Ausgabe 
4.8.1932 Frühausgabe
 
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Aus der Provinzialhauptstadt.

Gießen, den 4. August 1932.

Rund um die Butter.

Dom Recht im Alltag.

Von besonderem Interesse sind die verschieden­artigen gesetzlichen Bestimnmngen. die über den Verkehr mit Butter und deren Ersatzstoffe erlassen

Wenn die Hausfrau ihre Butter kaust, hat sie naturgemäß ein Interesse daran, volles Gewicht zu erhalten. Butter aber kann in dieser Beziehung leicht betrügerisch ausgenutzt werden, weil ihr un­erhebliche Wasfermengen zugesetzt werden können. Deshalb ist Vorschrift, daß Butter in ungesalzenem Zustande nicht mehr als 18, und gesalzene Butter nicht mehr als 16 Gewicht st eile Was­ser enthalten darf, Penn sie gewerbsmäßig verkauft werden soll. Wek Buller mit höherem Wassergehalt in den Handel bringt wird wegen Verfälschung von Lebensrnitteln bestraft. Der Hand- ler hat die Verpflichtung, sich durch Schmelzproben davon zu überzeugen, daß der Wassergehalt nicht hoher als zulässig ist.

Streng zu unterscheiden sind auch Koch- und Tafelbutter. Durch PoLzeiverordnungen ist be­stimmt, daß bei Tasel- oder Kochbutter, die in Um­hüllungen, also in fertigen Packungen verkauft wer- den, diese Umhüllungen auf der äußeren Seite die unverwischbare und gut leserliche AufschriftKoch- butter" oberTafelbutter" tragen müfsen. Beide, Koch- und Tafelbutter, sind im Verkauf streng von­einander zu scheiden, denn das Publikum erwartet naturgemäß bei der Tafelbutter eine erstklassige, als Brotaufstrich zu verwendende Ware zu erhal­ten, während Kochbutter bekanntermaßen eine But­ter von geringerer Güte ist. Tafelbutter, die durch langes Lagern gelitten hat, darf als solche nicht mehr verkauft werden, sondern höchstens als Koch- butter. Ein Butterhändler, der gegen diese Bestim­mungen verstößt, wird ebenfalls bestraft.

2ede Hausfrau weih, daß unter Ärasbut - ter eine andere Qualität wie S t a l l b u 11 e r zu verstehen ist. Es ist deshalb gesetzlich verboten, der Stallbutter durch künstliche Färbung das Aussehen von Grasbutter zu geben und diese etwa

als solche zu verkaufen. Abgesehen davon, daß der Verkäufer sich unter Tlmständen eines Be- truges dem Käufer gegenüber schuldig machen würde, ist ein derartiges Rachmachen von Gras, butter nach dem Lebensmittelgesetz strafbar.

Mänche Firmen prunken auf ihren Briefbogen. und der Umhüllung ihrer Erzeugnisse mit einer oder mehreren Musterserien goldener und silber. ner Medaillen. Zuweilen läht sich der Unkundige durch diese Aufmachung täuschen. Man muh näm. sich wissen, daß fast zu jeder Weltausstellung sich irgendwelche Winkeluntemehmen auf tun, die ge. gen entsprechende Gebühr Privatmedaillen aus- geben. Sie verschweigen jedoch schamhaft, daß sie mit der Weltausstellung und deren echter Prämi. ierung, die es natürlich auch gibt, durchaus nichts zu tun haben.

Taten für Samstag, 6 August.

1195: Heinrich der Löwe in Braunschweig ge- ftorben; 1809: der Dichter Alfred Tennyson in Somersby geboren; 1914: Kriegserklärung Oester­reich-Ungarns an Rußland und Serbiens an Deutsch­land; 1930: der Polarforscher Salomon August Andrse und seine zwei Begleiter auf der Weißen Insel tot aufgefunden und am 5. Oktober zu Stock- Holm eingeäschert.

