Die Enthüllung des Schlageter-National-Denkmals fand unter großer Beteiligung der Behörden und des Publikums auf der Golzheimer Heide bei Düsseldorf statt.
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Aus der provinzialhaupistavt.
Gießen, den 27. Mai 1931.
Oer erste Schnitt.
Der Wiesenplan atmet unter den ersten Sonnenstrahlen. und ein feiner Dunst steigt wie ein spinnwebendünner Schleier über dem saftiggrünen Grund auf. Der Morgenwind weht einen süß-herben Hauch heran. 3n Myriaden von Tautropfen glitzert es, gleich edelsten Steinen.
Löwenzahn und Butterblumen leuchten wie aus lauterem Gold dazwischen und wie frohes Kinderlachen sind weihe Dlütensterne eingestreut. Verschlafene Falter taumeln trunken von Blume zu Blume und in nimmermüdem Tirilieren singen sich Lerchen an ihren Liedern höher und höher in das satte Blau des Himmels hinein. Gin leises Summen schwingt wie der Nachhall einer fernen Melodie in der Luft.
Auf einem schmalen Pfad kommt ein Mann mit schwerem Schritt daher. Die Furchen sind noch nicht ganz vernarbt, die dem Weg die Näder der Erntewagen im vergangenen Jahr einritzten. Er geht ohne Hast und in dem Wuchten seines Ganges liegen Hunderttausend« von Stichen und Schlägen, mit denen er um den Segen der Ackerkrume rang.
Ein Stiel liegt ihm über der Schulter, den ein sehniger Arm hält. Kupferne Bräune umspannt ihn wie vergilbtes Pergament. Der Nock hängt an der Stange und fährt ihm im Gleichtakt, als sei er das Pendel einer Ahr und Schrittmesser, über den Rücken. Am Ende des dünnen Balkens steht ein stählernes Blatt zu Boden. Bei jedem Tritt spielt ein Strahl an ihm entlang. Fast wie Wetterleuchten, das Nahen von Anheil verkündet ...
Am Rande der Wiese macht er Halt. Blickt eine Weile sinnend über den Plan. Das tut .er jedesmal, bevor er mit dem Mähen beginnt. Es ist ihm, als ob seine Lippen das Rückerinnern
Der Straßenbau-Etat der Provinz Oberheffen.
Wie der Gesamtvoranschlag der Provinz Oberhessen, über den wir in unserer Nummer 118 vom 22. Mai berichteten, so zeigt auch der im Rahmen dieses Gesamtvoranschlages enthaltene Sondervoranschlag für den Straßenbau in der Provinz Oberhessen im Rechnungsjahre 1931 eine außerordentlich angespannte Lage. 3m Gegensatz zu früheren 3ahren, in denen die Finanzierung größerer Neubauarbeiten an unserem oberhessischen Landstraßen- netz möglich war, weist der neue Voranschlag keinerlei Neubauprojekt von bemerkenswerter Gröhe, sondern nur einige Erneuerungen und im übrigen Llnterholtungsarbeiten auf. Die Ursache für diese Zwangslage ist natürlich in den derzeitigen außerordentlich ungünstigen Wirschaftsund Finanzverhältnissen zu erblicken.
3ngesamt schließt der Sondervoran- schlag der Straßenbauverwaltung bei einer Einnahme von 1 842 300 Mk. und einer Ausgabe von 3197 000 Mk. mit einem Zuschuß aus allgemeinen Mitteln in Höhe von 1 354 700 Mark ab.
Die Verwaltungskosten belaufen sich auf 248 800 Mk., gegen 256 500 Mk. im Vorjahre. Auf der Einnahmeseite steht dieser Ausgabe nur ein Posten von 300 Mk., wie im Vorjahwe, gegenüber.
Für die allgemeine Llnterhaltung der D - und 6 -Strah.en ist bei einer Einnahme von 377 000 Mk., gegen 378 000 Mk. im Vorjahre, eine Ausgabe von 632 200 Mk., gegen 642 100 Mk. im vorigen 3ahre. vorgesehen. Auf der Einnahmeseite ist der, bedeutsamste Posten der Staatsbeitrag in Höhe von 370 000 Mk., wie im Vorjahre. Die Ausgabenseite verzeichnet als wichtigsten Posten die Aufwendungen für Straßenwärterlöhne und soziale Beiträge in einer Gesamthöhe von 564 700 Mk., als nächster großer Posten sind 50 000 Mk. für Erfordernisse verschiedenster Art eingestellt, wovon allein auf die Schneeräumung ein Betrag von 17 000 Mk. kommt.
