Ausgabe 
29.12.1931
 
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Au übernehmen, wobei sie im Rahmen der Dor­schriften der Derordnung Unebenheiten be­seitigen können, die sich etwa aus dem ver­ordneten Eingriff in den Tarifvertrag ergeben. Dur fall- ihnen da» nicht gelingt, hat der Schlichter die bindende Festsetzung gemäß den Dorschriften der Derordnung zu treffen.

Meine politische Nachrichten.

Der Präsident des Evangelischen Oberkirchenrats in Berlin D. Dr. Kappler ist persönlich an den preutzischenKultusminister herangetreten, um wegen der Schließung von neun aus­schließlich evangelischen pädagogi. schenÄkademien vorstellig zu werden und dem Minister von der Beunruhigung Kenntnis zu geben, die die Nachrichten über die geplante Besetzung des leitenden Postens des preußischen Äolksschulwesens In evangelischen Kreisen hervorgerusen hat.

Der Senat der Freien Hansestadt Hamburg wählte für das Jahr 1932 Bürgermeister Dr. C. Petersen zum Ersten und Bürgermeister Roß zum Zweiten Bürgermeister.

Die Leipziger Städtisch-Technischen Werke beantragen bei den Stadtverordneten eine Herabsetzung der Straßenbahnfahr- preise von 25 auf 20 Pf. für die Einzelfahrt sowie Verbilligung der 'Netz- und Monatskarten. Der Gas- preis soll von 18 auf 16 Pf. pro Kubikmeter er­mäßigt werden. Die Preise für Elektrizität bleiben bis auf weiteres unverändert.

Große amerikanische Flottcnmanö- her sosjen im Februar und März auf der Höhe von Hawat und an der kalifor­nischen Küste stattfinden, an denen sämtliche Seestreitkräfte der Dereinigten Staaten in Der- bindung mit dem Landheer teilnehmen werden. Am 6 Februar soll die Schlachtschiffflotte mit Unterstützung von Land- und Luftstreitkräften einen Angriff auf Hawai unternehmen. Später wird die Flotte an der kalifornischen Küste bei San Pedro ein Landungsmanö­ver unternehmen, an dem doS Lenkluftschiff Akron" teilnehmen wird-

Die neue chinesische Nationalregie, rung ist gebildet worden. Zum Präsidenten der Notionalregierung, dessen Stellung derjenigen des Staatspräsidenten in den westlichen Demokratien entspricht, wurde Linsen, der frühere Präsident des Gesetzgebenden Rots ernannt. Präsident des Vollziehenden Rats (Ministerpräsident) wurde 5 u n f o.

Aus aller Wett.

Artur oen Gwinner f.

Der langjährige Direktor der Deutschen Bank, Dr. h. c. Artur von Gwinner, der als stellvertretender Vorsitzender dem Aufsichtsrat der Deutschen Bank angehörte, ist heute nacht ge­worben. Gwinner war 1856 in Frankfurt a. M. als Sohn des später geadelten Konsistorialpräsidenten Wilhelm Gwinner geboren. Er war verheiratet mit Anna Speyer aus dem bekannten Frankfurt-Neu- yorker Bankhaus. 1888 holte ihn Georg von Siemens in die Leitung der Deutschen Bank, wo er beim Aus­bau der Petroleum, und Elektrowirtschaft mitwirkte. Bei den Bahnbauten inAnatolien spielte er eine be­sondere Rolle. 1910 wurde er in dos Preußische Her­renhaus berufen.

Tragisches Ende eines Spazierganges.

Am Sonntag unternahm ein Erzieher des in Pilgramshain (-Schlesien) befindlichen Heil- und Er- ziehungsinstituts mit mehreren Jungen einen Spa- ziergang. Ein Junge ging auf das Eis des Blümel- Bruches und brach ein. Sein zehnjähriger Freund wollte ihn retten, versank aber ebenfalls in den Fluten. Als der Erzieher die Hilferufe der Kinder vernahm, sprang er sofort ins Wasser und es gelang ihm, die beiden Jungen zu erfassen, doch klammerten sich bieft so an ihren Retter, daß alle drei zunäch st untergingen. Rur dem Er­zieher gelang es, wieder an die Oberfläche zu kom°

Blick ins späte Jahr.

Don Mitt Scheller.