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Durgenfahrt der Reichspost. Das Gießener Postamt veranstaltet am kommenden Sonntag, 7. August, eine Burgenfahrt im Omni­bus, welche die Teilnehmer über Königsberg, Hohensolms, Greifenstein, Braunfels, Wetzlar und zurück nach Gießen führen wird.

' Beeidigte Wirtschaftsprüfer für Hessen. 3m Auftrag des Hessischen Mini- steriums des Innern (Abteilung für Arbeit und Wirtschaft) wurden als Wirtschaftsprüfer öffentlich bestellt und beeidigt: Jakob Z i n n d o r f. Offenbach a. M., von der Industrie- und Handelskammer Offenbach a. M.; Adolf Görlitz, Darmstadt, und Dr. Hans Jünger, Darmstadt, von der Industrie- und Handels­kammer Darmstadt und Emil Krause, Worms am Rhe'.n, von der Industrie- und Handels­kammer Worms a. Ah.

Dom zMnfitzrn Gemeindehaus St. Perus...

Um-undAusbauderElisabeih-Kleinkinderschule.-OieSemeindeimeigenenHeim

Schon seit langer Zeit ist in der St. Petrus- Gemeinde her Wunsch lebendig, eine eigene Kirche, oder wenigstens ein eigenes Gemeindehaus zu besitzen. Vielen Gemeindcmitgliedevn erscheint der Weg aus dem Stadtteil hinter der Gießen Gelnhausener Bahnlinie an der Frankfurter Straße bis zur Iohanneskirche als zu weit. Hauptsächlich die älteren Kirchgänger erachten den Weg als etwas beschwerlich. Seit langer Zeit schon erwog man den Bau einer Kirche.

Dem Dünsche blieb und bleibt voraussichtlich für geraume Zeit die volle Erfüllung versagt.

Zwar waren Pläne fertiggestellt, Kostenvor­anschläge aufgestellt, es wurde gerechnet, geprüft, noch einmal gerechnet aber: aber zu einer richtigen Kirche reichte es nicht. Roch viel we­niger ist aber der Gemeinde der Bau eines eigenen Gotteshauses in der gegenwärtigen Zeil der Hot möglich. So mußte man sich zu einer be­helf smäßigenLösung entschließen, die den verfügbaren Mitteln gerecht wurde und den Ge- mcindegliedern doch die erwünschte Erleichterung verschafft. Man entschloß sich zu einem Anbau an die Elisabeth-Kleinlinderschule und zu deren Ausbau. Die Elisabeth-Kleinkinderschule am Wetz­larer Weg (mitsamt einem größeren Grundstück, auf dem sich sehr wohl eine Kirche hätte er­richten lassen) ist Eigentum der Gemeinde. An« und Umbau wurden bereits vor etwa vier Wo­chen in Angriff genommen und sind inzwischen so weit int Rohbau fertiggestellt worden, daß man einen Ueberblick über d i e Form des zukünftigen Gemeindehauses ge­winnen kann.

Die gefundene Lösung darf man schon heute als sehr glücklich bezeichnen.-Unter Verwendung eines Teiles des Mauerwerkes der ehemaligen Kinderspielhalle wurde hinter dem Hauptgebäude ein Anbau erstellt, der nach dem Durchbruch einer Wand zu einem großen Saal wurde, in dem viele Besucher Platz finden können.

Zwar wird der Kinderspielsaal selbst auch für die Zukunft als solcher Derroenbung finden, ec wird aber durch eine harmonikawand von dem hauptraum, in dem der Gottesdienst abgehalten werden soll, getrennt bleiben.

Rur bann, wenn (z. D- an hohen Festtagen) der Hauptraum nicht ausreichen sollte, kann durch die Beseitigung der Harmonikawand der große Raum geschaffen werden, der dann bedeutend mehr Menschen zu fassen vermag, als der Haupt- raum allein. Es handelt sich hierbei übrigens um eine Lösung, die bereits in vielen Ge­meindehäusern Deutschlands Anwendung fand und sich als praktisch erwiesen hat.