Bei den 6-Strahen verzeichnet die Einnahmeseite als einzigen Posten einen Betrag von 140 000 Mk., wie im Vorjahre, als außerordentlichen Zuschuß aus den Betriebsüberschüssen des Lleberlandwerks zur besseren Unterhaltung der 6-Strahen. Die Ausgabenseite schließt mit einem Betrage von 758 000 Mk., gegen 758 400 Mk. im Vorjahre, ab. Davon kommen auf laufende Unter* * ** Haltungsarbeiten 397 000 Mk., für Walzdecken mit Oberflächenbehandlungen oder ähnlichen Decken auf einer Strecke von 9,9 Kilometer (in Betracht kommen die Straßen Rodheim—Petterweil, Lindheim—Düdelsheim, Rendel—Büdesheim) sind 165 000 Mk. veranschlagt, für besondere Herstellungen von Oberflächen (rund 98 Kilometer) ist ein Betrag von 175 000 Mk. in Ansatz gebracht, für den Zinsenvienst ftrtb 21 000 Mk. vorgesehen.
Im Titel „v . S t r a ß e n" sind keine Einnahmen verzeichnet, dagegen stehen auf der Ausgabeseite
254 000 Mark, wie im Vorjahre, vermerkt. Davon entfallen auf laufende Unterhaltungsarbeiten 119 000 Mark, auf die Herstellung von Walzdecken, Bitumen-, Teer- oder ähnliche Decken in einer Länge von 6 km (in Betracht kommen die Straßen Vaitshain— Grebenhain, Brauerschwend — Reuters, Reuters — Neumaar, Hirzenhain—Lißberg) 120 000 Mark, auf den Zinsendienst 15 000 Mark.
Im Titel „Besondere Herstellungen auf O-Straßen" wird bemerkt, daß aus Anleihemitteln im Rechnungsjahre 1931 außerordentliche Herstellungen nicht durchgeführt werden können. Bis Ende Rj. 1930 wurden an Kapitalien ausgenommen: kurzfristig 4 230 000 Mark, langfristig 1 130 000 Mk., zusammen also 5 360 000 Mark. Es wird beantragt, den Provinzialausschuß zu ermächtigen, wenn es die Verhältnisse auf dem Geldmarkt erlauben, eine langfristige Anleihe bis zu 4,2 Millionen Reichsmark netto aufzunehmen und aus ihrem Reinerlös die Tilgung der bis jetzt aufgenommenen kurzfrifti- gen Anleihen vorzunehmen. Aus Mitteln der Kraftfahrzeugsteuer sind, wie im Vorjahre, 1 200 000 Mk. in den Voranschlag eingestellt. Davon werden allein 800 000 Mark für Kapitaldienst, Verzinsung und Tilgung der Anleihen beansprucht. Für schwere Decken sind 8000 Mark eingestellt, für halbschwere Decken 167 000 Mark, für Oberflächenbehandlungen 222 500 Mark, für die Aufstellung von Warnungstafeln auf Durchgangsstraßen und auf l)-Straßen 2500 Mark.
Der Titel „B a u m p f l a n z u n o e n" weist eine veranschlagte Einnahme von 55 000 Mark, gegen 63 000 Mark im Vorjahre, auf. Dagegen schließt die Ausgabenseite mit 34 060 Mark ab, gegen 40 000 Mark im Jahre vorher. Von den Ausgaben entfallen 25 200 Mark auf Baumwärterlöhne und soziale Fürsorge, 8800 Mark auf sachliche Kosten.
