Ausgabe 
26.8.1931
 
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Kanton droht mit Boykott deutscher Waren.

Oie Folge von Waffensendungen für Nanking auf deutschen Schiffen. Ein deutscher Protest.

Ran-rwten.

2luf einen mehr als originellen Gedanken ist das Berliner Bezirksamt Kreuzberg gekommen: Es hat auf dem Hohenstausenplatz aus städtischem Besitz acht Bänke mit entsprechenden Tischen dazu aufstellen Lassen zu dem ausgesprochenen Zweck, daß die Arbeitslosen, die sich hier täglich versammeln, Gelegenheit zum Skat- spielen haben. Eine Möglichkeit, von der so umfassend Gebrauch gemacht wurde, daß die Tische im Handumdrehen vergriffen waren. Biel­leicht, daß diese Idee bei anderen Städten Schule macht. Dann können wir es erleben, daß auf allen dazu passenden Plätzen der Großstädte die Erwerbslosen gewissermaßen von Amts wegen zum Skatspielen angehalten werden. Die Erwägungen, aus denen das Berliner Bezirksamt auf diesen Ausweg verfiel, waren gewiß sehr vernünftig. Die Arbeitslosen waren nun einmal da: um die Zeit totzuschlagen, droschen sie ihren Skat, aber auf den Kinderspielplätzen, Hnd um sie von den Kinderspielplätzen sernzuhalten, wurde ihnen jetzt ihr besonderer Bezirk ein* geräumt. Man kann natürlich auch sagen, dah ein erwachsener Mensch irgendeine Beschäftigung haben muß und daß dann der Skat noch eine verhältnismäßig harmlose Hebung ist, daß er dadurch eine Anregung bekommt, die ihn von der Straße fernhält und ihn gegen gefährliche politische Bceinflussungsversuche immunisiert. Aber das ganze bleibt doch eine grausame Sathre auf die Röte unserer Zeit. Da sind Tausende von Männern in den besten Iahren, die arbeitsfähig und arbeitswillig sind, denen nur die Möglichkeit genommen ist, regel­mäßig ihr Brot für sich und ihre Fannlle zu verdienen und die deshalb behördlich zum Skat­spielen angehalten werden. Eine Illustration zur Zeitgeschichte, die in Millionen von Exemplaren über die ganze Welt verbreitet werden sollte, um zu zeigen, wie weit wir es mit einer ver­fehlten Wirtschaftspolitik im Zeichen von Ver­sailles gebracht haben: Auf der einen Hälfte der Welt Heberfluh an Lebensmitteln und Rohstoffen, so daß man sie ins Wasser werfen muh, weil man sonst darin erstickt, aus der anderen Hälfte Hungersnot und Ar­beitslosigkeit. Hnd daS alles nur, well der Ausgleich fehlt, weil Haß, Eigennutz und Kurzsichtigkeit auch heute noch stärker sind als die Vernunft.

Der Plan der polnischen Regierung, die gesamte Staatsschiffahrt auf zu geben, wird in den nächsten Monaten durchgeführt wer­den. Fünfzehn größere Schiffe umfaßt diese Flotte, und fünf davon sind durchaus respektable Passa­gierdampfer, die einen anspruchsvollen Verkehr befriedigen können. Polen hat sich diese Schiffe zu­sammengekauft, als es galt, für den neuen Haf en G d i n g e n in der Welt Reklame zu machen. Run, da dieser Platz an der Ostsee nach Ansicht der Polen einigermaßen prosperiert, da die Äonhtr- renz Danzig das Abwandern eines bedeutenden Teiles seines Verkehrs au spüren bekommen hat, scheint den Polen die Zeit gekommen, auf dre eigene staatliche Flotte zu verzichten. H n t e r s e e - boote sind ihnen in einem Augenblick, in dem die gan^e Well leidenschaftlich von Abrüstungs­fragen spricht, entschieden wichtiger: im Kriegs­hafen Gdingen ist dieser Tage das erste polnische HbootRys" von der französischen 'Werft bereits eingetroffen. Auf den Entschluß zum Verkauf der Staatsflotte hat überdies maßgebend die Erkennt­nis eingewirkt, daß der Betrieb doch recht kost- ffüelig sei und daher auf die Dauer kaum durch­zuhalten wäre, besonders seitdem die von fran- . zösischer Seite gewährten Anleihemittel für die " Kohlenmagistrate von Oberschlesien nach Gdingen ^wieder spärlicher fließen. Hnd schließlich: die Polen besitzen für den Vertrieb einer staatlichen Flotte - keine wirklichen Fachleute, die der komplizierten Wirtschaftslage der Seeschiffahrt auch in krittschen Zeiten gewachsen sind.