Der im Anbau geschaffene Hauptraum fort in allen Einzelheiten als Kirche ausgestattet werden. Eine feste Kanzel befindet sich be­reits im Bau, Raum für eine Orgel ist vorgesehen, eine kleine Sakristei fehlt nicht, so daß sehr wohl alle kirchlichen Handlungen in der neuen Gemeindehaus-Kirche vollzogen werden können. In der Ausstattung wird dem Charakter der Kirche in jeder Beziehung Rech­nung getragen werden. Bei aller Einfachheit der Gestaltung, schöne Portale, hohe Fenster, die voraussichtlich aus leicht getönten, farbigen, unterteilten Gläsern bestehen werden, sollen der Kirche rein äußerlich ein würdiges Aussehen verschaffen. Um die Innenausstattung wird man tm gleichen Sinne bemüht fein.

Neben dem Kinderspielsaal befanden sich bis­her die Wohnungen der Gemeindeschwester und der Schwester der Kleinkinderschule. Die be­treffenden Räume werden für die Zukunft eben­falls für die Zwecke der Gemeinde umgestaltet. So schuf man z. V- durch den Riederbruch einiger Mauern ein größeres Zimmer, in dem Kon- f i rmanden-Unterricht erteilt werden soll, in dem Dibelstunden und Zusammenkünfte der Jugend abgehalten werden können. Ein weiteres Zimmer wird für den Geistlichen bestimmt sein. Die Schwestern aber, die bisher im Erdgeschoß wohn­ten, werden im ersten Obergeschoß untergebracht, das bisher als Wohnung vermietet war.

Tie KinderspielhaUe, deren Stelle nunmehr das neue Gotteshaus einnehmen wird, soll an der Ostfront des Grundstückes, direkt an der Grenze Der nachbarlichen Grundstücke, neu erstehen, damit

den Kindern der Aufenthalt in der freien Luft, bei allem Schuh vor den Unbilden der Witterung, erhalten bleibt.

Das Gemeindehaus, das sich nach dem Anbau aus drei Gebäudeteilen zusammenfehen wird (Hauptgebäude, Kirche, Kindcrfpielhalle), stellt in feinem Grundriß ein offenes Viereck dar, dessen freier Raum durch gärtnerische Ausgestal­tung eine Verschönerung erfahren soll. Das ganze Haus wird im Winter durch eine Warmwasser­heizung geheizt werden, die bereits im Keller­geschoß des Hauptgebäudes eingebaut wurde.

Der Umbau im Erdgeschoß der Elisabeth-Klein- kinderschule ist bereits vollzogen. Kirche undKin- derspielhalle sind im Rohbau fertiggestellt, das Dachgebälk ist bereits gerichtet und wenn das Wetter nicht allzusehr einen Strich durch die Rech­nung macht, kann der Innenausbau bald begin­nen. Man hofft, voraussichtlich gegen Mitte Ok­tober das Gemeindehaus in seiner Gesamtheit seiner Bestimmung übergeben zu können.

Der Entwurf zum An- und Umbau stammt von dem weit über die Mauern unserer Stadt hinaus bekannten Architekten Baurat Meyer, in dessen Händen auch die Bauleitung liegt. Die seit etwa vier Wochen im Gange befindlichen Maurerarbei­ten werden von der Firma Weimer (Gießen) ausgeführt.

In 'Berücksichtigung der gegenwärtigen Rotlage weiter Kreise, unter Berücksichtigung der Rot­lage auch in der Gemeinde selbst, ging man bei der Projektierung des Ausbaues der Elisabeth- Kleinkinderschule zur Kirche und zum Gemeinde­haus unter Zugrundelegung der

äußersten Sparsamkeit

zu Werke. Die Mitglieder der St. Petrus-Ge- meinde werden das neue Gemeindehaus und die Kirche nach der Fertigstellung sicherlich mit Freude begrüßen.

Eine Kalschmünzerwerkstäiie im Kornfeld.

