Doch eine neue Reparation»; konferenz?
Welche Plane hat Laval?
pari», 27.OH. (WIB. Junffpru^.) Rach G«- rüchten au» amerikanischer Quelle, die der „Reutjorf hcrald" wiedergibt, soll Ministerpräsident Laval sofort nach seiner Rückkehr beabsichtigen, die französische Regierung um die Ermächtigung jur Einberufung einer Konferenz der an der Reparationsfrage interessierten Rationen einschließlich Deutschland» zu ersuchen. Aufgabe dieser Konserenz würde e» sein, über die Möglichkeit einer weiteren Repara- liou»herabsetzung zu entscheiden und einen neuenZahlungsplan vorzubereiten, der Präsident Hoover a l» L r s a h für da» am 1. Juli 1932 abgelausene Moratorium zur Begutachtung unterbreitet werden könnte. Diese wellkonferenz würde nach allgemeiner Ansicht in Pari» Ende Rooem-
ber oder Anfang Dezember zusammentreteu. — „Echo de pari»“ dagegen kommt auf seine gestrige Ankündigung zurück, dah die französische Regierung die Einberufung des im Joungplan vorgesehenen Konsultatiokomitee» Vorschlägen würde und fragt: werd« Deutschland den Rat, den die französisch« Regierung ihm erteilen würde, befolgen und bei der Internationalen Zahlungrbank die Ernennung de» Konsultatiokomitee» beantragen, da» während de» Moratorium» Deutschland» Zah- lung»unfähigkelt abschähen soll? wenn Deutschland ihn ablehnt, sagt da» Blatt, und erklärt, daß alle youngplanklauseln durch da» hooverjahr bi» zum 1. Juli 1932 aufgehoben feien, wie werden sich dann die vereinigten Staaten verhalten? Sie haben ihre A k 11 o n »f r e I h e i t behalten, aber versichert wird französischerseits, dah sie versprochen haben, eine wohlwollende Haltung einzunehmen. Auf jeden JaU scheint e» nicht so, daß wir künftig eine neue Initiative hoo- oer» zu befürchten haben.
Das Berliner Echo.
Sin dürftiges Ergebnis. - Deutschland mehr als vorher aufSelbsthilfeangewiesen.
Berlin, 26. Oft. (TU.) Die Ansicht der Berliner Presse über das Ergebnis der französisch-amerikanischen Besprechungen in Washington ist außerordentlich geteilt. Der „Aden d" (soz.) betont, dah durch das negative Ergebnis der Reise Lavals nach Washington die Rot- Wendigkeit der deutsch-französischen Berständt- flung nur noch gesteigert und unterstrichen werde. — Das „Berliner Tageblatt" (dem.) er- fiärt, die Franzosen hätten zwar vieles nicht erreicht, sie seien aber in dem Punkt der Rehabilitierung des BoungplaneS und der Goldpolitik erfolgreich gewesen. Amerika habe mehr Grund zur Unzufriedenheit als Frankreich. — Die „Bossische Zeitung" (dem.) betont, theoretisch bedeute das Washingtoner Ergebnis ausnahmslos eine Verschlechterung für Deutschland. Praktisch werde sich jedoch kaum viel ändern. Bei der Finanzlage Deutschlands sei es ausgeschlossen, dah das Reich nach Ablauf des Schuldenfeierjahres effektive Zahlungen auf das Reparationskonto leiste. — Die „Rachtaus - gäbe" (Hugenberg) unterstreicht, daß die Besprechungen Hoover-Laval die Reichsregierung enttäuscht hätten. 3n Washington sei die Politik des Reichskanzlers und des Reichsaußen- ministers Dr. Brüning entscheidend geschlagen worden. Laval habe in Washington freie Hand für Europa erhalten. — Die „Deutsche Zeitung" (deutschnational) erklärt, das einzige Ergebnis des Lavalbesuches für Europa sei, daß Europa nicht auf Wunder warten dürfe, sondern gegen Frankreich zuzupacken habe. Diese europäische Selbsthilfe, Die in Amerika nicht übersehen werde könne, warte jetzt auf Deutschland. Die Erklärung des längst alS zweifelhaft erkannten Moratoriums für Deutschland wäre die stumpfeste Waffe und würde nur den Weg versperren für die sofortige Inangriffnahme der Tributfrage. Darum müsse sofortige Tributverweigerung gefordert werden.
