Nr. 121 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Mittwoch, 21. Mai 1951
Plauderei mit Marlene Dietrich.
Don Or. Kurt London.
Mit fachgerechten Interviews ist das so eine Sache: der Gefragte bemüht sich meistens, druckreif zu sprechen, und so liegt die Gefahr unna- türlicher Geschraubtheit nahe. Zumal bei Düh° nenleuten, die allzuleicht zur.Rolle" werden und den Interviewer sozusagen »zum Publikum machen.
Der günstigste Fall für den wißbegierigen 3out- nalisten bleibt also eine rein private Atmosphäre. Da gibt es Unterhaltungen vom Mensch zu Mensch, Frage und Antwort sind nicht starr vorgeschrieben, sondern ergeben sich zwanglos wie etwa ein Plauderstündchen mit MarleneDiet- r i ch im Salon der Frau Betty Stern.
Wir hocken wie die Schneider aus einer bequemen Touch: daS Gespräch dreht sich zunächst um private Dinge. .Ich bin sehr abgespannt", sagt sie. .Einen Abend Premiöre in Paris, den nächsten Abend in London und öamt wieder nach Berlin, ohne Aufenthalt, damit ich zur Zeit wieder bei Heidi fein konnte." Ein Lächeln verklärt ihr interessantes Gesicht: Heidede ist ihr sechsjähriges Töchterchen, ein ebenso bildhübsches wie kluges Mädel, der die Mutter ein Kinderkostümfest ausrichtete. „3d) habe es ihr doch versprochen, pünktlich zurück zu sein." Bei ihrem ersten Aufenthalt in Hollywood lieh sie das Kind zu Hause, aber die Funkentelegramme stoben nur so zwischen Marlene und Heidede. Diesmal aber fährt Heidi mit nach Amerika, denn eine sechsmonatige Trennung von dem über alles geliebten Kind will die Mutter vermeiden.
Amerika, Hollywood: Stichworte für die Filmarbeit in den USA., von der sie, wie die meisten ihrer Kollegen, sehr begeistert ist. Sie sagt fast dieselben Worte wie Heinrich George ein paar Tage vorher: „Eigentlich kann man nur in Hollywood richtig filmen. Cs ist ein Filmparadies durch seine in jeder Hinsicht großzügigen Hilfsmittel. Dazu kommt, daß die Menschen überaus liebenswürdig sind und einem die Arbeit in jeder Weise zu erleichtern suchen."
„Kein Wunder bei einer so berühmten Frau...“ „Sie irren sich. 3ch kam als unbekannte Gröhe nach Amerika. Man kannte dort keinen Film von mir. Erst nach „Marokko" kam der Erfolg für mich...“
.....und steigerte sich, wie ich hörte, nach 3hrem zweiten Film „Entehrt" noch sehr erheblich. George erzählte begeistert davon.
Sie nickt sichtlich befriedigt, aber bescheidener als man sich bei dieser Frau vorstellen würde, die doch im Mittelpunkt des kunstinteressierten Publikums von Europa und Amerika steht und deren auherordentliche schauspielerisch« Leistungen noch viel von ihr erwarten lassen. Sie legt Gewicht darauf, zu wiederholen:
„Das ainerikanische Publikum kannte mich vor „Marokko" nicht: der „Blaue Engel", der wochenlang am Broadway ausverkauft war, kam erst lange danach heraus."
Ich hörte schon: in Reuhork ift man zur Zeit „von Kopf bis Fuh auf Liebe eingestellt"... Aber sagen Sie gnädige Frau: wie erklären Sie die Tatsache, dah Sie in den Staaten durch einen Film berühmt wurden, während Sie doch in Deutschland lange Zeit brauchten, bis Sie, eigentlich durch den „Blauen Engel", den heutigen Grad Ihrer Beliebtheit erreichten?"
