Ausgabe 
29.12.1931
 
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Nr. 305 Erstes Blatt

M. Jahrgang

Dienstag. 29. Dezember 1931

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Gietzener Anzeiger

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Die Vorbereitung der internationalen Konferenzen.

Französisch-englische Fühlungnahme. Frankreich schlagt für die Reparationskonferenz den 20. Januar und als Tagungsort Lausanne vor.

Der französische Botschafter im Foreign Office.

Landon, 29. Dez. (2BIB. Funkspruch.)Times" meldet: Der französische Botschafter de Fleuriau sprach gestern nachmittag im Foreign Office vor und wurde vom Staatssekretär des Aeußcren empfangen. Es verlautet, daß die ftanzöfifche Regierung dringend wünscht, mit mög­lichst geringer Verzögerung zu einer Verein­barung über die Einberufung der in­ternationalen Reparatianskonserenz zu kommen. Die französische Regierung ist der Mei­nung, daß die Konferenz frühe st ens am 2 0. Januar zufammentreten kann, weil die Kam­mer am 12. Januar ihre Arbeiten wieder aufnimmt. Somit würde das Datum der Eröffnung der Repa- rationskonserenz vor den Beginn der Gen­fer Völkerbundsratstagung am 25.Ja­nuar fallen, und eine Woche später soll in Genf die Abrüstungskonferenz beginnen. Es ist daher angeregt worden, Lausanne für die Reparalionskonferenz zu wählen. EnglandwünschtBerschiebung

der Abrüstungskonferenz.

Die Rcparationsverhandtungen sollen nicht unter Druck zwangsmätziger Befristung gestellt werden.

Genf, 28. Dez. (TU.) Die englische Regierung hat in den letzten Tagen bei den meisten europäischen Regierungen und auch in Washington diplomatische Schritte unternommen, um den Standpunkt der ein­zelnen Regierungen zu dem Beginn der bevorstehen­den diplomatischen Konferenzen festzustellen. Auf englischer Seite halt man nach wie vor an der Auf­fassung fest, daß ein zeitliches Zusammen- fallen der Tributkonferenz mit der Abrüstungskonferenz vermieden wer- den müsse. Man befürchtet, daß die voraussichtlich am 20.Januar beginnende Tributkonferenz unter dem Drucke des naheliegenden Zeitpunktes der zum 2. Februar ein- berufenen Abrüstungskonferenz ge- zwungen sein würde, ihre Arbeiten mit einer nicht wünschenswerten Beschleuni­gung bis zum Beginn der Abrüstungskonferenz abzuschließen. Man hält im Hinblick auf die außerordentliche Bedeutung der zur Verhandlung gelangenden internationalen finanzpolitischen Fragen eine derartige zwangsmäßige Befristung der Arbeiten nicht für wünschenswert, insbesondere, da bereits am 2 5. Januar der Völker- bundsrat u«d am 31. Januar die Euro- pakommission in Genf zusammentreten, an denen nach den bisherigen Gepflogenheiten die Außenminister der Großmächte teilnehmen.

In den bisherigen Verhandlungen sollen die mei­sten Regierungen keinerlei grundsätzliche Bedenken gegen eine zwei- bis drei- wöchigeVerschiebungderAbrüstungs- k o n f e r e n z geltend gemacht, es jedoch a b g e » lehnt haben, in dieser Angelegenheit die ersten Schritte zu tun. Aus Grund dieser Verhandlun­gen hängt nunmehr die Entscheidung über eine etwaige Vertagung der Abrüstungskonferenz von der weiteren Stellungnahme der englischen Regierung ab. lieber den Tagungsort der Tribut­konferenz konnte in den bisherigen Verhand­lungen keine Uebereinftimmung erzielt werden, da auf französischer Seite im Hinblick auf die Ab­rüstungskonferenz Lausanne auf englischer und auf deutscher Seite dagegen Luzern ober der Haag als Tagungsort gewünscht werden. Man nimmt in hiesigen internationalen Kreisen an, daß über diese Frage bereits in der allernächsten Zeit eine Verständigung zwischen den Regierungen erzielt werden wird.

Vorbesprechung zwischen Macdonald und Laval?

