Ausgabe 
2.8.1932 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Dr. Goebbels, sollte man die Ralionalsozlalisten an der Uebernahme der Regierungsverantwortlichkeit verhindern. Die Rationalsozialisten seien bereit zur Uebernahme der Regierung, und es bleibe nichts anderes übrig, als ihnen den Weg frei 3 u geben. Die künftige Haltung der Partei hänge von Adolf Hitler ab.

Aeuorientierung in Thüringen.

Gleichzeitig mit den R.'ichstagswahlen find auch die Neuwahlen zum thüringischen Landtag oorge- nommen worden, die eine völlige Umaestal' tung der Fraktionsverhältnisse er­geben haben. Die Nationalsozialisten sind von sechs auf 26 Mandate gestiegen, die Sozial­demokraten haben drei Sitze verloren, denen ein fast ebenso großer Gewinn der K o m m u n i - st e n gegenübcrstebt. Wirtschaftspartei und Volks partei haben auch hier bluten müssen. Die Wirtschaftspartei ist ganz verschwunden, die Volkspartei hat gerade noch ein Mandat gerettet, mährend die Deutschnationalen ihre beiden Mandate behaupten konnten und der L a n d b u n d, der bisher den Ministerpräsidenten gestellt hat, wenigstens Zweidrittel seines Bestandes behielt. Die Nationalsozialisten sind auf ein Zusammengehen mit dem Landbund und den Deutschnationalen angewie­sen. Aber sie sind immerhin so stark, daß sie wohl den Kurs der neuen Regierung entscheidend beeinflussen werden und das Kabinett Baum sich nicht wird halten können.

Was tut der Völkerbund im südamerikanischen Streit?

G e n f, 1. August. (WTV.) Der bisherige Prä­sident des Dölkerbundsrates, M a t o s , hat Boli­vien und Paraguay ersucht, alle Handlungen zu unterlassen, durch die die Beziehungen zwischen den beiden Ländern verschlimmert oder Feind­seligkeiten herbeigeführt werden könnten. Das Außenministerium von Paraguay hat ein Te­legramm an den Völkerbund gesandt, in dem es Bolivien beschuldigt, die Artikel 10 und 11 der Dölkerbundssatzung verletzt zu haben. Ar­tikel 10 besagt, daß die Dölkerbundsmitglieder sich verpflichten, die territoriale Tlnver- l e tz b a r k e i t und die bestehende politische iln» abhängigkeit aller Dundesmitglieder zu achten. 3n Artikel 11 heißt es, daß Krieg oder Bedrohung mit Krieg, gleichviel, ob davon ein Dölkerbundsmitglied unmittelbar berührt wird oder nicht, eine Angelegenheit des ganzen Völkerbundes ist, und daß die­ser die zum wirksamen Schutz des Völkcrfriedens geeigneten Maßnahmen zu ergreifen hat.

Aus aller Welt.

Zwei Todesopfer einer Explosion in Emmerich.

Die Stadt Emmerich am Rhein wurde Dienstag morgen gegen 10 Uhr durch eine gewaltige Detonation in Schrecken verseht. Die Oxyd-Werke, eine Zweigableilung der Roury- von der Lande waren in die Luft geflogen. Das Unglück ereignete sich in der Trockenabteilung des Betriebes, ein Wellblechgebäude, das vollstän­dig in Trümmer ging. Die Eisenleile wurden meh­rere hundert Meter weit geschleudert. Glücklicherweise erfolgte die Explosion zur Zeil der Frühstückspause, so daß sich, mit Ausnahme von zwei Arbeitern, niemand in dem Gebäude befand. Beide Arbeiter wurden zer­rissen. Durch die Gewalt der Explosion wurden in den anliegenden Straßen Hunderte von Fensterscheiben zerstört und auch die Dächer teilweise abgedeckt. Es wurden auch mehrere Personen verletzt, jedoch nur leichter, meist durch umherfliegende Glassplilter. Die Unglücksslelle ist abgesperrt.

Schwere Unwetterschäden an der Mittenwaldbahn.

Ein schweres Unwetter ging Montagabend im ganzen Inntal und an der Mittenwaldbahn

£ ar-scuie achtet auf den Kartoffelkäfer.

