welcher Seife fte auch kommen sollte, kann dem öin^elnen die Sorge um feine wirtschaftliche 6ft- fteTLj obnehmen. ©4 gibt auch keine Lösung der unendlich schwierigen auhenpolitischen Fragen, die nicht aus der eigenen Kraft Deutschland« beruht. Der Hilfe und Rettung vom Ausland erwartet, die wir uns nicht selbst errungen haben, gibt sich ebenso (Illusionen hin. wie der, der glaubt, man könne da« deutsche Volk vom Wettgeschehen abschliehen. 64 kommt daraus an, dem vom Reichskanzler Brüning mit der ganzen Kraft und dem Verantwortung«- bewuhtsem seiner Persönlichkeit eingeleiteten Kamps um die Reugestaltung der wirtschaftlichen Freiheit Deutschland« und um das unverzichtbare Recht der Dehrsreiheit durch stetige mühsame ■arbeit d i e innere Kraft zu geben. Sie bad nicht gebrochen werden durch Enttäuschungen über unerfüllte Dünsche, die den Roden der Wirklichkeit verlassen haben.
Ich habe Verständnis dafür, daß aufstrebende Kräfte sich ein Fernziel bilden und mit dem Mythos einer neuen Geschichtsepoche verklären. Der aber gestaltend in die Geschicke de- ^deutschen Volkes eingreisen will, bad sich nicht Träumen ber Romantik hingeben. Er muh sich jeher 3eit und ohne jeden Vorbehalt darüber klar fein, bah allein der Weg. den Verfassung und Defeh weifen, die Rechtmäßigkeit seines Handeln- begründen kann. Der Weg, den das deutsche Volk im neuen Jahre geht, darf kein Weg der Illusionen sein. Dazu gehört in erster Linie die Erkenntnis, bah jeder Plan und jede Handlung nur ihre Verwirklichung finden können, wenn sie mit ber uneingeschränkten Anerkennung der Autorität de- Staate- verbunden sind. Es gibt, weit über Parteiwünschen und -zielen stehend, den absoluten ‘Begriff de« Staate«.
Symbol diese« "Begriff« zu fein ist die vor- nehmste Aufgabe der Wehrmacht. Sie hat im vergangenen Jahre diese Aufgabe erfüllt Vom höchsten Offizier bis zum jüngsten Rekruten sei sie sich auch im neuen Jahre betouht, dah in ber Haltung jede- einzelnen der Dienst an Staat und Volk Ausdruck finden muh. Da- ist ihre Pflicht und Ehre zugleich.
Im gleichen Sinne muh b i e Beamtenschaft im Begriff be- Staat-dienertums ihre Ausgabe suchen. In einer Zeit, in ber die verschiedensten Kräfte an bie Führung im Staate drangen, ist mehr denn je die Autorität des Staate« von der Autorität seiner Beamtenschaft abhängig. Sie steht und fällt aber damit, dah ber Beamte b e m Staat unb nicht einer Partei ober Privatinteressen dient. Die Pflicht der Regierung, Ruhe unb Ordnung im Innern zu sichern, hat au weitgehenden Einschränkungen der freien politischen Betätigung geführt Solche Verordnungen müssen, wenn sie ihren Zweck erreichen sollen, mit Ernst unb Strenge gegen jeden angewandt werden, der sich gegen da« Recht auflehnt. Hebet ihre Anwendung muh aber das oberste Gesetz der Staats» fühtung, bie Gerechtigkeit stehen. Man hat — manchmal nicht ohne Grund — im vergangenen Jahre darüber Klage geführt bah bie» fern Gesichtspunkt nicht immer voll Rechnung getragen worden ist. Aus einer mit dem Herrn Reichspräsidenten um die Jahreswende geführten Unterredung kann ich versichern, dah er entschlossen ist, seinem Willen, die gerechte unb unparteiische Anwenbung ber von ihm erlassenen Rotverordnungen ficherzustellen, mit allem Rachdruck Geltung zu verschaffen.