Was wird nun aus den fünfzehn Schiffen, die von der Regierung in Warschau abgrstoßen wer­den sollen? Es ist flar, daß sie nur in polnische Hände kommen dürfen die po lni s chenRee - der reiben sich also bereits die Hände über das gute Geschäft, das sie zu machen gedenken. Für ein Spottgeld soll ihnen der Schiffsraum aus­geliefert werden, für alte Tonnage besteht auf dem Weltmarkt ohnehin Reigung zu ausgesproche­nen Schleuderpreisen. Mit diesem Geschenk wollen die Polen dann den schon bestehenden Kampf der Schiffahrtsgesellschaften um die Frachtrate weiter verschärfen: der Verkauf der polnischen Staats­schiffe läuft also auf eine Schädigung aller betei­ligten ausländischen Kreise heraus. Dre Erfahrung hat in den letzten Zeiten gezeigt, daß billig er­worbene Tonnage, die keinerlei Amortisation be­darf. sofort bie Frachtraten drückt, die heute schon ein Riveau halten, das vielfach jede Rentabilität unmöglich macht. Iede Hmgruppie- rurtg alter Tonnage verschärft grundsätzlich diesen Zustand, der als eine spezielle Krisenerscheinung der internationalen Schiffahrt gilt. Hnd es kann schon heute als sicher angenommen werden, daß die deutsche Handelsschiffahrt durch das neue Schleu­derangebot von Frachtraum durch polnische Reeder gezwungen sein wird, diesen und jenen Dampfer aufzulegen von wirtschaftlicher Einsicht in die bestehenden Schwierigkeiten ist auf polnischer Seite wahrhaftig nichts zu merken.

Zraktionssihung der Oeutschnationalen

Berlin, 25.2lug. (TU.) Dor der Reichstags­fraktion der Deutschnationalen Dolkspartei erstattete der Fraktionsvorsitzende JDr. Öberfohren zu­nächst Bericht über die politische Lage, wobei er sich besonders gegen die lügenhasten Gerüchte wandte, die im Anschluß an den Besuch des deutschnationa­len Parteiführers bei dem Herrn Reichspräsidenten verbreitet wurden. Darauf hielt Exz. H e r g t einen Vortrag über steuerliche und finanzielle Notoerord­nungsfragen. Er stellte fest, daß uns die Regierung Brüning statt der versprochenen Steuersenkung Steuererhöhungen in fünf Wellen seit dem 1. Januar 1930 gebracht habe, die im Verein mit den Mehrbelastungen und Kürzungen in ändert- halb Jahren die Summe von 5,182 Milliarden er­reicht hätten. Demgegenüber stehe eine M i n d er­be last ung, die mit wenigen hundert Millionen gegenüber der Mehrbelastung überhaupt nicht ins Gewicht falle. Durch das Hooverjahr spare das Reich im Haushaltsjahr 1931/32 909 Millionen. 224,8 Millionen oleiben zu zahlen für Zinsendienst usw. Auch diese Summe sei verschwindend gering bei dem drohenden Fehlbetrag, den der Haushalts- fonds auf der ganzen Linie ausweise. Abgeord- neter Dr. H a g e n a referierte über die sozialpoli­tischen Bestimmungen in den letzten Notverordnun­gen.

Kanton, 25. Aug. (Beutet.) Auf einet Massen- Versammlung, die hier gestern von der örtlichen Kuomintang abgehalten wurde, wurde die Entschließung gefaßt, deutsche waren zu boykottieren. Zur Durchführung dieses Be- schlusfes wurde ein besonderer Ausschuß eingesetzt. Als unmittelbare Ursache dieser unsreund- lichcn Haltung Kantons gegen Deutschland wird die angebliche Sendung von Waffen und Mu- nition im werte von 8 Millionen Dol­lar an Tschiangkalschek angegeben, die kurz- lich mit einem nach Schanghai bestimmten deut- schen Dampfer erfolgt sein soll. Deutschland wird ferner beschuldigt, die Zentralregie­rung in Nanking durch Entsendung von über 100 militärischen Ratgebern zu unter st ühen, die, wie in der Versammlung erklärt wurde, beauftragt seien, die Armee der Nankingregierung im Gebrauch von Gift- gas im Kampfe gegen die Regierung von Kanton zu unterweisen.