Marlene wird ein wenig bitter:
„Sechs Iahre habe ich mich in Berlin vergeblich beinüht, eine wirklich geeignete Rolle unter einem Regisseur von Format zu erhalten. Aber den Filmdirektoren pahte bald mein Mund nicht, bald fanden sie meine Rase ungeeignet oder meine Augen zu hell. Man behandelte mich recht unfreundlich: da ist cs kein Wunder, wenn ich die Liebenswürdigkeit der Amerikaner doppelt angenehm empfand."
Greta Garbos beste Rotte.
Don Walter Hosenclever.
Der bekannte amerikanische Kritiker Jim Tully Hal mit seiner Behauptung: „So dumm wie Greta Garbo gibt cs niemand in Hollywood" eine stür- mische Diskussion in der Welt entfesselt. Und da somit öffentlief) eine Meinung ausgesprochen wurde, gegen die sich die Betroffene nicht wehren kann, haben die wenigen, die sie näher kennen, die Pflicht, ebenso deutlich ihre Meinung zu sagen. Wenn Sie also, liebe Greta, im Garten Ihres verschwiegenen, von taktlosen Reportern belagerten Hauses meine Zeilen lesen, so nehmen Sie sie nicht als eine Apologie, über die Sie erhaben sind, sondern als schwachen Ausdruck des Dankes für Ihr Dasein.
Der Reiz dieser einzigartigen, einmaligen Erscheinung, die von der Filmindustrie zum Weltruhm gestartet wurde, liegt in ihrer Persönlichkeit. Die Magie, Menschen zu fesseln und auf sie zu wirken, entspringt einer tieferen Quelle. Wenn die Kritiker in der Zurückgezogenheit und Unnahbarkeit dieser Frau einen Beweis gegen ihre Intelligenz erblickt, so wird hier aus der Rot eine Tugend. Denn in einem Land, das den Menschen nur nach seinem wöchentlichen Dollareinkommen taxiert, wo von nichts anderem als von Geld, Skandalen und Cocktails die Rede ist, wo selbst die Palmen und der Ozean zur Verdummung einer stumpfen Zuschauermasse engagiert sind, ist es ein Zeichen höchster Intelligenz, zu Hause zu bleiben, ein Buch zu lesen, und sei es ein Detektivroman, und die Tür vor der ausdringlichen Neugierde des amerikanischen Publi- kums zu verschließen.
Nein wirklich, man muß ein paar Monate auf dem laufenden Band durch alle Etagen dieses geistigen Kunstdüngers gerollt fein, um die Hoffnungslosigkeit des Europäers dort zu verstehen. Und wenn ein paar Berliner Schauspieler ihren Stolz, den Jargon von Hollywood zu beherrschen, in Stimmungsberichten abreagieren, um ihren Kollegen auf dem Kurfürstendamm zu imponieren, so ist das kein Maßstab. Man lese bei Kisch und Duhamel nach. Dann weiß man Bescheid.
Drei Tage und vier Nächte fuhr ich von Neuyork nach Los Angeles. Ich sah Sand, Kaugummi, Eiswasser und Tankstationen. An einem glühenden Juniabend kam ich an. Berthold Viertel holte mich ab, wir fuhren gleich zu seiner Villa am Meer, und nach drei Tagen und vier Nächten bekam ich zum erstettmal wieder anständig zu essen. Da war
Aus der Wett des Films.
Frau Dietrich spricht den Ql amen Iosef von Sternberg mit großer Verehrung aus, wohl nicht mit Anrecht, denn erst Sternbergs Regie- sührung ließ jene starke, spezielle Begabung in ihr ans Licht treten, die ihre Erfolge rechtfertigt.
Wir sprechen über die Landsleute in Hollywood . „Leiden Sie drüben eigentlich auch an Heimweh?"