Für den Neubau und Umbau von Provinz st raßen und Brücken sind 65000 Mark Einnahmen und 70 000 Mark Ausgaben vorgesehen. Don den Einnahmen kommen auf Staatszuschüsse 24 375 Mark auf Gemeindezuschüsse 3375 Mark, auf Anteile der Provinz, die durch Kapitalaufnahme gedeckt werden sollen, 37 250 Mark. Im Rahmen der Ausgaben sollen folgende Arbeiten beim Provinzial- tag zur Genehmigung beantragt werden: Verbreiterung der 6-Straßen Schotten—Rudingshain (erste Rate) 12 000 Mark; Umbau der südlichen Bahnunterführung bei Nieder-Wöllstadt (Kostenanteil) 29 000 Mark; Regulierung der Einmündung der Straße nach Lorbach in die l)-Straße Büdingen— Gelnhausen 4000 Mark; Kuroenverbreiterung Büdingen—Büches 5000 Mark; Neubauprojekt Frau- Rombach-Pfordt 15 000 Mark. Die Projekte kom- men nur dann zur Ausführung, wenn sie vom Minister des Inneren genehmigt find und der Staatszuschuß gesichert ist. Der Umbau bei Niederwöllstodt ist bereits genehmigt. Für Verzinsung und Tilgung der Anleihe sind 5000 Mark veranschlagt.
Aus Kapitalrückempfang verzeichnet di« Einnahmeseite des Straßenbauetats schließlich noch einen Betrag von 5000 Mark, wie im Vorjahre.
in Wort« fvrm«n müßten. Wie in btr Kirch« ist ihm. wenn di« Orgel in vollen Schlußakkord«n über di« Häupter der Andächtigen braust.
Das scharfe Singen des wetzenden Steins sticht in die Morgenfrühe. Es ist hart. Ohne Herz. Ohne Nachhall. Unerbittlich ...
Mit festem Griff packen die Hände di« Hölzer, und dann trennt der blanke Stahl schneidend und zischend eine handbreite Halmreihe nach der anderen von dem lebenspendenden Boden. Bündel um Bündel neigt sich in jähem Fall zur Seite, reiht sich an die vorige, die Mahd wird länger und strebt in schnurgerader Linie dem anderen End« des Stückes zu.
Wieder weht der Stein die todbringende Waffe. Wieder wird, wie verhaltenes Stöhnen, das knackend« Drechen der Halme zur Begleitmusik
jedes Schrittes und des taktmäßigen Ausholens der Arm«. Wie grinsender Hohn flimmert daS grell« Licht in dem weihgescheuerten Metall, das mit gierigem Züngeln seinen Weg mähen muh.
So stirbt mit kraftvollen Hieben im Rhythmus der schneidenden Sensen, was eben noch saftstrotzend stand.
Das ewige Stirb und Werd«!
Der erste Schnitt ...
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Bornotizen.
— Tageskalender für Mittwoch. Stadt- theater: „Die schöne Galathse", 20 bis 22 Uhr. Vorher „Brüderlein fein!". — Lichtspielhaus, Bahnhof-
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An dem Annaberg bei Groß-Strehlitz (Oberschlesien) fanv am Zehnjahrestag der Erstürmung des Berges durch den oberschlesischen Selbschutz während des Polenaufstandes 1921 eine große Feier statt, bei der Generalleutnant von- Hoefer, der Führer der Selbstschutzoerbände, die Festansprache hielt.
straße: ,^Schatten der Unterwelt*. — Astorta-Licht- spiele: „Polizei*.
— Aus dem S tadttheaterbur eau wird uns geschrieben: Heute 20 Uhr letzte Vorstellung im Mittwochabonnement und Schluß der Winterspielzeit 1930/31 mit der Aufführung: »Di« schöne Galathee" (Suppö) und „Drüderlein fein!" (Fall) unter der Leitung Hub-Cujö in der Besetzung der Erstaufführung. Letzte Gelegenheit, Zehnerkarten und Schauspielgutscheine gegen Zahlung des entsprechenden Zuschlags einzulösen. — Morgen, Donnerstag, 16 Uhr, geschlossene Vorstellung für die Erwerbslosen mit der Aufführung des Schwankes: „Das öffentliche Aergernis"; Spielleitung Heinrich Hub. — Sonntag, 31. Mai, 18.30 Uhr, nächste Wiederholung des Lustspiels: „Ständchen bei Nacht" von Leo Lenz. Spielleitung Karl Volck. Abschiedsvorstellung für Äse 3ahn, Eduard Wesener, Friedrich Zingel.
