des Kom­mandanten anheim. Der Verteidiger des Ange­klagten schloß sich diesem Antrag an. Kapitän­leutnant Ruhfuh verzichtete auf das Schlußwort.

Das Gericht sprach dann den Kommandanten Ruhfuh frei.

Oie Urteilsbegründung.

In der Begründung des Urteils führte der Vorsitzende, Kriegsgerichtsrat Schuck, u. a. aus:

Nach Auffassung deS Gerichts steht ober fällt die Anklage gegen den damaligen Kommandanten derNiobe" mit der Bejahung oder Verneinung der Frage:Entspricht die Segelfüh­rung beS Schiffes am 26. Juli der herr­schenden allgemeinen Wetterlage?" LaS Gericht hat diese Frage im positiven Sinne beantwortet. Als Vorfrage war dabei zu prüfen:Sind vom Kommandanten derNiobe" die Wetterverhältnisse an dem Nachmittag mit der notwendigen Sorgfalt beobachtet worden?" Daß daS geschehen ist, ergibt sich nicht nur aus den Gutachten der Sachverständigen, sondern auch aus dem, was das Gericht aus den Aussagen der . Zeugen und dem Ergebnis der Beweisaufnahme annehmen mußte.

Dabei steht fest, daß Kapitänleutnant Ruhfuß sich zu keiner Zeit von den Ereignissen jenes Rachmittags hat überraschen lassen. Es ist nicht ein einziger Zeuge ausgetreten, der auch nur einen Anhaltspunkt dafür hätte geben können, daß eine Möglichkeit bestanden hätte, die Böe, die schließlich dieRiobe" zum kentern brachte,

Ausdruck, den es so oft annahm, entstellte die zarten Züge.

Mein Stiefbruder treibt sich da wieder mit den jungen Leuten vom Hofe hemm", sagte sie verächtlich.Er kann und kann die alten Gewohn­heiten nicht ablegen und gibt sich immer noch mit den IungenS ab, mit denen er als Kind zu­sammen auf dem Werkshof gespielt hat. Er ist eben in dieser Hinsicht nie richtig erzogen worden."

Hiltmds ganzer Aerger, in diesem Augenblick gestört worden zu sein, entlud sich in den scharfen Worten. Schweigend ging Ola,f neben ihr her. Er bereute es nicht, sich vorhin im Zaum ge­halten zu haben, obwohl die Versuchung, den zarten, hochmütigen Mädchenmund zu küssen, ihm das Blut in den Kopf getrieben hatte.

Aber nun war ja hier wieder jene Hiltrud, die er nicht begreifen konnte, die hart und hoch­mütig über ihren Bruder uni. seine Iugendsreund- schast urteilte. Dabei schien dieser Kurt Bremer ein ganz famoser Junge zu sein, ganz der Schlag des alten, verehrten Kommerzienrats Bremer. Es war Olaf Erikson, der selbst in einem großen, heiteren Geschwisterkreis oben auf dem großen Gut von Björking auf gewachsen, unbegreiflich, daß junge Menschen in einer Familie nicht zu­sammenhielten. Aus Hiltmds Art dem jüngeren Stiefbruder gegenüber sprach beinahe etwas wie Hatz.

So erwiderte er nichts daraus; nur nach einer Weile, während sie dem Werksufer entgegen­gingen, sagte er wie beiläufig:

Wissen Sie, Fräulein Hiltmd, daß bei uns auf dem Gutshof von B'örking heute noch die Leute bei unS mit am L if he sitzen?"

Wie?" fragte Hiltmd erstaunt zurück.An welchem Tische?"

Nun, am Tische mit meinen Eltern und unS. Wir haben eine große Halle; in der wird all­abendlich das Essen für die Eltern, für alle Kin­der und auch für die Leute aufgetragen. Lind es gibt keinen Llnterschied zwischen ihnen und unS. Ich erzähle Ihnen daS nur, um Ihnen zu zeigen, daß ich die Einstellung Ihres BmderS Kurt sehr gut verstehe. Ich selbst habe heute noch meine alten Iugendfreundschaften unter den IungenS unserer Leute. Auf den Menschen kommt es mir an, Fräulein Hiltmd, nicht auf den Namen und Stand..."

