Nr. 26 Zweites Blatt
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Samstag. 5(. Januar 1931
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^oungplan-Debaiie.
In Trier hat der Führer des Zentrums, Prälat Kaas, tatkräftige Politik zur Nachprüfung des Voungsplans gefordert. Ohne innere Geschlossenheit des deutschen Volkes wird auch eine tatkräftige Politik gegen den Voungplan wirkungslos verpuffen, da die Gläubiger eben nicht Gläubiger sein mühten, wenn sie die inncrpolitischc Zerrissenheit des deutschen Volkes nicht stillschweigend in Rechnung stellten. Eine Geschlossenheit des deutschen Volkes ift aber nur zu erzielen, wenn aftc Versuche, offen oder insgeheim den Vürgerkrieg vorzubereiten, rücksichtslos unterdrückt werden. Ob der einen oder anderen Partei der Ausfall der Wahlen vom 14. September mißfällt oder nicht, ift gleichgültig, denn für die Reichsregierung handelt es sich darum, über das leidenschaftliche Durcheinander in der innerpolitischen Arena eine nationale und geistige Einheit zu erzielen, die keiner Regierung versagt bleibt, zu der das Volk wirklich Vertrauen fassen kann.
Prälat Kaas hat sich nicht damit begnügt, eine Politik zur Nachprüfung des Voungplans zu fordern, er hat sich darüber hinaus unmittelbar an Frankreich gewandt, um die öffentliche Meinung des hartnäckigsten Gläubigers im Sinne einer gemeinsamen Verständigung zu beeinflussen. Was Prälat Kaas über die Möglichkeiten und Folgen einer Nachprüfung des Vdungplans gesagt hat. insbesondere seine Feststellung, daß diese Nachprüfung ganz sicher nicht die wohlverstandenen Interessen Frankreichs verletzen würde, trifft alle- Wort für P)ort zu. Aber der Prälat wird wissen, daß es bei einer geistigen und politischen Auseinandersetzung mit Frankreich nicht darauf ankommt, durch die unbezwingliche Folgerichtigkeit der Erkenntnisse und Schlüsse Frankreich zu überzeugen, sondern darauf, die unterschiedliche Geistigkeit und seelische Auffassung Frankreichs gerade in Rechtsfrage n zu wandeln. Wenn nicht die öffentliche Meinung aller Länder für eine Nachprüfung des Voungplans gewonnen wird, sei es unmittelbar unter Hinweis auf die soziale und politische Gefahr, die Europa droht, sei cs mittelbar durch die Einschaltung des Gläubigerinteresses der Vereinigteir Staaten, so wird auch eine tatkräftige deutsche Außenpolitik nur Sisyphusarbeit leisten. Kein Zweifel, daß die Völker den Wahnsinn der Kriegstribute nicht lange mehr werden tragen können, v am allerwenigsten wenn dieses Schuldenshstem die ganze Last auf Iahrzehnte hinaus einem einzigen Volle aufzubürden sucht. Es hört sich zwar immer gut an, wenn in den Vereinigten Staa - t e n sich Staatsmänner und Finanzleute finden, die sich für einen Umbau oder gar Abbau des Schuldensystems einsehen, aber die öffentliche Meinung der Union ist für diese Umwandlung leider noch nicht reif. Sich darüber zu täuschen, hat gar keinen Zweck, um so weniger, als es Europa nicht verstanden hat, jede Kriegsgefahr trotz des „Befreiungskampfes" der Demokratie gegen die militärische Autokratie auszuschalten. Soviel versteht das Volk der Union immerhin von europäischen Dingen, öaj cs eine übel angebrachte Geste wäre, den Verbündeten von gestern den Schnldennachlah zu gewähren, nachdem sie zehn Jahre lang nichts anderes getan haben, als Milliarden und abermals Milliarden für neue militäris che Rüstun - gen auszugeben. Das ist auch der Sinn einer Nede, die ein gründlicher Kenner der europäischen Kriegs- und Schuldenprobleme, aus eigener Erfahrung. Edward Hur dich, dieser Sage vor der Handelskammer in Chicago gehalten hat. Klipp und klar erklärte er, daß, wenn die sechzehn Länder, die der Union beträchtliche Summen schuldeten, ihre Rüstungsausgaben herab s e tz t c n, auch die Vereinigten Staaten bereit seien, über eine Streichung der Kriegsschulden zu verhandeln.
