Bezirkstagung der Vertrauensmänner der Angestelltenversicherung
Am Sonntag fand in Frankfurt a. M. eine aus allen Teilen Hessens und Hessen-Rcmssaus gut besuchte Tagung der Vertrauensmänner der Angestelltenversicherung statt, an der etwa 300 Vertrauensmänner der Versicherten und ihrer Arbeitgeber, Vertrauensärzte usw. teilnahmen.
Der Präsident der Reichsversicherungsanstalt für Angestellte Griehrneyer (Berlin) machte zu dem gedruckt vorliegenden Geschäftsbericht der RfA. un£ über die gegenwärtige Lage der Ver- sicherung'inter^ssante Ausführungen.
Die finanzielle Lage der Angeslelllenversicherung bezeichnete er auch heute noch als gesund. Die laufenden Renten seien durch Rücklagen gedeckt, die auch im abgelaufenen Gefchäfisjahr noch vermehrt werden konnten.
Der enge Zusammenhang zwischen der Lage der Wirtschaft und der Lage der Angestelltenversicherung wurde in der letzten Zeit immer deutlicher, so daß eine vorsichtige Behandlung der finanziellen Fragen notwendig sein werde. Präsident Griehrneyer lehnte energisch die seit längerer Zeit erhobenen Forderungen der Invalidenversicherung an die Angestelltenversicherung ab. Dieser Streit wurde endgültig im Jahre 1927 durch eine Leistung der Angestelltenversicherung erledigt. Besonders bemerkenswert waren die Darlegungen des Präsidenten über die Auswirkungen der letzten Notverordnung vom 8. Dezember 1931 auf die Angestelltenversicherung. Er geißelte die Verletzung wesentlicher Rechte durch die Reuregelung der Wartezeit für das Altersruhegeld und für die weiblichen Versicherten, durch die Festsetzung der Altersgrenze auf 15. Jahre für Waisenrente und Kinderzuschuh, sowie gewisse Vorschriften hin° sichtlich des Ruhens der Renten, die den gerade in der Angestelltenversicherung stark ausgeprägten Verficherungscharakter ganz unberücksichtigt lassen.
Der Vortrag des Präsidenten Grieß meher machte einen guten 'Eindruck, was in der nachfolgenden Aussprache auch zum Ausdruck kam. Gauvorsteher Auerbach vom DHV. begründete dann vier vom Ortsausschuß Frankfurt a. M. bereits •angenommene Entschließungen, die sich
gegen die Forderungen der Invalidenversicherung an die Angestelltenversicherung sowie die in der Vierten Jtofoerorbnung enthaltenen Leistungs- Verschlechterungen in der Zlngeslelltenversicherung
richteten und sich für den Ausbau der Selbstverwaltung in der Angestelltenversicherung aussprechen.
Eine weitere Entschließung wurde gegen die durch die Presse bekanntgewordenen geplanten neuen Eingriffe in die Angestelltenversicherung gefaßt, die folgenden Wortlaut hat:
„Die in Frankfurt a. M. am 29. Mai 1932 stattgefundene Dezirkstagung der Ortsausschüsse der Vertrauensmänner der Angestelltenversicherung warnt die Reichsregierung dringend, erneut unter Mißachtung der vom Herrn Reichsarbeitsminister besonders in der letzten Zeit als notwendig betonten Selbstverwaltung durch Rotverordnung eine Umgestaltung der Angestellten Versicherung vvrzunehmen, da zu solchen Zwangsmaßnahmen nicht die geringste Veranlassung vorliegt. Das Vertrauen der Angestellten und ihrer Arbeitgeber zum Staat würde durch solche Maßnahmen des Ministeriums aufs schwerste erschüttert und der Sinn jeder Selbstverwaltung und Selbstverant- wortung zerstört werden. Die Dezirkstagung erwartet, daß etwa notwendig werdende Gesetzesänderungen nur nach Anhörung und im Einvernehmen mit der Angestelltenversicherung auf dem ordentlichen gesetzgeberischen Wege vorgenommen werden."
