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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr.H.THyriot, für den übrigen Teil Ernst Dlumschein und für den Anzeigenteil Max Filler, sämtlich in Gießen.

Nr. 50) Erstes Blaff M. Jahrgang Donnerstag, 51. Dezember (93t

Gretzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Parole 1932:

Gammeln zum Aufbau!

politische Umfrage zur Jahreswende.

Deutsche Wissenschaft im Wettkampf der Rationen.

DasIahr 1931.

Von Professor D. Dr. Martin Schian, Generalsuperintendenten von Schlesien.

Meine Silvester-Erwägungen waren in den letzten (Zahlen niemals sehr fröhlicher Art. Mög­lich, daß mancher mich laut oder leise einen Pessimisten genannt hat. Aber auch der schwär­zeste Pessimismus hat sich angesichts der Tat­sachen. die dos 3ahr 1931 gebracht hat, noch als viel zu freundlich erwiesen. Sagen wir es ganz unverblümt: 1931 hat uns an den Rand des Abgrunds gestellt. Wir haben uns an diesem Rande mühsam festgehalten, haben uns an allerhand Strauchwerk und Buschwerk gehalten, das dort wuchs, und w ssen jetzt, am 3ah.esschluß, noch n.cht, ob dies Buschwerk, unser Halt, sich als genügend wurzelfest erweisen wird, um uns auch weiter daran klammern zu können.

Der Anfang des Iahres verlief noch verhältnis­mäßig günstig. Die steigende Zahl der Ar­beitslosen machte ernste Sorgen rege; neue Steuern in Gestalt einer Reichshilfe wurden ver­hängt. Der innenpolitische Kampf tobte weiter, wobei es wie immer für viele so aussah, als könne die innerpolitische Entscheidung auch die Gefamtlage grundlegend ändern; dann kam der große Zusammenbruch und mit ihm die furchtbare Erkenntnis, daß wir verloren waren, wenn uns nicht andere halsen. Andere. Das heißt in diesem Falle: Völker, mit denen wir den Weltkrieg geführt hatten. Wir sind seit 1918 gewöhnt, Demütigungen hinzunehmen; aber diese Erkenntnis wurde uns trotzdem sauer. Was für Lieberwindung mag Hindenburg sein (jetzt erst veröffentlichter) Brief an Hoover ge­kostet haben! Er hat sich für Deutschland demüti­gen müssen! Der Retter fand sich: Wilsons Rachfolger! Aber die Rettung war sehr unvoll­ständig; Frankreich suchte sie zu sabotieren; immerhin gewährte sie Zeit. Lind nun stehen wir in kürzester Frist wieder vor der gleichen Rot. Wir sind in der Rolle des Schuldners, der Wechsel unterschrieben hat. Verlangt der Gläu­biger pünktliche Einlösung, so müssen wir Kon­kurs erklären. Was dann?

3n dieser Zeit, in diesem Halbjahr bitterer Sorgen, hat sich Frankreich wieder als unser une.bittlicher, unversöhnlicher Gegner bewährt. Daß französische Staatsmänner 1931 zum ersten- mal zu einer Staatsvisite nach Berlin kamen, ist natürlich kein Gegenbeweis, sondern nur eine Geste gesellschaftlicher Höflichkeit. Daß sich in Deutschland immer wieder Menschen finden, die Frankreich (ich meine das offizielle Frankreich, wie die Mehrheit des vom Volk gewählten Par­laments es darstellt) als freundwillig und Der- ständigungsbeteit ansehen, beweist lediglich, daß unter uns die Illusionen nicht alle werden. Frankreichs Linie ist klar erkennbar: Deutsch­land mit finanziellem Druck niederhalten, unfrei erhalten und es, wenn möglich, zum Zerfall treiben. Wenn Deutschland wirtschaftlich vollends zusammenbricht, so wird Frankreich aus der Konkursmasse so viel als möglich, so billig als möglich an sich bringen; seine Trabanten Polen und die Tschechoslowakei werden, von Frankreich unterstützt, das gleiche tun.

