Ausgabe 
4.7.1932 Frühausgabe
 
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Aus der Provinzialhauptstadt.

Gießen, den 4. 3uli 1932. postbeförderung mit Segelflügen. Während des Rhön-Segelflugwettbewerbs vorn 17. bis 31. 3uli soll täglich eine regel­mäßige Postbeförderung mit Segel­flugzeugen von der Wasserkuppe nach Gersfeld stattfinden. Mit diesen Segel­flügen können gewöhnliche Briese bis 20 Gramm und Postkarten an Empfänger in beliebigen Be­stimmungsorten befördert werden. Der außer den gewöhnlichen Gebühren zu entrichtende Zuschlag beträgt 10 Pf. Die Sendungen müssen den Ver­merkM i t S e g e l f l u g" tragen und sind beim Postamt Wasserkuppe bei Gersfeld aufzuliefern, oder diesem Postamt unter freigemachtem Um­schlag zu übersenden. Sie erhalten außer dem Aufgabestempel den Abdruck eines Sonderstem­pels mit der 3nschriftR Hon-Segelflug- Wettbewerb 1 9 3 2 M i t Segelflug- zeugbefördert" und dem Bilde eines Segel­flugzeugs. Für Sendungen, die außer mit den Segelflügen mit den Luftpostlinien des regel­mäßigen Verkehrs befördert werden sollen, ist der Luftpostzuschlag besonders zu entrichten. Solche Sendungen sind mit einem Luftpostklebezettel zu versehen, den die übrigen Segelflugsendungen nicht tragen dürfen. Voraussichtlich werden die Freunde des Segelflugsports und die Philatelisten von der neuartigen Deförderungsgelegenheit regen Gebrauch machen.

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* Ehrendoktor der Universität Gießen. Von der Pressestelle der älniversität Gießen wird uns mitgeteilt: Die Theologische Fa­kultät unserer Hniberfität ernannte den Pfarrer in Bensheim Ernst Wagner ehrenhalber zum Doktor der Theologie.

* Preisträger im Gießener Duch- druckgewerbe. An dem Feldmühle-Wettbe- werb für Entwürfe zu vorbildlichen Briefbogen und -Hrnschlägen beteiligten sich zwei Berufsan­gehörige des Gießener Duchdruckgewerbcs mit Er­folg. Der Schriftsetzermeister Werner Köhler von der Münchowschen Druckerei erhielt einen fünften, und der Schriftsetzermeister Karl Schei­fele von der Firma W. Ritschkowski einen drit­ten und einen fünften Preis. Es lagen der 3ury 5901 Arbeiten von 1529 Einsendern, tätig bei 827 Firmen, zur Begutachtung vor. Zum Prcisrich- terkollegium gehörte u. a. der Reichskunstwart Dr. E. R e d s l o b, Berlin.

** Die Nachsendung von Postsendun- g e n. Zu Anträgen auf Nachsendung von Postsen­dungen sind möglichst die amtlichen Vordrucke zu be­nutzen, die an den Postschaltern und von den Post­zustellern zur Abgabe bereit gehalten werden. Die Verwendung dieser amtlichen Vordrucke gewährleistet die pünktliche Nachsendung der Post und ist daher zum Vorteil der Empfänger.

** 3 n der Lahn ertrunken. Gestern gegen 17.30 Uhr- tummelten sich verschiedene junge Leute in der Lahn etwas oberhalb des Launsbacher Stegs beim Wasserballspiel. Dabei kam der 25 Jahre alte Schreinergeselle Carl P ö tz s ch , Weserstraße 17 hier

