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Eva am Strand
Vornan von Hermann Weick.
22 Sortierung Nachdruck verboten.
3tnci Tage verstrichen aber, ohne daß sich von dem Berliner Kriminalbeamten etwas zeigte. Ms auch der dritte Morgen keine Nachricht brachte, wuchs die Unruhe in Helbing. Hatte inan in Berlin die Angelegenheit nicht ernst genommen. feinen Angaben vielleicht mißtraut?
Jeder Zeitverlust konnte aber unabsehbare Folgen haben. Vielleicht hatte d'Alvez schon für heute oder morgen ein Verbrechen geplant!
Gegen Mittag klopfte es an Hellbtngs Tür«.
Auf seinen Auf trat ein Herr von etwa vierzig Jahren ein.
..Kriminalkommissar Drannat!"
..Endlich!" entfuhr es Hellbing.
Der Beamte lächelte unmerklich.
„Sie fürchteten wohl, es käme niemand mehr von uns, Serr Helbing!"
„Man sagte mir in Berlin, dah sofort einer Ihrer Herren hierherfahren würde: als aber zweieinhalb Tage verstrichen ..
Dr. Brannat unterbrach ihn.
„Ich bin schon seit zwei Tagen in Norderney. Absichtlich meldete ich mich bisher nicht bei Ihnen. Ich wollte das Hotel und seine Bewohner aus der Ferne beobachten. Jetzt bin ich im Bilde. Seit heute früh wohne ich hier im Hause."
Sie setzten sich.
„Auf Grund Ihrer Angaben war es uns «in leichtes, sestzustellen, wer sich hinter diesem Vicomte d'Alvez verbirgt", berichtet« Brannat. „Er ist ein uns und den ausländischen Krimlnalbehor- Len zur Genüge bekannter Hochstapler namens Cassianu, ein geborener Dalmatiner. Seine Komplizin, die kleine, schwarzhaarige Dame, di« stets an seinen Unternehmungen beteiligt ist, ist seine
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„Was wird er "bei Fräulein Willer planen?" fragte Helbing schnell. Darauf, nach kurzem Zögern. in kaum verhehlter Erregung: ,,^ch bin in größer Sorge um die jung« Dame. Sollte man sie nicht warnen?" _
Dr. Drannat sah überlegend vor sich hin. ist hatte ein kluges, seingeschnittenes Gesicht mit ausdrucksvollen Augen, die meist ruhig, gelassen blickten, nur hin und wieder, für di« Dauer we- Niger Sekunden, etwas von durchdringender Schärfe, von unbeugsamer Energie annahmen.
„Wenn wir Fräulein Willer warnen, wird ein so gerissener und bellhöriger Verbrecher toi« Cassianu Verdacht schöpfen und uns aus den Fingern kommen; das ist aber nicht der Zweck der Sache!"
„ilnö wenn Fräulein Willer etwas zustößt kam es angstvoll von Helbing zurück.
„Ich glaube, darin kann ich Sie beruhigen, Herr
Helbing! Ich bin überzeugt, daß der Dame persönlich von Cassianu keine Gefahr droht. An Menschen hat er sich bisher nicht vergriffen, nur an fremdem Besitz. Dah Cassianu sich so intensiv Fräulein Willer widmet, kann übrigens ebensogut ein Ablenkungsmanöver von ihm sein wie di« Tatsache, daß sein« Frau hier nicht mit ihm zusammen wohnt. Ausgeschlossen ist allerdings ein Anschlag auf das Eigentum von Fräulein Willer nicht: ich behalte natürlich auch diese Möglichkeit im Auge." v
„Wäre es nicht das Beste und Sicherste, den Kerl und seine Komplizin unschädlich zu machen, bevor sie Unheil anrichten können?"
Dr. Brannats Blick« verhärteten sich.
„Ich mach« gerne ganze Arbeit!" entgegnete er entschlossen. „Ich könnte Cassianu und seine Frau wohl verhaften, da sie sich unter falschem Namen hier umhertreiben und schon deshalb eines verbrecherischen Vorhabens dringend verdächtig sind; Bestimmtes ließe sich ihnen aber nicht nachweisen, sie kämen beide mit geringen Strafen davon, zumal sie ihr letztes Delikt abgebüßt haben. Wenn ich sie aber auf frischer Tat fasse, kommen sie als rückfällige Verbrecher wieder für mehrere Jahre hinter Schloß uiid Niegel: derartige gemeingefährliche Subjekte können nicht lange genug von ihren Mitmenschen ferngehalten werden!"