Leider kommt diese Einsicht in der Union etwas spät. Inzwischen hat Frankreich mit der aufs äußerste gesteigerten Energie seines
Sparwillens und seiner Sparkraft einen jederzeit mobilen Reichtum angesammelt, der es ihm erlaubt, eine Machtpolitik zu treiben, der sich die anderen Länder mehr oder weniger beugen. Das kann eine Politik auf lange Sicht fein, cs kann aber auch das Gegenteil sein, nämlich eine furchtbare Fehlrechnung, die einmal zum Nachteil Frankreichs aufgehen wird. Daß der Aufbau eines Goldhortes von fast einem Dutzend Milliarden Goldmark nicht Blüte. nicht Kraft und Gedeihen der französischen Wirtschaft und der übergeordneten Politik sichert, das haben uns die — Vereinigten Staaten vorgelebt. Auch die Union galt noch vor Iahressrist als ein Reich von unbegrenzten Möglichkeiten, in dem die kapitalistischen Väume über alle Wunsch- träume hinauswuchsen. Heute wird aus Washington gemeldet, daß trotz des mobilen Reichtums, trotz des Goldhortes in der Bundesbank der
Staatshaushalt mit einem Fehlbetrag von anderthalb Milliarden Mark abschlie- ßen wird. Und was schlimmer ist, die fast unerschöpfliche Produktionskraft muß gedrosselt werden, weil trotz der hohen Löhne die Massenkaufkrast versiegt ist. Nicht weniger als zehn Millionen Arbeitslose, also mehr als vergleichsweise im Verhältnis zur Bevölkerungszahl Seutfdilanb zählt, sind offiziell angemeldet, ohne daß Sicherheit besteht, daß damit alle Arbeitslosen ersaßt sind. Auch Frankreich könnte von dem gleichen Schicksal bedroht fein, nur daß dies in Europa schlinrmere Formen cnnehmen wird, da die Verschärfung der Wirlic^aftskrise hier unmittelbar auf das Tributfystern zurückzuführen ist. das nicht nur widersinnig an sich ift, sondern auch geeignet, die kapitalistische Wirtschaft für immer zu zerstören. Was folgt, ist das bolschewistische Chaos.
Verkannte Genies reiten Deutschland...
Briefe, die das Auswärtige Amt erreichen. — An guten Ratschlägen herrscht kein Mangel. — „Machen Sie doch eine kleine Diktatur ...!"— Er möchte nur einen „bescheidenen^ posten als Botschaftsrat.
(fine alte Erfahrung: In Zeiten der Not stehen regelmäßig in Massen „Propheten" auf, zumindest solche, die — sich selbst dafür halten.
Das Auswärtige Amt weiß hiervon zu berichten. Aus der Fülle gut gemeinter, aber nicht immer ganz uneigennütziger Vorschläge, wie sie das Amt brieflich erreichen, greift unser Berliner Mitarbeiter einige heraus.
Die Zahl der Leute, die sich zu Deutschlands Ret- tung berufen fühlen, ist Legion. Allein in jeder Dienststunde, die die Beamten unseres auswärtigen Dienstes in dem berühmten Gebäude in der Wil- belmstraße zubringen, meldet sich ein Bewerber, e i n Anwärter für einen neuen außenpolitischen Kurs. Drei qualifizierte und zehn unqualifizierte Bewerber mit und ohne abgeschlossenes Hochschulstudium werden jeden Tag vorgelassen und — abgewiesen.
