Beamten einen Deinschuß erhalten hatte. Inzwischen waren die beiden überfallenen Bankbeamten von ihren Fesseln befreit worden, die von dem Erlebten so in Erregung verseht waren, dah sie kaum einige Worte hervorbringen konnten Die beiden Räuber wurden zum Polizeipräsidium gebracht, und nach einem vorläufigen kurzen Verhör wurde der Verletzte im Gefängniskrankenhaus, sein Komplice im Polizeigefängnis untergebracht.
Oderheffen
Oer Voranschlag des Kreises Lauterbach f. r 1931.
Der Kreistag des Kreises Lauterbach wird sich in seiner ordentlichen Tagung am 2. Apr.l mit dem Kreis-Doranschlag für 1931 beschäftigen. Der Voranschlag schließt je in Einnahme und Ausgabe mit der Gesamtsumme von 289 869 Mark (im Vorjahre 280 592 Marl) ab. Davon entfallen auf die Detriebs- rechnung in Einnahme und Ausgabe je 255 158 Mark (im Vorjahre 253 247 Mark), auf die Dermögensrechnung 34 711 Mark (im Vorjahre 27 345 Mark). Die Kreisumlagen sind, wie im Dorlahre, wieder in der Höhe von 82 000 Marc vorgesehen. Dei der Aufstellung des neuen Haushaltsplanes sind die Ausgaben soweit wie nur irgend möglich noch gesenkt worden. Diese Tendenz wurde namentlich bei den sachlichen Ausgaben verfolgt, bei denen mit Rücksicht auf die Preissenkungsbestrebungen eine rund lOprozentige Kürzung vorgenommen wurde. Auch die Ausgaben für wohltätige und gemeinnützige Zwecke, soweit sie nicht auf gesetzlichen oder vertraglichen Verpflichtungen beruhen, wurden um 10 Prozent ermäßigt.
Rach dem Verwaltungsbericht für 1929 hat das Rechnungsjahr 1 929 folgendes Ab - schlußergebnis gebracht: Einnahmen 255 258,87 Mark, Ausgaben 220 547,33 Mark, mithin verbleibt ein Rest von 34 711,44 Mark.
Rach dem Schulden - und Vermögensverzeichnis befindet sich der Kreis Lauterbach in der erfreulichen Lage, keine Schulden zu haben, auf der anderen Seite aber ein Vermögen an Kapitalien a) in Gestalt von ausgeliehenen Daudarlehen und Fonds der verschiedensten Art in Höhe von 84 387 Mark, und b) an Immobilien in Höhe von 63 600 Mark zu besitzen. Ueber die vorhandenen Mobilien besteht ein Inventar, es ist aber davon abgesehen worden, den Kapitalwert dieses Desihes ziffernmäßig anzugeben.
Gememderat in Lich.
s) Lich, 26. März. In seiner jüngsten Sitzung beschäftigte sich der Gemeinderat mit der Derotung eines Nachtrags zum Waldwirtschaftsplan 1931. Zur Beschäftigung von Wohlfahrtserwerbslosen ist der Stadt ein zinsverbilligtes Darlehen von 15 000 Mark gewährt worden, das zusammen mit weiter zur Verfügung gestellten Mitteln zur Chaussierung von Feld- und Waldwegen verwendet werden soll. Das Forstamt Lich hat nach einer Ortsbesichtigung mit dem Gemeinderat einen Rachtragswirtschaslsplan für Waldchaussierungen ausgestellt. Die Vorlage fand einstimmige Annahme.
Die Vergebung der städtischen Taglohnfahrten im Rj. 1931 an Karl Rathes zum Preise von 1,28 Mark pro Stunde für ein doppelspänniges Fuhrwerk und 1,05 Mark pro . Stunde für ein Cinspännerfuhrwerk wurde genehmigt.
Ferner gab der Bürgermeister bekannt, daß die Stadt Lich um Bewilligung eines Zuschusses in Höhe von 100 Mark zur Erwerbung eines 1 Modells für ein Reeb-Denkmal, das ? evtl, in späterer Zeit ausgeführt und hier zur
Aufstellung kommen soll, angegangen worden sei. Der Gemeinderat konnte sich zu einer Bewilligung städtischer Mittel nicht entschließen.
