Nr. 181 Zweiter Blatt
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Donnerstag, 4- August 1952
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Llnerfreuliches aus Oesterreich.
Lehe gegen Deutschland. - Gefahr für den Anschluß-Gedanken.
Bon unserem 8.-Berichtersta1ter.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!
Wien, August 1932.
Die Erregung der politischen Leidenschaften, die die Ereignisse im Reich und der Wahlkampf Hervorrufen, hat auch au fOe st erreich übergegriffen. Und wie oft in solchen Fällen, so hat auch hier diese Leidenschafllichkeit die Zungen gelöst und zu Aeußerungen geführt, die ertcn- neu lassen, daß in gewissen österreichischen Kreisen das Wort von der großdeutschen Bruderliebe leider nur Phrase und ein nationales Mäntelchen ist, hinter dem man um so ungestörter seine parteipolitischen Geschäfte betreiben möchte. Um es gleich vorweg zu nehmen: Rach wie vor strebt die große Mehrheit des deutschen Volkes in Oesterreich den Zusammenschluß mit dem deutschen Brudervolks an. Trotzdem kann nicht übersehen werden, daß gewisse, leider nicht ganz einflußlose Kreise gerade in letzter Zeit bemüht sind, diese wahre Volksmeinung umzufälschen, indem sie eine skrupellose Hetze gegen Deutschland entfalten. Gerade in den allerletzten Tagen hat diese Hetze Formen angenommen, die tatsächlich alles bisher dagcwcsene übersteigen.
Deutlich unterscheiden sich drei verschiedene politische Gruppen als Ausgangspunkte dieser Hetze gegen Deutschland. Da ist zunächst d i e ch ri st l i ch - soziale Partei in ihrer Funktion als stärkste Regierungspartei und als die Partei des Bundeskanzlers. die die einmütige Ablehnung der ö ft e r r e i ch i s ch e n V e r s k l a v u n g s a n l e i h c durch die gesamte deutsche Presse zum willkommenen Anlaß nimmt, um ihre a n t i n o r d d e u t s ch e n Gefühle abzurcagieren. So brachte unlängst das offizielle christlich-soziale Organ, die „Reichspost", unter der bezeichnenden Ueberschrift „Oesterreich erwache!" einen Leitaufsatz, der in einigen Teilen eine schwere Beleidigung des nationalen Deutschland darstellt. Konnte man doch tatsächlich folgende Sätze dort lesen: „Es mag manche Expansionspolitiker im Norden geben, denen cs weniger um die Oesterreicher, als um ihr Siedlungsland geht, und die vielleicht glauben, das österreichische Land a l s Ersatz für Deutsch-Ostafrika gelegentlich einsacken zu können." Das genannte Blatt folgert schließlich aus dieser Befürchtung, daß Oesterreich unbedingt die Lausanner Anleihe annehmen müsse, um damit der Gefahr zu entgehen, „einfach e i n g e s a ck t zu werden. So groß ist also der Haß dieser Kreise gegen Norddeutschland, daß man es für das kleinere liebel hält, eine Kolonie Frankreichs zu werden! Ueberhaupt bemüht man sich in diesen Kreisen geflissentlich, den Meinungsstreit um die Anleihe aus ein falsches Gleis zu schieben und zu einer Diffamierung der Anschluß- freunde in Oesterreich zu benutzen. Deutschland wird beschuldigt, durch seine einmütige Ablehnung der Anleihebedingungen die österreichischen Interessen geschädigt zu haben.