„Wir haben schon 7 0 0 Vormerkunge n", wird den Petenten an verantwortlicher Stelle gesagt, „und vor 1932 können wir niemanden ein- stellen. Bis dahin werden wir 1200 Bormerkungen haben. Aber nur 10 Bewerber werden dann wirklich eingestellt werden können."
Doch von diesem Riesenandrang soll gar nicht gesprochen werden. An anderen Stellen laufen die Briese ein, die täglich zu Dutzenden an den Außen Minister, an die Staatssekretäre und an die Chefs der einzelnen Ressorts gerichtet werden — Vorschläge, wie man am besten Deutschlands außenpolitischen Kurs fortführen könne. Da wird mancher uneigennützige Rat gegeben, in schlaflosen Nächten von sorgenden Herzen erdacht, und da wird manches Brieflein geschrieben, dessen Inhalt Glück und Glanz für das Reich und — eine goldene Pfründe für den Herrn „Erfinder" nach sich ziehen soll.
Unter diesen Briefen ist manche Perle, wert, nicht in den unergründlichen Archiven unserer Behörden zu verschwinden, sondern zu Nutz und Frommen der Nachwelt überliefert zu werden.
„Der kleine Außenminister in der Westentasche" könnte man diese gesammelten Briefe nennen ... „Sehr geehrter Herr Reichsaußenminister", schreibt da einer, der sehr friedlich gesonnen ist, „ich kann gar nicht begreifen, daß wir nicht in gute Beziehungen zu Frankreich kommen können. Wenn schon wir im Bolt den guten Willen haben, so sollten Sie doch, wo Sie immerzu mit den Franzosen in Berührung sind, schnell Mittel und Wege zu einer wirklichen Befriedigung finden. Aber vielleicht finden Sie nicht die richtigen Leute. In diesem Falle erlaube ich mir, auf meine persönlichen Be- Ziehungen zu Frankreich hinzuweiseti. Ich habe während meines letzten Aufenthaltes in Paris verschiedene französische Kaufleute kennen gelernt, an deren Bedeutung und Einfluß nicht zu zweifeln
ist, und Ich glaube, mit Ihrer Hilfe wirtlich ersprießliche Arbeit leisten zu können. Lielleicht, sehr ge chrter Herr Minister, läßt es sich in Ihrem Etat noch ermöglichen, mir eine Stelle als S e - kretäran der dortigen Botschaft zuzu- weisen, damit ich persönlich um das Wohl des Vaterlandes bemüht sein kann. Meine finanziellen Ansprüche sind bescheiden ..
Ein anderer ist weniger pazifistisch, hat aber ebenfalls nicht den richtigen Respekt vor Deutschlands auswärtiger Vertretung. „Ihr macht das alle nicht richtig", schreibt er. „Wenn die Polacken sich so aus verschämt benehmen, dann haut ihnen eins über die Klappe, bis sie kusch sind und aus der Hand fressen.
Aber Ihr müht bloß mal richtig auftreten und zeigen, was eine harke ist. Ls ist höchste Zeit, daß Ihr mal was unternehmt ..."
Auch ein Dritter ist mehr für schießen. „Wenn es Ihnen noch nicht bekannt fein sollte", meint er, „dann lassen Six sich man sagen, was hier jedes Kind von der Dachrinne pfeift, nctnlich, daß aus die ganze Außenpolitik nicht eher was Richtiges werden wird, als bis Deutschland, Italien und Rußland zusammen die Angtangte einsauf'nKoppge- hauen haben ..."
Dem widerspricht allerdings ein Vierter ganz energisch: „Es gehen jetzt Gerüchts um, daß Italien, Deutschland und Rußland eine Front gegen Frank reich, Polen und Rumänien gebildet haben sollen, und soll in nächster Zeit' ein großer Krieg aus- brechen. Dieses darf.nicht geschehen, und sind alle Anstrengungen zu machen, um solches zu verhindern, was ja ein großes Blutvergießen und Morden bedeuten würde. Nur einen einzigen Ausweg sehend, beschwöre ich Ihnen, nicht Ihre Hände dazu her zugeben, sich in ein Komplott verwickeln zu lassen, sondern ein machtvolles Wort zu sprechen und den Kriegstreibern zuzurufen ..."