Der Wehrmacht, ber Polizei und bet Beamtenschaft fällt im neuen Iahte die besondere Aufgabe xu, den inneren Bestand de- Staate- so zu sichern, bah sich bie Kräfte, bie für bie schweren (ruhen* politischen Entscheibungen eingesetzt werben müssen, frei entfalten können. Zu bieser Entfaltung ber Kräfte gehört aber vor allem auch ber Wille, nicht in alle Gebiete, auf denen wir zusammenar- beiten müssen, parteipolitische Gegensätze hineinzutragen. Politik gehört nicht in die Schule, auf den Sportplatz obc£ in bie Stätten, bie bet religiösen Erhebung und kulturellen Weiterentwicklung de- Volke« dienen sollen. Wir brauchen in Deutschland Menschen, die ihre Kräfte nicht in innerem Parteistreit verbrauchen, sondern sie voll für die groben Schicksalsfra
gen ber Ration einsehen können. Wenn ich für da« deutsche Volk an dieser Jahreswende einen Wunsch habe, dann ist es der, bah e« bie Ausdauer besitze, den Kampf um seine Freiheit durchzuhalten, dessen Sieg auf Arbeit und Opfern beruht.
In diesem Sinne wende ich mich zum neuen Jahre auch an die Jugend. Gegenüber der
werbenden Kraft begeisternder Ideale muh der Staat euch immer wieder mahnen, den Sinn für die ernste Wirklichkeit nicht zu Verlierern Das ist in Zeiten ber Rot bie undankbarere Aufgabe. Aber wer von der Verantwortung um Deutschland« Zukunft erfüllt ist, weih, bah e« nicht in erster Linie bie Aufgabe be« Staates ist. zu werben, sondern zu erziehen.
Erziehung zur Ehrfurcht vor Gott, zu» AchtungvorderselbstlosenArbeitan ber Nation, zum Gehorsam gegenüber Führern und Gesehen, zur Liebe zum Vaterlande. Erziehung zu harten Kämpfern im täglichen Leben unb in den Schicksal«stunden be« Vaterlande« In diesem Sinne rufe ich allen Deutschen zu: Glückauf in« neue Jahr!
Deutschland und die Konferenz von Lausanne.
Oie englische Einladung zur Reparationskonferenz liegt in Berlin vor. - Deutschlands Standpunkt für Lausanne: Das völlige Verschwinden der Reparationen ist das einzige Mistel für Beendigung der Weltkrisis.
Berlin, 31. Dej. (6JIB.) 3m Rahmen der britischen Einladungen zu einer Reparation,- k o n seren z in Lausanne am 18.3anuar hat der englische Botschafter Sir Harare Rum- b c ( b gestern beim Staatssekretär des Auswärtigen, Dr. v. Bülow, vorgesprochen, um ihm namens seiner Regierung die Einladung zu übermitteln. Die deutsche Regierung wird vermutlich heule schon dem englischen Außenminister Mitteilen lassen, dost sie mit dem Termin und dem vorgeschlagenen Tagungsort einverstanden sei.
Die „Germania", da» Blatt be» Reichskanzler», berichtet ebenfalls, dah bei der deulfchen Regierung ein solcher Schritt erfolgt ist und schreibt dazu: Die deutsche Regierung hatte von Anfang an keinen Zweifel darüber gelassen, dah ihr nach den günstigen örtlichen Erfahrungen der lehlen Repa- rotionskonferenzen der Haag lieber gewesen wäre. Da aber die Mehrheit der beteiligten Regierungen mit Lausanne einverstanden zu sein scheint, so besteht für Deutschland kein zwingender Grund, aus der Ortsfrage eine Grundsahfrage zu machen.