Achtet auf den Kartoffelkäfer |

i .4.

fr*

UM

Die deutsche Landwirtschaft steht vor der furcht­baren Gefahr, daß der Kartoffelkäfer, der in Frank­reich über große Strecken hin alle Kartoffelpflan­zungen zerstört hat nun über die deutsch-französische Grenze oordringt. AusderNähevonFrank- f u r t a. M. kam die alarmierende Nachricht, daß dort Exemplare des Schädlings aufgefunden worden leien. Doch stellte sich zum Glück heraus, daß eine Verwechslung mit dem harmlosen Marienkäfer

(Oberbayern) nieder und verursachte erhebliche Ver­kehrsstörungen. Auf der Mittenwaldbahn wurde bei Gießenbach der Bahnkörper durch die von den ausbrechenden Wildwassern Gesteinsmassen in einer Länge von 200 Meter und in einer Höhe von drei Meter bedeckt. Der Personenver­kehr wird durch ein Kraftwagenpendeloerkehr auf­rechterhalten. Zur Freimachung der Strecke ist eine Abteilung des Bundesheeres angefordert worden. Der Verkehr dürfte erst in drei bis vier Tagen wie­der voll ausgenommen werden.

Schweres Gewitter über Kassel und Umg.bung.

Heber Kassel und der .Umgebung ging ein folgenschweres Gewitter nieder. 3n Wolf­hagen schlug der Blitz in das Anwesen des Landwirtes Röhn ein.. 3nfolge des starken Windes breitete sich das Feuer schnell aus und griff trotz der sofortigen Hilfe der Frei­willigen Feuerwehr auf insgesamt fünf Gehöfte über. Rur mit großer Mühe gelang es, das Groß­vieh zu retten. Das Kleinvieh, landwirtschaftliche Maschinen und die Möbel wurden zum größten Teil ein Raub der Flammen. Rach drei Stunden lagen die f ü n f G e h ö f t e in Schutt und Asche. Der Schaden ist zum größten Teil durch Versicherung gedeckt. Schweren Schaden richtete das Unwetter auf den Feldern an. Sturm, Regen und H a g e l s ch l a g legten das ganze noch stehende Getreide um. Die Felder sind wie gewalzt. Einzelne Bäume an den Landstraßen wurden umgeknickt und entwurzelt.

Hotelbrand in Reuyork. 5 Tote, 25 verletzte.

3m Kellergeschoß des bekannten HotelsRitz Tower" in der Park-Avenue in Reuyork ereignete sich eine Explosion, die einen Brand ver­ursachte. Die Explosion war so stark, daß in toefem Tlrnkreis die Fensterscheiben zersprangen. Der starke Knall hatte einen Riesenauflauf zur Folge. Tlnzählige von Reugierigen strömten in das Stadtinnere, wo das eleganteRitz-Tower"- Hotel liegt und behinderten die Anfahrt der

vorliegt. Dennoch darf diese beruhigende Aufklärung nicht dazu führen, die Wachsamkeit der Landbevölke­rung einzuschläfern. Landleute, seidauchweiter- hin auf der Hut, achtet auf jedes Anzeichen, das auf das Erscheinen der furchtbaren Gefahr deuten kann. Ihr könnt der Landwirtschaft und eurem Lande Hunderte von Millionen ersparen. Unser Bild zeigt, wie ein Lehrer seinen Schülern die ver­heerende Wirkung des Kartoffelkäfers erklärt.

Feuerwehr und der Rettungswagen. 3m Keller­geschoß war eine Lackierwerkstatt untergebracht. Hier fand das Feuer an den Farben und Lacken reiche Rahrung. Bei der Bekämpfung des Bran­des sind fünf Feuerwehrleute tödlich verunglückt. Außerdem wurden 2 5 Perso­nen, größtenteils Hotelgäste, verletzt. Der Scha­den wird auf 200 000 Dollar geschätzt.

Lundestagung des Deutschen Imker-Bundes in Görlitz.

