Ausgabe 
4.8.1932 Erstes Blatt
 
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Original-I^oman von Anny von panhuys.

Copyright by Verlag A. Bechthold, Braunschweig.

25 Fortsetzung. Nachdruck verboten!

Wenn du auch nichts von if>m hoffst und ver­langst, solltest du doch denken, er hat dich ver­gessen und du mutzt ihn auch vergessen. Ich jedenfalls bin der Meinung, wer einmal eine Lil zur Braut gehabt, kann sich danach mit keiner anderen verloben, Unb wenn er das tut, dann geht er dich von Haut und Haar nichts mehr an, und ich bleibe dabei, es ist ein grotzes Glück, datz er das Geld nicht genommen hat. Lleberlege einmal. Lil, um was für eine Summe es geht! Es handelt sich doch um keinen Pappenstiel. Er­innere dich nur an den Zirkus Gerhard, wie wir da unsere Pfennige zählen mutzten. Schließlich ist dein Geld auch nicht so einfach verdient wor­den. Was hast du herumproben müssen, bis so ein Trick festsatz. und wie so manches, was du zeigst und sich vergnüglich ansieht, ist ge­fährlich. Ich zittere jeden Abend, wenn du auf dem winzigen Flugzeug auf die Bühne kommst und das Ding wie blödsinnig mit dir im Kreise rumschnurrt. Für nichts ist nichts. Dein Geld ist sauer verdient und zum Wegschenken an einen, der sich deinetwegen gar nicht grämt, viel zu schade. Ich habe erwartet, in dem Doktor einen deinetwegen gramgebeugten Mann zu finden und fand einen ganz vergügten Herrn, der lächelnd zu mir von seiner Verlobten sprach, älnbändige Wut stieg in mir hoch, als ich das Wort von ihm hörte. Die Braut sah ich übrigens auch. Sie ist hübsch, aber eine von den Weibsleuten, die ich nicht ausstehen kann. Ich würde so einer nicht krauen. Ich halte sie für eine von der Sorte, die vor nichts zurückschreckt, wenn sie etwas er­langen will. Aber vom Zurechtmachen und vom Anziehen versteht sie etwas. Die Mutter vom Doktor sah ich übrigens auch. Sie scheint kränk­lich zu sein. Sie hat ein unangenehm hartes Ge­sicht, und alles, was du mir über sie erzählt hast, patzt zu ihrem Gesichtsausdruck."

Lil hatte den Hut wieder abgenommen, sie seufzte unbewutzt und der Alte sah ihr an, datz sie mit den Tränen kämpfte. Er legte ihr eine Hand auf die Schulter.

Lil, liebe kleine Lil, es tut mir grätzlich weh, wenn du traurig bist und so leidest. Ich Weitz, du leidest jetzt sehr. Aber ich mutzte dir die Wahrheit sagen, es ging nicht anders. Kopf hoch, Lil. und rufe deinen Stolz zu Hilfe, der Doktor verdient auch nicht den kleinsten traurigen Ge­danken von dir. Er hat sich verlobt, er scheint sehr zufrieden, er will nichts von dir. und du kleines Bähschaf wärest jetzt wahrscheinlich glück­

lich, wenn du ihm noch dein Geld dazu hättest geben dürfen. Liebes Kind, dreimalhunderttau- send Mark, das ist viel Geld, das ist ungeheuer viel Geld! Wenn du es aber durchaus nicht mehr auf der Bank haben willst, dann erkundige dich doch, ob du nicht dein väterliches Haus zurück­kaufen kannst. Du hast so oft geäutzert, du hättest Sehnsucht danach, darin zu wohnen. Vielleicht besteht die Möglichkeit, es zu kaufen. Dann hast du ein schönes Heim, wenn du dich ab und zu ein paar Wochen ausruhen möchtest. Du verdienst Geld über Geld und kannst dir so einen wert­vollen Ruhesitz leisten."

Lil sah ihn grotz an.

Du meinst, ich solle zuweilen in Frankfurt wohnen? Ia, aber ich bitte dich, dann würde man dort ja bald wissen, wer ich jetzt bin. Datz aus Lil Körner der Elown Fix geworden ist. der durch die Zirkusse und Varietes zieht. Datz ich mir also mit Blödsinn und Witzen mein Brot ver­diene."

Er lachte kurz auf.