Die Entschließung wurde dem Reichspräsidenten, dem Reichskanzler und dem Reichsarbeitsminister zugeleitet. Bemerkenswerte Ausführungen wurden insbesondere noch von dem Mitglied des Direktoriums der RfA., Frl. Mleinek. Berlin, gemacht, die sich im Gegensatz zu einer von Arbeitgeberseite ergangenen Anregung auf Herabsetzung der Versicherungspflichtgrenze und neue Staffelung der Beitragsklassen für den Wegfall der Dersicherungspflichtgrenze einsetzte.
Aus dem Schlußwort des Präsidenten ist die Erklärung bemerkenswert, daß
feine Anweisung an die Vertrauensärzte bezüglich strengerer Prüfung der Heilverfahrensantrage
ergangen fei. Die Vertrauensärzte brauchten nicht die Interessen der RfA. zu wahren, sondern hätten sich bei ihrem Urteil nur nach dem Gesundheitszustand der Antragsteller zu richten.
Die Tagung zeigte immer wieder den starken Abwehrwillen der Versicherten und ihrer Arbeitgeber gegen ungerechtfertigte ZwangSeingriffe in ihre StandeSversicherung.
12 000 Bilder über Land und Leute von den nichtchristlichen Völkern umfaßt. Die Führung von Oberlirchenrat Zentgraf selbst vermittelte einen nachhaltigen Eindruck von dem umfangreichen Material aus aller Herren Länder.
Mit der (Eröffnung der Ausstellung sind verschiedene Fachtagungen von Missionsfreunden, Religionslehrern und Geiftlickzen verbunden, auf denen anerkannte Forscher auf dem Gebiet des Missionsdruckwesens zu Worte kommen.
Verband der hessischen Kreise und Provinzen.
Friedberg, 1. Juni. (WSN.) Unter der Lei- tuna des Provinzialdirektors G raef fand hier im großen Hörsaal des Polytechnikums eine Mit- gliederversammlung des Verbandes der hessischen Kreise und Provinzen statt. Innenminister Leuschner hatte der Versammlung durch ein Telegramm die Wünsche der Regierung für einen erfolgreichen Verlauf der Verhandlungen ausgesprochen. Als Vertreter des Finanzministeriums war Ministerialrat Dörr erschienen. Im Mittelpunkt der Verhandlungen stand der Geschäftsbericht des Verbandes, der über die zahlreichen Betätigungsgebiete des Verbandes Aufschluß gab. Vor allem aber waren Referate von Bedeutung, die der Präsident des Deutschen Landkreistages Dr. von Stempel über das Thema „Aktuelle Fragen aus dem Leben der Kreise" und Beigeordneter Berthold von der gleidjcn Organisation über das Thema „Finanz- ausgleich auf Grund des Popitzschen Gutachtens" hielten. In beiden Referaten wurde die Dringlichkeit der Lösung des Arbeitslosenproblems und der Frage des Finanzausgleichs unter Wahrung des Grundsatzes der Selbstverwaltung der Kommunalverbände betont.
Ferner wurde noch folgende Entschließung einstimmig angenommen: „Der Verband der hessi- scheu Kreise und Provinzen hat sich in seinen Mitgliederversammlungen fast alljährlich mit der Ver-. sichcrungsan'stalt der gemeindlichen Beamten befaßt und verlangt, daß die Kreise und Provinzen in der gleichen Weise wie die Gemeinwesen mit Städteordnung von der Versicherungspflicht für ihre Beamten, Angestellten und Arbeiter befreit werden. Er muß zu seinem Bedauern feststellen, daß dieser Forderung seither keine Rechnung getragen worden ist. Er beauftragt deshalb den Vorstand, in seinen Bemühungen, das vorgenannte Ziel zu erreichen, nicht nachzulassen."
Oberheffen.
Lanorreis Gießen.