In Görlitz wurde in der Stadthalle die Reichs- Imkerei-Ausftellung in Anwesenheit des Oberbürgermeisters feierlich eröffnet. Die Ausstel­lung gibt ein geschlossenes Bild der Bie­nenzucht und ihrer Nebenzweige. Anschließend begann die Bundestagung des Deutschen Imker-Bundes. In den Verhandlungen wurde besonders auf die schwere Gefahr hingewiesen, die der deutschen Bienenzucht durch Aufhebung der Steuerfreiheit für Bienenfütterungszucker drohe. Rund 25 000 Bienenvölker seien bereits ver­hungert, weitere würden möglicherweise im kom­menden Winter zugrunde gehen. In den geschäfts­führenden Vorstand des Bundes, dessen erster Lor- sitzender, Landtagsabgeordneter Kickhöf fei, die Verhandlungen leitete, wurde als Schriftleiter der Vorsitzende des Württembergischen Landesvereins für Bienenzucht, Oberlehrer Rentschler, gewählt, als Beisitzer der erste Vorsitzende des Bienenzucht­vereins der Rheinprovinz, Pfarrer Klos. Der bis- herige Schriftführer Rektor Falk, Vorsitzender des badischen Landesvereins für Bienenzucht, wurde zum dritten Bundesleiter gewählt. Dem Vorstand wurde Entlastung erteilt. Als Tagungsort für das Jahr 1933 wird eine hessische Stadt in Frage kommen, möglicherweise Nauheim oder Mar- bürg.

Blutiger Familienslreil in Berlin.

Ein furchtbares Familiendrama als Aus­gang des Streites geschiedener Eheleute um ihr Kino ereignete sich in dem Hause Charlottenburger

Straße 142 in Weihensee bet Berlin. Dort wohnte die geschiedene Frau Dupont mit ihrem vieo 3ahre alten Söhnchen Paul bet ihren Eltern. 3m Verlaus des Scheidungsprozesses war das Kind von beiden Ehegatten in Anspruch genommen worden. Der Knabe wurde jedoch dem Vater zu- gesprochen. Da die Mutter die Herausgabe desKindesverweigerte, hatte der Vater, ein Lehrer, beim Gericht eine einstweilige Ver­fügung erbeten. Als ein Gerichtsvollzieher das Kind abholen wollte, fand er die Tür der Woh- nung verschlossen. Auf mehrmaliges ßäuten und Klopfen antwortete niemand. Der Beamte lieh die Tür gewaltsam öffnen. Ein grauenvoller Anblick bot sich ihm dar. 3m Flur der Wohnung stand die Großmutter: in ihren Armen hielt sie das blutüberströmte Kind. Wie sich heraus- stellte, hatte die alte Frau beim Erscheinen des Beamten das Kind an sich gerissen und war mit ihm in das anstoßende Zimmer gelaufen, wo sie dem Knaben mit einem Taschenmesser einige Stichverlehungen beibrachte, die Mutter des Knaben, die im Rebenzimmer weilte, erlitt, als ihr die furchtbare Tat bekannt wurde, einen Ner­venzusammenbruch.

vier italienische Alpinisten tödlich verunglückt.

3n den französischen Alpen in der Rähe von Chamonix ereignete sich dieser Tage wieder ein schweres Hnglüd, das vier italienischen Ausflüglern das Leben kostete. Eine Gruppe von sechs 3talienern war zur Besteigung des sog. Zahn des Riesen" aufgebrochen, als kurz vor dem Ziel das einzige Seil riß, das alle sechs miteinander verband. Die letzten vier stürzten in eine tiefe Schlucht, während es den beiden anderen im letzten Augenblick gelang, sich an einem vorspringenden Felsblock festzu­klammern. Einer Hilfskolonne aus Chamonix ist es noch nicht gelungen, die Leichen der vier Opfer zu bergen.

Gedächtnisfeier für die Toten derRiobe".

In Kiel fand in der evangelischen Garnisonkirche auf der Wik ein Gedächtnisgottesdienft für d i e Opfer derNiobe" statt, zu der die Admirale Gladisch, Hansen, Schulze und Kolbe sowie der kommissarische Polizeipräsident Graf o o n Rantzau erschienen waren. Angehörige der Toten, Marineabteilungen und sonstige Trauer­gäste füllten die Kirche bis auf die Gänge. Die lieber« lebenden derNiobe" erschienen unter Führung des Kommandanten Kapitänleutnants R u h f u ß. Ma­rinepfarrer Haupt hielt die Gedächtnisrede und verlas die Namen der Toten. Eine ähnliche Gedächt­nisfeier in der katholischen Garnisonkirche war vor- ausgegangen.

Schwierige Landung eines Freiballons. 3 Verletzte.