„Wie die meisten. Ich muß nach einer gewissen Zeit immer wieder nach Deutschland, nach Berlin. Erstens weil ich cs liebe und zweitens, um nicht die Bodenständigkeit zu verlieren." Pause. Dann: „L u b i t.s ch hatte übrigens gar kerne Sehnsucht nach Deutschland. Das war em Gegenstand des Streites zwischen uns". —
Wir sprechen von den neuen Filmen, von Chaplins „City Lights“, die sie begeisternd findet, von dem Mangel an geeigneten Stoffe- für sie. Wir bemerken gar nicht, daß unter neuen Gästen auch der Fridericus-Darsteller Otto Ge
bühr eingetreten ist, was einen Witzbold zu der Bemerkung veranlaßt, daß man nun den sex ap- peal mit dem rex appeal in einem Zimmer zusammen sehe. Schallendes Gelächter macht jebc weitere Anterhaltung unmöglich.
Ein paar Tage später. Wir treffen uns, nun kurz vor der Abreise nach Hollywood, wieder. Abschiedswünsche, herzliche Erfolgswünsche, vorsichtige Frage: „Erlauben Sie mir, gnädige Frau, einiges aus unserem Gespräch zu veröffentlichen?"
Sie lächelt: „Aber schreiben Sie klügere Sachen als ich sie Ihnen sagte."
Das ist unmöglich. Denn erstens liegt keinerlei Grund hierfür vor und überdies, selbst vorausgesetzt, daß der Berichterstatter hierzu fähig wäre, würde er das angenehm liebenswürdige Bild dieser schonen und talentvollen Schauspielerin nicht intellektuell verfälschen wollen.
Oie Film-Episode.
Das wirksame Intermezzo des Spielfilms. — Von der „Frau im Mond" bis zum ^Liebeswalzer".
Don L. von Seuffert.
Die Episode ist sozusagen das Glanzlicht auf dem Filmgemälde. Das Tüpferl auf dem i. Der Schuß Sekt, der das Getränk zum Moussieren bringt! Scheinbar nebensächlich, vielleicht sogar überflüssig, erfüllt die Episode im Filmstück nichtsdestoweniger eine wichtige Aufgabe.
Ohne direkt in den Gang der Handlung einbezogen zu sein, fügt sie dieser eine Fülle kleiner Einzelzüge bei, die in charakteristischer Weise die auftretenden Personen umreißen oder das Milieu lebendiger und farbiger erscheinen lassen.
In der Episode kann sich die Fabulierlust des Dichters, des Regisseurs ausleben. Sie ist nicht an die strenge Konsequenz des Handlungs- <tblaufes gebunden, sondern steht außerhalb desselben. Ia oft verzögert sie den Gang der Handlung und zwingt dadurch zu besinnlichem oder vergnüglichem Derweilen bei mtereffierenöen Details.
Sehr wenige Filme gibt es, die so fest ineinander gefügt und verflochten sind, dah in ihnen kein Platz für das feinziselierte Rankenwerk eines Reinert Zwischenspiels bleibt. Häufiger ist das Gegenteil. Bei einer ganzen Reih« von Spielen, vornehmlich bei solchen heiteren Charakters, besteht deren lockerer Aufbau im wesentlichen aus aneinandergereihten Episoden, die, einzeln genommen, wenig im Gesamtplan bedeuten, in ihrer Totalität aber das eigentliche Bild der Handlung ergeben.
Cs gibt Episoden, die ' gewissermaßen typisch sind, und immer wieder erscheinen. Als charakteristisches Beispiel seien die so beliebten Rcvue-, Darietö- und Kabarettszenen erwähnt, die lange Zeit im modernen Spielfilm quasi obligatorisch schienen, wenn auch ihre logische Berechtigung manchmal sehr an den Haaren herbeigezogen war. Aber sie gaben dem optischen Gesehen Glanz, Farbe, wirbelnde Bewegung, also Reize, die wesentlich für den Erfolg scheinen, und ihre Ausgestaltung im einzelnen lieh der Phantasie immerhin einen gewissen Spielraum. Daher ihre grohe Beliebtheit, sowohl bei den Filmschaffenden, wie beim Publikum.