Auf Antrag des Obst- und Gartenbauvereins Lich wurde beschlossen, zur Schädlingsbekämpfung im Obstbau eine systematische Bespritzung aller Ob st bäume in dem gesamten Gebiet nördlich der Stadt zwischen Badeanstalt und dem Wasserreservoir, begrenzt durch das Hohlwäsfer- chen, unter Aufsicht eines Feldschühen durchzuführen und die Kosten von den beteiligten Obstbaum- besihern durch die Stadt zu erheben.
Sängergau Vogelsberg-Süd.
Büdingen, 25. März. Unter dem Vorsitz von Lehrer W. Linner (Bleichenbach) tagte im „Fürstenhof" der Gauvorstand des Sängergaues Vogelsberg-Süd, um die Richtlinien für das am 10. Mai in Büdingen stattfindende W e r t u n g s s in ge n festzulegen. Wertungsrichter sind die Herren Blaß (Gießen) und Samper (Darmstadt). Als Pflichtchöre werden neben dem Wahlchor „Mein Deutschland", von Mangold, und „Ci, du feiner Reiter", von Willms, abwechselnd von den Gauvereinen gesungen. Am Rachmittag findet eine öffentliche Kundgeb ungfürdasdeut- s ch e Lied statt, bei der vier Massenchöre des Gaues, sowie Kinderchöre der oberen Volksschulklassen zum Vortrag kommen werden.
Bezir.shandwerkertag in Büdingen.
!! B ü d i n g e n, 24. März. Der Bezirkshandwerk e r t a g des Bezirksvereins Büdingen und Nidda, der anläßlich der Reichshandwerkswoche im Hotel „Zum Fürstenhof" in Büdingen stattfand, nahm einen eindrucksvollen Verlauf. Nachdem man in der Gewerbeschule die Ausstellung handwerklicher Erzeugnisse besichtigt hatte, nahm die Tagung ihren Fortgang. Der Vorsitzende des Bezirksverbandes, Echuhmachermeister Zahn, wies auf die Bedeutung des Tages hin. Nach ihm sprach Kreisdirektor Dr. G a ß n e r. Der Redner behandelte u. a. die außerordentlichen Schwierigkeiten der Geldbeschaffung im Handwerk und gab sehr beachtliche Anregungen und Aufschlüsse, um dieser Schwierigkeiten Herr zu werden. Dr. Reif von der Handwerkskammer-Nebenstelle Friedberg sprach sodann über die Erwartungen und Erfolge der veranstalteten Reichshandwerkswoche. Die anwesenden Handwerker ermahnte der Redner zum engen Zusammenschluß und empfahl besonders, erhöhtes Augenmerk auf die Ausbildung und Fortbildung des Handwerksnachwuchses zu lenken. Gewerbelehrer R e i b e r t hielt einen Lichtbil- dervortrag über das Thema „Der deutsche Handwerker in der Vergangenheit". Die hochinteressanten Darbietungen fanden verdienten Beifall. Der Gesangverein „Liederkranz" unter Mitwirkung von Herrn W. Ap p e l (Tenor) umrahmte die Feier durch mehrere ausgezeichnete Chöre und Soli.
t’aiUHtc e Hetzen.
z Rödgen, 25. März. In seinem zweiten Vortrag im hiesigen Leseverein behandelte Lehrer I u n g, Großen-Buseck, die Menschen der Urzeit, und zeigte die Entwicklungsstufen in Waffen und Werkzeugen und im Wohnungsbau. Besonders ging er auf die Gräberfunde in der engeren Heimat ein. Die aus den vier Vortr.ägen der Herren Dr. Michel und I u n g gewonnenen Kenntnisse sollen durch einen Besuch der Gießener Museen noch vertieft werden.
8 Alten-Buseck, 25. März. Am Montag beschloß der hiesige Frauenmissionsver- e i n seine diesjährige Tätigkeit mit einem Familienabend. Unsere Krankenschwester gedachte in einer Begrüßungsansprache besonders des früheren Leiters des Vereins, unseres verstorbenen Pfarrers Hartmann. Die jüngeren Mitglieder brachten einige gut dargestellte Theaterstücke zur Aufführung, die einen tiefen Eindruck hinterließen. Bei Kaffee und Kuchen verbrachten die Gäste und Mitglieder einige schöne Stunden geselligen Beisammenseins.