Da» kleine Mädchen, da» droben am Wald­saum wohnt in dem halb unter Daumen ver­grabenen Dauernhaus. hat. als eS heute früh zum Dorf ging, den Apfel fortgeworfen, der ihm als Frühstück auf den Schulweg mitgegeben worden war. Halb hatte es ihn schon verzehrt, weil es der duftigen Lockung nicht widerstehen tonnte; dann aber hat e£ ihn, wer weiß, warum, achtlos fallen lassen; leicht ist er über den auSgefahrenen Feld­weg hingerollt, über ein paar Furchen gesprungen und dann in dem See liegengeblieben, der sich in dem breiten Abdruck eines PferdehusS ge­bildet hat. unlängst, als der feine leise Degen tagelang nicht enden wollte. Da liegt also der Apfel, das gelbliche Fruchtfleisch an den Biß­stellen gebräunt, aber nicht eigentlich in dem kleinen See zwischen den Erdfalten drin, sondern über ihm, gleichsam schwebend an die Oberfläche geschmiegt und nicht untergegangen: denn diese Oberfläche ist gläsern, voll spröden Widerstände- gespannt über der Erdvertiefung durch den Pferdehus. und der Rest des Apfel» spiegelt sich in der imaginären Altymblüblcit. die unter diesem dünnen EiSgebilde bte Tiefe der Welt aufzu- schließen scheint. Sein Abbild verliert sich da unten, schwächer und schattenhafter werdend, und der Ort, wo eS endet, scheint unermeßlich fern von allem, wo» greifbar ist.

Aber der Weg ist noch weich, er bat noch nicht jene winterliche Härte, die den Schritt in me­tallischem Klang nachhallen läßt; und die weißen Kristalle de» Reif» auf den starren Gräsern am Wegrand und auf dem testen Grün der Sieder haben noch nicht da» sprühende Leuchten, da» tbnen ein Aussehen gestaltet, als wären sie dem Schnee verwandt. Vielleicht aber liegt da» daran, daß die Sonne den zarten Dunst nicht völlig zu durchdringen vermag, der zwischen dem Land 'und den Wolken hängt und die Licht weithin wie mit feinen Geweben verschleiert. Sie ist da, die Sonne, ihr Glanz ist noch zu spüren, sogar ein Hauch ihrer Wärme teilt sich mit. noch immer, und wer durch die Debelschichten chr ent- gegenblidt, sieht alSbald. wenn er sich wieder ab­wendet. ,teilte grüne, gelbe, violette Scheiben vor sich her tanzen und kann sie lange nicht Io» wer­den. Denn die Dunstfchiebt ist ja nicht einmal stark genug, um das lichte Dlau zu verbergen, da» zwischen den weihen, undeudich verschwim-

Die Politik geht in Urlaub.

Sine kurze Pause zwischen den Jahren. Oer Reichskanzler, die Minister Dietrich und Sroener von Berlin abwesend.

Berlin, 28.Dez. (CJIB.) Wie wir erfahren, ist Reichskanzler Dr. Brüning gestern von Ber­lin a b g e r e i ft, um die Tage zwischen den Festen zu einem kurzen Erholungsurlaub auszu- nuhen. Er wird voraussichtlich am Montag ober Dienstag nächster Woche wieder in Berlin fein. Ebenso sind auch die Minister Dietrich und G r o e n e r von Berlin abwesend, so daß d i e Führung der Regierungsgeschäfte augenblicklich beim Reichspostminister vr. Schähel als dem Dienstältesten des Reichskabinetts liegt. Er wird den Reichskanzler auch bei den Reu­jahr » e m p f ä n g e n beim Reichspräsi­denten vertreten, die auch in diesem Jahre In der üblichen Weise vor sich gehen. Reu ist dabei aller­dings, daß um 11 Uhr vor den üblichen Gratulan­ten eine Mborbnung derHalloren", der

halleschen Saljbergteute, vom Reichspräsidenten empfangen wird. Sie erschienen früher regelmäßig in ihrer altertümlichen Tracht zur Reujahrsaubienz beim Kaiser und haben seht darum gebeten, den alten Brauch beim Reichspräsidenten wieder aaf- nchrnen zu können.

Aus der Abwesenheit de» Reichskanzlers, des Vize­kanzler» und Reichsfinanzminlster», sowie de» Reichswehr- und Reichslnnenminlster» ergibt sich von selbst, daß da» Kabinett in den näch­sten Tagen wichtige politische Dinge nicht behandeln wird. Wichtig ist dagegen die Wiederaufnahme der Berliner Still- halteverhandlongen, die heute forfgeführt werden und nach der bekannten Ankündigung des Kanzler» kurz vor den Feiertagen noch etwa 14 Tage in Anspruch nehmen dürften.