Angleich reizvoller, weil nicht schematisch, sind jedoch die individuell gestalteten episodischen Streiflichter. Es sind darunter oft Delikatessen für den Filmfeinschmecker, deren er sich mit innigem Vergnügen erinnert, wenn sie auch sonst wegen der Flüchtigkeit ihres Ablaufs und ihrer nur losen Verbundenheit mit den Geschehnissen oftmals nicht nach Gebühr gewürdigt und geschäht werden.
Aus dem Fritz -Lang- Film „Die grau im
Mond" sei auf die wirklich „erschütternde Episode" hingewiesen, in welcher der von schweren Sorgen gequälte Willy Fritsch während eines wichtigen Telephonats in vollständiger Geistesabwesenheit mit einer groben Papierschere die Orchideen seines Gastgebers systemattsch absäbelt, über welch unbewußte Zwangshandlung der unvermutet eintretende, unglückliche Besitzer denn auch prompt in Ohnmacht fällt.
And welcher Besucher des berühmten Lubitsch- Filmes „Der Patriot" hätte nicht seine Helle Freude gehabt über den betulichen Eifer mit dem Iannings als Zar, nachdem er zuerst seine Geliebte etwas plötzlich verabschiedet hat, dieser noch ihr eilig davontrippelndes Schoßhündchen nachwirft!
Manchmal beansprucht das episodische Beiwerk fast größeres Interesse als der eigentliche Film, wie in dem Defina-Film „Landung im Paradies", in dem ein glänzend aufgenommenes, ausführlich gezeigtes Wasserpolospiel mit Motorbooten wirklich aufregend wirkt, was man von dem übrigen Spiel bestimmt nicht behaupten kann.
Der Tonfllm bietet neue Möglichkeiten in der Verwendung solcher Spitzlichter, und da hier das heitere Genre, die Tonfilm-Operette momentan vorherrscht, sprüht es bei den Verfassern nur so von mehr oder minder guten Einfällen, die teilweise schon überraschend Rar der besonderen Wesenheit dieser neuen Filmform Rechnung tragen.
So wenn in dem Tobisfilm „Die Rächt gehört u n 8“ ein aufgeregter Herr vor dem Bankett immer wieder Bruchstücke seiner Rede memoriert, die immer wieder nicht klappt. (Uebri- gens einer der wenigen Fälle, in denen ein Monolog organisch aus de» Situation sich ergibt und deshalb glaubhaft scheint.)
Ganz famos ist auch die witzige, musikalische Unterhaltung der beiden feindlichen Brüder in dem Film „Zwei Herzen im Dreivierte 11 a k t". in der die beiden sich nicht mit Worten, sondern mit Schlager- und Dolksliedmelodien „be- grobfen“, um allmählich immer sanftere Seiten aufzuziehen, bis endlich wieder die alte Harmonie hergestellt ist.
And aus dem entzückenden „Liebeswalzer" erinnert man sich gerne der liebenswürdigen Szene, in der die Pikkolos des „Weihen Schwanes" den direkt aus der Luft heruntergekommenen hohen Gästen auf Mundharmonikas eine Ovation bringen.
feine Frau, die prachtvolle Salla mit ihren drei Söhnen, .ein riesiger Schäferhund, eine Bibliothek und ein Bild von Karl Krau s. Es war wie zu Haufe. Nach dem Essen ging die Tür zum Garten geräuschlos auf und Greta Garbo stand da. Dieser Austritt hatte etwas Unwirkliches, Ueber- raschendes. Das war das Mädchen aus „Gösta Ber- ling" das wir alle so lieben. Ihr Haar, ihre Hände, ihre Augen. Sie trug ein einfaches, fast unelegantes Sportkleid. Eine klangvolle, etwas tiefe Stimme sprach in die Helligkeit der kalifornischen Nacht. Manchmal sah sie aus wie ein schwedischer Student.