Die „D. A. Z." (Bolksp.) empfindet als besonders bedeutungsvoll die Festlegung aus die Aufrechterhaltung des Goldstandards in Frankretch und in den Bereinigten Staaten. 3m übrigen scheine Laval nur erreicht zu haben, dah man, ohne Deutschland zu nennen, doch uns die 3ni- tiative für die wettere Behandlung der Tribut
frage zufchieb«. — Der .Lokalanzeiger" (Hugenberg) sieht es alS einen Erfolg LavalS an, dah cs ihm gelungen sei, selbst den Anschein der geringsten Berpflichtung In den entscheidenden Fragen der Reparationen, der Schulden und des Korridors zu vermeiden. Andererseits habe er eine Ablehnung seines Planes für einen französisch-amerikanischen Sicherheitspakt hinnehmen müssen. — Der.Angriff" (Ratl.-soz.) nennt die Zustimmung Amerikas zu dem französischen Standpunkt, dah die weitere Behandlung der Reparationsfrage im Rahmen des Boung-Planes zu erfolgen habe, und die Feststellung, dah weder Frankreich noch Amerika den Goldstandard aufzugeben wünschten, die einzigen sichtbaren Ergebnisse. Frankreich habe also immerhin soviel erzielt, dah seine Furcht, Amerika könne es auf feinen Goldvorräten fitzen lassen, für8 erste von ihm genommen sei.
EinMahnwort Der (Germania.
Schnelle und praktische Arbeit unter Führung des Kabinetts
Die „German! a", das dem Reichskanzler nahestehende Berliner Zentrumsorgan meint, für den Realpolitiker bleibe die Feststellung der Tatsache übrig, daß die Wiederherstellung des europäischen Vertrauen jetzt nur -noch mehr davon abhängen werde, ob Deutschland und Frankreich zu einer irgendwie gearteten Verständigung gelangen. Unsere Anstrengungen im Inneren können durch dieses Ergebnis nur noch verstärkt werden. Unsere Wirtschafte- und Finanzpolitik muh noch mehr auf Selbsthilfe eingestellt werden. Der von der Regierung eingerusene Wirt- schaftsausschuh soll die notwendigen wirtschafte, und sozialpolitischen Maßnahmen der Regierung mit vorbereiten und sie unterstützen. Dieser Ausschuß soll mit der Regierung schnelle und praktische Arbeit leisten. Er wird diese Arbeit mit der großen Verantwortung leisten, die den dort versammelten Trägern der Wirtschaft zukommt. Don der Regierung aber erwarten und verlangen wir, daß sie die Führung übernimmt, und daß sie ein Werk vollendet, das uns die Wirtschaftskrise von innen heraus überwinden Hilst.