Von diesem Tage an sah man Helbing häufig in Gesellschaft des Kriminalkommissars, der sich als Dr. Hans Hagen, Privatgelehrter aus Berlin, in den Meldebogen des Hotels eingeschrieben hatte. Er schien ein guter Bekannter von Helbing zu sein: freundschaftliches Einvernehmen herrscht« sichtlich zwischen den beiden Herren.
Man begegnete ihnen auf der Promenade, im Kurhaus, im Strandccife; oft saßen sie auf dem Balkon von Helbings Hotelzimmer, von dem aus sie unauffällig beobachten konnten, wer im Hotel aus und ein ging.
XXIII.
An diesem Abend gelangte im Kurtheater ein Fuldasches Lustspiel zur Aufführung. Die Trupp«, die während der Sommermonate hier gastiert«, gab das amüsante Werk mit großem Charme und diel Humor. Immer wieder erklangen Lachsalven im Zuschauerraum aus.
Eva Willer hatte Mühe, den Vorgängen auf der Bühn« zu folgen. In ihr war nichts von der Heiterkeit, die ringsum herrscht«: eine gedrückte, verzagte Stimmung hatte sich seit Tagen ihrer bemächtigt, gegen die sie vergeblich an- kämpste. _ t , .
Sie wollt« ihre Gedanken zum Schwinden dringen. diese klagenden, sehnenden Gedanken, die unablässig um Stefan Helbing kreisten.
War es nicht Wahnwitz von ihr, dah sie immer wieder an diesen Mann dachte, der gleichgültig an ihr vorüberging, der kaum mehr als einen flüchtigen Blick für sie hatte, wenn sie sich begegneten?
Sie, Eva, hatte ihm trotzen, ihn strafen wollen:
was scherte ihn ihr Trotz, ihr stetes Beisammensein mit d'Alvez. das Strafe für ihn hatte sein sollen! Er schien es kaum zu gewahren, geschweige denn, daß es ihm etwas anhabte.
Verspielt! dachte Eva. und tiefe Niedergeschlagenheit erfaßte sie.
Da flammt« das Licht im Zuschauerraum auf. Erschreckt fuhr Eva zusammen.
„Die Leute spielen gut!" sagte d'Alvez, der neben ihr sah. „Finden Si« nicht auch?"
„Sehr gut spielen sie", antwortete Eva hastig und mühte sich, eine lächelnde Miene zur Schau zu tragen.
Unauffällig blickte sie im Zuschauerraum umher: aber den, den sie sucht«, fand sie nicht. Nur den schlanken Herrn, der sich öfters in Helbings Gesellschaft befand, entdeckte sie in einiger Entfernung von ihr.
Wer mochte der Herr sein? Gin Verwandter von Helbing? Ein Freund?
Unklarer Neid aus den Fremden, der in Helbings Näh« weilen, mit ihm sprechen konnte, stieg in Eva auf. Gewaltsam zwang sie die Tränen, die in ihr sich lösen wollten, zurück. Sie war froh, als es wieder dunkel wurde und sie sich den beobachtenden Blicken d'Alvez' entzogen wußte.
Schweigend ging sie nachher an d'Alvez' Seite heimwärts.
Es war eine kühle Nacht. Der August neigte sich dem Ende zu: der Herbst kündete fein Kommen an.
„Wollen wir noch ein Lokal aufsuchen?" fragte d'Alvez.
„Nein!" kam es schroff zurück.
d'Alvez sah sie lauernd an.
„Sind Sie verstimmt, Eva?" „Keineswegs!"
„Ich glaube doch! ... Sie machen überhaupt seit einigen Tagen einen unfrohen Eindruck! Haben Sie Kummer?"
„Nein!"
„Sie machen es mir schwer, Eva!" sagte er in heißer Zärtlichkeit, während er ungestüm ihren Arm preßte. „Sie wissen, wie ich Ihretwegen leide, dennoch behandeln Sie mich abweisend, abweisender als je."
