ltt.179 Erstes Blatt
182. Jahrgang
Dienstag, 2. August 1932
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Ignaz Seipel f.
Dien, 2. Aug. (2DI23. Funkspruch.) Der frühere österreichische Bundeskanzler Dr. Seipel, der seit drei Wochen im Sanatorium Waldfrieden zur Erholung weilte, ist heule u m 7.30 Uhr im 56. Lebensjahre gestorben. Rene Kraus entwirft im folgenden Aufsatz von dem bedeutendsten österreichischen Staatsmann der Nachkriegszeit eine ungewöhnlich plastische Porträtskizze, die den verstorbenen zeigt, wie er noch auf dem Gipfel feiner politischen Wirksamkeit stand.
Poincnre ist der einzige Preuße in Frankreich, Lloyd George der einzige Franzose in England — und in dieser Verschiedenheit der Führerpersönlich- keit von den faszinierten Massen wird wohl die Einmaligkeit ihres Erfolges begründet sein. Die Sache mit Seipel liegt nicht viel anders. Auch dieser letzte Oesterreicher ist gar nicht recht österreichisch. Er führt ein puritanisches Leben zwischen Arbeits- -stnrmer und Klosterzelle, trachtet nach der Wesen Tiefe und war noch nie in einem Kaffeehaus zu sehen. Außerdem ist er unter sechseinhalb Millionen Menschen der einzige, der genau weiß, was er will. Freilich: nur er weiß es und sein Herrgott. Parlamentarische Interpellanten, Interviewer und Zuhöherer feiner ideenreichen Vorträge haben nach seinen Ausführungen immer den Eindruck: Wie haarscharf und sonnenklar hat er da seine Pläne —--verschwiegen! Aber er hat Pläne. Mehr
noch: einen Plan! Auch das unterscheidet ihn von seinen Landsleuten.
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Der Fall Seipel ist mit dem Zerfall der Habsburger-Monarchie untrennbar verbunden. 3m letzten k. u. k. Kabinett tauchte plötzlich der Moraltheologe der Wiener Universität auf, dessen Name bisher nur einem engen Kreis katholischer Pazifisten bekannt war. Als der Führer dieses Kreises, Hofrat L a m m a s ch , die Führung im Staat übernahm — vielleicht einige Jahre zu spät, vielleicht auch einige Jahrhunderte wurde Professor Seipel Dolksgesund- heitsminister. In seinem Ressort wird er sich wohl kaum haben umsehen können. Dazu reichte die Zeit nicht mehr, die der Monarchie noch vergönnt war. Aber der Verwalter des am wenigsten politischen Portefeuilles war der einzige, der im Chaos des Zusammenbruches nicht die Besinnung verlor. Als Beauftragter seines kaiserlichen Herrn setzte er sich mit dem neugebildeten republikanischen Staatsrat auseinander, in einem Augenblick, da die erprobten Diener des Kaisers die Aufforderung des letzten Sachsenkönigs an die revolutionäre Menge, „sich ihren Dreck alleene zu machen", bereits als ausreichenden Grund für absolute Passivität zu betrachten schienen. Begreiflich: der Mensch hat Nerven ... nur Seipel hat keine. Er hat seine Nervenlosigkeit immer wieder bewiesen. Als ein paar aufgeregte Herren von der Opposition erklärten, der Fanatismus der wildgewordenen Straße ließe sich nur durch neuen Umsturz bannen, als ein paar Jahre vorher die Kugel des Attentäters in seiner Brust stak und er kaum mehr ... „Nicht schlagen!" röcheln konnte — nie hat er ein zu lautes Wort gesprochen und nie eine überflüssige Bewegung gemacht. Beherrscht sein ist alles — um zu beherrschen. Er ist ein ausgeklügelt Buch, er ist kein Mensch mit seinem Widerspruch.
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Um zu beherrschen... Hier, scheint mir, liegt das Problem Seipel, dem alles Leben zum Problem wird und der selber eines ist. Machtwille allein ist es natürlich nicht. Beherrschen, um zu dienen — das wird es sein. Dieser österreichische Asket (wenn diese contradidio in adiecto gestattet ist) ist nicht nur der Diener, er ist der Besessene einer Idee. Welcher Idee er sein Leben weiht, hat er niemals ausgesprochen. Roma triumphans, Frieden auf Erden, Freiheit des deutschen Volkes unter anderen freien Völkern, Wiedergeburt Oesterreichs und vor allem Wiederbelebung des Altösterreichertums — von all dem wird ein bißchen dabei sein. Und das alles ist gewiß in ein kristallklares weltumspannendes System gefügt, das in Tausenden und aber Tausenden stillen Nächten ersonnen wurde. Tagsüber kümmert er sich um Mietzinssteigerung und Beamtenbefoldungs- schema.