Mainz, 3. Aug. (WSN.) In Kastel wurden zwei Wanderburschen beim Ausgeben von falschen Fünsrnark stücken fe ft genom­men. Sie gaben an, die Falschstücke beim Ein­wechseln von Kleingeld, das sie durch Betteln er­halten haben wollen, eingenommen zu haben. Bei den Ermittlungen wurde der Ort der Herstel­lung des Falschgeldes festgestellt. Er befand sich in einem jtornfelb der Gemarkung Hechts­heim. Gipsformen, Schmelztiegel, Gießlöffel und Feile, sowie sonstiges Material war im Stadtpark vergraben und wurde beschlagnahmt. Ein Dritter im Bund konnte inzwischen ebenfalls ermittelt und festgenommen werden.

Vic Arbeiten der Historlslben Kommiision für Sesien-Aaffau und Walden.

Marburg, 3. Aug. (WSN.) Unter Vorsitz von Prof. Dr. Stengel (Marburg) hielt die Historische Kommission für Hessen-Nassau und Waldeck im Senatssaal der Universität ihre 35. Jahresversarnrn- (ung ab. Jrn Anschluß an einen wissenschaftlich sehr ergebnisreichen Vortrag von Staatsarchivdirektor i. R. Geh. Rat Prof. Dr. Süd) (Marburg) über Die Anfänge der Landcsgesetzgebung in Hessen" erledigte man den geschäftlichen Teil der Tagung. Aus dem von Staatsarchivdirektor Dr. Knetsch erstatteten Kassenbericht ist zu erwähnen, daß sich di- Finanzlage der Kommission infolge der in im­mer geringerer Höhe eingehenden Patronatsbeiträge stetig verschlechtert hat. Ueber die Wissenschaft- liehen Unternehmungen berichtete der Vor­sitzende, daß die Werke über die Hessischen Zentral­behörden, die Oberhessischen Kloster- und Hilfs­archive, die Quellen zur Rechtsgeschichte der Werra­städte, die Quellen zur kurmainzischen Verwaltungs­geschichte in Hessen, den ökonomischen Staat sowie das Hersfelder und Wetzlarer Urkundenbuch durch ihre Bearbeiter gute Förderung erfahren haben und zum Teil druckfertig vorlie-gen. Eiwas zurückgeblieben ist die Arbeit am Fuldaer Urkunden­buch. Von dem geschichtlichen Atlas von Hessen und Nassau sind 9 territorial- und verkehrsgeschichtliche Untersuchungen in Arbeit, während 10 auf Druck­legung warten. Die kartographische Arbeit hat etwa

1-0 Kreise mit 224 Gemarkungen und 3 0 0 0 0 Flurnamen erfaßt. Für die münd­liche Aufnahme im Lande selbst haben sich zahl­reiche freiwillige Helfer, besonders in der Lehrer- schäft, zur Verfügung gestellt. Auch der Verein für hessische Geschichte und Landeskunde in Kassel stellte seine umfangreichen Sammlungen zur Verfügung. Von 500 in Aussicht genommenen hessischen Bio­graphien sind 180 in festen Händen. Für das Hes­sische M ü n z w e r k wurden umfangreiche Manuskripte erworben. Die Frage eines umfassenden Hessischen Siegclwerks wird noch geprüft.

Aus dem Marburger Stadtparlament.

WDR. Marburg, 3. Aug. Die Stadtverord­neten genehmigten gestern u. a. eine neueSat - jung für das Wohlfahrts- und In­ge n d a m t der Stadt Marburg. Die neue Sat­zung sieht eine Zufammensafsung sämt­licher Aufgaben, die Dtr Stadt auf dem Gebiete des Wohlfahrtswesens obliegen und eine Vereinfachung im organischen Aufbau vor. An Stelle der seitherigen 11 Ausschüsse für öffentliche

Iugendhilfe und Fürsorge treten ein Hauptaus­schuh für das Wohlfahrts- und Iugendamt und drei Fachausschüsse für Wohlfahrtspflege, Ge­sundheitsfürsorge und Iugendsürsorge. Eine län­gere Debatte entstand über den Antrag mehre­rer Stadtverordneter, die Protokolle der Stadt- vervrdnetensi Hungen stenographisch fest- z u l e g e n. Der Antrag verfiel schließlich der Ab­lehnung. Annahme fand ein Antrag der Vertre­ter des Handwerks, daß das städtische Dauamt in Zukunft nur nochDauarbeitenbiszu einer Höhe von 300 Mark f reihändig vergeben kann.

