Ausgabe 
3.10.1932 Erstes Blatt
 
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Aus der Provinzialhauptstadt

DieDeuW-Amenkaner feiern Hindenburg

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Nachdruck verboten!

1. Fortsetzung.

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Monat November Gültigkeit haben.

Bor 20 Jahren: Zarenbesuch in Giehen. Am 2. Oktober 1912 hielt vor dem

Kostbare Toiletten feierliche Herrenkleidung erwartungsvolles Geflüster.

Die Familie Lohgarten wurde von allen Seiten gegrüßt. Es war nun einmal eine Familie, zu der man gern in den besten Beziehungen stand. Lind man hätte sich sehr gern mit den Loh­gartens verschwägert!

Selbstverständlich kam da in erster Linie nur der junge Chef der Lohgarte n-Werke in Frage. Wenn einige höhere Beamte und große Ge­schäftsleute vielleicht auch nicht ganz abgeneigt toaren, sich um Hilma zu bewerben, wenn sie nur erst einmal gewußt hätten, wie der verstorbene Herr Lohgarten seine Stieftochter im Testament bedacht hatte. Denn so ganz ohne dann nahm man eben doch lieber ein junges frisches Mädel; Hilma sah gerade in letzter Zeit sehr gealtert und verblüht aus.

Aber trotzdem waren die Lohgartens überall beliebt.

Fritz Lohgorten lächelte vor sich hin.

Die kleinen Weiberchen!

Daß sie doch nie davon lassen konnten, sich einzubilden, man könne ihn durch Echöne-Augen- machen einfangen.

Gab es nicht!

Die Frau, die er einmal für ein ganzes Leben zu sich nahm, die mußte etwas Besonderes sein.

Das Zeichen!

Das große Haus verdunkelte sich. Atemlose Stille. Ein sehr gut geschulter Thor und dann plötzlich eine wunderbare, weiche Männerstimme!

Eine hohe, breitschultrige Gestalt stand auf der Bühne und sang mühelos, weich, hoch und bezaubernd.

Bereits nach dem ersten Akt nicht enbentoollen- der Beifall. Man war begeistert.

Fritz Lohgarten aber sah in Gedanken ver­loren da. Irgend etwas kam ihm bekannt vor an diesem Manne. Vielleicht die Stimme? Die Figur? Oder war es auch nur das eigenwillige Zurück- wersen des Kopses?

Die Maske verhinderte ein klares Erkennen. Dennoch!

.Was meinst du, Fritz?" fragte Frau Loh- gartcn in seine Gedanken hinein.

_.-0H. eS ist wohl einer der größten Sänger, dre wir bisher gehört haben", sagte er wahrheits­gemäß; aber das Unbehagen blieb in ihm

Hilma war restlos begeistert.

.Mama, wir müssen versuchen, ihn auch in unser Haus zu ziehen. Zweifellos werden die mrderen es doch alle tun", sagte sie nach einer Weile leise zu ihrer Mutter.

Diese nickte.

.Ich habe auch schon daran gedacht", meinte sie dann.

x,/?<£« cvV Qcfänt dir der neue Starr wandte Hilma sich an ihren Stiefbruder.

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der Kontingentierung gewisser, deutscher Lllrs- suhrwaren in Belgien einverstanden, insbesondere für Holz, Kartoffeln und Milch.

In Brasilien sind die Friedensver­handlungen zwischen den Dundestruppen und den Aufständischen gescheitert. Die Kämpfe sind wieder ausgenommen toor- den.

Erst am späten Nachmittag, als die Dämme­rung des für die Jahreszeit außergewöhnlich warmen Sonntags bereits einbrach, verliehen die Herrschaften, nachdem sie sowohl den Tarten wie auch die Innenräume des Alten Schlotes besichtigt hatten, die Stadt Gießen wieder. Aus der Gartenterrasse aber fanden sich auf einem der Dasaltsteine, welche die Brüstungsmauer ab­decken, in kalligraphisch sauberen Lettern die Worte mit einem Kieselstein eingeritztNiko­laus II., Kaiser von Rußland". Daneben die Zeichnung einer dampfenden Teetasse.

