Ausgabe 
31.8.1931
 
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Oer Nürnberger Katholikentag

Entschließungen zur politischen und sozialen Lage.

3m Großen Rathaussaal fand am Samstag die geschlossene Versammlung der Mit­glieder des Katholikentages statt. Präsident 3 o o s begrüßte die Erschienenen. Lieber den Vertretertag berichteten die einzelnen fünf Grup­penleiter.

Die Ergebnisse der Gruppenverhandlungen wurden in Entschließungen zusammenge- faht, die u. a. besagen: Das deutsche Volk ist zur Zeit in biologischem Riedergang begriffen. Aufgabe der deutschen Politik ist es infolgedessen, die Lebensgesehe zur Anerkennung und die Raturordnung, auf der die Erhaltung und Aufwärtsentwicklung eines jeden Volkes be­ruht, zur Geltung zu bringen, der weiteren P r v - letarisierung der Arbeiterschaft und dem Absinken des selbständigen Mi t- telstandes ist entgegenzuwirken. Wichtige ge­setzliche Maßnahmen zur Volksgesundung sind u. a. die Verbesserung des Bodenrechts und die planmäßige Förderung des Wohnungsbaues, des Heimstätten- und Siedlungswesens. Die z e r - störende Propaganda des Bolsche­wismus ist mit unbedingter Entschiedenheit, zu bekämpfen. Wirtschafts- und außenpolitische Rück­sichten dürfen keineswegs der planmäßigen Unter* wühlung unseres Volkstums freie Bahn geben. Gegen die Freidenker- und Gottlosenbewegung ist die in der Reichsverfassung verbriefte Vor­zugsstellung der christlichen Reli­gion mit allen gesetzlichen Mitteln zu vertei­digen. Die Zusammenarbeit der Katholiken mit den anderen christlichen Konfes­sionen zur Erhaltung von christlich-sittlichem und deutschem Volkstum ist eine vaterländische Rotwendigkeit. Die Versammlung beschloß, als Tagungsort für den nächsten Katholikentag 1932 Essen zu wählen.

Oer Festgottesdienst.

Den Höhepunkt der Veranstaltungen des Sonn­tags bildete ein Festgottesdienst im Sta­dion, zu dem über 100 000 Menschen zusam­mengeströmt sind. Die große Tribüne ist von Ehrengästen bis auf den letzten Platz gefüllt, unter ihnen die Reichsminister W i r t h , Ste­ge r w a l d und Schätzet, die Staatspräsiden­ten von Bayern, Württemberg und Baden, der hessische Minister Kirnberger, Reichs­kanzler a.D. Dr. Marx, zahlreiche Domherren, Prälaten, Aebte, die Bischöfe von Würz­burg, Speyer, Augsburg, Meißen und Münster, der rumänische Bischof von 3assy, schließlich der Erzbischof von Bamberg. Von Militär­musik begleitet zog sodann der Apostolische R u n t i u s Vasallo di Torregrossa unter einem Traghimmel ein. Der Erzbischof von Bamberg

Don links nach rechts: Der bayrische Ministerpräsident Dr. Held, Vasallo di Torregrossa, der päpstliche Nuntius in München, Dr. Johannes von Hauck, Erzbischof von Bamberg.

hielt die Festpredigt. Hierauf zelebrierte der Apostolische Runtius die Pontifikalmesse.

Kundgebung der Jugend.

Die Kundgebung der katholischen 3 u g e n d hatte am Rachmittag wiederum eine gewaltige Zuschauermenge ins Stadion gelockt. Um 14.30 Uhr traf der Festzug der 3u- gend im Stadion ein. Die Musikkapelle der Landespolizei eröffnete den Zug, sodann folgte im strammen Marschschritt die katholische 3ugend, die aus allen Teilen Deutschlands, aus dem Egerland und aus Südtirol nach Rürnberg ge­kommen war. Von der Tribüne aus nahmen der Erzbischof von Bamberg und Führer der katholischen Verbände den Vorbeimarsch ent­gegen. Rach Ansprachen, in denen an die 3ugend appelliert wurde, der katholischen Bewegung die Treue auch weiterhin zu bewahren und für die 3ugendvereine zu werben, folgten Liedervorträge.

