fehlte ihre TMrhmg nicht, so baß eS an bet Zeit war, sie auf das richtige Maß zurückzuführen. Ernste und unvoreingerwmmene Wissenschaftler haben, gestützt auf ernährungs-physiologische Versuche, eine Lanze für den Gärungsessig gebrochen und die Essigfurcht durch Wort und Schrift auf das richtige Maß zurückgeführt.
Prof. Dr. von Voorden, Wien, machte auf das Ergebnis moderner physiologischer Forschungen aufmerksam, wonach die Essigsäure ein normales Stvffwechselprvdukt des menschlichen Körpers darstellt und beim Abbau des Körperfeites täglich in einer dreifach» größeren Menge entsteht, als sie bei normalem Genuß von Essig ausgenommen wird. Prof. Dr. von Voorden hat aber auch die leichte Verdaulichkeit des Essigs betont, welche eine rasche Veratmung der Essigsäure zu
Kohlensäure und Wasser sm Körper noch vor Eintritt in die Vieren bedingt, im Gegensatz zu der Zitronensäure, die als körperfremde Substanz länger im Organismus verweilt und wegen ihrer schwereren Assimilierbarkeit zum Teil noch durch die Vieren zur Abscheidung gelangen muß
Vun galt es noch, das weitverbreitete Vorurteil zu beseitigen, daß der Essiggenuß die roten Blutkörperchen zerstört, Bleichsucht hervorruft und für die Derdauungsorgane von Vachteil sei. Prof. Dr. Bickel von der bakteriologischen Abteilung des pathologischen Instituts der Universität Berlin hat in einwandfreien physiologischen Versuchen festgestellt, daß selbst bei einem das Vormale um ein Dreifaches übersteigenden Genuß von Essig von einer blutzerstörenden Wirkung nicht die Vede sein kann, ja daß der zu den Versuchen
verwandte Weinessig sogar die VerdauungSsäfte anregte und im Gegensatz zur Zitronensäure infolge der gesteigerten Magensekretion die „Austreibungszeit" des Magens etwas verlängerte. Er hat dadurch die alten Erfahrungen von der appetitanregenden Wirkung saurer Genuhmittel wie Salate, Cssigkonserven u. dgl. bestätigt.
Wir bringen heute kein nationales Opfer mehr, wenn wir dem Essig, dem Erzeugnis der einheimischen Landwirtschaft, zum Vachteil des um ein Vielfaches teureren ausländischen Zitronensaftes das Wort reden, sondern können uns mit ruhigem Gewissen dem ungetrübten Genuß wohlschmeckender Salate, saurer appetitanregender Essiggurken und der vielen anderen Speisen, die ohne Verwendung eines guten Essigs undenkbar sind, hingeben.
die höchste Höhe unseveS Planeten elnrelhen. GS gibt ja noch genug drohende und unbezwungens Gipfel unter diesem Himmel, gewaltige Berg- riesen, deren Spitzen sich in die Wolken verlieren, und an denen menschlicher Tatendrang sich zu erproben vermag. Die deutschen Alpinisten haben sich daher den Kangchendzönga ausgesucht, der die Gipfelreihe des Gaurisankar und des Tschomolungma, wie der Mount Everest eigentlich heißt, nach Osten hin fortseht. Zum zweitenmal ist kurz nach Pfingsten dieses Jahres eine deutsche Expedition, geführt von dem bekannten bayerischen Alpinisten Dr. Paul B a u e r, der im Zivilberuf Votar im fränkischen Städtchen Vab- burg ist, zum Sturm auf den Kangchendzöngcr aufgebrochen. Dauer hatte schon einmal, im Jahre 1929, die erste deutsche Himalaja-Expedition auf den drittgrößten Berg der Erde geführt. Wohl mußten die deutschen Alpinisten damals angesichts des Zieles, 800 Meter unter dem Gipfel, umkehren; der Ansturm war nicht gelungen, aber die Viederlage war ehrenvoll. Der Feind, der sich ihnen entgegengestellt hatte, war unbesiegbar: der Wintermonsum, gegen den anzukämpfen Selbstmord gewesen wäre. Die Bergsteiger wurden von einer Vaturkatastrophe überrascht, die die Verbindung der verschiedenen Lager untereinander unterbrach und die ExpeditionÄLilnehmer in die ernsteste Gefahr brachte, elend zu verhungern. Anter unglaublichen Mühen wurde der Abstieg durchgeführt, der dadurch erschwert wurde, daß ein Teilnehmer, Dr. Ernst Dei gel, mit erfrorenen Gliedern von seinen Kameraden ins Tal getragen werden mußte. Die Expeditionsteilnehmer hatten nämlich', um den Rückzug überhaupt durchführen zu können, Proviant und Gepäck zurücrlassen und die Vacht ohne Zelte bei 40 Grad verbringen müssen. Die Leistung der deutschen Expedition wurde damals in Indien und England rückhaltslos anerkannt; eine englische Dergsteiger- zeitung nannte das Anternehmen eine in den Annalen des Alpinismus einzig dastehende Tat.