Paris, 28. ez. (TU.) In Paris finden augenblicklich Verhandlungen zwischen Vertretern des englischen Schatzamtes und des franzö­sischen Finanzmini st eriums statt, um den Standpunkt der beiden Regierungen in der Re­parationsfrage einander näher zu bringen. Diese Besprechungen, die keinen amtlichen Charakter tragen, sollen dazu dienen, den Voden für eine direkte Aussprache zwischen La­val und Macdonald vorzubereiten. Das Dementi, das der Quai d'Orsay im Zusam­menhang mit einer angeblichen Einladung Macdonalds an Laval erlassen hat, darf auch nicht dahin ausgelegt werden, als ob eine Zusammenkunft zwischen den beiden Staatsmän­nern nicht beabsichtigt sei. Man betont vielmehr schon jetzt, daß eine derartige Aussprache vor der Regierungskonferenz im Rahmen der von den Sachverständigen gemachten Vor­schläge liegen würde. Vei den von der französi­schen Presse gemeldeten Schreiben Macdonalds soll es sich außerdem um. einen Privatbrief vertraulicher Aatur handeln, so daß das Dementi

dem Quai d'Orsay, der bekanntlich die amt­liche Einladung des englischen Minister­präsidenten an Laval ableugnet, sehr verständ­lich ist. Bei den augenblicklichen Pariser Ver­handlungen wird englischerseits der bereits in Ba­sel zum Ausdruck gekommene Standpunkt vertre­ten, wonach die von den Sachverständigen vorge­schlagene Äeuregelung sich nicht nur auf die Tri­butzahlungen, sondern auch aus die inter­alliierten Schulden beziehen müsse.

Der außenpolitische Berichterstatter desEcho de Paris", Pertinax, erinnert in diesem Zusammenhang noch einmal an die ergebnislosen Besprechungen zwischen dem französischen Finanzminister Flandin und Layton. Die englische These ginge dahin, Deutsch­land ein fünfjähriges Moratorium zu gewähren und Frankreich zu dem Verzicht auf seine Reparationsforderungen ein­schließlich des ungeschützten Teiles zu bewegen und es auf der anderen Seite durch die Aufhebung seiner Schulden an 'Ame­rika schadlos zu halten. Flandin machte demgegen­über geltend, daß Deutschland mindestens den ungeschützten Teil der Reparationen zahlen müßte, der ihm unter Umständen in

Bombay, 28. Dez. (Silj Gandhi traf am Montag in Bombay ein. Kurz vor seiner An­kunft war es zu schweren Zusammen- stößen zwischen Parias und Kongreh­anhängern gekommen. DieUnberührba­ren, die Gandhi beschuldigen, die Durchsetzung ihrer Forderungen nach entsprechender Vertre­tung in den indischen Provinzparlamenten ver­hindert zu haben, waren mit Stöcken, Glasscher­ben, Messern und anderen bewaffnet. Sie rissen die Fahnen und Guirlanden, die von den Kon- grehanhängern in den Straßen angebracht waren, herunter. Kurz vor der Ankunft von Gandhis Dampfer strömten sie zum Hafen, wo sich ein Ge­fecht zwischen ihnen und den Kongreßanhängern entspann, das erst durch starke Polizeiabteilun­gen beendigt werden konnte. Bei der Prügelei wurden 25 Personen verletzt.

Der ursprünglich vorgesehene großartige Emp­fang, bei dem Gandhi in einem mit Weißen Pferden bespannten Wagen durch die Straßen Bombays fahren sollte, war fallengelassen worden Trotzdem hatte sich eine ungeheuere Menschenmenge am Hafen eingesunden und rie­sige Menschenmassen, die auf 500 000 geschäht werden, drängten sich in den Straßen. Gandhi wurde von Patel und dem Moslemführer Ansari sowie von seiner Frau an Bord des Schiffes be­grüßt. Mit dem Spinnrad unter dem Arm schritt Gandhi unter die Menge, die ihn mit lauten Dusen begrüßte und ihm Girlan­den aus indischem Garn zuwarf. Sn den