Ausklang.

An die 3ugendkundgebung im Stadion schloß sich die letzte große öffentliche Schluhver-

f ammlung des Deutschen Katholikentages an. Ein Telegramm des Kardinalstaatssekretärs P a- celli besagt, daß der Segen des Heiligen Vaters auf allem ruhe, was auf der Versammlung be­schlossen wurde und mit Gottes Hilfe sich ver­wirklichen möge. Oberbürgermeister Dr. Hipp (Regensburg) hielt hierauf einen Vortrag über das ThemaDer Christ in den sozialen Röten der Gegenwart". Er schloß seine Ausführungen: Möge das deutsche Volk als erstes im friedlichen Wettstreit mit den anderen Rationen die Grund­sätze der sozialen Gerechtigkeit und christlichen Liebe im privaten wie im öffentlichen Leben, in Staat und Wirtschaft verwirklichen. Der öster­reichische Kultusminister Dr. C z e r m a k über­brachte die Grüße Oesterreichs. Der Präsident der 70. Generalversammlung, Reichstagsabgeord­neter 3 o o s (Köln) sagte Dankesworte an die Stadt Rürnberg, die Katholiken Rürnbergs, die hohen Gäste, an Ministerpräsident Dr. Held, das Land Bayern, die Bischöfe, Aebte, Prälaten und den Runtius. Sodann trat der Erzbischof von Bamberg an die Brüstung, gefolgt vom Runtius und den Bischöfen und spendete der Versamm­lung den obüthirklichen Segen.

Lustbombardement auf Nancy

Oie großen französischen Lustmanöver

Paris, 29. Aug. (TU.) Die französifcken Lust­manöver fanden bei Nancy statt. Marschall P6- tain wohnte einer neuen, mit zwei Maschinen durchgeführten Vernebelungsübung bei, die zur Befriedigung der militärischen Sachverständigen »erlief. Die leitenden Ingenieure überzeugten P6- Tain und seinen Stab von der Nützlichkeit des Der- Nebelungsverfahrens für das Feldheer. 3m Laufe des Vormittags folgte die Vorführung verschiedener Schutzmaßnahmen gegen Luftangriffe, während am Abend auch die Zivilbevölke­rung gewissermaßen zum Manöver herangezogen wurde. Die Aufaabe bestand darin, das ganze Uebungsgebiet auf ein Sirenensignal hin in tie­fes Dunkel zu hüllen und durch Zusammen­arbeit aller zivilen Organisationen mit dem militä­rischen Stab geeignete Schutz- und Rettungsmaß­nahmen durchzuführen. Obgleich die Anwen­dung von Gift - und Gasbomben bekannt­lich durch internationale Abkommen ausgeschlossen ist, trugen die Manöver in erster Linie einem der­artigen Angriff Rechnung, lieber verschiedenen Plätzen der Stadt wurden Bomben-Attrappen ab­geworfen. Polizei, Feuerwehr, Rettungswesen, Pfadfinder und Hilfsmannfchaften standen die Nacht über unter Alarm. Für die Zivilbevölkerung errich­tete Unterstände wurden probeweise zerstört, um aus den Erfahrungen verstärkte Schutzmaßnah­men ableiten zu können. Samstagvormittag erfolgte ein geschlossener Luftangriff auf die Stadt, an dem alle Flugzeuge beteiligt sind. Es folgte ein allgemei­nes Bombardement aus der Luft, an dem sämtliche Formationen teilnahmen. Gleichzeitig traten Poli­zei, Feuerwehr unk Rettungsmannschaften in Tä­tigkeit. Nach dem Manöver flogen Luftfahrtminister Dumesnil, Marschall Pstain und General Poli- Marchetti, begleitet von ihrem Stabe, in drei Flug­zeugen nach Straßburg ab, wo sie kurz vor 19 Uhr eintrafen. Das Oberkommando veröffentlicht einen Taaesbefehl, in dem den an den Hebungen mitwirkenoen Streitkräften, sowie der Zivilbevölke-

Über Lothringen.

rung ein Dank für ihre Leistungen ausgesprochen wird.