3n einem anderen wichtigeren Punkte dagegen so führt die „Germania" dann weiter au», sei Deutschland außerstande, von seinen wieder- holt geäuheden wünschen abzuweichen. Unter hin- weis auf die Auffassung in unterrichteten Londoner Kreisen, daß die Tributkonferen; angesichts der amerikanischen Haltung nur eine beschränkte Tragweite haben könne, da Reparationen und Kriegsschulden nach Ansicht der britischen Regierung unzertrennliche Probleme seien, schreibt die „Germania" weiter, die deutsche Regierung sei nicht in der Lage, solchen Auffassungen Raum zu geben. Die» um so weniger, al» da» Moratorium nach französischen Plänen nicht die Gesamtheit der Poung. Zahlungen umfassen solle, sondern lediglich die geschühten Beträge, während die unge- schützten Summen wie im hooverfeierjahr Deulsck^ land nur vorgestreckt und damit kommerzialisiert werden sollen. Darüber hinaus sei sogar die Rede davon, daß Deutschland ein besondere» Sach- lieferungeprogramm zugunsten Frankreichs und anderer notleidender europäischen Staaten durchführen solle. Menn der Laytonbericht und da» Gutachten des Baseler Sonderausschusses irgendeinen Sinn hätten, so ist es der, dah Deutschland zu Lei st ungen in irgendeiner Form nicht imstande sei und daß jeder Versuch, es trotzdem dazu zu zwingen, m 11 der finanziellen Katastrophe enden müßte. Deutschland» Standpunkt für die Konferenz in Lausanne fei denkbar einfach und durch die Macht der Tatsachen diktiert: „Deutsche Zahlungen in irgendeiner Form sind ausgeschlossen und da» verschwinden des Re- parationsfaktor» das einzige Mittel, um unter die Dauerkrise einen Schlußstrich zu sehen. Die Weltmeinung ist durch die Weltkrise
aufgerütteit genug, um diesmal für den deutschen Standpunkt Verständnis zu zeigen.
Amerikas Auffassung.
Europa mag vorerst unter sich einig werden.
Washington, 30. Dez. (WTB.) Der amerifa- nijche Geschäftsträger in London benachrichtigte heute das Staatsdepartement telephonisch davon, daß die britische Regierung den europäischen Regierungen eine Konferenz in Lausanne über die Fragen der Reparationen unb der Kriegsschulden vorgeschlagen habe. Die amerikanische Regierung ist hierzu nicht cingclaben worden und wird daher nur einen Beobachter entfenben.
In gewissen Kreisen wird zwar darauf hingewiesen, Amerika müsse, falls die Verhandlungen der Konferenz sich auf Deutschlands private Auslandsschulden erstrecken sollten, die Frage feiner Beteiligung zur Wahrung feiner
Interessen ernsthaft erwogen. Man würbe jedoch eine derartige Ausdehnung der Tagesordnung bedauern, weil bie sehr dringliche -Stabilisierung der deut, schon Finanzen durch die unvermeidbaren langen Erörterungen über die Priorität sehr verzögert und die Konferenz dann auch mit ber Abrüstungskonferenz zeitlich kollidieren wurde.
Man will hier zunächst ein greifbares Entgegenkommen Frankreich» in ber Abrüstungsfrage abwarten, bevor man bie Frage erörtert, ob Frankreich feine vertraglich übernommenen Schulden wirklich nicht zahlen kann. Allem Anschein nach steht auch England auf dem Standpunkt, daß Europa zunächst unter s i ch über bie Reparationsfrage einig fein müsse: denn der britische Vorschlag beschränkt die Tagesordnung der Konferenz, zu ber nur bie europäischen Regierungen cingclaben würben, ausdrücklich auf bie Fragen ber Reparationen unb der Kriegsschulden.
Englands schwankende Haltung.
Noch keine Vorvereinbamng mit Frankreich, aber unter Hinweis auf die starre Haltung Amerikas zum Kompromiß einer provisorischen Lösung bereit.
