Aus der provinzialhauvtlladt.
Gießen, den 2. November 1932.
„Gustav Adolf/"
Lin Spiel von der Kirche Jtol und Rettung.
Die Evangelische Gesamtgemein de Gießen veranstaltete am Montagabend eine Gustav-Adolf-Gedächtnisfeier. Die Turnhalle am Oswaldsgarten konnte die Teilnehmer kaum fassen. Piarrer Bechtolshei- mer hielt einleitend eine kurze Ansprache, in der er einen gedrängten Üeberblick über die Geschichte der evangelischen Kirche und ihren Kampf um ihre Behauptung in den stürmischen Zeitläuften Les Mittelatters, insbesonLere des Dreißigjährigen Krieges gab. Der Verein für kirchliche Musik half mit seinem Posaunenchor die Feier Verliesen.
Sm Mittelpunkt des Abends stand das Soiel „Gustav Adolf", von der Kirche Aot und Errettung, das in elf lebenden Bildern die Zeit des Dreißigjährigen Krieges veranschaulichte. Das Spiel war von Julius Schieber nach einem Roman für die Bühne bearbeitet worden und wurde durch Bad-Aauheimer Laienspieler unter ßeihing von Oskar Feigel, einem früheren Mitglied des Gießener Stadttheaters, im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten der [(einen Bühne recht geschickt aufgesührt. Im ersten Teil des Spieles sah man in fünf Bildern die mannigfache Aot der hundert Jahre irach der Resor- mation hart um ihren Glauben ringenden evangelischen Menschheit. Dargestellt war in einfachster Form die Person des unter katholischem Einfluß stehenden Kaisers, angedeutet der Ausbruch Les Driiß'g'i hr'gen Krieges, Le.- Glcuöens- kampf der Oberpfälzer gegen die Gewalt des bayerischen Kurfürsten, Lessen Statthalter von Amberg die Bürger auswies, da sie nicht katholisch werden wollten: weiter war geschildert, wie die damalige katholische Geistlichkeit mit Hilfe der Soldateska von den evangelischen Kirchen Besitz ergriff. Aus allen Bildern sprach eine Aot um Glauben und Bekenntnis, die Verständnis gewinnen ließ für jene Zeit, in der evangelisch sein Gefahr für Leib und Leben bedeutete.
Der -weite Teil des Spiels brachte Gustav Adolfs Landung auf deutschem Boden und schilderte die Hoffnungen, die in der evangelischen Gemeinschaft aufflackerte, als der Schwedenkönig in der ersten Schlacht den Feldherrn Tilly schlug. Die Prophezeiung am Vorabend der Schlacht von Augsburg, von des Schwedenkönigs baldigem Tode, die Schrecken des Krieges nach verlustreichen Schlachten, der Einzug von Hunger und Krankheit, das Drängen der Städte auf Frieden um jeden Preis und die Haltung des Schwedenkönigs als Wahrer des evangelischen Glaubens in göttlicher Sendung, die Situation um die Schlacht bei Lützen, die Botschaft vom Sieg der evangelischen Sache in dieser Schlacht und vom Tode des Königs — das alles war sehr dramatisch gestaltet, um dann das Ganze aus- klingen zu lassen in dem Bewußtsein, daß der Glaube, der evangelische Glaube lebe und weiter wirken werde.
Die zahlreichen Zuhörer folgten dem Geschehen auf der Bühne mit großer Aufmerksamkeit. Die Ausführung verdiente alles Lob. Ein gemeinsam gesungenes Lied beschloß den an Eindrücken reichen Abend.
Kaust Wohlfahrtsbriefmarken beim Wohlfahrtsamt.
Zu Gunsten der Deutschen Aothilfe werden durch die Aeichspostverwaltung auch in diesem Jahre wieder Wohlfahrtsbriefmarren herausgebracht, die, ausgegeben in der Zeit vom 1. Ao- vember 1932 bis zum 28. Februar 1933, Gültigkeit bis zum 30. Juni 1933 haben werden. Die Wohifahrtsbriesmarken, wie auch die gleichzeitig herausgegebenen Hindenburg-Wohlfahrtspostkar- ten, sind auch beim Städtischen Wohlfahrtsamt, Gartenstraße 2, Erdgeschoß, Zimmer 9, erhältlich.