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Hierzu wird amtlich erklärt, daß das Aus­wärtige Amt Protest erhöben und der Kan- don-Regierung mitgeteilt hat, daß die deutsche Re­gierung sie für alle Folgen dieses Doykott- beschlusses verantwortlich machen werde. Man ist der Auffassung, daß das Vorgehen der Kanton- Regierung gegen den deutschen Handel völlig unhaltbar und ungerechtfertigt ist, schon aus dem Grunde, weil auch andere Länder Waffensendungen nach China unter­nommen und militärische Berater entsandt haben. Cs handelt sich im übrigen nicht um eine Waffen- lieferung aus Deutschland, sondern um die Charterung eines deutschen Damp­fers für ausländische Rechnung.

DerWortlaut derRolverordnung

Berlin, 25. Aug. (WTB.) Amtlich. Auf Grund des Art. 48 RV. wird verordnet:

1. Die Landesregierungen sind ermächtigt, alle Maßnahmen, die zum Ausgleich der haushalte von Ländern und Gemein­den (Gemeindeverbänden) erforderlich find, i m Verordnungswege vorzuschreiben. Sie kön­nen dabei von dem bestehenden Landes­recht abweichen.

2. Die Landesregierungen können insbesondere bestimmen, dah und in welcher weise die P e r s o n a l a u s g a b e n und andere Aus­gaben der Länder und Gemeinden (Ge­meindeverbände) herabgesetzt werden. Ver­pflichtungen aus Verträgen bleiben unberührt, soweit es fi nicht um Personalausgaben handelt.

Dietramszell, den 24. August 1931.

Der Reichspräsident:

(gez.) von Hindenburg.

Der Reichskanzler:

(gez.) Dr. B r ü n i n g.

Der Stellvertreter des Reichskanzlers und Relchs- minifter der Finanzen:

(gez.) h. D i e l r i ch.

Der Reichsminister des Innern: (gez.) Dr. Wirth.

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Die Notverordnung gibt den Ländern die Mög­lichkeit, durch entsprechende Verordnungen die Er- sparnismaßnahmen vorzunehmen, die jedes Land für erforderlich hält. Diese kommenden Verordnun­gen werden den Charakter von Ausführungs-

Stuttgart, 25. Aug. Bei einem zu Ehren des Reichskanzlers und der Reichstagsfraktion veranstalteten parlamentarischen Abend der Zen- irumspartei ergriff nach Begrüßungsworten des Präsidenten auch Reichskanzler Brüning das Wort. Er führte etwa folgendes aus: Wir haben die Heberzeugung, daß die Welt nur gesunden kann, wenn eine Reihe von Maßnahmen auf internationaler Basis in diesem Augen­blick und in dieser Zeit der größten Wirtschafts­not, die die moderne Zeit aufweift, ergriffen werden. Untere gegenwärtige Lage als sehr schwer einzuschätzen, ist durchaus verständlich, weil die Rot und Die Lasten schon seit längerer Zeit immer größer werden. Wir haben durch Krieg, Inflation und Stabilisierungserschei­nung einen so komplizierten Mecha­nismus in unserem öffentlichen Leben, dah es sehr schwierig ist, diese Dinge zu verfolgen, so daß dadurch der gedankenlehre, phrasenreiche Radikalismus Chancen hatte. Die Regierung ist sich bei all ihren Maßnahmen darüber klar ge­wesen, daß, wenn nicht das Vertrauen und die Disziplin des deutschen Volkes vorhanden gewesen wären, ihren Anordnungen kein Erfolg beschieden gewesen wäre.

Und es gibt keinen größeren Erfolg im ganzen Ausland, als dah in den Wochen, wo die Dan­ken und die Sparkassen vorübergehend ihre Zah­lungen einstellen muhten, es niemals zu einer Ausschreitung und nirgendwo zu einem Tumult gekommen ist und dah die krittschsten Ausländer festgestellt haben, dah das deutsche Volk noch n i e f o ruhig gewesen sei, als in diesem Augen­blick höchster Rot. Hnd das soll uns die Hoff­nung geben, getrost trotz aller Schwierigkeiten dem auherordentlich schweren Winter entgeaen- zusehen. Es ist ja so. dah durch die Botschaft

Dem Vorgehen der Kanton-Regierung liegt die Tatsache zugrunde, dah ein Dampfer der Reederei Rickmers vor einigen Monaten drei Iun- kersflugzeuge, die in Schweden hergestellt worden waren, und 54KistenGewehre, die aus Brünn stammten, nach Ostasien mit der Be­stimmung für Hongkong und Macao geladen hatte.

