Ist -er Krieg schuld?
Von Dr. Adolf Weber, Geh. ;Reg.<Rdfz o. ö. Professor der Staaiswissenschasten an der Universität München.
Die furchtbare Wirtschaftskrise, die die Welt erschüttert, drängt immer wieder die Frage nach dem W a r u in und dem Woher in den Vordergrund des Interesses. Immer wieder taucht dabei die Meinung auch hervorragender Sachverständiger auf, die gewaltigen Zerstörungen des Weltkrieges seien die Hauptursache des weltwirtschaftlichen Unglücks unserer Tage. Die Erfahrungen der Vergangenheit lehren aber, daß früher verhältnismäßig sehr schlimme Kriegsverwüstungen wirtschaftlich überraschend schnell überwunden wurden.
Jahrelang hatten im sechsten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts die Vereinigten Staaten unter dem erbittert geführten Bürgerkrieg zu leiden gehabt. Katastrophal waren zunächst die wirtschaftlichen Folgen: Vor dem Kriege betrachtete man als den größten Reichtum Nordamerikas die Produkte der tropischen Agrikultur der Südstaaten (Baumwolle, Zuckerrohr): die Blockade durch die Flotte des Nordens und die Beseitigung der Sklavenarbeit schienen diesen Reichtuni vollkommen vernichtet zu haben. Indien, Aegypten, Brasilien dehnten ihre Baumwollkultur auf Rosten Amerikas erheblich aus. Die Rohrzuckerproduktion erhielt dadurch einen harten Schlag, daß sich infolge des Bürgerkrieges dem europäischen Rübenzucker ein großer Markt selbst in den Vereinigten Staaten eröffnete. So gut wie vollständig wurde der einst so berühmte Karolinareis vom Weltmarkt verdrängt. Die staatlichen Ausgaben stiegen enorm, die ordentlichen jährlichen Ausgaben, die 1860 nur 60 Millionen Dollar betrugen, stiegen 1865 auf über 1200 Millionen Dollar; die Staatsschuld stieg von 1860 bis 1865 auf das vierzigfache. Bedenkliche inflationistische Störungen waren nicht zu vermeiden. Die Steuerlast schien unerträglich zu sein; kurz nach Beendigung des Bürgerkrieges schrieb ein Franzose 1865: „Schon jetzt zahlt der Bürger der Union für jede Stunde des Tages direkt oder indirekt bei allen Akten seines Lebens, für fein bewegliches und unbewegliches Eigentum, für das Einkommen und für den Verbrauch, für den Verkehr und für das Vergnügen." Durch die Zeitungen wurde bekannt, daß ein Grundbesitzer in Chikago einem Geschäftsmann drei Geschäftshäuser in einer der Hauptstraßen für längere Zeit mietfrei Überlassen wollte, wenn der Mieter für die Zeit alle Steuern übernehmen und die Häuser instand erhalten wolle. Nach reiflicher Ueberlegung aller Verhältnisse wurde aber das Anerbieten a b g e l e h n t. Und die Bürger von Neuyork ließen öffentlich erklären, man nähere sich mit Riesenschritten dem Zustand, daß die Einwohner amerikanischer Städte den ganzen Ertrag ihrer Arbeit für ihre Staats- ii n b Gemeindereyieru n g e n hergeben müßten. Das Kapital wurde äußerst knapp, der Zinsfuß infolgedessen hoch. Firmen im Inneren des Landes mußten noch Ende der sechziger Jahre 15 bis 18 Prozent Zinsen bezahlen.
Aber trotzallem begann schon kurz noch Beendigung des Bürgerkrieges ein glanzvoller Aufstieg. Die Staatsschulden konnten bis 1880 utn die Hälfte reduziert werden, die Zahl der gewerblichen Unternehmungen verdoppelte sich von 1860 bis 1870. Ueberall nahmen die Produktionskräfte einen ungeahnten Aufschwung. Angesichts dieser glänzenden Entwicklung in einer so kurzen Spanne Zeit konnte der berühmte österreichische Handelspolitiker Alexander Peez in einer kleinen Schrift, die er 1881 über die damals in Europa schon fühlbar werdende amerikanische Konkurrenz veröffentlichte, von der „romanhaften Geschichte eines arbeitenden Volkes" sprechen. Ein deutscher Landwirt aber, der seine Aufmerksamkeit der
V a l a a d h a i Patel, der frühere Präsident der indischen gesetzgebenden Versammlung, der wegen seines schlechten Gesundheitszustandes aus dem Gefängnis entlassen worden war, wurde bei seiner Heimkehr nach Bombay von einer jubelnden Menschenmenge im Triumph durch die Stadt geführt.