Der vom Evangelischen Arbeiterverein in Gießen veranstaltete Soziale Kursus hatte sehr starken Besuch auszuweisen. Der Samstag war ganz der Evangelischen Arbeitervereinsbewegung gewidmet.
Derbanhsseklelür Läufer (Darmstadt) hielt den ersten Vortrag über:
„Wesen, Verpflichtung und Gestaltung der EAV.Arbeil".
Der Redner gab zunächst ein Bild der gegenwärtigen Lage unseres Volkes. Der Kampf in Politik, Wirtschaft, Kultur sei Geisteskampf. Weltanschauungen rängen miteinander um die Geltung und den Einfluß. In Weltanschauungsfragen dürfe es keine Aeutralität geben, sondern nur ein klares, scharfes Herausarbetten des Eigenen, der besonderen Aufgabe der EAB.-Tewegung. Sie sei kirchliche Bewegung und Arbeiterbewegung zugleich. Auf beiden Gebieten sei entscheidende Arbeit notwendig, kein Gebiet dürfe verkürzt werden, weil sonst der Bewegung die rechte Lebenskraft und die rechte Verbindung mit der Wirklichkeit fehle. Die Arbeit müsse getragen sein von der fest gefügten EAV.-Tewegung. Bewegung ser Schauen auf die Gesamtheit, und Wille zur Gesamtheit ist gegenseitiger Dienst und gemein- samer Einsatz der Kräfte. Der Redner gab bann eine eingehende Darstellung der Arbeit der EAV. nach^r^er grundsätzlichen Seite, in Versammlung, bei Festlichkeiten u ) insbesondere der notwendigen wchulungs- und Dildungsarbeit, und schloß mit einem Appell, die Lauen und Gleichgültigen auszurutteln zur Mitarbeit an der großen Sache.
Am Sonntagvormittag war zunächst cemein- samer Kirchgang in die Stadtkirche. Sm Anschluß baran b eft Pfarrer Lic. Waas den zweiten Vortrag über:
„Das Jreibenterfum".
Freidenkertum und Christentum ständen in offenem Kamp;. Die Christen und die Kirche dürften diesen Kampf nicht leicht nehmen und sich ihm nicht entzichen. Die Organisation des Freidenker- tums zergliedere sich in drei Gruppen, und zwar m den bürgerlichen, den sozialistischen und den kommunistischen Zweig, den Monistenbund. Diese Freidenkerorganisationen seien zwar verschieden einig aber in ihrem Kampf gegen Christentum und Kirche. Einig seien sie sich auch in ihrer ablehnenden GrunLeinstellung gegenüber dem CH isten- tum. Don da aus führe das Freidenkertum seinen Kampf, den man im ganzen öffentlichen Leben «erke. Dieser Kampf werde geistig und materiell
Der Kauf der Wohlfahrtsbriefmarken Bei dem borgen Wohlfahrtsamt empfiehlt sich bcsonders deshalb, weil der dafür verwandte Betrag zu SO v. H. der Gießener Winternoth.lse verbleibt, also den Bedürftigen unserer Stadt zugute kommt. Es gelangen 4-Pf.-Marken zum Preise von 6 Pf., 6-Pf-Marken zu 10, 12-gl f. Marken zu 15, 2 -Pf.- Marken zu 35 und 40-Pf.-Marlen zum Verkaufspreise von 80 Pfennig zur Ausgabe. Die Hindenburg- Wohlsahrtspostkarte mit eingedruckter 6°Pf.°Marke kostet 10 Pfennig. Auf die gestrige Bekanntmachung sei besonders aufmerksam gemacht.
Spenden des Textilwarenhandels für die Winter-Rothilfe.
Von der Geschäftsstelle der Gießener Winter- nothilse wird uns mitgeleilt:
Die Gießener Textilwarenhändler- Vereinigung hat sich in dan.enswerler Waise bereit erklärt, auch in diesem Jahr die Gießener Winlernothilfe durch Spenden von Klei- dungs- und Wäschestücken zu unterstützen. Die einzelnen Fir-Iwn werden ihre Spenden dem Hilfswert jeweils monatsweise zur Verfügung stellen.
