Ausgabe 
3.9.1932 Frühausgabe
 
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Aus der provinzialhauvistadi.

Gießen, den 3. September 1932.

Gastspiel Zirkus Straßburger.

Zirkus und Zirkuskunst leben noch. Das Gast­spiel des Zirkus Straßburger will es be- weisen. Der gestrige Freitag brachte den Zirkus­leuten ein gerütteltes Maß voll Arbeit. _2Im Abend war diese Arbeit umgemünzt zu Lichtfülle, zu Prunk und Pracht. Diele elektrische Lampen strahlten in den Abend hinein, die bunte Fassade des Haupteingangs zum Zirkus am Oswalds- garten leuchtete und hatte viele Zuschauer an­gelockt, die den Klängen der Zirkuskapelle lausch- ten, die vor dem Beginn der Vorstellung im Dor- bau konzertierte.

Bei Beginn' der Eröffnungsvorstellung waren fast alle Plätze besetzt. Die Musikkapelle füllte die Zeit bis zum Beginn mit schneidigen Marschen. Dann trollten fünf bis sechs große brauneDä- ren in den runden Käfig, der in der Mitte der Manege aufgerichtet war., Während die großen ausgewachsenen Tiere mit spielerischer Leichtigkeit ihre Kunststücke zeigten, rieben sich die beiden jüngeren den Pelz an den Gitterstäben und taten, als ginge sie das alles gar nichts an. Das sichtlich herzliche Verhältnis zwischen den Tieren und ihrem Dompteur gefiel den Zuschauern sehr. Den Bären folgten Berberlöwen. Etwas unwil- lig, fauchend, mit geschmeidigen Bewegungen glit­ten sie in die Manege. Tiere von seltener Statt­lichkeit. tadellos gehalten, harrten sie der Befehle ihres Dompteurs, der verschiedene eindrucksvolle Proben seines persönlichen Mutes ablegte.

Das umfangreiche, lebendige Programm brachte dann einen verwegenen Luftalt, bei dem die Künstler gleichzeitig die Krast ihrer Zähne unter Beweis stellen konnten. Ein eleganterPas de dcux" zu Pferd, von vollendeter Grazie erfüllt, gefiel außerordentlich. 10 Esmanoffs zeigten frappierende ukrainische Aational - und Wirbelwindtänze. Clowns machten ge­lungene Späße.

Dann folgte klassische Zirkuskunst: Pferdedres- suren. 12 schmucke Shetland-Ponys, die lebenden Schaukelpferdchen, durcheilten leichtfüßig die Ma­nege.Afrikanische Kavallerie" nannte sich die nächste Dummer. Puppen ersetzten die Reiter. Die Aufmerksamkeit galt den Tieren. 12 edle ostpreußische Rappen erregten Bewunderung. 12 Lippizaner, jene edelsten der Pferde, geigten sich als sehr geschickt und lobten ihren Meister. 8 russische Falben folgten. Man kann es ver­stehen, daß der Zirkus auf all diese Tiere sehr stolz ist. Das Fell der Pferde glänzt wie Seide.

Auf zwei prächtigen, kräftigen Pferden zeigten 8 Iokleys ihre Künste. Dacheinander sprangen sie alle acht auf die beiden Pferde und galop­pieren stehend um die Manege. Oder sic saßen zu fünft auf einem Gaul. Eine große äleber- raschung bedeuten die S e e l ö w c n des Kapitän Thomfons, die mit dem Ball spielend balancieren. Das Ganze ein zweifellos unvorstellbar schwie­riger Dressurakt. Den ersten Teil des Programms schloß ein großes Tierpotpourri.

DieFliegenden Menschen" (eine Stan- dardnummcr in jedem Zirkus) konnten nicht feh­len. Die 8 Urbans lassen den Atem anhalten: Schwung, Eleganz. Mut und Cntscheidungskraft

in Bruchteilen von Sekunden charakterisieren ihre Kunst.