wohnhaft, der aus Fellingshausen stammen soll, bis etwa tn Brusthöhe in das Wasser. Der junge Mann, der an einem Herzfehler gelitten haben soll, rutschte angeblich in eine tiefe Stelle ab, aus der ihn in beherzt^ Weise seine Braut herauszuholen ver­suchte. Gleichzeitig sprang ein anderer junger Mann ihm nach, konnte ihn aber nicht in Sicherheit brin­gen, da der Versinkende sich an den Retter klam­merte und diesen ebenfalls mit unter Wasser zog, bis er sich mit Mühe frei machte und dann erschöpft ans Ufer gebracht werden mußte. Pötzsch, der oermullich einen Herzkrampf bekommen hatte, wurde von der Strömung abgetrieben und konnte erst etwa 20 Minuten später geborgen werden. Aerzt- liche Hilfe war rasch zur Stelle, ebenso Mitglieder der Freiwilligen Sanitätskolonne vom Roten Kreuz, die mit dem Sauerstoffapparat etwa 2 Stunden lang Wiederbelebungsversuche anstellten, jedoch ohne den erhofften Erfolg. Die Leiche des bedauerns­werten jungen Mannes wurde nach dem Friedhof von Launsbach verbracht.

** Sterbefälle in Gießen. Es verstür­ben in Gießen vom 11. bis 30. 3uni: 13.: Johanna Kreuter, geb. Weckert, Witwe, 74 Jahre, Ludwig- strahe 30; 15.: Katharina Heß, ohne Beruf, 73 Jahre, Licher Straße; 17.: Anna Adolph, geb. Melior, Witwe, 71 Jahre, Frankfurter Straße 10; 20.: Elisabeths Schäfer, geb. Wenzel, 73 Jahre, Aeuenweg 18; 25.: Emil Dörr, Spengler- und Jnstallationsmeister, 59 Jahre, Großer Stein­weg 10; 26.: Johannes Hahn, Arbeiter, 69 Jahre, Wetzsteingasse 31; 29.: Georg Simmermacher, Reichsbahnassistent, 43 Jahre, Duddestraße 4; 30.: Marie Appelt, geb. Horni, 30 Jahre, Ebel­straße 39; Christ an Schönhals, Rentner, 79 Jahre, Rordanlage 35.

** Tagung des Kampfbundes für deutsche Kultur. Man schreibt uns: Vom 9. bis 10. Juli findet in Darmstadt die Westdeutsche Tagung bes Kampsbundes für Deutsche Kultur statt, die unter dem Gedanken der organischen Le­bensanschauung steht und einen Ueberblick über das völkische Empfinden einer neuen, werdenden Zeit und zugleich über deren Verbundenheit mit der Urewigkeit unseres Wesens geben will. Das Programm bringt sieben Vorträge über deutsche Weltanschauung in ihren Grundtiefen, und zwar im einzelnen über echte Volkswirtschaft, deutsch­empfundene Bühnenkunst, deutschbewußte Musik­pflege und über bildende Kunst und Architektur. Des Goechejahres wird mit der Aufführung eines Singspiels gedacht, ein Abend alter Musik und ein Konzert junger Tonsetzer, ein Festwiesen-Nachmit- tag mit Jugendchören, alten und neuen Tänzen stad außerdem vorgesehen. Die Gesamtleitung der Tagung hat der westdeutsche Führer des Kampf­bundes für deutsche Kultur Dr. Werner Kulz. Nähere Auskünfte find bei Kapellmeister Fritz Cuj 6, Gießen, Wilhelmstraße 8, zu erhalten.

** Zielfahrt zum XI. Deutschen Sän­gerbundesfest. Der Deuffche Touring-Club, Ortsgruppe Frankfurt a. M, hat zu dem vom 16. bis 25. Juli stattfindenden XI. Deutschen Sän- gerbundesfest eine Zielfahrt ausgeschrieben. Rach den vorläufigen Anmeldungen werden etwa 150 bis 200 Teilnehmer erwartet. Die Kraftwagen werden auch an dem großen Festzug teilnehmen.

Limburger Regatta.

(Siebener Rudergcsellschafl siegt im Großen Achter.

