Oer Nürnberger Katholikentag
Entschließungen zur politischen und sozialen Lage.
3m Großen Rathaussaal fand am Samstag die geschlossene Versammlung der Mitglieder des Katholikentages statt. Präsident 3 o o s begrüßte die Erschienenen. Lieber den Vertretertag berichteten die einzelnen fünf Gruppenleiter.
Die Ergebnisse der Gruppenverhandlungen wurden in Entschließungen zusammenge- faht, die u. a. besagen: Das deutsche Volk ist zur Zeit in biologischem Riedergang begriffen. Aufgabe der deutschen Politik ist es infolgedessen, die Lebensgesehe zur Anerkennung und die Raturordnung, auf der die Erhaltung und Aufwärtsentwicklung eines jeden Volkes beruht, zur Geltung zu bringen, der weiteren P r v - letarisierung der Arbeiterschaft und dem Absinken des selbständigen Mi t- telstandes ist entgegenzuwirken. Wichtige gesetzliche Maßnahmen zur Volksgesundung sind u. a. die Verbesserung des Bodenrechts und die planmäßige Förderung des Wohnungsbaues, des Heimstätten- und Siedlungswesens. Die z e r - störende Propaganda des Bolschewismus ist mit unbedingter Entschiedenheit, zu bekämpfen. Wirtschafts- und außenpolitische Rücksichten dürfen keineswegs der planmäßigen Unter* wühlung unseres Volkstums freie Bahn geben. Gegen die Freidenker- und Gottlosenbewegung ist die in der Reichsverfassung verbriefte Vorzugsstellung der christlichen Religion mit allen gesetzlichen Mitteln zu verteidigen. Die Zusammenarbeit der Katholiken mit den anderen christlichen Konfessionen zur Erhaltung von christlich-sittlichem und deutschem Volkstum ist eine vaterländische Rotwendigkeit. Die Versammlung beschloß, als Tagungsort für den nächsten Katholikentag 1932 Essen zu wählen.
Oer Festgottesdienst.
Den Höhepunkt der Veranstaltungen des Sonntags bildete ein Festgottesdienst im Stadion, zu dem über 100 000 Menschen zusammengeströmt sind. Die große Tribüne ist von Ehrengästen bis auf den letzten Platz gefüllt, unter ihnen die Reichsminister W i r t h , Stege r w a l d und Schätzet, die Staatspräsidenten von Bayern, Württemberg und Baden, der hessische Minister Kirnberger, Reichskanzler a.D. Dr. Marx, zahlreiche Domherren, Prälaten, Aebte, die Bischöfe von Würzburg, Speyer, Augsburg, Meißen und Münster, der rumänische Bischof von 3assy, schließlich der Erzbischof von Bamberg. Von Militärmusik begleitet zog sodann der Apostolische R u n t i u s Vasallo di Torregrossa unter einem Traghimmel ein. Der Erzbischof von Bamberg
Don links nach rechts: Der bayrische Ministerpräsident Dr. Held, Vasallo di Torregrossa, der päpstliche Nuntius in München, Dr. Johannes von Hauck, Erzbischof von Bamberg.
hielt die Festpredigt. Hierauf zelebrierte der Apostolische Runtius die Pontifikalmesse.
Kundgebung der Jugend.
Die Kundgebung der katholischen 3 u g e n d hatte am Rachmittag wiederum eine gewaltige Zuschauermenge ins Stadion gelockt. Um 14.30 Uhr traf der Festzug der 3u- gend im Stadion ein. Die Musikkapelle der Landespolizei eröffnete den Zug, sodann folgte im strammen Marschschritt die katholische 3ugend, die aus allen Teilen Deutschlands, aus dem Egerland und aus Südtirol nach Rürnberg gekommen war. Von der Tribüne aus nahmen der Erzbischof von Bamberg und Führer der katholischen Verbände den Vorbeimarsch entgegen. Rach Ansprachen, in denen an die 3ugend appelliert wurde, der katholischen Bewegung die Treue auch weiterhin zu bewahren und für die 3ugendvereine zu werben, folgten Liedervorträge.