OieLlrteilsbegründungimZavagprozeß 1400 Seiten lang.

WSR. Frankfurt a. M., 3. Aug. In der Favagsache ist heute die schriftliche Begründung zu dem am 25. Februar d. I. verkündeten Urteil der Großen Strafkammer unterzeichnet worden. Die schriftliche Begründung umfaßt rund 1400 Schreibmaschinenseiten. Urteilsverfasser ist Amts­gerichtsrat Dr. Wildberger.

Robinson mit Vorortskarte.

Abenteuer in der Lüneburger Heide.

Don Karl Ey.

Vi.

Oie Worte im Hutband.

Und dann dachte ich plötzlich wieder an den brau­nen Derby und den Lackschuh, der aus dem Wachol- dcrgebüsch hervorgeguckt hatte. Ich holte ihn mir herbei, um ihn mir in Ruhe anzusehen. Der Hut war völlig durchfeuchtet. In dem Schweißband standHenry Habig, Wien" und aus dem Schweiß- band schaute ein Stück Zeitungspapier hervor, das vergilbt und durchnäßt in der Hand zu verfallen drohte. Mit ausgelaufener Kopierstift­schrift aber stand auf dem Zeitungsstreifen undeut­lich aber leserlich:

9 0 000 Mark liegen bei Siebeneichen in F. in Kassette. Willy Schr oede r."

Gibt es wohl ein überwältigenderes Gefühl im Leben, als der Glaube, einem verborgenen Schatz auf der Spur zu fein? Ja, das ist die dumpfe Be­fürchtung, daß der Mann, der über diesen Schatz zu verfügen hat, sich in der Nähe aufhält und einem höhnisch über die Schulter grinst.. . Unwill­kürlich rief ich laut in die stille Heide hinein:Ist jemand hier?" Aber genau wie am Abend zu­vor antwortete mir nur das verschwommene Echo.

Wieder erfaßte mich eine ungewisse Furcht, als ich mich dem Lackschuh im Wacholdergebüsch näherte. Und diese Furcht war berechtigt, denn im Versteck der Wacholdevbüsche lag noch ein zweiter Schuh, aber verwittert und zerfressen, und Kleiderreste und Knochen . . .

Oer Schatz wird gehoben.

Ich blieb keine Nacht mehr in diesem Heidelager. Eine Stunde nach der grausigen Entdeckung war ich schon einige Kilometer von dem Unterstand, der ein Todesgeheimnis barg, entfernt. Der Madeira, den ich zu der Hasenkeule getrunken hatte, würgte mich in der Kehle. Ein Hungergefühl saß mir boh­rend in den Eingeweiden, ohne daß ich aber etwas hätte essen können, weNn ich wirklich noch Vorrat gehabt hätte.

Mein Robinsonleben war ein glattes Fiasko, so­weit es sich auf ein primitives längeres Dasein in der Heide bezog. Aber je weiter ich mich von dem Ort der stillen Tragödie entfernte, desto intensiver dachte ich an den Schatz, der nach der Weisung auf

dem Zeitungsrand sich in Siebeneichen bei F. be­finden sollte.

Nicht mit einem Gedanken zweifelte ich daran, daß die Botschaft stimmte. Tote lügen nicht. Wohl aber befürchtete ich, daß das Geld bereits von an­derer Seite gehoben worden sei. Und dann, als ich mein erstes Lager in der Heide wieder erreichte, da war mein schwerstes Problem die Frage, wel­ches Anrecht ich auf den Schatz hatte.