Dein reichliches und gut belegtes Brot, liebe Lil, Brot, um das dich mancher Mann in hoher und einflutzreicher Stellung beneiden kann." Seine Stimme wurde vorwurfsvoll.Lil, ganz ehrlich, es gefällt mir nicht von dir, datz du dich deines Berufs schämst, datz du dich besonders vor den Frankfurtern dessen schämst, was dir doch die Mittel verschaffte, den Namen deines Vaters rein zu waschen von dem Makel, jemand etwas schuldig geblieben zu sein. Es waren ziemliche Summen, die du bezahltest, und du hättest wahrscheinlich in keinem anderen Beruf die Möglichkeit dazu gefunden. Vielleicht nicht einmal die, die das Grab deines Vaters mit einem künstlerischen Bildwerk zu schmücken. Denk einmal darüber nach. Du hast doch sonst so gesund blickende klare Augen, sieh auch das einmal richtig. Du hast es kleinlich und töricht gefunden, datz man sich in deinen Bekanntenkreisen über dein Auftreten als Elown in der Wohltätigkeitsvorstellung auf­gehalten hat. Ist es nicht viel befremdender, datz du eigentlich jetzt auch kleinlich und töricht bist, älnfatzbar klein und töricht." Er stand jetzt vor ihr und seine Augen blitzten:Stolz mütztest du sein auf das. was du erreicht hast. Cs ist be­wunderungswürdig viel. Wenn du überlegst, wie- viele Clowns es gibt und wieviele gute, sehr gute und ganz ausgezeichnete darunter sind, mühtest du dir mit Stolz bewutzt werden, du, ein junges Mädchen, stehst mit an der Spitze von allen, vielleicht sogar ganz obenan, bist vielleicht die Spitze selbst. Die Gagen beweisen es dir. wenn es dir der rasende Beifall des Publikums nicht beweisen sollte. Lind statt damit in deiner Hei­matstadt grotz zu tun, wozu du ein gutes Recht hast, verbirgst du sorgfältig, worauf du stolz sein mütztest. Lil, es tut mir leid, datz du so falsch denkst. Bist doch dasselbe wie ein Künstler auf anderen Gebieten. Du darfst dich neben jede

berühmte Schauspielerin und Sängerin, neben jede grotze Tänzerin als gleichwertig stellen. So leicht ist das nicht, was du leistest, verkleinere dich nicht. Wenn ich dir raten darf, Lil, dann schneide deine Vaterstadt vor allem nicht länger. Nimm Vertrag dahin an und zeige den Frankfur­tern. was du kannst und was für eine grotze Künstlerin aus Lil Körner geworden ist. Cs ist grotze Kunst, Menschen zum Weinen zu bringen, aber nach meiner Ansicht eine noch viel grötzere, herzliches Lachen in ihnen auszulösen. Die Men­schen brauchen das Lachen noch nötiger als das Weinen, denn für das Weinen sorgt das Leben schon selbst."

Lil atmete tief auf.

Du liest mir gründlich die Leviten, Onkelchen, aber mir scheint, du hast recht. Morgen fahren wir nach Frankfurt. Ich möchte die geliebte Stadt, der ich so lange fern geblieben, Wieder­sehen. Lind Vaters Grab möchte ich besuchen und Blumen darauf legen, was ich bisher der Hand des Obergärtners überlieh. Auherdem werde ich Iustizrat Stoll besuchen, mit dem Vater gut be­freundet gewesen und durch den ich von Amerika aus Vaters letzte Verpflichtungen einlösen lieh. Ich will mich auch erkundigen, ob die Möglichkeit besteht, unser Haus wieder zu erwerben."

Sie reichte Melchior Stampfer! die Hand.

Du lieber guter Mensch, du hast die richtigen Worte gefunden, mir zu helfen, und nun wollen wir noch ein Stündchen ins Freie gehen, wenn es dir recht ist. Drauhen reden wir dann noch ausführlicher über alles."

Ehe Lil diesen Abend zur Ruhe ging, betete sie inbrünstig: Lieber Gott, erlöse mich von der Liebe zu chm. der gar nicht mehr an mich denkt!

Lind nun weinte sie doch, denn länger wollten sich die Tränen nicht zurückdrängen lassen. Sie weinte heihe, heihe Tränen, und das Herz lag ihr so schwer in der Brust, als wäre es ein Stein. Die Nachricht von Werner Sturms Verlobung hatte sie überwältigend stark getroffen. Sie wollte nichts mehr von Werner, aber bisher hatte sie auch nicht ein einziges Mal daran gedacht, er könne sich verheiraten. Er war. verlobt und wollte in ein paar Wochen heiraten. In ein paar Wochen

Sie verkrampfte die Hände und glühender Neid quoll in ihr hoch. Sie beneidete sie, die Werners Frau werden würde, beneidete sie tief und heiß.

Sie sank vor chrem Belt in die Knie. Seit sie an jenem Nachmittag in den Zirkus Gerhard geflüchtet, war ihr nicht mehr so erbärmlich zu­mute gewesen wie heute, seit sie von Werners Verlobung erfahren.

Sie drückte ihr Gesicht in die Bettdecke, um das Schluchzen zu ersticken, das sich aus ihrer Kehle drängte und ihren ganzen Körper er­schütterte.