Ausklang.
An die 3ugendkundgebung im Stadion schloß sich die letzte große öffentliche Schluhver-
f ammlung des Deutschen Katholikentages an. Ein Telegramm des Kardinalstaatssekretärs P a- celli besagt, daß der Segen des Heiligen Vaters auf allem ruhe, was auf der Versammlung beschlossen wurde und mit Gottes Hilfe sich verwirklichen möge. Oberbürgermeister Dr. Hipp (Regensburg) hielt hierauf einen Vortrag über das Thema „Der Christ in den sozialen Röten der Gegenwart". Er schloß seine Ausführungen: Möge das deutsche Volk als erstes im friedlichen Wettstreit mit den anderen Rationen die Grundsätze der sozialen Gerechtigkeit und christlichen Liebe im privaten wie im öffentlichen Leben, in Staat und Wirtschaft verwirklichen. Der österreichische Kultusminister Dr. C z e r m a k überbrachte die Grüße Oesterreichs. Der Präsident der 70. Generalversammlung, Reichstagsabgeordneter 3 o o s (Köln) sagte Dankesworte an die Stadt Rürnberg, die Katholiken Rürnbergs, die hohen Gäste, an Ministerpräsident Dr. Held, das Land Bayern, die Bischöfe, Aebte, Prälaten und den Runtius. Sodann trat der Erzbischof von Bamberg an die Brüstung, gefolgt vom Runtius und den Bischöfen und spendete der Versammlung den obüthirklichen Segen.
Lustbombardement auf Nancy
Oie großen französischen Lustmanöver
Paris, 29. Aug. (TU.) Die französifcken Lustmanöver fanden bei Nancy statt. Marschall P6- tain wohnte einer neuen, mit zwei Maschinen durchgeführten Vernebelungsübung bei, die zur Befriedigung der militärischen Sachverständigen »erlief. Die leitenden Ingenieure überzeugten P6- Tain und seinen Stab von der Nützlichkeit des Der- Nebelungsverfahrens für das Feldheer. 3m Laufe des Vormittags folgte die Vorführung verschiedener Schutzmaßnahmen gegen Luftangriffe, während am Abend auch die Zivilbevölkerung gewissermaßen zum Manöver herangezogen wurde. Die Aufaabe bestand darin, das ganze Uebungsgebiet auf ein Sirenensignal hin in tiefes Dunkel zu hüllen und durch Zusammenarbeit aller zivilen Organisationen mit dem militärischen Stab geeignete Schutz- und Rettungsmaßnahmen durchzuführen. Obgleich die Anwendung von Gift - und Gasbomben bekanntlich durch internationale Abkommen ausgeschlossen ist, trugen die Manöver in erster Linie einem derartigen Angriff Rechnung, lieber verschiedenen Plätzen der Stadt wurden Bomben-Attrappen abgeworfen. Polizei, Feuerwehr, Rettungswesen, Pfadfinder und Hilfsmannfchaften standen die Nacht über unter Alarm. Für die Zivilbevölkerung errichtete Unterstände wurden probeweise zerstört, um aus den Erfahrungen verstärkte Schutzmaßnahmen ableiten zu können. Samstagvormittag erfolgte ein geschlossener Luftangriff auf die Stadt, an dem alle Flugzeuge beteiligt sind. Es folgte ein allgemeines Bombardement aus der Luft, an dem sämtliche Formationen teilnahmen. Gleichzeitig traten Polizei, Feuerwehr unk Rettungsmannschaften in Tätigkeit. Nach dem Manöver flogen Luftfahrtminister Dumesnil, Marschall Pstain und General Poli- Marchetti, begleitet von ihrem Stabe, in drei Flugzeugen nach Straßburg ab, wo sie kurz vor 19 Uhr eintrafen. Das Oberkommando veröffentlicht einen Taaesbefehl, in dem den an den Hebungen mitwirkenoen Streitkräften, sowie der Zivilbevölke-
Über Lothringen.
rung ein Dank für ihre Leistungen ausgesprochen wird.