Daß der Völkerbund dabei zu unserer Rettung mitarbeiten könnte, wer diese Hoffnung noch gehegt hat, dem ist sie, falls er irgendwelchen Wirtlichkeitssinn besitzt, im vergangenen Iahre endgültig zuschanden geworden. Das 3ahr 1931 bedeutet das mühsam und nur ganz obenhin ver­schleierte Fiasko des Völkerbunds. Daß fein treues Mitglied 3apan, unbekümmert um alle VöUerbundösahungen und Kriegsächtungs­pakte, inzwischen einen kleinen Krieg führt, be­deutet ja nur einen, wenn auch krassen, Fort­schritt auf dem längst beschrittenen Wege des Völkerbunds. Er läßt die Mächtigen machen, was sie wollen, und zwingt die Ohnmächtigen, zu tun, was die Mächtigen wollen. Er ist ein Instru­ment der Mach tpolitik Frankreichs. Daß dieselben Menschen, die eine offene, ehrliche Machlpolitik sittlich verwerflich finden, ditse heuch­lerisch verbrämte Machtpolitik sittlich richtig fin­den, das gehört zu den großen Llnvollkommen- heiten menschlichen Llrteils, die sich unter uns so reichlich finden.

Der Völkerbund wird uns nicht helfen. Der Völkerbund wird auch keine Abrüstung be­schließen. Denn Frankreich will nicht. Lind wenn Frankreich gesprochen hat, ist die Sache erledigt. Daß dabei Deutschlands imheiligen" Vertrag von Versailles verbrieftes Recht zum Teufel geht, ist ja dem Völkerbund gleichgültig.

Aber eine Chance hat sich allerdings 1931 für uns irtu ergeben. Andere Völker haben erkannt, daß es mit dem System der wirtschaftlichen Aus­saugung Deutschlands nicht so weiter geht. Die Weltwirtschaftskrise hat ungeahnte Aus­maße angenommen; ein Land wie England leidet schon unter ihr und spürt, daß es, wenn Deutsch­land in Konkurs kommt, noch mehr leiden wird. Freilich: während diese Wandlung auf der einen Seite für uns eine Hilfe bedeuten kann, bedeutet sie auf der anderen Seite zugleich für uns schweren Schaden; unsere Ausfuhr leidet unter der Aufgabe der Goldwährung in anderen Ra­tionen. Wenn nun auch noch unser Absatz im Ausland abnimmt, so muß unsere Wirtschaft vollends zugrunde gehen.

Diese Verflochtenheit unserer wirtschaftlichen Lage in das Weltgeschehen wirkte natürlich auch auf die innenpolitische Lage. 3a, sie bildete das charakteristisch neue Moment in deren

Eine

Weckt die besten Kräfte der Ration!"

Von Walter von Molo.

Sammeln zum Aufbau! Riemals ist, auf dem Gebiete des Geistes, ein solcher Mahnruf drin­gender gewesen, als in dieser Zeit. Beinahe alles ist auseinandergefallen, die besten, die aktivsten geistigen Kräfte sind im Erlahmen!

Aufbau! Kann er vonstatten gehen, ohne in­nerlich und äußerlich unabhängige g e i st i g e Führer des Volkes?

Wenn wir uns fragen, welches die letzten, inner­lichen Gründe dieser Depression sind, deren Starre nicht weichen will, so ergibt sich als eine der we­sentlichsten Llrsachen folgende: Wir leiden heute unsäglich darunter, daß die aktive schöp­ferische Persönlichkeit auf allen Gebie­ten des geistigen Lebens, in der Politik wie in der Literatur, in der Wirtschaft wie in der Kunst von der Führung shstematischausgeschal- t e t wird. Das System ist begründet durch eine völlig negative Einstellung der öffentlichen Mei­nung gegenüber dem unabhängigen freien Geist. Qln Stelle der Persönlichkeit ist die Organi­sation getreten!

Diese Mißachtung, um nicht zu sagen, Verach­tung gegenüber dem freien Geist drückt sich, äußer­lich gesehen, in einer entsetzlichen, in ihrem Aus­maße kaum bekannten materiellen Rot der deutschen Geisteswelt aus. Weit größer und verhängnisvoller aber noch ist die innere Ql o t dieser Menschen, die man wohl zu den besten Kräften der Ration rechnen darf.

Sammeln zum Aufbau! Roch sind alle diese Kräfte des geistigen Deutschlands vorhanden, mit letzten verzweifelten Anstrengungen ringen sie um ihr Dasein: Erweckt diese Kräfte, sammelt sie und führt sie in die Mitte des großen Geschehens und Werdens! Das ist die Voraussetzung zum Ausbau.

Wenn die unabhängigen Geister, seien sie Dich­ter oder Menschen der praktischen Tat, wieder den Platz gesunden haben, der ihnen um des Vol­kes willen gebürt, dann dürfen wir wieder von einemAufwärts" sprechen!