Daten für Mittwoch, 2. November.
1766: der österreichische Feldmarschall Franz Kurt Graf Radeczky in Trzebnitz geboren; — 1918: Waffenstillstand zwischen Oesterreich-Ungarn und der Entente.
Bornotv-en.
— Aus dem Stadtt^eaterbüro wird uns geschrieben: 20 Uhr 5. Vorstellung im Mitt- woch-Abonnccnent, Erstaufführung der Komödie „Sechs Personen suchen einen Autor", ein Stück, das gemacht werden soll; das erste Werk des Italieners Luigi Pira ndello, das an ^unserem Theater zur Aufführung gelangt. Spielleitung Obenspielleiter Peter Fassott. MitwirreiBbe: Damen: Beling, Berger, Koch, Karden, Walbher- Lederer, Wielander, Schubert-Äüngling; Herren: Druck, Dielen, Fassott, Foerderer, Hamel, Heck, Hub, Eggemann, Wahlen. Ende 22 Uhr. Gewöhnliche Preise.
** Zug Verlegung der Biebertalbahn. Den Bemühungen der Intendanz des Stadttheaters Gießen ist es — wie man uns schreibt — gelungen, folgende wichtige Zugoerlegung zu erreichen. Der Zug der Biebertalbahn, der Sonntags 22.15 Uhr Gießen verläßt, wird ab Sonntag, 6. November, dreioiertel Stunde spä- t e r fahren. Durch diese Zugwrlegung soll verhindert werden, daß die auf die Kleinbahn angewiesenen Theatherbe-sucher vor Schluß der Vorstellung das Theater vorzeitig verlassen müssen, um den Zuganschluß zu erreichen. Die Intendanz gibt der Hoffnung Ausdruck, daß dieses Entgegenkommen der Allgemeinen Deutschen Eisenbahn-Betriebs-Gesellschaft von den Theaterfreunden aus dem Biebertal recht ausgenutzt wird.
** Diederm eier spiele des Vereins für das Deutschtum im Ausland. Die Frauengruppe Gießen des Vereins für das Deutschtum im Ausland wiederholte am Samstag im Katholischen uZereinshaus die schon einmal mit großem Erfolg aufgeführten Biedermeierspiele „Großmutters Bratäpfel" und „Der Herr Doktor". Der Reinertrag aus dieser Veranstaltung war für die Frauen-WinterHilfe bestimmt. Die Darbietungen fanden reichen Beifall. Besonders machten sich die Damen Sälzer und Lenz mit ihren sympathischen und wohlgebildeten Stimmen um den gesanglichen Teil des Abends verdient. Das Schülerorchester der Oberrealschule unter Leitung des Studienrats Hillenbrandt brachte gute Musileinlagen zu Gehör. Tanz beschloß Len unterchalt^rnen Arend.
** Verein fürArrnen- und Krankenpflege in Gießen. Lern Jahresbericht des Allgemeinen Vereins für Armen- und Krankenpflege für das Fahr 1931 entnehmen wir, daß die Kosten des Aeubaues der Krippe, die im April 1931 eingeweiht wurde, rund 130 000 Mk. ein»
gestützt von der Sowjetunion, die eben erst einen Fünfjahresplan ausgestellt habe, der zum Ziel hat, bis zum Fahre 1937 in Rußland den letzten Rest von religiösem und kirchlichem Sinn ausgerottet zu haben. Gegen diesen Geist der Verneinung und Vernichtung gelte es den Kampf au'zuneh.nen. Zunächst von innen heraus dadurch, daß man in der eigenen Weltanschauung «ne ganz klare und feste Stellung gewinne und daß man sich zurüste für diesen Weltanschauungskampf mit den Gegnern. »Hinein in die Dibell" und „Hinein in die Kirche!" das müsse die Antwort auf die gegnerischen Anfeindungen sein. Das Wort allein genüge jedoch dabei nicht, wichtiger sei die Tat, das vorbildliche und mutige Bekenntnis zu Christentum und Kirche in allen Lebenslagen.