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amerikanischen Landwirtschaft insbesondere zugewandt hatte, schrieb im Mai 1881: „Diejenigen Umstände, durch deren Zusammentreffen der Betrieb der Landwirtschaft so wesentlich erleichtert zu werden vermag, wie Wohlfeilheit der Arbeit, Niedrigkeit des Zinsfußes, Leichtigkeit des Absatzes, geringer Druck der Steuerlast, haben sich im allgemeinen für den Nordamerikaner recht ungünstig gestaltet, und wenn er dennoch den Mut gesunden hat, mit unerschütterlichem Vertrauen fortzuarbeiten, so darf als treibende Ursache hierfür betrachtet werden, daß er in ganz anderem Maße als wir Deutsche das „Hilf dir selber, so hilft dir Gott" zum vornehmsten seiner Grundsätze erhoben hat." Aus dem Beispiel Nordamerikas wird der deutsche Landwirt für seine heimischen Berufsgenossen die Lehre ziehen, daß sie in der eigenen Tatkraft den Hebel des Aufschwungs zu suchen hätten: „Das dürfte für uns Deutsche wohl die heil- samste Lehre sein, die wir uns viel zu sehr ge- wöhnt haben, den Blick auf die Tätigkeit der Gesetzgebung statt auf unsere eigenen Eigenschaften zu richten." So schrieb der Landwirt vor fünfzig Jahren, als der Staatsinterventionalismus erst in den ersten Anfängen war!
Amerika nach dem Bürgerkrieg ist kein Ausnahmefall England hatte unter den napoleonischen Kriegen wirtschaftlich sehr schwer zu leiden Die Steuern stiegen von 1800 bis 1814 um mehr als das Dreifache. Dabei stockte Handel und Wandel ein halbes Menschenalter hindurch, häufige Mißernten nach den napoleonischen Kriegen verschärften die kritische Lage, deren Kennzeichen Seuche, Unterernährung, moralische Degeneration waren. Aber trotzdem konnte schließlich I. St. Mill etwa ein Jahrzehnt später feststellen: „Das Vermögen und die Hilfsquellen des Landes, statt sich zu verringern, haben rasch zugenommen und bedeutend an Umfang gewonnen." Wie rasch kam Frankreich nach 1870 wieder hoch und Rußland nach der Niederlage im Kriege gegen Japan! Die Propheten kündigten 1905 an, daß Rußland, der „Koloß mit den tönernen Füßen", für Jahrzehnte politisch und wirtschaftlich ohn-
mächtig sei. Indessen wenige Wochen vor Ausbruch des Weltkrieges konnte der russische Fürst K o t s ch u- bey in den Preußischen Jahrbüchern schreiben: „In weniger als zehn Jahren hat Rußland wunderbare Fortschritte gemacht, seine Industrie und sein Handel sind in voller Entwicklung. Von dem einem Ende bis zum anderen des gewalt- tigen Kaiserreiches spürt man immer mehr den Luftzug des großen Aufschwungs."
Friedrich L i ft hat so eindringlich gelehrt, daß Reichtum der Völker wenig bedeute gegenüber der Kraft Reichtum zu schaffen und zu mehren. Auch der Weltkrieg konnte nur vorhandene Reichtümer zerstören. Er hat die Kraft, Reichtum zu schaffen, durch mancherlei Anregung (Flugschiffahrt, Lösung des Stickstoffproblems, Verbesserung der Transportmittel, der Bodenbearbeitung usw.) nicht unwesentlich gefördert. Alley wäre daraus angekommen, daß die Produktionsele- mente Bodenkraft, Arbeitskraft und Kapital, die durch, den Krieg in falsche Bahnen gelenkt waren, so frei beweglich w i e möglich zu machen, den Weg zur besten Kombination hätten sie dann schon von selbst gefunden.