Die zweite Gruppe der Deutschen-Hetzer rekrutiert sich aus den zahlenmäßig Mar kleinen, aber dafür um so skrupelloseren Kreisen der österreichischen Legitimisten. Zu welchen unerhörten Aussällen gegen die Deutschen jenseits der Passauer Grenze man sich da immer wieder hinreißen läßt, beweist am deutlichsten ein Artikel, der sich in dem Organ der Vereinigung der Altösterveicher, in der Zeitschrift „Unser Reich" findet. In diesem Artikel heißt es unter anderem: „Wir sind ein eigen- ständiges Volk, nicht ein Stamm des deutschen Volkes... Deutschland ist uns fremd geworden seit Luther. Deutschland ist unser Gegner seit Bismarck. Deutschlands führende Kreise arbeiten bis heute an unserem Untergang... Das alte Oesterreich ist an seinem Verbündeten z u - gründe gegangen. Das neue Oesterreich kann also nur ohne und, wenn man es zwingt, gegen Deutschland seine vorgezeichnete Sen
dung erfüllen." Es hieße diesen fanatischen Preußen Hassern zuviel Ehre antun, wollte inan sich sachlich über diese ungeheuerlichen Anschuldigungen mit ihnen auseinandersetzen. Es sei hier lediglich diese Aeußerung als eine von vielen festgehalten und es sei ferner festgestellt, daß das amtliche Oesterreich bis heute noch nicht ein einziges Mal Anlaß genommen hat, diese und ähnliche Angriffe gegen Deutschland zu verurteilen. Eine Tatsache, die gerade angesichts der in letzter Zeit besonders häusigen und heftigen Bemühungen Frankreichs, Oesterreich von Deutschland zu trennen, in ihrer politischen Bedeu- tung nicht ernst genug eingeschätzt werden kann.
Nicht weniger skrupellos ist schließlich die Tätig, leit der radikalen Linken. So konnte man unlängst in einem Wiener Blatt einen zwei Seiten langen Artikel lesen, der unter den Uebcrfdjriften: ,/Bayern rüstet gegen Preußen — Aufstellung einer großen Prioatarrnee mit Hilfe anderer süddeutscher Staaten" einen Berichl brachte, in dem behauptet wurde, daß die Gefahr einer Losreißung der süddeutschen Staaten vom Reich sehr nahe sei. Nur einige wenige Sätze aus diesem Elaborat seien hier wiedergegeben. So schrieb jenes Blatt unter anderem:
„Der Main ist innerhalb Wochensrist von Deutschlands Strom zu einer scharfen geistigen Grenze geworden. Der bayerische Föderalismus droht sogar zum Seperatismus umzuschlagen. Es fehlt nicht an Stimmen, die dafür eintreten, ’■ .- geistige Grenze der Mainlinie au , z u einer politischen zu machen ... Wenn die Parteizeitungen schon heute um ein Alibi für die Unschuld der süddeutschen Länder an der Zertrümmerung des Reiches bemüht sind, so zeigt gerade das, daß sie mit der Möglichkeit einer Trennung vorn Reich durchaus rechnen ... Man spricht in aller Oefsent- lichkeit ... von einer Loslösung der süddeutschen Staaten von Preußen und vorn Reich ... Wer im Volk herumhört, der hört erst die wirkliche Volksmeinung. Und diese laufet: Los von Preußen; nicht abwarten was geschieht, sondern zuvorkommen! Ein süddeutscher Staatenbund mit Bayern, Baden, Württemberg, Hessen und Oesterreich findet überzeugte Befürworter. Nicht als vorübergehende Trutzlösung, sondern als dauernde Neuordnung. Als erster Schritt denkt man sich den Anschluß Oesterreichs an Bayern... Wenn Bayern wirklich den Weg der Separation beschreiten wollte, könnte die bayerische Regierung nicht über das Heer verfügen ... Bayern baut daher vor, um einen vorläufigen sofortigen Ersatz für das Militär zu haben ... So sind Eiserne Front, Bayern- wacht und Bauernwacht ein festgefügtes, von einem einheitlichen Willen beseeltes bayerisches Heer, ein bayerisches Volksheer. Bayern ist gerüstet und entschlossen, auch einer gewaltsamen Auseinandersetzung nicht aus dem Wege zu gehen."
Diese wenigen Sätze mögen genügen, um zu zeigen, mit welcher Skrupellosigkeit jene österreichischen Linkskreise gegen Deutschland agitieren, nm die ihnen nicht genehme Reichsregierung damit zu treffen. Denn selbstverständlich richten sich diese Angriffe nur gegendenneuenKursinDeutschland.