Den letzten Vortrag hielt Geschäftsführer Schroder vom DHV, über:
„Stand und Zukunft dec deutschen Sozialpolitik".
Rach einem geschichtlichen Rückblick über die Entwickelung der deutschen Sozialpolitik nahm der Redner Stellung zu den mannigfach en An eindun- gen, mit Lenen gegen die deutsche Sozialpolitik angekämpft wird. lieber einzelne Fragen der Tlm- gestaltung der deutschen Sozialpolitik ließe sich reden, grundsätzlich aber müße die deutsche Sozialpolitik besaht uird gegenüber allen Angris en verteidigt werden. Gerade jetzt in dieser Rotzeit sei ohne Sozialpolitik und ohne Mitverantwortung der Beteiligten bei der Aufbringung der Mittel und bei der Verwaltung der Sozialpolitik nicht auszukommen. Las gelle für die Sozialversicherung, für das Arbeitsrecht und den Arbeiterschutz. Der Redner besprach dann die Rotverordnungen vom 14. Surti und vom 5. September d. S. und ihre Auswirkungen auf die Renten- und die Gehaltsempfänger, und forderte, daß die unsozialen Bestimmungen der beiden Rotverordnungen baldigst beseitigt werden.
An alle Vorträge schlossen sich sehr rege Aussprachen an, in denen sich das starke Interesse bekundete, das alle Teilnehmer diesen Fragen entgegenbrachten. Verbandssekretär Lauser sprach dann noch das Schlußwort, in dem er die Teilnehmer Les Kursus au,forderte, weiterguar- beiten, Las Gehörte hinauszutragen und dahin zu wirken, daß die Lauen und die Gleichgültigen auf» gerüttelt werden.
Der nächste Kursus soll im Januar 1933 tn Butzbach stattfinden. Mit Dankesworten an die Referenten und Teilnehmer schloß der Vorsitzende des hiesigen Vereins, Herr Kirchner, die Freizeit-Tagung.
schließlich der Maschinen im Kellergeschoß betragen. Zn der Kript» wurden im letzten Jahre 40 Kinder in 4234 Lagen verpflegt. In der 2o- h armes- und Luther gemeinde arbeiteten eine Schwester und eine Helferin, die in 233 Familien Pflege geleistet haben, und zwar mit 9162 De suchen, 49 Rachtwachen, eine Tagespflege, 106 Interessen besuchen und acht Besuchen bei einem Pflegekind. 3n der Krankenstation im Schwesternhaus wurden verpflegt 995 Kranke mit 12157 Derpflegungstagen und 335 Rachtwachen. Sm Hospiz wurde an 37 Personen mit 168 Tagen pflege geleistet. Zuflucht und Obdach wiesen 602 Personen mit 5720 Pflegetagen auf; die Tätig- keck der Schwestern erstreckt sich auf 47 Dienstreisen, 1256 Intercssenbesuche, 96 Kliniksbesuche, 22 Eefängnisbesuche und 156 nachgehende Fürsorge. Der Verein, der in diesem Fahre auf sein 50jähiiges Bestehen zurückblicken kann, hat ein segensreiches Wirten entfaltet und sollte aus allen Devölkerungskreisen tatkräftig unterstützt werden.
Versammlung
der Hessischen Anwattskammer.
WER. Mainz, l.Rov. 3m neuen Justiz- Palast fand unter dem Vorsitz von 3ustizrat Dr. Bender, Darmstadt, die 53. Versammlung der Hessischen Anwaltslammer statt. Aus dem Geschäftsbericht geht hervor, daß im vergangenen 3ahr 34 Rechtsanwälte neu zugelassen wurden; die Mitgliederziffer der Anwaltskammer st.eg auf 322 Anwälte. Von den Städten der drei Provinzen ist Mainz mit 70, Darmstadt mit 65 und Gießen m i h 28 Rechtsanwälten vertreten. Weiter wurde in dem Geschäftsbericht betont, daß der Referentenentwurf zur Aenderung der Reichszivilprozeßordnung in wichtigen Punkten die Bewegungsfreiheit und Schmiegsamkeit des Verfahrens und damit die Sn'ter- essenderRechtsuchendenbedrohe, des-
Berliner Wohnhaus — Jahrgang 1760.