<£ Aus dem Buseckertal, 1. Juni. Durch das günstige Wetter der letzten Tage haben die F e l d f r ü ch t e einen guten Stand erfahren. Abgesehen von den Stellen, wo es durch zu viel künstlichen Dünger zu lagern beginnt, steht das Korn ausgezeichnet. Ebenso zeigen Gerste, Weizen und Hafer einen günstigen Stand. Ferner kann man eine gute Heuernte erwarten. Das Steinobst, ebenso auch die Birnbäume, haben gut angesetzt. Das Beerenobst zeigt einen so reichen Behang, wie er seit Jahren wohl nicht zu verzeichnen ist.
# Vteber-Veffingcn, 1. Juni. Dieser Tage begingen die Eheleute Konrad Schroder II. und Frau Katharina, geb. Appel, das Fest der goldenen Hochzeit. Die Ehegatten befinden sich noch in guter Gesundheit. Die Jubilarin ist seit 48 Jahren als Hebamme in unserer Gemeinde täÄg und hat sich während dieser Zeit durch Gewissenhaftigkeit und Tüchtigkeit das Vertrauen der ganzen Gemeinde erworben. In feierlichem Zuge unter Begleitung des Pfarrers und des hiesigen Kirchenvorstandes ging es zur Kirche. Hier fand eine Feier statt, in der Stiftspfarrer „NAWM
Vornan von Gert Gothberg.
Copyright by Martin Feuchtwanger, Halle.
(Schluß.)
Draußen empfing man Aenne mit fröhlichem Gelächter. Kurz darauf sah sie im Auto, und weiter ging es.
Der Wagen hielt in der Tiergartenstrahe vor einer der eleganten Villen. Ein Diener in protziger Livree empfing sie und führte sie eine mit breitem, rotem Läufer belegte Treppe hinauf.
Aenne Ohlen sah sich ängstlich um. Aber Hede und Johanna schienen hier bekannt zu sein.
Oben begrüßte sie ein kleiner, untersetzter Herr. Er lachte vergnügt. Dann musterte er sehr eingehend das Mädchen, das seine beiden Freundinnen mitgebracht. Da wurden seine Augen groß und starr.
Was war denn das hier für eine selten schöne Blume? Hub die war wohl gar zum ersten Male in solcher Gesellschaft? Donnerwetter! Sein Kennerblick hatte den edlen Wert deS blonden, fein- gliedrigen Mädchens fcftgeftellt.
Hedes Augen leuchteten eifersüchtig auf. Da lenkte Bankier Lorenz klug ein. Er küßte feiner Freundin die Hand.
„DaS hast du ja glänzend gemacht. Ein Freund von mir, über alle Maßen verwöhnt, der kommt! ilnb nun bente ich, daß wir das Passende für ihn haben", flüsterte er.
Da lachte Hede.
Ein langer blonder Herr erschien. Lorenz stellte vor:
„Baron Henkels. Run fehlt nur noch der Doktor. Ra, hoffentlich läßt er uns nicht allzulange warten. Ich habe ein erstklassiges Diner aufam- mengeftellt Ra, gehen wir einstweilen ins Rauchzimmer "
Die Mädchen legten ab. Lorenz und Henkels blickten wie gebannt auf Aennes blonde, junge Schönheit in dem einfachen, schwarzen Samtlleide.
Baron Henkels warf seinem Freunde einen Blick au. der soviel hieß wie: „Ranu?" Worauf der Bankier nur mit einem Achselzucken antwortete, ihm aber später zuflüsterte:
-Für Ansbrück reserviert: sonst rückt der womöglich schon zeitig ab.“
„Ach so!"
Es klang ärgerlich. Aber Henkels fand, daß Johanne auch sehr niedlich sei. Für heute mußte er zurückstehen. Aber wenn er doch nur klar sehen könnte! Die Große, Dunkle, daS war bestimmt mondäne Geschäftswelt. Vielleicht auch Johanne!
2lber die Blonde doch nicht! Die bestimmt nicht. Wie kam das Mäbelchen bloß in das Haus des Bankiers?