Nach einer Meldung aus Stettin landete dieser Tage in der Nähe von Bartelshagen im Kreise Franzburg ein Freiballon des Bitterfelder Luftfahrtoereins. Nach der Landung riß eine den Ballon noch einmal in die Höhe. Der Korb wurde mitgerissen und schlug bann heftig auf den Boden' auf. Die vier Insassen der Gondel wurden herausgeschleudert. Der Kaufmann W o l f» s o n aus Frankfurt a. M. zog sich eine Rippen^ quetschung zu, Kapitänleutnant Sauerbeck aus Homburg o. d. H. eine Schulterquetschung und Haut­abschürfungen. Ein dritter Insasse wurde leicht ver­letzt. Der Ballonführer L i e s e g a n g blieb unver- letzt. Der Ballon war in Bitterfeld zu einer Nacht- fahrt aufgestiegen.

Mißglückter kalapullflug.

Das Katapultflugzeug des LloyddampfersBre­men", D 1919 Bremen, das etwa 1000 Seemeilen vor Southampton von Bord gestartet war, mußte nach halbstündigem Fluge infolge Oelrohrbruchs bei großer See auf bas Wasser niebergehen. Dani ber ausgezeichneten Zusammenarbeit von Flug­zeugbesatzung und Schiffsleitung wurde der Stand­ort des Flugzeugs durch Funkpeilung sofort ermit­telt, so daß das Flugzeug bereits kurze Zeit später ohne große Beschädigung wieder an Bord des Dampfers genommen werden konnte.

Ein Hauswirt löst die Flaggenfrage.

Ein Hausbesitzer in Landsberg hatte auf dem Giebel seines Hauses die Fahne seiner Partei an­gebracht, was seine, den verschiedensten Parteien angehörenden Mieter veranlaßte, ihn darauf hinzu- weisen, daß durch diese Beflaggung der bis dahin im

Aüch Feierabend in Italien.

Von Gustav W. Eberlein, ZRom.

Was macht der italienische Arbeiter nach Feier­abend? Nichts. Wie verbringt er feinen Sonntag? Mit nichts. Aber er muß doch irgend etwas tun, sich irgendwie beschäftigen, sich irgendwo bewegen?

Nein, er bewegt sich nicht. Er steht herum.

WoNationaleigentümlichkeiten" zur Sprache kommen, werden gewöhnlich die sinnfälltigsten, die wirklich in die Augen springenden zugunsten alter Klischees vergessen. Für den Italiener ist nichts charakteristischer als das Herumstehen. Die Maler einer verflossenen und verschwommenen Romantik haben uns zwar immer die Kinder des Südens bei der Ausübung ihrer Lieblingsbeschäftigung, dem dolce far niente, vorgeführt, rührende Bettlerfiguren auf breite Kirchentreppen gestellt und den Lazzarone zum Verlieben faul auf die Hafenmauer kompo­niert, aber schon dem scharfen Auge Goethes ent­ging es nicht, daß hier offenbar der Schein trog. Alle diese Neapolitaner Operettenfiguren waren auf ihre Art durchaus tätig, nur ihr Zeitbegriff mochte ein anderer als der unsrige sein, wie ja auch zwi­schen dem amerikanischenTempo" und der baye­rischen Gemütlichkeit ein Unterschied besteht nnb ber langsame Berner Bauer deswegen noch nichtfaul" ist, weil der Berliner nichts als Hetze kennt.

Auch umgekehrt ist es nicht so, wie es aussieht: Die Fremden, die in der Umgebung Roms herum- fahren und in die weingesegneten Ortschaften der Castelli Romani kommen, alle Gassen schwarz vor Volk sehen, das regungslos und fast feierlich herum- steht, glauben wunder was los sei. Ob wohl ber Bischof erwartet wirb ober ein Wahlkampf im An­zug ist? Nichts dergleichen. So verbringt der an­geblich so temperamentvolle Südländer seine Muße­stunden: Mantel umgeworfen, ohne in die Aermel zu fahren, auf die Straße gestellt, schier verstei­nert und folglich kaum den Mund öffnend. Dabei sieht man nur Männer, die Frauen sind von dieser lautlosen Straßenbelustigung ausgeschlossen, denn sie müsfen ihre Hausarbeit verrichten.

Ein Bild, das nun langsam anfängt in Be­wegung zu geraten. Der Faschismus hat gelehrt, daß die beschauliche Pflasterphilosophie nicyt das Salz des Lebens bedeuten muß, daß man aus der Freizeit doch erheblich mehr Vergnügen herausschla- gen kann. Er erfand, und das war eine seiner größ­ten Taten, bas Dopolavoro, eine Einrichtung, die unter dem Gesichtspunkt gewertet sein will, daß

ja der Durchschnittsitaliener alle die Dinge, mit denen wir unsere Zeit auszufüllen oder totzuschla- gen verstehen, nicht einmal vom Hörensagen kannte.

