nr. 279 Erstes Via«
181. Jahrgang
Samstag, 28. November 1931
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Die internationale Abrüstungskundgebung wird in Paris ausgepfiffen.
Skandalszenen im Trocadero. - Ausländische Redner kommen nicht zu Wort. - Manifestanten stürmen das Podium der Delegierten. — Die Kundgebung muß abgebrochen werden.
zöfifcher Zeit wurden die Gegenkundgebungen fo stürmisch, daß die Gendarmerie den Sil- zungssaal betrat, um das Podium der Redner und der geladenen Gäste zu schützen. Nunmehr war es klar, daß die Demonstranten in der Versammlung keinen weiteren Redner mehr zu Worte kommen lassen wollten. Als der frühere amerikanische Botschafter in Berlin, houghton, zu sprechen versuchte, wurde er fortgesetzt unterbrochen, und teilweise ertönten Rufe: „A Berlin!“. Diese zielten anscheinend auf die Behauptung französischer Blätter ab, daß houghton ausgesprochen deutschfreundlich fei. Lin Pfeifkonzert begann, das Schreien und Johlen wurde immer stärker. Als h e r r i o t mit dem Führer der Front- kämpferoereinigung Lroix de Feu sich dahin zu verständigen suchte, daß einer ihrer Leute zu Wort käme, verlangten diese, sofort das Wort ergreifen zu dürfen. Dies wurde abgelehnt, hierauf stürmten die Manifestanten das Podium. Ls kam zu Schlägereien, herriot und de 3ouvenel
Das Echo des Skandals.
Die nationalistische presse ist hochbefriedigi.
Paris, 28. Rov. (WTB. Funkspruch.) Die gesamte Morgenpresse beschäftigt sich mit den störenden Kundgebungen in Trocadero. ..Petit Parisien" nennt als Urheber der Kundgebungen die „Action Fran^aise", die Frontkämpfervereinigung „Croix du feu“ und die Jugendorganisation der Patrioten- l i g a. Das Blatt räumt ein, daß es zu Schlägereien gekommen ist, will aber behaupten können, daß die Polizei nicht habe einzugreifen brauchen. Dies entspricht nicht den Tatsachen. Jeder Besucher der Bersammlung konnte das Gegenteil feststellen, ebenso wie die Tatsache, daß die Zahl der Polizeibeamten angesichts des Aufgebotes von Demonstranten nicht ausreichte. — Die „Action Fran aise" begrüßt die lärmenden Kundgebungen und ist besonders erfreut darüber, daß neben den Rufen „Es lebe Frankreich!" auch Rufe „Es lebe die Action Fran-
Eine programmatische Erklärung der großen Wirtschastsverba'nde.
Scharfe Stellungnahme gegen die Wirtschastspiraten. — Der Wahnsinn der Reparationen. — Die Stabilität der Währung.
konnten sich nur mit Mühe vor tätlichen Angriffen schützen. Eine kette von Polizisten deckte sie, und de 3 o u o e n e l konnte, um der Form zu genügen, wenigstens die vorgesehenen Schlußworte sprechen. Sämtliche auswärtigen Delegierten, die in dem Kongreß teilgenommen haben, gaben ihrer Entrüstung über die Vorfälle unverhohlen Ausdruck. Augenzeugen wollen berichten können, daß die Kundgebungen von einer Loge ausgegangen seien, in der ein bekannter französischer Schriftsteller anscheinend tonangbend war. Um diese Loge entspann sich ein heftiges Handgemenge, bis die Insassen genötigt waren, ihre Plätze zu räumen. 3n der unter dem Vorsitz zweier Genera l e im Wagram-Saale gestern abend abgehaltenen Gegenkundgebung soll es gleichfalls zu Zwischenfällen gekommen sein, hier sind, wie berichtet wird, kommunistische Elemente gegen die Redner auf- getreten. Erst nachdem sie aus dem Saale entfernt worden waren, konnte die Kundgebung ihren Verlauf nehmen.