Oluf der Lahn bei Limbprg begann am Sams- tag die größte aller diesjährigen deutschen Re­sat len, an der sich 34 Vereine mit 180 Booten und 975 Ruderern beteiligten. Die Kämpfe auf der 2000 Meter langen und etwas schwierig zu steuernden Lahnstrecke dauerten den ganzen Tag über und brachten in allen Mannschaftsklassen guten Sport. Die Regatta-Leitung, die schon am ersten Tag ein gewaltiges Maß von Arbeit Au bewältigen hatte, sorgte für einwandfreie Abwicklung des umfangreichen Programms. Bei schönstem Wetter und ausgezeichnetem Besuch wickelten sich auch am Sonntag die Rennen des zweiten Tages der Limburger Regatta ab Den Großen Achter sicherten sich die Senioren

der Gießener Rudergesellschaft, vor dem sehr stark fahrenden Kölner RK. 1931. Dieser wiederum blieb im Großen Vierer einwandfreier Sieger über den Franffurter RV. 1865, der sich nur im Doppel-Zweier durch die Gebrüder Sauer durchzusetzen vermochte. Den Zweiten Einer holte sich der ausgezeichnete GRGer I o e d t vor Thomas (Ruhrort).

1900'5 Leichtathleten in Offenbach erfolgreich.

Die Spieloereinigung 1900 hatte zu dem am Samstag und Sonntag durchgeführten Sportfest des Ballspielklubs Offenbach entsandt. Im 5000-Meter- Lauf siegte Schaaf, 1900, in 16.02 Min. lieber 800 Meter wurde Peters Zweiter. In der Leistungs­klasse III konnte Gugel im Kugelstoßen mit 12,41 Meter den 1. Platz belegen.

DT.: 59 Gauiurnfest in Gießen.

400 Turner im Wettkampf - Vie! Ehre für Wilhelm Will. - Das Gauturnfest, ein Spiegel der Breitenarbeit der OT.

Das Gauturnfest des Gaues Hessen, das eigent­lich kein Fest an sich sein sollte, sondern ein Tag der Arbeit und der Heberschau über die Arbeit im Gau Hessen der DT., war dennoch ein Fest, lind zwar ein Fest der Idee und der Gedanken in der Deutschen Turnerschaft, die ihre Verwirk­lichung und im Gauturnfest sichtbaren Ausdruck fanden. Auftakt war am Samstag der

Begrüßungsabend

in der Turnhalle am Oswaldsgarten. Der ein­leitenden Musik folgte die Begrüßungsansprache des 1. Sprechers der Gießener Turnerschaft. Wil­helm Erle. Er Bogrübte besonders Bürger­meister Seipp, der für die Stadt Gießen erschien und die Turner in den Mauern der Stadt will­kommen hieß. Der 1. Gauvertreter, Artur Pfeif­st r '.Wetzlar, dankte der Gießener Turnerschaft für die Zurüstung des Festes, er hieß gleichzeitig den zweiten Gauvertreter des Saar-Bließ-Gaues willkommen und forderte dazu auf, den Turnern des Saarlandes durch den Besuch des Mittel- rheinischen Kreisturnfestes schuldigen Dank ab- zust alten. Die Deutsche Turnerschaft habe die Aufgabe, so führte er weiter aus, die junge Ge­neration stark zu machen, für kommende schwere Jabre. Cs sei erfreulich, daß man allenthalben auii) bei den Spitzen der Behörden die Bedeu­tung der Arbeit der DT. zu schätzen wisse. Aus eigener Kraft solle auch das geleistet werden, was für die Zukunft zu tun sei. Die Idee der L.urnerschaft sei verstanden worden, jetzt müsse sie beherzigt werden.

Sodann überreichte der 1. Gcmverlreler dem 1. Sprecher des MTV Gießen, Rektor Georg kling, für feine oft in aller Stille geleistete Arbeit im Dienste der DT. die höchste Aus­zeichnung, den Ehrenbrief der Deutschen

Turnerschaft.

Ein brausendesGut-Heil" beschloß diesen Teil des Begrüßungsabends.

