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Nr. 226 Zweit« Statt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

Montag, 28. September (951

Oie Hauszinssteuer.

Der Streit um die Hauszinssteuer ist ebenso alt, wie diese Steuer selbst. Als die dritte eteuernoy>er. orbnung im Februar 1924 die Hauszinssteuer unter dem Namen ..Geldentwertungsausgleich bet bebauten Grundstücken- einführte, schrieb man ihr allgemein nur ein verhältnismäßig kurzes Dasein, zu. 6te wurde alsFremdkörperimdeutschenSteuer- f n ft e m empfunden und ist es bis heute geblieben. Wenn sie sich trotzdem solange behauptet hat, so liegt das an dem natürlichen Beharrungsvermögen jeder einmal eingeführten Steuer, zum anderen daran, daß ihre Ertrage zum großen Teil in enge Zweckoerbindung mit bestimmten sozial- und wirt- schastspolilischen Bestrebungen (Förderung der Neu­bautätigkeit) gebracht wurden, und schließlich ander Hohe ihres Aufkommens, das ihr einen hervorragenden Platz in der Größenordnung der deutichen Steuerarten einbrachte und sie in den Haushaltsplänen der ossentlichen Körperschaften bei deren ständig steigendenl Finanzdedars alsbald unent behrlich erscheinen ließ. Um welche Summen es sich habet handelt, sieht man am besten daran, daß die Hauszinssteuer bei einem veranlagten Betrage von etwa 2 Milliarden Reichsmark bisher jährlich rund 1600 Millionen Reichsmark erbracht hat.

Bon der ursprünglichen rechtlichen und moralischen Begründung der Hauszinssteuer ist dabei nur noch wenig die Rede. Wenn man sie überhaupt moralisch begründen wollte, so war die einseitige Erfasiung des Geldentwertungs gewinnes bei bebauten Grundstücken, dem doch die entsprechenden Der- l u st e auf feiten der Hypothekengläubiger gegenüber, standen, ohnehin anfechtbar. Heute kann davon auch ernsthaft keine Rede mehr fein, nicht nur weil der Gewinn aus Inflation und Aufwertungsgefetzgebung heute mehr oder weniger langst ausgeglichen oder weggesteuert sein dürste, sondern auch, weil die wirt­schaftliche Lage des Hausbesitzes durch Wertvermmde. rungen ufro. sich inzwischen entscheidend g e ä n d e r t hat. Hierin liegt auch der Hauptgrund dafür, daß eine Aenderung der Hauszins st euer dringend notwendig ist.

Vorschläge hierfür sind der Reichsregierung und der Oessemlichkeit in stattlicher Anzahl oorgelcgt worden. Sie flammen aus den Lagern aller Kreise, die in der Gesetzgebung und Verwaltung ober m der Wirtschaft als Grundstücksbesitzer ober als Mieter, als Steuerberechtigte ober als Steuerzahler an Dem Schicksal her Hauszinssteuer ein Interesse haben. Am bekanntesten ist wohl her Vorschlag geworben, ben her Zentraloerband Deutscher Haus- und Grundbesitzervereine kürzlich auf seiner Tagung in Würzburg der Öffentlichkeit unter, breitet hat (sog. Humor-Vorschlag), und der auch im Vordergründe der Erörterungen bei der Reichsregie. rung zu stehen scheint. Er läuft im wesentlichen auf folgendes hinaus-

Die Hau-zinSsteuer wird am 1. Uanuat 1932 aufgehoben. An ihre Stelle tritt eine Rentenzahlung (EtaatSrente). Die Rente beträgt 5 Prozent vom dreifachen Betrage der bisher veranlagten HauSzinSsteuer. Bei etwa zwei Milliarden Mark veranlagter Steuer find vaS 5 Prozent von sechs Milliarden Mark gleich 300 Millionen Mark jährliche Rente. Aus Wunsch deS Schuldners kann die Rente über 5 Prozent hinaus erhöht werden: der Mehrertrag dient dann zur Tilgung. Die Rente soll, zum Unterschied von der Steuer, ablösbar sein, ünb Zwar ent* weder individuell oder gar generell 3n ersterem Falle kann sie abgelöst werben durch einmalige Zahlung des zehnfachen Grundbetrages unter Berücksichtigung etwaiger Tilgungen. Kann eine solche Ablösung nicht aus eigenen Mitteln deS Grundeigentümer« oder auS neu aufgenommenen Hypothekendarlehen erfolgen, so sollen die Real* Irebitinftitutc die generelle Ablösung übernehmen, indem die Rente als Deckung neuer Schuldver­schreibungen verwandt wird. Das Reich soll den Hypothekenbanken die Rente überlassen und da* für von diesen 7proz. Goldpsandbriese in Höhe deS einmaligen Ablösungsbetrages, also drei Mil* liarben Mark erhalten, die es wohl in der üb­lichen Weise verwerten soll. Die Rente wird vom Hausbesitzer getragen und darf nicht auf