Taten für Montag, 3 Oktober.

1859: die italienische Schauspielerin Eleonora Düse in Digeoano geboren; 1895: der Forschungs­reisende Otto Ehlers auf Neuguinea ermordet; 1929: der Reichsaußenminister Gustav Stresemann in Berlin gestorben.

Bornotizen.

Tageskalender für Montag: Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: .Gitta entdeckt ihr Herz".

DerGoethe-Bund eröffnet, wie man uns schreibt am Freitag sein Dortragsprogramm 1932 33. Eine Fülle literarischer und künstlerischer Genüsse wird er seinen zahlreichen Mitgliedern und Freun­den wiederum bieten. Eine abwechslungsreich zusam- mengestellte Bortragsfolge, geboten zu nahezu in unserer Stadt unerreichten Eintrittssätzen, wird wieder jeden am Geistesleben unserer Stadt inter­essierten Kunstfreund erfreuen. Mit einer bedeut­samen und erlebnisstarken Veranstaltung wird die Reihe der Darbietungen eröffnet; es ist der Leitung des Goethe-Bundes gelungen, die bekannte und erfolgreiche junge deutsche Fliegerin E l l y Bein­horn nach Gießen zu einem Lichtbildervortrag über ihrenFlug um die Welt" zu gewinnen. Dor wenigen Wochen ist Elly Beinhorn erst wieder in die Heimat zurückgekehrt. Mehr als 30 000 Kilometer und achtzehn Staaten in den fünf Weltteilen hat die kühne Fliegerin überflogen. Was sie hierbei erlebt und gesehen hat, darüber wird sie an Hand schöner Lichtbilder berichten. Es dürfte zu empfehlen fein, sich rechtzeitig mit Eintrittskarten zu versehen. (Näheres siehe heutige Anzeige.)

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entbieten. Aber die von dem Ereignis üb«lE- tiate Kleine brachte nur ganz leise am Mikrophon bie Worte heraus:Guter Onkel Hindenburg.' Der deutsche Sprecher erklärte hierauf, daß das Kind sagen wollte: .Die deutschen Kinder in Amerika, die dich alle lieb haben, wünschen dir Glück und Segen -u deinem Geburtstag." D:r deut- sche Konsul in Philadelphia Arno P. How itz erklärte anschließend in englischer Sprache den amerikanischen Zuhörern die Feier und ihre Be­deutung. Im Namen der Deutschen Philadel­phias sprach Kapitän Louis H. S ch m i d t, der Präsident der Deutschen Gesellschaft von Penn­sylvania. Er gab einen Rückblick auf die Ansied­lung und die Geschichte der deutschen Kolonisten in diesem amerikanischen Bundesstaat und be­tonte, daß das treue Gedenken aller Deutschen wohl nicht besser zum Ausdruck gebracht werden könne, als mit dem Wunsche, daß heute, am 85. Geburtstag des Reichspräsidenten, das deutsche Volk sich bewußt werde seiner großen selbst­losen Vaterlandsliebe und daraus den Wil­len zur Lieberwindung aller Mei­nungsverschiedenheiten entzünden möge. Damit Hand in Hand möge ein tieferes Ver­ständnis für die Volksseele auch anderer Natio­nen und besonders für die Vereinigten Staaten von Amerika gehen, und dieses Verständnis möge beitragen zu einem engeren Band zwischen den beiden Schwesterrepubliken. Er schloß: .Gott gebe Ihnen Kraft und Stärke, Herr Reichspräsi­dent, und vergönne Ihnen die Erfüllung aller unserer Hoffnungen." .

Die Feier, die mit der amerikanischen National­hymne eingeleitet worden war, schloß mit dem Deutschlandlied.