?aise!" ertönten? — Eine ähnliche Einstellung zeigen die Cotyblätter, „Figaro" und „Ami du Peuple". — „Echo de Paris" ist ebenfalls zufrieden. Ein französisches Auditorium — so erklärt das Blatt — habe nicht zulasseü können, daß der „elsässische Renegat" Joos im Ramen Deutschlands spreche, das der notorische Deutschenfreund Houghton, Frankreichs schlimmster Feind während des Krieges, im Ramen der Bereinigten Staaten das Wort ergreife, und daß Senator B o r a h, der sich einen Ruhm daraus mache, niemals nach Europa gekommen zu sein, Frankreich eine Lektion über sein Verhalten erteilte, daß schließlich Scialoja, der 600000 Man unter Waffen halte, außer den faschistischen Lügen Frankreich den Rat geben wolle, seine Truppenzahl herabzusehen.
Paris, 28. Noo. (TU.) Die große öffentliche Ab- rüstungskundaebung in dem mit den Farben aller beteiligten Länder geschmückten Riesensaal des „Trocadero" begann am Freitagabend unter dem Vorsitz h e r r i o t s. Wie ein um die Rundung der Kuppeln herumlaufendes Band in Riesenbuch- staben verkündete, nahmen an der Veranstaltung 1043 von 362 Verbänden aus 30 verschiedenen Ländern teil. Der mehr als 5000 Personen fassende Raum war nahezu bis auf den letzten Platz besetzt.
Schon die kurze Eröffnungsansprache herriol« wurde durch Protest rufe und Gegenkundgebungen minutenlang unterbrochen. von der Kuppelgalerie erklangen immer wieder „Rieder"Rufe, die von starkem Lärm gefolgt waren. Der größte Teil der Reden ging im Lärm unter, und erst am Schluß konnte sich der Beifall der Anhänger durchsetzen. 3m Anschluß daran versuchten die Vertreter der konfessionellen verbände sich Gehör zu verschaffen, was jedoch nur zum Teil gelang. Ausgesperrte Ruhestörer versuchten durch die Settentüren in die Logen einzudrlngen und vergrößerten den Tumult durch dauerndes Klopfen an die Wände. Von der Botschaft des Pariser Erzbischofs Kardinal Verdiers wurde nichts vernommen, da Sprechchöre jede Verständigung unmöglich machten. Kaum eine halbe Stunde nach Eröffnung der Sitzung entwickelte sich bereits eine heftige Prügelei in einer Seitenloge, die vom Publikum mit leidenschaftlicher Parteinahme verfolgt wurde. Die Polizei entfernte einige Rädelsführer. Ein alter Herr wurde von jungen Burschen geohrseigt und zu Boden geschlagen, woraus er an die Versammlung eine Ansprache hielt. Auch die Worte der Generalsekretärin der Kundgebung, Fräulein Weih, blieben ungehört, da die Galerie sich in Zischen und hahnengeschrei gefiel. Dazwischen wurden abwechselnd d i e Marseillaise und andere Lieder gefangen. Als der deutsche Reichstagsabgeordnete 3 o o s das Dort erhielt, erhob sich ein durch Sprechchöre unterstütztes Pfeifenkonzert, das jeden Laut verschlang. Der Tumult erreichte einen aller Erfahrungen spottenden Höhepunkt. Die Prügelszenen nahmen immer tollere Formen an. Kein Mensch mehr hörte aus den Redner, so daß der Reichstagsabgeordnete 3oos eine Unterbrechung eintreten lassen muhte und erst fortfuhr, als einigermahen Ruhe eingetreten war.