Tief in Berlin, 'dort, wo die Anatomen bei einem menschlichen Körper den Platz des Herzens anneh- men würden, steht an der Spree, solide, rot und hausbacken das Märkische Museum, ein Werk des Architekten Ludwig Hoffmann, der vor nicht langer Zeit feinen achtzigsten Geburtstag feierte. Es steht da, um uns von einer Kultur zu erzählen, die leider zum größten Teil vergangen ist und heute nur noch an einzelnen Sammeistellcn lebendig blieb: der Kultur der alten Mark Brandenburg und natürlich auch des alten Berlin. Dieses Museum hat jetzt, wenn auch außerhalb seiner Pforten, Zuwachs bekommen. Sein Direktor Dr. S t e n- gel hat sich eines alten Bürgerhauses in der traditionellen Breitestraße angenommen, er hat es von dcm profanen Zweck, ein Wohnhaus zu sein, gereinigt und es mit leichter Hand etwas ummodeln lassen. Nun steht es da, als kleine Filiale bes Museums und spräche Bande, wenn es sprechen könnte.
Dies ist der Werdegang des Hauses: Anno 1712 kaufte der Beauftragte des Königs von Preußen, Kommissarius Rosenfeld, das Grundstück aus dem Nachlaß eines Ratskämmerers der Stadt Berlin für die Summe von 6752 Talern. Auf diesem Grundstück wurde dann später durch ihn und den Hofrat Simon ein Haus errichtet, das allerdings nur ein halbes Jahrhundert leben sollte. Während 'des Siebenjährigen Krieges, im Jahre 1760, wurde dieses Haus aus dem Wege geräumt, um einem zierlichen, aber handfesten Bau im Rokokostil Platz zu machen. Der Zeit entsprechend — man hatte doch einen Krieg! — zog gleich der königlich preußische Armeelieferant Peter Friedrich Damm ein, ein Vorläufer unserer späteren Kriegsgewinnler, aber ein Kriegsgewinnler mit weißer Perücke. Seine Geschäfte gingen auf die Dauer schlecht, es kam und kam kein weiterer Krieg, ferne Familie zog es vor, auszusterben, und -der freie Bau wurde einer zeitgemäßeren Industrie eingeräumt: Herrn Johann Heinrich Neumann, dem Repräsentanten einer gutgehenden Tabakmanufaktur. 1804 machte er sich hier seßhaft, und es begab sich, daß der blaue Rauch guter Zigarren von Stund an aus diesen heiligen Hallen nicht mehr weichen sollte. Denn gerade zwanz g Jahre später etablierte sich im Erdgeschoß die Firma Grmeler, auch heutigen Berlinern nicht unbekannt, als solides Unternehmen der gleichen Branche. Das Geschäft ging gut, feine Angehörigen blühten auf und vertrieben nach und nach Herrn Neumann aus seinen sämtlichen Räumen. Bis 1914 residierten die Sprossen Ermelers in diesem Gebäude, als Muster einer gutpreußischen Bürgerfamilie, die Geschäft und Kultur hoch hielt. Erst im Kriegsjahr kaufte die Stadt Berlin das Haus wieder an — und es zeigte sich, saß der Preis des Grundstückes im Lauf von 202 Jahren von 6752 Talern auf 1 Million Vorkriegsmark heraufgeschnellt war.