Hiltmd sah ihren Begleiter unsicher an. Von klein an hatte bei ihrer Mutter der Satz ge­golten, daß man sich von den Angestellten zurück- palten müsse. Lind nun fand sie, daß ein Aristo­krat wie Olas eine solche Neigung verstand.

Ganz betreten ging sie neben ihm dem Ufer zu. Lind nun sahen sie schon die fröhliche Gmppe, die sich da unten um baS Motorboot tummelte. Es schienen lauter Jungens zu sein, die fünf luftigen jungen Menschen, die sich da in ihren

vorher zu erkennen. Sie war plötzlich da, gleich­zeitig faßte eine riesige Jauft das Schiff und drückte es in kürzester Zeit auf und unter wasser. Ls kann keine Rede davon sein, daß der Angeklagte Fahrlässigkeit bei der Führung seines Schiffes gezeigt hat.

Konnte aber baS Gericht feststellen, daß eine solche Fahrlässigkeit nicht vorliegt, dann ist der Angeklagte auch nicht verantwortlich zu machen für das Kentern des SchiffeS. Das Gericht hat festgestellt, daß für das Kentern lediglich die Segelführung kausal geworden ist, nicht etwa daS Ofenstehen der Bullaugen und Niedergänge. Denn selbst wenn aus dieser Tatsache eine gewisse Sorg­losigkeit angenommen werden könnte, so wäre sie bedeutungslos, weil diese Sorglosigkeit nicht für das Kentern des SchiffeS die Llrsache war.

Die zweite Frage war:Hat der Kommandant, nachdem daS Schiff gekentert war,<alleS ge­tan, was er tun konnte?" DaS Gericht hat den Eindmck gewonnen, bah eS ein Mehr für den Angeklagten in dieser Situation nicht gegeben hat. Die Katastrophe hat sich mit einer derartigen Schnelligkeit abgespielt, daß zu weiteren Maßnahmen keine Zeit mehr war.

Auch als Kapitänleutnant Ruhfuß ins Wasser gespült worden war, ist er noch als Führer seines Schiffes in Erscheinung getreten. Er hat versucht, seine Leute um sich zu sammeln, und alles getan, um den Mut der Schiffbrüchigen aufrechtzuerhallen.

Alle ihm vorgelegten Fragen hat sonach das Gericht restlos zugunsten des Komman­danten beantwortet. Das Gericht freut sich, fest­stellen zu können, daß der Kommandant an dem unglückseligen Nachmittag alles getan hat, was er unter normalen Llmständen tun konnte und ioaS nach seinen Erfahrungen und der Kenntnis von den Eigenschaften feines Schiffes zu tun war. Wenn es trotzdem zu der Katastrophe kam, so ist ihm nicht die Schuld zuzusprechen. Er ist daS Opfer höherer Gewalt geworden.

Aenderungen in -er Wohl- sahrtserwerbslofen - Fürsorge.

Berlin, 4. Nov. (CNB.) In den nächsten Tagen wird, wie dieDAZ." meldet, eine neue Verordnung des Reichspräsidenten über Aenderungen in der WohlsahrtSer- werbSlosensürsorge erscheinen. Diese Verordnung enthält zunächst die angekündigte Er­höhung des Reichszuschusses für die Gemeinden, die bisher einen ReichSzuschutz im Monatsdurchschnitt von 60 bis 65 Millionen Mk. bekamen. Künftig soll dieser Betrag auf 75 Mil­lionen Mk. erhöht werden. Zugunsten der Land­gemeinden, di.e im Winter eine besonders hohe Erwerbslosenziffer haben, ist außerdem eine Aenderung deS Verteilungsschlüs­sels vorgesehen. Besonders wichtig ist für die Gemeinden die Ankündigung, daß vom 1. Novem­ber bis 30. April fein Llnterstützungs- empfänger mehr auS der Krisenunter­stützung ausgesteuert werden soll. Es kann also keine Erhöhung der WohlfahrtserwerbSlosen- ziffer eintreten, so daß die Gemeinden vor einer Steigerung ihrer Wohlfahrtslasten bewahrt bleiben.