Sie saßen alle in sehr bequemen Sesseln um einen großen, runden Tisch, tranken Portwein
D r a u d t, Lich, eine erhebende Ansprache hielt. Der gemischte Chor ehrte das Jubelpaar mit dem Dachschen Choral „Befiehl du deine Wege". Arn Abend brachte bet Posaunenchor Lich noch einige Choräle zum Vortrag.
Kreis Büdingen.
? Aus b e m Vibbatal, 1. Juni. Infolge der feuchten Witterung im Mai hat sich bie Winterfrucht so stark entwickelt, daß die Landwirte Lagerung noch vor dem Blühen befürchten. Fast jedes Saatkorn der Herbstsaat ist aufgegangen. Dazu kam noch eine starke Bestockung, da allenthalben gut gedüngt ist. So steht heute bei der Winterfrucht Halm an Halm, was bie Lagerung begünstigt. Trockenes Wetter könnte sie vielleicht noch aufhalten.
Kreis Schotten.
D ßaubad), 1.Juni. Am Sonntagnachmittag konnte die hiesige Kleinkinderschule bei sehr gutem Besuch im Stiftsgarten ihr diesjähriges
und rauchten. Das heißt, Aenne rauchte nicht.
Still saß sie da. ilnb plötzlich war es ihr, als höre sie die Stimme der Mutter: „Bleib ehrenhaft, Aenne! Ich will nicht nach jener Rächt fragen. Liebe ist das Köstlichste für einen jungen Menschen. Doch hilf nie, diese Liebe entwürdigen. Wenn dir kein Glück bestimmt ist, dann verzichte lieber! Suche dir kein Scheinglück im Sumpf!"
Aenne blickte sich um. So deutlich, so klar hatte die Stimme der Mutter geklungen, bah Aenne vermeinte, sie müsse dicht hinter ihr stehen.
Sie stand auf. Mit großen Augen blickte sie auf bie vier Menschen, bie so frei und fröhlich einander zutranken, sich frei und fröhlich zueinander bekannten.
Die Mutter hat mich gewarnt! Das hier hat ja mit einem Flug in bie Sonne nichts zu tun. Richts! ilnb deshalb muß ich heim!, dachte sie entsetzt.
„Was hast bu benn?“ •
Hebe fragte es lachend.
„Rimm es nicht übel, Hede! Ich will - lieber wieder gehen. Ich tauge nicht zum Fröhlichsein.“
Sie lachten laut auf, wenngleich in den Augen der beiden Herren bei diesem Lachen etwas Seltsames aufblihte. Hede und Johanne sprangen auf und umarmten Aenne.
..Du, das wäre! Es soll schon noch lustig werden, kleiner Angsthase! ilnb dein Kavalier wird schon noch kommen. Du langweilst dich jetzt. Das kann man ja verstehen."
„Das ist es nicht. Es ist gut, daß er nicht kommt, Den ihr für mich bestimmt habt."
„Bist du verrückt?"
Johanne fragte es drohend, aber Hede lachte noch immer.
Laut sagte sie jetzt:
„Ihr müßt nämlich wissen, daß sie immer da- beim sitzt, Abend für Abend. Wir wollten sie einmal fröhlich machen, und nun dankt sie es uns so."
Aenne ging zur Tür. Zart, schlank und blond stand fte dort, bildschön in ihrer einfachen Vornehmheit.
Die beiden Mädchen in ihren kostbaren, gewagten Toiletten mochten es selbst fühlen, daß sie abstachen gegen das blonde Mädchen. Unvorteilhaft abstechen muhten.
„Verdirb den Abend nicht, Aenne, und sei endlich vernünftig!" sagte Hede.
Aenne schüttelte nur den Kopf.
Zwischen der Portiere, an der gegenüberliegenden Tür stand eine hohe Gestalt im eleganten Smoking.
Rudolf Ansbrück! Von allen unbemerkt, stand er schon eine ganze Weile dort und hatte alles mitangehört. Seine großen Augen ruhten auf Aenne. Langsam trat er vor.