Das Koalitionsgespräch in Hessen.

Das Zentrum erwartet noch die Antwort der NSDAP.

F r a n l fu r t a. M., 28. Dcz. (WTB.) Don Jen- trumsfeite wird dem Wolffbureau geschrieben: Auf die Antwort des Zentrums an die NSDAP, ist noch keine offizielle Rückantwort er­folgt. Dafür bringt aber der ,^H e s s e n h a m m e r" zwei Artikel, der eine van dem Gauleiter und Irak- tionsführer der NSDAP. Karl Lenz, der andere van einem Dr. Sch. gezeichnet, die man vielleicht beide als eine Umschreibung der nach zu erwartenden offiziellen Aeußerung ansehen darf. Beide stempeln die Zentrumsantwort aufeineAblehnungum und wollen dadurch dem Zentrum die Verantwor­tung für das Nichtzustandekommen einer Regie- rungskoalition mit den Nationalsozialisten zuschrei­ben. Sie sehen die Ablehnung bereits darin, daß das Zentrum den nationalsozialistischen Bedingungen eigene Bedingungen entgegen ft eilt und damit die Nationalsozialisten an den Verhand­lungstisch bringen will. Solange die NSDAP, noch nicht über die absolute Mehrheit im Landtag ver­fügt und zur Regierungsbildung noch eine andere Partei nötig hat, muß sie sich gefallen lassen, daß die andere Partei sich nicht unter ihre Dikta- t u r begibt. Die Zentrumspartei hat ihr eigenes polu tisches Programm, und es kann ihr nicht zugemutet werden, daß sie das Programm der NSDAP, sich zu eigen macht. Deshalb muß die Selbständig­keit beider Parteien in der Koalitionsregie­rung durch Verhandlungen sichergestellt werden.

Wenn die Nationalsozialisten behaupten, daß die zwölf Forderungen gar nicht parteipolitischer Art wären, sondern lediglich volklich und staatspolitisch, so trifft das nicht zu. 1. An die Spitze stellt die NSDAP, die Forderung eines nationalsozialistischen Staatspräsidenten. Das Zentrum hat sich m i t einem Minister für Hessen einverstan- den erklärt, vorausgesetzt, daß das verfassungs­mäßig möglich ist und baß dieser Minister über- parteilich fei. Das ist volklich und ftaatspoli-

tisch, die Forderung der NSDAP, dagegen Partei- politisch. 2. Das Zentrum kann verlangen, gerade im Interesse eines geschlossenen Auftretens nach außen, daß nicht jedes Land je nach der zufälligen parteipolitischen Zusammensetzung seiner Regierung, eine eiaene Außenpolitik treibt, sondern d i e Außenpolitik des Reiches unter­stützt. Das ist ebenfalls volklich und staatspolitisch. Das Zentrum stellt die Forderung nicht, weil der derzeitige Reichskanzler aus dem Zentrum hervorge. gangen ist, sondern weil das Zentrum die Außen- Politik der Reichsregierung, in der die verschiedenen politischen Richtungen vertreten sind, für richtig hält, und als Derfassungspartei die verantwortliche Reichs- regierung wenn irgend möglich stützt. 3. Das Zen- truni kann sich nicht begnügen mit der eidlich er­härteten Legalitätserklärung des obersten Führers der NSDAP., Adolf Hitler, und zwar nicht etwa weil es den Eid des Führers mit einem Fragezeichen versieht, sondern weil gewisse Vorgänge in der Vergangenheit und Gegenwart berechtigte Zweifel entstehen lassen, ob der oberste Führer seine Unterführer noch immer ganz in der Hand hat.

Aus den beiden Artikeln hat man den deutlichen Eindruck, daß die NSDAP, die schwere Verantwor­tung, die mit dem Eintritt in die Regierung ver knüpft ist, nicht auf sich nehmen wird. Daß sie ihren Wählern gegenüber das nicht wahr haben will, versteht sich van selbst. Bei den kommenden Preußenwahlen will die NSDAP, ihre ganze Agitation au* gegen bas Zentrum richten. Wenn sie dabei in Hessen gleichzeitig mit dem Zentrum in Koalition stünde, würde das ihren politischen Kampf erheblich lähmen und erschweren. Cs war deshalb von vornherein nicht zu erwarten, daß sich in die- s e m Zeitpunkt die NSDAP, mit einer solchen Koalition belasten wird.

men. Er konnte In völlig erschöpftem Zustande ge­rettet werden. Die beiden Jungen, deren Eltern in Berlin wohnen, sind ertrunken. Die Leichen konnten noch nicht geborgen werden.