Der französische Botschafter in Madrid soll mit der spanischen Regierung über die Möglichkeit verhan­deln, daß französische Truppen die aufständischen Stämme, die ihr Unwesen an der spanisch-franzö- sifchen Marokkogrenze treiben, auch auf spanischem Gebiet nach Rio de Oro verfolgen dürfen. Die französische Regierung möchte Spanien zur Abtretung von Rio de Oro und Cap Iuby bewegen, wogegen sie angeblich bereit sei auf ihre Rechte in Langer zu verzichten. Der Auf­ständischenführer El Iallai soll einen An­griff auf die spanische Zone vorbereiten.

Gießen, den 3. Oktober 1932. Verkehrsziffern vom Srenadierkag. Zum An- und Abtransport der großen Menschen­massen, die von auswärts zum Grenadiertag nach Gießen gekommen waren, hatten öte Reichsbahn und die Reichspost, daneben aber auch noch andere Kraftomnibus-Betriebe umfangreiche Maßnahmen getroffen. Nach unseren bisherigen Feststellungen hat allein bie Reichsbahn am eamstag und Sonntag schätzungsweise 1 0 00 0 P e r s o n e n befördert. Zur Bewältigung der Verkehrs- ansprüche wurden alle fahrplanmäßigen Zuge mit erhöhter Belastung gefahren, ferner_oerkehrte am Samstag: und Sonntagabend je ein sonderzug von Gießen In Richtung Friedberg. Sämtliche Zuge wa­ren vollständig besetzt. Der Verkehr wickelte sich erfreulicherweise ohne Unfall ab.

Die Frequenzziffer der R e i ch s p o st - A u t o - betriebe konnten wir bisher noch nicht erfah­ren. Jedoch war zu beobachten, daß die Omnibusse der Reichspost, wie auch die vielen Prioat-Krast- omnibusse, Lastautos und Personenautos stark be­fehl waren. Der Fahrrad- und der Autoparkplatz aus dem Trieb wurden in umfangreichem Maße ^Die^'städtisch« Straßenbahn hatte an beiden Tagen unter Einsatz des gesamten Fahr- Personals und sämtlicher Wagen Großbetrieb. Der Verkehr wickelte sich auch hier reibungslos und ohne Unfall ab. Am Samstag wurden auf der Straßenbahn rund 10 800 Personen, am Sonntag rund 15 600 Personen befördert.

Frischfleischverbilligung als Winterhilfe

Die von der Reichsregierung beschlossene Frisch­fleischverbilligung für den bisherigen Kreis von Arbeitslosen und sonstigen Hilfsbedürftigen sieht eine Verbilligung von zwei Pfund frischem Rind- oder Schweinefleisch je Monat um 20 Pf. je Pfund vor. Der erste Bezugsschein mit drei Abschnitten für je ein Pfund Frischfleisch wird, soweit es sich bei den Ausgabestellen (Arbeitsämtern und Für» sorgcbehörden) irgend ermöglichen läßt, Mitte Oktober mit der Weisung zur Ausgabe gelangen, daß der erste Abschnitt bis zum 12. November, die beiden übrigen Abschnitte für den ganzen

Wettervoraussage.

Mit dem Kaltlufteinbruch über den britischen In­seln dehnt sich der hohe Druck ostwärts aus, so daß auf dem Festland bereits Barometeranstieg erfolgt. In Begleitung der Nordwestluft treten vorerst noch einzelne Schauer auf außerdem gehen die Tempera­turen zurück. Mit Der weiteren Entwicklung des hohen Drucks und namentlich der Ausdehnung auf bas Festland wird sich die Wetterlag^beständig ge­stalten. Während der Nacht ist alsdann mit stärkerer Wärmeabnahme zu rechnen, so daß Temperaturrück­gang bis in Gefrierpunktnähe nicht ausgeschlossen ist.

Aussichten für Dienstag: Kühles, wech­selnd wolkiges Wetter, dabei aufheiternd, einzelne Schauer, westliche bis nodwestliche Winde.