Kreuzweg der Lebe.
Roman von Paul Grabein
Urheberrechtsschuh: Romandienst „Digo", Berlin W 30.
H. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
9. Kapitel.
„Run hab' ich aber, weiß Gott, genug von dem Stumpfsinn!"
Aergerlich warf Drenck das Buch vor sich auf den Schreibtisch, in dem er die letzten Minuten überhaupt nur noch gähnend und seufzend gelesen hatte.
5rau Ursula blickte bekümmert zu ihm hinüber von ihrem Platz am Fenster, der auf erhöhter Estrade mit seinem zierlichen venezianischen Sessel und Nähtischchen eine anmutende Frauenoase in dem mit schweren, dunklen Renaissancemöbeln gefüllten Herrenzimmer des Gutshauses bildete. Sie hatte schon die ganze letzte Zeit verstohlen und sorgenvoll zu dem Gatten hinübergeblickt, der da über einem landwirtschaftlichen Lehrbuch saß. Mit großem Eifer war er an das Studium des Werls herangegangen, wollte er doch als ne..er Pächter des Ritterguts möglichst bald selber recht viel vom Betrieb verstehen, um seinem Inspektor, auf den er sich jetzt ganz verlassen müßte, die Zügel aus der Hand nehmen zu können. Aber das Feuer erlosch bald. Die ungewohnte Arbeit des Studierens lieh ihn bald ermüden, und jetzt — nach kaum einer halben Stunde — war seine Geduld erschöpft.
„Du mußt dir auch nicht zuviel im Anfang zu- muten, Fred", tröstete Ursula, von geheimer Sorge geängstigt, dah nun auch dieser Versuch, ihn zu beschäftigen, wieder fehlschlagen sollte. „Sieh mal, cs ist ja doch ganz was Reues und Fremdes, an das du dich erst gewöhnen mußt. Leg ruhig also das Buch ein paar Minuten aus der Hand — wir plaudern so lange — und dann fängst du mit frischer Kraft und Lust wieder an."
„Den kondensierten Stumpfsinn? Ree, danke ergebenst! Lieber die Daumen drehen — das ist noch 'ne hochgradig geistreiche Beschäftigung dagegen, sag' ich dir."
„Aber, Fred, wirf doch nicht gleich die Flinte ins Korn!" bat Ursula. „Hab doch ein bißchen Geduld! Man gewinnt ja vielen Dingen erst bei näherer Bekanntschaft Interesse ab. Und außerdem — du erklärtest es doch selbst für so nötig, daß du dich recht bald mit der Landwirtschaft vertraut machst."
„Gewiß, aber daS kann man auch — und tausendmal besser — ohne Bücher. Die Praxis, das ist die beste Lehrmeisterin. Aber da« ist ja eben die Niedertracht, daß ich da nicht so kann,
wie ich will. Da arbeitet nun zum Beispiel heute draußen meine neue Dreschmaschine auf d»m Felde, und ich muh hier in der Stube hocken, bloß weil draußen der Wind ’n bißchen über die Stoppeln pustet. Soll man da nicht aus der Haut fahren?"
Erregt schlug Drenck mit beiden Fäusten auf den Tisch.
Frau Ursula blickte unwillkürlich hinaus in den Garten, wo gerade ein heftiger Wirbelstoh des Heraststurmes die gelben Blätter in tollem Tanz umherjagte.
„Aber sieh doch nur, Fred. Es stürmt ja direkt, und dazu noch diese naßkalte, rauhe Lust heute!"
„Ach, es ist ja nicht bloh heute. Heute ist's der Sturm, aber morgen sonst irgendwas anderes! Immer heiht's nur: .Das darfst du nicht! Denk an dich — schone dich!' — Richts, nichts kann man! Kein Reiten, kein Iagen, kein Rauchen, kein Trinken — nichts, nichts! Wenn ich das bloß vorher hätte ahnen können!"