Heute ist der Wert des Ermeler-Hauses kaum noch in Ziffern auszudrücken. Es ist ein einmaliges Dokument altpreußischer bürgert ul-- tu r, Berliner Geselligkeit, es erzählt von'den Vorläufern späterer Berliner Kulturkreise, wie die west- i'cho „liergartenfultur" eine war, die mittlerweile auch eines nicht gerade sanften Todes gestorben ist. Allem ^die Fresken, die der friderizianische Maler E. F. F e ch h e l m , der auch für die Deckengemälde des alten Opernhauses verantwortlich zeichnete, höchst eigenhändig, außerdem sehr antik und heroisch dort hingepinselt hatte, sind einfach unschätzbar. Die mai,ioe Holztäfelung, die alten Gobelins, das de zaubernde Porzellan, — es sind Dinge von einer Erlesenheit, wie sie wohl kaum noch in Berlin sonst auftauchen. Sehr verdienstvoll ist es, daß man dem allen Gebäude den Charakter eines Wohnhauses belassen hat, ohne es mit Museumsgegenständen oollzustopfen. Bloß ein Stockwerk ist der Revue des bürgerlichen Wohnungsgeschmackes Vorbehalten: dort reiht sich Zimmer an Zimmer und alle Richtungen vom Rokoko zum Jugendstil, vom Biedermeier-Hocker bis zum ersten Berliner Telephon schauen uns, leicht verglast, an. Wer es gern fyat, über den Brocken alter Kulturen zu träumen, der wird in diesem kleinen Häuschen vielleicht das finden, was er — pathetisch, wie so jemand ist — als seine,Heimat" bezeichnen kann...
berliner, trinkt berliner Wein!
Um Mißverständnissen vorzubeugen: wir sprechen nicht vom Obstwein der Vorstadt Werder an der Havel, der einen nach wenigen Gläsern so fteund-
gleichen quch die Möglichkeit einer Pflichtmäßigen Wahrung der Interessen der Rcchtsuchenden durch die Anwälte. Dieser Gefahr werde nur dadurch zu begegnen sein, daß die deutsche Anwaltschaft im Geiste höchster Pslichttreue und Gewissenhaftigkeit die Behandlung der einzelnen Sachen in Angriff nehme, um hierdurch eine rechtzeitige, erschöpfende und rechtliche Bearbeitung zu sichern.
Srieffüfien öer Heöaffton.
lRechtsgutachten sind ohne Derbindlichkeit der Schriftleitung.)
Frau Margret G., Gießen. Das Richard- Wagner-Dentmal in Berlin ist gustandegekommen durch Zusammenwirlen von Freunden des Meisters in allen Teilen der Welt, wo Deutsche wohnen. Auch Kaiser Wilhelm II. hat damals seine besondere Anteilnahme gezeigt, hat er doch dem preisgekrönten Entwurf Cberleins eine Hauptfigur „Wolfram von Cschenbach" neu hinzu- gefügt und die Zeichnung dazu eigenhändig entworfen. Die Figur ist so aufzufassen, daß der Genius der Ration dem großen Meister seine Huldigung darbringt. Dem Komitee zur Errich. hing dieses Denkmals gehörten damals als Vorstand an: Kommerzienrat Leichner, Generalleutnant Freiherr von Dincklage-Campe und Professor Dr. Fleischer.
Kirchliche Nachrichten.
Evangelische Gemeinden.
Donnerstag, den 3 November.
Kirchberg. 20.30 Uhr: Daubringen; Bibelstunde. Katholische Gemeinden.
Donnerstag, den 3. November.
Gießen. 5.30 Uhr: Beichte.
Freitag, den 4. November.
Gießen. 6.30 Uhr: Segensamt. — Lich. 7.15: Segensmesse.
lich, harmonisch, friedlich und manchmal ein wenig geräuschvoll macht. Ebensowenig sprechen mir von den Berliner P s e u d o - W i n z e r f e st e n , wo die Mädchen aus Rixdorf und Pankow, als Rhein- läniberinnen verkleidet, mit falschem echtem Dialekt uns einen Wein — wie sagt man doch? — „kredenzen", der aus genau der entgegengesetzten Ecke Deutschlands herkommt. Sondern — Sie werden es nicht glauben — wir sprechen von einem Wein, der in Berlin -se l b st wächst, an den Hängen der Stadtbahn, von den symboliichen Fittichen der Reichsbahn sanft überschattet. Und da uoerschalteter Wein meistens ein wenig säuerlich ist, so können wir, ohne allzu boshaft zu fein, dies auch von dem neuesten Heimatprodukt der Stadt Berlin an- nehmen.