Lieber Gott, erlöse mich von der Liebe zu chm,

der gar nicht mehr an mich denkt", flüsterte sie aufs neue, und dann sprach sie wie liebkosend Werners Namen, wiederholte ihn immer wieder, seinen über alles geliebten Namen.

19. Kapitel.

E i n Wiedersehen!

Iustizrat Stoll blickte ganz verblüfft auf die Visitenkarte, die ihm der kleine Schreiberjunge gebracht hatte. Er sprang auf und eilte selbst in das Wartezimmer. Dort satz Lil im eleganten dunkelblauen Herbstkostüm. Sie erhob sich und ging ihm entgegen. Er schüttelte den Kopf.Ich traute meinen Augen nicht, als ich Ihren Na­men auf der Karte las." Er drückte immer wie­der ihre Hände, fatzte sie dann leicht am Arm und führte sie in sein Bureau, dem dunkle Möbel und ernste Bilder in dunklen Rahmen etwas Feierliches gaben.

Nachdem Lil Platz genommen, fragte der Iu­stizrat:Wo kommen Sie her. mein gnädiges Fräulein? Wenn die Frage erlaubt ist, bin ich wirklich gespannt, das zu erfahren."

Lim Lils Lippen legte sich ein mattes Lächeln.

Direkt vom Grabe meines Vaters. Meinem lieben guten Vater galt der erste Besuch hier in Frankfurt, mein zweiter Ihnen, Herr Iustizrat. Im übrigen wohne ich zur Zeit in einer stillen kleinen Pension in Wiesbaden und ruhe mich dovt aus. Wiesbaden im Herbst ist schön, ich Weitz das noch von früher, als ich noch die sorg­lose Lil Körner war im Hause meines Vaters. Damals verbrachte Vater mit mir immer eine Herbstwoche in Wiesbaden."

Iustizrat Stoll satz an seinem Schreibtisch und vor ihm, durch die Brelte des Tisches von ihm getrennt, Lil. Durch seine Brillengläser war sein Blick voll Spannung auf sie gerichtet.

Sie taten etwas Schönes, Gutes, gnädiges Fräulein, Sie lösten alle noch restierenden Ver­pflichtungen Ihres seligen Vaters ein. Ich habe mich damals bemüht, alles gut zu ordnen. Es gibt jetzt niemand mehr, dem Ihr Vater auch nur noch eine Mark schuldig geblieben ist. Leider verhandelten Sie damals nicht selbst mit mir, sondern ein deutscher Anwalt in Neuyork han­delte in Ihrem Auftrag. Er sprach in seinen Briefen nur von der Tochter Lil des verstor­benen Bankiers Eduard Körner, und da hatte ich unwillkürlich die Vorstellung, Sie hätten sich in Amerika reich verheiratet. Auch die Gläu­biger, die so plötzlich zu ihrem längst verloren ge­gebenen Geld kamen, waren der Ansicht. Man hält sie hier allgemein für die Gattin eines amerikanischen «Millionärs, und ich war matzlos verblüfft, auf Ihrer Besuchskarte Ihren Mäd­chennamen zu lesen." Er nickte ihr zu.Nun, wenn Sie auch keine Millionärsgattin geworden sind, es geht Ihnen doch nicht schlecht, das sieht man auf den ersten Blick, und darüber freue ich mich." (Fortsetzung folgt.)

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Bekanntmachung.

Nachtrag

zur Steuecordnung über die Erhebung einer Vergnügungssteuer in der Stadt

Giehen.

Auf Grund des Art. 21 der Gemeinde­ordnung 00m 10. Juli 1931 sowie des Art. III § 8 Abf. 1 und 8 9 Abf. 4 der Be­stimmungen des Reichsrats über die Ver- gnügungsfteuer in der Fassung der Be­kanntmachung vom 12. Juni 1926 (RGBl.I S. 262) wird auf Beschluß des Stadtrats vom 9. Juni 1932 mit Genehmigung des Herrn Ministers des Innern vom 15. Juni 1932 zu Nr. M. d. I. 36108 folgender

Nachtrag zur Steuerordnung über die Erhebung einer Vergnügungssteuer in der Stadt Gießen erlassen. 5659C

§ 1.

§ 8 Abs. 2 und § 9 Abs. 5 der Steuer­ordnung über die Erhebung einer Vergnü­gungssteuer in der Stadt Gießen vom 11.Januar 1927 erhalten folgende Fassung:

Die Steuer wird für die einzelne Karte auf den vollen Reichspfennig­betrag nach oben abgerundet."

§ 2.

Dieser Nachtrag zur Steuerordnung tritt mit dem Tage seiner Veröffentlichung in Kraft.

Gießen, den 2. August 1932.

Bürgermeisterei Gießen: l)r. K e l l e r.