In tiefster, stummer Pein sprang Frau Ursula auf. Da war sie wieder, jene graue Hoffnungslosigkeit, die sich lähmend wie ein Alp auf sie beide zu legen drohte. Rein, nein! Rur das nicht erst aufkommen lassen. Und in ihrer Angst lief sie zu dem Gatten hin. umfing feine Schultern und schmiegte sich schmeichelnd flehend an ihn.
„Freddy, nicht doch so! Du bist wirklich ein bißchen ungerecht." Er wollte heftig aufbegehren, aber sie siel ihm eilends ins Wort: „Gewiß, ich weiß ja am besten, wie schwer du zu entbehren hast, mein Armer, Liebster! Gerad' all das, was früher deine ganze Freude war. Aber es wird sich ja alles noch bessern.
„Glaubst du's?" Höhnisch lachte Drenck auf. „Ra, Gott erhalte dir deine Vertrauensseligkeit! Mir ist sie allmählich gründlich abhanden gekommen, nachdem auch das Vierteljahr im Sanatorium nicht für einen Deut was genützt hat."
Ursula mußte ihm eigentlich im tiefsten Innern ja recht geben; aber sie wollte es sich selbst und ihm nicht eingestehen. Mit dem Trieb der Selbst- erhaltung klammerte sie sich an die wohlfeilen landläufigen Vertröstungen der Aerzte auf die Zukunft; sie betörte sich selbst mit der Hoffnung, daß mit der Zeit sich Fred doch noch wesentlich mehr kräftigen würde. So waren es denn nicht bloß leere Worte, die sie ihm nun geängstigt gab:
„Du mußt eben Geduld haben, mein lieber, einziger Freddy! Sieh mal, cs sind ja noch nicht drei Vierteljahr feit deiner Erkrankung her; und eine so schwere Attacke des Körpers wie die deinige braucht natürlich Iahr und Tag, um wieder ganz ausgeheilt zu werden."
„Die Litanei der Aerzte! — Hängt mir nachgerade auch schon zum Hals heraus. Und mit dem Leim fangt ihr mich nicht mehr. Gib dir
gck. roßen - Buseck, 24. März. Die hiesige Volksschule hatte die Gemeinde zur Teilnahme an einem von ihr borbereiteten Heimatabend eingeladen. Rach Worten der Begrüßung wies Rektor I n d e r t h a l auf den Zweck der Veranstaltung hin und hob die ideellen Werte hervor, die die Heimat dem Menschen biete. Von den Schülern und Schülerinnen der Ober- t(affe mit viel Begeisterung vorgetragene Heimatlieder und -gedichte fanden den wohlverdienten Beifall der, wie bei solchen Gelegenheiten immer, zahlreich Erschienenen. Dankbar aufgenommen wurden auch die hübsch in den Rahmen sich einfügenden Darbietungen des. Posaunenchors, der sich uneigennützig in den Dienst des Abends gestellt hatte und sich erneut Sympathien erwarb. Am Schluß des ersten Teils hielt Lehrer Jung einen mit viel Fleiß zufammengestellten Vortrag über die Geschichte des Busecker Tals. Seine interessanten Ausführungen begegneten allgemeinem Interesse. Rach einer Pause übergab Rektor Inderthal den Siegern und Siegerinnen die bei den letztjährigen Rcichsjugendwett- lämpfen errungenen Ehrenurkunden des Reichsund des Staatspräsidenten. Die für diesen Teil unter dem Motto „Das malerische Lahntal" vorgesehenen Lichtbilder konnten infolge Versagens des Lichtbildwerfers nicht geboten werden. Mit Worten des Dankes an die Ausführenden, die Mitglieder des Schulvorstandes und den Gastwirt Brück, der den Saal unentgeltlich zur Verfügung gestellt hatte, schloß der Leiter die Veranstaltung mit einem Hoch auf das Busecker Tal und das deutsche Vaterland, worauf die Anwesenden das Deutschlandlied fangen.