Die Ranking-Regieruna hatte, nachdem fie von dieser Sendung, deren Inhalt für Kanton be­stimmt war, erfuhr, mitgeteilt, sie würde in ihrem Bereich die deutschen Firmen boykot­tieren und hat die Reederei Rickmers gezwun­gen, den damals noch in Manila liegenden Damp­fer nach Schanghai zu dirigieren. Die Reederei Rickmers hat daraufhin das Auswärtige Amt um Schuh ersucht. Das Auswärtige Amt hat sich jedoch unmißverständlich auf den Standpunkt gestellt, dah die deutsche Regierung Waffenlieferungen nach China mit Rücksicht auf die Folgen für den deutschen Handel in jedem Falle mißbilligt und daß sie aus diesem Grunde nicht in der Lage ist, irgendwelchen Schutz zu gewähren. Leider besteht keine gesetzliche Hand­habe, derarttge Waffensendungen zu verbieten. Das Gesetz über das Verbot von Waffensendun­gen nach China ist am 1. Mai 1929 abgelau­fen und nicht erneuert worden, weil die Verhältnisse in China als konsolidiert angesehen wurden. Auch andere Länder, die ähnliche Ver­bote erlassen hatten, haben ihre diesbezüglichen Gesetze nicht erneuert. Rach dem bestehenden Recht ist lediglich die Ausfuhr von Waffen aus Deutschland verboten, jedoch nicht die Durchfuhr aus anderen Ländern und die Verschickung auf deutschen Schif­fen. Man sieht in amtlichen Kreisen als beste Möglichkeit an, um solche Schwierigkeiten für den deutschen Handel zu vermeiden, wie sie jetzt in Kanton drohen, daß die deutschen Reedereien auch Waffensendungen für ausländische Rechnung unterlassen.

beftimmungen tragen und von jedem Land für sich erlassen werden. Wann dies in den einzelnen Ländern der Fall sein wird, steht zur Zeit noch dahin. In Preußen ist jedenfalls damit zu rechnen, daß die Ausführungsverordnung zu der genannten Notverordnung noch einige Zeit auf sich warten lassen wird. Beschlüsse der Staatsregierung liegen noch nicht vor. Angesichts der Schwierigkeiten und der weittragenden Bedeu­tung werden die betreffenden Maßnahmen jedenfalls einer eingehenden Durchberatung bedür­fen, ehe sie beschlossen werden können.

Wilde Teilstreiks von Gemeindearbeitern im Ruhrgebiet.

Essen, 25. August. (WTB.) Am 22. August kam bekaßnttich in dem Lohnstreit der Gemeinde­arbeiter eine Vereinbarung zustande. Gegen die dabei ausgesprochene Lohnkürzung wurde von radikaler Seite durch Anschläge protestiert, und gleichzeitig forderte man die Arbeiter 3Um Streik auf. Dieser Streikparole wurde in Essen nur im Gas. und Wasserwerk Folge ge­leistet, wo von 500 Arbeitern 300 die Arbeit nie- verlegten. Die Streikenden, unter denen sich fünf Betriebsratsmitglieder befinden, find von der Stadt­verwaltung fristlos entlassen worden. Im Duisburger Fuhrpark traten 40 kommu­nistische Gemeindearbeiter in den Streik. Die A r - b eitswilligen wurden unter Bedrohung und Terror von der Arbeit z u r ü ck g e h a l t e n. Da die Arbeiten nicht unter ausreichendem polizeilichen Schutz ausgeführt werden können, werden von der* Fuhrparkverwaltuna sämtliche Arbeiten vorläufig eingestellt. Müllabfuhr und Straßenreinigung fanden nicht statt. Soweit bis jetzt feststeht, sind von den wilden Streiks nur d i e Städte Duis­burg und Essen betroffen worden.