Aussichten für Mittwoch: Nach Früh­nebel vielfach aufheiternd, nachts Abkühlung bis zum Gefrierpunkt, tagsüber mild.

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Der PrinzvonWalesist in Stockholm eingetroffen. In Verbindung mit dem Besuch wird eine schwedisch - englische Woche durch- gksührt, die oem Ausbau der englisch-schwedischen Handels^ziehungen dienen soll. Schweden hat seit jeher den Hauptteil seiner Einfuhr in Deutschland gedeckt, während England der große Abnehmer schwedischer Waren ist. Die schwedische Press« for­dert jetzt einen Ausgleich. Schweden soll mehr zum Bezug englischer Waren über­gehen, was nur durch Ausschalten deutscher Wirtschaftsinteressen ge­schehen kann. Da Schweden unter den deutschen Ausfuhrländern mit an führender Stelle steht und die Lage in den übrigen skandinavischen Ländern ganz ähnlich ist, hat diese Entwicklung für Deutschland große Bedeutung.

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Roman von Gerl Rothberg.

Copyright by Martin Feuchtwangrr, Halle (Saale)

»Es wird alles in deinem Sinne geschehen, lieber Vater!"

Das war ein Gelöbnis, das er auch gehalten hatte bis heute. Er kannte die Wünsche der Damen auch; aber er dachte gar nicht daran, sie zu erfüllen.

Er Hilmas Gatte?

Ausgeschlossen!

Vorläufig dachte er noch immer nicht an eine Heirat trotz seiner siebenunkchreißig Jahre. Er wüßte auch nicht, wer da in Frage kommen sollte. Es eilte ihm tatsächlich nicht. Daß er überall als gute Partie gewertet wurde, wußte er, und es war ein Grund mehr für ihn, sich da eine gute Distanz zu bewahren.

Freilich, eine recht unangenehme Aussprache würde er in der nächsten Zeit mit der guten Mama einmal haben, denn sie hatte eigentlich in diesen letzten Wochen öfter auf diese ihre Wünsche angespielt.

Nun, wenn sie es nicht merken wollte, wie er dachte, dann mußte cs eben klipp und klar einmal gesagt Werdern

Daß sie überhaupt auf diesen verrückten Ge­danken hatten kommen können!

Fritz Lohgarten fand das äußerst ungemütlich, ilnb es hätte soweit ganz gemütlich sein können. Eolanac er nicht daran dachte, sich eine Frau zu suchen.

Lind er dachte wirklich nicht daran.

Er war kein Heiliger! Durchaus nicht. Aber es waren eben doch nur immer wieder Episoden, die nichts hinterliehen, nicht Reue und auch nicht di« Sehnsucht, daß sie noch einmal wiederkehren möchten.

Gr besaß Freunde!

Diele, srohe, reiche, lebenslustige Freunde. Aber er besaß keinen einzigen Freund!

Ein Llnlerschied!

Gin gewaltiger älnterschied!

Mnb aus diesem Grunde war Fritz Lohgarten tief im Herzen ein einsamer Mensch, wenn er das vielleicht auch nicht einmal vor sich selber eingestand.

.Ich freue mich sehr auf diesen neuen Sänger. Er soll etwas ganz Besonderes sein Curie Neukirchen sagte es mir heute früh am Telephon. Ihre Schwester, die ntit dem Legationsrat von Krenkel in Berlin verheiratet ist, soll gesagt haben, es sei schwer zu beschreiben. Man müsse ihn gehört haben", sagte jetzt Hilma und legte die schmale Hand im weihen Glacee auf seinen Arm.

Er sah nach der Tlhr.

.Jetzt wird es aber tatsächlich Zeit", sagte er lächelnd. Gr zog den Arm der Stiefmutter durch den seinen, und nun ging er mit seinen Damen zum Wagen hinunter. Leise surrend fuhr der Mavbach?' davon.

Die Oper zeigte Feststrmmung.