Die Staatsmänner der Nachkriegszeit haben überall in der Wett genau das Gegenteil getan. Nirgendwo hatte man den Mut, an der schwer leidenden Volkswirtschaft das Naturheilverfahren an- zuwenden. Weltwirtschaftlich und nationalwirtschaftlich konnte man sich nicht genug tun in der Verordnung von bitteren und süßen Medizinen, die mehr schadeten, als nützten. Ueberall Hemmungen und Bindungen, Zölle und immer wieder höhere Zölle an den Grenzen und im Innern ein Paragraphenwirrwarr, ein Staatsinterventionalismus, der trotz aller Fehlschläge nicht müde wurde, die Volkswirtschaft mit neuen Experimenten zu bedenken, und das alles auf der Basis der größ- tenwirtschaftspolitifchen Torheit, die die Wirtschaftsgeschichte kennt, auf Grundlage der sogenannten Friedensoerträge, die den Krieg und den mit ihm verbundenen blinden Haß auch nachdem die Waffen niedergelegt worden waren, in der Volks- und Welt
wirtschaft zu einer Dauererscheinung machten.
Die Staatsmänner der Vorkriegszeit mögen aroho Schuld auf sich geloben haben, weil sie den Weltkrieg nicht verhinderten. Schuld an der gegenwärtigen Weltwirtschaftskrisis haben sie deshalb nichts sie lastet ganz auf den Staatsmännern des letzten halben Menschenalters, die der Welt und der Weltwirtschaft keinen Frieden zu geben vermochten.
Geschichten aus alter Wett.
Das Leben eines Einsiedlers.
(a) 01 e u t) o r f.
64jährig ist vor kurzem auf seiner Dahnblock- stelle bei Trinidad in Texas der Bahnwärter Sim Mimmons eines unnatürlichen Todes gestorben. Eine teere Flasche, die ein Reisender aus seinem Abteil im Erpreßzuge warf, traf den mit Gartenarbeit beschäftigten Sim Mimmons an die Schläfe, und zwar mit solcher Wucht, daß er sofort tot war.
Seit feinem zwölften Lebensjahre, so wird berichtet, hat Sim Mimmons seinen Posten als Bahnwärter an dieser selben Stelle treu und brav versehen, und ist während dieser ganzen Zeit nirgendwo anders hingekommen, nicht einmal in das nächste, etwa acht Kilometer entfernte Städtchen Trinidad. Selbst seine HochzM hat er in seinem kleinen und engen Bahnwärterhäuschen gefeiert, und wenn seine Frau als Farmmagd nicht regelmäßig zweimal in der Woche mit Milch an seinem Häuschen vorübergefahren wäre, hätte er niemals in seinem Leben irgendeine Frau kennengelernt und wäre unbeweibt geblieben. An die entlegene Stelle, an der Sim seinen Dienst versah, kamen im Sahr vielleicht im ganzen zehn Menschen, imb auch um diese wenigen Boten der Welt da draußen kümmerte sich Sim nicht sonderlich. Als er vor zwei Sähren sein fünfzigjähriges Dienstjubiläum feierte, fand die feierliche Abordnung seiner Drotgeberin, einer großen amerikanischen EisenbahngeseUschast, die ihm eine Verdienstmedaille und ein Geldgeschenk' überbringen wollte, im Bahnwärterhäuschen nur den Sohn vor. Der Vater, der die Herren mit den feierlichen Zylindern wohl gewittert hatte, war im nahen Busch verschwunden, und hatte sich in einem unauffindbaren Versteck unsichtbar gemacht, bis die Herren mit bedauerndem Achselzucken wieder verschwunden waren. Aehnlich war cs ihnen schon drei Sahre vorher ergangen, als sie diesem menschenscheuen Einsiedler ein Belobigungsschreiben und ebenfalls eine Summe Geldes überbringen wollten, weil durch seine Geistesgegenwart ein Eisenbahnunglück verhindert worden war.
Der Posten scheint übrigens in der Familie Mimmons erblich zu fein, denn Sim hatte ihn schon von seinem Vater übernommen. Sein Rachfolger wird sein einziger Sohn sein. Der aber ist nicht so menschenscheu und einsiedlerisch veranlagt wie sein Vater, und kennt auch schon ein schönes Stückchen Welt. Denn er war Weltkriegsteilnehmer.
Das Ende einer Entenjagd.
(f) London.
