Ur. 179 SrühauSsave
182. Jahrgang
Dienstag, 2. August 1952
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GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Chefredakteur:
Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Or.H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein und für den Anzeigenteil Max Filter, sämtlich in Gießen.
Nach der Reichsiagswahl.
Das berichtigte Endergebnis.
Unter Berücksichtigung der Wahlabkommen
Berlin; 1. Aug. (TU.) Amtlich. Der Reichs- wahlleiter gibt folgendes berichtigtes vorläufiges Endergebnis der Reichstags-
wähl bekannt:
Gültige Stimmen:
36 862 434
607
Mandate
SPD.
7 953 986
133
0
RSDAP.
13 772 748
230
H
6PD. (unb SAP.)
5 365 666
89
H
Zentrum
4 587 477
75
M
DRVP.
2 184 971
37
Pf
DVP.
435 547
7
PP
Mirtschaftparlci
146 107
1
■■
Staatspartei
373 560
4
Bayr. Volkspartei
1 202 617
22
fp
Deutsches Landvolk
91 287
1
• e
Ghristl.-So;. volksbicnsk
364 986
4
Volksrechtpartei
40 927
0
ff
Deutsche Bauernpartei
137 090
2
M
Dauern- und IDeingärfner-
bunb (Landbund)
96 868
2 H
D-hannov.Partei
46 873
0 „
Rationale Minderheiten
34 969
0
Bei der Verrechnung der Sihzahlen ist hierbei von den Mahlabkommen ousgegangen worden, die zwischen einzelnen Parteien hinsichtlich der Verrechnung ihrer Re st stimmen getroffen worden find.
Die Reichstagswahl auf Preußen umgerechnet.
Berlin, 1. Aug. (TU.) Eine Umrechnung der Ergebnisse der Reichstagswahlen auf die Ziffern der letzten Landtagswahlen in Preußen ergibt fol
gendes Bild:
Parteien keine Berücksichtigung gefunden.
Parteien
Reichstagswahl 31.7.32
Canbtags» wähl 24.4.32
+ bzw.— v. H.
SPD.
4 705 538
4 675 173
+ 0,7
NSDAP.
8 381 200
8 007 384
+ 4,5
KPD.
3 548 962
2 819 763
+ 20,6
Zentrum
3 507 522
3 371 932
+ 3,9
DNBP.
1 580 980
1 524 230
+ 3,6
DVP.
232 241
330 745
— 29,9
Staatspartei
169 420
332 490
— 49,0
Bei dieser
Auszählung
haben alle
kleinen
Wann tritt der neue Reichstag zusammen?
Kein Platz im Wallotbau.
'Berlin, 1. Aug. (VDZ.) Der neue Reichstag muß nach der CBerfaffung spätestens am 30. Tage nach der Wahl, also a m3». August zuseiner ersten Sitzung »ufammentreten. Eine Entscheidung darüber, wann der Reichstag ein* berufen wird, ist noch nicht getroffen und wird auch er st nach der Feststellung des amt* liche nWahlergebnisses durch den Reichswahlausschuh getroffen werden. Man nimmt an, bah das erst nach dem Burgfrieden, also nach de m 1 0. A u g u st , der Fall sein wird. Den Termin der ersten Sitzung des neuen Reichstags bestimmt die Regierung, während die Einberufung durch den Präsidenten des alten Reichstages, Lobe, der bis zum Zusammentritt noch die Reichstagsgeschäfte fuhrt, erfolgt.
In politischen Kreisen glaubt man, daß ine Regierung den Reichstag zum letztmöglichen Termin einberufen wird, also voraussichtlich zum 2 9. oder 30. August. Eine wesentlich frühere Einberufung ist wegen der Fristen, die für die Feststellung des endgültigen Wahlergebnisses und die Annahmeerklärungen der gewählten Abgeordneten gesetzt sind, auch nicht möglich. Die Zunahme der Abgeordneten um 25 bis 30 stellt die Reichstagsverwaltung vor neue Plahschwierigkeiten. Schon vor dem Zusammentritt des letzten Reichstages muhte der Sitzungssaal vollkommen umgeba u t werden, um Platz für die vielen neuen Abgeordneten zu schaffen. Wie man für die neuen Abgeordneten in dem schon jetzt zum äußersten ausgenutzten Raum Platz schaffen wird, ist noch nicht entschieden.
Wer kommt von den kleinen Parteien in den Reichstag?