Die freien Geistesmenschen stehen bereit!

Ausoau heißt VMgememschast!

Von Dr. Heinz Oähnhardt,

Vorstandsmitglied des Veichsausschusseö der Deutschen Iugendverbände.

In der jungen Generation unserer Zeit ist ein neuer Sinn für Gemeinschaft erwacht. Das indivi­dualistische Streben nach persönlichem Erfolg und Ansehen tritt hinter der Bereitschaft zurück, Dienst an der Gemeinschaft zu leisten. Dieser Wille zu gemeinschaftlichem Handeln gibt der jungen Ge­neration ihre Stoßkraft und ihre Bedeutung. On den Bünden der Jugendbewegung und der Wehr­bewegung hat sich die junge Generation aus diesem Gemeinschaftsgeist und dem Gedanken des Dienstes heraus Lebensformen bereits geschaffen, die ihrer Art gemäß sind.

Das oolitische Wollen der jungen Generation hat sich nach dem Kriege an dem Gedanken der Volks­gemeinschaft entzündet, der in der Front­kameradschaft des Schützengrabens Erlebnis gewor­den war. Die junge Generation kämpft auch heute für die Volksgemeinschaft! Jnnerpolitisch gesehen bedeutet das die Kampfansage gegen alle klassen- kämpferischen Tendenzen und das Bekenntnis zu einem organisch und ständisch gegliederten Ausbau der Volks- und Staatsordnung.

Entwicklung. Die Parteien stellten sich noch stärker als schon früher darauf ein, einander vorzuhal­ten, welche Partei an der Llnglücksentwicklung der letzten 3ahre die Schuld trag«, und zugleich mit Prophezeiungen in die Zukunft hinein zu arbeiten: welche Partei vermag Deutschland aus dem Sumpf herauszuführen? Da die wirtschaft­liche Rot in weiten Schichten aufs Höchste ge­stiegen ist, so stieg auch die Rervosität; es stieg die Hitze des Parteikampfes bis zum Siedepunkt. Die Erbitterung kann kaum noch Überboten werden. Selbstverständliche Folge ist, daß da die gegenwärtige Regierung eine Bes­serung der Lage nicht herbeiführen konnte, die Opposition rapide wuchs. Das trat na­mentlich in den hessischen Landtags­wahlen ganz scharf in die Erscheinung. Die Regierung griff angesichts der krassen Gegensätze zu Zwangsmitteln wie Verbot des Tragens von Uniform und von Parteiabzeichen; Maß­nahmen, die wohl eine gute Seite haben mögen, aber außerordentlich verärgernd wirken und sehr schwer durchführbar sind. Wir stehen darüber müssen wir uns klar sein bereits jetzt in einem Ausnahmezustand, dem zum regulär verhängten Ausnahmezustand nicht mehr viel fehlt. Und nun geht die wirtschaftliche Rot weiter; und die Parteierbitterung wächst weiter; und neue Rot steht vor der Tür!

Das Ende des Unheilsjahrs 1931 sieht das deutsche Volk vor Aufgaben von gigantischer Größe gestellt. Es soll inmitten einer wirtschaft­lich völlig in Unordnung geratenen Welt sein Dasein zu retten suchen. Es ist dabei zu einem

Die junge Generation sucht einen Staat, der zum Träger ihres eigenen Willens und ihres eigenen Glaubens wird, einen Staat, der in feinen Worten und Symbolen die Sehnsucht und Hoffnung der jungen Generation verkörpert und ausspricht. Sie will nicht den Staat, wie er durch das Diktat von Versailles in allen feinen Lebensäußerungen ge­knebelt ist, verewigt wissen. Aus der tausendjährigen Geschichte des deutschen Reichsgedankens entnimmt sie für sich die eigene Sendung, aus der Enge heu­tigen staatlichen Daseins wieder herauszustreben zur Weite des Reiches.

Immer größere Teile der jungen Generation sehen sich von den Regelfällen beruflichen Aufstiegs und einer Ausformung des persönlichen Lebens aus- gesperrt. Die junge Generation verlangt in keiner Weise, daß sie es etwaebenso gut" haben möchte, wie es Eltern und Großeltern einst hatten. Aber sie verlangt und fordert, daß anstelle der alten ver­lorengegangenen neue Zielsetzungen im staatlichen und wirtschaftlichen Wiederaufbau sicht­bar werden. Diese Zielsetzungen gewinnen ihr inne­res Leben aus dem Gemeinschaftsgeist und der Ein­satzbereitschaft, die in der jungen Generation leben­dig sind. Aus diesen Gründen beschäftigen Fragen, wie die des Arbeitsdienstes, der Stadtrandsiedlung und der ländlichen Siedlung den jungen Menschen heute ebenso stark, wie die Fragen der Berufswahl, der Berufsausbildung und des beruflichen Fort­kommens.