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Wie ein Pariser Mittagsblatt mitteilt, werden an den großen Manöoern an der Aisne im Gebiet von Reims, die Anfang September begin­nen, vier Abteilungen rivater Ver­kehrsflieger teilnehmen. ie Flugzeuge, die

eine Motorenstärke von mindeste ns 80 und höchstens 140 PS haben dürfen, werden von ihren pri­vaten Besitzern gesteuert, soweit sie ein militärisches Flugpatent haben. Die Teilnehmer erhalten eine Entschädigung von 60 Franks (10 Mk.) pro Tag und 300 Franks (50 Mk.) pro Flugstunde. Das Bruchrisiko geht zu Lasten des Besitzers. Für die Manöver sind zehn Tage vorgesehen. Man glaubt, daß diese kleinen Derkehrsapparate, die eine Geschwindigkeit von nur 130 Stundenkilometer er­reichen, wichtige militärische Dienste als Der- bindungsflugzeuge leisten können.

Nächtlicher Lustangriff auf Mailand.

Rom, 30. Aug. (TU.) Am Sonntag bildete Mailand den Mittelpunkt der italie­nischen Flugmanöver. Die Aktion begann mit einem nächtlichen Luftangriff, der durch mehrere hundert Flugzeuge in breiter Welle vorgetragen wurde. Die Mailänder wur­den durch das Geknatter der Petarden (künst­liche Bomben I) und das Geratter der Motoren aus dem Schlafe gerissen, sofern sie das nächt­liche Kriegsspiel vergessen hatten. Eine halbe Stunde lang beschien der Mond über Mailand ein eindrucksvolles Kriegsfeuerwerk. Am Vor­abend wurde der Bahnhof, der Dom und alle strategisch wichtigen Punkte der Stadt mittels Bomben und Beschießung nach allen Regeln der Kriegskunst angegriffen. Zuletzt war Mailand in einen dichten Gasnebel gehüllt, der über der Stadt schwebte und aus dem der weihe Dom gespenstig aufragte.

Kleine politische Nachrichten.

Der nationalsozialistische Reichstagsabgeordnete Peter Gemeinder, der Gauleiter der NSDAP, im Bezirk Hessen,ift am Samstagabend plötz­lich o c r s ch i e d e n. Gemeinder hatte am Abend noch in einer großen Versammlung in der Mainzer Stadthalle gesprochen. Nach Schluß der Ver­sammlung wurde er von einem Herzschlage getroffen, dem er kurze Zeit darauf erlegen ist.

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3n Doizenbur g (Mecklenburg) fand die Dürgermei st erwähl statt. 3n der Stich­wahl standen sich der von den Rationalsozialisten und Bürgerlichen ausgestellte nationalsozialistische Rechtsanwalt Dr. Z e i 11 e r (München) und der kommunistische Rechtsanwalt Dr. Alexander (Berlin) gegenüber, der von den Kommunisten und Sozialdemokraten unterstützt wurde. Dr. Zelt­ler erhielt 1625 und der kommunistische Kandidat Dr. Alexander 1752 Stimmen. Somit ist der kom­munistische Kandidat gewählt. Da die mecklenbur­gische Regierung kein Bestätigungsrecht hat, wie in Preußen, gilt Dr. Alexander endgültig als Bürgermeister.

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3m Woldemaras-Prozeß wurden zehn Angeklagte, darunter der ehemalige litauische Diktator Wolde-

m a r a 5 und zwei seiner Adjutanten, frelge« sprachen. Zwölf Angeklagte wurden zu ie einem Jahr Gefängnis verurteilt. Der Rusteika-Attentäter Veitkiewiczus erhielt 15 Fahre Zuchthaus, fein Hel­fershelfer Pupaleikis zwölf Fahre Zuchthaus.

Aus aller Welt.

Graf Zeppelin" auf der Fahrt nach Süd-Amerika.

