Aus ver Provinzialhaupistadt.
Gießen, den 28. September 1931.
Große Zeit.
Leben wir in einer großen Zeit? Nein, sagt der eine, denn es ist ein kleines Geschlecht, das ihr das Gepräge gibt. 3a, sagt der andere, denn es kündet sich Neues an, das vielleicht groß ist, vielleicht besser als das Bisherige. Und der Dritte sagt wohl: Keine Zeit ist groß oder klein an sich; die Menschen, die in ihr leben und wirken, gestalten sie zu dem, was sie kommenden Geschlechtern darstellt.
Gewiß ist, daß erst unsere Kinder und Kindeskinder darüber entscheiden werden, ob die Gegenwart, die uns geschenkt ist, die Merkmale eines großen oder eines sich in Kleinlichkeiten verzettelnden Geschichtsabschnittes trägt. Denn wir Gegenwärtigen sehen nur das Nächstliegende, erkennen nur den Lag, in dem wir leben, und können uns allenfalls in Mutmaßungen ergehen, welcher Entwicklung wir entgegenstreben.
3mmerhin lassen sich aus dem, was wir erkennen, Schlüsse ziehen, welchen Kurs das Schifflein der Menschheit nehmen wird. Irrtümer — sie lassen sich nicht völlig ausschließen, und selbst dieser Zeit Spengler, der den Untergang der abendländischen Kultur Voraussagen zu müssen glaubte, muh sich gefallen lassen, daß man heute bereits seinen Begründungen und seinen Folgerungen zweifelnd gegenübersteht. Denn mögen auch manche Zeiterscheinungen dafür sprechen, daß der europäische Kulturkreis gefährdet ist, so stehen dem doch auch viele andere Bewegungen und Kräfteäußerungen gegenüber, die darauf hindeuten, daß sich ein neues Werden regt. Kraftvoll stößt dieses Neue dem kommenden Tag entgegen. Es geht durch Irrungen und Nöte mannigfaltiger Art, wie stets die Geburt eines Neuen mit Schmerzen vor sich geht. Es greift über ganze Völker hinweg und verschont nicht den Kreis der Familie.
Vieles ist schon gefallen von dem, was veraltet, überlebt erschien. Und die vorwärtsdrängende Zeit wird noch manche andere Vorurteile beseitigen. Ein Gären ist in unseren Tagen, wie es kaum jemals vordem war, und der Schritt der Zeit scheint nicht mehr der gelassene Schritt zu sein, mit dem großes, weltgestaltendes Geschehen sich bewegt, sondern es scheint dahinzubrausen mit den Errungenschaften, die eine weit ausgreifende Technik verlieh. Aber es scheint nur so. Große Bewegungen innerhalb ausgedehnter Kulturkreise halten Schritt, sie lassen sich nicht beschleunigen und nicht hemmen. Völler können sich entgegenstemmen, und ihr Widerstreben dient doch nur dazu, den Gang der Ereignisse vollkommen zu machen.
Wenn man allerdings den Blick auf die Tagesereignisse gerichtet hält, dann mag es nicht so scheinen, als ob ein gesundes Neues heraufkom- men will; denn da findet man au viel dessen, was Rückschritt bedeuten könnte und Abstieg. Losgelöst jedoch von dem Kleinen und Kleinlichen ergeben sich Cntwicklungslinien von einer Gröhe, die keinem Geschlecht vor uns mitzuerleben be- schieden war. Da sind soziale Umwälzungen von ungeheurer Gröhe, die allerdings bezahlt werden müssen mit Nöten kaum geringeren Ausmaßes; da sind Wandlungen in den Lebensformen, die auch nur Ausdruck sind der inneren Wandlung; da sind künstlerische Neuordnungen, die innerhalb kurzer Frist eine ganze Reihe von „Richtungen" hinfällig gemacht haben. Und sie alle sind nur Zeichen der großen Umwälzung, die das ganze Kulturleben umfaht.
Unruhvoll, drängend und bedrängend ist unsere Zeit. Ob diese Eigenschaften uns gefallen oder nicht, hat nichts auf sich. Einzig darauf kommt es an, wie wir uns zu ihnen stellen. Und es ist
Das bißchen Erde.
Vornan von Richard Slowronnek.