Eine besondere Art der Hetze gegen Deutschland ist nun auch das Verbreiten von Lügennachrichten über angebliche Ausweisungen von O e st e r- rcichern aus Deutschland. So brachte unlängst der von tschechischem Gelde ausgehaltene Wiener „Morgen" über die ganze Breite der ersten Seite die alarmierende Ueberschrift: „Oesterreicher auf der Flucht aus Deutschland". Und dann geht es los: „Zahlreiche Oesterreicher, die die Wonne, unter Hitler und Papen zu arbeiten, nicht bis zur Neige auskosten wollen, haben ihre Familien über die Grenze geschickt. Sie selbst bleiben noch dort, jeden Augenblick bereit, in den Zug zu steigen ... Don Tag zu Tag zittern österreichische Angestellte um ihre Posten,
unb alle, die halbwegs Möglichkeit haben, in ihre Heimat zurückzukehren, bereiten ihre Abreise vor. Diese Atmosphäre der Unsicherheit verdanken die Oesterreicher Herrn Hitler."
So wird überall eine Atmosphäre der (Empörung und Erbitterung, ja des Hasses gegen das Deutschland von heute geschossen. Und dies alles lediglich aus parteipolitischen Gründen. Dazu kommen noch alarmierende „feuilletonistische" Berichte aus Berlin über „Kinder, die sich verkaufen", „Sittenbilder des Elends", „Berlin in Fieberglut" und ähnliche Dinge, die sich bei näherem Zusehen als aufgebauschte Belanglosigkeiten entpuppen.
So wird systematisch in Oesterreich eine feind- selige Stimmung gegen Deutschland geschaffen und gegen jedes Zusammenarbeiten zwischen Wien und Berlin Stimmung gemacht, dadurch werden die Geschäfte Frankreichs besorgt. Es scheint in der Tat, als wollte man jetzt in Oesterreich partcipoli» tischen Interessen die großdeutsche Idee opfern. '21 n- gesichts solcher Vorgänge scheint es doppelt notwendig, daß man den echten Anschlußfreunden in Oesterreich, denen die großdeutsche Idee keine Geschäfts- fache, sondern ein nationales Ziel ist, tatkräftige Hilfe und Unterstützung angedeihen läßt. Sonst könnte leicht Unwiederbringliches verlorengehen.
Hastet die Schale für Unfälle der Schulkinder?
Es gibt wohl keinen Vater und keine Mutter, die es nicht schon wenigstens einmal erlebt hätten, daß ihr Kind mit aufgeschlagenem Knie ober mit einer 'Beule am Kopf aus der Schule nach Hause gekommen ist. Die Sache hat meist solange nichts auf sich, als der Junge ober bas Möbel noch allein nach Hause laufen können. Leiber bleibt es aber nicht immer bei biefen kleinen Unfällen. Manchmal kommt es zu ernsteren Verletzungen, die sich bic Kinder beim Spielen auf bem Schulhof, im Turnunterricht ober auch aus irgendwelchen Gründen im Schulgebäude selbst zuziehen. Dann erhebt sich die Frage: Wer kommt für den Schaden auf? Haftet die Schule für die Gesundheit der Kinder?
Der Art. 131 der Reichsverfassung bestimmt: „Verletzt ein Beamter in Ausübung der ihm anvertrau- ten öffentlichen Gewalt die ihm einem Dritten gegenüber obliegende Amtspflicht, so trifft die Der- antwortlichkeit grundsätzlich den Staat oder die Körperschaft, in deren Dienst der Beamte steht. Der Rückgriff gegen den Beamten bleibt Vorbehalten. Der ordentliche Rechtsweg darf nicht aus- geschloffen werden. Die nähere Regelung liegt der zuständigen Gesetzgebung ob."
Das Reichsgericht hat diese Bestimmung der Reichsverfassung in ständiger Rechtsprechung für unmittelbar anwendbares Recht und nicht nur für ein „Programm" erklärt. Das bedeutet: Es tritt bezüglich der Haftung an die Stelle des Beamten das Gemeinwesen, in dessen Dienst er steht.