I Rach einer kurzen Pause traten die besten Tur­ner des Gaues Hessen zu den

Meisterfchastskämpfen an den Geräten an. Turner, deren Ramen weit über Hessen hin­aus den besten Klang haben, traten in den Wett­bewerb. Man sah ganz ausgezeichnete Leistun­gen. Manche Hebung wurde mit spontanem Bei­fall quittiert. Adoll Ahrens von der Mar­burger Turngemeinde sicherte sich zwei Meister­schaften (Darren und Reck). Die Meisterschaft am Pferd errang Karl Reuter, und in der Kör­perschule siegte der Marburger E. Eber- s p ä ch e r. Das Meisterschaftsturnen stellte eindrucksvoll das gesteigerte Können dec Hessen­turner unter Beweis. Me Hebungen waren vie­len anderen ein großes Vorbild. Die Disziplin, die Kraft und Gewandtheit, die sich in den ein­zelnen Hebungen äußerte, verdiente aufrichtige Bewunderung. Den Abschluß des Degrühungs- abends bildeten die Bodenübungen einer Riege des Tv. Grohen-Linden (der Turner Seth drückte mit unnachahmlicher Eleganz und Sicher­heit den Handstand zu wiederholten Malen), sowie die Keulenübungen der Alterstumer des Turn­vereins 1846 Gießen, deren Auftreten immer wieder zu der eindrucksvollsten Demonstration des Geistes in der DT. wird.

Zestzug und Morgenfeier.

Ein prächtiger Sommermorgen sah die Turner unserer Heimat auf dem Weg nach Gießen. Am Bahnhof stand die Gießener Turnerschaft zum Empfang bereit. Die Turner brachten ihre oft ehrwürdigen Fahnen mit. Gemeinsam marschierte man in prächtigem Festzuge zur Dolkshalle. (Schade, daß ihm von Seiten der Gießener Q5e- völkerung nicht mehr Aufmerksamkeit entgegen­gebracht wurde.) In der Volkshalle hielt Gau­jugendleiter Erich Wagner (Kirchhain) nach einleitendem Choral eine Ansprache, in der er von hoher Warte aus die Ziele der Deutschen Tumerschoft kennzeichnete. Die Turnerschaft be­

jahe den Weg zu Gott. Man wolle einstehen für ©ott und für das von Gott geschenkte Vaterland in Zeiten der Rot und des Kampfes. Die Turner seien stets bereit, dem Vaterland zu dienen, bei­zutragen, ein einig Volk von Brudern zu wer­den. Man diene Gott im Sinne des Kreuzes von Golgatha, im Sinne des eisernen Kreuzes dem Erbe der Gefallenen und im Sinne des Turnerkreuzes der Jugend, dem Volkstum und damit dem Vaterlande. 3m Verlaufe des Vormittags legte der Gauvorstand an den Grä­bern zweier verdienter Turner (Gauvertreter Friedrich Helm und Gauschriftsührer Karl Wenzel) Eichenlaubkränze nieder.

Rach der Morgenfeier gruppierten sich die Turner fofbrt zum

Emzelwetturnen

und bald herrschte in der Volkshalle an den vie­len Geräten der lebendigste Turnbetrieb. D ie vielen Kampfrichter hatten ein schweres Amt. In der Sonderklasse der Oberstufe, wie auch in der Oberstufe sah man wieder ausgezeichnete ßeiftun- gen, die Turner der Mittelstufe und die zahl­reichen Turner der Hnterstuse waren eifrig be­müht, es den großen Vorbildern gleichzutun. Die Altersturner konnten im Reunkampf ihre Elasti­zität beweisen. In der Sonderklasse stellte Willi Sinnwell (Bad-Rauheim) den 1. Sieger. 3m Zwölfkampf der Oberstufe errang Heini Keil vom T.-u. Epv. 1860 Marburg den 1. Preis. Zweiter wurde in dieser Gruppe Willi Hartmann vom Tv. 1846 Gießen. 3m Zehnkampf der Oberstufe blieb Rich. Seth (Grohen-Linden) Sieger. Der Zwölfkampf der Mittelstufe sah Rich. Künstler Tgm. Friedberg als den Ersten. An zweiter Stelle folgte Ludwig Herbert Tv. 1846 Gießen. Unter 224 Bewerbern wurde Otto G a st e r st e d t (T.- u. Spv. 1860 Marburg) vor den beiden Gießenern Friedrich Bayer und Karl Schöndorf (beide 1846) erster Sieger. In der Altersklasse I siegte Heinrich Keller (Burgsolms), in der Alters­klasse II Heinrich Am end Tv. Krofdorf. Vielbe­achtet wurde die Austragung der volkstüiylichen Wettbewerbe auf dem Hniversitätssportplah. Außerordentlich heftige Kämpfe lieferten sich die Turner beim Säbelfechten. Hier siegte Heinz De r l i ch vom T.- u. Spv. Bad-Rauheim vor Lud­wig G e r h a r d t (Tv. 1846 Gießen). 3m Flo­