Form eines Kred ites an bie Reichs­bahn wieber zur Verfügung gestellt werben könne, wie bies bereits gelegentlich bes Hoover-Moratoriums ber Fall gewesen ist. Rach Wiederherstellung besserer wirtschaftlicher Verhält­nisse soll Deutschland wieder die Reparationszahlun­gen in vollem Umfange aufnehmen und n u r vom geschützten Teil befreit werden, wenn Amerika seinerseits auf seine Schuldenforderun­gen verzichtet. Die beiden Finanzsachverständi­gen wurden schließlich darin einig, daß alles unter­nommen werden müßte, um die Gläubigermächte Deutschlands nach Gewährung eines Moratoriums von der Schulbenzahlung an Amerika zu befreien. Die von Macbonalb angeftrebte Unterredung mit Laval gelte auch in erster Linie der Lösung dieser Frage. Pertinax erklärt hierzu, daß die A ufftel- lung einer g e m« i ns a m e n englisch- französischen Front sehr wohl möglich sei. Macdonald habe seine sozialistischen Mitarbeiter über Bord geworfen. Wenn er sich nun auch dazu entschließe, sich auch von den deutsch-eng- lischen Anhängern zu befreien, so sei eine Einigung zum Besten Europas sehr wohl möglich.

Straßen wurde Gandhi mit Rusen begrüßt, die | zum Llngehorsamkeitsfeldzug auf for­derten.

Gandhi erklärte Pressevertretern, den Ersolg der Londoner Konferenz halte er für sehr gering. Die Konferenz fei nur ein Debattierklub gewesen. Später hielt Gandhi eine Rede, in der er das Volk aufforberte, fich bereitzuhal­ten, wenn der Kampf unvermeidlich fei. Er werde aber keinen Versuch unterlassen, um eine gütliche Lösung zu finden. Die Rede schloß er mit folgenden WortenIch glaube nicht, daß ich die gleiche Selbstbeherrschung wie früher werde beobachten können, wenn die Lage einen energischen Entschluß erfor­dert. Bei den letzten Auseinandersetzungen ist man mit Knüppeln gegen uns vorgegangen, bei einem etwaigen künftigen Konflikt werden wir Kugeln zu erwarten haben."

Vithalbai Patel, der auf demselben Dampfer wie Gandhi eintraf, bemerkte in einem Interview, daß die dritte Rundtischkonferenz sich als Fehl­schlag erweisen werde. Es seien Anzeichen dafür vorhanden, daß Sndien rasch einer Agrar­revolution entgegengehe. Der Boy­kott britischer Waren, britischer Handels- und Versicherungsgesellschaften mühte viel stren­ger durchgeführt werden. Der Besuch Gandhis und seine Tätigkeit in England, schloß Patel, habe das Ansehen des Sndischen Kongresses kaum er­höht.

Die neuen Annchen in Aordwest-Mien.

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Indische Truppen ziehen in Peschawar, dem Hauptunruhenherb, ein. Oben links: Panbit Jawaharlal Nehm, Präsident des Allindischen Kongresses, ber von ben englischen Behörben in Haft genommen wurde. Das Wiederaufflammen der Unruhen in Nordwestindien hat in England größte Beunruhi­gung hervorgerufen. Es scheint sich um organisierte kommunistische Tumulte zu handeln, die am selben Tage losbrachen, als Gandhi von feiner Europafahrt nach Indien zurückkehrte.

Gandhis Empfang in Bombay.

Scharfe Zuspitzung der politischen Lage.

Colijn verlangt schleuniges Handeln.

Gemeinsame Behandlung von Schulden« und Rcparationsfrage.