Wer war der Willy Schroeder? Hatte er Erben? Welchen Anspruch konnte der Staat erheben? Wie hoch war eigentlich der F i n d e r l o h n ? Waren es nicht zehn Prozent? Waren es nicht 9000 Mark, wenn die Summe wirklich stimmte? Und waren nicht 9000 Mark in dieser Zeit ein Vermögen, für das ich gerne vier Wochen in der Heide zugebracht hatte?

Spät abends traf ich wieder in Katendorf ein. Der Heidekrüger machte erstaunte Augen, als er mich wieder)ah, unrasiert, beschmutzt und schlecht ge­waschen. Der alte Schulmeister wollte mir gar nicht glauben, daß ich fünf Tage von der Heide und in der Heide gelebt hätte. Ich erzählte ihm die Ge­schichte von dem Aal, die er bezweifelte und mir erklärte, daß Aale oft lange Wanderungen über Land antreten, um zu ihren Laichplätzen zu gelangen.

Aber mir brannte eine andere Frage auf den Lippen:

Wie hieß der Defraudant, der sich in der Heide versteckt haben soll, Herr Lehrer?"

Ja, wie hieß er, Krüger?" fragte der Lehrer den Wirt.

Ach, der mit seiner Million. Schrader oder Schröder oder so ähnlich."

Wie kommt man am schnellsten nach F.?"

Ich erhielt Bescheid. F. war ein größeres Dorf, etwa vier Wegstunden von Katendorf.

In aller Frühe machte ich mich auf die Beine. Immer wieder lief mir die brennende Frage durch den Kopf: Mußte ich den Fund meldey oder nicht?

Um es kurz zu machen: ich meldete ihn ordnungs­gemäß der Polizei, nachdem ich das Versteck in Siebeneichen richtig gefunden hatte. Es war eine alte verrostete Kassette, die in einer Baumhöhle unter Moder und Schmutz versteckt war.

Und in der Kassette lagen wirklich neun Bündel mif zehn Tausendmarkscheinen.

Rotgestempelte ... Zu spät ... zu spät ..

Buntes Allerlei.

450 Jahre Bürgersteig.

Wir können uns heut kaum vorstellen, daß die Menschheit lange Jahrhunderte hindurch auch in den Städten auf schmutzigen Straßen mit Wagen und Reitern zugleich herumwandelte, ohne sich auf ein schützendes Trottoir retten zu können. Die allgemeinere Einführung des Bür­gersteiges ist erst eine Errungenschaft vom An­fang des 19. Iahrhunderts. Die ersten Ein­richtungen dieser Art sind kaum 150 Iahre alt. ImTemps" erinnert Louis Schneider daran, daß das erste Trottoir von Paris im Iahre 1782, also gerade vor 150 Iahren, beim Dau der Op6ra Comigue in der Rue Favart angelegt wurde. Wie Der Geschichtsschreiber dieser Bühne, Castil-Blaze, in einer noch unveröffentlichten Handschrift mitteilt, erregten diesepaar hundert Meter Promenade", die später den Hamen Boulevard des Italiens erhielten, großes Auf­sehens. Es wurde ein etwas erhöhter und ge­pflasterter Steig angelegt,um zu verhindern, daß die Wagen den Eingang des neuen Thea­ters verstopften". Auch damals schon gab es in Paris ein Verkehrsproblem, und die Passanten waren ebenfalls gefährdet. Darüber wird sehr viel geklagt, und bezeichnend ist ein Beitrag des Mercure de France, in dem der Verfasser von feinen Erlebnissen nach einem Besuch der Oper erzählt. Während er selbst mit Mühe der Ge­fahr entging, von einem Wagen überrannt zu werden, sah er, wie ein unglücklicher Familien­vater niedergeworfen und verletzt wurde. Das Gedränge der Gefährte und Reiter war vor der Oper, besonders vor dem Anfang und nach Dem Ende, so lebensgefährlich, daß die bescheidenen Fußgänger von Glück sagen konnten, wenn sie unverletzt heim kamen. UnD warum das alles?, fragt der ungenannte Autor. Das Gebäude, das die größte Verkehrsstörung bedeute, sei ein Haus, in dem sich ein Teil der königlichen Ställe befände. Der König würde in eine Rieder- tegung willigen, aber dem widersetze sich ein Marstall-Deamter, der fürchte, dann feine Stel­lung zu verlieren. Ebenso fei es bei den Läden, die so weit in die Straßen hinein geschoben seien. Ihre Inhaber hätten alle möglichen Beziehungen, so daß an eine Regulierung der Straße nicht zu denken fei. Rachdem aber erst einmal an der Opera Comique die Bahn gebrochen war, richtete man dann auch vor dem Th^ätre Franfais einen Bürgersteig ein, und der Schöpfer dieser Verbesserung, der Intendant der königlichen Bauten, de Marigny, erhielt deswegen viel Lob. Ein zeitgenössischer Geschichtsschreiber der Stadt Paris forderte für Den Architektenem Denk­mal. Damit jeder Vorübergehende wisse, welche Segnungen er Herrn De Marigny verDankt".