Oesterreichisches Schicksal: Geboren sein, um einen mittelalterlichen Kirchenstaat zu regieren und berufen, das bißchen „souveräne Republik" zu sanieren, die das Dokument von St. Germain übrig ließ. Es ist ein trauriges Gewerbe. Und ein undankbares. Er ist an allem schuld. Seipel-Sanierung, Seipel- Krone, Seipel-Erwerbslosigkeit, Seipel-Steuer ... die Opposition, die in Wien noch ein bißchen skrupelloser ist, als das zum guten Ton der Unentwegten gehört, sorgt für die Popularisierung seines Namens. Am ersten Mai tragen sie Galgen über die Ringstraße spazieren, von denen sein verzerrtes Ebenbild herunterbaumelt. Weil Oesterreich nämlich ein Staat ohne politische Probleme ist. Keine Außenpolitik, keine Kulturkämpfe, keine Wirtschaftsentwicklung. 2£uf diesem engen Raum können Menschen und Dinge wirklich nichts anderes machen, als sich stoßen.
Er war unser... wird man von Seipel eigentlich nicht sagen können. Unser einer ist er nie gewesen. Unvorstellbar, daß er der fleinbürgerlichen Atmosphäre der Wiener Borstadt entstammt. Dieser Mann, der nur zur Menschheit Beziehungen hat aber zu keinem engeren Kreis von Zeitgenossen als diesem, steht allein in der Welt. Die Opposition brachte einmal das Märchen auf, der Bundeskanzler ließe feine Mutter hungern. Natürlich war die Propagandalüge, die man:
Was sagt der Reichskanzler zum Wahlergebnis?
papen fordert vom neuen Reichstag die Möglichkeit zur Fortführung des Wiederaufbaus- Oie Verfaffungs- und Verwaltungsreform soll im Reich und in Preußen weiter vorangetrieben werden. — Energisches Einschreiten gegen Ruhestörer jeder Parteirichtung.
Berlin, l.Aug. Der Reichskanzler gewährte dem Vertreter der Associated Preß Louis P. Loch- ner ein Interview, in dem er rundweg und un- zweideutig erklärte, seine Regierung beabsichtige keinesfalls, sich um die Bildung einer Koalition im Reichstag zu bemühen, die zur Unterstützung der Reichsregierung auf die Parteien angewiesen ist, aus denen sie sich zusammensetzt.
Der Reichskanzler erklärte dann: Denn die Wahl überhaupt eine besondere Bedeutung gehabt hat, dann besteht diese darin, daß das deutsche Volk das Ve st reden der Regierung gutgeheihen hat. das Land von der Parteikontrolle zu befreien, was wir verlangen, ist, daß unser Bemühen, Deutschland von seinen Schwierigkeiten zu befreien, geduldet werde. Meine Kollegen Und ich wollen mit unserem Programm ousbauenden Strebens vor den Reichstag treten, um feine Mitglieder vor die Entscheidung zu stellen, ob sie uns angesichts des dringenden Bedürfnisses nach objektiver, unparteilicher Arbeit aus dem Sattel zu werfen wagen.
Der Gedanke an die Möglichkeit eines Mißtrauensvotums schien den Reichskanzler, wie der Vertreter des Associated Preß bemerkte vollkommen unberührt zu lassen. Er sprach die Hoffnung aus, daß die Zentrumspartei, der er angehörte, bevor er Reichskanzler wurde, und die ihn während des Wahlfeldzuges scharf bekämpfte, nicht das Odium auf sich la den würde, eine Kabinettskrise hervorzurufen. Hinsichtlich Adolf Hitlers war er der Ueberzeugung, daß der Augenblick gekommen sei, da die crntionalsozia- listische Bewegung am Wiederaufbau des Vaterlandes tätig mithelfen müsse.
Als der Vertreter der Associated Preß fragte, was der Reichskanzler mit feiner Anspielung auf eine mögliche Verfassungsrevision in seiner letzten Rundfunkansprache gemeint habe, antwortete der Kanzler: Der jetzige Reichstag besitzt, so wie er gegenwärtig aus einer einzigen Kammer besteht, nichtdieGegengewichteundAus- gleiche, die beispielsweise Ihr amerikanischer Kongreß im Senat besitzt. Unser Reichsrat, unser Bundesrat, kann nicht mit Ihrem Senat verglichen werden. Seine Befugnisse sind weit geringer.