Oie Ausgaben ffir ven Wietschastsbeirat
Berlin, 26. OH. (TU.) Das Reichskabinett wird am Dienstagnachmittag erstmalig nach der Bertagung des Reichstages zusammentreten, um in erster Linie die Dorarbeiten für den am 29. Oktober zusammentretenden Wirtschaftsbeirat zu leisten Die Verhandlungen des Wirtschaftsbeirates werden in ständiger Fühlung mit der Reichsregierung erfolgen, die durch ihre Ressorts den Mitgliedern des Beirates an Hand des vorliegenden Materials die gegenwärtige Wirtschaftslage Deutschlands schonungslos darlegen wird. 3n Kreisen der Regierung ist man der Ansicht, dah man nunmehr vor der sehr einfachen Alternative stehe, ob Deutschland als daS größte Ausfuhrland Europa- dem Beispiel von 25 Ländern folgen soll, deren Währung ins Rutschen gekommen ist oder wenn nicht, welche Wege gegangen werden müssen, und zwar in sehr kurzer Zeit, um Öen gesamten deutschen Preis st and herab zudrücken und Deutschlands WettbewerbS- fähigleit zu erhalten. 3 n England hat sich die 3nslation zwar preispolitisch noch nicht voll ausgewirkt. ES ist aber anzunehmen, dah dieS etwa drei oder vier Wochen nach den Wahlen der Fall fein wird. Ein Doik, wie daS deutsche werde jedenfalls nach den Er- fahrungen der ersten Inflation eine zweite nicht ertragen können
Da die Einkommen aus Löhnen und Gehältern in Deutschland zu 70 v -. für die Faktoren Le - densmittel, Miete und Verkehrstarife verwandt werden, werden gerade diese Faktoren da» Hauptaugenmerk des Wirtschastsbeirates erfordern, aber auch die Schwierigkeiten, die einer Preis- und Carlfknfung auf diesen Gebieten entgegenstehen. werden dem Wirtschaftsbeirat in ihrem vollen Ernst bewußt werden müllen. Bei den landwirtschaftlichen Erzeugnissen sind es zum größten Teil die Handelsspannen, die die Preisüberhöhungen verursachen und die seitens des Handels wiederum mit den überhöhten Abgaben an Steuern usw. begründet werden. Eine «enkung der Mieten würde das gesamte Problem der H a u s z i n s st e u e r ausrollen, die in den Haushalten der Länder und Gemeinden eine schon entscheidende Rolle spielt, aber auch die sehr schwierige Frage de» Unterschiede» zwilchen Alt- und Neubaumieten. Die Einnahmen Der Reichsbahn sind innerhalb zweier Iabre von 5,3 auf 3,8 Milliarden Mart zusammengeschmolzen. Trotzdem wird man an einer allgemeinen Lenkung deS Preisstandes nicht vorübergehen können. Auch zur Kartellfrage wird man Vorschläge des WirtschastsbeirateS erwarten, der aber gleichfalls wird berücksichtigen müffen, dah eine Reihe von Kartellen (z. B. Kohle) den Absatz und die AuSsuhrrnöglichkeiten geradezu erst garantieren. Die Frage der Tarifverträge würde im Zuge mit einem wirklichen Preisabbau auf allen Gebieten verhältnismäßig leicht zu lösen sein. Dasselbe würde für die Probleme der Sozialversicherung zutresfen.
Alles in allem wird sich die Reichsregierung insbesondere nach dem Einzug des neuen Reichswirtschaftsministers Warmbold in das Kabinett, der sich übrigens für landwirtschaftliche Preis- und Abfatzfragen besonders zu interessieren scheint, über die Grundzüge ihres Wirtschaftsprogramms klar werden. Gleichwohl beabsichtigt Die Reichsregierung nicht, dem Wirtschaftsbeirat ein festes Wirtschaftsprogramm vorzufetzen, sondern im Gegenteil diesen selbst entscheide n zu lassen, was nach seiner Ansicht in der gegenwärtigen Lage geschehen kann und muß.
Das Karl Lieblnechi-HauS beseht.
Berlin, 26. DH. (CNB.) In Verbindung mit Der Auffindung eines bedeutenden Spreng st osflagers bei einem der Polizei de- kannten Berliner kommunistischen Funk- tionär wurde am Samstag das Karl-Lieb- knecht-Haus am Bülow-Platz besetzt. Ein Teil der Räume des Hauses ist auch heute früh noch besetzt und für den Publikumsverkehr gesperrt, da die Ermittlungen und die Sichtung des umfangreichen Materials noch andauern. Der übrige Teil Des Hauses, vor allem Die Druckerei, ist freigegeben. EmpolizeiwachtmeisterinGelsenlirchen
von Kommunisten erschaffen.