Demgegenüber ist ein anderer völlig rabiat. „N e hmen Sie doch eine kleine Diktatur und setzen Sie alle Leute, die gegen den Krieg sind, hinter Schloß und Riegel. Wer frei fein will, der muß zum Militärdienst: anders kommt er nicht raus aus dem Kittchen. Sie werden Ihr blaues Wunder erleben, wie schnell sie wieder eine schlagkräftige Armee zur Verfügung haben. Was die Kanonen angeht, so wird da ja kaum eine Schwierigkeit eintreten, denn diesmal werden unsere Truppen so schnell vorgehen, daß es gleich zum Handgemenge kommt.
Ich habe da einen plan ausgearbeitet, den ich dem Reichswehr-Feldmarschall gern gegen Zahlung von 10 000 Mark überlassen will. Eine entsprechende Stellung im Generalstab müßte ich dann kriegen, damit der Plan richtig durchgeführt wird."
Indianerkapelle in Berlin N.
~;on Harry Schreck.
„Zounds !", bemerkte der Kundschafter, der von der Savanne des Alexanderplatzes zu den Settlements der Münzstraße hinüberpirscht und betroffen eine Fährte betrachtet, die sein geübter Westmannsblick auf einer bunt beklebten Plakatsäule erspäht, „zounds ... wenn das Bleichgesicht, das diese Botschaft verkündet, nicht mit der doppelten Zunge der weihen Männer redet, gibt es in der Prärie der Neuen Schönhauser Straße ein Wigwam meiner roten Brüder".
Der Kundschafter stopft sich seine Pfeife fester und schleicht vorsichtig an den ßagerfeuern der großen Warenhäuser vorbei, um kurz darauf (nachdem er seine Spuren sorgfältig verwischt hat) zu dem Kreuzweg hinzuhuschen, an dem sich die Schönhauser Straße mit der Weinmeister- straße schneidet.
„Thunderstorni —!“, spricht er zu sich selbst, während er in den verrauchten Raum hineinlugt, in dem die Trapper vom Prenzlauer Berg ihre Nuggets gegen Feuerwasser eintauschen, „der Pedlar, der dort mit dem Bowiemesser belegte Brötchen zurechtschnitzelt, hat die Wahrheit gesprochen. All devils —! Er hat wirklich etliche bronzefarbene Gentlemen bei sich zu Gast: Gent- lernen mit Leggins und Mokassins, mit Federschmuck und Medizinbeutel. Damncd, go on!“
„Hallo, old boys ... schätze, daß wir jetzt miteinander einen verdammt guten Drink tun werden". möchte der Mann äußern, der mit dem knappen Gruß des ehrlichen Savannenläufers in das Blockhaus tritt, „hallo, old boys ... laßt die Machete im Gürtel und greift nicht nach der Silberbüchse. Denn der Mann, der zu euch kommt, will nichts Böses von euch: er will mit euch bloß das Kalumet des Friedens rauchen und derweilen seinen Mustang ein wenig an- hobbeln ..
Ja, das möchte er gerne sagen. Und dann möchte er gern seinen roten Brüdern die Hand reichen und sich bei ihnen, die ihn mit einem erstaunten „Uff, uff“ begrüßen werden, nieder- lassen, um ein bißchen über Düffeljagd und Fallenstellen zu plaudern und was man sonst so im wilden Westen daherredet.