Ich bin der Auffassung, daß Deutschland ein Oberhaus braucht. Line andere Sache, die berichtigt werden müsse, ist unser sogenanntes Listensystem, nach dem jede Partei eine Liste von Kandidaten aufstellt, von denen für je 60 000 erhaltene Stimmen einer als gewählt erklärt wird. Es besieht da kein persönlicher Kontakt oder praktisch kein Kontakt zwischen dem Kandidaten und seinem Wähler.
Dieser hat nicht einmal einen Einfluß auf die Aufstellung des Kandidaten. Diese erfolgt für gewöhnlich durch einen kleinen Vollzugsausschuß der Partei. In England und Amerika muß sich ein Kandidat in seinem Wahlkreis stellen und das Vertrauen der Wähler, die ihn wählen, gewinnen. In Deutschland entscheidet ein Wähler über die Partei, die er zu unterstützen wünscht, aber er hat keinen Kontakt mit seinem Kandidaten. Ich hoffe, daß unser Wahlsystem in dem Sinne revidiert werden wird, daß die persönliche Verantwortung des R e i ch s t a g s m i t- glieds wiederhergestellt wird. Hätte es gestern ein solches System gegeben, dann hätte ich in meinem heimatlichen westfälischen Wahlkreis gestanden, wo mich jeder kennt, und ich hätte mich selbst als Kandidat auf der Kandidatenliste des Zentrums gemeldet. Ich bin sicher, daß ich gewählt worden wäre.
Der Reichskanzler bemerkte, daß in jedem Lager politische Führer von Verwaltungsreformen gesprochen hätten, aber niemand gehandelt. Vinnen wenigen Tagen nach meiner Ernennung zum Reichs- kommiffar für Preußen verschmolzen w i r 58 kreise mit größeren kreisen und vereinfachten die Verwaltung durch Aufhebung von 60 Landralsstellen. In derselben Richtung beabsichtigen wir weitere verwal- tungs- und Finanzreformen zu verwirklichen, die sowohl im Reich als auch in Preußen einer
Lösung dringend bedürfen.
Als der Vertreter der Associated Preß den Reichskanzler darauf aufmerksam machte, daß einige amerikanische Zeitungen das Ergebnis der Reichstagswahl in dem Sinn interpretierten, daß 60 Prozent des neuen Reichstages antirepublikanisch eingestellt seien, womit sie Vie Nationalsozialisten, die Deutschnationalen und die Kommunisten meinten, erklärte Herr v. Papen: Die Frage der Staatsform steht nicht im geringsten zur Debatte. Das stand auch bei der Wahl nicht zur Debatte. Das ganze deutsche Volk ist darum besorgt, sein Haus in Ordnung zu bringen, und wir haben keine Zeit, an die Staatsform zu denken.
Zu den außenpolitischen Problemen übergehend bemerkte der Reichskanzler, daß die deutsche Re-
Bon unserer Berliner Redaktion.
Berlin, l.Aug. In alten seinen Wahlreden hatte der deutschnationale Parteiführer Hu gen- 6er g als Hauptziel seiner Partei die Berhin- derung eines Bündnisses zwischen Zentrum und Nationalsozialisten im neuen Reichstag hingestellt. Wenige Tage vor der Wahl wandte sich die deutschnationale Agitation mit außerordentlicher Schärfe gegen den Nationalsozialismus. „Am Sozialismus gehen die Bölker zugrunde!" verkündete ein riesiges Wahlplakat in Berlin. Für die Deutschnationalen hätte eine klare Rechtsmehrheit zusammen mit de nNationalsozialisten deshalb eine erheblich stärkere Bedeutung als für die Hitler- Partei selbst gehabt, die stark genug ist, um sich ihre Verbündeten dort suchen zu können, wo sie sie findet. Hugenbergs Befürchtungen, daß er mit seiner Partei praktisch ausgeschaltet sein würde, wenn ein Bündnis Zentrum—Nationalsozialisten zustande käme, sind eingetroffen. Mit 387 Mandaten verfügen Zentrum und Hitlerpartei über die absolute Mehrheit im neuen Reichstag der 607 Mann.