Einer bunten Parade folgt die hohe Schule der Reitkunst. Mitglieder der Familie Straßburger reiten ihre Pferde im Takte der Musik. Den Tieren wurde viel Intelligenz zu- gemutet. Ein eindrucksvolles Schauspiel und eine Glanznummer des Programms stellte das Auf­treten der Elefanten dar. Die 7 wuchtigen Tiere bewiesen eine Geschicklichkeit, die man in den Kolossen niemals vermuten würde. 10 Ara­ber vollführten wilde Sprünge und bauten kühne Pyramiden. Gesetze der Schwerkraft scheinen für diese Truppe ihre Geltung verloren zu haben. Einer von ihnen vermag alle die neun anderen zu tragen. Eine Kosakenquadrille beschloß etwas matt, etwas unerwartet plötzlich das Programm. Sämtliche Darbietungen sanden verdientermaßen starken Beifall.

Der Zirkus Straßburger bedeutet gleichzeitig einen Zoo im Kleinen. Man kann die Wasserbüffel aus Südafrika, indische Kühe, Hyäne und Zibetkatze, Stachelschwein und Dasenbär sehen. Die Pserdeställe sind zur Besichtigung zu­gänglich, Eisbären und Löwen, Leopard und Tiger, das sanfte Dromedar und die Elefanten, das Lama und viele andere Tiere werden dem Besucher begegnen.

(Einen großen Parade-Umzug veranstaltet der Zirkus Straßburger heute um 11 Uhr bei regenfreiem Wetter vom Oswaldsgarten durch die Neustadt, Bahnhofstraße, Kaplansgasse, Kreuzplatz, Sonnenstraße, Schulstraße, Marktplatz, Kirchenplatz, Lindenplatz, Walltorstraße, Ostanlagc, Neuen Baue, Sonnenstraße, Brandplatz^ Sencken­bergstraße, Ostanlage, Nordanlage, Westanlage, Bahnhofstraße, Neustadt zurück zum Oswaldsgarten. Der Paradeumzug wird fo schreibt man uns ein Schaustück allerersten Ranges, sieht man doch über 100 edelste Pferde Straßburgers, eine große Elefantenherde, ganze Kamel- und Dromedarherden, südafrikanische Wasserbüffel, indische Kühe Zebras, Lamas, Guanacos, allerliebste Zwergpferdchen, dann Straßburgers Bölkerschau (Rifkabylen, Marokkaner, Araber, Neger, Donkosaken, Tscherkessen, Chinesen, Spanier u. v. m.) Der Zug wird von zwei eigenen Musikkorps Straßburgers begleitet.

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" Aerztlichcr Fortbildungskurs. Die medizinische Fakultät der ilni&erfität Gießen veranstaltet vom 9. bis 15. Oktober einschl. sür praktische Aerzte einen allgemeinen Fortbildungs­kurs mit klinischen Besprechungen und praktischen Demonstrationen. Vortragende sind die klinischen Fachvertreter, sowie die Fachvertreter für Phy­siologie. Ein Ausflug findet nach Dad-Dauheim statt mit Vortrag bzw. Demonstrationen im dor­tigen Balneologischen LIniversitäts-Institut und im Kerckhoff-Jnstitut. Zur Deckung der Unkosten wird von jedem Teilnehmer der Betrag von 10 Mark erhoben: weitere Kosten entstehen nicht. Prospekte und Anfragen durch Herrn Professor Georg Herzog, Pathologisches Institut, Klinik» straßc 32 g.

** Straßensperrungen mitgeteilt vorn Oberhessischen Automobil-Club E. 23. (21. v. D.) Gie­ßen: Ab Montag, 5. September, wird die Strecke

3m Flugzeug von Gießen nach Holland.

Don Hanns Arens.

Morgens 9 älhr auf dem Gießener Flugplatz: 1 Ich will fliegen, zum erstenmal in meinem Leben, llnb gleich wage ich einen größeren Flug: nach Holland zum Flugtag in Eindhofen, wo die Piloten Maier, Moog und Dietrich Kunst­flüge aussühren sollen. Herr Ludwig Maier, Vorstand der Sportflieger-Vereinigung Gießen, war so freundlich, mich mitfliegen zu lassen. Henner M o o g ist der Führer. Er fliegt die tote B. h. \V. Er ist ein sicherer Flieger. Erst 24 Jahre ist er, und schon diese enorme Sicherheit.