die Mieter umgelegt werden. Verlangt wird dagegen, daß die WohnungSzwangS- wirisch ast aufgehoben wird und weder neue Steuerbelastungen deS Hausbesitzer noch der Mieter (Wohnraumsteuer) erfolgen.

Die ersten beiden Gesichtspunkte ergeben sich auS der Zweckbestimmung der Hauszinssteuer, deren Ertrag bislang rund zur Hälfte für den öf­fentlichen Finanzbedarf, zur anderen Hälfte zur Förderung deS Wohnungs­baues mit ßffenHieben Mitteln Ver­wendung fand. Bon dem Wohnungsbauanteil wurde auf Grund der Rotverordnung vom 1. De­zember 1930 die 'Hälfte abgezweigt zum Zwecke der E e n k u n g der Realftcuem. Für den Woh­nungsbau verblieben danach für 1913 noch 400 Millionen Mark. Für den Finanzbedarf sind wei­terhin 800 Millionen Mark geblieben; im nächsten Jahr wird aber infolge deS zu erwartenden Rück­ganges der Hauszinssteuer (Ausgleich für die Er­höhung der Aufwertunaszinsen) auch hier eine Minderung eintreten. 3n den Haushaltsplänen der Länder und Gemeinden ist also mit neuen Fehlbeträgen zu rechnen. Immerhin wird zur Bcr- toenäung für den öffentlichen Bedarf noch mit einem Betrage tfbn rund 700 Millionen Mark zu rechnen fein.

Es handelt sich also um Beträge, die in unserer össentlichen Finanzwirtschaft heute nicht ein­fach gestrichen werden können. Der Humar- Borschlag macht sich auch anheischig, in der End­wirkung zum mindesten den gleichen Ruhen her­beizuführen, und zwar mit 300 Millionen Mark durch die Rente, zum restlichen Teil durch die erheblichen Ertragssteigerungen, we.che die 03.fei* tigung der Hauszinssteuer bei anderen Steuern zur Folge haben soll. Daß solche Ertragssteigerungen zu erwarten sind, ist gewiß. Aber man muh sich doch sehr hüten vor überschwänglichen Hoffnun­gen. Die Erwartungen, die durch verschiedene in der Öffentlichkeit zirkulierende statistische Dench- nungen über einen vollenAusgleich des ent­stehenden Hauszinssteueraus ails geweckt werden, sind leider zu schön, um wahr zu sein. 3n Wirk­lichkeit ist nicht daran zu zweifeln, dah bei un­veränderter Durchführung des Humar-Vorschla* ges zunächst einmal ein erheblicher Fehl­betrag entstehen würde, und unter Berücksichti­gung der gesamten finanziellen Lage der öffent­lichen Körperschaften muh leider auch damit ge­rechnet werden, dah zu seiner Deckung andere Steuerarten stärker angespannt oder neue Steuern eingeführt werden. Die Rotverordnung vom 1. De­zember 1930 schasst auch schon die Möglichkeit zur Einführung einer solchen Steuer, und zwar Der Wohnraum st euer. Auch von einer Er­höhung der Umsatzsteuer, der Krisensteuer und der Bürgersteuer ist die Rede. Gegenüber solchen Mög­lichkeiten muh die Allgemeinheit sich von vorn­herein mit aller Deutlichkeit zur Wehr setzen.