Copyright by I. Engelhorns Nachf., Stuttgart.
3 tfortleRung Nachdruck verboten
Er entwand sich ihr sanft, aber seine Stimme klang rauh.
..Wird ichon alles werden, Mikchen" ...
Der Wagen rollte die Dammallee entlang, in den Erlen zu beiden Seiten flöteten die Amselp, die am frühesten aufstanden von der ganzen Vogelschar an jedem Morgen. Und deutlich klang ihr Sang: Tirilit ... schon wieder wird es Tag ... Tag ... Tag ... die Sonne kommt, die liebe Sonne, Sonne ... tirilit ... tirilit ...
Peter Nägelein zog die Decke fester um die Knie, ihn fror in der Morgenkühle. Und er begann halblaut zu sprechen, damit der alte Diener und der Kutscher auf dem Bocke ihn nicht Horen sollten.
„Lieber Herr Graf, das ist ja verrückt, was wir da tun! Ganz unsinnig! Sie haben Ihre Genugtuung weg, mögen die beiden andern sich selbst helfen, jetzt! Und ich kann mir's nicht anders denken: Sie wollen sich den beiden als Scheibe hinstellen I Um ein sogenanntes ehrenvolles Ende zu finden. Aber das ist doch Unsinn! Sie können doch noch was machen aus Ihrem Leben! ... Etwas Nützliches! Ueberlegen Eie sich's doch, wir werden schon was 'raus- kriegen" ...
Malte schüttelte den Kopf, steckte sich die ausgegangene Zigarre wieder an.
„Da ist nichts mehr zu überlegen, das hab' ich alles heute nacht besorgt — gründlich! Soll ich vielleicht Steine kloppen gehen an der Chaussee? ... Viel mehr habe ich nicht gelernt! Ob durch meine eigene Schuld oder die eines andern — das ist jetzt egal. Ich bin ein gang nutzloser Mensch, es ist kein Platz für mich da auf der Welt! ... Im übrigen aber sind Sie im Irrtum: ich selbst werde meinem Leben ein Ende machen, mit eigener Hand, wenn es an der Zeit ist, diese Ehre gönne ich keinem andern. Die beiden aber da, die auf mich warten, die schicke ich voran. Den einen, weil er ein nichtswürdiger Schädling ist, der mir vergiftet und besudelt hat, was mir eine Weile das Höchste und Heiligste auf der Welt war ... den andern, weil er einmal als Pharisäer sich über mich erhoben hat! Da beißt keine Maus einen Faden von ab, Schluß, aus! ... Und jetzt, bitte, keine unnützen Volksreden mehr! Ich brauche meine Ruhe wie ein Stückchen Brot — was jetzt kommt, ist kein Kinderspiel" ...
Der Wagen hielt zwischen hohen Buchen- stammen, die Herren von der Gegenpartei warteten schon. Es waren ihrer eine ganze Menge,
die große Ausgabe des gegenwärtig tätig wirkenden Geschlechtes: Die Zeichen der Zeit verstehen und den Erfordernissen gerecht zu werden trachten.
Gewiß wird es den Menschen der Gegenwart nicht leicht gemacht. Aber es ist schließlich keiner Generation das Leben leicht gewesen. Sie alle haben ihre Sorgen getragen und sich mit Nöten herumfchlagen müssen. Ganz besonders aber hart angesaht werden Menschen einer Zeit, die zu neuen Formen und neuen Inhalten strebt. Jede Zeit findet auch ihre Menschen, die entweder kraftvolle Former und Träger des Neuen sind, oder nicht die Kraft aufbringen, um dem Neuen, daö sich ans Licht drängen will, den Weg zu bereiten. Es ist nicht zu hoffen, daß die Menschheit der Gegenwart versagt, wenn es gilt, das Neue mit fetter Hand zu formen, so zu formen, daß es das Bessere sei. Findet die Zeit ein großes Geschlecht, dann ist sie auch groß. Daß wir Heutigen berufen sind, das Gepräge zu geben, kann das nicht auch mit Stolz erfüllen? r.
Radikal-Demokratische Partei.
In einer Versammlung der Radikal-Demokratischen Partei sprachen am Freitagabend in der Turnhalle am Oswaldsgarten Professor Quidde und der hessische Landtagsabgeordnete Reiber.