Die Schwierigkeiten, die sich dem Vordringen in diese hochalpine Welt entgegenstellen, sind ungeheuer. Am gefährlichsten sind die häufigen plötzlichen Wetterstürze. Eine anbete ist die Votwen- digkeit, den Körper auf den immer geringe« werdenden öuftbrud und den geringen Sauer- ftoffgehalt umzustellen. Früher führte man Sauerstoffapparate mit, was natürlich die Bewegungsfreiheit der Bergsteiger empfindlich behindert«, deren Körper außerdem durch die künstlich« Atmung über Gebühr angestrengt wurde. Di« erste deutsche Himalaja-Expedition hat nun einen anderen Weg eingeschlagen. Dr. Bauer und seine Begleiter haben auf die Mitführung von Sauerstostapparaten verzichtet und sich durch wochenlangen Aufenthalt in sehr hohen Lagen und entsprechende Aebungen auf die Lustdruck- und Sauerstostverhältnisse umgestellt. Dieses System hatte den besten Ersolg. Die Alpinisten konnten auch schwere Strapazen auf sich nehmen. Auch die Unterbringung der Teilnehmer in Zelten verursachte große Schwierigkeiten. Wahrend der Expedition des Iahres 1929 wurden die Zelte in den starken« Stürmen und Unwettern umgeristen. Daher hat man auf der zweiten Besteigung des Kangchendzönga die Zelte zu Hause gelassen und die Lager in Eishöhlen ausgehauen, wo di« Bergsteiger Unterkunft fanden und neue Kräfte für die nächste Etappe sammelten.
Der Kangchendzönga erhebt sich, wie Dr. Dauer in der Schilderung seines Unternehmens ausgeführt hat, aus der Umgebung einer Welt von Gipfeln, von denen mehr als zehn die Acht- tausendmetergrenze, über hundert die Siebentausendmetergrenze überschreiten. Eine dieser Eispyramiden, den Sinjolchu, nennt Dauer den unzweifelhaft schönsten Derg der Erde. Don der Aussicht, die die Alpinisten in einer Höhe von etwa 7250 Meter hatten, entwirft der Führer der Expedition dieses anschauliche Bild: „Klar bis in unendliche Fernen lag ein Stück Asiens zu un-
Die Opfer des Kangchendzönga.
Deutsche auf dem dritthöchsten Berg der Welt.
Don Otto tlrmacher.
Trägerkolonne vor dem Kangchendzönga.
(Aufnahme von der letztjährigen deutschen Himalaja-Expedition.)
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Zwei Mitglieder der deutschen Himalaja- Expedition, der Münchener Alpinist S ch a l l e r, und ein einheimischer Träger, sind, wie schon kurz gemeldet, am Vordostsporn des Kangwendzönga-Gipfels abgestürzt und einige Tage später tot aufgefunden worden.