Ein Umbau der Hauszinssteuer, der zwar eine nominelle ßaftenfentung bringt, gleichzeitig aber andere Steuererhebungen nach sich zieht, ist finanz­politisch nichts nütze. Er ist darüber hinaus gefähr- lich, da eine solche Steuerumlagerung nach Lage der Dinge aller Voraussicht nach die ohnehin zu ungun- ften der Mittelschichten bestehende Ungerechtigkeit in der Verkeilung der deutschen Gesamtsteuerlast nur noch verschärfen würde. Gerade aus dem letz- teren Grunde muß insbesondere der Ersatz der Haus zinssteuer durch eine Wohnraumsteuer nachdrücklich abgelehnt werden.

Bei alledem wird ferner davon ausgegangen, daß die Lastenermäßigung aus der Neuordnung der Hauszinssteuer dem Hausbesitz belassen wird. Das ist aber noch keineswegs sicher. Einmal erheben d i e früheren Hypothekengläubiger immer wieder den Anspruch auf Wiedereinsetzung in ihre vollen Rechte, wozu sie den Zeitpunkt jetzt als ge- kommen erachten. Zum andern verlangen d i e Mieter, dah der Abbau her Hauszinssteuer ihnen in Form von Mietermäßigungen zugute komme, und gleiches erstreben die Streife, die damit neueLohn. und Gehaltssenkungen verknüpfen möchten. Folgt man diesen Bestrebungen, so gefährdet man aber das Ziel einer Verbesserung her Rentabilität des Hausbesitzes und die von dieser Grundlage aus erhoffte Belebung her Wirtschaft, namentlich der

Bau- und Daunebengewerbe. Auch an übermäßig gedrückten Löhnen har das Handwerk ebensowenig Cmtereffe wie an überhöhten. Eine Fülle von schwie­rigen Problemen' Fast noch schwieriger liegen die Dinge bei dem Teile der Hauszinssteuermittel, der zur Finanzierung des Wohnungs. b a u e 5 bient. Gebaut sind mit Hilfe dieser Mittel bislang etwa zwei Millionen Wohnungen Bei aller Anerkennung behen, was damit auf Teilgebieten zur Behebung der Wohnungsnot und zur Beschäftigung der Wirtschaft erreicht wurde kann man sich heute der Erkennmis nicht verschließen, dah die staatliche Wohnungsbaupolitik der Nachkriegszeit schwere Nach, teile mit sich gebracht hat.

In kreditpolitischer Hinsicht würde die Neuordnung der Hauszinssteuer nach den Humarschen Dor- schlügen zweifellos eine erhebliche Weristeigerung des Althausbesitzes und somit eine wesentliche Besse­

rung einer der wichtigsten firebitgueHen für die mittelsiandische Wirlschast mit sich bringen. Entscheid dend ist aber die Frage der finanziellen Durchführbarkeit, und hier sind die Aus­sichten leider recht problematisch. Grundsätzlich ist von jeder Neuordnung der Hauszinssteuer zu verlangen, dah sie entscheidend dazu beiträgt, den Haus- besitz wieder rentabel zu gestalten, und daß sie dem Hausbesitzer die sichere Möglichkeit gibt, durch Sparsamkeit von der Belastung seines Grundstückes endgültig herunterzukommen. Bei der praktischen Durchführung wird man aber notwendigerweise den oben geschilderten finanzwirtschaft!- und kreditpoli- tischen Möglichkeiten und Bedingtheiten Rechnung tragen müßen. Das gilt für die Stellungnahme der beteiligten Streife und im verstärkten Maße für die Reichsregierung, in deren Händen die Entscheidung darüber liegt.

Baugenossenschaft 1894 Gießen.

Die diesjährige Hauptversammlung der Baugenossenschaft 1 8 9 4 sand am Sams­tagabend im GcwcrkschaftShauS statt. Der Dor- fihende des Aufsichtsrats. Direktor O. Bergen, führte u. a. aus, dah sich die Hoffnungen auf eine Besserung der Verhältnisse im Gfchästsjahr 1930 leider nicht erfüllt haben. Man muhte sich dar­auf beschränken, die Fertigstellung der 1929 be­gonnenen Bauten in her Liebigstrahe, am Aulweg iWohnhos) unb am Günthcrsgraben durchzuführen. Auch für die nächste Zeit seien die Aussichten auf Wiedereröffnung der Bautätigkeit sehr gering.