Prof. Quidde befaßte sich lediglich mit außenpolitischen Fragen. Seit dem 14. September, so führte er aus, habe das Wort „aktive Außenpolitik" den Charakter eines Schlagwortes erhalten. Die extremen Parteien in Deutschland verbänden mit diesem Worte immer nur die Vertretung deutscher Wünsche, ohne Berücksichtigung der Meinung jener Länder, mit denen man Außenpolitik machen wolle. Der erste Versuch einer aktiven Außenpolitik sei die Schaffung der Zollunion gewesen, mit der man Schiffbruch erlitten habe, da Frankreich in seiner Angst vor dem Zusammenschluß Deutschlands und Oesterreichs alle Mittel in Bewegung gesetzt habe, die Zollunion zu verhindern. Man hätte sich darüber vorher klar sein müssen, denn der Anschlußgedanke Deutschland-Oesterreich habe für die Franzosen die Wirkung eines roten Tuches. Das überraschende Auftauchen des Zollunionsplanes habe indirekt zu einer Vertrauenskrisis geführt, die in den wirtschaftlichen Erschütterungen der jüngsten Zeit ihren Ausdruck gefunden habe. Die nächsten Ziele einer aktiven Außenpolitik müßten die Ueberwindung der Wirtschaftskrise und das Problem der Weltabrüstung sein. Hierfür sei internationale Solidarität die erste Voraussetzung. Ohne Gemeinschaftsgeist fei die Krise nicht zu beheben und eine Abrüstung nicht durchzu- führen. Deshalb müsse die Forderung nach 23er- ftänbiguna aufrechterhalten bleiben. Die Atmosphäre dürfe nicht durch dauerndes Säbelrasscln gestört werden. Vielmehr sollten den Franzosen goldene Brücken für einen ehrenvollen Rückzug aus den Sackgassen der verfehlten Rüstungspolitik gebaut werden. Nachdem der Redner noch eingehend den Völkerbund und seine Bedeutung für den Weltfrieden erörtert hatte, betonte er zum Schluß, daß die In- tereffen der deutschen Außenpolitik nicht auf dem Boden der Kraft, sondern nur mehr auf dem des Rechtes verfochten werden könnten.
Landtagsabgeordneter Reiber gab eine Darstellung des Wesens und der Ziele der Radikal- Demokratischen Partei. Die Partei setze sich für den heutigen Staat ein, für das demokratische System. Das Wort „Radikal" habe in diesem Zusammenyang nicht den Sinn des Revolutionären, sondern mehr den des Konservativen, da die Partei Bestehendes erhalten und ausbauen wolle. Die Demokratie sei die einzig mögliche Staatsform des modernen Menschen. Die Diktatur als Regierunasform der Unmündigen sei eines Volkes der Dichter und Denker nicht würdig. Die Partei setze sich dafür ein, daß der Geist der Weimarer Verfassung in Gesetze umgewertet werde. Man wolle verhüten, daß demokratischen Prinzipien ins Gesicht geschlagen werde, wie
der Unparteiische, ein Herr vom Ehrenrate der Friedeberger Dragoner, die zwei Sekundanten, ein Arzt in Uniform, der sein schweres Besteck ausbreitete, und schließlich der Oberleutnant von Bredow und der Herr von Lewenitz. Die beiden blickten finster drein, trugen im Gesichte die deutlichen Male der erlittenen Unbill, die nur im Blute des Gegners zu tilgen waren ...
Malte stieg mit seinem Sekundanten aus, der alte Lentz folgte ihnen mit dem Pistolenkasten. Es kam eine stumme Begrüßung, eine korrekte Vorstellung aller Beteiligten und die Erledigung der notwendigen und üblichen Formalitäten.
Der Unparteiische, ein älterer Rittmeister von den Friedeberger Dragonern, schritt die Distanz ab, vier abgebrochene Zweige wurden in je fünf Schritten Entfernung auf den Boden gelegt. Die Waffen wurden ausgelost, danach die beiden Plätze, der Unparteiische versammelte die Duellanten zu einer kurzen Ansprache um sich.