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Wie ein Pariser Mittagsblatt mitteilt, werden an den großen Manöoern an der Aisne im Gebiet von Reims, die Anfang September beginnen, vier Abteilungen rivater Verkehrsflieger teilnehmen. ie Flugzeuge, die
eine Motorenstärke von mindeste ns 80 und höchstens 140 PS haben dürfen, werden von ihren privaten Besitzern gesteuert, soweit sie ein militärisches Flugpatent haben. Die Teilnehmer erhalten eine Entschädigung von 60 Franks (10 Mk.) pro Tag und 300 Franks (50 Mk.) pro Flugstunde. Das Bruchrisiko geht zu Lasten des Besitzers. Für die Manöver sind zehn Tage vorgesehen. Man glaubt, daß diese kleinen Derkehrsapparate, die eine Geschwindigkeit von nur 130 Stundenkilometer erreichen, wichtige militärische Dienste als Der- bindungsflugzeuge leisten können.
Nächtlicher Lustangriff auf Mailand.
Rom, 30. Aug. (TU.) Am Sonntag bildete Mailand den Mittelpunkt der italienischen Flugmanöver. Die Aktion begann mit einem nächtlichen Luftangriff, der durch mehrere hundert Flugzeuge in breiter Welle vorgetragen wurde. Die Mailänder wurden durch das Geknatter der Petarden (künstliche Bomben I) und das Geratter der Motoren aus dem Schlafe gerissen, sofern sie das nächtliche Kriegsspiel vergessen hatten. Eine halbe Stunde lang beschien der Mond über Mailand ein eindrucksvolles Kriegsfeuerwerk. Am Vorabend wurde der Bahnhof, der Dom und alle strategisch wichtigen Punkte der Stadt mittels Bomben und Beschießung nach allen Regeln der Kriegskunst angegriffen. Zuletzt war Mailand in einen dichten Gasnebel gehüllt, der über der Stadt schwebte und aus dem der weihe Dom gespenstig aufragte.
Kleine politische Nachrichten.
Der nationalsozialistische Reichstagsabgeordnete Peter Gemeinder, der Gauleiter der NSDAP, im Bezirk Hessen,ift am Samstagabend plötzlich o c r s ch i e d e n. Gemeinder hatte am Abend noch in einer großen Versammlung in der Mainzer Stadthalle gesprochen. Nach Schluß der Versammlung wurde er von einem Herzschlage getroffen, dem er kurze Zeit darauf erlegen ist.
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3n Doizenbur g (Mecklenburg) fand die Dürgermei st erwähl statt. 3n der Stichwahl standen sich der von den Rationalsozialisten und Bürgerlichen ausgestellte nationalsozialistische Rechtsanwalt Dr. Z e i 11 e r (München) und der kommunistische Rechtsanwalt Dr. Alexander (Berlin) gegenüber, der von den Kommunisten und Sozialdemokraten unterstützt wurde. Dr. Zeltler erhielt 1625 und der kommunistische Kandidat Dr. Alexander 1752 Stimmen. Somit ist der kommunistische Kandidat gewählt. Da die mecklenburgische Regierung kein Bestätigungsrecht hat, wie in Preußen, gilt Dr. Alexander endgültig als Bürgermeister.
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3m Woldemaras-Prozeß wurden zehn Angeklagte, darunter der ehemalige litauische Diktator Wolde-
m a r a 5 und zwei seiner Adjutanten, frelge« sprachen. Zwölf Angeklagte wurden zu ie einem Jahr Gefängnis verurteilt. Der Rusteika-Attentäter Veitkiewiczus erhielt 15 Fahre Zuchthaus, fein Helfershelfer Pupaleikis zwölf Fahre Zuchthaus.
Aus aller Welt.
„Graf Zeppelin" auf der Fahrt nach Süd-Amerika.