Im deutschnationnlen Lager sind die Meinungen über den einzuschlagenden Weg geteilt. Der aus dem Alldeutschen Verband hervorgegangene Flügel, dem neben dem Parteiführer Hugenberg der Abg. Dr. Dang sowie Professor Freiherr von Lorring- Hoven angehören und dessen Organ die „Deutsche Zeitung" ist, vertritt den Standpunfl, unter keinen Umständen zusammen mit dem Zentrum sich an der Regierungsbildung zu beteiligen. Man schließt auf ein Nachlassen der nationalsozialistischen Werbekraft in den rein protestantischen Landesteilen des Oens und Nordens, wenn die Zusammenarbeit Hitlerpartei—Zentrum zustande kommt. Gerade diese Wahlkreise, Frankfurt (Oder), Pommern, Breslau, Oppeln, Mecklenburg und Schleswig- Holstein, in denen früher die deutschnationalen Hochburgen lagen und in denen bei dieser Wahl die deutschnationalen Stimmen erneut zurück- gegangen sind, würden, so erhofft man es beim alldeutschen Flügel der Partei im selben Augenblick
gierung nicht eine Politik der Autor- kie zu ihrer Hauptpolitik mache. Er sagte: Die autaüischen Bemühungen, die wir machen, sind uns durch die Weltlage aufgezwungen worden und sind nicht aus unserem Willen hervorgegangen. Wir wollen ebensosehr wie ir. gendeine andere Nation daran Mitarbeiten, daß die Zollmauern niedergelegt werden und der Güteraustausch erleichtert wird. Leben und leben lassen ist unser Wahlspruch.
Gegen Lude des Interviews mochte der Vertreter der Associated Preß den Reichskanzler darauf aufmerksam, daß die Linkspresse der Regierung zum Vorwurf mache, daß sie gegen kommunistische Ausschreitungen Stellung nehme, aber nicht sage, d«ß die Raki o n a l s o ; i a t i st e n sich Gesetzesübertretungen zu schulden kommen ließen. Der Reichskanzler erwiderte daraus unverzüglich und bestimmt: wer auch immer nochgewiesenermaßen für die Zwischenfälle verantwortlich ist, wie für die bedauerlichen Ereignisse in Königsberg, wird erfahren, daß wirentschlossensind, rasch und summarisch mit ihm zu verfahren. Der Reichskanzler verneinte, daß die Absicht bestände, die Kommunistische Partei für außerhalb des Gesetzes stehend zu erklären.
mit Millionen von Wählern zur Partei zurück- kehren, wo der Pakt Zentrum—Hitlerpartei geschlossen wird. Hugenberg selbst, der gefühlsmäßig jeder Koalition mit dem Zentrum abgeneigt ist, wird jedoch keine Entscheidungen fällen, ehe nicht der andere stärkere Flügel seiner Partei zu Wort gekommen ist.
Der iskttteiflügel, der eine gememfame Koalition mit Hitlerpartei und Zentrum befürwortet, wird geführt von Professor Dr. Spahn, Staatsminifter Herat und besonders von dem prominenten Stahlhelmführer Dr. Stad - I e r. Auch der Reichsinnenminister Freiherr von G a y l, der bis vor kurzem den Deutschnationalen noch angehörte, dürfte ebenso wie der Kammerherr von Oldenburg-Januschau, der dem neuen Reichstag nicht mehr angehört, einen Einfluß dahingehend ausüben, die Deutschnationa- len zu einer Koalitionsbeteiligung zu bewegen. Dennoch verkennt man auch hier nicht die Gefahr, daß ein unmittelbares Finden von Zentrum und Nationalsozialisten praktisch die Deutschnatwnal^n ausschalten könnte. Es ist deshalb bei dem zu einer Zusammenarbeit bereiten Parteiflügel der Wunsch aufgetucht, Hugenberg oder eine den Deutschnationalen nahestehende Persönlichkeit von staatspoliti- schem Rang möge von sich aus der Mittelsmann zwischen den drei Parteien bilden, die allein für eine Regierungsbildung in Frage kommen. Ob es für eine solche Vermittlerrolle der Deutschnationalen nicht zu spät ist, und ob nicht bereits vor der Wahl eine direkte Fühlungnahme zwischen Zentrum und Nationalsozialisten stattgefunden hat, bleibt abzuwarten.
Goebbels fordert Ltebernabme der Regierungsgewatt durch die NSDAP.
Rom, 2. Aug. (LRV.) Ein italienisches Blatt veröffentlicht eine Unterredung seines Berliner Vertreters mit Dr. Goebbels, der die Ueber- nähme der Regierungsgewalt durch die R a t i o n a l f o z i a l i st e n als die einzige Möglichkeit bezeichnet. Ls wäre ein verbrechen gegen das deutsche Volk und das deutsche Vaterland, sagte
Der Kurs der Deutschnationalen.