Aber dazu kommt es zunächst leider nicht. Denn seine gebräunten Freunde sind regsam damit
beschäftigt, die Goldgräber vom Rosenthaler Tor, die Farmer der Grenadierstrahe nebst den Stakemen vom Bülowplatz zu unterhalten, indem sie mit Saxophon und Geige, mit Trompete und Baß. mit Klavier und Schlagzeug einen rauben Song • in den Raum schmettern, der den Anwesenden versichert, daß sich die Liebe eines Husaren tatsächlich zuweilen em ganzes Iahr halte.
„By Jove —!", denkt der Kundschafter, indem et befremdet die Braue emporzieht, ..Manitou, der Große Geist, laßt sonderbare Dinge geschehen. Sein Wille hat diesen roten Iägern die Tomahawks aus der kriegerischen Faust genommen und ihnen Werkzeuge in die Hand gedrückt, die eigentlich nicht für einen Skalpgürtel passen: er hat sie erzürstt aus dem Sattel geworfen und ihnen zum Ersatz ein Podium gegeben, auf dem sie Musik machen sollen, ilff, uff. uff!"
Aber seine Verwunderung ficht die vier bronzenen Gentlemen. die zusammen mit zwei Cowboys die Indianer-Kapel.'e „Mosi Otamba" bilden. so wenig an, daß sie ohne Rücksicht auf ihre Herkunft in die musikalische Beteuerung ausbrechen: ..Nur am Rhein, dachte ich leben ... nur am Rhein geboren fein ...!"
Und weil sie grade dabei sind, spielen sie kurz hernach auch einmal „Lind sollte ich einmal ein Mädel mir frein, bann muh sie am Rhein geboren sein", um nach etlichen verwegenen Synkopen zu dem Marsch „It is a lang way to Tipperar/' heimzukehren und nach einer Heinen Pause in den Gesang „Wolga, Wolga" zu verfallen, den man gewiß ganz zweckmäßig — zumal da es .auf Wunsch' geschieht — mit einem „Potpourri aus der diebischen Elster" abschlleht.
Der erfahrene Westmann erhebt sich bekümmert. Er glaubt nicht mehr, daß das Bleichgesicht, das den Zettel an .die Plakatsäule kleisterte, die Wahrheit gesprochen hat. Aber während er davonziehen will, steht plötzlich sein roter Bruder, der eben noch auf der Baßgeige gekratzt hat, vor ihm und muntert ihn auf, eine Ansichtspostkarte zu kaufen, die ihn selbst samt feinen Stammesbrüdern an dem Lagerfeuer der Prärie zeigt. Der Westmann lauft eine Karte ... und da ereignet sich etwas, was er nicht mehr erwartet hat: Mofi Otamba. der rote Gentleman, beginnt sich mit ihm auf englisch zu unterhalten,' beim er ist
wirklich aus Mexiko: und daß er am Rheine geboren fein möchte, ist in der Tat bloß so dahergesungen, wie Künstler eben so manches dahcrsingen.
Es ergibt sich somit, daß Mosi Otamba auf fünf Minuten an den Tisch des bärtigen Kundschafters aus dem Wilmersdorfer Westen rückt und ihm ein Totem zeigt, das er für überaus beweiskräftig hält: es sind die gefarnmelten „Pressestimmen", die er auf dem Kriegspfad in Lübeck und Krefeld und ein paar anderen Settlements des deutschen Reiches erbeutet hat. Man darf dem Lübecker Generalanzeiger glauben. wenn er Mofi Otamba höchst angelegentlich lobt.
Mofi Otamba kehrt auf fein Podium zurück: und nun wäre alles in Ordnung, wenn er das schweigsam, geschmeidig und heroisch täte, wie einst Winnetou dahinschritt. Doch er schreitet — der alte Savannenläufer gewahrts mit sanfter Trauer — mit einer „Molle" hellsst Biers zu seinen Kriegern zurück . . und während ev dem Kundschafter, der ihm soeben eine Ansichtspostkarte abgenommen hat. herzhaft zuprostet, rüstet er sich mit einem blechernen Megaphon, um dem aufmerksamen Umkreis seiner Hörer rnitzuteilcn, daß er jetzt ein Solo auf der Medizintrommel schlagen werde. Der Westler zahlt und geht.