Wir fliegen! Das ist ein Gefühl, unbeschreiblich für den, der es nicht kennt, älnterdes sind auch Maier und Dietrich gestartet: sie müssen nicht weit hinter uns sein. Ich schaue ahnungslos nach rechts da erscheint Maier mit seiner Klemm. Ich wende den Kopf. Dieses Schaukeln der Klemm geht mir auf Magen und Derven. Dur nicht hingucken! Immer nach vorn geschaut und in den Himmel. Wie ich dann noch nach links sehe, erblicke ich Dietrich in seiner Klemm, und wieder ist dieses infernalische Saugen in meinem Magen! Ihr werdet mich nicht be­kommen, denke ich und starre geradeaus! Aber cs hilft nichts: schon fliegen, oder schweben sic mit uns auf gleicherEbene". Da sind sie, auf und runter und so fort, bis Moog Gas gibt und davonrast, hoch und hin zu den Wolken, die nun schon nah bei uns sind. Ich schaue mir die Gegend genau an und freue mich über diesen Flug wie ein kleines Kind, das seinen Wunsch erfüllt bekommen hat. Glaubt es mir: es ist märchenhaft schön. Wer Angst hat, sich in ein Flugzeug zu sehen, der soll sich diese Grille aus seinem Gehirn reißen. Es passiert hier viel weniger als im Auto!

Ganz dicht kommen wir an die Wolken. Sic sehen an uns vorüber, als wären mürbe Bett­tücher, lange nicht gewaschen, hier auseinander- geflogen. Dein, das sind noch nicht die Wolken, die Moog so gern haben will. Später, morgen denn morgen, am Sonntag, fliegen wir wieder heim nach Gießen.

Ich staune nur, immer entdecke ich Deues und reizende Landschaften. Unter uns liegen kleine Gehöfte und Wälder. Wunderbar zu sehen sind immer wieder die Felder. Wie ruhig fließt da ein kleiner Fluß zwischen Wiesen und kleinen Waldungen. Dann wieder ein Dorf, oder ein Städtchen. Man erkennt die wenigen Straßen und Krümmungen. Es geht nichts über einen Flug. Cs ist zauberhaft, dies alles zu sehen.

Es ist hier nicht Raum genug, um über den Flugtag zu berichten. Mer Kunstflüge gerne sicht, wird, wenn die Piloten Maier, Moog und Diet­rich ihre Figuren fliegen, voll auf seine Rech­nung kommen. Diele tausend Holländer hatten einen ereignisreichen Tag. Die wenigen, die ich sprach, waren begeistert. Um 19 Uhr stehen die drei Maschinen wieder startbereit, zum Flug nach Düsseldorf, um dort zu übernachten. Als wir wie­der über den Rhein fliegen, begrüßt Moog durch ein paar Kreise einen Ausflugsdampfer. Schal­lend, wie aus einem Munde, ertönt der Gegen- gruf) der Ausflügler. Wir begleiten den Damp­fer ein Stückchen und fliegen dann wieder die

alte Richtung. Dieser Flug in den Abend ist be­rückend schön. Ganz ruhig und ohne die leiseste unangenehme Bewegung ist das Flugzeug in der Luft. Die Sonne geht langsam unter und wirft rötliche Streifen auf die weißen Llbendwölkchen. Dieser Abendflug endete bei Düsseldorf nur all­zubald.

Es sollte mir aber noch eine große Freude be­reitet werden. Moog sagte zu mir am andern Tag, daß wir in die Wolken wollten. Um 14 Uhr starten wir und schnell erreichen wir eine statt­liche Höhe. 2400 Meter! Ringsherum ist alles in weih-grau-blau getaucht. Dur diese Farben und dann, wenn die Sonne scheint, dieses un­wahrscheinlich Blendende des Lichts. Plötzlich ganz dicht vor uns schwebt eine dicke, weiße ^olkc, eine Wolken bank. Gleich darauf saust Mc mit Donnergetön in diese Wolke. Ich schaue in alle Richtungen: nichts zu sehen. Wir sind gleichsam in einer Kugel. Cs ist, als ob das Flugzeug' hier still stünde, ja, so scheint es mir, wir halten: Sta­tion in den Wolken! Und nur ein Gefühl und einen Wunsch habe ich: lange, sehr lange hier bleiben können! Zudem hat Moog den Motor ab- gestellt: er wollte mir einen rechtmärchenhaf­ten" Eindruck verschaffen. Ich werde mäufefiein angesichts dieses Wunders. Wie seltsam dies ist. Aber schon zerreißt der Traum: der Motor summt wieder fein altes Lied. Die Wolke ist bereits durchflogen. Und schon schiebt sich etwas weiter vor uns eine neue Wolkenbank heran.