Das WortAbba u" ist uns heute geläufiger als das optimistischeA u f b a u". So verstrickt ist heute jeder in seinen Sorgen und Aengsten, daß er nichts anderes mehr sehen kann als die schrecklichen und beklemmenden Folgen unaufhörlichen Abbaus auf allen Gebieten. Aber ewig in Sorgen leben, kann fein Mensch, irgendeine Hoffnung, eine Aussicht muß ihn aufrecht erhalten. Und wirk­lich sehen wir, wie alle Menschen mit Zukunfts- plänen auf den ständigen Abbau reagieren, aber sie reagieren ganz verschieden nach ihrem Temperament und es scheint mir, auch nach ihrem Ge­schlecht. Ein Teil der Menschen sieht nur noch die Möglichkeit einer Aenderung durch gewaltsamen U m st u r z. Eine Revolution des gesamten staat­lichen, sozialen und wirtschaftlichen Lebens soll Vor­bedingung für jeglichen Aufbau sein. Wohl würden Menschen dabei zugrunde gehen, aber alles Be­stehende sei erst einmal wert, zugrunde zu gehen! Das ist die Einstellung von Männern, scheint mir, die nur in großen Dimensionen sehen können, alles kleine" Leid, alles menschliche Einzelschicksal küm­mert sie nicht.

Die andere Gruppe von Menschen will Aufbau, sie will nicht das Chaos des augenblicklichen Lebens noch vergrößern. Sie will nicht die Menschen einer Idee opfern. Sie glaubt, daß jedes einzelne Men­schenleid Recht hat, gehört zu werden. Aus dem gegenwärtigen Leben gilt es alles zu hegen und zu pflegen, was noch lebenswert ist. Sie glaubt nicht an die völlige Verderbtheit der augenblicklichen Zu­stände: Dem Abbau stellt sie nicht den Umsturz ent­gegen, sondern den Ausbau! Sie ruft alle positiven und guten Kräfte auf in dem Bewußtsein, daß der wirklich wollende Mensch, der Mensch, der von der Notwendigkeit einer Besserung überzeugt ist, auch bessern und ändern kann.

ganz großen Teil auf das Eingreifen anderer angewiesen. Seine eigene Kraft ist in diesen Din­gen sehr gering. Große Massen des Volkes aber verstehen das nicht. Sie leiden schwer und for­dern einfach, daß ihr Leiden aufhöre. Sie for­dern vom Staat, was der Staat nicht leisten kann, ob er so oder so regiert werde. Andere Massen wollen auf alle Fälle diese Regierung, begreifen aber wiederum nicht, daß alle ohne Llnterschied jetzt schwere Opfer bringen müssen. Alle. Sie möchten gern leben, als sei die deutsche Wirtschaft stark, während sie doch schwer krank ist.

Das Fazit Les 3ahres 1931 ist sehr unerfreu­lich. Viel unerfreulicher als das eines der letzten 3ahre. Aufgabe einer Rückschau ist glücklicher­weise nicht die, zu prophezeien. Mir graut vor jeder Prophezeiung für 1932. Wir können nur eins tun wir, die wir nicht regieren: uns klarmachen, daß zwar lange nicht alles von uns selbst abhängt; denn wir sind in den Händen anderer Völker; daß es aber von uns abhängt, ob wir unsere Lage durch völligen inneren Zersall noch schlim­mer gestalten wollen, als sie ohne­hin ist. Kämpfe müssen fein! Aber wir wollen in dem Bewußtsein kämpfen, daß wir alle Glie­der eines Volkes sind.

Vielleicht daß wir dann das kommende 3ahr bestehen, ohne daß Volk und Staat auseinander­brechen.

Von Staatsminister Or.Or.h.c.^ Gchmidt-Ott, Präsidenten der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft.

Wie die forscherische Tat das Werk des ge­nialen Menschen ist, so ist der wissenschaftliche Stand eines Volkes nur in der Gesamtheit der Einzelleistungen zu erfassen. Dabei entspricht es der natürlichen Entwicklung, daß nach Schillers Worten die Beschäftigung zum Bau der Ewig­keiten zwar Sandkorn nur auf Sandkorn häuft, jede neue Leistung aber auf der gleichartigen an­deren fußt, darüber hinausgeht und sich in das Gesamtgebäude einfügt.