London, 30. Dez. (WTB.) In gewöhnlich gut unterrichteten englischen Blättern war von der Wahrscheinlichkeit einer Bereinbarung zwischen der britischen und der französischen Regierung über die unmittelbare Regelung der Reparationsfrage auf der bevor- stchenden internationalen Konferenz die Rede. Diese Meldungen erschienen gleich von Anfang nicht zutreffend, schon deshalb, weil die Besprechungen zwischen dem britischen Schatzamt und dem französischen Finanzministerium noch nicht wieder ausgenommen worden sind. Bon unterrichteter Seite wurde denn auch heute diesen Mitteilungen entgegengetreten. Es wurde darauf hingewiesen, bah noch keine derartige Vereinbarung in Aussicht steht und dah die Besprechungen fortbauem. Man gab zu, bah die Erzielung eine- Einvernehmens „bie Arbeit der Konferenz wesentlich fördern würbe".
Weller wurde in unterrichteten britischen Kreisen erklärt, daß In Abwesenheit AmerI- k a » der Aktionsradius der bevor- stehenden Reparationskouferenz beschränkt fein müsse, da Amerika den S ch l ü f f e l de» gesamten Reparationvproblem» in Händen halte. E» wird daher bezweifelt, ob die Konferenz in der Lage sein wird,' angesichts der Haltung de» amerikanischen Kongresse» zu einer allgemeinen Regelung de» Reparations- Problem» zu gelangen. Reparationen und Kriegsschulden sind nach Ansicht der britischen Regierung unzertrennliche Probleme. Die Rlchtbetelllgung der vereinigten Staaten an der Konferenz würde diese, wie man glaubt, nicht In den Stand setzen, die
Frage der Kriegsschulden zu behandeln.
Die'meisten Morgenblätter erklären e« unter Hinweis auf bie Haltung Amerika« für unvermeidlich, bah auf ber kommenden Reparationskonferenz nur eine vorläufige Regelung erreichbar sein werde. Sie geben zwar zu, bah dies keine ideale Lösung wäre, setzen aber ihre Hoffnung auf eine künftige Aenderung ber Haltung der Vereinigten Staaten. .Daily Telegraph" schreibt: Ob ein dreijährige« Moratorium au-reichen wirb, da« Vertrauen wieder hrrzustellen, bleibt ab u- warten. Immerhin würde damit eine Atempause gegeben fein. — „Time«" meint, die britische Regierung suche nach Wie vor. einet endgültigen Lösung s o nahe wie irgend möglich zu kommen. Sie sei sich klar darüber, bah vorübergehende Rotbehelfe nicht geeignet feien, bie wirtschaftliche Stabilität in Deutschland und das Vertrauen auswärtiger Kapitalisten in Deutschland« Zahlung«- fähigkeil wieder herzustellen.
Die Regierung fei deshalb der Meinung, daß es In Ermangelung einer Vereinbarung über Annullierung ober weitgehende Verminderung der Schulden wünschenswert sei, eine wirklich lange Ausdehnung de» Moratorium» und eine Verminderung der Sachileferungen zu erreichen, verbunden mit der Zusage, daß die Repcrration»annul- tälen, wenn deren Zahlung nach der Erholung Deutschland» wieder ausgenommen werde, nicht über Deutschland» Zahlungsfähigkeit hinausgehen werden. Allerdings bestünden Wunsch und Absicht, dem französischen Standpunkt vollauf Rechnung zu tragen, der ein kürzere» Morato-
Gilvester-Erinnerungen.
Don Wolfgang Goeh.
Der Dichter de» „Gneisenau"-Dramas, der kürzlich auch eine „Deutsche Geschichte" geschrieben hat, erzählt aus seiner Kinderzeit.
Weihnachten war schön, aber ich glaube, Silvester war noch schöner. Gewiß, so eine Bescherung ist sehr aufregend und höchst scannend. Um Weihnachten schwebte immer ein wenig Wehmut, am Jahresende gab es nur Jubel und Trubel.