Seit die Gipfel der 2llpen bezwungen sind, haben sich die Alpinisten ein anderes Betätigungsfeld suchen müssen. Gefunden haben sie es in der ungeheuren, geheimnisvollen, unerforschten, teilweise nod> nicht betretenen Dergwelt Asiens. Da ist der Alai, wo seit 1895 R. W. Rickmers mit mehreren Begleitern und im Iahre 1913 die Pamirexpedition des Deutschen und Oesterreichi- schen Alpenvereins ihren kühnen Zielen nachstrebten. Erst vor drei Iahren hat die vom Alpenverein und der Votgemeinschaft der deustchen Wissenschaft ausgesandte große deutsch-russische Alaiexpeditivn unter Führung von Rickmers den Pik Lenin, der auf 7137 Meter geschäht wird, bestiegen und mit iym noch an die fünfzig Berge von 5000 bis 6000 Meter Höhe. Die zahlveichen Bergketten und Riesengipfel am Vord- und Ostrand des tibetanischen Hochlandes mit ihren Pässen, die vielfach höher als 5000 Meter liegen, sind von den Bergsteigern nur zum Teil betreten worden; ihre überwiegende Anzahl ist für die Alpinisten Veuland. Anders verhält es sich mit dem Gebiet des Himalaja unb Karakorum, das nach den Worten von Rickmers neben den Bergen Alaskas die vollendetste Verwirklichung des Bergsteigerideals darstellt. Auch bei der Erschließung dieses Gebietes in den letzten hundert Iahren ist der Alpinist der Pionier gewesen; freilich sind auch heute noch Gebiete von vielen Hunderten von Kilometern Ausdehnung von Bergsteigern noch nicht betreten worden.
Die ersten, die dem Himalaja zu Leibe gingen, waren die Brüder S ch l a g i n t w e i t, die im Iahre 1855 eine Höhe von 6000 Meter überwanden, was für die damalige Zeit einen Rekord darstellte. Dann wurde Himalaja-Karakorum-Ge- biet die Domäne der Engländer. Immer wieder gingen in diesen Iahrzchnten Dergfteigerexpedi- lionen hinauf in die einsamen Höhen. Graham, der 1883 den Gipfel des Kabru (7320 Meter) fast erreichte und damit für 25 Iahre einen Rekord aufgestellt hatte, K o n w a Y und Druce, der sein ganzes Leben als Alpinist im Himalaja verbracht hat, das Ehepaar W o r f m a n, das von 1899 bis 1912 vielfache Reisen durch das 'Gebirge unternommen hat, der Herzog der .Abruzzen, der am Dride Peak im Iahre 1909 "fast 7500 Meter erreichte, der Holländer Ph. C.
Visser, der im letzten Iahrzehnt t>rei große Desteigungen durchgeführt und darüber auch ein in Deutschland vielgelesenes Buch geschrieben hat, andere kühne Pioniere wie L o n g st a f s, die Vorweger Rübe nson und Monrad Aas, die im zentralen Himalaja tätig gewesen sind, vor allem Kellas sind die bekanntesten Pioniere des Alpinismus in dieser Gebirgswelt gewesen. Der großen Oefsentlichkeit bekannter sind die Versuche, den Mont Everest zu besteigen, die in den Iahren 1921 bis 1924 in der ganzen Welt mit Anteilnahme verfolgt wurden. Diese Unternehmungen haben die künstliche Sauerstoffzufuhr in Hebung gebracht. 1922 kamen Vor -
ton, Somervell und Mallorh bis 8200 Meter, F i n s ch und Druce auf 8300 Meter. Zwei Iahre darauf erreichten (Horton und Somervell — ohne Stauerstoff — 8500, Mallory und Irvine wurden, mit Sauerstoff ausgerüstet, -um letztenmal bei 8600 Meter gesehen. Man weih nicht, ob sie den Gipfel erreicht haben. Einstweilen muß jedenfalls der Mount Everest noch als unbesiegt gelten.
Der höchste Berg der Erde, der Mount Everest mit seinen 8840 Meter, ist die Domäne der englischen Alpinisten. Ihr Ehrgeiz duldet nicht, daß die Expeditionen anderer Rationen sich in den Wettbewerb um den Lorbeer.des Siegers über
Das bißchen Erde.
Zfioman von Richard Stowronnet.
Copyright by I. Engelhorns Nachf., Stuttgart.