Wir saßen am Kamin und tranken. Wir sprachen über „Anna Christie", ihrem ersten deutschen Sprech- film, der auch meine erste Arbeit in Hollywood werden sollte. Ich versuchte, ihr klarzumachen, daß die deutsche Oeffentlichkcit einen künstlerisch wertvollen Film von ihr erwarte, anstatt des unentwegten Kitsches vamphafter Unwahrscheinlichkeiten. Nach anfänglichem Sträuben, sie fühlte sich der deutschen Sprache nicht gewachsen, gab sie nach. Der Film kam zustande. Ich habe sie dann fast täglich gesehen auf Proben, im Atelier, ich bin nachts mit ihr am Meer spazieren gegangen und kann nur versichern, daß sie es mit jedem Kritiker an Intelligenz aufnehmen kann. Würde ich Memoiren schreiben, so müßten die Gespräche mit Greta Garbo einen großen Platz darin einnehmen, denn sie gehören zu den wenigen menschlichen und geistigen Erlebnissen, die dies Land des trocknen Humors und der feuchten Rührseligkeit zu bieten hat.
Ich wünschte, alle Schauspielerinnen würden mit soviel Fleiß und Selbstverleugnung arbeiten'. Ich sage das, weil ich es gesehen habe. Ich war dabei, wie Szenen immer wieder gedreht wurden, weil ein Wort, eine Nuance, ein Tonfall nicht stimmte. Vielleicht ist das tiefste Wesen dieser Frau nicht Schauspielerei. Vielleicht ist es Poesie. Nur in seltenen Augenblicken, bei einer persönlichen Begegnung wird diese Kraft offenbar, strahlt aus und durchdringt. Denn hier lebt ein ganz einsamer Mensch, für den der Ruhm etwas Tragisches hat. Ein Mensch, unbeeinflußt von der Zeit, abseits von Reklame und Erfolg, fast freublos, scheu und erhaben, jener höheren Regung der Seele zugewandt, die man nicht in Dollars ausdrücken kann.
Zum Schluß eine kleine Begebenheit. Wir saßen im Garten beim Tee. Die Sonne sttahlte über der Bucht von Santa Monica. Es war unerträglich heiß. Plötzlich erhob sich ein unbestimmtes Geräusch. Es kam von den Bergen, brauste näher rollte heran. Der Boden wölbte sich. Die Autos im Hof setzten
sich selbsttätig in Bewegung. Der Tisch schwankte. Dassen fielen um. Die Wand des Hauses verbog sich. Wir hörten, wie Gegenstände krachten. Das Gras gab nach. Ein Erdbeben ...
Wir waren aufgesprungen. Die Köchin stürzte totenbleich aus der Küche. Wir sahen uns an. Greta hatte vor Erregung Tränen in den Augen. Es hatte Sekunden gedauert. Eine Ewigkeit des Schreckens.
Dann wurde es unheimlich still. Plötzlich sah ich die Katze. Sie war wahnsinnig. Sie wagte nicht, die Pfoten auf die Erde zu setzen. Sie hatte den Boden, mit dem sie vertraut war, verloren. Sie hatte sich selbst verloren.
Ich nahm sie auf den Arm und tröstete sie. „Arme Katze", sagte ich, „es war ja nur ein Erdbeben." Greta sah es. „Mich auch", bat sie. Ich setzte die Katze auf die Erde und nahm die Garbo auf den Arm. „Arme Greta", sagte ich, „es ist ja vorbei."
Da tat die Katze das einzig Richtige. Sie lief zu ihrer Schüssel und trank Milch. Ich ging zum Teetisch, Laß Sahne in eine Untertasse und reichte sie Greta. Und sie machte es genau wie die Katze. Dann waren wir alle wieder glücklich. Das war ihre beste Rolle.
Worüber man im Tonfilm lacht.