Mit donnerndem Motor und singendem Pro­peller fliegen wir in die zweite Wolkenschicht. Wie wir aber eben eingefahren sind, spaltet sich die Wolke und es entsteht so eine Art Straße: ich kann es nicht anders sagen: rechts und links eine lange Wolkenbank, in der Mitte ist es frei; Moog dreht seine Maschine in diese Straße und wir fliegen ganz gemütlich entlang. Dielen, allen Menschen mochte man dieses Er­lebnis wünschen. Heber uns der blaue Himmel, unter uns die grün-gelblich schimmernde Erde, dieStraße", zur Rechten und Linken die Wolken. Der Motor schweigt und wirkutschieren" in aller Ruhe hindurch. Die Spitzen der Tragflächen be­rühren die Wolken. Dann kommt eine Art Rondell, das wir ausfliegen: alles bei abge- stelltcn Motor, dann einen halben Kreis. Bald leider! ist die Straße zu Ende. Tief hole ich Atem. Wie war alles so unwirklich, so unaus­sprechlich schön.

Moog nimmt Kurs auf Gießen. Bald überfliegen wir in 1600 Meter Hohe den Flug­hafen und hier habe ich meine letzte Feuergrobe zu bestehen; aus dieser Höhe geht Moog her­unter, aber nicht etwanormal" undbedächtig". Dein. Er will mir einenwürdigen" Abschluß bereiten: aus 1600 Meter dreht er eine Spirale! Diese Fülle der Empfindungen und der Zustände zu schildern, reicht das Wort nicht mehr aus. Dis auf 200 Meter herab geht diese Spirale und dann gleitet das Flugzeug mit einer wunder­baren Drehung wieder in dienormale Lage. Ein schöner Gleitflug noch, und die Erde hat uns wieder! ...

Brauerschwend Renzendorf im Zuge der Straße AlsfeldLauterbach (Fernoer'ehrsstra- ßen-Nr. 49) gesperrt. Ab Dienstag, 6. September, wird die Strecke Alten st adt Lindhcim im Zuge der Straße FriedbergBüdingen gesperrt. Ab Montag. 12. September, wird die Strecke Hel­denbergen Kaichen im Zuge der Straße FriedbergHanau (Fernverkehrsstraßen-Nr. 45) ge­sperrt. Umleitung über ErbstadtKaichen.

Sterbefällc in Gießen. In der Zeit vom 16. bis 31. August verstorben in Gießen: 16. Elise Walter, Hausangestellte. 27 Jahre. Westanlage 56. 18. Paul Pfeffer, Schlosscrgehllfe, 19 Jahre, Lindengafse 2. 20. Emilie Bramm, geb. Falkenhainer, Wwe., 91 Jahre, West­anlage 36. Elisabethe Baum, geb. Deuber, 59 Jahre, Bleichstraße 2. August Weinmann. Gerichtsrefercndar, 22 Jahre. Löberstraße 1. Heinrich Hölscher. Obcrposllekretär i. R., 71 Jahre, Schollst raße 8. 21. Christine Frey, geb. Wallbott. 68 Jahre, Gabelsbergerstraße 5. 22. älrsula Rausch, 4 Monate, An der Kläranlage 78.

Balthasar Amend, Schuhmachcrmelster. 60 Jahre, Hundsgasfe 4. 23. Otto Heßler. Gerichtsvoll­zieher i. R. 63 Jahre. Bahnhofstraße 29. 25. Kaspar Herdt, Institutsgehilse i. R. 75 Jahre, Wiesecker Weg 28. 27. Rcginc Koch, Kinder- Pflegerin, 21 Jahre, Klinikstraßc 10. 28. Lina Rothamcl, geb. ©lieber, Wwe., 72 Jahre, Karl» Doglstraße 22. 29. Margarete Chmcr, geb. Prü­fer, 36 Jahre. Friedrichstraße 3. Heinrich Reh, Schriftsetzer, 53 Jahre, Schützenstraße W. 30. Karoline Dagel, geb. Kreuder, 69 Jahre, Eder- stroße 4.