In den Brüsseler Kontingentierungsverhand­lungen ist nach ausführlichen Darlegungen der deulschen Delegierten über die von Deutschland geplante Kontingentierung landwirtschaftlicher Erzeugnisse eine für beide Teile befriedigende Einigung erzielt, die der deutschen und der bel­gischen Regierung zur Billigung unterbreitet wer­den wird. Der Prozentsatz, auf den die in Frage kommende belgische Ausfuhr nach Deutschland herabgesetzt werden soll, schwankt zwischen 40 und 60 v. H. Dafür erklärt sich Deutschland mit

Seine großen blauen Augen sahen sie ein bißchen spöttisch überlegen an.

Mir gefällt er ausgezeichnet, Hilma. Wie mir scheint, möchtest du ihn auch mit verwöhnen helfen? Ja, ja, es ist was Eigenes um k> einen großen Künstler."

Hilma horchte auf.

Was klang denn da durch seine Stimme? Eifersucht etwa? Dann sollte dieser heutige Abend gesegnet sein.

Ter Beifall steigerte sich von Akt zu Akt. Ein nie dagewesener Erfolg war dieses Auftreten des Sängers am heutigen Abend. Unb es gab für die nächsten Wochen eben nur den einen Namen in allen Familien: Heinz Altendors I

Fritz Lohgarten hatte seinen Damen seine Zu­stimmung gegeben, ein Fest zu arrangieren und dem berühmten Sänger eine Einladung zu schicken. Bis jetzt hieh es nämlich, der Mann sei völlig unnahbar und habe bisher jede Einladung mit «in paar liebenswürdigen Worten ausgeschlagen.

Wenn er bei ihnen annehmen würde, wäre das doch etwas, womit man die lieben Bekannten kränken konnte.

In diesem Sinne redeten die Damen auf Fritz Lohgarten ein. Der erkannte zum soundsovielten Male seine beiden Damen, die an nichts weiter dachten, als wie sie wohl immer wieder aufs neue beweisen konnten, welche gesellschasttiche Rolle sie spielten. Nun, er kannte sie ja; Idoku sollt« er sich denn da auf regen? Aber eine solche Frau heiratete Fritz Lohgarten nicht; wenn sie das doch endlich einsehen wollten!

Dabei kam ihm immer wieder der unangenehme Gedanke, daß er diesen bewunderten Sänger kennen müsse. Aber doch so, daß er diese Bekannt­schaft viel lieber nicht erneuert hätte.

Das war Blödsinn!

Er kannte doch den Mann nicht!

Heinz Altendvrf!

Konnte aber auch ein angenommener Name sein, wie Künstler das gern taten.

Hm!, nun, er würde ja sehen.

Die nächsten Tage hatte der Ehef der Loh­garten-Werke sehr viel zu tun, da er eine Wenge Besprechungen mit Herren hatte, die aus allen Teilen des Reiches gekommen waren, weil es galt, eine wichtige Maßnahme zu ergreifen, wenn der Industrie von einer anderen Seite nicht ein empfindlicher Schlag versetzt werden sollte.

Hilma fügte ihm aber eines Abends ziemlich von oben herab, daß der Gesellschaftsabend wegen seiner Arbeit nicht verlegt werden könnte. Er sei am nächsten Donnerstag.

»Hat hm!. hat Altendvrf zugesagt?"

»Nein! Ich kann mir nicht denken, weshalb er uns diesen Affront antun will", sagte fie,_ und es klang, als unterdrücke sic mühsam die Tränen.

(Fortsetzung folgt)

Frau Lohgarten bekam Herzklopfen, wenn sie auch nur in Betracht zog, daß sich ihre Pläne doch nicht vcrwirllichen könnten. Was sollte denn dann cinst aus ihrer schönen Hilma werden? Daß die sich jetzt schon langsam mit ihren siebenund­zwanzig Jahren dem Verblühen zuneigte, sah die Mutter mit grausamer Deutlichkeit Es mochte viel dazu beitragen, daß Hilma wirllich litt, denn sie liebte den Stiefbruder.