Der Geschäftsbericht für das Jahr 1930

wurde von dem Borfihenden des Vorstandes, H. Fourier, erstattet. Es waren bereits neue Pläne auggearbeitet, die aber durch die Ungunst der Verhältnisse nicht zur Ausführung gelangen konnten. Der hohe Zinssuh von 8 und 9 v. H. habe es unmöglich gemacht, neue Wohnungen zu erstellen, denn hierdurch wären die Mietsätze zu hoch und für viele Mitglieder unerschwinglich ge­worden. Man hoffe, im 3 ah re 1932 wieder neue Bauten zu erstellen, denn die vorhandenen Bau­plätze mühten ihrer Bestimmung zugeführt wer­den. Dazu sei dringend erforderlich, die zum Teil noch offenen Geschäftsanteile aufzufüllen, denn mit diesen Geldern liehen sich wohl einige Reubauten errichten. Die Kosten für Reparaturen wurden im Berichtsjahre aus Sparsamkeitsgründen aus das Rotwendigste beschränkt.

Den Kassenbericht

gab der Rechner H. Wölser. Danach beträgt die Aktiva: An Kapitalienkonto 638,20, 3m- mobilienkonto 2 286 394,26, Hypothekenkonto 3840, 3nventarkonto 10, Kassakonto 1398,70 Mk.; Pas­siva: Per Geschästsanteilkonto 99 460, Anleihen- konto 1 967 744,37, Spareinlagenkonto 19 872,27, Reservefondskonto 8169,83, Spezialreservefonds­konto 80 285,50, Aufwertungskonto 32 719,67, Strahenbeitragskonto 25 439,96, Dürgersteigbei- tragskonto 6400, Häuserunterhaltungskonto 27 632,05, sonstige Schulden 9366,80, Gewinnsaldo 14 890,71 Mk. Aktiva und Passiva stehen sich mit 2 292 281,16 Mk. gegenüber. Die Gewinn- und Berlustrechnung ergab: Soll Zinsen für aufgenommene Kapitalien 80 259,77, Zinsen für Spareinlagen 932, Steuern und Abgaben 34 353,26, Berwaltungskosten 3460, sonstige Aus­gaben 2997,58, Unterhaltungskosten für Wohn­häuser 26 449,80, Zuweisung zum Konto .Sonstige Schulden" 9816, Abschreibung auf die nach 1923 erbauten Häuser 11 962, Abschreibung auf 3n- ventarkonto 650, Gewinnsaldo 14 890,71, zusammen 185 772,11 Mk.; Haben: Zinsen von Restkauf- fchillingen 900, Zinsen von ausgeliehenen Kapi­talien 4263,35, Miete von Wohnungen 173 127,33, sonstige Einnahmen 7481,43, zusammen 185 772,11 Mark. Der Mitglieder st and betrug Ende 1929 : 805, Zugang in 1930: 44, Abgang 45, Mit­gliederstand Ende 1930: 804; Mitgliederguthaben Ende 1929: 83 988,12 Mk., Ende 1930 : 99 460Mk.; Haftsumme der Mitglieder Ende 1929: 191 200

Mark, 1930: 191 000 Mk. Die einzelnen Posten wurden vom Rechner eingehend erläutert.

Vie Aussprache

3n der Aussprache führte StadtratSmit- alicd A Mann u. a. aus, daß die Baugenos­senschaften schlimmen Zeiten entgegengehen. Die Deflation ziehe auch die Baugenoffenschasten mit in ihre Kreise. Durch die Senkung der Baukosten, Baustoffe usw. würden sich die Bauten der Ge- nossenschast heute um etwa 300 000 Mark bil­liger erstellen lassen. Die Verhältnisse in der Wohnungswirtschaft würden von Jahr zu Jahr schwieriger, auch die Zinssätze für Daudarlehn würden voraussichtlich höher. Die Frage der Mietsenkung dürfte erst in späterer Zeit aktuell werden. Der zur Zeit hohe Zinsfuß erlaube das Bauen nicht.

Stadtratsmitglied Th. S ch w i c b c r äußerte sich in ähnlichem Sinne. Die Stadt Gießen habe eine große Summe der Gebäudesondersteuer noch nicht bekommen, daher sei von ihr kein billiges Geld zu erhossen.