Oesfentliche Dücherhalle. 3m August wurden 1286 Bände ausgelieheir. Davon kommen auf: Erzählende Literatur 879, Literatur­geschichte 1. Zeitschriften 8, Gedichte und Dramen 7, Iugcndschristcn 107, Länder- und Völkerkunde 69. Kulturgeschichte 15. Geschichte undBiographien 100. Kunstgeschichte 6. Daturwissenschaft und Tech­nologie 54. Gesundhcitslehrc 2. Religion und Philosophie 12. Staatswissenschaft 24, Sport 2 Bände.

Geschichten aus aller Welt.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)

DerMeister der Düfte".

(a) Neuyork.

In Neuyork ist in einer der belebtesten Geschäfts­straßen ein Laden eröffnet worden, der gllen Par- füm-Liebhabern die wahrsten Wunder verspricht, nennt sich doch der Inhaber auf seinem Ladenschild und in seinen Prospekten denletzten Meister der Düfte am Hofe des Sultans Abdul Hamid". Neu­gierige Journalisten haben sich von ihm seine Beglaubigungspapiere zeigen lassen, und aus ihnen geht tatsächlich hervor, daß dieser neueste Neuyorkcr Geschäftsmann am Hofe des letzten türkischen Sul­tans eine sehr interessante und bedeutsame Rolle ge­spielt hat.

Seine Pflichten bestanden nämlich in folgendem: Sobald eine neue Anwärterin für den Harem des Beherrschers aller gläubigen Moslem vorhanden war, mußte sie sich zuerst beim Meister der Düfte melden. Dieser setzte sich mit ihr eine Stunde lang in ein Privatgemach, unterhielt sich mit ihr über die möglichsten und unmöglichsten Dinge, fragte sic nach Alter, Heimat, Eltern usw. aus und prüfte während dieser Zeit insgeheim nur die eine Frage, welches Parfüm sich wohl am besten für die Eigenart dieser neuen Haremsfrau eignen werde. Vor allem mußte das Parfüm so beschaffen fein, daß es seine Trägerin auf den ersten Blick ooer vielmehr auf den ersten Geruch von allen ihren Kolleginnen unter­schied. Daß zu diesem Amt nicht nur eine besonders gute Nase, sondern auch eine umfangreiche Kenntnis aller Parfümerien und der Parfümzubereitung ge­hörte, versteht sich wohl am Rande, und da der Amerikaner, mehr aber noch die Amerikanerin für derartig sensationelle Dinge immer zu haben ist, dürfte es wohl keine schlechte Spekulation desMei­sters der Düfte" gewesen sein, als er fein Geschäft mitten im Herzen Neuyorks aufmachte.

Ein Sonntagskind.

(g) London.

3m Seebade von Bournemouth auf der Insel Wight wagte sich kürzlich der Prokurist Meredith aus London, der hier seinen vierwöchigen Urlaub verbrachte, zu weit in die See hinaus, die Kräste verließen den geübten Schwimmer, und er wäre wohl untergegangen, wenn ihn nicht im letzten Augenblick noch ein Motorboot erwischt und an Bord genommen hätte.

Am Ufer angekommen, hatte sich Mister Mere­dith schon wieder erholt, denn er besitzt eine kräf­tige Konstitution und, wie diese wahre Geschichte des weiteren erweisen wird, ein unglaubliches Glück. Im Hotel angekommen, wo er sich mit einem Whisch-Soda von dem ausgestandenen Schreck erholen wollte, wurde ihm ein Telegramm seines Chefs aus Mittelengland überreicht, das soeben angekommen war und in dem Mister Me­redith aufgefordert wurde, auf dem schnellsten Wege nach einer Stadt in dieser mittelenglischen Grafschaft zu kommen, wo sein Chef wichtige ge­schäftliche Besprechungen hatte, bei denen Mere­diths Anwesenheit unumgänglich notwendig war.

Herr Meredith mietete sich, wieder aus dem Festlande angekommen, sofort ein Automobil zum Flugplatz von Southampton. Llnterwegs stich es mit einem anderen Privatwagen zusammen 'und wurde zertrümmert. Sein Chauffeur wurde dabei schwer verletzt, ebenso die Insassen des anderen Wagens, dessen Besitzer am nächsten Tage im Krankcnhause den Verletzungen erlag. Herrn Me­redith indessen war kein Haar gekrümmt wor­den, und nach einem kurzen, durch polizeiliche Ver­höre ausgefüllten Aufenthalt konnte er seine Reise fortsetzen. Er erreichte noch das fahrplanmäßige Flugzeug in Southampton, kam wohlbehalten auf einem mittelenglischen Flugplätze an und mußte den Rest seines Weges mit einem Autobus zurück- legen.