Kampf mit geistigen Waffen nennt, bald als solche entlarvt. Amtlich wurde festgestellt, daß Seipel keine Familie habe. Die Mutter, die Portiersfrau in Meidling war, starb schon vor Jahrzehnten. Als ob das nicht selbstverständlich wäre... Der Gedanke, daß Ignaz einmal mit anderen Kindern im Park gespielt haben soll, daß er eine blonde Cousine hat oder einen trinflreudigen jovialen Onkel, ist absurd. Es wird auch nicht so gewesen sein. Ich keime eine Photographie, die Seipel als Abiturienten im Kreise seiner Mitschüler zeigt. Es war keine Fülle der Gesichte — nur eine Menge von Gesichtern, unter denen ein einziges Ausdruck zeigt. Klugen, abweisenden und etwas unbeteiligten Ausdruck. Er mochte damals achtzehn oder neunzehn Jahre alt sein. Heute ist er fünfzig oder etwas mehr. Aber sein Gesichtsausdruck ist der gleiche geblieben: klug, abweisend und etwas unbeteiligt. Heber Kleinigkeiten wie Raum und Zeit ist er erhaben. Zumindest müßten es schon Äonen sein.
Der Bundeskanzler von Oesterreich ist seitdem noch einige Male photographiert worden. Seine Gesichtszüge sind es, die das österreichische Antlik trägt. Seine Maske. Seipel sollte man eigentlich nicht photographieren. In Bronze gegossen oder in Stein gehauen — so sollte er der Nachwelt über
liefert werden. So tritt er der Umwelt entgegen. Ein wandelndes Standbild. Manchmal hebt er seine weißen Hände mit beschwörender Geste hoch zum Himmel. Es ist, als wollte er den Urteilsspruch der allerletzten Instanz anrufen, weil alle Instanzen dieser Erde jämmerlich versagen. Und Tubatöne des jüngsten Gerichts dröhnen in feiner Kanzelrednerstimme mit, wenn er, klastische Perioden ins Deutsche übertragend, erklärt: „Die Regierung bedauert. nicht in der Lage zu fein, den Wünschen der Postassistenten, Besoldungsgruppe vier, in weiterem Maße Rechnung tragen zu können ..
Seipels Lebenslauf.
Ignaz Seipel wurde 1876 in Wien geboren. Seine Borfahren stammen aus Wien und Niederösterreich und gehören bürgerlichen, meist handwerklichen Kreisen an. S. besuchte die Volksschule, das Gymnasium und die Llniversität in Wien. Nachdem er 1899 zum Priester geweiht worden war, wirkte er kurze Zeit in der praktischen Seelsorge. 1902 trat er als Religionslehrer an der Lehrerinnenbildungsanstalt in Wien in den Staatsdienst ein. 1908 wurde er Privatdozent für Moraltheologie an der Wiener Universität. 1909 ordentlicher Professor in Salzburg. Seit 1917 wirkte er dann an der Wiener Tlniversität. .
In die aktive Politik kam S. durch sein 1916 erschienenes Buch „Nation und Staat" und seine 1917 erschienene Schrift „Gedanken zur österreichischen Derfassungsreform". Oktober 1918 trat er in das letzte k. k. Kabinett unter Lammasch als Minister für soziale Fürsorge ein.
Seine Bedeutung als Politiker und Staatsmann großen Formats konnte Seipel in der nach dem Zusammenbruch begründeten Republik Oesterreich erbringen. Er hatte nahezu zehn Jahre die Führung der größten bürgerlichen Partei, der Christ- lichsozialen Volkspartei, inne und brachte das überaus schwierige Werk der Sanierung der durch den Krieg und die Inflation zerrütteten Staatsfinanzen zustande. 1922 trat Seipel als Bundeskanzler zum erstenmal an die Spitze des österreichischen Staates.
Außenpolitisch ging unter feiner Kanzlerschaft die Aufhebung der Militärkontrolle vor sich, das Schuldenarrangement mit den Vereinigten Staaten von Nordamerika kam zustande und das Völkerbund- Kontrollkomit« erklärte sich grundsätzlich mit der Ausgabe einer Anleihe zu Jnvestitionszwecken einverstanden. Im Kabinett Daugoin vom 30. 9. bis 29. 11. 1930 hatte Seipel das Portefeuille für Auswärtiges inne. Am 1. 6. 1924 wurde Söipel auf dem Wiener Südbahnhofe von dem Spinnereiarbeiter Karl Jaworek durch Pistolenschüsse schwer verletzt.