Don mehreren Rednern wurde die Errichtung eines Kinderspielplatzes in dem Wohnhos am Aul- weg befürwortet und die Aufwertungssrage hinsicht­lich der Geschäftsanteile besprochen. Auch die Frage der Mietpreisfenkung wurde dem Vorstand zur Prüfung empfohlen. Dem Vorstand und Aufsichts- rat wurde aber auch von allen Seiten volle An­erkennung und Dank für die geleistete Arbeit gezollt. Der Vorstand wird den geäußerten Wünschen in entsprechender Weise nähertreten.

Die Herren Direktor D. Bergen unb Schnei­der haben die Rechnung geprüft, Belege und- cher in bester Ordnung befunden. Die von ihnen be­antragte Entlastung des Vorstandes und Aufsichts­rats wurde einstimmig erteilt.

Die Beschlußfassung.

Der vom Vorstand vorgeschlagenen Verteilung des Reingewinns von 14 890,71 Mark wurde zugestimmt.

Die durch Notverordnung erlassenen gesetzlichen Bestimmungen über die Gemeinnützigkeit der Bau­genossenschaften sehen u. a. auch die Festsetzung des Geschäftsanteils und der Haftsumme auf je 300 Mk. vor. Die hierdurch erforderlich werdende Satzungs- änberung würbe gutgeheißen; sie soll einer in Kürze ftattfinbenben zweiten Versammlung zur erneuten Beschlußfassung unterbreitet werben.

Die Wahlen zum Vorstanb unb Aufsichtsrat ergaben bie Wieberwahl der ausscheibenben Mit- glieber: H. Fourier, Hamann unb E. Miil» I e r (Vorstand) und Ä u h l, Joses Maier und Th. S ch w i e d e r (Aufsichtsrat).

Taten für Montag, 28. Leptember.

1803: der Maler Ludwig Richter in Dresden ge­boren; 1864: der Maler Arthur Kampf in Aachen geboren.

Taten für Dienstag, 29 September.

1758: der englische Admiral Nelson in Burnham- Thorpe geboren; 1815: der Maler Andreas Achenbach in Kassel geboren; 1913: Ingenieur Rudolf Diesel gestorben.

Theater-Werbeiag.

Vortrag, Prolog und Einakter.

.... Wir brauchen eine neucr'iche Er­weckung der alten deutschen Liebe zum Theater ..." Stefan Zweig.

3n wenigen Tagen beginnt die neue Spielzeit unseres Theaters. Es wird die schwerste und kri­tischste sein, die wir seit seinem Bestehen gehabt haben. Es wird um Leben und Sterben gehen. Und unsre Bühne wird ganz auf sich selber gestellt sein. Die Rot ist groß; darüber braucht kein Wort mehr gesagt zu werden. Aber der Mensch lebt nicht vom Brot allein, und ein Volk kann nicht nur an Hunger und Arbeitslosigkeit zugrunde- gehen sondern auch an geistiger Verödung unb seelischem Riederbruch. Wir brauchen Äunft, und wir brauchen das Theater als deren lebendigstes unb breitestes Forum in Rotzeitcn mehr denn je. Dieser Erkenntnis zu dienen und aus ihr jeden einzelnen entschlossen, tatkräftig und opferbereit die Folgerungen ziehen zu lassen: war der Sinn der Veranstaltungen des gestr gen Thcater-Werb> tages.

Die RachmittagS-Dorstellung wurde eingeleitet durch einen Vortrag des Chefredakteurs Dr. Oskar Goetz vom .Deutschen Thcatcrdicnst" in Berlin über »DasTheater in dieserZeit". An- knüpsend an die gehaltvolle Rede des hessischen Staatspräsidenten Tr. Adelung beim Jubiläum der Dühnengenossenschast in Frankfurt schilderte der Vortragende die Grundlagen der sattsam be­kannten Theaterkrise in gegenwärtiger Wirt- schastsnotzeit. Er erläuterte die Prinzipien dos Pachttheaters und die Probleme der Etats­gestaltung' er sprach von der keinen Vergleich dul­denden Eigenart des deutschen Theaters, der immer deutlicher erkennbar werdenden neuen Klassiker-Blüte und vom Theater als populärster Bildungsstätte trotz Rundfunk und Film. In weitausholenden Darlegungen sprach Dr. Goetz ferner vom idealen Theaterbesucher, von den psy­chologischen Voraussetzungen der Schauspielkunst und der Theaterwirkung. Auch in Gießen, wie überall in ganz Deutschland, braucht das Theater Besucher und Abonnenten. Versagt diesmal das Publikum, so droht uns die Schließung der Bühne, noch ehe das Iubiläumsjahr erreicht ist. Zu­letzt wurde eindringlich hingewiesen auf die