— Das „Lumpenparadies" (Benefizvorstellung der Mitglieder des Gießener Stadttheaters). Man schreibt uns: Da schon eine rege Nachfrage für Karten zu der Benefizvorstellung am Samstag, 30. Mai, eingesetzt hat, wird gebeten, sich um die Platzkarten rechtzeitig zu bemühen. Im Interesse der Gießener Geschäftswelt beginnt die Vorstellung ' nicht, wie gewöhnlich, um 20 Uhr, sondern um 20.30 Uhr. Der Schwank wird von Heinrich H u b in Szene gesetzt; der größte Teil des Ensembles ist in ihm beschäftigt. Alexander Engel, der mit Julius Hoist zusammen den Schwank geschrieben hat, ist ein bekannter Wiener Schwankautor, der bei der Uraufführung dieses Schwankes im Neuen Wiener Schauspielhause stürmisch gefeiert wurde.
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** Ernennungen in der Medizinal- Verwaltung. Ernannt wurden der Amtsarzt Medizinalrat Dr. med. Friedrich Koch in Worms
Das SBLMaS spricht das UW tVovt
Roman von I. Schneider-Foerstl.
Urheb«r-Nechtschutz durch Verlag Oskar Meister, Werden t. Sa.
28. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Si« war noch nie auf Langenbach gewesen. So fiel es ihr auch nicht auf, daß Halle und Empfangszimmer mit unerhörter Pracht ausgestattet waren. Sie begriff nur, daß Alice Hetterfield, die seinerzeit das Gut besichtigt hatte, es gern in ihre Hände bekommen hätte. Aber es schien nichts aus dem Verkauf geworden zu sein. Kein Wunder. daß Lippstädt sich nicht von diesem Kleinod trennen wollte. Jeder andere hätte es ebensowenig getan.
Die gelbe Seidenbespannung des Empfangszimmers, in das Lex sie geführt hatte, warf grelle Reflexe auf ihr ohnehin blutleeres Gesicht. Erschrocken wandte sie die Augen von dem hohen Spiegel ab und begegnete plötzlich den Augen des alten Grafen, der lautlos eingetreten war. „Sie kommen spät, mir zu kondolieren, Fräulein Bloem."
Sie hörte verschwommen seine Worte und sah das Geld der Seide wie ein unendliches Weizenfeld um sich her schwanken. Gin Rauschen, das von weit her kam, toste, und eisigkalt brach die Luft über sie herein. Sie muhte eine Stühe suchen und griff mit tastenden Fingern nach der Lehne eines Stuhles. Den Kopf hebend, sah sie Lippstädt mit erloschenen Augen an. „Was ist mit — ihm?"
„Sie wissen noch nicht, Fräulein Bloem?"
„Nichts."
Der alte Graf suchte noch immer in ihrem Gesicht. „Mein Sohn hat ausgelitten — er ist totl“ Und ohne auf den hellen Schrei zu achten, mit dem sie zurücktaumelte, sagte er: „Was nützt es noch, wenn Sie jetzt um ihn rufen. Und wenn Sie ihn aus der Erde scharren wollten, es wäre nicht möglich, denn ich weiß nicht einmal, wo er liegt." Ihr den Rücken zuwendend, schritt er nach dem Fenster. Mochte si« sehen, wie sie damit fertig wurde. Er hatte eS auch gemußt.
Ohne den Blick zu wenden, fühlte er, daß sie ihm gefolgt war. Ihr Körper glitt an dem seinen nieder. „Wann, Graf Lippstädt?"
„Vor Wochen schon!"
Ihre Hände griffen nach den seinen und drückten sie gegen die Stirne. „Nun gehört er mir wieder. Ich will Miß Hetterfield auf den Knien bitten, daß sie mir sagt, wo man ihn hingebettet hat."
„Sie weiß es so wenig wie alle anderen. Gr ist seit dem Ausbruch des Ophier verschollen."
„Man muh nach ihm suchen!"
„Es ist alles getan worden, Fräulein Bloem. Mehr als zweitausend Mann sind seit drei Wochen beschäftigt, ein« Spur von ihm zu finden. Es ist ihnen nicht geglückt."
„Man muh weitersuchen. Auch mein Bruder ist seither verschollen. Können Sie mir sagen, wo ich Mih Hetterfield treffen kann?"
„Sie ist bei mir!"
„Del Ihnen!" Das Mädchengesicht war wieder bläh und entmutigt wie zuvor. „Ich weih, dah sie Viktor liebte, obwohl er mir gehört hat. Aber nun, da er — tot ist, kann sie unmöglich mehv neidisch auf mich fein. Ich will ihr einen Vorschlag machen: Findet sie ihn — so soll et ihr gehören. Finde ich ihn — so ist er mein! Glauben Sie, dah sie daraus eingeht?"