Am Samstagabend 21.30 Llhr ist das Luftschiff „Graf Zeppelin" unter Führung von Dr. Eckener zur Südamerikafahrt gestartet. An Bord waren außer der Besatzung zwölf Fahrtteilnehmer. Das Luftschiff hat nachts Südfrankreich überflogen. Zehn Minuten nach Mitternacht passierte es Besan^on, dann Lyon, Orange, Arles, Ste. Marie de la Mer und fuhr dann mit 120 Stundenkilometer bei strahlender Sonne und völliger Windstille an der spanischenOstküste entlang. Lieber Carthagena sah man auf braun-gelbes Küstenland, das von den ultrablauen Wassern des Mittelmeers umspült war. Bei Malaga wechselte dieses Bild, in ununterbrochener Folge zogen grüne Felder, Weingärten, zu denen schneebedeckte Berge einen stimmungsvollen Hintergrund abgaben, an den Augen der Reisenden vorüber. Die Kanarischen Inseln wurden
am Montag früh gegen 6 Llhr passiert. Das Luftschiff fährt bei frischer Morgenbrise mit 145 Kilometer Stundengeschwindigkeit.
Die Beisetzung des Präses Dr. Dr. IDolff.
3n der Aachener ^hristuskirche war eine zahlreiche Trauergemeinde versammelt, um dem verstorbenen Präsidenten der rheinischen evangelischen Provinzialshnode Dr. Dr. Wolff die letzte Ehre zu erweisen. 3n Vertretung des Kultusministers war Ministerialdirektor Dr. Trende- l e n b u r g erschienen. Reben vielen anderen wohnte der Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchenausschusses Dr. Dr. K a p l e r Der Trauerfeier bei. Worte des Gedenkens sprachen Generalsuperintendent D. S t o l Le n h o s s (Koblenz), ferner Konsistorialpräfident D. Freiherr von der Goltz (Koblenz), der Präses der Generolshnode D. W i n ck l e r, und der geistliche Vizepräsident des Evangelischen Oberkirchenrates.
THatga von Etzdorf in Tokio.
Marga von Etzdorf ist mit ihrem Junkers- Junior „Kiek in die Welt" in Tokio eingetroffen und hat damit ihr Ziel in überraschend kurzer Zeit erreicht. Sie st a r t e t e a m 1 8. A u g u st i n Berlin und folgte im allgemeinen der Route Moskau — Omsk — Irkutsk—Mulden—Söul. In durchschnittlichen Tagesleistungen von 1000 Kilometer hat sie die 11000 Kilometer lange Strecke in zwölf Tagen zurückgelegt. Trotz mehrfacher Behinderung durch Rebel und einer Zwischenlandung auf der offenen Kirgisensteppe.
Unfälle beim THotor-Betgrennen.
In Teterow (Mecklenburg) ereigneten sich bei dem ‘Bergrennen zwei schwere Unfälle. Der Teterower Fahrer Hochmeister stürzte im vierten Rennen mit seiner Maschine ins Publikum und riß zahlreiche Zuschauer zu Boden. Sieben Personen muhten vom Platz getragen werden. Ein Teil von ihnen wurde dem Krankenhaus zugeführt. Im darauffolgenden Rennen fiel ein Lübecker Fahrer von der Maschine, die allein weiterraste und im Publikum eine Panik hervorrief. Ein Kind wurde von dem Motorrad so schwer verletzt, daß es von der Bahn getragen werden muhte.
Ein THoforrabunglürf fordert zwei Todesopfer.
Auf der Straße von Straubing nach Alterhofen stieß der Bürgermeister und Landwirt Harlander aus Reiszing auf feinem Motorrad, als er einen Wagen Überholen wollte, mit dem Motorrad des 63jährigen Schnellinger aus Regenbura zusammen. Schnellinger wurde vom Kraftrad geschleudert und sofort getötet; eine auf dem Soziussitz mttfah- rende Frau wurde im schwerverletzten Zustande in das Krankenhaus gebracht. An ihrem Aufkommen wird gezweifelt. Harlander starb nach der Einlieferung in das Krankenhaus. Er hinterläßt Frau und neun Kinder.
Geistesgegenwart eines Lhauffeurs.