Der Carl von T. — den Ramen verschweigt sogar die liberale englische Presse — hatte kürzlich seine Freunde zur Entenjagd auf seinem Landsitz in den schottischen Hochlanden eingeladen. Und sie kamen auch alle, denn sie wußten, daß bei dein Earl nicht nur immer eine ergiebige Sagd ihrer wartete, sondern auch mancher stets gastfreundlich gereichter guter Tropfen.
An der Eröffnungsjagd, im frühesten Morgengrauen, nahmen etwa vierzig Gäste teil, die sich gruppenweise über das ganze Gelände verteilten. Auch Oleugierige aus den zunächst liegenden
Die kleine Aicvlelle.
Vornan von Paul Hain
33 Fortsetzung. Nachdruck verboten
Sie blickte vom Spiegel auf und zu Frau Lubick hin.
„Was man eben so hört —"
Rorma puderte weiter.
„Sa, er hat wohl eine andere im Kops, der liebe Hubert?"
„©o sind die Männer, gnädige Frau. Sch habe Herrn Wördehoff nie so recht getraut.“
Die brave Frau war sehr gut im Bilde. Sie wußte schon, wie die Antworten aussalken mußten.
„Off), sehen Sie? Sa, wir passen schlecht zuein- ander. Aber Scheidung?"
Rorma zog eine Grimasse im Spiegel.
„Er soll — warten", stieß sie hervor.
„Sanz recht so, gnädige Frau, bloß nicht zu gut sein zu den Männern. Die sind das gar nicht teert. Was mein Mann is, beispielsweise —“
„Gut, schon gut.“
Rorma legte die Puderquaste hin und lehnte sich in den Sessel zurück. Die Geschichte kannte sie. Sie hatte heute keine Lust, von Vater Tu- bickes Abenteuern zur Zeit seiner größten Männerschönheit zu hören.
„Wie gefällt Ihnen denn Herr Barnowsky?" lächelte sie.
Frau Tubick war auch hier im Bilde.
„Ah, das is 'n Kavalier! Sanz mein Geschmack! Der hat Seele —“
Von den verwelkten Blumensträußen, die in Fülle in der Garderobe herumstanden, stammte der größere Teil von ihm. Und jedesmal, wenn er Rorma in der Aktpause besuchte, blieb ein Geldschein in Frau Tubicks Hand hängen.
Rorma lachte laut.
„Ach ja, Seele hat er Wohl! Wollen Sie mal das neue Bild von mir in der Ausstellung sehen, das er gemalt hat? Ganz wundervoll. Sch bringe Shnen eine Karte mit. Sie haben ja vormittags Zeit —“
„Da dank' ich auch recht schön, gnädige Frau. Sch schwärme ja sehr für Bilder —"
Sn diesem Augenblick klopfte es an der Tür. „Bitte?“ Rorma drehte den Kopf zur Seite.
Hollmann trat ein — im Smoking. Sein dickes 'Gesicht glänzte vor Gutmütigkeit. „Sch störe doch nicht?"
„Gott, -diese Aeberraschung, Direktor. Was haben Sie denn heute noch vor?"
„Tja, nicht mehr und nicht weniger, als Sie zum' Essen einzuladen. Cs ist ja noch früh heute, Sie haben nichts mehr zu tun. Ah, und angezogen sind Sie ja ^schon.“
„Sie mit mir — essen? Was verschafft mir denn die Ehre?“
„Mir ist heute mächtig luftig zumute, und Lhnen ja doch auch! Ola, da fiel mir das eben
so ein Vielleicht habe ich auch so ein bißchen mit Shnen zu besprechen —"
Er machte ein geheimnisvolles Gesicht, so gut er das vermochte.
„Schade, Direktor, ich bin schon verabredet—"
„Wie? Setzt schon? Auf eine halbe Stunde wird's nicht ankommen —“
„Eine halbe Stunde zum Essen?"
Rorma, die aufgestanden war, lachte Hollmann lustig ins Gesicht.
„Aber Direktorchen!"
„Darf man fragen, wo Sie hinwollten? Vielleicht -“
Sie schnippte mit dem Finger.
„Meine Verabredung geht von elf Ahr ab
„Setzt ist es zehn — also —"
„Gar nichts also. Aber man kann unterwegs anrufen. Eine kleine Verzögerung macht ja nichts aus. And — ich habe wirklich früher Appetit als sonst. Wo wollten Sie denn mit mir hin?"