Ein Elfjähriger rettet seinen Vater.

3n Lampertheim brach der Bootshau»- besiher Mich. Kem an der Altrheineinfahrt an einer 2,80 Meter tiefen Stelle im Eise ein. Verschiedene Männer machten vergebliche Ret­tungsversuche. Der 11jährige Sohn Hans schob nun eine Dohle vor sich über das Gis b i s zur Ginbru ch st eile. Kern gelang es nach viertelstündiger Arbeit, völlig erschöpft auf die Dohle zu kommen wo man ihm Leinen zu­

warf und ihn an Land zog. Der kleine 11jährige Sohn darf somit al»derLebeir»retterfei- nes Vaters gelten.

Tragische Folgen eine» gefährlichen Kinderspiel».

In Damsendorf (Altmark) ereignete sich am dritten Feiertage ein tragischer Unglüd»faII. Sin Gutspächter hatte seinem elfjährigen Jungen ein Tefching zu Weihnachten ge­schenkt. Der dreijährige Sohn deS Guts­arbeiters Dösche spielte mit dem Tefching und legte auf seinen fünfjährigen Dru- der an, indem er sagte: ..Ich kann dich er­schießen!" Die Kugel traf den Knaben ins Herz. Er brach tot zusammen.

Vier Kinder in einem Wohnwagen verbrannt

InGolmar geriet der Wohnwagen de» Äorb* machcrs Kracmer in Drand. Dabei verbrann­ten vier Kinder Kraemcr», zwei erlitten le­bensgefährliche und zwei leichte Brandwunden. Zwei Kindern gelang cs, sich au» dem brennen­den Wagen zu retten.

Elli Beinhorn in Britijch-Jndien.

Die Fliegerin Elli Beinhorn ist am Hei­ligen Abend in Delhi eingetroffen. Auf dem Flugplatz wurde sie von der dortigen deutschen Kolonie begrüßt. Elli Beinhorn wird in einigen Tagen den ffieiterflug nach Kalkutta und von dort nach Siam und den Lundainseln antreten.

Ein Trapezkünstler tödlich verunglückt.

Der Verwandlungs- und Trapezkünstler Bar­bette ist in Barcelona vom Trapez töd- l i ch abgestürzt. Dor etwa einem halben Fahr war Barbette dos letzte Mal in Berlin im Winter­garten. Eine Frau oollsührte hochoben an der Decke am freischwingenden Trapez akrobatische Glanz­leistungen und verbeugte sich zum Schluß als Mann. Das war Barbette, einer der besten Verwandlungs- nummern, die da» internationale Bariett gehabt hat

Die Wetterlage.

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Tscttcrvoraussagc.

Der Kaltluftvorstoß an der Rückseite de» kräftigen Zollgebiete» im Norden und Nordosten hat bereits begonnen und in Deutschland einen Temperaturriuf tzang von zirka 5 Grad gebracht. Der Hauptkern der Störung wandert nach Finnland hin ab; indessen hat sich ein neuer über der Nordsee gebildet, der sich aber auch weiter östlich zu verlagern scheint. Somit wird der Zustrom der Kaltlust nach dem Festlande nicht unterbrochen, so daß die Temperaturen weiter sinken und Frost einsetzt, der besonders bei auf­klarender Nacht stärker in Erscheinung tritt. Fn Be­gleitung der maritimen Pv.arluft dürfte vorüber- gehend wechselhafte Bewölkung lutkommen, die auch vereinzelte Schneefälle mit sich bringt.

Aussichten für Mittwoch Weiterer lern- peraturrückgana, auch tagsüber 5'oft, wechselnd be­wölkt mit Aufklaren, vereinzelte Schneeschauer

Aussichten für Donnnerstag: Verschär­fung de» Frostes.