Gelsenkirchen, 26.OH. (WTB.) Als kurz nach Mitternacht zwei Gelsenkirchener Polizeibeamte bei einem ötreifgang eine Gruppe von etwa zehn Männern, Die kommunistische Lieder fangen, zur Ruhe aufforderten, wurde ihnen zugerufen: „3hr blauen Hunde habt uns nichts zu sagen!" Die Polizeibeamten wollten die Personalien der Ruhestörer feststellen. Die Kommunisten sprangen zurück, tiefen: „Heil Moskau!" und ..Rotfront!" und gaben auf den Polizeiober- wachtmeister Riederwerfer mehrere Schüsse ab. so dah er sofort zusammenbrach- 3m Krankenhaus ist er heute vormittag gestorben. Die Polizei hat Darauf eine Aktion gegen daS ko mmu ni st if che DolkshauS unternommen. Es wurden zehn Mann angetroffen, die anscheinend als Kommando für Heber- fälle bestimmt waren- DaS DolkShaus wurde polizeilich geschloffen. 40 Personen sind bisher Hftgenommcn worden.
London am Dorabend der Wahlen.
London, 26. OH. (TH.) Die Wahltätigkeit Der politischen Parteien erreichte am Vorabend Der Wahl ihren Höhepunkt 3n London allein wird die Zahl Der freiwilligen Helfer auf 25 000 geschätzt Der König ist am Montag in Con- Don wieder eingettoff en, um hier das Wahlergebnis abzuwarten. 3n den Kreisen der Konservativen herrscht große Zuversicht. Sie hoffen, in London nicht nur ihre 25 Sitze zu behalten, sondern noch weitere 24 den Arbeitern
abzugcwinnen. Snowden sagt einen schweren Rückschlag für die Arbeiterpartei voraus und erwartet eine überwältigende Mehrheit für die Rationalregierung. Die Wetten bei Lloyds find zugunsten der Rationalregierung weiter gestiegen. Es wird mit einer MehrhÄt von wenigstens 200 Sitzen gerechnet.
Reue Unruhen auf Zypern.
Ter griechische Erzbischof wird verbannt.
London, 26. Oft. (TH.) Am Montag kam es in Kyrenia (Zypern) zu neuen Hnruhen, als eine Volksmenge unter Führung des dortigen Bischofs das Gebäude des britischen Kommissars angriff, die britische Flagge herunterriß und statt dessen die griechischen Farben hißte. Die Ordnung konnte bald wiederhergestellt werden. Der Bischof wurde verhaftet. Meldungen auS dem 3nnern der 3nfel berichten über weitere Zusammenstöße, in deren Verlaus eine Brücke und Telephonleitungen nach der Hauptstadt zerstört wurden. Rach einem Telegramm deS englischen Kolonialamtes hat der König dem griechischen Konsul in Zypern seine Bestätigung entzogen. Der Konsul hat Zypern verlassen. Der griechisch-orthodoxe Erzbischof von Lanarca ist zusammen mit den vier anderen verhafteten Rädelsführern der jüngsten Hnruhen, und zwar zwei bisherigen Mitgliedern der gesetzgebenden Versammlung und zwei Priestern an Bord eine- britischen Zerstörers mit unbekanntem Ziel verbannt worden. Der Gouverneur hat Haftbefehl gegen 40 weitere Rädelsführer erlassen. 3nzwi- schen ist auch der britische Kreuzer „E o l o m b o" in Zypern eingetroffen, während das Flugzeugmutterschiff „Glorios" erwartet wird. Die aus Aegypten eingetroffene Flugzeugstaffel führte am Sonntag verschiedene Demonstrationsflüge auS, um die Bevölkerung vor weiteren Hnruhen zu warnen. Die Lage auf der 3nfel wird als ruhig, doch noch gespannt angesehen.
Der neue schweizerische Hationalrat
Basel, 26. DH. (TU.) Nach den jetzt vorliegenden Gesamtziffern setzt sich der neu gewählte schweizerische Nationalrat wie folgt zusammen:
Freisinnige 52—53 Sitze, bisher 58
Liberal-Konseroative 5 „ „ 6
Katholisch-Konservative 44 „ „ 46
Bürger, und Bauernpartei 31 „ „ 31
Sozialdemokraten 48—49 „ „ 50
Kommunisten 3 „ „ 2
Sozialpolitische Gruppe 2 „ „ 3
Evangelischer Volksdienst 1 „ „ 2
Bekanntlich ist Die Zahl der Abgeordneten im Nationalrat von 198 aus 187 h e r a v g e s e tz t worden. Der Ständerat, der zur Hälfte neu zu wählen war, zeigt mit Ausnahme der Sozialdemokraten, die statt eines nunmehr zwei Sitze aufweisen, die alte Zusammensetzung und zwar 19 Freisinnige 18 Ko- tholisch.Konservative, 3 Bauern, 1 Liberal-Konser- Datioer, 1 Demokrat, 2 Sozialdemokraten.