Jahr für Jahr war es genau dasselbe Programm. Mm 5 Mhr trafen wir bei den mütterlichen Großeltern ein. Dort gab es Tee. Das war natürlich lästig, aber ich hielt mich an den Kuchen. Und dann wurde nach Musik gesucht. Ehe ich dies schöne Spiel erkläre, muß ich sagen, daß mein Grotzvater ein weltbekannter Komponist war, und wenn man das berühmteste Dutzend von Klavierspielern aufzählt, dann fehlt er nicht darunter. Er achtete sich nicht zu gering, seine Meisterschaft in den Dienst familiärer Heiterkeit zu stellen. Die Regeln diese» Spiels sind nun dieselben wie bei Feuer und Wasser, nur daß die Gesellschaft nicht im Choru» diese beiden Elemente brüllt, je nachdem sich der Sucher dem versteckten Gegenstand nähert: Dieser Ausgabe unterzog sich Karl vteinicfe am Klavier, indem er bei Feuer Fortissimo spielte, oder umgekehrt, wenn er Wasser angeben mußte, sich In» sanfteste Pianissimo verflüchtigte Offenbar war die» der Grund, der Groß, papa veranlaßte, diese Allotria — ein Wort, da» er gern gebrauchte — zu treiben, denn es gab mitunter seltsame Dinge, wenn etwa ein Schubertsche» Lyrikon plötzlich In wildestem Lärm enden mußte, weil der Sucher glücklich am Ziel war. Diesen Witz habe ich erst sehr spät erkannt, denn Großpapa hielt auf gute Musst, auch bei diesem Scherz, und er wußte jedem seine Lieblinge auch In dieser verfrühten Form vorzuführen, nicht ohne au» eigener Schöpferkraft hin unb wieder übermütige Grotesken binjUAufügen; er war einer der ersten Bewunderer E. I. A. Hoffmann», und der alte Kammergerichtsrat hätte gewiß ein paar Punschschiücke mehr getunten, wenn er diesen musikalischen Spuk erlebt hätte. Aber, wie gesagt, da» alle» verstand ich edt viel später, mir kam e» zunächst durchaus nicht auf diese Scherze an, sondern — Kinder sinh Rasser — auf die Ergebnisse, die sich hinter Staffeleien, zwi- jchen Sofakissen, unter Büchern, auf Etageren in den Zimmern fanden, die nur die Ker'cn b.» Weih- nachtsbaumes und der holzgeschniyten Krone erhellten. Es gab die herrlichsten Dinge, Io den unentbehrlichen ecbülerfecunb, der dazu biente, die Schulaufgaben einzuzeichnen, der aber keineswegs zu
diesem Zwecke benutzt wurde, sondern nur zum Beschmieren, dem Porträt Moltkcs einen Schnurrbart anzumalen ober Schiller mit einem Vollbart aus- zustatten. Wiederum viel später benutzte ich dies kleine Büchlein, um meine täglichen Erlebnisse hineinzuschreiben. Dreißig Jahre Tagebücher habe ich so gesammelt. (Steht viel drin? Wir wollen die Frage nicht beantworten, denn e» ist Dezember, da» Jahr stirbt, man ist melancholisch unb es ist doch zu hoffen, daß etwas mehr als nichts darin steht.) Gummibonbons gab es auch von Markendorff, einem sehr feinen Geschäft, und sie schmeckten nach Zitrone. Meist mußte energisch meiner Gefräßigkeit Einhalt geboten werden. Auch die Erwachsenen bekamen ganz feenhafte Dinge. Mama erhielt mit jener Gewißheit, die heute aus der Welt verschwun- den ist, Räucherblättchen. Das waren schmale Blättchen, wohl aus Papier, mit einer braunen klebrigen Masse überzogen. Hielt man sie in einer gewissen Entfernung über das Licht, so roch es nach Weihrauch. ganz gut, aber recht süßlich. Rur mußte man den Abstand vom Feuer sehr genau wahren, anfon- ften kohlten sie an unb stanken ganz entsetzlich. Ich war war für das letztere Verfahren und sehe heute noch nicht ein, was dieser Unsinn eigentlich sollte. Oder Papa bekam feine Raudjtrpillen. Diese filber- nen Kügelchen in einem „goldenen" Blechböschen, auf dem ber Kopf eines Potentaten — ich glaube es war Ernst August von Hannover —, prangte, schmeckten infam. Aber jedesmal bedankte sich