Die komischen Wirkungen, auf denen eine so große Anziehungskraft für große Teile des Filmpublikums beruht, blieben beim Tonfllm zunächst merkwürdigerweise aus. Man überschwemmte die Hörer mit einer sentimentalen Flut von Klagegesängen und ahmte höchstens die Operette nach. Wieviel Humor in den einzelnen Lauten und Tönen liegen kann, das hat eigentlich erst der geniale Walt Disney, der Schöpfer der berühmten Micky Maus, den Tonfilm gelehrt. Diese drolligen Tier- grotesken erhalten doch erst ihre Verklärung durch die überraschend exakte und oft so gegensätzliche Begleitmusik, die aus der ganzen Welt des Klanges das Lustigste borgt. Auch Chaplin hat in feinen „Lichtern der Großstadt", die ja kein Ton-, aber doch ein. Geräuschfilm sind, der Komik des Tonfilms neue Bahnen gewiesen, so wenn er z. B. ein Pfeifchen verschluckt und dann bei jedem starkem Atemzug einen schrillen Pfiff ertönen läßt oder wenn das Hcruntergliischen der langen Makkaroni-Schlangen beim Mittagessen durch eine gleitende Skala hoher Töne illustriert wird.
Die beliebte Filmposse, die auf einen luftigen Dialog angewiesen ist, liegt freilich noch sehr im Argen.
Berliner Film-Bericht.
„Die Million". — Der erste Tonkurzsilm.
Berlin, im Mai.
Rene Clair, der Franzose, hat sich mit seinem ersten Film, dem man in Frankreich mit Gleichgültigkeit begegnete, mit „Unter den Dächern von Paris" in die Herzen des deutschen Film- Publikums gespielt, und der Schlager „Sous les toits de Paris sind die Mädel so süß" ist eine Zeit sozusagen deutsches Volkslied gewesen, fo daß man von seinem neuen Film „Die Million" immerhin eine Leistung erwarten konnte, die der junge Regisseur ganz erfüllt hat: fetten haben die Berliner so gelacht. Die Handlung beginnt wieder mit den Dächern von Paris, um sich dann in einem Maleratelier fortzufetzen. Der Maler hat eine Million in der Lotterie gewonnen, aber das Los ist verschwunden, unÄ der Chorus seiner Gläubiger drängt vergeblich auf Bezahlung. Wo ist der Rock, le veston, von dem in diesem Film soviel gesprochen wird? Wüßte man es, hätte man das Los und damit das Geld und alle Röte wären behoben, denn das Los steckt in einer Rocktasche. Iagd nach dem veston. Zunächst hat es der Führer einer Ganovenbande angelegt (Chor der Gauner), auS besten Kramladen es der Sänger Sopranelli erwirbt, um als Bandit auf der Bühne zu erscheinen. Große Verfolgung des Rocks, bis auf die Bühne der Oper (Opernchorus), die in ihrem ganzen faulen Kitsch lustig parodiert wird. Allerlei Gewalten sind hinter dem Rock her, die sich begegnen, sich befeinden und befehden, bis sich endlich alles zum Guten wendet: das Los ist gefunden, und uh Atelier unterm Dach hebt ein großes Fest an, zu dem alle Beteiligten geladen werden.
Der große Erfolg, für den sich Ren6 Clair persönlich bedankte, ist durchaus seine eigene Leistung: Regie, Manuskript und alle zahllosen hübschen Einfälle stammen von ihm. Man wird die gejagte Million auch bald im Reiche sehen und wird sich an den graziösen, tänzerischen Märschen und Abgängen-der verschiedenen Chöre erfreuen, die schließlich im großen Opernwesen, seinen Kulissen und seinem Dlütenregen gipfeln. Es ist kein realistischer Film, er gibt eine ganz unwahrscheinliche Welt, wie sie Chaplin zeigt, er hat Spuren von Buster Kea ton, aber er ist in sich einheitlich, geschlossen und nicht nur mfot Musik getränkt, sondern musckalisch in sich. Auch der Deutsche wird ihn verstehen. Wenn die Situation schwieriger wird, schieben sich kleine Intermezzi in deutscher Sprache ein, die di» Handlung erfiären, eine gefällige und nachahmenswerte Erfindung des Regisseurs.