An Diesen breiten Bürgersteigen, Die einige be­vorzugte Stellen Der Stadt bereits vor der Revolution erhielten,, entstanden elegante Ge­schäfte und zahlreiche vornehme Restaurants, u. a. das später so berühmt gewordene Cafe Anglais. Die Straßen wurden hier verbreitert, und so hat eine Reugestaltung des Pariser Strahenlebens von der Einrichtung des Bürger­steigs ihren Ausgang genommen. Andere Groß­städte folgten diesem Beispiel.

Ein angenehmer Beruf.

England ist das konservativste Land, wenigstens wenn es sich um die Bewahrung alter Bräuche handelt. Ein kleines Beispiel dafür ist die Tatsache, die eine Londoner Zeitschrift erwähnt, daß dort noch immer der Beruf des Bier-Prüfers be­steht. Dor Jahrhunderten verdienten vier Männer in London rhren Lebensunterhalt auf höchst ange­nehme Weife, nämlich durch Biertunken. Sie waren Staatsbeamte, die dazu bestimmt waren, die Gast­häuser au besuchen und dort Bier zu trinken, um scstzustellen, ob es auch gut sei und ob auch reich­lich eingeschenkt werde. Diese Bierprüser fmö noch immer in Amt und Würden, wenn sie auch frei­lich ihre Posten nicht mehr als Hauptberuf aus­füllen. Sie erhalten 150 Mark tm Jahr, haben je­doch kaum noch Gelegenheit, in Ausübung ihres Berufes einige Seidel zu leeren, denn die Beauf­sichtigung der Bierherstellung erfolgt jetzt durch das. Gesundheitsamt und die Prüfung der Eichung durch das Amt für Maße und Gewichte. Schon vor einem Jahrhundert erstattete eine Kommission einen Be­richt, daß die Bierprüser ihre amtlichen Funktio­nen nicht mehr auszuüben brauchten, und regte an. Diese Posten auszugeben. Aber seitdem ist die An­gelegenheit noch immer in der Schwebe, und so kommt es, daß es in London noch immer offizielle Bierprüser gibt.

Oer beste Ausweg.

Der Marquis of Reading, Der bekannte eng­lische Staatsmann, erzählte kürzlich in einer Tisch­rede eine Kriegsgeschichte, Die ihm unD Dem verstorbenen Earl of Balfour passiert war. Die beiben Staatsmänner fuhren in einem TorpeDo- boot-Zerstörer über Den Kanal, als ein schwerer Sturm losbrach. LorD ReaDmg, Der seine Lauf­bahn als Schiffsjunge begonnen hat unD Durch lange Fahrten in seiner Iugend seefest geworDen ist, spürte keine Beeinträchtigung seines Wohl- befinDens. LorD Balfour aber fühlte sich bald so elenD, Daß er eine Der Offizierskajüten auf­suchen mußte. Sein FreunD fanD ihn in einer wahrhaft jammervollen Verfassung.Kann ich irgend etwas für Sie tun?, fragte er mitleidig. Iawohl", stöhnte Lord Balfour,bitten Sie ein Deutsches Unterfeeboot, uns zu versenken!