Joos führte il a. aus: Kein Volk könne ein aufrichtigeres Bedürfnis nach einem positiven Ausgang der allgemeinen Abrüstungskonferenz des nächsten Jahres haben, als das deutsche. Denn das deutsche VoK habe auf Grund der Bestimmungen des Versailler Vertrages die eigene Abrüstung bereits feit vielen Jahren durchgeführt. Es habe durch seine Abrüstung eine Vorleistung auf die allgemeine Abrüstung vollzogen, auf die das deutsche Volk in all seinen Schichten seit Jahren warte
Fast ebenso unfreundlich wurde der italienische Redner, Senator Scialoja ausgenommen, doch ebbte die Erregung im Saale langsam ab. Lord ®ecil wurde als Sprecher Englands mit starkem Beifall empfangen, als er an die Höflichkeit der Franzosen appellierte, doch erregte er sofort die Unzufriedenheit der Massen, da er englisch sprach. Immerhin verschaffte fein bekannter Rome ihm Gehör. Ungeheurer nicht endenwollender Beifall empfing und begleitete den Hauptredner Frankreichs, Painleve, dessen Eintreten für die französische Abrüstungsthese am Donnerstagabend durch die Presse bekannt geworden war. Die unproduktiven Militärausgaben würden eines Tages zerstörend wirken, ^lber Frankreich habe 1919 nicht ) i e versprochene Garantieerhalten. Menn Frankreich überzeugt wäre, daß es genügen würde, abzurüsten, um den Frieden herzustellen, würde es mit Erleichterung seine Waffen niederlegen. Dies aber genüge leider nicht Die friedliche Industrie könne über Rächt durch böse Geister in ein mörderisches Instrument verwandelt werden. (Beifall.) Painlevö sprach von einer Ueber- gangszeit allmählicher Abrüstung, die zur völligen Abrüstung führen müsse. Dem stimme Frankreich im Voraus zu. Die Deutschen möchten Geduld haben; denn Ungeduld könne vom Ziele nur entfernen. Alsdann wurde eine Botschaft des Allgemeinen Arbeiter-Verbandes (CGT.) verlesen sowie eine Botschaft der Kriegsverlehten und ehemaligen Frontkämpfer, in der diese sich für den Frieden erklären.
Bei Verlesung dieser Kundgebung entstand wieder größerer Lärm, der besonders stark wurde, als der Vertreter der Liamag das Wort ergriff. Die Demonstranten stimmten die ZRarfelllaife an, und der Skandal wurde immer größer. Um 23.15 Uhr fran-
Berlin, 27. Rov. (WTB.) Der neue Vorsitzende des Reichsverbandes der Deutschen Industrie, Dr. Krupp von Dohlen und Halbach gab im Einvernehmen mit den Vorsitzenden des Zentralverbandes des deutschen Bank- und Bankiergewerbes, des Deutschen Industrie- und Handelstages, der Hauptgemeinschaft des deutschen Einzelhandels, des Reichsverbandes des deutschen Groß- und Ueberseehandels, des Reichsverbandes des deutschen Handwerks, des Reichsverbandes der Privatversicherung und der Vereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände folgende Erklärung ab:
Die deutsche Wirtschaft ist seit Monaten Zeuge von Vorkommnissen innerhalb ihrer Reihen, deren Zahl die Gefahr heraufbeschwört, daß sie nicht als Einzelerscheinungen, sondern als Zeichen eines allgemeinen Riederganges der kaufmännischen Ehrbarkeit gewertet werden. Wir weisen darauf hin, daß zu allen Zeiten schwerer politischer und wirtschaftlicher Krisen, wie solche Deutschland seit nunmehr Jahrzehnten bedrängen, einzelne verstanden haben, die Umschichtung der Verhältnisse unter Verletzung von Treu und Glauben zum Schaden der Gesamtheit für sich auszunutzen
Der gesunde Sinn der deutschen Kaufmannschaft lehnt derartige Machenschaften entschieden ab. Sie betrachtet unbestechliche Ehrbarkeit als höchste Pflicht aller Verufsangehörigen und ist nicht gewillt, ihren guten Ramen durch Duldung laxer Moralbegriffe gefährden zu taffen, lieber die Ahndung krimineller vergehen durch den Strafrichter hinaus wenden wir uns dementsprechend auch gegen jede Handlungsweise, die im Widerspruch zu dem Grundsatz der kaufmännischen Ehre steht, und mißbilligen jeden verstoß gegen die Pflichten, die dem Unternehmer gegenüber seinem Betriebe und gegenüber der Allgemeinheit obliegen. Wir erachten es als unsere besondere Pflicht in dieser Zeit, alle Kräfte an die Selbstreinigung der deutschen wirtschaft zu wenden, gegenüber jedem, der nom Wege des ehrbaren Kaufmanns abweicht, eine fcharfeTrennungs-
l i n i e zu ziehen und in vorkommenden Fällen die weitere Zugehörigkeit der Betroffenen zu den Organen der Spihenverbändc von dem Ergebnis der zu treffenden Feststellungen abhängig zu machen.