rett fechten der Turnerinnen dn*p Luise Kuhn von der Turngemeinde Friedberg vor Else Wirth vom Tv. 1846 Gießen Erste.

Am Rachmittag wurde der Reigen der Wett- kämpfe mit der

WilhelM'Witt-Staffel

fortgefüfjrt. Don den 6 Bezirken des Gaues traten die Mannschaften von 5 Bezirken an. Die Staffel führte über 10 mal 100 Meter. Den Sieg sicherte sich die Mannschaft des 1. Bezirkes (Marburg) und errang damit den künstlerischen, eichenholzgeschnitz­ten Wilhelm-Will-Schild, der eine prächtige Sieacs- trophäe darstellt.

Im weiteren Verlauf des Nachmittags wurde dann in Vereinsriegen geturnt. Der Wett- bewerb sah die beimischen Turnvereine in drei ver­schiedenen Klassen (Jahnklasse, Götzklasse und Schmuckklasse) im friedlichen Kampf. Schließlich wurde auf dem Platz vor der Volkshalle der Gefallenen des Weltkrieges gedacht. Bei gesenkten Fahnen erklang das LiedIch halt' einen Kameraden". Sodann hielt der 1. Gauoertreter Artur Pfeiffer (Wetzlar) eine Ansprache, in der er besonders die vielen und großen Verdienste des Gau-Ehrenoberturnwartes Wilhelm Will gedachte und dessen Arbeit für den Gau Hessen, der durch ihn zum zweitgrößten Gau des Mittelrheinkreises geworden ist, im Einzelnen würdigte. Dem nunmehr aus der aktiven Betätigung scheidenden Führer, der 30 Jahre der Bewegung diente, wurde aus vielen Turnerkehlen ein brausendesGut Heil" ausgebracht. Die folgenden Massenfreiübungen wurden sehr exakt geturnt. Den vielen Zuschauern bot sich ein prach- tiges Bild. Die Freiübungen waren eine eindrucks- volle Werbung für die Gedanken der Deutschen Turnerschaft.

Die Siegerehrung, dec erhebende Abschluß des Gauturnfestes,

bereinigte die Turner und viele Besucher noch einmal in der Volkshalle. Der 1. Gauvertreter sprach den Siegern den Glückwunsch aus forderte die übrigen zu eifriger Arbeit auf und schloß mit einem kräftigenGut Heil!" auf die Sieger, in das die Turner, die diesmal den Eichenkranz nicht in Empfang nehmen konnten, rückhaltlos mit einstimmten. Gaufrauenturnwart Paul überreichte sodann dem Bezirksoberturnwart

Ein deutscher Arzt erobert Afrika.

Gustav NachügalS Heldentaten im Schwarzen Erdteil.

Von Paul A. Hofer.

IV.

Eine bedrohlicheAudienz".

3m Jahre 1856 erschien in Abesche, der Hauptstadt Wadais, der Deutsche Eduard Vogel. Dreizehn Tage nach seiner Ankunft war er tot. Er hatte mit einem Holzstäbchen geschrieben, ftän- big Hühnereier gegessen, was fein anständiger Mensch tut, ungern Besuch empfangen und nur schlecht arabisch gesprochen. Das alles zusammen hatte genügt, um den damaligen König von Wa° dai zu veranlassen, seine Hinrichtungun­ter der Hand" anzuordnen.