Er besteigt, da ein abendlicher Regen über die Savanne des Alexanderplatzes tost, einen Autobus und murmelt (dem Meister Anton des Dramatikers Hebbel folgend), daß et eine Welt nicht mehr verstehe, in der Indianer „Presfestimmen" brauchen und auf dem Daß spielen muffen. Seine Flüche lauten:
Caramba —! All devils —! Bloody thunder- storms —! Zounds —1
(Nebenher beschließt er, ein Feuilleton über Karl May zu schreiben.)
Marcel pagnols Nebenbeschäftigung.
Der volkstümliche französische Bühnenschriftsteller Marcel Pagnol, desien Komödie „Marius ahoi" heute abend in Gießen gespielt wird, hot eine Nebenbeschäftigung, die ihm unter Umständen noch höhere Honorare einbringen könnte als seine er-
Da ist einer, der es nicht unter einem Botschaftsrat machen will. „Ich habe", läßt er sich vernehmen, „auf meinen zahlreichen Auslandreifen nach Wien, Graz und Davos oft genug Gelegenheit gehabt, mit Fremden des In- und Auslandes in Berührung zu kommen und mit ihnen die schwierigsten Gespräche über d i e Politik gehabt. Es liegt mir ferne, mein eigenes Lob zu fingen, wenn ich Ihnen saae, ich habe immer Recht bet) al 1 e n. Dieses und vieles andere, wo ich oft genug eine glückliche Hand bewiesen habe, hat in mir den Entschluß reifen lassen, rn i ch hinfort ganz dem auswärtigen diplomatischen Dien st e zu widmen, um auf diese Weise meine ganze Tatkraft in den Dienst unseres unglücklichen Volkes zu stellen. Deshalb erlaube ich mir die Anfrage, ob Sie für mich nur einen b e s ch e i d e n e n P o st e n als Botschaftsrat frei haben." Er nennt die Position eines Botschaftsrates einen „bescheidenen" Poften — was werden die Herren Botschaftsräte dazu sagen ?
Einer schreibt aus dem Ausland: „Seit Jahren strebe ich danach, meine Position zu festigen und mehr Einfluß und Geltung zu gewinnen. Doch sind bisher alle Bemühungen ohne Erfolg gewesen, weil ich zum Auftreten keinen richtigen Titel habe. Wenn es Ihnen möglich wäre, mich zum Regierungsrat zu ernennen, so bin ich über- zeugt, daß ich viel zum Besten Deutschlands bei tragen kann. Es ist selbstverständlich, daß ich irgend welche Ansprüche auf Gehalt, Ausmandsentskt)äd> bring oder Pension nicht stellen tuürbe, sondern ich wäre sogar bereit, als Gegenleistung 1000 D. s ü r die R e i ch s k a s s e zu stiften ..." Auch dieser Wunschtraum des titeljüchtigen Herrn wird trotz der schlechten Lage der Reichsfinanzen uncr füllt bleiben müssen.
Nicht der Ansd)rist, wohl aber dem Inhalt nach, ließ sich erraten, für wen der nachfolgende Bries bestimmt war: „Ew. Hochwohlgeboren erlaubt sich der Unterfertigte die ergebenste Mitteilung, daß Schreiber dieser Zeilen am diesseitigen Platze in der Lage gewesen ist,
unter denGemeinderäten einever- fchwörung bezweckend den Sturz
Lw. hochwohlgeboren aufzudecken.
Es handelt sich, wie einwandfrei nachgewiesen wer den könnte, um die Vereinbarung, anläßlich des demnächst zu erwartenden Mißtrauensantrags den dortigerseits befindlichen Reichstagsabg. Herrn Dr......zur Abgabe einer bejahenden Stimme zu
bewegen. Indem der endftehend Unterfertigte glaubt, Ew. Hochwohlgeboren mit diesem Hinweise einen großen Dien ft erwiesen zu haben ..."