Der Staat oder die Gemeinde hastet aber nicht schlechthin für jeden durch einen Unfall entstandenen Schaden, sondern nur dann, wenn der Beamte seine Amtspflichten schuldhaft, d. h. oorsählich oder auch nur fahrlässig verletzt hat.
Wann das der Fall ist, ist generell nicht zu beantworten. Es sind jedesmal die besonderen Verhältnisse daraufhin zu untersuchen, ob sie eine Pflichtwidrigkeit erkennen lassen oder nicht. Trotz dieser Unmöglichkeit, einen Schlüssel für die Lösung sämtlicher Fälle zu geben, läßt sich jedoch soviel sagen: Die Schutzgewalt, der die Schüler in einer öffentlichen Anstalt unterworfen sind, umschließt die Pflicht des Schulvorstandes, dafür zu sorgen, daß seine Schutzbefohlenen vor Gesundheits- oder Vermögensschädigungen bewahrt bleiben. Daraus folgt weiter die Pflicht, Mißstände abzustellen, die geeignet sind, eine derartige Schädigung herbeizu- sühren. Der Schulvorstand hat also dafür zu sorgen, daß das Schulgebäude instand gehalten wird, daß es genügend verschlossen bleibt, damit nicht Unbefugte Zutritt erhalten, d-e die auf den Fluren abgelegten Mäntel der Kinder stehlen können usw.
Die Aufsichtspflicht liegt aber nicht nur dem Direktor, sondern auch den einzelnen Lehrern ob.
Daß hier wiederum von den Turnlehrern ein besonderes Maß von Aufmerksamkeit verlangt werden muß, ist verständlich.
Es dürfte daher nichts dagegen einzuwenden fein, daß das Reichsgericht ein Verschulden einer Turnlehrerin in folgendem Fall angenommen hat: Eine 12jährige Schülerin sollte auf Anordnung der Lehrerin zusammen mit einer anderen Schülerin eine etwa 25 Pfund schwere Reckstange von 1,80 Meter
auf 1,30 Meter herabzusetzen. Die Mädchen konnten, da sie hierbei die fußhoch über dem Erdboden an den Pfosten angebrachten schmalen Tritte besteigen und sich mit der einen Hand festhalten mußten, nur die andere Hand frei bewegen. Die zweite Schülerin, die den Bolzen zuerst gelöst hatte, konnte das Reck nicht halten. Die Stange fiel herunter und quetschte dabei der ersten Schülerin ein Fingerglied ab.
Das Verschulden der Turnlehererin ist hier darin erblickt worden, daß sie, obwohl sie in der Nähe des Recks stand, ihr Augenmerk nicht derart auf die Hantierungen ihrer Schülerinnen gerichtet hatte, daß sie fofort zugreifen konnte. Umsicht und Vorsicht seien — (o heißt es in dem Urteil — aber um so mehr geboten gewesen, als sich schon kurz vorher gezeigt habe, daß die Kinder mit der Stange nicht fertig wurden. Durch diesen Vorfall sei die Lehrerin gewarnt gewesen, so daß ihr die Pflicht zu erhöhter Vorsicht erwachsen sei. Die Gefahrenmomente seien so greifbar gewesen, daß die Lehrerin sie bei gehöriger Sorgfalt hatte erkennen und berücksichtigen müssen.
Die Aufsichtspflicht darf andererseits natürlich nicht überspannt werden.
Es muß stets berücksichtigt werden, daß ein gewisses Maß von Sorgfalt und Gefahr auch von den Schü lern selbst übernommen werden muß. Infolgedessen hat sich das Reichsgericht in einem anderen Falle zu Recht auf den Standpunkt gestellt, der Turnlehrer habe seiner Aufsichtspflicht genügt, wenn er die Schüler, denen er die Technik des Kugelstoßens gezeigt habe, wiederholt auf die mit dieser sportlichen Ucbung verbundenen Gefahren hingewiesen habe. Es konnte ihm daher kein Vorwurf daraus gemacht werden, daß er die Schüler — die 16 bis 18 Jahre alt waren — zeitweise sich selbst überlassen hatte und daß es dann beim Kugelstoßen zu einem Unfall gekommen war.