ehrenvolle Sonderstellung der Gießener Bühne in Deutschland, und aus den Opfersinn des einheimi­schen Bürgertums, das in glücklicheren Zeiten unser Theater geschaffen hat.

Anschließend rezitierte Beatrice Doering einen formschönen Prolog von Alfred Bock: Bekenntnis zur hohen Kunst auch in den trüben unb schweren Zeiten der umwölkten Gegenwart; Gelöbnis der Treue zum Theater unb Ausruf zur tätigen Mitarbeit an seiner Erhaltung und seinem Fortbestand.

Den Ausklang der Veranstaltung bildete die Ausführung des einaktigen Rokoko-SpielsD e r verwandelte Komödiant" von Stefan Zweig, was zugleich als eine Huldigung zum 50. Geburtstage des Dichters gedacht war. Man sah unter der Leitung von Wolfgang Kühne eine belebte und temperamentvolle Inszenierung deS gerade an einem Werbetag für das Theater und die Schauspielkunst sehr sinnvollen und be- ziehungsrcichen Einakters; im Mittelp'. nkt die von echtem Schwung getragene Leistung Drucks in her Rolle des Komödianten. Maria Koch, Karl H e y s e r, Walter Michel und Maria Sachse rundeten das Ensemble ab.

Der Besuch am Rachmittag war miserabel: ein halbleeres Haus. Es hätte gerade gestern bis in die obersten Ränge hinauf beseht fein müssen Wir hoffen, daß trotzdem der Appell an die Freunde der Bühne und andie alte deutsche Liebe zum Theater" nicht ungehört verhalle- Es geht jetzt ums Ganz«. hth.

Oberhessischer Kunstverein.

Jubiläums-Ausstellung Ernst Eimer.

Der Oberhessische Kun st verein hat gestern, Sonntagvormittag, fein Haus am Brand­platz wieder geöffnet und die neue Ausstellungs­periode mit einer Kollektion von Werken des hessischen Malers Ernst Eimer (Frankfurt am Main, Groß-Eichen) eingeleitet. Es handelt sich um eine Iubiläurns-Ausstellung zum 50. Ge­burtstage des m Groh-Eichen bei Mücke gebore­nen Malers, der in Hessen wohlbekannt ist und auch bei uns in Gießen schon früher mehrfach mit Ausstellungen zu sehen war. Die vorliegende

umfaßt Oelbilder, Aquarelle und Graphik und vermittelt, wie das bei einer Iubiläums-Aus­stellung fein soll, einen Ueberblick über das bis­herige Schaffen, die Grundlagen und Ausdrucks­formen in Eimers Produktion.

Wenn man die Schau im Ganzen auf sich wir­ken läßt, so empfindet man zunächst die starke Bodenständigleit und die heimatliche Gebunden­heit dieser Malerei, welche an eine gute hessische Tradition anzuknüpfen bemüht ist. Die ßano- schast und das einfache, meist bäuerliche Volk von Hessen geben allenthalben die entscheidenden Grundmotive für Gemälde und Zeichnungen, welche formal, völlig unrevolutionär und sehr kon­servativ, bewußt in Gegensatz zu der neueren und jüngsten Entwicklung der bildenden Kunst ge­stellt sind.

Zu den besten Stücken dieser für den Maler Eimer repräsentativen Ausstellung sind neben einigen, mit viel Liebe und Freude am lichten, unkomplizierten Kolorit aufgebauten Landschaf­ten etliche größere Figurengruppen zu rechnen, deren genremäßige Form durch scharfe Charak­terisierung und Beseelung der gewissermaßen handelnden Personen vertieft wird. Hierher ge­hören das .Tischgebet", das ein wenig an Bantzer erinnert, und die sehr pointierten »Kar­tenspieler", ein Bild, dessen schwere und ge­deckte Farben eine recht geschlossene Wirkung er­geben. DerFlötenspieler", das markante Selbst­bildnis, und, in einigem Abstand, das Damen­porträt in Rot, schließen sich an.