Ein Berliner Drofchkenchauffeur wurde nachts von zwei jungen Burschen zu einer Fahrt nach Hohenschönhausen aujgeforbert. Als man dort au unbebautem Gelände angekommen war, stieg einer der Burschen aus, trat mit gezogener Pistole an den Chauffeur heran und verlangte die Herausgabe des Geldes. Dann verlangten sie, daß Der Chauffeur sie nach der Stadt zurückbrin- gen und an der Stadtgrenze absehen sollte. Der Wagenführer fuhr nach Berlin zurück, schaltete jedoch das Licht aus imb fuhr dunkel toei- ter, da er hoffte, daß eine Schupostreife ihn anhalten würde. Zwei Schupobeamte hielten auch den unbeleuchteten Wagen an. Der Chauffeur verständigte die Polizisten und die beiden Insassen muhten mit aufgehobenen Händen herauS* fommen.
4tus Der Provinz,alhauptstadl.
Gießen, den 31. August 1931.
Oie Musik der Dreschmaschine.
Die Dreschmaschine gibt jetzt den Ton in öefi Musik der Tage auf dem Lande an. Ihr ‘Brummen geht durch die Dorfgaffen und um die Häusergiebel. wie das Summen eines eigensinnigen Insektes. Die Dreschmaschine intoniert das Finale in der sinfonia rusticana, in jenem Auf- und Abklang, der verschiedenartigsten Motive, aus denen der Zyklus „Landarbeit" besteht. In diesen Schluhgesang sind alle Themen verwoben, die jeden Schritt und jeden Gedanken des Landwirts in langen zwölf Monaten gegleiteten.
Für die Musik der Dreschmaschine hat der Landwirt ein feines Ohr. Er liebt es, wenn keine Störungen in dem Gleichlauf der Takte eintreten. Wie der Sand in der Stundenuhr, o muh das metallische Geräusch dahinrieseln. Wie nämlich in der Dreschmaschine das Gesetz von dem folgerichtigen Ablauf eines Ratur- geschehens technische Präzision empfangen hat, so läßt sich auch aus dem Rhythmus des täglichen Lebens manche reizvolle Variante-heraushören. Der eine drischt, so lange es irgendein^handelnder Teil ist, ständig taubes Stroh. Weil Klappern zum Handwerk gehört, sieht und hört man ihn immer und irgendwo. Wenn man abwägt, was er zuwege gebracht hat, dann verpustet sich das meiste aus der flachen Hand, wie bei dem letzten Hinterkorn. So wächst, blüht und gedeiht Scheinbares, das ebenso unscheinbar aus der Maschine rinnt. Ein anderer legte sich um der Sache selbst willen als Humus in die Furche der Pflichterfüllung, um den Weizen der innerlichen Genugtuung zu ernten.
In der Dreschmaschine ist die Zeit nicht nur bares, sondern heute erst recht sehr hoch im Kurse stehendes Geld geworden. Was früher ein Quartett von Dreschflegeln vom ersten Hahnenschrei bis zum letzten Brüllen im Kuhstall die Voraussetzung für das tägliche Brot werden ließ, daS schluckt heute der Rachen der Dreschmaschine. Emsige Hebel zerteilen es und zerren die flachen Lagen über eine Trommel, wo es hart auf hart geht. Genau wie das Leben so häufig auf uns selbst herumtrommelt. Auf dem Rüttelsieb wird das Goethewort wirksam, daß uns das Leben erst einmal am Zeuge flicken muh, bevor wir für die Praxis tauglich werden. Nachdem die Spreu vom Weizen gesondert ist, werden die einzelnen Körner nach ihrem Umfange ausgewählt. Denn hier stehen ausnahmsweise einmal Aufmachung und Gehalt an Vitaminen in unlöslichem Zusammenhang. Das Vollkorn wird den vollen Wert vollinhaltlich enthalten. So brummig die Dreschmaschine tut, wenn es ihr bisweilen zu dick kommt, die Symbolik, die auf das Leben Bezug hat, ist auch hierbei ersichtlich.