„Meine Herren, es ist meine gesetzliche Pflicht, einen Versöhnungsverfuch anzustellen" ... Nach einer kleinen Pause, da keiner der drei Gegner eine Bewegung machte, fuhr er fort: „Die Versöhnung wird von allen Seiten abgelehntI ... Im Namen meines Kameraden von Bredow habe ich jedoch noch eine Erklärung abzugeben. Er bedauert es aufs lebhafteste, in einem vertraulichen Gespräch die Pflichten der üblichen Diskretion verletzt zu haben. Hingegen versichert er auf Ehre und Gewissen, daß er sich keiner prahlerischen Lüge schuldig gemacht hat. Seine Worte entsprachen der Wahrheit. Haben Sie von dieser Erklärung Kenntnis genommen, Herr Graf Römnitz?"
Malte nickte schweigend zum Zeichen, daß er verstanden hätte; ein paar Sekunden lang wurde es ihm dunkel vor den Augen, über fein Gesicht breitete sich eine aschfahle Blässe ... Der Unparteiische sprach weiter.
„Meine Herren, die Regeln sind Ihnen bekannt. Der Vorschrift gemäß annonciere ich jedoch, ich werde .fertig' sagen, danach langsam von eins bis fünf zählen, »halt' rufen. Nach fünf darf nicht mehr geschossen werden. Herr Oberleutnant von Bredow, als der erst Beleidigte, Herr Graf Römnitz — ich bitte, sich auf die ausgelosten Plätze zu begeben!"
Malte stützte sich schwer auf die Schulter seines Sekundanten, als er über die spärliche Grasnarbe der Lichtung schritt.
„Das letzte war infam, das schmeißt alles um, was ich mir vorgenommen hatte ... Also leben Sie wohl, Peterchen ... auf meinem Schreibtische liegen die Briefe. Den einen, an Frau Steinfeld, bitte ich zu vernichten. Es steht einiges darin, was ich ... ja was ich v o r dieser Erklärung da eben geschrieben hatte ... Alles ist mir da drinnen beschmiert und besudelt ... na egal, erledigt! Und jetzt heulen Sie nicht ... Da drüben, zehn Schritte neben meinem Gegner ist Ihr vorgeschriebener Platz ..."
es zur Zeit allenthalben geschehe. Die Radikal-Demokratische Partei mache für Großkapitalismus und Großagrarier keinen Finger krumm, sondern stehe auf der Seite der Arbeiter. Die Partei fordere die Verwirklichung des Siedlungsgedankens, sie wolle Erstarkung des Bauerntums, sei für gesunde Kredit- Politik der Banken, für Aufsicht über Trusts und Syndikate, für eine wahre Volksgemeinschaft. Die Partei stehe links, aber nicht sozialistisch links.
Die beiden Redner fanden den Beifall der Versammlung.
Bornotizen.
— Lageskalender für Montag. Christliche Versammlung Gießen, 20.15 Uhr, Evangelisations-Versammlung „Wer war Christus?", Lindenplah 1. — Handgewebeausstelluna von Schloß Westerburg des DD3., Cafe Ebel, 10 bis 13, 15 bis 20 Uhr. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „3m Westen nichts Neues".
— Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Das Stadttheater Gießen eröffnet am Freitag, 2. Oktober, feine diesjährige Winterspielzeit mit der Erstaufführung des Schauspiels „Elisabeth von England" von Ferdinand Bruckner unter der Spielleitung von Intendant Dr. P r o s ch. Mit diesem Schauspiel kommt Bruckner erstmalig in Gießen zur Aufführung. Maria Koch spielt die Rolle der Elisabeth; Karl Heyser den König Philipp. Beginn 19.30 Uhr, Ende 22.30 Uhr. Ab heute beginnt der Vorverkauf. Gewöhnliche Preise.