Die Haftung des Staates oder der Gemeinde fetzt aber nur bei städtischen ober staatlichen Anstalten ein. In der Erteilung von Unterricht an Privat- schulen ist auch, wenn sie von staatlichen oder städti schen Beamten erfolgt, Ausübung öffentlicher Gewalt in Sachen der Staatshaftungsgesetze nicht zu finden, und zwar selbst dann nicht, wenn der Lehrer, wie das Reichsgericht einmal entschieden hat, mit der ausdrücklichen Verpflichtung als städtischer Beamter angestellt worden ist, auf Anordnung des Magistrats auch an den Privatschulen der Gemeinde Unterricht zu erteilen.
Die Unmöglichkeit, den Umfang der Haftpflicht von vornherein in einer für alle möglichen Fälle passenden Art abzugrenzen, hat nun dazu geführt, daß sehr viele Schulverwaltungen
Unfallversicherungen abgeschlossen haben, durch die jede Unfallbeschädigung der Schüler ohne Rücksicht auf die gesetzliche Haftpflicht gedeckt wird. Die Schulverbände können und wollen aber die übrigens nicht hohen Versichevungsgedühren nicht mehr allein zahlen. Es ist demnach von vielen Schülern namentlich in den größeren Stödten bei Beginn des letzten Schuljahres ein Versicherungsbeitrag gefordert worden. An sich ist natürlich nie- manb zur Entrichtung dieses Beitrags verpflichtet.
Das Eichhörnchen.
Don Peter Bauer.
In der Freiheit des hochstämmigen Forstes begegnet man zuweilen dem kleinen Waldkobold, wenn man, ledig aller Geschäfte und Gedanken, auf moosweichen Wegen gehl und Poren und Lunge an dem frischen Odern, den roüraigen Aromen von Harzen und Erde sich erquicken. Als habe man das Glück gesehen, so entzückt einen das rotbraune, über den Boden wieselnde, einen Baurn blitzschnell hin- aufhuschende scheue Tierchen.
Diesmal blieb es dicht vor mir sitzen, jo nahe, daß ich ihm das feine, weiße Schnäuzchen streicheln konnte, mit dem es mir die Haselnüsse aus der Hand schnappte. Es war nämlich nur ein finger- dickmaschiger Draht zwischen ihm und mir gespannt. Hinter diesem Draht saß es in feinem zwei Meter langen und etwas weniger hohen Holzkäfig, der auf vier Stämmen wie ein kleines Pfahlhaus in der Hofecke an der Gartenmauer angelehnt stand. Bei dem Besitzer des Eichhörnchens verbrachte ich einige Tage und davon jeden freien Augenblick vor dem Kaftg.
Er war geräumig genug, und das drollige, zutraulich gewordene Tierchen schien seine Gefangenschaft nicht zu fühlen. Es klomm und schnellte den meiarmigen Kletterbaum, der zwischen Boden und Lecke, des Käfigs eingeklemcht war, auf und ab in unermüdlicher Wiederholung. Oder es lief, in die Gittermaschen greifend, hin und her, kopfüber, kopf- untei-, mit wehendem Schwanz, wobei es seine weiße Bauchseite präsentierte und die rosigen Innenflächen und eprungballen seiner Füße. Abends schlupfte das Eichhörnchen in fein Nest, das es sich aus reichlich heruinliegendem Moos und Laubwerk in das Innere eines viereckigen Kastens eingebaut batte, der mit seitlichem Rundloch in einer Ecke auf dem Käfigboden aufgenagelt war. Aber dieses Nest suchte es, wie wir bald beobachtet hatten nur bei kühlem und nassem Wetter zur Uebernachtung auf eonft schleppte es das ganze Genist stückweise heraus und formte sich tm Freien seine Wohnkugel mit Eingang. Immer nur — man konnte sich auf die Witterung des kleinen Wetterpropheten verlassen — wenn es am nächsten Tage sonnig und heiter wurde
Näherte sich der Besitzer dem Käfig, (prang das Eichhörnchen ans Gitter und setzte sich erwartungs- voll auf die Hinterbeine wie ein Hund, den man auf „Bitte, bitte" abgerichtet hat. Dargereichte Blätter vom gemeinen Wegerich und der teegeschätzten Pfefferminze knabberte es durch die Draht- Maschen hindurch ab und mümmelte kaninchenhaft
und mit glänzenden Aeuglein, die wie die Form des Kopfes sehr an eine Maus erinnern. Am drolligsten bearbeitete es die Haselnuß. Sobald es eine erwischt hatte, huschte es damit in eine Käfigecke. Auf den Hinterbeinen kauernd, den buschigen Schweif hoch und in schöner Biegung über den Kopf geschlagen, hielt es die Nuß in den Vorderpfoten an das gierige Schnäuzchen, und sofort begannen die scharfen Zähne zu feilen und zu schaben, daß es sich anhörte, als wurde mit einem Messer ein schieserner Griffel gespitzt. Im Nu war die emsig gedrehte Schale entzwei und fiel zu Boden, während der Kern behaglich verzehrt wurde.