Keine Herabsetzung -es Pensionsalters -er Beamten.

Berlin, 3. Nov. (CNB.) Im Wahlkampf spielt die Meldung eine Rolle, daß die Reichsregie­rung die Absicht habe, das Pensionsalter der Beamten auf 60 Jahre herabzu­setzen. Aus Kreisen des Reichsinnenministeriums wird uns auf das bestimmteste versichert, daß die Reichsregierung mit derartigen Plänen nicht das- geringste zu tun habe, und eine weitere Herab­setzung des Pensionsalters absolut nicht in ihrer Absicht liege.

Trainingsanzügen um das Boot versammelt hat­ten aber da stutzte Olaf: nun erkannte er deut­lich, die eine der Gestalten war ein Mädchen.

Der Mond schien auf eine weiche, bräunliche Haarflut, die sich unter einer kleinen Kappe her- vorbrängte, und das braune Gesicht hatte zwar etwas von dem kühnen Schnitt eines Jungen, aber dennoch um die Augen und den fast kind­lichen Mund die Weichheit deS Mädchenseins. Gerade stieg dieses Mädchen im TrainingSanzug mit einem kühnen Schwung inS Boot, der junge Mensch hinter ihr her; es war Kurt Bremer, der nachkletterte schon griff er nach dem Steuer­rad und gleich darauf rauschte baS Doot durch bas silbern aufsprühende Wasser.

Was hat sich denn da für eine Seejungfrau bei Ihrem Bruder und den jungen Leuten ein­gefunden?" Olaf lachte belustigt und sah dem schon fern dahingleitenden Boot nach.

Hiltrud machte ein empörtes Besicht.Das ist denn doch zuviel!" sagte sie.Treibt sich doch wahrhaftig diese Erika wieder hier mit den großen Jungens herum, als wäre sie noch ein Kind. Ich muß doch einmal Mutter Bescheid sagen, daß sie daS verbietet."

Wer ist denn diese Erika?" Olaf sah mit Interesse dem Boot nach, daS jetzt in der fiEber- flimmemben Ferne des FlusseS verschwunden war und nur durch daS leise Rattern deS Motors noch die Fahrtrichtung anzeigte.

Ach, die Tochter unseres Materialverwal- terS", antwortete Hiltrud wegwerfend.Die Mut­ter ist früh gestorben, die Tochter ist infolgedessen ein bißchen verwahrlost. Gar nichts Mädchen­haftes. Seit ihrer Kindheit schon bastelt sie mit Kurt zusammen in seiner Werkstatt herum. Er hat sich eine Motorenverbesserung auSgebacht; an der arbeitet er schon seit Monaten und nun muh er sie gleich am ersten Abend seiner Ankunft auSprobieren und daS Mädel mit. Die tut, als wäre sie ein gelernter Monteur ich begreife nicht, wie man an derartigen un­weiblichen Dingen Gefallen finden kann; aber das ist natürlich nur ein Dorwand..."

Ein Vorwand wofür, Fräulein Hiltrud?" fragte Olaf, und seine vorhin so weiche Stimme hatte einen scharfen Klang, der Hiltrud eigentlich hätte warnen müssen.

Aber sie war in diesem Augenblick, wo ihr die Störung ihres Beisammenseins mit dem heim­lich begehrten Manne lästig war, wieder ganz die Tochter ihrer Mutter. Mit allem Hochmut klang eS denn auch:

Ein Vorwand, um sich abenbS mit jungen Leuten herumzutreiben, Baron Erikson! Viel­leicht denkt diese Erika, sich den Sohn vom Bremerwerk einzufangen man weiß ja nie, "toaS solche MädelS im Schilde führen!"

(Fortsetzung folgt.)