Glücklich das Volk, dem wirtschaftliche Lage und Forschungsmittel gestatten, ungehemmt am wissen­schaftlichen Fortschritt zu arbeiten! Aber in Zei­ten finanzieller Bedrängnis gilt es auch für die Wissenschaft, Maß zu halten, die wichtigsten Aufgaben und die besten Forscher, vor allem auch im Rachwuchs, auszuwählen und mit geringstmöglichen Mitteln im Wettkampf der Ra­tionen den Platz zu behaupten. Das heißt Sam­meln zum Aufbau auf geistigem Gebiete!

Wem lägen solche Gedanken näher als den Frauen? Den Frauen, die von je dazu ausersehen sind, zu helfen, zu schützen und zu stützen, zu trösten und Mut zu machen, immer und immer wieder neu aufzubauen, täglich einen frischen Kleinkrieg gegen Unordnung, Zerstörung zu führen? Der Frau stehen die Menschen immer näher als die Dinge: sie kann nicht um noch so wichtiger Dinge willen die Menschen opfern, und sie ist des festen Glaubens, daß sie damit den Sinn der menschlichen Ordnung besser erfüllt.

Darum glaube ich an die Mission der Frau im großen Gebäude des staatlichen, sozialen und wirt­schaftlichen Lebens. Die Frau soll den allzu stürmi­schen, umstürzlerischen Kräften des Mannes, der immer nurGanzes" schaffen will und darüber alles zu opfern bereit ist, die aufbauenden Kräfte an die Seite stellen. Ihre Aufgabe ist es, immer wieder der Menschheit mahnend entgegen zu rufen: Zerfleischt euch nicht in eurem Bemühen um Besserung! Nutzt eure Kräfte lieber zu positivem Tun! Verachtet nicht das schrittweise Vorgehen, ver- geht die Menschen nicht! Wir Frauen wol­len auch Besserung und Aenderung, aber wir glau­ben nicht an die aufbauende Kraft des Hasses, wir glauben nur an die aufbauende Kraft der Liebe!

Darum auf, ihr Frauen, sammelt euch zu einem geduldigen, demütigen Kreuzzuge schrittweisen Auf­baues aller guten Kräfte! Glaubt an die Macht eures täglichen Handelns!

Auf euch kommt es an, auf jede einzelne, ob die Welt in Tränen und Blut erstickt oder ob sie unter euren pflegenden, behütenden Händen wieder genesen kann aus der Krankheit des Pessimismus und des Abbaus!

Zum neuen Jahre.

Von Dr. h. c. Wilhelm Groener, Reichs- webrminister, zugleich beauftragt mit der Wahrnehmung der Geschäfte des Reichs-

Ministers des 3nnern.

Das Schicksal Deutschlands liegt in unserer Hand. Die Wendung, die wir erhoffen, wird nicht durch irgendwelche Wunder herbeigeführt werden. Rur dem Menschen, der in wachem Glauben gestaltend an seinem Leben arbeitet, geschieht das Wunder der Erneuerung seiner inneren Lebenskraft. Rur dem Volke, das im Glauben an die eigene Kraft bereit ist. in stetiger, verantwortungsbewußter Arbeit um Ehre, Freiheit und das Wohl aller seiner Glie­der zu ringen, geschieht im Wechsel der Genera­tionen das Wunder der stetigen Erneuerung seines Lebenswillens. Für die Anwendung der uns gegebenen Kräfte tragen wir allein die Verantwortung.

Rn der Schwelle des neuen 3ahres sei sich jeder der besonderen Bedeutung dieser Verantwortung bewußt. Denn die großen Entscheidungen, die in diesem 3ahre über Deutschlands Zukunft fallen werden, hängen in höchstem Maße davon ab. ob sich das deutsche Volk Illusionen hingibt, oder den nüchternen Sinn für das Rotwendige und Erreichbare behält. Vor zwei 3llusionen möchte ich vor allem warnen: Es gibt keine Patentlösung, die uns von der Rot der Gegenwart befreien könnte. Keine Regienmg, von

'XV

ir Frauen glauben an die aufbauende Krast der Liebe!

Von Anna von Giercke, Vorsitzende des Verbandes deutscher Kinderhorte und Vorstandsmitglied des Verbandes deutscher Hausfrauenvereine.