Zwischen dem Rattern der Mähmaschine und des Selbstbinders und der gleich Bergleuten, schürfenden Tätigkeit der Kartoffelgräber hat dis Dreschmaschine, besonders wenn das Wetter nichts anderes zuläht, die Aufgabe (und diese Aufgabe kann eine große Rolle in der Rentabilität des Betriebes spielen), tote Punkte überwinden zu helfen. Hier macht sie aus der Rot eine bedeutsame Tugend. Sie wird Lückenbüßer, Rothelfer, damit die Zeit das bleibt, was sie fein soll! Produktionsfaktor. Denn kein Kapital verzinst sich besser als die Zeit, wenn sie zur richtigen Zeit und zu dem richtigen Kurswert gehandelt wird.
Wie im Leben, kommt auch bei der Dreschmaschine das meiste auf das Sieb an, durch das man gerüttelt worden ist, um als Voll- oder Hinterkorn feinen Platz auf dem Getreideboden der Domäne Menschheit zu finden.
Oie Oevisenablieferung.
Rach einer am Samstag im „Deutschen Reichsanzeiger" erschienenen „Dritten Verordnung zu« Durchführung der Verordnung des Reichspräsidenten über die Devisenbewirtschaftung vom 29. August 1931" werden Devisenbestände im Rennwert von über 1 000 Mark aufgerufen, die durch den Ausruf in der ersten Durchführungsverordnung zur Kapitalfluchtverordnung zum 31. Juli 1931 nicht erfaßt worden find. Für die durch die zuletzt genannte Verordnung bereits erfaßt gewesenen Anmeldepflichtigen, soweit sie ihren Verpflichtungen nachgekommen find, gilt der neue Aufruf nur für ihre Bestände an Gold (außer Kurs gesetzte Goldmünzen, Feingold oder legiertes Gold, Roh- oder Halbfabrikate) und für solche ausländischen Wertpapiere, die anders als gegen ausländische Zahlungsmittel oder Forderungen in ausländischer Währung erworben worden sind.
Anmeldestellen sind, wie bisher, die örtlich zuständigen Reichsbankanstalten und die mit der Befugnis von An« und Verkauf von ausländischen Zahlungsmitteln ausgestatteten Kreditinstitute. Stichtag für die Freigrenze ist der 29. August 1931. Die Anmeldung der Werte hat bis zum 5. September 1931 zu erfolgen. Wer nachweifen kann, daß er der Werte zu volkswirtschaftlich gerechtfertigten Zwecken bedarf, hat die Entscheidung..der Reichsbank, oder eines von ihr ermächtigten Kreditinstituts anzurufen.
Die wichtigste Reuerung an der Verordnung ist die Herabsetzung der Freigrenze des § 11 der Devisenbewirtschaftungsverordnung von 3000 Mark auf 1000 Mark. Die neue Freigrenze gilt also nicht nur für den Aufruf, sondern für das gesamte Gebiet der Devisenbewirtschaftung, also z. B. auch für den Erwerb von Devisen, die Verfügung über Devisen usw.
Bornotizen.
— Tageskalender für Montag. Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: ,Hhre Hoheit befiehlt".
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*♦ Rückfahrkarten auf der Kraft- postlinie Gießen —Hochelheim. Die Fahrpreise der Kraftpostlinie Gießen—Hochelheim sind seinerzeit durch die Oberpostdirektion Darmstadt unter Zugrundelegung des Satzes von 10 Pfennig je Kilometer festgesetzt worden. Einem verschiedentlich geäußerten Wunsche entsprechend, hat die Oberpostdirektion auf Vorschlag des hiesigen Postamtes nun die Einführung von verbilligten Rückfahrkarten genehmigt. Die Ausgabe der Rückfahrkarten erfolgt mit Wirkung vorn 4. Oktober ab. Der Preis für die Hin- und Rückfahrt von Groß-Rechtenbach nach Gießen beträgt 1,70 Mk. Eine weitergehende Ermäßigung ist wegen des zu erwartenden Einnahmeausfalles vorläufig nicht zugestanden worden.
*• Gegen die Obsteinfuhr. Der Obstund Gartenbauverein Gießen richtete an den Vorstand des Landesverbandes hessischer Dbft-