•• Die Gießener Oktobertage haben mit der gestrigen Eröffnung der Herbst- S ch a u m e s s e auf Oswaldsgarten ihren Anfang genommen. Eine stattliche Anzahl interessanter Messebetriebe bietet den Besuchern Gelegenheit zu mancherlei Vergnügungen, bei denen man auch allerlei Neues auf diesem Gebiete kennenlernen kann. Daneben ist auf* dem Messeplatz eine ganze Reihe der üblichen Messebetriebe wieder erschienen, für die bei den Besuchern wohl gleichfalls 3ntereffe vorhanden fein wird. Als nächste Veranstaltung der Gießener Oktobertage wird am Mittwoch der Gießener Herb st Pferdemarkt folgen, durch den man wohl einen starken Zustrom nach unserer Stadt zu erwarten haben wird. Am Donnerstag folgt dann die Pferdemarkt-Lotterie, deren Gewinnchancen jetzt gegenüber den früheren Lotterien wesentlich verbessert worden sind. Die Zahl der Gewinne ist erhöht worden, daneben hat man noch zugunsten der Losverkäufer ein Gutscheinfystem eingeführt, durch das den Wünschen der Gewinner bei der Selbstbestimmung der Gewinnart freier Spielraum gegeben wird. Vom 30. September bis 6. Oktober findet weiter die Werbewoche der Gießener Geschäftswelt mit Schaufensterwettbewerb statt, in der Zeit vom 3. bis 6. Oktober wird schließlich. die große Ob st-, Gartenbau - und 3agdausstel- lun g in den Räumen der Liebigshöhe das lebhafteste 3ntereffe weiter Bevölkerungsschichten in Stadt und Land auf sich lenken. 3n Turnerund Sportlerkreisen sieht man dem Kunstturn- Wettkampf am nächsten Sonntagnachmittag in der Volkshalle mit lebhafter Spannung entgegen.
** Die Bedeutung des Welttierschutztages. Anläßlich des Welttierschutztages am 4. Oktober wird im Auftrage des Hessischen Tierschutzvereins Universitätsprofessor Dr. K r a e m e r (Gießen) im Rundfunk des Frankfurter Senders um 13 Uhr einen Vortrag über die Bedeutung des Welttier- fchutztages halten.
** Verbrannte Poftpa kete. Die Obervoft- direktion Frankfurt a. M. teilt mit: In der Nacht vom 8. auf den 9. September ist der Postwagen Frankfurt a. M.—Leipzig des Zuges 869, ab Frankfurt a. M. 23.45 Uhr, in Flieden in Brand geraten, wobei der größte Teil der Ladung vernichtet worden ist. Wie jetzt bekannt geworden ist, haben sich
Der kleine Maler verschluckte 'mannhaft feine Tränen, einer der Herren muhte ihn hinführen, er fand sich allein nicht zurecht 3hm war, als mühte er schreien: „Das ist ja verrückt, was ihr hier treibt, das ist das leichtfertige Frauenzimmer ja gar nicht wert" ... aber kein Laut drang aus feiner Kehle, wie gelähmt stand er in Erwartung des nahenden Unheils ...
Es kam eine kurze Pause des Schweigens, der Morgenwind hatte sich plötzlich aufgemacht, strich durch die Duchenwipsel, wie Rauschen von schweren Schwingen hörte es sich an ...
Der Unparteiische stellte die üblichen Fragen.
„Sind die Herren Duellanten auf ihren Posten?" ... Als die Antworten zurückgekommen waren, sagte er .fertig' und fing an langsam zu zählen ...
Malte stand regungslos mit schlaff herab- hängendern Arm. Der Oberleutnant von Bredow hob rasch und exakt die Pistole — den Bruchteil einer Sekunde stutzte er, als der andere nicht die geringsten Anstalten zur Gegenwehr traf ... Dann ein kurzes, scharfes Zielen, ein reihender Knall, etp leichtes Wölkchen vor der Mündung der Waffe ... der junge Graf Römnitz sank in die Knie, schlug dumpf wie ein gefällter Baumstamm zu Boden — durch die leichten Duchen- zweige kam über die Höhe der erste Sonnenstrahl ...
Peter Nägelein schrie laut auf, die Tränen schossen ihm in die Augen, er stolperte, raffte sich auf und rannte hin ... Der am Boden Liegende versuchte, sich auf den Arm zu stützen ... sah um sich, deutlich kam das Wort „Ehre" aus seinem Munde, ein Röcheln folgte danach, blutiger Schaum trat auf feine Lippen. Kraftlos fahf er zurück, lag regungslos. Nur die Brust hob und senkte sich ...
Die Herren ringsum standen schweigend, die Augen lagen tief in den bleich gewordenen Gesichtern. Dem Oberleutnant von Bredow klappten die Zähne aufeinander, er stammelte: „Herrgott, himmlischer Vater ... aber er hat mir doch ins Gesicht geschlagen" ...