des Präsidenten Hoover, wenn sich ihre Aus­wirkungen auch nicht sofort in voller Tragweite zeigen konnten, immerhin die erste Grund­lage gelegt wurde für eine dauernde Besse­rung. Damit ist es nicht allein geschafft, und viele internationale Besprechungen und Verein­barungen müssen folgen, wenn die Völker bet Welt diese ungeheuerste aller Wirtschaftskrisen werden überstehen sollen. Ich betone das aus­drücklich^ um zu sagen, wo die^Arenzen un­serer Möglichkeiten liegen. Wil^sind der festen Heberzeugung, dah, wenn das deutsche Volk diese Probe durchmacht, so wie es die Proben in den vergangenen Monaten zur Bewunderung der ganzen Welt durchgemacht und überstanden hat, dann wird es gelingen, die deutsche Wirffchaft und das deuffche soziale Leben bis zu dem Punkt zu bringen, wo wir mit sicherem und be­gründetem Optimismus sagen können, daß eine weitere Hilfe zur Heberwindung der Weltwirt­schaftskrise nicht mehr nötig ist.

Brünings politische Linie.

Künftige Rcformpläne.

Stuttgart, 25.Aug. (TU.) Rach demBer­liner Tageblatt" hat Reichskanzler Dr. Brüning feine Ausführungen in Stuttgart mit einer Schilde­rung feiner Besprechungen mit den ausländischen Staatsmännern begonnen. Die Besprechungen mit den amerikanischen Staatsmännern hätten ergeben, daß d 1 e Agrarkrise in Amerika in viel stär­kerem Maße als in Deutschland fühlbar sei, und dah man mit der Schilderung unserer Ratverhält­nisse wenig Eindruck bei Ihnen Hervorrufe, da diese auf ihre eigene R o t hinzuweisen in der Lage feien. Es gelte, zu zeigen, dah das deutsche Bolt und

feine politische Führung Ne besseren Ketten habt. Des weiteren besprach der Reichskanzler die ver­fehlten Kapitalanlagen in der deut- s ch e n w i r t s ch a f t. Die Rationalisierung fei viele Jahre der Rotwendigkeit vorausgeeilt. Die Anleihepolitik der Großstädte und auch der sonstigen Gemeinden ergebe rein zahlenmäßig ein erschütterndes Bild. Württemberg und Baden hätten den Blut aufgebracht, unpopulär zu sein und s i ch s e l b st z u h e l fe n. Andere Lau- der redeten viel über die Bedeutung des Föderalis­mus (gemeint sei Bayern) und feien selbst letzten Endes doch die Totengräber dieses Systems, wenn sie nicht den Blut zum Sparen aufbringen und ihre eigenen Finanzen endlich in Ordnung hal­ten. Der Reichskanzler behandelte dann weiterhin die Krise der Banken, die mangelnde Tätig­keit und Berantroorfung der Aufsichtsräte und führte als Beispiel die Rordwolle an. Das Aktien­recht müsse unbedingt reformiert werden. Die Bielzahl der Aufsichtsratposten in einer Hand müsse beseitigt und eine begrenzte Baukaus- ficht durchgeführt werden. Auch vor dem Direk­torium und dem Generalrat der Reichsbank könne und werde die Regierung nicht halt machen. Dr. Brüning behandelte des weiteren die Preissen­kung und betonte mit Rachdruck, daß mit Gesehen allein nicht zu helfen sei, solange das Publi­kum kritiklos jeden Preis bezahle. Der Reichskanz­ler wandte sich danach den Fragen der Innenpolitik zu und deutete an, daß eine Erweiterung des Kabinetts nach rechts oder nach links unter den gegebenen politischen Bertjälfniffen nicht mög- l i ch fei. Er lege nach wie vor wert daraus, m i ( dem Parlament zu regieren, weil er persön­lich davon überzeugt sei, dah mit einer Diktatur auf die Dauer das deutsche Bolt nicht regiert werden könne. Ueber die Außenpolitik sagte der Reichs­kanzler, er fei entschlossen, mit der seitherigen Form der Diplomatie zu brechen. Es habe sich bei den Besprechungen mit den führenden Staatsmännern der großen Rationen gezeigt, dah diese Methode elastischer sei.

Vorstandssihung der Volkspariei.