In dem Augenblick jedoch, in dem er einsteigen wollte, wurde er von zwei freundlich grinsenden Herren in Zivil an den Armen gefaßt und ge­beten, doch ein wenig mitzukommen. Die Herren legitimierten sich als Kriminalbeamte und mach­ten kein Hehl daraus, daß sie sich ungemein freu­ten, endlich einmal den seit einem halben Jahre steckbrieflich verfolgten Defraudanten und Betrü­ger X. erwischt zu haben. Die leidenschaftlichen Proteste Mister Merediths blieben fruchtlos, er mußte mit, und erst nachdem man von der Poli­zeistation aus mehrere Telefonate ausgeführt und sich überzeugt hatte, diesmal den Falschen gegrif­fen zu haben, wurde Mr. Meredith unter tau­send Entschuldigungen aus dem Gewahrsam ent- laffcn. In diesem Augenblick erreichte die Poli» zeistativn eine Hiobspost, die Herrn Meredith er­bleichen ließ: der Autobus, an dessen Benutzung er durch die rohe Gewalt der Behörde verhindert worden war, war verunglückt: vier Tote und sieb­zehn Schwerverletzte.

Aber man soll sich über das unerhörte Glück des Herrn Meredith nicht wundern. Denn er ist, wie er einem Journalisten nachwies, an einem Sonntag geboren.

Tie unfreiwillige Schenkung.

(r) Amsterdam.

Sparsamkeit ist besonders in der gegenwärtigen ernsten Zeit eine Tugend, die immer und immer wieder gepredigt und auch in praxi angewandt wird. Sie kann aber auch unangenehme Folgen haben, wie das Beispiel des Kassierers der Bauernkreditbank in Barsingerhoorn in Nordholland lehrt. Besagter Kassierer war so sparsam, daß er nie ein Stückchen Papier wegwarf, das noch irgendwie beschrieben wer­den konnte. Vor einiger Zeit sollte der Kassierer an die Zentralbank 3000 Gulden überweisen. Als er auf

die Post kam, mußte er feftfteUen, daß er keine Zahl­karte bei sich hatte. Anstatt nun für einen einzigen Cent eine Zahlkarte zu kaufen, eilte er nach Jjaufe, füllte eine der zahlreichen in feinem Besitz, befind­lichen Zahlkarten aus und übergab das Geld der Poft zur weiteren Veranlassung. Einige Tage später erhielt der Kassierer einen Bries, aus dessen Inhalt er nicht recht schlau wurde. Darin bedankte sich näm­lich eine Vereinigung für die Unterbringung von Epileptikern, die augenblicklich Gelder für den Bau eines neuen Heims sammelt, für eine Spende von 3000 Gulden, die ihr von einem Unbekannten durch die Vermittlung der Bauernkreditbank in Barsinger­hoorn zugegangen waren. Nach einigen Tagen sprach der Kassierer gelegentlich des Markttages über diese merkwürdige Angelegenheit mit dem Vorsteher der Bank. Dieser stellte Nachforschungen an, die zu dem Ergebnis führten, daß man den geheimnisvollen Spender in der Person des Kassierers selbst zu suchen habe! Dieser hatte nämlich die 3000 Gulden nicht an die Zentralbank, sondern auf das Konto der genannten Vereinigung überwiesen. Und zwar nur deswegen, weil er aus Sparsamkeit die ihm einmal von der Vereinigung mit einem Bittbrief ^gegan­gene Zahlkarte aufbewahrt hatte und in der Eile statt einer normalen Zahlkarte benutzte. Nun klagt der Kassierer Stein und Bein, und es werden alle möglichen Versuche unternommen, die unfreiwillige Schenkung rückgängig zu machen.

Wir kaufen Heuschrecken . .

- Paris.