„Vielleicht zum „Admiral", wie? Rette Iazz- Musik da, Regertruppe. And bequeme, Tische. Wie gesagt, ich hätte mich gerne ein bißchen mit Shnen unterhalten. Prozentverträge und dergleichen —"
Rorma horchte auf. Ließ die Zunge über die Lippen gleiten.
„Direktorchen?!"
„Hm, na, Sie werden ja hören. An der nächsten Premiere könnten Sie tatsächlich zu erklecklichen Prozenten beteiligt sein. Wirklich!"
Run sah fein Gesicht in der Tat geheimnisvoll aus.
Rorma stand dicht vor ihm. „Wie heißt die Premiere?"
„Ree, die Antwort später, beste Frau Rorma. Der Titel steht sowieso noch nicht fest. Er wird — kann, darf — na, er kann vielleicht geändert werden. Gefällt mir nicht mehr so recht. Ieden- falls, ich muß Sie mal erst sprechen —"
Rorma drehte sich um sich selbst und stieß einen kleinen Jodler aus.
„Topp, Direktor! Sausen wir los! Seht bin ich neugierig!“
„Ra also", lachte Hollmann, „die Geschichte wird schon werden. Einen Augenblick, ich hab' oben meinen Pelz hängen lassen."
Das „Admirals-Kasino" war, da Hollmann und Rorma dort erschienen und in einer der bequemen Rischen Platz nahmen, noch nicht beseht.
Cs war ein mittelgroßer, fast kapellenartig rundgeformter und architektonisch außerordentlich geschmackvoll ausgestatteter Raum. Rings herum an der mit hellpoliertem Kirschbaumholz belegten Wand zog sich bis zur Bühne die Winterterrasse, während der OHittelraum, mit dunkelblauem Teppich bedeckt, als Mokkadiele diente. Die gedämpfte Deckenbeleuchtung und das rotschimmernde Licht verbreiteten eine feine, in- tim-reizvolle Stimmung.
Die Regerkapelle auf dem Podium spielte die neuesten exotischen Jazz-Melodien mit einer Ekstase, die verwirrend war.
„Direktor, hier ist's gemütlich", sagte Rorma und blickte über die glänzenden Scheitel der eleganten Kavaliere und die hellgepuderten Racken der Damen, die da in den 'bequemen Sesseln saßen und soupierten und Wein tranken. Ein paar bekannte Gesichter von Bühne und Film. Man grüßte einander aus der Feme. HoU- mann gab die Bestellung auf.
„Run also, Direktorchen, schießen Sie los!"
„Warten Sie noch eine Minute, bis der Kellner serviert hat. Dann geht's besser —"
Der Wein kam, die Speisen wurden aufgetragen, und zwischen Essen und Trinken fing Hollmann nun an:
„Also die nächste Premiere! Sch werde Shnen verraten, wie Sie vorläufig heißt: „Das vergessene Königreich!“ —
Rorma ah ruhig weiter.
„So, so, also ist mein lieber Gatte doch klein geworden?"
„Hm, wie man's nimmt. Sedensalls gibt er das Stück frei, man kann damit machen, was man will, fein, wie?"
„Hat er selber Shnen das gesagt?"
„Sa, er selber!"
Hollmann beschäftigte sich jetzt intensiv mit dem Hummer, der ihm offenbar viel zu schaffen machte. Die Musik spielte wie irrsinnig.
„Hm, wie gesagt, wir können also Aende- rangen vornehmen, wie es uns paßt. And — Wördehoff verlangt nicht einmal Tantiemen. Er schenkt Ihnen das Stück, Rorma! Mit sämtlichen Einkünften! Gin hübsches Sümmchen, das da herauskommen wird."
Rorma legte Messer und Gabel hin.
„Direktor, was bedeutet das?"
„Essen Sie ruhig weiter, Verehrteste. Bitte, Shr Wohl!" Er hob das Glas.
„Sch glaube, wir speisen erst, dann spricht sich's noch besser."
So — der Anfang 'war gemacht! Rorma brannte vor Reugierde, er sah es ihr an. Run konnte er frisch weg reden — nachher!