«Berlin, 1. Aug. (ERB.) Die schwierige Berechnung Der in den verbundenen Listen enthaltenen Mandate ist nunmehr im wesentlichen beendet. Vorbehaltlich der weiteren Verständigung der verbundenen Parteien ergeben sich folgende Mandatsinhaber der kleinen Mittelparteien:
Auf der württemdergischen Liste des Bauern- und Weingärtnerbundes ist das bisherige Mitglied des Reichstags Heinrich Haag, Heilbronn, und auf der Reichsliste der Gutsbesitzer Franz Freiherr v. Schenk aus Rißtissen gewählt.
Der Bayerische Bauern- und Mittelst andsbund entsendet für Oberbayern-Schwaben den Minister a. D. Anton Fehr und für Niederbayern den Gast- und Landwirt Leonhard Ehetz alt aus Urspringen in den Reichstag.
Die vier Abgeordneten des E h r i st l i ch - S o - zialenVolksdienstes sind für Westfalen-Sud Pfarrer Lic. Albert Schmidt, Bochum, für Würt
temberg der Schriftleiter Wilhelm Simpfen- b ö r f c r aus Korntal bzw. Rechnungsrat Paul Bausch, ebenfalls aus Korntal und auf der Reichsliste Wilhelm Simpfendörfer bzw. Franz Behrens, Berlin.
Für die Deutsche Staatspartei ziehen in den Reichstag ein Dr. Gustav Stolper, Herausgeber des „Deutschen Volkswirts", Berlin, für Württemberg Dr. Theodor H e u ß und auf der Reichsliste der frühere Reichsfinanzminister Dietrich, Berlin, und Generalsekretär Ernst L e m - m e r, Berlin.
Von den sieden gewählten Abaeordneten der Deutschen Volkspartei entfallt einer auf
den Wahlkreis Dresden-Bautzen, nämlich Dr. Rudolf Schneider, kaufmännischer Direktor in Dresden, und sechs auf die Reichsliste. Es sind «dies Rechtsanwalt Eduard Dingeldey, Berlin; Dr. Otto Hugo, Geschäftsführer der Handelskammer zu Bochum; Geheimer Justizrat Dr. Albert Zapf aus Zweibrücken, Bankier D r. v. Staust; Postdirektor Albrecht Morath und Dr. Elsa Matz, Oberstudiendirektorin, sämtlich in Berlin.
Für das Deutsche Landvolk gelangt auf der Reichsliste der Deutschnationalen der Landwirt Wolsung v. Hauenschild aus Tscheidt, Kreis Kosel, in den Reichstag.
Parteiführer zum Wahlergebnis.
Aufrufe Adolf Hitlers.
Adolf Hitler hat an die Parteigenossen und -genossinnen den folgenden Aufruf erlassen:
„Ein großer Sieg ist errungen. Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei ist nunmehr zur weitaus stärksten Partei des Deutschen Reichstages emporgestiegen. Diese in der Geschichte unseres Volkes einzig dastehende Entwicklung ist das Ergebnis einer ungeheueren Arbeit, einer immer gleichbleibenden Beharrlichkeit. Es kann angesichts dieses größten Erfolges unserer Bewegung für niemanden einen Dank geben, sondern für uns alle nur d i e Pflicht, den Kampf nunmehr miterneuterund erhöhter Kraft aufzunehmen und fortzuführen."
Ferner richtete Adolf Hitler an die SA. und SS.-Männer, an die Mitglieder des NS. KK. und an die Jugend den folgenden Aufruf:'
„Ein unerhörter Sieg ist erkämpft worden. Viele Kameraden haben ihn durch schwerste Opfer ermöglicht. Die Toten sind für uns eine heilige Verpflichtung, nunmehrerstrechtden Kampf für Deutschlands Freiheit weiterzuführe n."
Oer Führer der ORDp:
Hugenberg hat an die Mitglieder der DRDP. folgenden Aufruf erlassen: „Wieder liegt ein Abschnitt unseres nun schon viele Jahre währenden Kampfes hinter uns. Die Reichstagswahl hat für die Deutschnationalen gegenüber den letzten Wahlen einen Gewinn gebracht. 3n der Mehrzahl der Wahlkreise ist auch ein erfreulicher Fortschritt gegenüber der Reichstagswahl von 1930 zu verzeichnen, der sich
aber wegen der Verluste in einigen östlichen Wahlkreisen nicht auf das Gesamtergebnis a u s w i r k e n konnte.