15 Fortsetzung Nachdruck verboten
Solange er der nächstberechtigte Erbe der Hohenrömnitz gewesen, hatte er es als ein selbst- verständliches Recht empfunden, daß er als Vefse dem Oheim in der Herrschaft folgte. Ein himmelschreiendes Unrecht aber dünkte es ihn, wenn er jetzt besitzlos und heimatlos werden sollte, nur weil dcr Aelteste aus dem Hause Römnitz aus neuer Ehe einen Erben erwartete, der ihm näher stand als der Sohn des Bruders ... ©eit, er denken konnte, war er, Malte Winfried Römnitz, der vom Schicksal berufene und auserwählte Vachfolger seines ersten Ahnherrn gewesen. Ein Recht war es gewesen, das keine Willkür ihm nehmen konnte, und jetzt war es kaum das Papier wert, auf dem es geschrieben stand, weil einer im Kommen war, der ihn mit dem ersten Lallen seines Mundes von dem so lange besessenen Platze trieb ...
Tausende von Meilen war er gewandert, weil ihn dies Recht in die Heimat rief und eine Pflicht, eine Pflicht, die sich ihm erst in der Vot und der Fremde offenbart hatte: fernen bereinigen Untertanen ein gerechter und milder Herr zu werden. Dein Recht war eine Seifenblase, die der Hauch eines Kindes in die Luft blies, und seine Pflichten ungeborene Geschöpfe, die im Vorsätze stecken blieben gleich treibenden Keimen, denen ein jäher Frost in der SriUj«* lingsnacht das Leben abschnitt ...
Also da war es am besten, wieder umzukehren und den Weg zurückzugehen, den man gekommen war. Vur ein paar Wochen noch abzuwarten, bis man die Gewißheit hatte, in bet Zwischenzeit aber sich still zu verkriechen, um nicht bas Mi (leid dcr Vachbarn hervorzurufen, ober gar ihren Spott ... Ober, am allerekelhaftesten, ihre nachträglichen guten Ratschläge! Wie man bieses hätte vermeiden können und jenes hätte tun müssen, um als ein Braver unb Gerechter ben tüchtigen unb ungefährlichen Ochsenpfab bes Herkommens zu gehen. Vur schade, daß diese Veunmalneunweisen auf zwei Fragen keine Antwort wußten. Weshalb er gerade als ein schuldlos Bemakelter die Heimat hatte verlassen müssen, unb weshalb er bei bet Rückkehr ben ihm von Anbeginn an gebührrnben Platz durch einen andern besetzt sand ... Persönliches Unglück nannten die einen es vielleicht mit einem Achselzucken, die andern aber hatten eine halb fromme, halb abergläubische Erklärung. Tausend Eichenstämme standen zu einem Walde vereint, vom gleichen Samen gezeugt unb vom gleichen Boben ernährt. Dieselbe Sonne schien ihnen, berfelbe Re
gen tränkte ihre Wurzeln, nur wenn ein Un» I Wetter über sie hinzog, gab es eine Auswahl. Schwarz ballten sich bie Wolken über bem ganzen Walbe, stöhnenb unb ächzenb beugten sich alle Kronen im Sturme, ber vernichtende Strahl aber fuhr nur auf ein paar vereinzelte nieder, immer in der gleichen Bahn, ob das Wetter nun von Osten ober Westen, von Süden ober (Herben kommen mochte. Immer triebet traf der lohenbe S rahl ihren Stamm, zerfetzte ihre Kronen unb verbrannte ihr Mark, schlug sie immer von neuem, auch wenn sie als verdorrte Strünke standen, die laublosen Aeste in bie Lust gereckt. „Gezeichnete des Himmels" nannte dcr Volks* munb diese Stämme, auf bie sich aller Groll ber oben wohnenben Gewalten ehtlub. Keine einzige Schulb hatten sie aufzuweisen, als baß sie in ber ewig gleichbleibenben Bahn bes Verhängnisses ftanben. Ihre Vachbarn blieben unversehrt, richteten sich nach vorübergezogenem Unwetter triebet auf unb wuchsen weiter in 'grünenbet Pracht ... Warum unb weshalb? Müß-g war es, auf solche Fragen eine Antwort zu suchen ...
Am Enbe bet etlenbestanbenen Dammallee, wo sie ins feste Lanb führte, lag bas zum Vellahner Schlosse gehörige Dorf. Zwei Reihen niedriger Katen mit kleinen Gärtchen davor, die an eine zum Sceufer parallel ziehende Straße stießen. Mitten darin erhob sich ber Wirtschaftshof mit seinen langen Ställen aus rotem Ziegelstein, bah in ter bas Wohnhaus bes Verwalters. Ein weißgetünchter Bau mit altväterischem Stroh- dache, von zwei mächtigen Linden beschirmt.