Wußten Sie übrigens, daß Berlin in früheren Tagen Weinbau in großem Maßstab betrieben hat? Alte Herren, die es damals versäumt hatten, sich an diesem Erzeugnis zu Tode zu trinken, können uns heute noch erzählen, wie der widerspenstige Sandboden der Mark Brandenburg unter dem Ehrgeiz der Stadtväter dazu getrieben wurde, außer den obligaten Kartoffeln auch Reben zu produzieren. Und wenn man in Berlin spazieren geht, bann findet man allenthalben auch noch Straßennamen, die darauf Hinweisen: Weinbergsweg, Weinbergsstraße, Weinstraße. Ja — Berlin war vor Jahren einmal so etwas wie ein „fröhlicher Weinber g".
Und jetzt? Jetzt bereitet sich das inzwischen wesentlich veränderte Berlin vor, wieder einen Traubensaft hervorzubringen, den man nach rheinischem Muster im Jahre 1932 vielleicht „Kriesling" nennen könnte. Wie wir hören, sind soeben bereits einige Zentner Trauben gereift. Und wenn neugierige Menschen sich an den PlaH begeben wollten, wo dieses Naturschauspiel in Szene geht, dann käme bestimmt ein berlinischer Winzer an, um sie aufzufordern, den Trauben aus der Sonne zu gehen. Denn wir schreiben Ende Oktober, und der Wein soll doch in diesem Jahr noch reif werden.
Hier können Pferde tanken!
Dicht an den großen Güterbahnhöfen Berlins sind überall kleine Hotels zu finden — Hotels etwas sonderbarer Art. Denn auf den Güterbahnhöfen kommen bekanntlich nicht nur Güter an, sondern auch lebendige Wesen: Pferde, Kühe, Ochsen, Rinder, Schweine. Und die müssen doch mit ihrer Reisetasche in einem nahen Gasthof absteigen können? Sie müssen sich doch von den Strapazen aus- ruhen? Sie müssen doch ein Bündel Heu und zwei Schluck Wasser zu sich nehmen könnens
Seit langem sorgt der Berliner Tierschutzverein schon für solche Unterkünfte. Er ist eine Art Bahnhofsmission für Gäule und (B r o ß o j e h. Besonders im Frühjahr, wenn Pferde aus Trakehnen, Rinder aus Westpreußen, Schweine aus Niederschlesien in Berlin einrollen, um nach Westdeutschland und Westeuropa verfrachtet zu werden, herrscht hier der regste Verkehr. Aber auch im Herbst stehen die „Hotelzimmer" durchaus nicht leer.
Vermutlich aus diesem Grund und weiter aus Dankbarkeit hat jemand, der sich, wie wir sehen werden, selbst als „Ochse" unterschrieb, die Vorzüge dieser Hotels anerkannt. An der Wand einer der Stallungen steht nämlich, mit Bleistift hingekritzelt, folgendes Gedicht:
„Es find gar viel zu Gaste, von mancherlei Fasson.
Wer auch nur kurz zu Raste, der lebte stets hier bon.
Man wird gespeist summarisch und trinkt aus einem Trog, man lebt nur vegetarisch bis man von bannen zog. Man lebt hier ganz vorzüglich bei Reisen über Land, das hat daher selbst klüglich ein Ochse anerkannt."
Man weiß, daß die Berliner erstens tierfreundlich, und zweitens trinkfreudig sind. Kein Wunder also, daß man auch jedem Gaul seine Tränke zubilligt. Da gibt es z. B. im Norden Berlins eine Kneipe, die heißt mehr poetisch: „Zur schatti- gen Weide". Ringsum sind nur graue Häuser, Don Schatten ist wenig zu sehen, geschweige denn von Weide. Aber — nicht minder poetisch — es steht an der Tür: „Pferdetränke! Ein Korn — 15 Pfennig. Ein Viertelliter Bier 18 Pfennig. Ein halbes Liter 30 Pfennig." Sagt, was müssen bas für Pferde sein?
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Alter Toback und neuer Wein
Unpolitischer Brief aus der Reichshaupistadt.