Ob diese Geschichte des einzigen Europäerbesuchs in demgastlichen Lande" dem guten Doktor Rach­tigal nicht doch ein wenig im Kopf herumgeht, als er endlich von Bomu zu seinem großen Zuge auf­bricht? Es sieht nicht so aus. Denn er spricht arabisch, ist äußerst umgänglich, schreibt mit Tinte und nährt sich schon seit Jahr und Tag wie jeder Eingeborene. Sogar rohe Kamelleber wird von ihm nicht verschmäht. Allerdings kann auch er seine Bedenken nicht unterdrücken, als ihm bei seiner Ankunft in Abesche barsch und brutal seine Waffen und Pferde abverlangt werden, und der König Ali sogar die primitivste Anstandspflicht Fremden gegenüber außer Acht läßt. Vor dem Palast wird ihm plötzlich befohlen, er solle P roben seiner Schießkunst zeigen, der König wolle sich das hinter dem Vorhang eines Fensters ansehen. Rachtigal empfindet deutlich, daß ihn nur eines retten kann: Tollkühnheit. Stolz erklärt er, er sei nicht gekommen, um dem Kö­nige etwas vorzuschießen, dreht sich um und geht nach Hause.

Bald darauf erscheint ein Bote aus dem Palast mit dem Auftrag, Rachtigal sofort wieder hinzu­bringen. Weinend nimmt sein Gastgeber von ihm Abschied, er weiß genau, was das bedeutet. Rach­tigal hat später einmal selbst erzählt, wie sich die Dinge abspielten:Diesmal glaubte ich ernst­lich, daß meine letzte Stunde gekommen sei. Wehren konnte ich mich nicht, und so machte ich mich fertig, wenigstens anständig zu sterben; denn nichts gilt in diesen Ländern für verächtlicher, als sich im letzten Augenblick feige zu benehmen. Während ich mit diesen Gefühlen durch den Vor­hang, der den Vorraum vom Audienzsaal trennte, durchkroch, beobachtete ich verstohlen das Antlitz des Gefürchteten; ich glaubte weniger Grausam­keit als Strenge, verbunden mit einem hohen Grade von Intelligenz, darin zu sehen. Dies gab mir einen Funken von Hoffnung. Hnd nachdem ich auf den Knien liegend, den Kopf tief auf die Erde geneigt, unter Zusammenschlagen der Hände die vorschriftsmäßige Degrüßungsformel gemur­melt hatte, nahm ich allen Mut zusammen und rief: In meinem Lande kniet man nur vor Gott, nicht vor Menschen!" Zu meinem Erstaunen brach Ali nicht in Zorn aus, sondern antwortete:So stehe auf und sehe dich zu mir!" Don diesem Augenblick an hatte ich gewonnenes Spiel. Der Kö­nig fragte mich, woher ich käme. Voll Freude über­mittelte ich die Grüße Scheich Omars und wollte mein Empfehlungsschreiben hervorziehen. Er winkte mir aber entschieden mit der Hand ab:Laß ben Brief nur stecken. Ich allein bin Herr in die­sem Lande. Hnd wenn ich dich nicht töte, so tue ich es, weil ich nicht will, nicht aber, weil Scheich Omar darum bittet. Fortan stand ich unter Sul­tan Alis Schutz."

Rückkehr in die Zivilisation.

Aach einem Drei Vierteljahr bricht Rachtigal wie­der auf. In Dar - Für macht er noch für einige Monate Station, aber der Sultan verbietet ihm, sich im Lande selbst umzusehen. Die Bevölkerung ist fanatisch, auf offener Straße, ja vor dem Palast des Königs wird der Deutsche von Eingeborenen attackiert, sie spucken vor ihm aus, verhöhnen ihn, wo sie mir können, und die höchsten Würdenträger machen sogar den Versuch, ihn ermorden zu lassen. Der Doktor ist froh, als er endlich Gelegenheit bekommt, eine Gesandtschaft an den Ril zu begleiten und auf diese Weise dem gast­lichen Land den Rücken zu kehren.