Amsterdam, 28. Dez. (WTB.) 3n einer Preffeunterrebung erklärte das nach Holland zurück­gekehrte holländische Mitglied des Baseler Sachver» slänbigenausschusses, L o l i j n, daß man sich ange­sichts des Umstandes, daß der Ausschuß bei seiner Arbeit an bestimmte Grenzen gebunden war, über das einstimmig erzielte Ergebnis seiner Beratungen erfreut zeigen könne. Den wichtigsten Teil bilde das vierte Hauplstück. Wenn man die dort niedergelegten Feststellungen ruhig durchlese, so werde man wahrnehmen, daß der Ausschuß deutlich dargelegt habe, daß Deutschland die Zahlungen, die es unter dem youngplan leisten solle, nicht transferieren könne, ohne die gegenwärtige Lage zu verschlechtern. Gleichzeitig aber sei ausgeführt worden, daß eine Streichung der deutschen Zahlungen allein das Problem nicht löse, solange andere Länder zur Zahlung ihrer Schulden verpflichtet blieben. Die Schlußfolgerung des Sachverständigen- ausschusses gehe somit dahin, daß beide Fragen gleichzeitig behandelt werden müßten, und zwar so schnell wie möglich, wenn man eine Katastrophe vermeiden wolle. Was das Zustande­kommen der einzelnen hauptstücke des Baseler Gut­achtens angehe, so stammten die Entwürfe zum ersten Hauptteil von L a y k o n, zum zweiten Haupt­teil von Layton und Ri st, zum dritten Haupt­teil von Dr. Melchior und zum vierten haupttell von Rydbeck und ihm (Lolijn) selbst.

Mit Bezug auf die bevorstehende neue Repara­tionskonferenz ber Regierungen betonte Dr. Lolijn schließlich noch, daß für den Fall, daß die verant­wortlichen Staatsmänner keine Defchlüffe von wirklicher Bedeutung fassen würden, die Lage in Europa und damit in der ganzen Welt noch viel ernster werden müsse, als sie es jetzt schon fei.

Japan seht den Vormarsch in der Mandschurei fort

Die Operationen gegen Tschingtschau.

ß o n b o n, 29. Dez. (WTB. Funkspruch.)Times" meldet aus Tokio, baß ber Soifer von Japan am letzten Sonntag bie Entsendung weiterer Truppen nach ber Manbschurei geneh­migt hat. Die Japaner setzen den Vormarsch auf Tschingtschau fort. General Tschangshue- liang hat von ber Nanking-Regierung den Befehl erhalten, bie Stabt unter allen Umständen zu h a l t e n. Die Station T a w a an der PekingMukden- Bahn wird von einem chinesischen Panzerzug und etwa 200 Soldaten verteidigt, wahrend ein japa­nischer Panzerzug 7 Kilometer südlich von Tawa stationiert ist. Außerdem rückt eine japanische Ka­vallerieabteilung mit zehn Panzerautos von Tien- tschuangtai gegen Tawa vor. Die japanische Regie­gierung veröffentlicht eine Erklärung, die den Nach­weis bringen soll, baß militärische Operationen gegen Tschingtschau wegen ber ungeheueren Zu- nähme bes Räuber Unwesens unbebingt notwenbig seien. Die Zahl der Räuber im Bezirk bes Liao-Flusses sei seit dem 1. November von 1300 auf 30 000 gestiegen. Diese seien mit Maschinenge­wehren und Grabenmörsern ausgerüstet und erhiel­ten von Tschingtschau aus ihre Weisungen. Minister­präsident I n u k e i erklärte, Japan würde bie Mandschurei nicht einmal annehmen, wenn sie ihm geschenkt würbe. Die Ver­teidigung der ausgedehnten Grenzen der Mandschurei würde Japan zu viel Geld kosten. Japan wolle nur die ihm vertragsmäßig zustehenden Rechte wahren. Demnächst werde eine Erklärung veröffent­licht werden, in der diePolitik ber offenen T ü r" in ber Mandschurei erneut bestätigt wer­den soll

Nie Lohnsenkung nach der Notverordnung.

Berlin, 28.Dez. (TLI. Amtlich.) Sn ber Oessentlichkeit sind Zweifel an dem zwingen­den Charakter ber in ber Rotverordnung vom 8. Dezember 1931 vorgeschriebenen Lohn- unb Gehaltssenkung aufgetaucht. Rach ber Auf­fassung ber zuständigen Stellen, die auch in der amtlichen Verlautbarung zu ber Rotverorbnung zum Ausbruck gekommen ist, kann kein Zweifel barüber bestehen, baß die im engsten Zu­sammenhang mit ber Senkung bes gesamten Preisstandes stehende Her­absetzung ber tarifvertraglichen Ge­hälter und Löhne ab 1. Sanuar 1932 kraft Gesetzes eintritt. Die Tarifvertragsparteien haben lediglich das aus der Rotverordnung selbst ersichtliche Ausmaß ber Kürzung in den einzelnen Tarifvertrag als dessen Bestümmmg