Aus aller Wett.
Vinters Einzug in München.
Ununterbrochener Schneefall in der vergangenen Nacht, der bis in die späten Vormittagsstunden mit unverminderter Heftigkeit anhielt, hat schnell zur Bildung einer hohen Schneedecke geführt. Der plötzliche zweite Wintereinbruch hat i m Verkehr empfindliche Störungen verursacht. Obwohl Salzwagen und Schneepflüge ein- gesetzt wurden, konnten die Straßenbahnen einen fahrplanmäßigen Verkehr in den Morgenstunden nicht durchführen. Die Milchanlieserung in die Stadt verzögerte sich durch Stockungen im Fuhrverkehr. Der gegenwärtige schwere Wintereinfall ist der dritte und zugleich stärkste in diesem' Herbst. Der Schnee- fall hat ganzSüdbayern vom Gebirge bis hinunter zum Bayerischen Wald ersaht.
Lalmelle zum Lübecker Tuberkulosepro^h.
Der Pariser Professor Calmette hat in einem Brief zu den Vorgängen in Lübeck Stellung ge nommen. Calmette erklärt u. a.: Im Laboratorium des Lübecker Krankenhauses seien keinerlei Vorsichtsmaßregeln unternommen worden, um eine Vermengung von BCG.-Kulturen und der virulenten menschlichen Bazillen zu oerhinbern, Die in dem gleichen Laboratorium zur Herstellung des Deycke-Muchjchcn Präparates bienten. Cs sei ihm nicht verständlich, daß Professor Dcycke und seine Anhänger erklärt hätten, das BCG. Präparat sei wieder zur Virulenz zurückgeschlagen, zumal überall bekannt sei, daß BCG. unschädlich sei. Die An- Scflagten versuchten, die Verhandlungen so zu menen, daß die biologischen Eigenschaften de» DCV. und nicht mehr Die Verhältnisse im Lübecker Caboratorium zur Diskussion stünden. Der Bericht über die Kindersterblichkeit in Pernik (Bulgarien) sei von einem Dr. Simeonow erfunden, von den bulgarischen Hygienebehörden indessen richtiggestellt worden.
Forderungen der technischen Lisenbahnbeamlen.
Die Gewerkschaft dcr technischen Etsenbahnbeam- ten hielt in Berlin ihre Hauptversammlung ab. Ein Vortrag des Vorsitzenden des Reichsbundes deutscher Technik, Dr.-Ing. Gcrstenberg, Professor an der Technischen Hochschule in Braunschweig, befaßte sich mit dcr Frage der Wirtschaft, der Währung, des Verkehrs und Der Tarifgestaltung. In einer Entschließung wird gefordert, daß die Lohn-, Oe- holte, und Pensionskürzungcn entweder wieder beteiligt oder eine allgemeine Herabsetzung der Preise herbeigeführt wird. Der Vorstand wird beauftragt, auf die Beseitigung der in den Notverordnungen enthaltenen Härten hinzuwirken, insbesondere dcr Herabsetzung des Kinderzuschlages, der Benachteiligung der Beamten in den Ortsklassen B, C und D und der Schädigung Der schwerkrieg», beschädigten Beamten.
Ein nationalsozialistischer Bürgermeister in ftobutg.