Die DRDP. hat allen Stürmen zum Trotz erneut ihre Lebenskraft bewiesen. Allen denen, die sich überzeugungstreu und opferfreudig für unsere deutschnationale Bewegung eingesetzt haben, spreche ich Anerken nung undherz- lichen Dank aus, insbesondere auch der in unseren Kampfbündcn organisierten Jugend. Sie alle haben dazu beigetragen, dah die Fahne der DRVP. in Ehren aus diesem Kamps hervorgegangen ist.
Oer Zentrumsführer Zoos:
Der gsschäftsführende Vorsitzende der Deutschen Zentrumspartei, Joos, veröffentlicht in der „Kölnischen Volkszeitung" folgenden Ausruf: „Mit großer Genugtuung und berechtigtem Stolz blicken wir auf die Wahlerfolge des 31. Juli. Dank einer in der Geschichte der Deutschen Zentrumspartei beispiellosen Hingabe und Werbearbeit ist es gelungen, nicht nur den Ansturm gegen uns abzuschlagen, sondern darüber hinaus starke Fortschritte zu erzielen. Die Mehrung unserer politisch-parlamentarischen Kraft ermöglicht uns, auch im neuen Reichstag auf eine Politik hinzuwirken, die unser Volk aas der Verwirrung heraussiihrt, dem Lande wieder Ordnung und Ruhe verschafft und auf der Grundlage der Verfassung eine gesunde wirtschaftliche, soziale und nationale Entwicklung gewährleisten soll. Allen Kämpfern, Mitarbeitern und Freunden zu danken, ist Herzenssache."
Gewinne und Verluste des Ää.Luli
Berlin, 1. Aug. (ERB.) Bei einer W ahl- Beteiligung von insgesamt rund 83,5 Prozent gegenüber 82 Prozent bei der vorigen Reichstagswahl und einem Zuwachs von etwa 1 900 000 Stimmberechtigten war mit einer Erhöhung der Abgeordnetenzahl um ungefähr 30 Mandate zu rechnen. Die bisher als gewählt festgestellte Zahl von 607 Abgeordneten entspricht der Erwartung. Der weit* aus stärksten Partei, den Rationalsozialisten, fallen davon 230 Mandate zu. Aber auch mit den 37 Deutschnationalen, dem Abgeordneten des Landbundes, den bc.öen Abgeordneten des Dauern- und Weingärtnerbundes, den sieben Volksparteilern, den zwei Wirtschaftsparteilern, den vier Christlich-Sozialen und den beiden Dauernbündlern verfügen sie immer erst über 285 Abgeordnete, also nicht über die absolute Mehrheit. Eine parlamentarische Mehrheitsbildung bleibt, wie in Preußen, so auch im Reich nur mit Hilfe des Zentrums möglich.
Die Nationalsozialisten haben 37,3 Prozent aller gültigen Stimmen auf sich vereinigt und damit ihren bisherigen Höch st st and beim zweiten Wahlgang der Reichspräsidentenwahl von 36,8 Prozent um etwa 300 000 Stimmen verbessert. Verglichen mit der Reichstagswahl 1930 haben die Nationalsozialisten ihre Stimmen mehr als verdoppelt. Einen beträchtlichen Stimmenzuwachs haben auch die Kommunisten zu verzeichnen, und zwar um 300 000 gegenüber bem ersten Wahlgang ber Reichspräsidentenwahl unb um 600 000 gegenüber ber vorigen Reichstagswahl. Die Sozialdemokraten haben den Besitzstand aus der preußischen Landtagswabl behauptet. Beachtenswert erscheint der Stimmen- unb Mandatsgewinn bes Zen - trums (575 000 bzw. 8 Mandate). Gut behauptet hat sich die Bayerische V o l k s p a r t e i. Die Deutschnationale Volkspartei hat von den übrigen Parteien am besten abgeschnitten. Eine katastrophale Nieberlage haben alle anderen bürgerlichen Parteien, namentlich die Wirt- fchaftspartei unb das Deutsche Landvolk, erlitten. Die Deutsch-Hannoversche Partei ist zum ersten Male seit ihrem Bestehen tm Reichstag nicht mehr vertreten
Die Rationalsozralisten haben t n Schleswig-Holstein mit 54,9 Prozent aller gültigen Stimmen die absoluteMehrheit überschritten. Der absoluten Mehrheit nahe- gekommen sind sie in Osthannover (49,5 Proz.), Frankfurt a. d. O. (48,2 Proz.), Liegmtz (48,0 Pro*
zent, und Pommern (47,9 Proz.), während sie in Gebieten des Zentrums und der Bayerischen Dolkspartei die geringsten Stimmanteile erzielten, z. D. in Köln-Aachen 20,2 Pro§., in Oppeln 25,6 Prozent, und Riederbayern 20,4 Prozent.