Riegelte der Besitzer das kleine Holztürchen auf, so kletterte das Eichhörnchen behend auf seinen linken Arm und beschnupperte seine rechte Hand, ob sie nicht eine 9tuß verberge. Gab es etwas zu knabbern, fo schnellte es damit in den Käfig zurück. Hatte es keinen Hunger, dann wurde die Nuß in einer Laubecke versteckt. Wurde es dabei ober beim Fressen gestreichelt, so knurrte es böse. Sonst war es Liebkosungen nicht abhold.
Eines Tages turnte es vom Arm des Besitzers aufs Käfigdach und trippelte mit hochgeschwungenem Schweif immer auf und ab, ouf und ab in ähnlicher Ruhelosigkeit, wie sie von Eisbären aus Tiergärten her bekannt ist. Dann aber tat es plötzlich einen Sprung in den Kirschbaum und flog von da im Satz hinüber zum nächsten Wipfel des Baumgartens. „Hansi!" rief der Mann erregt, der merkte, daß es Ernst wurde. „Hansi", lockte und schrie er. Aber das Eichhörnchen, das auf diesen Ruf hin wie oft seine Nuß geholt hatte, hörte ihn nicht. Horte nur das Rauschen der Blätter, fühlte den Wipfelwind und genoß den Rausch des Fliegens und Jagens, der über es gekommen war. Knaben fprangen herbei, kletterten die Stämme hoch und galoppierten wie toll hinter dem Tier her, es zu fangen. Jetzt setzte es von einem schwingenden Zweig über die Mauer hinweg in die nachbarliche Wiese.
Da wurde Fips, der katzenfeindliche Pinscher, aufmerksam. Kläffend stürmte er herbei, und noch ehe das Eichhörnchen den nächsten Baum erreicht hatte, empfing es den Todesbiß.
Den schrillen Notschreien des Hundes nach zu urteilen, prügelte man ihn ob seiner Tat. Er halle das Eichhörnchen mit einer gewöhnlichen Katze verwechselt, die ihm wie oft schon die Nase blutig gekrallt hatte. Er war seiner Natur gefolgt wie das Eichhörnchen, als es den Sprung in die Freiheit tat.
Federmann auf Helgoland.
Von Hans Mebau.
Federmann ist auf Helgoland angekommen. Geht, als er vom Dampfer kommt, aufs Geratewohl in irgendein Haus.
„Haben Sie ein Zimmer frei?“ fragt er.
„Jawohl", sagt die Wirtin. Führt ihn nach oben. Da war ein kleines Zimmer.
Federmann setzt sich auf das Sofa. „Es ist steinhart", sagt er. „Unö unter Steppdecken kann ich auch nicht schlafen. Lind überhaupt ist es hier sehr dunkel."
„Ja", zuckt die Wirtin die Achsel, „das Hinterhaus versperrt das Licht. Als es noch nicht da war, hatten wir den schönsten Blick aufs Meer."
»Schade", sagt Federmann. Aber weil er keine Lust hatte weiter zu suchen, nimmt er das Zimmer. Dann geht er zum Abendessen.