• Londorf, 25. März. Am vorigen Sonntag hielt der Ortsgewerbe-Verein „Rabenau" in Londorf eine gutbesuchte Kundgebung anläßlich der Reichshandwerkswoche ab. Es waren etwa 70 Handwerksmeister erschienen. Rach einleitenden Worten des ersten Vorsitzenden, Herrn Schmiedeknecht, in denen er die Versammlung begrüßte und kurz auf die Bedeutung der Handwerkswoche hinwies, hielt Herr Usinger einen Vortrag über „Kultur und Handwerk". Er wies an Hand der Geschichte nach, daß das Handwerk, einer der wichtigsten Kulturträger des deutschen Volkes, dazu berufen ist, am Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft tatkräftig mitzuarbeiten. Darauf sprach der Vertreter der berufsständigen Fürsorgeeinrichtungen des Handwerks, Herr S ch e w e , über die Rotwendigkeit des Zusammenschlusses des gesamten Handwerks. Er stellte das Verhältnis des Handwerks zur heutigen Staatswirtschaft klar. Den Rednern zeigte der lebhafte Beifall, dah ihre Vorträge bei der Versammlung Anklang gefunden hatten. Mit dem gemeinsamen Gesang des Deutschlandliedes schloß die wohlgelungene Versammlung, die zeigte, dah das Handwerk und Gewerbe in der Rabenau sich seiner wirtschaftlichen Stellung voll bewuht ist.
Q Holzheim, 24. März. Die hiesige Schule veranstaltete in den Nachmittagsstunden des Sonntags erstmalig eine Ausstellung der Handarbeiten und der Erzeugnisse der Kochkunst. Auf langen Tischreihen des großen Rathaussaales lagen all die Dinge, die die Mädchen vom dritten bis achten Schuljahr unter Anleitung der Handarbeitslehrerin E Strack (Gießen) im Laufe des Jahres gearbeitet haben. Allgemein war mgn überrascht über die Erzeugnisse der Back- und Kochkunst, die an Schönheit und Appetitlichkeit nichts zu wünschen übrig ließen. Auch die schriftlichen Arbeiten der Fortbildungs- schülerinnen aus dem wissenschaftlichen Unterricht fanden viel Beachtung.
— L i ch, 25. März. Die hiesige Volksschule veranstaltete am Sonntagnachmittag im Sitzungssaal des Rathauses eine Ausstellung von Handarbeiten, Zeichnungen und sonstigen Arbeiten, die die Schüler im laufenden Schuljahr in den verschiedensten Unterrichtsstunden angefertigt hatten. Die schöne Ausstellung wurde von 284 Erwachsenen und 360 Schulkindern besucht.
keine Mühe — du kannst mir die nackte Wahrheit doch nicht mehr bemänteln: Mein Dasein ist verpfuscht für immer! Es gibt nichts mehr, was mir helfen kann."
Wie ein Stich drangen ilrfula die Worte ins Herz.
„Fred, denk doch an mich!" Leise, zitternd flehte sie es, aus ihrer tödlichen Angst heraus. Ihr fiel die Stunde ein, da er im Frühjahr, voll neuer Hoffnungen, um sie geworben hatte; wo er ihr gesagt hatte, daß ihr Besitz seinem Leben einen neuen Inhalt und Zweck geben würde. Run sollte auch dies Hoffen getrogen haben? Mein Gott, dann war ja ihr ganzes, großes Opfer umsonst gewesen.
Drenck fühlte die Angst, die sie erbeben machte, und der Egoismus des Kranken, der allmählich immer mehr Besitz von ihm ergriffen hatte, machte da wieder der Güte und ritterlichen Gesinnung Raum, die ursprünglich seinem Wesen eigen waren.
„Verzeih!" bat er reuevoll und zog sein junges Weib an sich. „Ich tat dir wehe. Aber ich wollte es nicht, bei Gott! Im Gegenteil, Ursel, du weißt nicht, wie leid du mir tust, wie manchmal ich mir die bittersten Vorwürfe mache, daß ich mein Leben an das deine gefettet habe. Aber ich habe das ja damals nicht ahnen können."