3n einer außerordentlichen Sitzung des Stadt- rate, in Der nur 14 Rationalfozialiften und zwei Mitglieder der deutschnationalen Fraktion anwesend waren, da die anderen Parteien wegen der Aussichtslosigkeit ihre- Widerspruches nicht erschienen waren, wurde einstimmig die Versetzung de« ersten Bürgermeisters Hnvcrfähr (Parteilos) indenRuheftand beschlossen. Weiter wurde mit den 14 Stimmen der Rationalsozialisten beschlossen, eine dritte ehrenamtliche B ü r g e r m e i st e r ft e l l e zu schaffen. Die erste Bürgermeisterstelle wurde ehrenamtlich, die zweite hauptamtlich für die Dauer von zwei Jahren besetzt. Die Wahlen hatten folgendes Ergebnis: 1. Bürgermeister Schwede (Raifoz.), 1 Bürgermeister Stadtrat Haber (Ratfoz.i, und 3. Bürgermeister Reh - b c i n (Stahlhelmfraktion).
Aus Der Provinzialhaupifiadt.
Gießen, den 27. Oktober 1831.
Tagung des oberhessischen Handwerks und Gewerbes.
Geltem fand im ..Aquarium" in Gießen auf Ser- anlanung Der Bezirksoerbändc Des Handwerks und Gewerbes eine Tagung Der Vorsitzenden Der handwerklichen und gewerblichen Verein«, sowie Der Innungen Ober. Hessens statt. Die sich mit Den Vorgängen auf Dem Verbandstag des Hessischen Landesverband» des Handwerks und Gewerbe» in Bensheim beschäl» tigte. Dieser Verbandstag war bekanntlich im Verlaufe von sehr erregten Debatten gesprengt worden Nach mebrüunbiger Aussprache über jene Vorgänge und ihre Ursachen nahm die Gießener Tagung eine Entschließung an, in der ee u. a. heißt.
Die Delegierten Der Bezirksoerbände, Ortsge» roerbeoereine und Innungen der Provinz Ober« Hessen haben sich in einer Sitzung am 26. Oktober 1931 in Gießen eingehend mit Der Tagung i» Bensheim und den dort zutage getretenen Vor. kommnissen beschäftigt. Um Derartige Vorkommnisse in Zukunst wirksam zu verhüten und die Hand- werkerversammlung zu einer machtvollen Kund- gebung des Willen» de» gesamten hessischen Handwerk» zu machen, schlagen wir folgende« vor: 1. Di» Ausschußsitzung wird ersetzt durch eine De- legiertenDerfammlung, in welcher jeder Delegierte mit seiner Stimmenzahl abstimmt (auf je 50 Mitglieder 1 Stimm«). 2. In Der allgemeinen Tagung findet neben einem Vortrag nur noch eint Berichterstattung über Ergebnisse Der Delegierten- Versammlung statt, lieber etwa neu angebrachte Anträge stimmen auch hier nur Die Delegierten durch Karten ab.
Bei Der Besprechung Der Ursachen Der Vorgänge in Bensheim — wir werden über den Verlauf dieser Aussprache noch näher berichten — stand im Mittelpunkte der Kritik der Vorsitzende der Handwerkskammer N o h l - Darmstadt und des- sen Rolle in der Affäre Der Darmstädter Dolk » bank. Gegen Nohl wurden wegen ge- wisser Maßnahmen der Darmstädter Dolksbank. deren Aufsichtsratsoorsitzender Nohl bl» vor kurzem war, und wegen seines Verhalten» auf dem Gebiet» der Arbeitsvergebung schwere Vorwürfe erhoben, wobei man nicht ehrenrührig« und kriminelle Handlungen, wohl aber schwere Der» st ö h c auf dem^ Gebiete der Hand, werk» - und Standespolitik ihm zur Last legte. Don der weit überwiegenden Mehrzahl aller Redner wurde zum Ausdruck gebracht, daß Da» oberheffische Handwerk z u Nohl kein Vertrauen mehr habe und daß e» seine» Rücktritt vom Amte des Handwerkskammer- Vorsitzenden erwartet. Den oberhessischen Vertreter» im Vorstand der Handwerkskammer Darmstadt wurde von der Versammlung dcr Auftrag erteil^ Den Vorsitzenden Nohl zur Niederlegung seines Amte» an der Spitze der Handwerk», kammer aufzufordern.
Aus der Heimat Abrahams und der Sintflut.