Berlin, 25. Aug. (TH.) Der Parteivor- stand der Deutschen Dolkspartei nahm am Mon­tag zur Polltischen Lage Berichte des Reichs» außenministers Dr. Curtius und des Partei­führers D i n g e l d e y entgegen. Der Parteivor­stand kam zu der einmüllgen Auffassung, daß die Reichsregierung angesichts des ungeheueren Ern­stes der Lage in kürzester Frist eine Klärung» über die zur Behebung der WirtschaftS- und Finanznot erforderlichen Maßnahmen herbeifüh­ren muß. Die Rotwendigkeit schnellsten Han­delns wurde durch die Schilderung akuter Rvt» stände in den verschiedensten Gebieten besonders unterstrichen. Weiter beschäftigte sich der Par­teivorstand mit der innerenLagederPar- t e i. Er sprach die Erwartung aus, dah die Ein­heit und Geschlossenheit der Partei für die Zu­kunft unter allen Hmständen oberstes Gesetz bei öffentlichen Auseinandersetzungen für jedes Par­teimitglied sein muß.

Kleine poliiische Nachrichten.

Ein vom Reichsjustizministerium veröffentlichter Entwurf einer neuen Zivilprozeßord­nung stellt in 1023 Paragraphen, denen eine aus­führliche Begründung beigegeben ist, eine Kodifi­zierung des gesamten Zivilprozehrechts unter Ein- schluß der früheren Reformen und Verwertung der Erfahrungen der letzten Jahre dar. Der Entwurf, der auf Grund langjähriger Beratungen der im Jahre 1920 eingesetzten Zivilprozeßkommission zu- standegekommen ist, hat lediglich die Bedeu­tung einer Referentenarb eit, auf die sich das Reichsjustizministerium keineswegs feftlegt. Er ist auch nicht als Vorlage für die Gesetz­gebenden Körperschaften gedacht, sondern lediglich als Grundlage der Erörterungen in den beteiligten Kreisen und in der Oeffentlichkeit über­haupt. e

DerV 5 lkische Bevbachter" ist in seiner Bayern- und Reichsausgabe bis 1. September dieses Iahres mit fofottiger Wirksamkeit ver­boten worden. Ebenso die in Traunstein (Ober­bayern) erscheinende nationalsozialistische Tages­zeitung »Chiemo aubvte" bis zum 31. August. Das frühere Verbot bis zum 15. September war vom Innenministerium am 17. d. M. aufgehoben worden.

Die Ermordung der zwei Polizei- Offiziere am Bülow-Platz in Berlin dl ist, wie die Polizei mitteilt, re st los geklärt. Von den in dieser Angelegenheit Verhafteten steht bei fünf zweifellos fest, daß sie am Bülow-Platz geschossen haben.

Die Bürgern! ei st er des Siegkreises sowie die D e z e r n e n t en der K r e i s o e r w a l - tun g haben sich angesichts der immer größer wer­denden Notlage in Aemtern und Gemeinden durch das Anwachsen der Wohlfahrtserwerbslosen bereit erklärt, auf20o.H. ihrerGehälterzuver- zichten, solange die augenblicklichen Verhältnisse andauern und die volle Auszahlung der Fürsorge- sätze nicht gewährleistet ist.

Bundestagung der Arbeitsgemeinschaft der Bereinigungen ehemaliger Kriegsgefangener

Deutschlands.

Rach einer Besichllgung des Reichsehrenhain- Geländes bei Bad Berka begann in Pößneck die fünfte Bundestagung der Arbeitsgemeinschaft der Vereinigung ehemaliger Kriegsgefangener Deutschlands. Rach längerer Aussprache wurde beschlossen, die re st lose Auszahlung der Frankreich-Guthaben an jeden Empfangsberechtigten zu fordern» Rach dem Willen der Regierung sollen die Guthaben- Beträge unter 10 Mark, insgesamt etwa 400 000 Mark, nicht ausbezahlt, sondern einem Fonds überwiesen werden. Gegen die Fest­haltung der Beträge unter 10 Mark soll Protest eingelegt werden. Weiter wurde gefordert, dah die Zinsen des Guthaben-Betrages dem eigentlichen Guthaben zugercchnet werden. Die Bearbeitung der anderen Guthabenforderungen an die ehemals feindlichen Staaten soll nach Möglichkeit zum Besten des betreffenden An­wärters geregelt werden. Zur Frage der Ein­führung einer obligatorischen Sterbe­geldversicherung wurde beschlossen, dies« Angelegenheit vom Bundesvorstand durch ein beauftragtes Mit^ied bearbeiten zu laffen.

Die Sicherung der Haushalte bei Ländern und Gemeinden.

Der Reichskanzler auf der Stuttgarter Zentrumstagung.

Ein Rückblick und Ausblick.-Die Lleberwindung der Zuli Krisis.-Vor einem schweren Winter.