Er ging zwar in die Osteria und trank einen Becher nach dem andern, aber was ein Stamm­tisch ist, das wüßte er nicht zu sagen. Vereine zur Pflege ber Geselligkeit so etwas wüßte er nicht einmal zu übersetzen. Es fehlt ihm selbst bas Wort für die merkwürbige Beschäftigung, bie wir mit Wanbern bezeichnen. Wenn jemand am Sonntag von einem Ort A zum Orte B geht, wieso soll das ein Soprt oder ein Vergnügen fein? Wer durch Italien fährt, soll sich einmal aus dem Fenster schau­end die Frage vorlegen: Wie und wo geht man eigentlich hier spazieren? Nicht denkbar, denn alles ist eingejäunt. Einen Rucksack schleppen, wenn es nicht bitterster Erwerbszweig erfordert? Unbegreif­lich. In Italien gibt es daher, abgesehen von den Fremdenplätzen, auch keine Ausflugswirtschaften, keine bunten Schirme und Tische im Grünen. Selbst die größten Seen, wie der trasimenische, liegen un­belebt da. Kein Ruderboot durchfurcht das Wasser, kein Segel knattert vor Ferienlust. Südlich von Flo­renz hat noch niemand ein Mädchen radfahren sehen, eine Motorbraut im Herrensitz wäre gleichbedeutend mit fine del mondo, dem Ende der

Will sich einer unbedingt Bewegung verschaffen, so ist dafür bas Boccia-Spiel da, eine Art Kegel­bahn, auf der die Kugel nicht geschoben, sondern ge­worfen wird, und für die Städter der Allerwelts- fußball. Das ist alles. Wie, droben im Norden gebe es Lesestuben, Wärmehallen, Hallenbäder? Sagen! Sonntags entvölkerten sich ganze Städte, Jungen und Mädels zögen schon am Nachmittag vorher aus, gemeinsam, um womöglich erst am Montagmorgen zurückzukehren? Legenden über Legenden!

Was macht man nach der Arbeit, dopo il lavoro? Man ruht aus. So war es alle bie Iahrhunberte her. Und jetzt kommt ba ein Mensch, der selber aus dem Volk heroorgegangen, Lehrer und Taglöhner gewesen ist, kommt Mussolini und sagt: Nein, ihr sollt euch beschäftigen, spielend weiterbilden, sollt euch vor allem freuen! Er gründet das Dopolavoro, wörtlich übersetzt also dasNachderarbeit", eine Organisa­tion, mit ber an Großzügigkeit höchstens die andere der Jugenderziehung wetteifern kann. Es lag ja auf der Hand, für den neuen Staat auch einen neuen Inhalt zu schaffen. Es kann nicht genügen, nur nach außen eine Umwälzung herbeizuführen, auch das Volk muß gänzlich umgeknetet werden und das ist der schwerere Teil ber Herkulesarbeit. Wer das will, der oarf nicht nur in die Arbeit hineinkomman-

bieren, die schließlich immer das gleiche Gesicht be­halten wirb, er muß bem Feierabend, der Freizeit, der gegenüber auch ber letzte Angestellte, Chef unb Befehlshaber ist, neuen Inhalt geben.

Vor sechs Jahren ins Leben gerufen, überzieht heute bas Dopolavoro als engmaschiges Netz be­reits das ganze Land, die Kolonien, selbst die italie­nischen Volkssplitter im Ausland. Man zählt 17 000 Verbände mit rund 30 000 Sektionen, man rechnet mit 2 bis 3 Millionen eingeschriebener Mitglieder. Darunter ein Viertel geistige Arbeiter, achthunderttausend Industriearbeiter, etwa die Hälfte Landarbeiter, über zweihunderttausend Beamte: eine richtige Volksbewegung, die Demokratie der Freizeit.