Es verging sonst kein Jahr, in dem nicht bit­terste Klagelieder aus Aegypten. Syrien und Dordafrika nach Europa gelangten: die Heu­schrecken hatten in riesigen Schwärmen die Felder verwüstet, die Bäume leer und kahl gefressen, die Gärten in Einöden verwandelt. Aber jetzt ist man in ganz Algier und in den anderen von Heu­schrecken geplagten Ländern von freudigem taunen erfüllt. Die Regierung hat nämlich eine telegraphische Anfrage einer bekannten Pariser Lebensmittelfirma erhalten:Wir kaufen Heu­schrecken auf! Gesalzen und getrocknet. Drahtet sofort, welches Quantum greifbar. Man denke sich: jemand will Heuschrecken kaufen. Wozu und weshalb? Was kümmert das die Dordafrikaner. Eie werden sie los und erhalten sogar noch Geld dafür. Ganz nett und sehr erfreulich, aber ist man vorher bald darin erstickt, so hat man jetzt kaum eine zur Verfügung. Die Heuschrecken sind da ge­wesen, aber wieder verschwunden, wie das in jedem Jahre geht. Die Dachfrage kam zu spät.

älnd deshalb schickte man folgendes Telegramm zurück:Leider in diesem Jahr Heuschreckenplage vorbei, daher Ware vergriffen, empfehlen uns für nächste Saison zu billigsten Preisen, in jeder Menge. Drahtet, ob lieber gesalzen oder ge­trocknet."

Man überlegt nun schon, wie man dieWare" am besten herrichtet, damit sie einwandfrei und in einer den Lieferanten zusriedenstellcmden Weise in die Hände der Firma gelangt. Wann hätte man je gehört, daß man ungeahnte Mengen Heu­schrecken kaufen will? Sollten die Pariser auf den Geschmack gebracht werden, will man eine neue Delikatesse für Europa schassen? Diemand weih es. Die Firma hüllt sich in Schweigen. Die einen vermuten, sie will eine Soße daraus machen, die anderen sprechen von Konservenheuschrecken mit pikanten Gewürzen. Die Europäer werden es schon erleben, wenn die nächste Heuschrecken­saison angebrochen ist bisher nannte man es Plage.

Tekameron der Briefmarken.

(k) Rom.

Das italienische Postministerium hat jetzt neue Briefmarken herausgebracht, die ausschließlich der Literatur und Wissenschaft gewidmet sind. Die Serie vermittelt angenehmen und anschaulichen Dachhilfeunterricht für alle, die einmal bei der Literaturstunde ..gefehlt" haben. Den Anfang macht natürlich der größte Dichter Italiens, Dante Ali­ghieri (1265/1321), dessen Hauptwerk,Die gött­liche Komödie", in fast alle lebenden Sprachen überseht ist. Dann folgt der Vater des Humanis­mus, Francesco Petrarca (1304/1374), der als Lyriker in seinemCanzoniere" das Erbe der Troubadours seelisch verfeinert und formal ver­einfacht, der Neuzeit überlieferte. In der Folge erlebt seine Driesmarkenrenaissance Torquato Tasso (1544/1595), dessen Darstellung des ersten Kreuzzuges lange Zeit hindurch das bekannteste Dichterwcrk der italienischen Literatur war. We­niger befannt dürfte der auf der nächsten Frei­marke Abgebildete sein: Giacomo Levpardi (1798'1837), seines Zeichens Graf, Dichter und Philologe. Verkünder tiefempfundenen Welt­schmerzes und heißer Vaterlandsliebe. Wohin­gegen der Dame von Giosuc Earducci (1835/1907) auch der heutigen Generatton geläufig ist: als Professor der Literatur in DolvMa sowie Ver­fasser literarhistorischer Werke erhielt er ein Jahr vor seinem Tode den Dobelpreis. Ergänzt wird die neue Driefmarkenreihc durch Signor Gio- vanni Boccaccio (1311/1375). Mag Boccaccio, ein Freund Petrarcas, auch ein großer Dichter und sogar älniversitätsprofefsor gewesen sein, war er auch ein bedeutender Humanist. Philolog und zeit­weilig sogar als Diplomat tätig, so beruht sein Ruhm doch auf seinemDccamerone, einer Sammlung von hundert einigermaßen kitzligen Do- vellen. Gott sei Dank ist nur sein Bildnis, nicht aber einzelne Szenen aus seinem auch in Deutsch­land weitverbreitetenDekameron" üertiielfältigt worden, obwohl mit solchen Szenenbildern Italien sicher den ganzen Defizitposten in seinem Etat ab­decken könnte...