In der Aula der Universität fand am Sonntag, abend eine Vortragsveranstaltung zum Besten Der Winternothilfc statt, zu der neben Der Bürgernu iu<-« rei Gießen eine Reihe gemeinnütziger Organisationen eingeladen hatten. Die Veranstaltung war schr gut befucht. Der Redner de» Abend», Universität,. Professor Dr. Äornemann, hielt einen Lickt- bildervortrag über da» Thema „In der Heimat Abrahams und der Sintflut". Der rein wissenschaftlich orientierte Vortrag führte die Zuhörer in bas südliche Mesopotamien, in da» Land zwischen Euphrat und Tigris, in das Mündung»- gebiet der beiden Ströme, in dem sich die Sumerer, ein Volk unbekannter Herkunft, niederließen und Dort eine hohe und vielseitige Kultur entwickel- ten, die den ganzen mittelländischen stultuv kreis über Jahrtausende hinweg befruchtete und deren Spuren auch In unserem heutigen Geistesleben nachzuweisen sind. Der Vortragende ging au» von den Ausgrabungen, die von den Engländer» und Amerikanern Durchgesührt wurden und bit wertvolle und aufschlußreiche Dinge zu Tage förderten, Gegenstände, Die aus Der Zeit vor 3000 vor Christi stammten. Er sprach auch von Den Deut» schen Ausgrabungen in Uruk unD Ur, jenen Stauen, an Denen die großen Städte der Babylonier flau» Den und deren Ueberreft« deutlich Die Form des babylonischen Städtebilde» erkennen ließen. To» Babylonien im Mündungsgebiet von Euphrat und Tigris, io führte der Vortragende u. a. aus, fei da» Herzland Dorderasien» gewesen, durch das die Lest- Handelsstraßen von Nordosten nach «üdwesten und von Nordweften nach Südosten führten, und da» Dadurch zu dcr Bedeutung und dem Einfluß heran« wachsen konnte, die e» späterhin einnahm. Der Redner streifte weiter die geographischen Veränderungen, denen das Land unterworfen war, er charakterisierte die Bevölkerung, die religiös« Vorstellung». weit dcr Menschen des Land«», schilderte Die Hobe» künstlerischen Fähigkeiten Der Sumerer und dis Großartigkeit Der von ihnen gepflegten und für die Damaligen Verhältnisse in» gigantische gefingerte Baukunst, Die sich besonder» im sakralen Bau- mefl auf das eindrucksvollste äußerte. Die Sumerer seien auf dem Gebiete der Rechtspflege und im Religiösen außerordentlich schöpferii'b gewesen: ei» wesentlicher Zug der Sumerer habe auch Der ffr» iorichung Der Zukunst De» Menschen gegolten, ei» Gebiet geistiger Betätigung, Da» von ihnen außerordentlich entwickelt worden sei. An Hand einer Reihe hochinteressanter Bilder gab Dann der Red' ner einen Einblick in Die Kultur, einen Ausschnitt oon dcr Baukunst, Dem Kunstgewerbe. Den refr giöfen Riten und Den Gebräuchen, von Der Staats' form und Den völkstchen Wandlungen unter dM Einfluß des semitischen Elements. In seinem Schlußwort ging Der Vortragende noch auf eirly mehr hypothetische Zusammenhänge zwischen ber geologischen Struktur de» Land«» und der SintfW ein, Die al» Naturkatastrophe größten Ausmaßes Da» Land betroffen haben soll. Schließlich wie» k,-r Redner noch Parallelen zu dem Wesen und Wirke» Der Etrusker in Italien auf, die, wie die Sabe* Ionier die Kultur ber Mittelmeerländer, die Kultur der Römer maßgeblich beeinflußten. Mit einer Gegenüberstellung der kulturellen Bedeutuiq unserer Epoche zu Der Der Babylonier schloß der Vortrag.
Der Redner verstand e» durch Die sympathische Art seine» Vortrag» die Zuschauer bi» zum letzte» Augenblick zu feffeln. Reicher Beifall lohnte ihn für seine Intereffanten Ausführungen. Auch da» final* tielle Ergebnis der Veranstaltung zum Besten der Winternothilfs ist, wie wir hören, sehr zufriede» ücllwh gemeßen.