Der Stimmenzuwachs des Zentrums ist besonders auffallend in einzelnen überwiegend protestantischen Landesteilen, so vor allem in Dresden - Bautzen, Leipzig, Chemnitz - Zwickau, Hamburg und Mecklenburg. Die Sozialdemokraten haben gegenüber der letzten Reichstagswahl absolut und anteilmäßig nur in den Wahlkreisen Potsdam II, Merseburg und Köln*Aachen zugenommen. Die Kommunisten haben mit drei Ausnahmen (Breslau, Merseburg und Hamburg) allenthalben Fortschritte gemacht.
Neue preffestimmen.
Der „Völkische Beobachter" schreibt zu dem Ergebnis der Reichstagswahl, es sei in der parlamentarischen Geschichte unerreicht, daß die Reichstagswahl nahezu 14 Millionen nationalsozialistische Stimmen gebracht habe. Daraus ergebe sich eine Abgeordnetenzahl, wie sie bei einer einzigen Fraktion noch niemals auch nur annähernd dagewesen sei. Alfred Rosenberg bespricht unter der Ueberschrist „Der unaufhaltsame Vormarsch" das Wahlergebnis und kommt zu dem Schluß, daß ein Vorübergehen an der Hitlerbewegung nunmehr endgültig der Vergangenheit angehören müsse. In welchen Formen sich dieser nicht mehr eiiizudämmende Wille Geltung verschaffen werde, werde die Heber- legung der nächsten Wochen sein. Adolf Hitler habe jedenfalls eine überwältigende Vollmacht von der deutschen Ration übertragen erhalten, die seine Bewegung nicht nur zahlenmäßig zur weitaus stärksten gemacht, sondern die auch in ihrem inneren Wert und Gehalt nahezu alles vereine, was überhaupt noch berechtigt sei, für Deutschland zu sprechen. Rosenberg schließt: „Der Kampf geht weiter, der Endsieg ist uns jetzt nicht mehr zu entreißen."
Das gleiche Blatt befaßt sich mit der Tatsache, daß die RSDAP. die stärkste Partei i n D a y - € r n geworden sei und erklärt, das bayerische Volk wolle, daß der Rationalsozialismus die Führung des Staates und damit die Verantwortung übernehme. Wer sich noch länger dagegen zu stemmen versuche, der müsse damit rechnen, daß die Entwicklung über ihn hinweggehe.
Der nationalsozialistische „A n g r i f f“ spricht von der die Situation beherrschenden Stellung der RSDAP. Die Möglichkeit einer Regierungsbildung auf parlamentarischer Grundlage scheine bei diesem Reichstag allerdings nicht gegeben. Die wäre nur dann herbeiführbar, wenn man sich dazu entschlösse, den in der KPD. verkörperten Bolschewismus als außerhalb der Rechtsgrundlage eines geordneten und christlichen deutschen Staatswesens stehend anzusehen. Rach der Wahl des Reichstagspräskßenten, den die RSDAP. zu stellen haben würde, wolle sich die Regierung anscheinend vom Parlament eine Ermächtigung geben lassen, eine bc* stimmte Zeitdauer hindurch auf demDerord- nungsweg zu regieren. Es sei aus verschiedenen Gründen nur schwer anzunehmen, dah eine solche Ermächtigung von diesem Reichstage gegeben werde. Gelangt man nicht doch zur Ausschaltung des Kommunismus in irgendeiner Form und dadurch zur Schaffung kla- rernationalbedingterDerhältnisse, so werde man sich dann wohl zu weitergehenden außerparlamentarischen Regierungsschritten entschließen müssen. Aber auch dabei würde die RSDAP. das Hauptwort mitzusprechen haben.
Der „T a g“ nennt das Ergebnis für die Deutschnationalen befriedigend. Sie hätten die schärfste Opposition von allen Seiten auszuhalten und seien gänzlich unzulässiger* weise für die Papenregierung verantwortlich gemacht worden. Dah die Rationalsozialisten ihre „Hitlei^ahl" vom zweiten Präsidentschaftswahltag erheblich überbieten konnten, sei ein starker Erfolg für die Partei, die allerdings an manchen Stellen auch bereits die ersten namhaften Verluste hinnehmen müsse. Man werde gespannt sein Dürfen auf die Art, wie die Partei auf diese letztere Erscheinung reagieren werde.