Wir erleben es tagtäglich, daß noch immer — nicht einmal böswillige — Besucher aus dem Auslände auf gewisse äußere Fassaden in ihrem Urteil Bezug nehmen und das furchtbare Elend hinter dieser Fassade nicht sehen wollen. Wir dürfen nicht zögern, auch in der Frage der R e i ch s r e f o r m die Schritte zu unternehmen, die von dem Zwange zu einer sparsamen, übersichtlichen und einheitlichen Verwaltung diktiert sind. Die Entwicklung dieses Jahres hat mit aller Deutlichkeit gezeiat, daß die Reparationen nicht nur für Deutschland eine unhaltbare B e l a st u n g darstellen, sondern daß sie auch weltwirtschaftlich gesehen ein Wahnsinn sind. Es ist für den Reichsverband selbstverständlich, daß er in der Front derer steht, die in dem V e r f a i 1 - ler^Vertrag keine endgültige Regelung sehen, die Jahrzehnte und Geschlechter überdauern kann. Im Interesse der europäischen Völkergemeinschaft muß und wird eine Lösung gefunden werden, die dem Gedanken der fruchtbaren Zusammenarbeit der Völker einen neuen Auftrieb gibt.
Pflicht des Reichsverbandes ist, jede Maß- nähme, djediewäh rungzuerschüt- terngeeignetwäre, auf das entschiedenste abzulehnen und jede Maßnahme zu unterstützen, die der Sicherung der Währung dient, wir wünschen und wollen, daß die deutsche Arbeiterschaft unter materiellen Bedingungen lebt, die dem deutschen Arbeiter nicht nur eine Sicherung feiner Existenz, sondern auch dem Fleißigen und Tüchtigen wieder einen Aufstieg ermöglichen, wir sehen es als unsere Hauptaufgabe an, dem deutschen Volke in allen feinen Schichten nach Ikberroin- dung der jetzigen Rotzeit wieder zu einer Erhöhung der Lebenshaltung zu verhelfen und den weg zu ebnen für einen kultu
rellen und nationalen Wiederaufstieg.
Das Dokument.
Den Herren Severing und Leufchner ist Heil widerfahren. Die Hesfenwahlen vom 15. November hatten der bisher regierenden Weimarer Koalition den Boden entzogen, die für das kommende Frühjahr in Aussicht stehenden Landtagswahlen in Preußen scheinen keinen anderen Ausgang zu versprechen, zumal dort die Parteien der Weimarer Koalition schon heute nur über eine lehr knappe Mehrheit verfügen. In Darmstadt, wo in wenigen Tagen der neugewählte Landtag zusammentreten soll, begannen schon Erörterungen der parlamentarischen Lage und der sich aus ihr ergebenden Kabinettsbildung. Die Möglichkeit einer Annäherung zwischen Nationalsozialisten und Zentrum war nicht von der Hand zu weisen, obwohl beide noch sehr reserviert taten und jeder betonte, der andere müsse ihm kommen und er könne gegebenenfalls auch ohne Partner fertig werden. Aber schon kursierten Ministerliften, die ein Zusammenarbeiten oder zumindest eine gegenseitige Duldung zur Voraus- setzung hatten und es war trotz des starren und anscheinend gleichgültigen Sphinxgesichts der Zentrumspresse durchaus denkbar, daß das Zentrum, wenn es sich schon nicht dazu entschließen konnte, sich sofort an einer Koalition mit der Rechten zu beteiligen, doch einer von den Nationalsozialisten maßgebend beeinflußten Regierung den Weg freigab, um nach einer gewissen Bewährungsfrist, je nachdem das Experiment ausgefallen war, seine endgültige Entscheidung zu treffen. Da in Preußen für das nächste Frühjahr eine ähnliche Entwicklung zu erwarten war, sah sich die Sozialdemokratie, die seit dem November 1918 in Darmstadt ununterbrochen, in Berlin mit dem kurzen Zwischenspiel des Kabinetts Stegerwald im Regiment sitzt, vor einer etwas beklemmenden neuen Lage. Denn wenn ihr auch im Reich die Opposition oder eine distanzierte Stellung ä la suite der Regierung durchaus sympathisch ist, so liegen die Dinge doch wesentlich anders in den Ländern, wo den Regierungen durch das Notverordnungssystem noch mehr als früher die politische Verantwortung zu einem guten Teil abgenommen ist, die regierenden Parteien aber durch ihre Verfügung über Polizei, Verwaltung und Bildungswesen sich eine starke Machtstellung schaffen können und auch geschaffen haben. So würde den Regierungen der Weimarer Koalition heute in Hessen und übermorgen in Preußen vermutlich eine Verlängerung ihrer Amtszeit auf dem Umwege über ein Geschäftsministerium nicht unlieb sein, wenn ihnen die parlamentarische Entwicklung dazu die Möglichkeit böte. Und diese Möglichkeit müßte in greifbare Nähe rücken, wenn das Zentrum von einem durch die Umstände ihm nahegelegten Kurswechsel zurückschreckte und auf eine Koalition mit der Rechten oder auch nur auf eine Tolerierungspolitik verzichtete.