Sie sahen ihn, nur Aenne noch nicht. Fröhlich riefen sie ihm zu, daß es die höchste Zeit fei, daß er komme. Der scheue, kleine Vogel habe eben wegfliehen wollen ,
So mm er fest halten, woran sich unter dankenswerter Mitwirkung der Kapelle des Laubacher Musikoereins alt und jung beteiligte. Auf dem Spielplatz hinter dem gräflichen Iohann-Friedrich-Stift herrschte frohes Treiben. Die Spiel- und Gesangsdarbietungen der Kleinen, die von Schwester Gretchen und Fräulein Janson eingeübt worden waren, fanden wohlverdienten Beifall. Nach dem Spielen und Singen wurden die Kinder verköstigt, was durch eine Spende Ihrer Durchlaucht der Gräfin Johanna zu Solms - La ubach ermöglicht worden war. Außerdem fand ein Bazar zum Besten der Kleinkinderschule statt, bei dem schöne Sachen zum Verkauf kamen. Das finanzielle Ergebnis war sehr gut. Pfarrer Kornmann hielt die Festansprache, wobei er besonders auf die fegens- reiche Einrichtung der Kleinkinderschule hinwies und allen Spendern und insbesondere auch denen herzlich dankte, die in stiller Vorarbeit vieles geschaffen und am Festtage selbst zum Gelingen geholfen haben. Die Veranstaltung war für die Kinderschule
Aenne wandte sich um, blickte in bie flammenden Augen von Rudolf Ansbrück. Das Zimmer drehte sich im Kreise: bie Gesichter der beiben Männer verschwommen, diejenigen von Johanne und Hebe wirkten verzerrt.
Rur Rudolf Ansbrück schritt auf sie zu, mit finsteren, harten Augen Rechenschaft fordernd über ihr Hiersein.
Mit einem ächzenden Aufschrei sank sie zu Boden. Ansbrück aber winkte dem Bankier:
„Lieber Lorenz, bas glaube ich, - daß sie sich wehrt, hierzubleiben. Sie paßt auch gar nicht hierher. Ich muh Aufklärung haben. Bitte, amüsieren Sie sich zu vieren! Ich nehme baS junge Mädchen mit mir.“
„W—as?"
»Sie haben • noch nie schwer gehört, Lorenz. Ich nehme das junge Mädchen mit mir. Vielleicht gebe ich Ihnen später mal eine Qhifflärung. vielleicht auch nicht. Das kommt ganz auf bie llmftänbe an. Verständigen Sie bitte Ihren Diener, damit er die Mäntel bringt.“
Ansbrück nahm Aenne auf seine Arme: eine leichte Verbeugung gegen den Tisch, dann ging er schnell hinaus.
*
Aenne erwachte. Ein matt erhelltes Zimmer. Wo war sie? Das war doch nicht ihr Zimmer? Hastig richtete sie sich auf.
Das Zimmer kam ihr bekannt vor. Aber wo war sie denn nur?
Da zerriß der Schleier vor ihrem Denken. Eie war im Hause irgendeines, reichen Mannes. Hebe und Johanne hatten sie mitgenommen, ilnb bann hatte sie fortgewollt. Unb sie hatten sie alle vier auSgelacht.
Dann war plötzlich Rubolf AnSbrück da! Hatte sie so furchtbar angeblickt.
2Ienne sprang auf.
»Sie haben mich hierhergelegt. War ich ohnmächtig? Ich will fort. Ich muh es. Ich — jetzt denkt Rudolf Ansbrück schlecht von mir, und ich habe doch nie etwas getan, wessen sich meine Liebe zu ihm hätte schämen müssen. Daß er mich damals in der Klinik, in der die arme Marga lag, mit Verachtung strafte, das war doch das Furchtbarste, was mir baS Leben bringen konnte. Er braucht cS heute nicht zu glauben, daß ich nicht wuhte, wohin man mich brachte. Ich wollte doch auch wieder heim, als ich erkannte, was für eine Gesellschaft eS war. Ich — ich liebe Rudolf Ansbrück, und nun verachtet er mich!"