mein Vater besonder» herzlich unb mein Großvater lächelte diebisch. Hier war männlicher Eorpsgeist, denn — wiederum später — belauschte ich ein Zwiegespräch der beiden Verschworenen. „Sieh, die Raucherpillen sind nicht mehr von der alten Dualität", holsteinte mein Großvater ehrlich betrübt, „neulich hat Mamachen zum erstenmal was gemerkt, und ich hatte doch zwei genommen!" Rach solchen mannigfachen Erlebnissen schied man dankbar und zufrieden. Und nun wanderten wir zu Fuß, wie es sich für eine gut bürgerliche Familie von selbst verstand, durch das halbe Leipzig, winterlich überrieselt, zu den anderen Großeltern in der Alberlstraße.
Hier winkte die Sensation. Denn bei den väterlichen Penaten war die Prohibition zum Entsetzen meiner Mutter aufgehoben, die väterliche Sippe hielt darauf, bah ich ein Mann werden sollte, wa« man nicht durchweg, aber doch auch mit Alkohol zu erzielen hoffte. ES steigerten sich bte gewaltigen Erschütterungen de« Leben« m phantastischer Weise, zunächst gab es Heringssalat Jahr für 3abr: mit Bier — Jahr für Jahr mehrten 'ich für mich die Gläser Was dann für ein G ing erschien, weiß ich nicht mehr. Ich war zu aufgeregt, um daraus zu achten, ich glaube
aber, eÄ war ganz gewöhnlicher Aufschnitt. Meine Begier richtete sich auf das Ende de« Mahles, denn dann gab es Punsch, der unter Beachtung feierlicher Formen in Gegenwart der gesamten Familie hergerichtet wurde. Auch hier ergab sich jedesmal dasselbe Bild. Die Frauen protestierten gegen den vielen Arrak, den der sachkundige Onkel in den glühenden Weißwein goh, die Männer lachten höhnisch und verbittert über solche Weichlichkeit. Lediglich, wenn Zante Eonstanze sich herablieh, an dieser Feier teilzunehmen, gab e« einc Ausnahme, Tante Eonstanze, die noch mit Kaspar Hauser spazierengegangen war und noch den Anfang deS Weltkrieges erlebt hat. Tante Constanze also nach ihrer Art, zog die dünne goldene Llhrkctte, die über ihrem nicht sehr üppigen Bulen hing, durch ihre Finger - daS bedeutete immer Sturm — und sagte leicht empört, aber ebenso entschieden: ,WaS soll Punsch ohne Arrak?" Dann konnte sie sicher sein, dah die Männer ihr erstes Glas gegen da« alte Fräulein hoben, was sonst selten geschah, und ernst sprachen: .Solist leben. Tante!" Drauf die Tante mit lener Rauheit, die Rührung verbirgt: .Prost! Aber lang genug lebe ich. das kann ich euch sagen." Woraus der großväterliche Bruder: .Blödsinn, dämliche Person", lachte und den schmalen Rücken der Schwester klopfte. Sie entzog sich diesen Liebkosungen mit den Worten: .Du bist immer gegen mich gewesen, Gustav, daS hat der Vater schon gesagt!" (Der Vater entschlief im Jahre 1846; außerdem war eS ganz offensichtlich Lüge.) Dem drehenden Zamilienkonslikt machte die neue Sensation ein Ende: die Kartenlotterie. Schwer zu beschreiben, man braucht zwei Spiele. Da« eine wird unter die Spieler verteilt, das andere — ach. daS ist ja langweilig. Jedenfalls gewinnt meisten- jeder etwa« bei diesem Glücksspiel, was man nicht von allen Lotterien sagen kann. Die Gewinne bestanden au» ©ühigfeiten de« Weih» nachtSbaurne«, den man auch sonst plündern durste. Aber es war doch was andere«, sie ui gewinnen. Rachgerade bedenke »ch, wie gefährlich sie für mich hätte werden können, diese rührende Kartenlotterie. War nun die« vorbei, und die Llhr woUte bedenklich auf die Mitternacht, dann fang man den General Laudon. Da« war eigentlich da« Schönste (wenn an diesem Abend der vielen Superlative fo zu sagen Ist«. Wan singt folgenbcrt Vers:
General Laudon zieht an. zücht an. General Laudon, Laudon zieht an. Mit 500 000 Wann
Zieht General Laudon an.