Der Regimentsarzt hatte sich neben dem Gefallenen hingekniet. Nach kurzer Untersuchung stand er auf, trocknete sich die blutige Hand am Tascheniuche. Er zuckte mit den Achseln und sagte halblaut zu dem Unparteiischen: „Schwerer Lungenschuh, Herr Rittmeister ... ich glaube, wir quälen ihn bloß unnütz ... Höchstens eine Viertelstunde, glaube ich, kann es noch dauern... Wenn wir nur etwas hätten, ihm den Kopf zu stützen" ...
Der alte Lentz hatte sich zu Boden gesetzt, das Haupt seines Herrn in den Schoß genommen. Während er ihm die roten Schaumblasen von den Lippen wischte, rannen ihm die klaren Tränen in den sturen weihen Schnurrbart ... Die andern standen ringsum, warteten schweigend auf daS Ende
bei dieser Ladung auch viele Pakete von Frankfurt und Umgegend nach Thüringen, Sachsen und Schle- fien befunden. Für die verbrannten oder beschädigten Pakete wird in gewöhnlicher Weise Ersatz geleistet werden; die Ersatzansprüche sind bei der Aufgabeoostanstalt anzumelden.
•’ Handgewebe-Ausstellung. 3m Cafe Ebel wird zur Zeit eine Ausstellung von Webarbeiten gezeigt, die auf Schloß Westerburg in der Handweberei des Bundes Deutscher 3ugenbt>ereine hergestellt wurden. Die Webereien wurden von Kunstgewerblern und Fachwebern entworfen und auf dem Handwebstuhl gefertigt. Die Ausstellung ist auherordentlich reichhaltig. Tischdecken in großer Anzahl, in schönen und harmonisch zueinandergefügten Farben, in sauberer Webart findet man vor; Bänder und Kissen, in der Hauptsache aber auch Kleider, die mit großer Sorgfalt geschaffen wurden, erregen die Aufmerksamkeit der Besucher. Die Hand- toeberei läht dabei die Möglichkeit offen, nach den Wünschen der Besteller Kleider in bestimmten Farbenzusammenstellungen anzufertigen, fo daß in dieser Hinsicht jedem persönlichen Geschmack entsprochen werden kann. Aus allen Arbeiten spricht das Bestreben, den serienmäßigen Arbeiten der 3ndustrie die handwerkliche Schöpfung gegenüberzustellen und auf diese Weise die Freude an neuzeitlicher handwerklicher Arbeit zu wecken. Die Ausstellung, die sich bisher eines guten Besuches erfreute, ist noch bis Mittwochabend geöffnet.
Oderheffen.
Gemeinderai in Grünberg.
+ ® r ü n b e r g, 26. Sept. Als erster Punkt stand in der gestrigen Gemeinderatssitzung die Einführung und Verpflichtung des neuen Beigeordneten Böß auf der Tagesordnung. Der Bürgermeister erinnert daran, daß nach einer vorausgegangenen ersten Wahl zur zweiten Wahl nur der e i ne Wahlvorschlag auf Herrn Böß eingereicht worden sei. Es sei dies ein erfreuliches Bild, zugleich aber auch ein Zeichen der Anerkennung für die fast 13jährige Tätigkeit des Genannten als Mitglied des Gemeinderats. Nach der Verpflichtung des Herrn Böß als Beigeordneter fand anschließend die Einführung und Verpflichtung des als Nachfolger von Boß auf der Landbundlifte in den Gemeinderat ein- tretenden Landwirts Leonhard Großhaus statt.
Für die Ausgestaltung des Platzes um bas Kriegerehrenmal, die vom Krieger- und Verkehrsverein geschieht, welche die Mittel dazu durch eine Sammlung (560 Mark) sich beschafft haben, soll die Stadt die Lieferung von Pflastersteinen zum Preise von 135 Mark übernehmen. Der Gemeinderat stimmte zu.