Am Samstagabend 21.30 Llhr ist das Luftschiff Graf Zeppelin" unter Führung von Dr. Eckener zur Südamerikafahrt gestartet. An Bord waren außer der Besatzung zwölf Fahrtteilnehmer. Das Luftschiff hat nachts Südfrankreich überflogen. Zehn Minuten nach Mitternacht passierte es Besan^on, dann Lyon, Orange, Arles, Ste. Marie de la Mer und fuhr dann mit 120 Stunden­kilometer bei strahlender Sonne und völliger Windstille an der spanischenOstküste entlang. Lieber Carthagena sah man auf braun-gelbes Kü­stenland, das von den ultrablauen Wassern des Mittelmeers umspült war. Bei Malaga wech­selte dieses Bild, in ununterbrochener Folge zo­gen grüne Felder, Weingärten, zu denen schnee­bedeckte Berge einen stimmungsvollen Hinter­grund abgaben, an den Augen der Reisenden vorüber. Die Kanarischen Inseln wurden

am Montag früh gegen 6 Llhr passiert. Das Luftschiff fährt bei frischer Morgenbrise mit 145 Kilometer Stundengeschwindigkeit.

Die Beisetzung des Präses Dr. Dr. IDolff.

3n der Aachener ^hristuskirche war eine zahl­reiche Trauergemeinde versammelt, um dem ver­storbenen Präsidenten der rheinischen evangeli­schen Provinzialshnode Dr. Dr. Wolff die letzte Ehre zu erweisen. 3n Vertretung des Kultus­ministers war Ministerialdirektor Dr. Trende- l e n b u r g erschienen. Reben vielen anderen wohnte der Präsident des Deutschen Evange­lischen Kirchenausschusses Dr. Dr. K a p l e r Der Trauerfeier bei. Worte des Gedenkens sprachen Generalsuperintendent D. S t o l Le n h o s s (Ko­blenz), ferner Konsistorialpräfident D. Frei­herr von der Goltz (Koblenz), der Präses der Generolshnode D. W i n ck l e r, und der geist­liche Vizepräsident des Evangelischen Oberkirchen­rates.

THatga von Etzdorf in Tokio.

Marga von Etzdorf ist mit ihrem Junkers- JuniorKiek in die Welt" in Tokio eingetroffen und hat damit ihr Ziel in überraschend kurzer Zeit erreicht. Sie st a r t e t e a m 1 8. A u g u st i n Berlin und folgte im allgemeinen der Route Moskau Omsk IrkutskMuldenSöul. In durchschnittlichen Tagesleistungen von 1000 Ki­lometer hat sie die 11000 Kilometer lange Strecke in zwölf Tagen zurückgelegt. Trotz mehrfacher Behinderung durch Rebel und einer Zwischenlandung auf der offenen Kirgisensteppe.

Unfälle beim THotor-Betgrennen.

In Teterow (Mecklenburg) ereigneten sich bei demBergrennen zwei schwere Unfälle. Der Teterower Fahrer Hochmeister stürzte im vierten Rennen mit seiner Maschine ins Pu­blikum und riß zahlreiche Zuschauer zu Boden. Sieben Personen muhten vom Platz getragen werden. Ein Teil von ihnen wurde dem Kranken­haus zugeführt. Im darauffolgenden Rennen fiel ein Lübecker Fahrer von der Maschine, die al­lein weiterraste und im Publikum eine Panik hervorrief. Ein Kind wurde von dem Motorrad so schwer verletzt, daß es von der Bahn getragen werden muhte.

Ein THoforrabunglürf fordert zwei Todesopfer.

Auf der Straße von Straubing nach Alterhofen stieß der Bürgermeister und Landwirt Harlander aus Reiszing auf feinem Motorrad, als er einen Wagen Überholen wollte, mit dem Motorrad des 63jährigen Schnellinger aus Regenbura zusammen. Schnellinger wurde vom Kraftrad geschleudert und sofort getötet; eine auf dem Soziussitz mttfah- rende Frau wurde im schwerverletzten Zustande in das Krankenhaus gebracht. An ihrem Aufkommen wird gezweifelt. Harlander starb nach der Ein­lieferung in das Krankenhaus. Er hinterläßt Frau und neun Kinder.

Geistesgegenwart eines Lhauffeurs.