Im September 1874, sechs Jahre fast nach sei­nem Abmarsch von Tripolis, trifft er wieder in der zivilisierten Welt ein. Der Ge­neral-Gouverneur des ägyptischen Sudan schickt ihm zur Begrüßung einen griechischen Arzt ent­gegen. Der deutsche Doktor ist völlig verwirrt, als ihm der Grieche ein paar herzliche Worte in französischer Sprache sagt, er vermag einfach nicht zu antworten. Hnd ebensowenig bringt das Ita­lienische, das er früher doch gut beherrschte, in fein Bewußtsein ein. Erst als man zum Arabischen übergeht, kann er sich wieder sammeln. Er hat sechs Jahre lang kein Wortineiner anderen Sprache gesprochen. Erst nach Tagen gewöhnt er sich ein wenig an das Fran­zösische.

Europa ehrt Rachtigal.

Barfuß, in zentral-afrikanischer Tracht, die er schon seit Jahren zu tragen gewohnt ist, besteigt er den Dampfer des Vizekönigs von Aegypten, der ihn nach Kairo bringt. Es isteinTri- umphzug ohnegleichen. Aber Rachtigal ist so geschwächt und elend 24 Breitengrade trennen den. südlichsten Punkt seiner Reise von dem nördlichsten, und von West nach Ost sind es 20 Längengrade daß er noch bis zum Frühling in Aegypten bleibt, ehe er die Reise nach Deutschland wagt. Rom, Paris und Berlin bereiten ihm gewaltige Huldigungen, aber am tiefsten rührt ihn doch der Empfang in seiner Vaterstadt Stendal. Eine un­übersehbare Menschenmenge erwartet ihn am Bahnhof, alle Häuser haben geflaggt, einBlumen- regen aus den Fenstern überschüttet ihn, und die Krone bildet nach dem großen Bankett ein herr­licher Fackelzug.

Offizielle Ehrungen folgen. Belgien bittet ihn. an der Organisierung des Kongo-Staates mitzu- wirken, die Gesellschaft für Erdkunde ernennt ihn zu ihrem Präsidenten, dieAfrikanische Gesell­schaft" zu ihrem Vorstand, zu allen Kongressen wird er geladen. Er kann sich vor lauter Ver­pflichtungen kaum retten, aber trotzdem findet er noch die Zeit, ein umfangreiches dreibändiges Werk über die Reise zu schreiben, das erst den Beweis erbringt, wie gründlich und tiefschürfend er gearbeitet hat. Es ist schon eine säst über­triebene Genauigkeit in der Aufzeichnung der ge­ringsten Details, aber gerade sie bringt die Afrika- Forschung um ein ungeahntes Stück vorwärts. Ethnologische, geographische, mineralogische, bo­tanische, zoologische, kulturhistorische und meteoro­logische Zusammenhänge werden mit einem Schlage klar. Es ist fast unbegreiflich, daß dieser Mann niemals Raturwissenschaften studiert haben soll, daß er ein simpler, kleiner Arzt war, als er an diese tolle Reise ging.

Der koloniale Gedanke erwacht.

Rachtigals Fahrt ist der eigentliche Anstoß dazu, daß man anfängt, auch in Deu tsch - land kolonialpolitisch zu denken. Ihr ist es zu verdanken, daß Bismarck seine hartnäckige Ab­lehnung jeder kolonialen Erwerbung fallen läßt. Vorerst aber will man sich Rachtigal profunde Kenntnisse des Orients diplomatisch zunutze machen. 1882 wird er zum deutschen Gene­ralkonsul in Tunis ernannt Wieder steht der Mann auf feinem Posten. Freilich feine Gesundheit ist untergraben, er ist jetzt 48 Jahre alt, und die Entbehrungen und Röte in der Wildnis Zentralafrikas formten nicht spurlos vorübergehen. Aber seine Energie, fein Lebens­mut find ungebrochen. Seine Konsularberichte werden vom Auswärtigen Amt als Musterarbei­ten an sämtliche deutschen Gesandtschaften geschickt. Hnd neben seiner amtlichen Tätigkeit setzt er unermüdlich die Arbeit an der literarischen Aus­wertung seiner Reise fort.

Da erreicht ihn überraschend im Frühling des Jahres 1884 der Auftrag nach Westafrika zu gehen und das Land im Ramen des Deutschen Reiches in Besitz zu nehmen. (Forts, folgt.)