„Macht man immer so weiter", schreibt einer, dessen Wiege bestimmt unweit der Spree gestanden hat, „und laßt Euch nischt aninerten. Ihr wißt ja vom Kommiß her, wer usfällt, der fällt uff. Und wenn se alle bet Maul ufsrcißen und et besser wissen wollen als Ihr, bleibt bei bie Stange, sage ick und macht weiter so." Wobei dahingestellt bleiben muß, wen der freundliche Schreiber meint, und was so weiter gemacht werden soll ...
Eines ist ausfallend: In diesem erlauchten Kreise wohl- und übelmeinender Stimmen sind alle Par feien von rechts bis links vertreten: nur — Kam muniften schreiben nicht ans 'Auswärtige Amt, sie erwarten offenbar das Heil ganz wo anders her.
Und eine befriedigende Erkenntnis verbleibt uns: mit guten Ratschlägen ist bas Auswärtige Amt offenbar glänzend versehen ...
Taten für Sonntag, 1. Februar.
Sonnenaufgang 7.40, Sonnenuntergang 16.4R; Mondausoang 14.21, Monduntergang 7.16 Uhr.
1874: Der Dichter Hugo von Hosmannsthal in Wien geb. — 1910: Der dichter D. I. Bierbaum in Dresden geft.
Taten für Montag, 2. Februar.
Sonnenaufgang 7.38, Sonnenuntergang 16.50; Mondaufgang 15.53, Monduntergang 7.4-5 Uhr.
1700: Der Dichter und Aesthetiker I. Eh. Gottsched geb. — 1829: Der Naturforscher Alfred Brehm geboren.
folgreiche schriftstellerische Betätigung. In allen Sportzweigen geschult, fiel Pognol schon in der Mittelschule als Boxer auf, und er verdiente das erste Honorar seines Lebens nicht als Schriftsteller, sondern als Boxer. Allerdings betrug die Stimme nicht wie bei Weltmeistern mehrere tausend Dollars, sondern nur sechs Franken. Immerhin erhielt der entwicklungsfähige „Sportstudent" für seinen zwei ten Match in Marseille bereits zwölf Franken. Sein Gegner, den Pagnol mit Leichtigkeit k. o. schlug, war damals der spätere Boxchampion Moracchini. Hieraus geht einwandfrei hervor, daß der Sportwelt infolge des Musenkuffes, den Pagnol erst in späteren Jahren erhielt, eine vielversprechende Größe verloren ging!
Freiwillige Sammlung.
Don Hans JRiebau.
I.
AuS dem Protokoll der Stadtverordneten- fitzung vom 28. Ianuar:
... darauf erklärte Herr Bürgermeister Felsch unter anderem, so dringend nötig auch die Errichtung eines Obdachlofenheimes sei, so ausgeschlossen sei im Augenblick die Finanzierung. Werne der Antragsteller, Herr Stadtverordneter Redebusch, den Betrag von zwanzigtausend Mark, jedoch, was er, der Bürgermeister, bezweifle, auf dem Wege sreiwiiiiger Sammlung herbeischaffen könne, so stände der AnncHme des Antrages nichts im Wege.
II.
Anzeige im Tageblatt vom 29. Ianuar:
Iener ehrenwerte Bürger unserer Stadt, dec im letzten Monat auf einer Geschäftsreise Damen- bekanntschaften zweifelhafter Methoden gemocht hat, wird aufgefordert, als Sühne fünfzig Mark für das Obdachlosenheim zu stiften, andernfalls sein Name öffentlich genannt wird.
III.
Aus dem Protokoll der Stadtratssitzung vorn 1. Februar. G
Darauf übergab Herr Stadtverordneter Redebusch H^rrn Bürgermeister Felsch als Ertrag seiner öffentlichen Sammlung für dcks Obdachlosenheim den Betrag von einunddreißigtausend Mark gegen Quittung.