Kein Licht mehr erhellte die Fenster. Alles war zeitig zur Ruhe gegangen in ber schweren Zeit bet Aussaat, bie allen Schaffenben harte Arbeit brachte. Unb Malte schritt mit einem Gefühl btr Erleichterung bie stille Straße entlang, froh, bah er niemandem Rede unb Ant- wcr: zu stehen hatte. Bis ihm mit einem Male einfiel, wie untcrfchieblich ber Abschieb vot zwei Iahren von bem heutigen Willkomm gewesen war. Damals hatte bas ganze Dorf vot bem Verwaltethause gestanben; ein dreifaches Hurra hatte ihm das Geleit auf die Reise gegeben. Heute aber hatte sich seine Wiederkehr ohne Feierlichkeit abgespielt, und auf seine verwunderte Frage hatte ber alte Leibkutscher Fuhbel ertoibert, bas läge wohl nur baran, baß ber Herr Verwalter schon am Vormittage in brin- genben Geschäften hätte nach Molhahn fahren müssen. Damit hatte er sich aufrieben gegeben, jetzt aber stellte sich ihm für bie unterbliebene Begrüßung bie richtige Deutung ein. Vicht mehr ber heimkehrenbe Herr war er diesen Leuten gewesen, sonbern nur noch ein unbeträchtlicher junger Mann, an bessen Wohl- ober Uebelwollen nichts gelegen war. In ein paar kurzen Wochen hatten sie hier einen anbern zu begrüßen, unb für ben sparten sie wohl ihre Begeisterung auf. Unb mit einem bittern Auflachen mußte er
baran denken, wie er für diese Menschen in ber Frembe allerhand gute Vorsätze gefaßt hatte. Ihnen ein milder und gerechter Herr zu fein, ihr Wohlergehen stets vor das eigene zu stellen ...
In dem letzten Hause der Dorfstraße, das um ein beträchtliches höher und geräumiger gebaut war als die übrigen, brannte noch eine helle Lampe hinter den blanken Fensterscheiben. Ihr Schein fiel auf einen gepflegten Garten, in bem bie Beete für bie kommende Aussaat schon sauber geharkt unb gerichtet waren. Der frisch gestrichene Gartenzaun prangte in hellem Grün, unb in bet jetzt noch kahlen Buchenlaube hatte Malte manches liebe Mal gesessen, wenn er sich nach einem stützen Pirschgange an einem Glase Milch erqutefte. „Wohl bekomm's, Herr Graf", hatte bie rundliche Förstersfrau bazu gesagt, ihr Mann aber, wie ein Zaunstecken so bürr, stand dabei unb erzählte eine seiner lügenhaften Iagbschnurren, wegen beten er berühmt war in der ganzen Gegend bis weit übet Waren hinaus ... Malte konnte ihn deutlich sehen, wie er Tische sah, die kurze Pfeife zwischen ben Zähnen, und über einer ungewohnten Schreibarbeit schwitzte. Da regte sich in ihm einen Augenblick lang ber Wunsch, einzutreten unb Guten Abend zu sagen, aber das Gefühl der Verbitterung lieh ihn wieder umkehren. Von dem biedern alten Iägers* mann hatte et's eigentlich am allerwenigsten erwartet, daß er ebenso tote die andern den Mantel nach dem von bet Hohenrömnitz her- übcttoehenben Winde hängte ...