Ein Berliner Drofchkenchauffeur wurde nachts von zwei jungen Burschen zu einer Fahrt nach Hohenschönhausen aujgeforbert. Als man dort au unbebautem Gelände angekommen war, stieg einer der Burschen aus, trat mit gezogener Pistole an den Chauffeur heran und verlangte die Her­ausgabe des Geldes. Dann verlangten sie, daß Der Chauffeur sie nach der Stadt zurückbrin- gen und an der Stadtgrenze absehen sollte. Der Wagenführer fuhr nach Berlin zurück, schaltete jedoch das Licht aus imb fuhr dunkel toei- ter, da er hoffte, daß eine Schupostreife ihn an­halten würde. Zwei Schupobeamte hielten auch den unbeleuchteten Wagen an. Der Chauffeur verständigte die Polizisten und die beiden In­sassen muhten mit aufgehobenen Händen herauS* fommen.

4tus Der Provinz,alhauptstadl.

Gießen, den 31. August 1931.

Oie Musik der Dreschmaschine.

Die Dreschmaschine gibt jetzt den Ton in öefi Musik der Tage auf dem Lande an. IhrBrum­men geht durch die Dorfgaffen und um die Häusergiebel. wie das Summen eines eigensinni­gen Insektes. Die Dreschmaschine intoniert das Finale in der sinfonia rusticana, in jenem Auf- und Abklang, der verschiedenartigsten Motive, aus denen der ZyklusLandarbeit" besteht. In diesen Schluhgesang sind alle Themen verwoben, die jeden Schritt und jeden Gedanken des Land­wirts in langen zwölf Monaten gegleiteten.

Für die Musik der Dreschmaschine hat der Landwirt ein feines Ohr. Er liebt es, wenn keine Störungen in dem Gleichlauf der Takte eintreten. Wie der Sand in der Stundenuhr, o muh das metallische Geräusch dahinrieseln. Wie nämlich in der Dreschmaschine das Gesetz von dem folgerichtigen Ablauf eines Ratur- geschehens technische Präzision empfangen hat, so läßt sich auch aus dem Rhythmus des täglichen Lebens manche reizvolle Variante-heraushören. Der eine drischt, so lange es irgendein^handeln­der Teil ist, ständig taubes Stroh. Weil Klap­pern zum Handwerk gehört, sieht und hört man ihn immer und irgendwo. Wenn man abwägt, was er zuwege gebracht hat, dann verpustet sich das meiste aus der flachen Hand, wie bei dem letzten Hinterkorn. So wächst, blüht und gedeiht Scheinbares, das ebenso unscheinbar aus der Maschine rinnt. Ein anderer legte sich um der Sache selbst willen als Humus in die Furche der Pflichterfüllung, um den Weizen der innerlichen Genugtuung zu ernten.

In der Dreschmaschine ist die Zeit nicht nur bares, sondern heute erst recht sehr hoch im Kurse stehendes Geld geworden. Was früher ein Quar­tett von Dreschflegeln vom ersten Hahnenschrei bis zum letzten Brüllen im Kuhstall die Voraus­setzung für das tägliche Brot werden ließ, daS schluckt heute der Rachen der Dreschmaschine. Emsige Hebel zerteilen es und zerren die fla­chen Lagen über eine Trommel, wo es hart auf hart geht. Genau wie das Leben so häufig auf uns selbst herumtrommelt. Auf dem Rüttelsieb wird das Goethewort wirksam, daß uns das Leben erst einmal am Zeuge flicken muh, bevor wir für die Praxis tauglich werden. Nachdem die Spreu vom Weizen gesondert ist, werden die einzelnen Körner nach ihrem Umfange ausge­wählt. Denn hier stehen ausnahmsweise einmal Aufmachung und Gehalt an Vitaminen in un­löslichem Zusammenhang. Das Vollkorn wird den vollen Wert vollinhaltlich enthalten. So brummig die Dreschmaschine tut, wenn es ihr bisweilen zu dick kommt, die Symbolik, die auf das Leben Bezug hat, ist auch hierbei ersichtlich.