Frau Lohgarten war in erster Ehe mit dem Majsr von Ansbruck vermählt gewesen, und aus dieser Ehe stammt« Hilma.

ES war damals ein großes Glück, ein riesen­großes Glück gewesen, als der gleichfalls ver­witwete Fabrikbesitzer Lohgarten die Frau Major ehelichte und sie und ihre einzige, damals fünf­zehnjährig« Tochter aus der Enge und Aerm- lichkeit einer schmalen Offizierspensivn erlöste.

Die Ehe war nicht unglücklich gewesen, wenn es dem Sohne auch manchmal so vorgekommen war, als ob der Vater die ein bißchen vorschnelle Heirat mit der schönen Frau von Ansbruck be­reue. Nun, er war damals viel auf Reisen ge­wesen, der Sohn und einstig« Erb« der Lohgarten- Werke, und er konnte sich kein rechtes Urteil bilden.

Er war dann an daS Sterbelager seines Vaters gerufen worden und hatte sich mit dem Vater nur über die Werke unterhalten können. 'Aber ganz zuletzt hatte ixy Vater geflüstert:

»Sei gut mit der Mama und Hilma! Ich habe das ganz bestimmte Gefühl, daß sie nicht sehr widerstandsfähig find, wenn sich ihnen wieder die Armut naht. Die Rente, die ich ihnen aus­gesetzt hab«, wird ihnen nicht mehr genügen, nachdem sie hier in meinem Hause ein reiches Leben geführt haben. Ich bin jedoch auch nicht berechtigt, dich zu berauben, denn es gehört ja alles dir allein."

Und er, der Sohn, hatte die Beweggründe seines Vaters zu dieser Bitte verstanden. Und der Kranke hatte noch hinzugeseht:

Sollten sie dir aber einmal in deinem. Hause lästig werden, dann hast du jederzeit das Recht, sie zu entfernen. Der Tag wird vielleicht bald kommen, denn ich glaube, die Wünsche der betben Damen zu kennen. Dann verweise sie in unsere Villa am Pfeilsring, wo du ja dann immer noch der Herr bist und sie sich nach deinen Wünschen zu richten haben. Nur allein sollen sie nicht fein."

gangstor zum Botanischen Garten ein Kraft- toagen, dessen Führer mit dem Bemerken Ein­laß begehrte, daß innerhalb eine Stunde di« großherzogliche Familie mit ihren russischen und sonstigen Verwandten erscheinen würden, um im Garten den Nachmittagstee einzunehmen. Die nö­tigen Vorbereitungen wurden in Erle getroffen und als nach 3 Uhr der Grohherzog mit Ge­mahlin, Prinzessin Heinrich, Prinz Waldemar von Preußen, der Zar mit drei seiner Töchter erschienen, stand unter der großen Weißbuche in der Näh« der Gewächshäuser der mit Herbst­blumen reich geschmückt« Teetisch bereit Mit der Dienerschaft zugleich waren auch einige russische Sicherheitsbeamte in Zivil gekommen, die ver­anlaßten, daß längs der Ostanlage das Eindrin­gen des zahlreich anwesenden Publikums in den (damals an dieser Stelle noch offenen Garten) durch Schutzmannschaften verhindert ward. Da der Zar es liebte, bei jeder Gelegenheit photo­graphiert zu werden, trug einer der Herren ein« übergroße photographische Kamera bei sich. Die großherzogliche Familie wohnte damals in Hohensolms, die Familie des Zaren im Schlosse zu Friedberg, von wo aus die Zarin eine Schwester des Grohherzoas die Bäder in Hom­burg besuchte. Ihres leidenden Zustandes wegen war sie nicht mitgekommen.

Berlin, 2.Dft. (CNB.) Tausende von Kilo­metern von der alten Heimat entfernt, hatten sich bie Deutschen von Philadelphia, girier Hochburg des Deutschtums in den Bereinigten Staa­ten, 3 u einer Geburtstagsfeier für Hindenburg zusammengefunden, die den ame­rikanischen Rundfunkhörem vermittelt und auch nach Deutschland gesendet wurde. Der Empfang war aus­gezeichnet.