Vom Hose her kam eine ganze Meute gejagt, die beiden edein Schtoeihhunde Eota und Air.» kas, die Hühnerhunde Hektor, Tell und Diana und dazwischen die Schar der krummbeinigen Teckel. Heulend und laut bellenb stürmten sie gegen bas verschlossene Tor, drängten sich an ben Latten des Gartenzaunes, treuer als bie Menschen .. . Kaum hatte ihnen ber leise von bet Straße her ziehende Lufthauch die vertraute Witterung zugetragen, da stürmten sie heran, ben heimgekehr en Herrn zu begrüßen. Unb Malte trat an bas Tor, schob mit einem Griffe den hölzernen Riegel zurück, lieh seine alten Freunde unb Weidgenossen ins Freie heraus. Da erst gab es den rechten Willkomm ... Kein Dellen mehr war es, sondern ein jubelndes Freudengeheul, unb Malte hatte Mühe, sich in bet ihn ungestüm umbtängenben Schar auf ven Füßen zu halten. Hier griff er liebkosenb in eine faltige Wampe, dort tätschelte er einen Rücken oder beutelte einen bet Teckel am langen Behang. Im Herzen aber würbe es ihm warm, und er fand fein altes Lachen wieder ...
Am Hause öffnete sich ein Fensterflügel, ber Förster steckte ben grauen Kopf heraus.
„Alnkas, Toll, was ist bas für ein Spektakel? Werbet ihr wohl auf den Hof zurück, ihr Kroppzeug?!"
„Lassen Sie nur, Schwarz", rief Malte lachend
zurück, „sie bringen mir bloß das Hurra aus, bas ber Verwalter Bergemann und Sie vergessen haben" ...
„Alm Gottes teilten, der Herr Graf! Dee Förster fuhr ins Zimmer zurück, und ein paar Augenblicke später kam er barhäuptig durch den Garten gelaufen. In seinem von Wink) und Welter rot gebeizten Gesicht, das ein struppiger Schnurrbart in zwei Hälften teilte, stand deutlich die frohe Aleberraschung geschrieben.
„Vein, Herr Graf, ist das eine unverhofft« Freude! Willkomm zu Haufe und Weidmanns- Heil!"
Malte schüttelte die respektvoll ausgestreckte Hand. ., ,
„Weidmannsdank! Aber ich wundere mich doch ein bihchen, lieber Schwatz, daß ich mir bei meinen Leuten ben Willkomm erst holen muh, sozusagen. Hat Ihnen beim ber Verwalter von meiner Ankunft nichts mitgeteilt?"
„Vicht 'ne Silbe, Herr Graf! Ich hab' ihn schon seit zwei Tagen nicht gesehen, weil ich mit bie Finget krumm schreiben muh an den Holzabrechnungen für die Hvhenrömniher Verwaltung." „ , ,
„Vanu", fragte Malte verwundert, „was haben Sie denn mit der zu tun?"
Der Förster kratzte sich ben grauen Kopf.
„Halten zu Gnaden, Herr Graf, das hab ich mich Manchmal auch gefragt. Aber was soll unsereins da machen? Mit eins kommt ein Allas von Se. Exzellenz dem Herrn Erblandmarschall, der Vellahner Förster soll dtte Vierteljahr vor ber Hohenrömniher Verwaltung Rechnung ablegenk Da muß man hoch Orber parieren, nich? Va- mentlich wenn einem deutlich dabei gewunken wird, du fliegst auf die Straße, wenn du dich we'gcrst?"
Malte lachte bitter auf.
„Mein Herr Onkel hat es ein bißchen eilig mit ber Erbschaft für seinen komm en ben Spröß- ling. Aber ich lebe ja noch, und der andre ist noch nicht auf ber Welt! (Ha, ist gut, und toirb sich alles finberi" ...
Er wollte sich mit kurzem Gruhe zum Weitergehen toenben, ber alte Iägersmann aber sah ihn mit bittendem Blicke an.
„Das werben der Herr Graf mir doch nicht antun, an meinem Haus ohne Einkehr vorbeizugehen? Alnd toie soll ich wohl vor meiner Frau bestehen, wenn sie Ihnen nicht Guten Tag sagen darf? Alnter uns gesagt, Herr Graf, sie ist mir in dieser Zeit ganz wie tiefsinnig geworden unb benft immerfort nur zwei Gebauten: .Wenn unser junger Herr doch bloß gesund zu- rückkommen möchte, und, lieber himmlischer Vater, hilf, daß es da drüben in Hohenrömnitz ein rechtes nützliches lüttes Mädchen gibt!' Aber es sind auch noch andre hier, die ebenso denken" ...
Da nickte Malte nur, sprechen konnte er nicht —--
(Fortsetzung folgt.)