Diese kleine Vorrede, um zu illustrieren, wie außerordentlich gelegen den Herren Severing und Leuschner natürlich das Boxheimer Doku- ment des Dr. Best kommen mußte, noch dazu, wo sie das Glück hatten, daß ihnen dies Schriftstück ohne ihr Zutun in die Hände fiel und sie es nur in ihrem Sinne politisch auszuwerten brauchten. Daß sie dazu trotz der Warnung des Oberreichsanwalts fest entschlossen sind, beweisen heute schon die zollhohen Schlagzeilen und seitenlangen triumphierenden Kommentare in der ihnen nahestehenden Presse vom „Berliner Tageblatt" bis zum „Vorwärts". Und das, obwohl der Tatbestand des Hochverrats nach den ausführlichen Darlegungen des von dem Uebereifer der beiden Polizeiminister offenbar peinlich berührten Oberreichs- anwalts nicht gegeben zu sein scheint, da die in dem ominösen Dokument formulierten „Befehle" und „Richtlinien" den „Wegfall der seitherigen obersten Staatsbehörden" und die „Ueberwindung der Kommune" zur Voraussetzung hatten, es sich also nach den Ausführungen des Oberreichsanwalts um Maß nahmen handelt, die sich nicht gegen eine auf Grund der in Kraft befindlichen Verfassung im Amte befindliche Regierung richteten, sondern erst in Kraft gesetzt werden sollten, wenn eine bestehende legale Regierung durch eine kommunistische Revo lution gestürzt und diese ungesetzliche Herrschaft der Kommune dann gleichsam im Gegenstoß durch den Nationalsozialismus niedergeworfen worden sei. Der Hochverratsparagraph des Strafgesetzbuches droht dem Strafe an, der „es unternimmt, die Verfassung des Deutschen Reiches oder eines Landes gewaltsam zu ändern". Das Boxheimer Dokument aber geht auch nach Auffassung des Oberreichsanwalts davon aus, daß bereits vor der Besitzergreifung der Regierungsgewalt ein Zustand der revolutionären Gesetzlosigkeit b e st e h e, nicht aber, daß die Nationalsozialistische Partei einen solchen herbcifüh - ren wolle. Diese Gegenüberstellung mag für die juristische Beurteilung des Falles vorläufig genügen, das weitere wird man getrost den Unter suchungen des dafür allein zuständigen Oberreichsanwalts und gegebenenfalls der Urteilsfindung des Reichsgerichts überlassen können.
Für die Oeffentlichkeit wichtiger als diese Seite der Angelegenheit scheint uns der Inhalt des Dokuments selber zu fein, weil es zeigt, welcher Art die wirtschaftspolitischen Gedankengänge sind, die in gewissen Köpfen der nationalsozialistischen Bewegung spuken. Die Bestimmungen über unbedingte Gehorsamspflicht gegenüber den Anordnungen der vollziehenden Gewalt, das Waffenver bot und die Androhung der Todesstrafe für lieber- tretungen können hier außer Betracht bleiben. Aehnliche Erlasse sind im Zeichen des Belagerungszustandes zur Unterdrückung revolutionärer Unruhen auch unter anderem Regime gang und gebe. Fragwürdiger ist schon die in dem Dokument ge plante Einsetzung von Feldgerichten, aber geradezu grotesk muten die zur Sicherstellung der Ernährung und des „gegenwärtigen Eigentumsstandes" geplan-