Lufttemperaturen am 28. Dezember, mittags 5,4 Grad Celsius, abends 3,1 Grad; am 29. Dezember: morgens 0,8 Grad. Maximum 5,5 Grad, Minimum 0,6 Grad. Erdtemperaturen in 10 cm Tiefe am 28 Dezember: abends0,2 Grad; am 29. Dezem- ber: morgen»0,2 Grad. Niederschläge 4,1 mm.

menben Wolkenbänken flimmert, hinter denen aber sie sind vielleicht mit künftigem Schnee be­laden? die Sonne ihren niedrigen Pfad einem frühen Abend entgegcngeht.

Der Fluß, der feinen Dogen zwiefach durch das breite Wiesental zieht, hat die Farbe von gehär­tetem Blei. Die geschorenen Flächen der Wielen legen sich falb um das Dorf, das auS einer Spiel- zeugschachlel am Rand des Hügels drüben aus- gebaut und von dem milchigen Strom nebliger Ferne überslossen ist: nur die vom Gebälk durch­brochene Helligkeit der HauSwände ist wahrzu­nehmen, hier und da das dunkle Geviert eines wohl roten Dachs, und über alldem dort, wo das Dunstgewebe schon in die Konturen des Hügels geht, die mahnende Spitze des gedrungenen Kirch­turms. Gegenüber, dort hinten, wo der Wasser­lauf nur mehr als Furche im Wiesengrund zu erkennen ist, heben sich die Silhouetten der Fa­brik-Anlagen vom weißlichen Grau der nahen­den Dämmerung ab, in der die große Stadt schon versunken ist. und aus schlanken Schloten steigen bräunliche Rauchfahnen kerzengerade empor und verlieren ihren Umriß bald in der Unsichtigkeit von Gewölk und Nebelschleiern.

Die Däume, die vom Tathang her die nahen Gärten begrenzen, sind Gewirke au» schwarzem Filigran. Die Vogel verweilen immer seltener auf den deS Grüns beraubten Schaukeln ihrer schwingenden ßcbeixffTeube. Sie huschen im dor­renden Gesträuch umher oder umflattern mensch­liche Behausung, aus der ihnen toarmer Odem entgegenbraut; auch wissen sie, daß an manchem Fenster Nahrung zu finden ist. Sie fürchten sich auch nicht, in der kalten Lache einer Dachrinne zu baden, und in ihrem Zwitschern, das. vom kurzen Gebell eine» Hundes, vom leisen Klagen einer Katze abgesehen, allein die Lautlosigkeit der Stunde unterbricht, ist kein Unterton von Lebens- angst. Dein, sie nehmen die Verwandlung der Welt hin, ohne sich darüber zu grämen oder sich stören zu lassen dadurch, daß sic nicht verstehen, wie da» kommt: daß nun die wundersamen Ge­häuse ihrer umlaubten Lust, die Däume. mit ihren tausend Kammern von Wärme und Grün, erstor­ben lind und keine Wände und keine 6peile mehr für sie haben, und daß es not tut. andere Schlups- winkel zu suchen, tief unten an der Srde, und neue Gefilde, den Hunger zu befriedigen; vielleicht aber, wer wüßte es je. sind sie bem Begreifen der Vergänglichkeit näher als irgendeine» der Delchöpfe. und eben deshalb so unbekümmert und so unbefangen ...?

Das Jahr ist spät geworden; Dämmerung kürzt den Tag; ein flüchtiges, knirschendes Klirren verliert sich ohne Widerhall im Ohr de» Manne», al» der Karren, den er schwer atmend durch den Feldweg treibt, den Apselrest überfährt, den ein kleines Schulmädchen fortgeworfen und längst vergessen hat.

Wie man im Schneehaus wohnt.