Aenne hatte das alles leise vor sich hingeweint. Sie blickte sich suchend um. Wo war nur ihr Mantel? Sie würbe ihn nicht von dem Diener verlangen. Mochte er hierbleiben. Es war ja jetzt alles gleich.
Aenne ging zur Tür. Da wich sie zurück. Rubolf Ansbrück!
Er kam auf sie zu, lächelte:
„Aenne, vergib mir! Beinahe wärest bu durch meine Schuld in ein furchtbares Leben hknein-
ein voller Erfolg. — Am Sonntagabend fand hn Saale des „Solmser Hofes" eine von dem G e- sangverein „Harmonie" veranstoltett „G oeth e-F ei er" statt. Sie von den Dereins- mitgliedern vorgetragenen Chöre und musikalischen Darbietungen zeigten, daß die Leistungen auf einer guten Stufe stehen. Die Festansprache jjielt der derzeitige Dereinsdirigent Reallehrer S) a a s. Der Abend war für die „Harmonie" in jeder Beziehung als wohlgelungen anzusehen.
Kreis Lauterbach.
* Lauterbach, 1. Juni. Der Führer der Äa- tionalsozialistifchen Deutschen Arbeiterpartei Adolf Hitler wurde durch Beschluß der Gemeinderäte zum Ehrenbürger der Gemeinden Stockhausen, Bermuthshain, Salz und Q u e ck ernannt. In Stockhausen und Salz erfolgte die Ernennung durch einstimmigen Ge- meinderatsbeschluh, in Queck kam der Beschluß mit sechs gegen fünf Stimmen zustande.
Preußen.
Kreis Wetzlar.
(D Krofdorf • Gleiberg, 1. Juni. Am Sonntag fand in der Gastwirtschaft' von Ed. Moos die Generalversammlung der Spar-- d Kredit k a s s e Krofdorf-Gleiberg statt, an der auch eine Anzahl auswärtiger Mitglieder teilnahm. Der Vorsitzende des Aufsichtsrates, K. Feuser, leitete die Versammlung. Der von Vorstandsmitglied Lehrer Praß erstattete Jahresbericht ging insbesondere auf die FinanzHustände seit der Juli- krise ein, deren gesteigerte Anforderungen an die Kasse verhältnismäßig gut überwunden worden seien. Das Vertrauen der Spareinleger sei der Genossenschaft erhalten geblieben. Anerkennende Worte widmete der Referent dem Genossenschaftsoerband, der nunmehr als Einheitsverband sein erstes Jahr genossenschaftlicher Arbeit in guter Bewährung, trotz der schlechten Verhältnisse, hinter sich habe. In der Zinsenfrage hätte der Verein wenig Gebrauch von den einschneidenden Bestimmungen der Notverordnungen zu machen brauchen, was für die Schuldner eine große Erleichterung bedeutet hätte. Mit der Ermahnung, weiterhin treu zueinander zu stehen, Mutlosigkeit nicht aufkommen zu lassen, und an Deutschlands bessere Zukunst zu glauben, schloß der beifällig aufgenommene Bericht. Rechner W. Wagner verlas und erläuterte die Bilanz des Jahres 1931, die in Aktiva mit 349 310,39 Mark und in Passiva mit 348 303,25 Mark abschloß, so daß ein Reingewinn von 1007,14 Mark verblieb. Die Spareinlagen einschließlich ^lufwertungssoareinla- aen zeigten einen Stand von 279 723,33 Mark. Die Mitgliederzahl betrug 259. Die Versammlung verzichtete auf das Recht der Nachprüfung und ent« lastete einstimmig Vorstand und Aufsichtsrat. lieber die Verteilung des Reingewinnes wurde wie folgt beschlossen: Die Geschäftsanteile werden mit 10 v. H. verzinst, dem Reservefonds werden 200 Mark zugeschrieben und der Rest der Betriebsrucklage.
Maingau.