Schon in der vorigen Sitzung kam die Erneuerung der Kirchenheizung zur Aus- prache. Die Kirchengemeinde will hierzu der Stadt )as nötige Kapital von 4400 Mark zinslos vor- chießen. Die mit der Landeskirchenbehörde geführten Verhandlungen wegen der Rückzahlung sehen folgen- . des vor: 5 Jahre lang jährlich 100 Mark, alsdann jährlich 500 Mark Rückzahlung. Da dieses Angebot als günstig angesehen wurde, stimmte der Gemeinderat zu.
Landkreis Gießen.
U Großen-Linden, 26.Sept. Der Bergmann i. R. Adolf Weinandt feierte am Donnerstag seinen 78., seine Ehefrau Luise am Freitag ihren 79. Geburtstag. Beide Eh?gatten erfreuen sich noch hoher geistiger und körperlicher Rüstigkeit.
-/- L ich , 26. Sept. Arn Donnerstag wurde unter großer Beteiligung der langjährige Leiter unseres Bahnhofs, Ob^rbahnhofsvorsteher i. R. 3-channes Wahl, im Alter von 68 3ahren zu Grabe gebracht. Der Verstorbene war 47 3ahre im Dienste der Eifenbahnverwaltung tätig, davon über 25
Und plötzlich lachte der kleine Maler mitten im Weinen zornig auf.
„Sie .glauben', Herr Doktor, Sie .glauben'! 3ch aber habe es gesehen, wie einer nach solchem Schuh in drei Wochen wieder auf den Beinen war, drüben in Afrika. Die andern Nigger hatten ihm nur ein paar Graspfropfen in die Schuhlöcher gesteckt. Und der da ist mehr wert als ein armseliger Nigger, mehr wert als wir alle zusammen hier ... Er selbst war vom Fieber ausgemergelt bis auf die Knochen, und doch hat er mich im Sonnenbrand toeiterge- schleppt, und da soll ich ihn hier" ... Die Stimme schlug ihm über, er konnte nicht weitersprechen.
Der Regimentsarzt hob die Schultern.
„Ob's so zu Ende geht, oder so ... Aber wenn wir ihn im Wagen transportieren sollten ... bei den schlechten Wegen und den unausbleiblichen Erschütterungen" ...
Der lange Herr von Lewenitz trat vor, rauh kamen die Worte aus seiner Kehle.
„Wenn's weiter nichts ist ... ein paar junge Buchenstangen sind bald geschlagen ... Wir legen die Wagenkissen darüber ... und, ja, es ist nicht nur darum, weil ich auch noch eine Rechnung mit ihm habe" ...
Die Trage war gerichtet, der Todwunde aufgeladen. Peter Nägelein wollte bei dem Transporte helfen, aber er langte nicht hoch genug hinauf. Der alte Lenh und die drei mecklenburgischen Herren, die die Stangen mit der schweren Last auf ihre Schultern gehoben hatten,' waren zu lang. Da ging er hinterher und machte sich auf andere Weise nützlich. Betete im stillen zu dem, an den er glaubte: „Herrgott, himmlischer Vater, hilf ... hilf, wie du mir damals geholfen hast ... Glaub mir doch, er ist zu schade, dah er so Hundsföttisch zugrunde geht ... Rechne ihm nicht an, daß er von dir nichts wissen wollte, er wird dich schon finden ..." Die Tränen liefen ihm aus den Augen in den Mund, er schluckte sie unter und betete weiter, gleich als könnte das Leben da vor ihm nicht aus seiner reglosen Hülle weichen, solange er betete ...
Der traurige Zug kam durch das Dorf, Männer. Frauen und Kinder schlossen sich schweigend an, folgten ihm über die Dammallee, die vom festen Lande zum Schlosse führte ... 3m Vorgarten. über dem die Helle Morgensonne schien, standen sie dichtgedrängt und stumm wartend, bis der alte Lentz auf Die Freitreppe trat.
„3u könnt wedder to Hus gähn, uns' Herr Graf le tot noch. De Doktor säd, hei künn nijt feggen, hei ftünn in Gottes Hand ... Also. Lüd, denn matt bat Gesangbook up, da steiht 'n goodet Gebet in: ^Für die gnädige Herrschaft, wenn sie in Not oder Gefahr befindlich ist!' ... Dat bed ju so recht bünnentlich und hartlich! ... Wenn een ätoerft nich lesen kann, da geiht denn dat ook woU mit 'n Vaterunser" ...
(Fortsetzung folgt)