„Fräulein Bloem", mahnte Lippstädt entwaffnet.
„Ist es nicht durchaus ehrlich gehandelt, Graf? And wenn ich ihn auch nur als Toten in den Armen halten kann, es genügt mir. An meinem einundzwanzigsten Geburtstag bekomme ich 3ür- gensbach zugesprochen. Dorthin will ich dann gehen und ihn mit mir nehmen. Man kann auch einem Toten die Treue halten."
„And von dem Lebenden haben Si« sich losgesagt!" Da nichts als ein Wimmern tarn, fuhr er fort: „Nur well Sie ihn nicht mehr im Waffenrock sahen? Von solch einer Kleinigkeit hing Ihre Liebe ab, Fräulein Bloem?"
Das Lächeln um ihren Mund zeigte mehr Verzweiflung, als eine Flut von Tränen «s vermocht hätte. „Nur deshalb, Graf? Ach! Er war mir in jedem Rock der Inbegriff des Glücks. Aber als ich dann mit eigenen Augen sah, wie er Miß Hetterfield im Arme trug, ihre Hände küßte und den Kopf an ihre Knie gedrückt hielt ..." Das letzte erstickte in fassungslosem Schluchzen.
„Sie verleumden einen Toten!" brauste Lippstädt auf.
„Ich hätte es nicht sagen dürfen!" klagte si« sich an. „Vergessen Sie, daß ich ihn beschuldigt habe! Ich bitte Sie, vergessen Sie es, Graf Lippstädt!"
Er hatte bereits auf die Klingel gedrückt. Evelin streckte abwehrend die Hand aus, als Alice eintrat. Ein kurzer Blick der Verständigung wurde zwischen ihr und dem Vater gewechselt, dann waren die beiden 'Mädchen allein.
Ein breiter Streifen Sonne lag über dem großen Teppich und teilte ihn in zwei Hälften. Die Wände flimmerten in kupfernem Gold. Alices schwarzes Haar schillerte blau, als sie es mit rascher Bewegung in den Nacken legte. „Sie sind Viktors wegen gekommen?"
Evelin muhte sich erst fassen. „Ich wußte von nichts", sagte sie leise.
„Weswegen dann?"
Wieder entstand eine Pause. „Mein jüngerer Bruder ist seit dem Ausbruch des Ophier verschollen. Ich bin gekommen, um Graf Lippstädt zu bitten, er möchte sich bei seinem Sohne verwenden, dah er mir behilflich ist, meinen Bruder aufzufinden. Meine Mutter ist am verzweifeln!"
„Ich habe auch einen Toten zu beweinen, Fräulein Bloem", kam es abweisend.
„Ich weih, was Ihnen mein Verlobter war, Miß Hetterfield: Der Inbegriff des Glückes, wie er es mit gewesen ist. Ich habe Ihnen seinerzeit den Lebenden überlassen, Mih Hetterfield. Seien Sie nun großmütig und überlassen Sie mir den Toten!"
3n Alices Gesicht stand eine zornige Abwehr. „War ich es, die Ihnen den Geliebten nahm? Haben Sie ihn nicht freiwillig weggeworfen an dem Tage, an dem er sich gezwungen sah, die Uniform auszuziehen? Meine Arme haben ihn nie umschlungen, mein Mund hat ..Sie schwieg erschrocken, als Evelin sie unterbrach:
„Doch! Sie taten es, Mih Hetterfield. Haben Sie vergessen: Damals im Park, hat er Sie an sich gedrückt, Ihre Hände geküht und dann auf seinen Armen weggetragen. In jener Stund« zerbrach mein Glaube an ihn!"
„Gott, Fräulein Bloem — Sie haben daS gesehen?"