Lockerer und heller in den Farben wirken frische Freilichtmalereien wie die »Häuser am Dach", die .Frühlingslandschaft mit blühendem Daum" und die .Vogelsberger Landschaft Fern­blick". (Wir können hier begreiflicherweise nicht alle Arbeiten der reichhaltigen Schau zitieren.) Die oben gekennzeichneten Dilder werden er­gänzt durch mehrere dekorative Stilleben, eine Reihe von Stücken kleineren Formats mit phan­tastischen und märchenhaften Motiven (.Heupferd­chenreiter", »Gnom mit Maikäfer") und allerlei farbenfreudige Bildcrbuchillustrationen.

Eines besonderen Hinweises bedürfen die cha­rakteristischen, strichkrästigen Radierungen und Zeichnungen, welche das Gesamtbild dieser Aus­stellung sympathisch abrunden. (.Volkslied", .Walzbrüder". .Pflüger", »Großmutter mit Kin­dern".) Zum Schluß sei daraus aufmerksam gemacht, daß der größte Teil der ausgestellten Arbeiten verkäuflich ist.y

Oie Heilsarmee im Zäger paradies.

Der Tod des Missionars Myron Taylor im Sambesi-Tal, der kürzlich den durch einen Lö­wen erhaltenen Wunden erlag, führt wieder ein­mal deutlich vor Augen, welchen großen Gefah­ren die Gottesmänner in den afrikanischen Mis- sionSgebieten noch immer ausgesetzt sind. Rähe- res von diesemKriegsschauplatz" erzählt der Rei­sende Arthur E. Copping, der nach längerem Auf­enthalt im Sambesi-Tal nach Hause zurückgekehrt ist. Er berichtet von den Taten und Abenteuern der Heilsarmee, die hier segensreich wirkt: Menschen, die verzweifelt um ihre Rahrung kämpfen, mitten unter den Herden wilder Tiere, denen sie nicht selten zum Opfer fallen das ist der stärkste Eindruck, den ich von den Ver­hältnissen am Sambesi mitnahm. Unter diesem Volk haben die Offiziere der Heilsarmee keine leichte Ausgabe; sie müssen ihnen nicht nur al« geistige Helfer, sondern auch als Retter und Be­schützer dienen. So erzählte mir Leutnant Iacob Criemba, den ich in Masarnara Kraal besuchte, er müsse stets bereit fein, auf die Affen Iagd zu machen, die die Maisernte gefährden, und da­neben gelte es auch, viele Hyänen und Wild­schweine zu toten, ganz abgesehen von den Riesen­schlangen. die er gelegentlich erlege. Kürzlich tarn ein alter Mann in großer Aufregung zu ihm, um zu melden, daß er nicht weit entfernt ein großes Krokodil in einem Teich ausgekundschaf­tet habe; die Bestie war augenscheinlich meh­rere Meilen weit den Fluß hinaufgeschwommen in der Hoffnung, eine einzelne Frau ober ein Kind zu erbeuten. Der Leutnant machte sich mit drei anderen Heilsarmee-Leuten, die wie er mit Speeren bewaffnet waren, auf den Weg und hatte nach 10 Minuten das 12 Fuß lange Tier getö­tet." Bei dem Besuch der Station Madsika, einige Meilen landeinwärts auf der füdrhodesischen Seite, sand sich Copping plötzlich einem Rudel von Elefanten gegenüber und entdeckte die frischen Fußspuren zweier Löwen, die augenscheinlich dicht hinter menschlichen Fußspuren her waren. Sergeant Lazarus, den er hier antraf, erzählte, daß die Löwen bereits verschiedene Frauen von Madsika getötet hätten und dah vor zwei Ta­gen ein paar dieser Raubtiere an seinem Kraal erschien und beinahe ein Mädchen fortgeschleppt hätten, das Gras pflückte. Mit Speeren bewaff­net rückten die Heilsarmee-Leute gegen die Lö­wen aus, die sie durch den Lärm von Trom­meln und das Rasseln von Zinnkannen vertrieben.