Wirklich — Rorma war von der Eröffnung des Direktors aufs äußerste neugierig gemacht. Was steckte dahinter? Wie kam Hubert dazu. Hollmann und ihr selbst — so weit entgegenzukommen?
Sie brauchte nicht mehr lange zu warten, um es zu erfahren. Kaum hatte der Kellner den Tisch abgeräumt, so fuhr Hollmann fort:
„Frau Rorma, Sie sind eine begnadete Künstlerin. Sie stehen doch weit über dem philiströsen Anschauungskreis der Kleinbürgerin. Warum willigen Sie nicht in die Scheidung mit Worde- hoff?"
Rorma blickte ihn erstaunt an.
„Sa — was hat denn das mit unserer geschäftlichen Antcrredung zu tun?“
„Hm — klipp und klar also: Wördehoss ist bereit, das Stück freizugeben, für eine Darstellung, I wie sie mir paßt. Er schenkt Ihnen das Stück, wie ich schon sagte. Er legt — sogar noch die spä- |
ter en Einnahmen aus seinen früheren Stücken hinzu. Wenn Sie einverstanden sind —"
Rorma begriff plötzlich. Hollmann sah — als Vermittler da!
„Hubert hat Ihnen diesen Austrag gegeben?" „Richt so. Er erwähnte das alles nur, als wir einmal über — hm — über die Premiere seines Stückes sprachen. Cs muh doch ausgeführt werden, zum Kuckuck! Ra — ich glaube, daß Sie kein schlechtes Geschäft machen würden, Olorma, wenn Sie — darauf eingingen!"
„Hollmann! Wissen Sie. wie Hubert mich gepeinigt hat!" rief Rorma emphatisch aus, während ihre Gedanken die eben gehörten Vorschläge umspielten.
„Gott — ja doch“, antwortete Hollmann, der sich wirklich nicht vorstellen tonnte, wie Hubert Wördehoss seine Frau „gepeinigt" haben sollte. „Sie sehen ja, er versucht das teilweise wieder gut zu machen. Rehmen Sie an, Rorma! Sie retten mein Theater — Sie retten sich einenneuen Vertrag — ich bin nämlich bereit, falls Sie mir das Stück sichern, mit Ihnen einen besseren Vertrag abzuschließen als es ihr letzter war — und Sie sind endlich auch frei! Denn Sie sind bis jetzt, da Sie immer noch Frau Wördehoff heißen, doch auch gebunden!"
Er redete hastig und eindringlich, da er merkte, daß Rorma doch innerlich stark mit den Vorschlägen beschäftigt war.
„And — wenn ich es nicht tue?“ Ihre Augen blitzten.
„Wördehoff ist zum Aeußerstcn entschlossen, Frau Rorma! Er will im Guten von Ihnen. Akzeptieren Sie nicht, so geht es eben hart auf hart. Soviel habe ich aus seinen Worten erraten. Ich würde Sie nicht verstehen können, wenn Sie den ungeheuren Vorteil der Vorschläge nicht einsähen. Darf ich Ihnen einmal vorrechnen, was dabei für Sie herausspringt?, Ich glaube, Sie sind da nicht ganz im Bilde —“
Er zog schon Bleistift und Rotizbuch hervor. Er kannte seine Diva! Zahlen — das waren die besten Beweise. Dabei sagte er wie beiläufig:
„Aebrigens hat Ihr Mann nicht die Absicht, noch länger fürs Theater zu schreiben. Er ist ein eigenartiger Mensch, der eigene Wege geht. Also sehen Sic: Gelinde gerechnet wird das Stück — natürlich umgearbeitet — an fünfzig Aufführungen haben. Sechs Bühnen aus der Provinz haben sich das Aufführungsrecht bereits nach unserer Premiere gesichert. Macht gelinde gerechnet: Sechs mal zwanzig. In einem Jahr, Frau Rorma! Ach was, einem halben Jahr! Rechnen Sie etwa zweihundert Aufführungen zum üblichen TantiemensatzI Ist das genug? Ihr Vertrag wird um fünfzig Prozent aufgebessert — trotz Gagen- konventionl Ist das genug? And Sie haben nichts anderes zu tun, als eine Sache, die kaputt gegangen ist, wirklich als kaputt anzuerkennen! Ra — weniger können Sie eigentlich nicht tun, Rorma —“
(Fortsetzung folgt.).