Als er wieder zurückkommt, war da statt des harten Sofas eine weiche Chaiselongue, älnd auf dem Bett türmt sich ein Gebirge von Federbetten.
„Sieh mal an“, denkt er, „die Leute haben sich angestrengt." Dann geht er zu Bett, kann nicht schlafen, nimmt Deronal.
Am nächsten Morgen scheint die Sonne ins Fenster. Federmann zieht sich an. Klopft die Wirtin an die Tür. „21a“, meint sie, „was sagen Sie nun?“
„■Sie Betten sind gut", erkennt Federmann an. „llnö daß Sie das Sofa weggetan haben, ist sehr nett.“
.3a, aber —“ staunt die Wirtin und zeigt nach dem Fenster, „haben Sie denn nichts gemerkt?“
Federmann dreht sich um und erstarrt: Die schönste Aussicht auf das Meer---
And die Wirtin fährt fort: „Das Hinterhaus ist doch in der Rächt abgebrannt —“
„Oh, sagt Federmann und wird ganz verlegen. „oh, das war aber wirklich nicht nöti g." —
Zeitschriften.
— „Philosophie und Lebe n". Herausgegeben von Professor Dr. August Messer, Verlag Felix Meiner, Leipzig. Viertels. 3 Hefte 1,80 Mark, Einzelheft 75 Pf. — In der heutigen politischen, ja allgemeinen geistigen Krisis, die sich bis zu einem Fieberzustand unseres Volkes gesteigert hat, will das Äugust-Heft Klärung schaffen. Der Herausgeber untersucht, ob und inwieweit im politischen Kampf
„Sachlichkeit" möglich ist. Im Anschluß an Ortega y Gasset wird die uns drohende Gefahr des politischen Massenmenschentums geschildert. In einem Dialog werden Bedenken gegen die Demokratie sachlich erörtert. Die „Aussprache" dreht sich um das Kriegsproblem und die Hitler-Bewegung.
— Mit der Augustnummer beenden Wester- manns Monatshefte ihren 76. Jahrgang. Er bringt eine sorgfältige Auswahl Romane und Rovellen, kritische Besprechungen von Aufführungen bedeutender CEBerte, eine große Anzahl hervorragender Abhandlungen über alle Wissensgebiete, gute Wiedergabe der besten deutschen und ausländischen Kunst. Eine Zeitschrift, die ein wirkliches Spiegelbild deutscher Literatur, Kunst, Kultur und Wissenschaft ist. Roch im August erscheint die Septembernummer als erstes Helt ö-'-S neuen Jahrgangs.
Hochschulnachnchten.
Zum Rektor der llnioerfitöt Marburg wurde der Professor für deutsches Recht, bürgerliches Recht, Handelsrecht und Steuerrecht, Walther Merk gewählt.
Die zweite anglistische Professur an der Universität Berlin — neben Professor Schirmer — ist dem ordentlichen Professor Dr. Wilhelm Horn in Breslau angeboten worden.
Das durch die Emeritierung des Geheimrats Prof. K. Th. Sapper an der Universität Würzburg erledigte Ordinariat der Geographie ist dem außer- ordentlichen Professor daselbst, Dr. Franz lermer, angeboten worden.
Professor Dr. Wilhelm Credner in Kiel wurde vom 31. Oktober 1932 an zum ordentlichen Professor für Erdkunde an der Technischen Hochschule in München als Rachfolger von Professor G. Greim ernannt
Auf den durch das Ableben der Frau Professor Dr. Andronikow-Wrangell an der Landwirtschaftlichen Hochschule in Hohenheim erledigten Lehrstuhl für Pflanzenernährung ist Privatdozent Dr. Kurt M a i w a l d von der ilnmerfität Breslau berufen worden.
Der Historiker der Universität Bonn, Geheimrat Pros. Dr. Aloys Schulte, vollendete dieser Tage das 7 5. Lebensjahr. Don seinen Arbeiten sind vor allem die Schriften zur deutschen Wirtschafts- geschichte und zur Kulturgeschichte des Rheinlandes hervorzuheben.
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