Das Dopolavoro verlangt nichts unb bietet un- endlich viel. Da gibt es Fachabteilungen für Fische­rei und Seidenraubenzucht, Aemter für Technik, Staatsdienst, Verkehr, ba haben die Künstler ihren Thespiskarren, der bereits zu einer neuen Blüte der italienischen Schauspielkunst geführt hat, ebenso wie die Dilettanten ihre Vereinsbühnen. Gesangsschulen, philharmonische Orchester finden Zustrom wie die Trachtengesellschaften, die Mandolinenspieler, die Radiobastler. Man schult Analphabeten unb, wie im Altertum, Rebner. Die Fachschulen nach beut- sch e m Vorbild bringen durch wie bie englischen Altersschulen. Man kann sich zum Politiker ausbil- den oder den nagelneuen Begriff der Helmkultur studieren, die Frauenverbände flüchten aus dem unfruchtbaren Salon auf soziale Gebiet und finden täglich ein anderes befriedigendes Arbeitsfeld. An Wintersonntaaen sieht Man neuerdings in Rom Leute die Skier geschultert haben, und in den Ber­gen einer Dame in Hosen zu begegnen, ist kein Vor­recht ber Lustspieldichter mehr. Es wird Sport ge­trieben, es soll alles Wirklichkeit werden, was bis­her Sage und Legende schien ...

Auto, Suppengrün und Fehlzündung.

Daß das Auto dem Verbrecher zur schnellen Flucht verhilft, ist aus Kriminalfilmen hinlänglich bekannt. Aber bie Verbrecher beginnen jetzt sich bes Autos noch vor ber Flucht zu bedienen. Dieser Tage wurde vor bem Berliner Gericht gegen ben berüchtigten Falschmünzer Salaban verhanbelt. Der Mann war ein Genie in ber Herstellung bes Falschgeldes, aber ein Stümper in der Vertreibung. Man erinnert sich noch: in seinem eleganten Privatwagen fuhr er bis in bie Nähe eines Gemüsemarktes, ging bann ZU Fuß mit seiner Frau auf ben Markt, um dort für seine falschen Zweimarkstücke Suppengrün zu erhandeln. Er kaufte für fünf Pfennig Suppengrün,

zahlte mit einem falschen Zweimarkstück und erhielt 1,95 Mark in gutem Gelb heraus. Er mußte ja ge­faßt werben, wenn er sich immer nur bie wenigen Gemüsemärkte die es in Berlin gibt, als Absatzfeld aussuchte. Andere sind findiger. Die Polizei sucht nach Motorradfahrern, die Falschgeld in folgender Weise vertreiben. Sie halten mit ihrem Rad vor einem beliebigen Geschäft, kaufen eine Kleinigkeit nach ber Salabanschen Methode, besteigen das Rad wieder und fachen davon, um erst in einem anderen Stadtteil dasselbe Manöver zu machen. Salabans Feld waren bie Gemüsemärkte, ihr Feld ist das acmze große Berlin, unb bie Polizei wirb wirklich Mühe haben, die flinken Kerle au fassen. Neu ist auch fol- genbe Verwendung des Autos. Vor einem Geschäfts­haus hält ein Privatauto. Der Chauffeur manipu­liert an bem Wagen herum. An bem Motor scheint etwas nicht in Ordnung zu fein, denn eine Fehl­zündung folgt der anderen. Das macht natürlich Lärm. Aber ein Bewohner bes Geschäftshauses hotte trotzdem noch andere verdächtige Geräusche vernom­men. Die Polizei wurde alarmiert. Als das lieber- fallkommando herankam, war der Motor bes Privat­autos in Ordnung, der Wagen fuhr davon. Die Polizei drang in das Geschäftshaus ein unb empfing schon in ber Tür drei Einbrecher. Die Fehlzündun­gen sollten die Einbruchsgeräusche übertönen, außer­dem hatte der Chauffeur die Aufgabe des Schmiere­stehens übernommen. Wenn nämlich Gefahr her­annaht, sollte er daoonfahren, bas Ausbleiben der Fehlzündungsgeräusche war für bie Einbrecher das Signal, daß die Luft nicht mehr rein sei.

Hochschulnachrichten.

Der Hygieniker an der Universität Münster, Professor Dr. Karl gölten, hat einen Ruf an die Universität Würzburg auf den dortigen Lehrstuhl der Hygiene erhalten.

Professor Dr. W. Kaufmann an der Techni- Idjen Hochschule in Hannover hat den Ruf auf Öen zweiten Lehrstuhl der Mechanik an der Tech­nischen Hochschule in München angenommen und bereits seine Ernennung erhalten.

Der Prioatgelehrte Professor Konrad Miller in Stuttgart hat seine sämtlichen im Selbstver­lag erschienenen Werke mit allen Rechten dem Di­rektorium der Salzburger Hochschulwochen überwie­sen. Aus den Erträgnissen der Stiftung soll ein Fonds zur Errichtung eines Lehrstuhles für histo­rische Geographie an der S a lz b u r g e r Hochschule gebildet werden.