General Laudon zieht an, zieht an.
Nun ruft ber erste:, Halt!" Folgt Runbgesang: der zweite: „Wer da?"Rundgesang: ber brilte: „General Laubon!" unb fo fort, bi» also die letzten rufen: „Artillerie vor! Protzt ab! Feuer!" — Immer mit bem Refrain des gemeinsamen Sange». Und nach „Feuer!" müssen alle mit den Fäusten auf den Tisch bollern Wunderschön ist da» Und da ist etwa» Komisches zu sagen. Ich hatte nie ein Bild vom General Laudon gesehen, aber ich machte mir ein Bild von ihm. Und siehe, da ich zum ersten Mal dies sritzisch kühne, höchst geniale Gesicht (ah, da Slich es dem Gemälde meiner Phantasie auf» Haar.
ntsleht solche Deutlichkeit in einem Kinderkopschen? Könnten wir da» ergründen, fo lösten wir wohl auch bas Rätsel von Konnersreuth. Freilich, ich liebte den General Laudon von Herzen, weil er ein Höhepunkt meines Lebens war, der gute Graf war mein Silocster-Held. Möalich, baß er sich bei mir bedankte, denn sehr viele Bewunderer wird er nicht mehr haben.
Run zurück. Auf einmal rückte die Uhr ganz kurz unb heftig vor bie 12. D, Sakrament' Run kam», nun mußte man ja hören, wie die Jahre ineinander schnappen. Ich schwöre heute noch jeden Eid, damals habe ich sie schnapppen hören. Ganz richtig: So rrrr — tsch, machte es. Es kann ja natürlich die alte Uhr gewesen fein. Aber ich glaube, wenn mir noch Kinderohren hatten, wir dummen, unsäglich dummen Erwachsenen, wir hörten auch bte»: rrrr — tsch!
Wir hören » nicht mehr. Schade. Oder auch nicht schade. Wir sind \a so gescheit. Daß wir nun vor lauter Gdcheitheit nicht mehr wissen wohin.
Ja, und bann? Dann riefen alle: „Prost Reu- jähr’" und bann war alle» au». Rein, doch nicht. Man mußte bei den Großeltern schlafen, einen traumseligen, herrlichen, tiefen Kinberjchlaf, denn noch einmal durch ein viertel Leipsig im Schnee stapfen, nein, das ging nicht.
So schlummerte man am Silvester dem neuen Silvester >elig entgegen. Schülerfreund und Rau- cherblattthcn, General Laudon und Startenlotlerie, wo seid ihr hin? Rur der General Laudon hält sich allenfalls.
Lockschulnacbnckten.
Amtlich wird die Ernennung de« o. Professor« Dr. Wilhelm Weibel von der deutschen Uni» verfität in Prag zum ordentlichen Prosessor der Geburtshilfe und Gynäkologie an der Universität Dien als Rachfolaer de« verstorbenen Prof. Fnh Kermauner bestätigt. Prof. Weibel wurde die Leitung der II. Frauenklinik an der Wiener Llniversität übertragen.