„Schweig doch — schweig!" Sie verschloß ihm den Mund mit den Lippen. Sie war ja in diesem Augenblick schon glücklich, daß sie nur wieder ein herzliches Wort von ihm horte, Und klug nutzte sie den Umschlag seiner Stimmung aus. Sie hatte im Lause ihrer kurzen Che, mehr Krankenpflegerin als Gattin, es bald gelernt, um seinetwillen eine Heiterkeit zu Heucheln, die ihr nicht von Herzen kam; so wußte sie ihn denn auch jetzt unter Schmeicheln und Scherzen zu dem bequemen englischen Klubsessel nahe bei ihrem Fensterplatz zu bringen, wo er sich's, halb liegend, bequem machen mußte, während sie sich neben ihm auf der breiten Lehne niederließ und ihm aus einem Buch einen neuen Roman vorzulesen begann. Das war noch so eines der wenigen Hilfsmittel, das Fred wenigstens für eine Weile über feine trübseligen Anwandlungen und die Langeweile hinweghalf.
Freilich, allzulange hielt auch das nicht vor, und Frau Ursula war daher nicht minder erfreut als ihr Gatte, als plötzlich durch die tiefe Stille des Hauses das laute Hupen eines Autos draußen vorm Portal scholl und alsbald das Hausmädchen mit dem Präsentierteller erschien, auf dem sie der gnädigen Frau zwei Visitenkarten hinreichte.
Besuch — wahrhaftig! — Also ein Ereignis ersten Ranges in ihrer ländlichen Abgeschiedenheit. Eilig griff Urfula nach den Karten:
v. Recknih, Oberleutnant a. D.» Chefpilot der Lufthansa."
)( L i ch, 25. März. Die beiden Frauenkränze, die Freundinnen junger Mädchen und der Mädchenkranz, veranstalteten im (Semeinbefaal einen gc* kranz, veranstalteten im Gemeindesaal einen gemein- Tarnen Vortragsabend, der der Bahnhofsmission gewidmet war. Frl. Knabenschuh von der Bahnhofsmission in Frankfurt a. M. zeigte den zahlreich erschienenen Zuhörerinnen zunächst die geschichtliche Entwicklung dieser segensreichen Arbeit, um dann aus dem Schah ihrer reichen Erfahrung manch erschütterndes Bild aus dieser Arbeit zu bieten, das die Rotwendigkeil der Bahnhofsmission begründete. Die bc.öen Geistlichen sprachen das Begrühungs- und Schlußwort. Zum Besten der Bahnhofsmission wurde eine Kollekte erhoben, die 14 Mk. ergab.
Neuer Krawall in Mainz.
WSR. Mainz, 26. März. Gestern gegen 12 Uhr zog ein größerer Trupp Kommunisten singend den Bebelring entlang. Dort, wo zur Zeit Kanalaraeiten vorgenvmmen werden, kam es zwischen den Arbeitern und Kommunisten zu Auseinandersetzungen. Die Kanal- ar be i t e r , die der Rationalsoziacistischen Partei und dem Stahlhelm angehören sollen, wurden von den Kommunisten mit Steinen bombardiert und muhten-flAhten. Das Rotrufkommando wurde herbeigerufen und machte dem Bombardement ein Ende. Verschiedene Kommunisten kamen zur Anzeige. In der vergangenen Rächt sah man ununterbrochen das Rot - rufkommando durch die Straßen der Stadt patrouillieren. An allen Straßenkreuzungen, hauptsächlich in der Altstadt, am Höfchen und Theaterplatz sah man herumschwärmende Stahlhelmleute in Uniform, Kommunisten und Rationalsozialisten, eigentümlicherweise fast alle mit Bergstöcken bewaffnet, die sich gegenseitig verfolgten. Polizeibeamte bewachten in Doppelposten die Straßenecken und instruierten das umherfahrende Ueberfallkommando. Wo eine Schlägerei sich zu entwickeln drohte, war das Rotrufkommando sofort zur Stelle und säuberte die Straßen.