Wie einen körperlichen Schmerz empfand Eva den Druck seines Armes. Sie haßte in diesem Augenblick d'Alvez.
Warum hatte ste sich nicht schon längst von diesem Manne getrennt, der ihr mit jedem Tag« unsympathischer, ja unheimlicher wurde, dessen liebestolles Getue ste anwiderte und ängstigte? Das Zusammensein mit ihm hatte ja seinen Zweck verfehlt: wozu sollte sie sein« Gegenwart noch länger ertragen?
Auch jetzt war Eva nahe daran, das trennende Wort auszusprechen. Sie brachte aber den Mut und die Kraft dazu nicht auf. Sie fürchtete sich vor den unerquicklichen Auseinandersetzungen mit d'Alvez, die dann kommen würden: sie wollte so schnell als möglich nach Haus«, allein sein, Nutze haben ...
Hastig verabschiedete sie sich von d'Alvez.
Nun stand sie in ihrem Zimmer. Sie hatte das Licht nicht angedreht: ihr bangte vor der Helle, die sonst um sie gewesen wäre.
Regungslos verharrte Eva an derselben Stell«. Nur ihre Augen wanderten im Dunkeln umher, als müsse ihr von irgendwoher eine Nettung, Erlösung von der Not kommen, die sie bedrängte.
Plötzlich klang durch die geöffnete Dalkon- türe eine Stimme an ihr Ohr, die alles in ihr erzittern ließ.
Sie.machte ein paar Schritte vorwärts. Vorsichtig, geräuschlos trat sie unter die Balkontür.
Auf seinem Balkon stand Stefan Helbing: er hatte sich mit dem Nücken an die Brüstung gelehnt, voll fiel das Licht, das aus dem Zimmer kam, auf sein Gesicht. Bei ihm befand sich der Herr aus dem Theater, mit dem er sich in gedämpftem Tone unterhielt.
Evas Blicke hingen an dem Antlitz Halbings. Ein ungeheures Sehnen flammte in ihr auf; wie von einer fremden, gewaltigen Macht fühlte ste sich zu dem Manne drüben hingezogen. Sie meinte, sie müsse seinen Namen rufen ...
Ein Stöhnen wollte über Evas Lippen brechen. Schnell trat sie ins Zimmer zurück. Sie preßte di« Hände auf das wild hämmernde Herz.
Plötzlich sank ste auf dem Diwan nieder. Wildes. verzweifeltes Weinen erschütterte ihren Körper. Als sei ste jetzt erst sehend geworden, wurde sie sich ihrer Liebe zu Stefan Helbing bewußt. Was lange 'in ihr geschlummert, was nur unklar sich in ihr geregt hatte, nun lebte es. Mit tausend Stimmen rief und klagte ihre Liebe.
Ihre Lippen flüsterten Helbings Namen; jedes seiner Worte, die er zu ihr gesprochen hatte, glaubt« sie, wieder zu hören. Vielleicht hatte «r sie zu Anfang ihres Bekanntseins gerne gehabt, vielleicht sie geliebt ... und sie hatte ihn schlecht behandelt, durch ihr kindisches, eigensinniges Gebaren ihn verletzt und von sich gestoßen ...
In dieser nächtlichen Stunde zerbrach in Gva der eitle, selbstgefällige Stolz. Ein neues, demütiges Empfinden wallte in ihr auf; sie hätte zu Helbing gehen und ihn bitten mögen, wieder gut zu ihr zu sein. Nun war es aber zu spät ...
Zu spät! ... gellte es in ihr.
Entsetzt sprang ste auf.
War es wirklich zu spät? Hatte sie Helbing für immer verloren? Wie sollte sie das Leben fünftig ertragen mit dieser unerwiderten Liebe im Herzen?
In einer jähen Angst ging Eva wieder zum Balkon.
Die beiden Herren waren verschwunden, daS Licht in Helbings Zimmer erloschen.
Lange stand Eva draußen. Sie fühlte nichts von der Kühle, die herrschte. Der Auftuhr in ihr ebbte langsam ab. Sehnsuchtsschwer umkreisten ihre Gedanken den geliebten Marin, der hinter den dunklen Fenstern schlief.
(Fortsetzung folgt.)
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