Zwischen dem Rattern der Mähmaschine und des Selbstbinders und der gleich Bergleuten, schür­fenden Tätigkeit der Kartoffelgräber hat dis Dreschmaschine, besonders wenn das Wetter nichts anderes zuläht, die Aufgabe (und diese Aufgabe kann eine große Rolle in der Rentabilität des Betriebes spielen), tote Punkte überwinden zu helfen. Hier macht sie aus der Rot eine bedeut­same Tugend. Sie wird Lückenbüßer, Rothelfer, damit die Zeit das bleibt, was sie fein soll! Produktionsfaktor. Denn kein Kapital verzinst sich besser als die Zeit, wenn sie zur richtigen Zeit und zu dem richtigen Kurswert gehandelt wird.

Wie im Leben, kommt auch bei der Dresch­maschine das meiste auf das Sieb an, durch das man gerüttelt worden ist, um als Voll- oder Hinterkorn feinen Platz auf dem Getreideboden der Domäne Menschheit zu finden.

Oie Oevisenablieferung.

Rach einer am Samstag imDeutschen Reichs­anzeiger" erschienenenDritten Verordnung zu« Durchführung der Verordnung des Reichspräsi­denten über die Devisenbewirtschaftung vom 29. August 1931" werden Devisenbestände im Rennwert von über 1 000 Mark aufgerufen, die durch den Ausruf in der ersten Durchführungsverordnung zur Kapital­fluchtverordnung zum 31. Juli 1931 nicht er­faßt worden find. Für die durch die zuletzt genannte Verordnung bereits erfaßt gewesenen Anmeldepflichtigen, soweit sie ihren Verpflich­tungen nachgekommen find, gilt der neue Aufruf nur für ihre Bestände an Gold (außer Kurs gesetzte Goldmünzen, Feingold oder legiertes Gold, Roh- oder Halbfabrikate) und für solche ausländischen Wertpapiere, die anders als gegen ausländische Zahlungsmittel oder Forderungen in ausländischer Währung erworben worden sind.

Anmeldestellen sind, wie bisher, die örtlich zuständigen Reichsbankanstalten und die mit der Befugnis von An« und Verkauf von auslän­dischen Zahlungsmitteln ausgestatteten Kredit­institute. Stichtag für die Freigrenze ist der 29. August 1931. Die Anmeldung der Werte hat bis zum 5. September 1931 zu erfolgen. Wer nachweifen kann, daß er der Werte zu volkswirtschaftlich gerechtfertigten Zwecken bedarf, hat die Entscheidung..der Reichsbank, oder eines von ihr ermächtigten Kreditinstituts anzurufen.

Die wichtigste Reuerung an der Verordnung ist die Herabsetzung der Freigrenze des § 11 der Devisenbewirtschaftungsverordnung von 3000 Mark auf 1000 Mark. Die neue Frei­grenze gilt also nicht nur für den Aufruf, son­dern für das gesamte Gebiet der Devisenbewirt­schaftung, also z. B. auch für den Erwerb von Devisen, die Verfügung über Devisen usw.

Bornotizen.

Tageskalender für Montag. Licht­spielhaus, Bahnhofstraße: ,Hhre Hoheit befiehlt".

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* Rückfahrkarten auf der Kraft- postlinie GießenHochelheim. Die Fahrpreise der Kraftpostlinie GießenHochel­heim sind seinerzeit durch die Oberpostdirektion Darmstadt unter Zugrundelegung des Satzes von 10 Pfennig je Kilometer festgesetzt worden. Einem verschiedentlich geäußerten Wunsche entsprechend, hat die Oberpostdirektion auf Vorschlag des hie­sigen Postamtes nun die Einführung von ver­billigten Rückfahrkarten genehmigt. Die Aus­gabe der Rückfahrkarten erfolgt mit Wirkung vorn 4. Oktober ab. Der Preis für die Hin- und Rückfahrt von Groß-Rechtenbach nach Gießen beträgt 1,70 Mk. Eine weitergehende Ermäßigung ist wegen des zu erwartenden Ein­nahmeausfalles vorläufig nicht zugestanden wor­den.

* Gegen die Obsteinfuhr. Der Obst­und Gartenbauverein Gießen richtete an den Vorstand des Landesverbandes hessischer Dbft-