12 Zähre Zuchthaus für die Badenheimer Bluttat.
WSR. Mainz, 26. März. Rach mehrtägig«! Verhandlung vor dem Schwurgericht zu Mainz wurde heute der Draubursche Gustav Arzberger zu 12 3 obren Zuchthaus verurteilt. Der Angeklagte hatte den Sohn seiner Dienstherrin, den Studenten Heinrich H a u b, wie damals berichtet, vor einigen Monaten im Keller des Brauhauses Haub zu Bodenheim erschossen. Der Staatsanwalt schilderte in großen Zügen die Tat, ging auf das anfänglich gute Verhältnis des Angeklagten zu seiner Dienstherrschaft ein, das sich infolge der Neigung des Angeklagten zum Alkohol aber ständig verschlechterte. Er wiederholte alle verdächtigen Aeußerungen des Angeklagten im Laufe der letzten Monate vor der Tat und beantragte gegen ihn die Todes strafe wegen Mordes und Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf Lebenszeit. Der Verteidiger legte dar, daß von einer vorbereiteten Tat keine Rede sein könne. Der Angeklagte sei lediglich über die Grenz? der Rotwehr hinausgegangen und könne höchstens wegen fahrlässiger Tötung bestraft werden. Der Angeklagte hatte das letzte Wort und bat, die Strafe so zu bestimmen, wie es da« Gericht für angemessen halte. Rach l^/.stündiger Beratung erging folgendes Urteil: Der Angeklagte wird wegen Totschlages zu 12 3 ab reit Zuchthaus verurteilt. Außerdem erkennt das GeriHt wegen Vergebens gegen das Gesetz über Schußwaffen auf zwei Monate Gefängnis. Die bürgerlichen Ehrenrechte wurden Arzberger mit Rücksicht auf die tragische Verwicklung der Tat und auf seine bisherige Unbestraftheit nicht aberkannt.
„Was, Recknitz?" 3n yelier, frohester Heber- raschung entriß ihr Drenck die Karte. „Aber das ist ja" — und mit einer Lebendigkeit, die sie gar nicht mehr an ihm kannte, stürzte er hinaus auf die Diele, um freudestrahlend den lieben Gast zu empfangen.
„Recknih — mein alter 3unge! Also wirklich?* 3mmer wieder schüttelte er mit krampfhaftem Druck die Hände des einstigen Kameraden, der da wahrhaftig vor ihm stand. „Qlber, nun sag doch, wie kommst du in aller Welt denn hierher?"
..Höchst einfach!" lachte der andere. „3ch bin mit der Leitung des Flugplatzes in Dresden beauftragt. Da bin ich rasch mal zu dir rüber* gekommen."
„Und ich habe keine Ahnung davon? Wie lange denn schon?"
„Ra, an zehn Tage."
„Und da läßt du dich heut erst sehen?" Drenck hatte inzwischen seinen Arm in den des Freundes geschoben und führte ihn durch den Salon nach seinem Zimmer. „Du hast doch gewiß längst gehört, daß ich hier auf meiner Klitsche sitze?"
„Natürlich! QUer war mir beim besten Willen nicht eher möglich" —
Recknih ließ den Arm des Freundes plötzlich fahren und verneigte sich; er stand Fran Ursula gegenüber.
„Hier hast du meinen guten, alten Recknitz in natura, von dem ich dir so viel erzählt habe", stellte Drenck vor. „Er ist nach Dresden verseht. Was sagst du dazu? 3st das nicht großartig?"
Ursula reichte in herzlicher Freude dem Freunde ihres Gatten die Hand, die dieser mit respektvoller Verneigung küßte.
„3ch freue mich aufrichtig, Herr von Recknitz. Etwas Lieberes hätte sich mein Mann ja gar nicht wünschen können. Hoffentlich bleiben Sie uns nur recht lange erhalten?"
„Ich rechne mindestens mit einem Iahr, meine gnädigste Frau."
„Na, das genügt fürs erste!" Der alte, frohe Ton klang wieder an Freds Stimme. „So weit denke ich noch gar nicht. — Aber nun leg doch endlich ab, mein Kerlchen — gib her, so! — Und nun seh dich und — Ursel, nicht wahr, du sorgst für einen kleinen WiUkommentrunk?"
„Aber bitte, gnädigste Frau, sich wirklich nicht inkommodieren zu wollen" — warf Recknitz, zur Hausfrau sich wendend, ein, doch Ursula war schon de>11 Mädchen nachgeeilt, um für eine kleine Erfrischung des Gastes nach der Fahrt von der Stadt hierher zu sorgen. Mit dem Auge des Kenners blickte Recknitz der anmutigen, noch so entzückend mädchenhaften Gestalt der hinaushuschenden jungen Frau nach, während er sich behaglich in dem weichen Daunenpolster des anderen Klubsessels räkelte.
^Fortsetzung folgt.)