Bor Beginn der Übertragung entbot der ame­rikanische Sprecher dem Reichspräsidenten seine besten Wünsche und Grüße. Der Vertreter des WTB. in Washington, Sell, wies einleitend auf die starke Kolonie deutschen Stammes in Pennsylvania hin, die seit ihren Anfängen im 17. Jahrhundert stets den Amerikanern ein vorzügliches Bei­spiel deutscher Ordnung, deutschen Fleißes und guter deutscher Sitte ge­wesen sei. Hepte mehr denn je sei es den Amerikanern deutschen Stammes f?i Philadelphia ein Bedürfnis, ihre Grüße zu senden über den Ozean zum deut- schenDolk und zum Führer De ut,ch- I a n b 5, der auch in seinem hohen Alter in unper» gleichücher Pflichttreue unb Energie bas deutsche Staatsschiff in Sicherheit zu steuern sich bemühe.

'Raä) einem Liebervortrag des Deutschen Iung- männerchors in Philadelphia erklärt« Sell, daß man auch im W e«n Hause zu W a s h i n g t o n den Geburtstag des Führers der deutsche^ Nation nicht vergessen hab«, und ver­las das bereits bekannt« kur^e Glückwunsch­telegramm des Präsidenten Hoo­ver an Reichspräsident von Hindenburg. Im Navren von 10 000 deutschamerikanischen Kindern Philadelphias sollte die 5jährige BrigitteM o 11 - zahn den Glückwunsch an den Reichspräsidenten

* Der neue Komm andeur unseres Bataillons, Major von Wachter, ist heute früh hier eingetroffen. Im Laufe deS morgigen Tages wird die Hebemabme des Ba­taillons durch den neuen Kommandeur stattfinden.

** Der Grenadiertag im Bild. Im Bil­der-Schaukasten an unserem Geschäftshause haben wir eine Anzahl Photos von den gestrigen Ereig­nissen des Hessischen Grenadiertages ausgehängt. Unsere Mitbürger seien besonders darauf hinge- wiesen.

** M i e t e r j u b i l ä u m. Die Familie Stotter wohnt mit dem Tage des 1. Oktobers bereits seit 50 Jahren im Hause Steinstraße Nr. 63. Das Ju­biläum ist ein Beweis des besten Einvernehmens zwischen Hausbesitzer unb Mieter.

** Vom Vogelzug. Am gestrigen Sonntag, 18.20 Uhr, überflog ein Paar Schneegänse, von Nar­ben kommenb, über der 4. Schneise den Gießener Stadtwald. Die beiden Tiere flogen unter lautem Geschrei in südlicher Richtung.

** Tob durch spinale Kinderlähmung. Wie wir vom Kreisgesundheitsamt Gießen aus An- frnge erfahren, wurde in Obbornhofen ein öjähriger Junge namens Helmut Koch ein Opfer der spinalen Kinderlähmung. Der Junge war nur sehr kurze Zeit krank. Das Kreisgesundheitsamt hat sofort alle Sicherungsmahnahmen durchgefichrt. In Gießen trat in diesen Tagen Scha rlach spo­radisch auf. Die Krankheit, die in jedem Jahre um diese Zeit in Erscheinung tritt, ist erfreulicherweise bereits wieder im Abklingen begriffen.

Kleine politische Nachrichten.

Der Streik in der Weißenfelser Schuhindustrie wurde b e i g e l e g t. Die zwi­schen Vertretern der Arbeitgeber unb ber Gewerk­schaften gepflogenen Besprechungen führten zu einer Einigung, nach der sämtliche Arbeiter wieder ein­gestellt werben sollen unb zwar zu ben Bedingun­gen, wie sie vor Erlaß der Notverordnung vom 5. 12. 31 bestanden haben. Maßregelungen sollen nicht erfolgen.