,7Ich habe es gesehen, ja! Ich hatte erfahren, dah Langenbach verkauft werden sollte und lief zu Fuh hierher, um Viktor zu beschwören, er sollte es nicht tun und feinen Vater bewegen, noch so lange zu warten, bis ich volljährig bin. An diesem Tage hätte ich mein Vermögen ausbezahlt bekommen und es ihm zur Verfügung gestellt, um das Gut für ihn zu retten. Ich benützte eine kleine Pforte in der Nähe des Toten* tempels, um hereinzufchlüpfen. Da sah ich Sie kommen mit Viktor an Ihrer Seite. And ich sah alles andere!" Sie strich sich veratmend über die Stirne. „Ich war von Sinnen damals. Ich wußte nicht mehr, was ich tat. In meiner Verzweiflung schrieb ich jenen Brief an ihn, der meine Absage enthielt. Heute würde ich wortlos vergeben, auch wenn er mir ein zweitesmal die Treue bräche!"
„Gr hat Ihnen die Treue nie gebrochen, Evelin!" Alice umschlang die Weinende mit festen Armen. „Es war ein ganz unseliger Irrtum." Mit hastenden Worten berichtete sie. „Laß mich du sagen", bat sie und zog Evelin zu sich auf das Sofa. „Er hat immer dir gehört. And wie dir der Lebendige zu eigen war, so soll dir auch den Besitz des Toten niemand schmälern. Sowie wir ihn gefunden haben, ist er dein!"
„Ich danke Ihnen, Miß — Komtesse Lippstädt." Evelin war wirr im Kopf von dem Gehörten. „Ich will nach Sumatra fahren und nach ihm forschen. Ich habe Zett, und wenn eS Jahre
dauern sollte, einmal muß ich doch an die Stelle kommen, wo er liegt.“
„Es ist alles verschüttet“, gab Alice zu bedenken. „Ich habe ihn ja auch verloren und mit ihm mein Vater und mein Großvater. Wenn ich damals nur geahnt hätte, wie sich alles verhält' Es wäre uns so viel Leid erspart geblieben.. Aber ich kann meinen Großvater nicht dafür tadeln, dah er mich die Wahrheit nicht früher wissen ließ. Gr peinigt sich mit Vorwürfen, daß er Viktor nach Sumatra schickte, aber er hatte es gut gemeint. Es hilft eben nichts, sich gegen das Geschick stemmen zu wollen. Es kommt alles, tote es kommen muß."
Durch die offenen Fenster kam das Goden einer Amsel, die Sehnsucht nach dem Gefährten hatte. Gin Wagen rollte in scharfem Tempo über die Auffahrt und stoppte mit plötzlichem Ruck.
Lex, der an dem großen Hauptportal stand, verneigte sich stumm, als Lutz Setterholm, den Hut lüftete. „Ist meine Schwester hier?" Sein Anzug war verstaubt, und an dem einen der gelben Lederhandschuhe Raffte ein breiter Riß.
„Das gnädige Fräulein ist beim Herrn Grasen."
Lutz' fielen die Schultern in der Minute ungeheuerster Entspannung unwillkürlich nach vorn. Lex hörte das erlöste Aufatmen, das sich seiner Kehle entrang. Welche Angst Lutz in sich getragen hatte, konnte er nicht ahnen. Niemand hatte zu sagen gewußt, wohin Evelin gegangen war. Ihr Wagen hatte in der Garage gefehlt. Er war eine halbe Stunde am Telephon gestanden und hatte Nachfrage bei allen befreundeten Familien gehalten. Nirgends war sie gewesen.
Die Mutter horchte auf jedes Klingelzeichen, und Alla wußte nicht mehr, wo sie Trost und Deruhigungsworte hernehmen sollte.
Seit Thom verschollen war, befand sie sich in einer ständigen Erregung und einer nicht zu bannenden Furcht, sie würde nach ihrem Jüngsten nun auch noch ihre beiden anderen Kinder verlieren. Tagtäglich passierte es, daß sie mitten in der Nacht in Cvelins Zimmer schlich, um zu sehen, ob sie noch da war. Zuweilen überraschte sie Lutz am Telephon mit der hilflosen Frage: „Wo bist du, Lutz?" And wenn sie dann seine Stimme hörte, brach sie in Weinen aus: „Ich hatte plötzlich solche Angst um dich!"
Cs kam vor, daß er solches Mitleid mit ihr empfand, dah er es nicht fertigbrachte, des Abends nach der Fabrik hinauszufahren, so dah er in der Stadtwohnung der Mutter schlief. Auch sonst rief er des öfteren tagsüber an. Er war, was selbst Alla zugeben mußte, ein in jeder Weise zartfühlender, besorgter Sohn geworden.
(Fortjetzung folgt.)