Die Ufa zeigt eine Rauheit: den ersten Jon» kurz film, der, so ist die Meinung, als Füller im Beiprogramm seine Stelle besetzen soll. Don diesen filmischen Kurzgeschichten, von denen noch einige vorbereitet werden, heißt der erste: „Der Stumme von Portici". Er erzählt in der Art der englischen short-stories eine spannende und ungewöhnliche Kurzgeschichte „aus dem Leben", die sich ereignet, nachdem der Ehemann Hahnen- Ree mit seinem Monatsgehalt auf den Bummel ging und dabei die Brieftasche verlor: um allen Erklärungen auszuweichen, stellt er sich stumm. Aber bei diesen Dingen kommt es weniger auf das Was als auf das Wie an, auf die Charkte- ristik, die Ausführung des Dialogs und dit» Pointen. Hierbei bewähren sich einige bekannte Berliner Schauspieler unter der Leitung Kurt Gerrvns, der hier zum erstenmale Regie führt: Szöke S z a k'a 11, Ida W ü st, Karl «SttHngcr und Siegfried Arno, deren ausgesprochenes mimisches Talent diesem Reinen Spiel belebend zugute kommt, so daß der erwartete Heiterkeitserfolg nicht ausbleibt. A.
Die auf der Sprechbühne erprobten Komiker standen hier vor besonderen Schwierigkeiten. Bekannt- lich wartet ja der erfahrene Spaßmacher, wenn er seine zwerchfellerschütternden Mätzchen oorbringt, mit einem neuen Attentat auf die Lachmuskeln, bis sich der Heiterkeitssturm gelegt hat, denn die nächste Pointe würde in dem allgemeinen Getöse unter- gehen. Im Tonfilm kann man das Dorübergehen der Lachsalven im Publikum nicht voraussehen und daher auch nicht abwarten. Wenn Berlin über einen Witz 20 Sekunden lacht, so lacht vielleicht Kyritz- Pyritz eine Minute und Pillkallen gar nicht. Man kann daher keine Pausen eintreten lassen, sondern der Strom des Witzes rauscht ununterbrochen fort und viele Pointen gehen verloren. Der Filmkomiker mußte sich daher auf eine ganz andere Art der Technik einrichten als der Spaßmacher der Bühne und des Varietes. Auch die Tricks, mit denen man die Lachmuskeln kitzelte, mußten neu gefunden werden, denn die des stummen Films versagten. Daß jemand seine Unaussprechlichen verliert, daß er die Treppe herunterfällt oder als Ahnungsloser und Unbeteiligter übel behandelt wird — das sind Szenen, die im stummen Film nie versagten, aber im Tonfilm durch die viel stärkere Wirkung des Wortes in den Hintergrund gedrängt sind.
Da mußte man Neues finden, und man kam vielfach durch Zufall darauf, worüber das Publikum im Tonfilm lacht. So hatte der Darsteller des Pantoffelhelden in einer Posse während der Aufnahmen eine starke Erkältung und nieste häufig. Man wollte roeaen dieser störenden Unterbrechungen die Szene nicht noch einmal drehen und ließ das Niesen in der Aufnahme. Aber bei den ersten Probevorführungen des Films, brach bei jeder Nasenäußerung des geplagten Ehemannes die Zuhörerschar in eine Lachsalve aus, und man. hatte damit einen großen Schlager erzielt. Natürlich wird seitdem die komische Wirkung des Niesens reichlich ausgenutzt. Ebenso wirkt das tiefe Seufzen einer ängstlichen jungen Same, ja auch das leicht asthmatische Aechzen einer alten Frau unter Umständen höchst komisch. Ein schüchterner junger Mann, dessen Stiefelsohlen in den großen Augenblicken, in denen er etwas unternehmen möchte, andauernd knarren, erregt durch diese Aeußerung Heiterkeitsstürme, wie sie die witzigste Redewendung nicht heroorbringen könnte. So siegen bisher noch in der Tonfilmposse die „Na- turlaute" über das gesprochene Wort, aber man fängt auch zaghaft an, einen feinernen komischen Dialog auszubilden. fb.