WSR. Frankfurt a. M., 1. Juni. Als man ' Mittwoch früh im älntersuchungsgefängnis bie Zelle des wegen Devisenvergehens in Hast befinblichen Optikers Bernhard P l a rn b e ck aus Altona öffnete, fand man ben Zellenbewohner t o t vor. Er hatte sich an einem Bettuch erhängt. Plambeck war am Rachmittag vorher mit seiner Frau zu j e drei Monaten Gefäng- n i s und 12 000 Mark Geldstrafe verurteilt worben, außerbem wurden seine I G. - Farbenaktien im Rominalwert von 29070 Mark beschlagnahmt. Der 57jährige Mann, der in Haft behalten wurde, dessen Fräst abqr aus bet Haft entlassen worden war, rief nach der Verhandlung, in der er einen sehr gedrückten Eindruck machte, seiner Frau zu: „Wir sehen uns nicht mehr wieder." Der noch unbestrafte Mann ließ den Worten die Tat folgen, da er durch die Strafe vor d4m Ruin stand.
gestoßen worden. Ich habe dich zu lange warten lassen, Kind."
„Rein! Ich habe nicht mehr gewartet. Es war ja auch so verständlich: Sie, der reiche, vornehme Mann, und ich! Es war ein Traum, dem bald genug die rauhe Wirklichkeit folgte. Ich habe mich nicht in solch ein Leben gesehnt, wie ich es heute sehen mußte. Ich bin mitgegangen, weil ich glaubte, eS handle sich um eine Gesellschaft fröhlicher, harmloser, junger Menschen. Ditte, lassen Sie mich hinaus!"
„Rein. Du bleibst bei mir, kleine Aenne! Wir fahren morgen früh nach England und lassen uns trauen. Von da aus fahren wir zu Mister Harrison und feiner gütigen Gemahlin. Sie haben unS cingelaben. Mistreh Harrison weih, daß wir sie damals irregeführt haben, und sie hat den fleinen Betrug großmütig verziehen. Mister Harrison weiß nichts. Er wird sich sehr freuen, bie schöne, kleine Frau Doktor Ansbrück wiederzusehen. Ich glaube, der gute alte Herr hatte sich sogar ein bißchen in dich verliebt."
Aenne wich immer weiter zurück. War er betrunken? Was sollte das alles? Oder träumte sie noch immer?
Da zog er sie an sich, küßte sie zärtlich.
„Mädelchen, liebes, glaub es doch! Ich Hebe dich, liebe dich wie einst. Du sollst ja alles wissen, weshalb ich nicht kam. Rur jetzt sage mir endlich, baß du mich noch lieb hast!"
Aenne lehnte den Kopf müde an seine Brust:
„Es ist ja nicht Wirklichkeit. Das nicht. Das kann nicht sein! Das Glück würde mich toten. Ich war so lange allein."
Er küßte sie heiß, streichelte baS blonde Haar.
„Aenne, hab mich doch wieder lieb! Sag mir aber doch nur bas eine noch schnell: Warst bu jemals verlobt?"
Groß unb wahrhaft ruhten ihre Augen in ben seinen.
„Verlobt? Vie! Ich schwöre eS dir. Ich habe immer und immer nur dich geliebt. Rur immer dich — dich! Es hat mich nie ein Mann geküßt außer bir!“
„Du!"
Geschäftig tickte bie Uhr; ganz still war eS ringsum. Von Rudolf Ansbrück fiel ein furchtbares Leben ab. Roch einmal fand er sich zurück in eine reine, große, alles in sich schließende Liebe.
Fast andächtig küßte er ben kleinen Münd, der ihm entgegenblühte.
„Jetzt fliegen wir in das Glück, in die Sonne“, sagte der Mann leise unb zärtlich.
„Mein Flug in bie Sonne!"
Cs war nur ein Flüstern voll unermeßlichen Glücks.
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Unser Roman „Ich hole dich, Aenne* von Gert Rothberg, ber von unseren Lesern mit besonderem Interesse gelesen würbe, ist im Verlag Martin Feuchtwanger, Halle (Saale), in Buchform erschienen. — (139)