Die „Deutsche Tageszeitung" schreibt u. a.: Der Ausgang ber Wahl zum Reichstag, bas müsse assen ausgesprochen werben, habe bie Erwartungen nicht erfüllt, bie bas nationale Deutschland auf sie gesetzt habe. Die Wahl vom 31. Juli biete im wesentlichen f a ft genau dasselbe Bild wie d i e letzte preußische Landtagswahl. Der Wahlausfall aufs Ganze gesehen, stelle eine Bestätigung bar, eine sehr eindringliche sogar für die Notwendigkeit des Kurswechsels. — Die „D c u h s ch e Zeitung" betitelt ihren Leitartikel „Der Weg ist frei!" unb sagt u. a.: Die Neichstagswahl vom 31. Juli war bie erste Wahl nach bem Ende des Parlamentarismus in Deutschland. Nur unter Berücksichtigung dieser Tatsache kann das Wahlergebnis und seine Bedeutung richtig beurteilt werden. Die 16 Millionen nationaler Wähler wollten damit b c - stimmt nicht der Wiederherstellung des erledigten Systems der Koalitionen und Fraktionshändel das Wort reden. Geschlagen ist die Weimarer Republik, die Demokratie, die den Staat zu vertreten sich vermaß, die „Front" mit den drei Pfeilen, das Bonzentum und die parlamentarischen Schieber. Nach Lage der Dinge werden im neuen Reichstag Koalitionsverhandlungen und ähnliches nicht möglich sein. Sie dürfen auch nicht mehr möglich sein, ber Weg weist zu gänzlich neuen Formen.
Die „Ocrmani a“ spricht mit Bezug auf bie nicht erreichte absolute Mehrheit der Rationalsozialisten von einer zerstörten Illusion. Staatspolitisch gesehen sei es von größter Bedeutung, daß zwischen den beiden riesigen Machtgruppen der Rechten und der Linken das Zentrum und die Bayrische Volkspartei als ein unerschütterlicher Block der Ordnung, der Freiheit und der Verfassungstreue nicht nur behaupten, sondern sogar gefestigt hätten. Das Blatt fordert, daß die Zeit verfassungsrechtlicher Experimente und machtpolitischer Aktionen vorbei sei und daß die bereits begonnenen zu liquidieren seien. Die Reichsregierung habe keinen Auftrag, noch weniger als bisher, die verfassungsrechtlich höchst anfechtbaren Methoden fortzusehen, mit denen sie ihre Politik bisher geführt habe. Sie habe dagegen die Pflicht zur Höch st en Besonnenheit und Zurückhaltung, bis der neugewählte Reichstag seine Funktionen übernommen habe, und vor allem die Pflicht, den Reichstag zu dem verfassungsmäßig gegebenen Termin einzuberufen, und vor ihm zu erscheinen. Der Tag, an dem das geschehe, werde über mehr entscheiden als über das Schicksal einer Regierung.
Was sagt man in Italien?
Rom, 1. Aug. (211) Durch die italienischen Pressestimmen zu den deutschen Wahlergebnissen zieht sich als roter Faden die Genugtuung über den Zusammenbruch der Weimarer Koalition unb das Vertrauen in die Kraft der nationalsozialistischen Bewegung. Deutschland, so sagt z. B. das halbamtliche „G i o r n a l e d'J t a l i a", geht den schicksalsmäßigen Weg zu Hitler und zu dem nationalen und politischen Geist, dmi er vertritt. Die große nationale Bewegung erschöpft ihre Kraft und Aufgabe nicht in Wahlen. Hitler schließt seine Bewegung nicht an der Schwelle des Reichstages ab. Weimar ist durch den nationalen Willen untergegangen. — Die „Tribun a". die dem Wahlergebnis europäische Bedeutung beimißt, erklärt u. a., wenn nun auch kein Weg völlig offen sei, so sei einer immerhin klar vorgezeichnet: die Hoffnung auf die Bewegung Hitlers, der bas beutsche Volk unter Zusammenarbeit mit anberen politischen Gruppen bie Wiedergeburt Deutschlands anvertrauen wolle. — Der „Lavoro Fascista" vergleicht die Genugtuung ber bemokratischen Presse nach den Wahlen mit bem Jubel eines gestürzten Königs, der sich ein Auge ausgeschlagen hat unb frohlockt. daß es nicht beide Augen waren.