SHe Eskimos an der Aordküste von Labrador wohnen den ganzen Winter über, der dort acht Monate dauert, in Schneehäusern, lieber die Einrichtung dieser merlwürdigen Winterwohnun- gen erzählt Aäheres Dr. H. K ö n i g in der bei Hugo Dermühler in Berlin erscheinenden Monats­schrift »Der Erdball". Solch ein SchneehauS wird aus aneinandergereihten rechteckigen Schneeblöden errichtet und hat die Form einer Halbkugel; im Scheitelpunkt befindet sich ein Lilförmig zugefchnit- tener .Schluß-Stein", der sich durch sein eigenes Gewicht sestdrückt. Die Einsetzung diese» letzten Dauteils gehört zu den schwierigsten Arbeiten beim Schneehaus-Dau. Sin SinganaStunnel, der zu der Wohnung hinsührt, besteht ebenfalls au» Schneeblödem Dieser Tunnel fällt nur dann weg, wenn ein solches Schneehau» auf Reifen gebaut wird, oder im Frühjahr, wenn es nicht mehr so kalt ist. Al» der Verfasser Anfang Mai 1^2v airt feiner Schlittenreise die noch heidnifchen Eskimos von Aulatsivik an der nördlichen Ostküfte Labra­dors besuchte, hatten diese ihre unterirdischen Holzhäuser bereits verlassen und waren zur EiS- kante gezogen, um dort Walrosse zu jagen. Dort hatten sie sich Schneehäuler errichtet. Aber als dann die Maisonne sich zu sehr bemerkbar machte, und diese Wohnungen feucht wurden, war man in Zelte übergesiedelt, die einen Seehundsfell- Dezug hatten Schlaspritschen und Fußboden be­standen au» Schnee. Auch hier war noch die Ein­richtung der Schneehäuler bei behalten. Diese wer­den erwärmt und erleuchtet durch große Lampen au» dem sog. Weichstein, den man mit dem Messer schneiden kann; der Docht besteht au» ge­trocknetem Moos, während der übrige Teil der Lampe mit geschmolzenem See Hunds speck au»ge- fülle ist. Mit einem kleinen Hol^ftück in Jorm eine» Krummstabe» sorgt die Hau»srau dafür, daß die Flamme gleichmäßig brennt Darüber hängt der Kochkessel, der ebenfalls au» Weichstein be­steht, heute aber «chvn öfter» durch europäische Erzeugnisse ersetzt wird, und darüber sicht wieder

das Gestell zum Trocknen der naflen Kleider, da» ein mit Riemen au» Deehundsleder bespannter Holzrahmen darstellt.

£uifez Königin von Preußen."

Der Stoff diese» Film» ist, man erinnert sich ichon früher mehrfach behandelt worden. Die be­deutendste literarische Fassung, Molo» Roman .Luise" (Mittelstück der bekannten Trilogie) bot die Grundlage für das Manuskript von Fred Hilden- brandt, Friedrich Raff und Julius Uroiß. Die Handlung folgt in großen Zügen den histori­schen Vorsingen in Preußen um 1806. Die Regie Corl Froelich übernahm mit glücklicher Hand den bildhaft-impressionistischen Stil der epi­schen Vorlage. Vorwiegend kurze, markante Szenen durch eine etwas breit ausgesponnene, nur auf Schauwirkuna berechnete Parade unterbrochen bauen den Gang der Handlung von der Kriegs­erklärung bis zur Flucht nach Memel in schnellem Wechsel und dramatischer Steigerung. Die Gestalt der Königin, vor dem bewegten Hintergrund der diplomatisch-kriegerischen Verwicklungen Preußen», ist sehr schlicht, sehr menschlich und sympathisch er­saßt: Luise als Frau und als Mutter, als gute und treue Kameradin des schwerfälligen, nüchternen und mit wenig Glück an der Spitze de» Staate» und seiner Armee stehenden Königs; auch als preußische Patriotin und in der ergebnislos verlaufenen Begeanung mit Napoleon als Diplomatin; zu­letzt lehr still, nach Frieden sich sehnend, schon von Ahnungen eine» nahen lobe» angeruhrt. In Paretz. Gerade do» Menschlich Natürliche, do» prunklo» Un- pathetische der Gestalt kommt in der gewinnend liebenswürdigen, vornehmen und überzeugenden Darstellung von Henny Porten vorzüglich zum Ausdruck; am unmittelbarsten in den knappen und am wenigstenhistorischen" Szenen mit ihren Kin- dern, mit Friedrich Wilhelm allein und zuletzt im Park von Paretz Al» König Friedrich Wilhelm zeigt der erstaunlich vielseitige Gründgen» eine liebevoll eindringende, scharf profilierte Leistung. Untadelig auch Kayßler» markanter Freiherr vom Stein. Dagegen enttäuscht Paul Günther, besten Napoleon ichon in der Maske wenig gelungen erscheint. Die übrige Besetzung ist gut; zu nennen sind Arendt (Louis Ferdinand): Gaidarow l^r Alexander); Helene Feh dm er (Gräfin voßi; Ettel; Goeflke; Ferdinand Hart. (Eine stil­gerechte Begleitmusik schrieb M i l d e - M e i ß n e r. Der Film läuft gegenwärtig bei lebhaftem Be­such im L i ch t s p i elh a u ».r