ihr Jugendfest ab. Im Zuge marschierten die Schulklassen nach der Turnhalle. Die Ansprache hielt Studienrat P l o ch, der ein Bild vom Leben und Wirken des Reichsfreiherrn vom Stein gab. Es folgten in buntem Wechsel turnerische Vorführungen: Freiübungen der Volksschüler, Volkstänze der Volksschülerinnen, Singreiaen der Realschülerinnen, Ball- und Hindernisstaffeln der Unterklassen und ein Schlagballspiel der Oberklassen der Oberrealschule. Außerdem trua die Oberrealschule die leichtathletischen Kämpfe für die Reichsjugendwettkämpfe aus.
Kreis Büdingen.
* Nidda, 24. Sunt. Bei der hiesigen H e u - grasversteigerung von den städtischen Wiesen wurden nur rund 950 Mark erlöst, gegen 1700 Mark im vorigen Jahre. Auswärtige Steigerer waren diesmal weniger erschienen als sonst. Einen großen Teil ihrer Wiesen hat die Stadt auf längere Zeit an hiesige und Landwirte aus den Aachbardörfern verpachtet.
Kreis Schotten.
§ Schotten, 25. Juni. Aus dem Gemeinde, rat ist zu berichten: Die Anlagen am Bahnhof sollen weiter verschönt, mit Gras und schönen Wald- bäumen bepflanzt werden. — Ein städtisches Grundstück, das für die Stadt abgelegen ist, soll an einen Interessenten zum Preis von 1 Mark pro Quadrat- meter verkauft werden. — Heber die Bausparkassen will sich der Gemeinderat, ehe er nähere Entscheidung trifft, durch Vorträge informieren. — Die Kanalisation des Mühlgrabens soll weiterdurchgeführt, doch zuvor das Kulturbauamt gehört werden. — Die Erhebung der Gemeinde, hier ft euer hat der Gemeinderat wiederholt abgelehnt. Zu einer weiteren Belastung des Gewerbes kann ek sich nicht verstehen. — Die gemeindlichen Steuerausschlagssätze hat der Gemeinderat festgesetzt in Höhe der Ausgangssätze des vorigen Rechnungsjahres, an denen noch Steuersenkungen 6 Prozent für die Grundsteuer und 12 Prozent für die Gewerbesteuern vorgenommen werden. Die Steuersätze von 1930, die nur vorläufige waren, werden als endgültige beschlossen. Die Erhebung der Bürgersteuer wird zu dem üblichen Landes- satz beschlossen. — Gegen die von der Forstabteilung angeordnete Sperrung der Zufahrtsstraßen zum Hoherodskopf und Oberwald für die Autobusse erhebt der Gemeinderat starken Widerspruch, da mit der Sperre eine große wirtschaftliche Schädigung für den Vogelsberg verbunden ist. — Auf jedem Ouartalsersten sollen von jedem zahlungspflichtigen Haushalt 5 Mark vorläufiges Wassergeld erhoben werden, welcher Betrag später auf das endgültige Wassergeld angerechnet wird. — Mit der demnächstigen Abhaltung eines Flugtages in Schotten ist der Gemeinderat einverstanden.
8 Schotten, 25. Juni. Nachdem vor kurzem der Gesamt-VHC. die wohlgelungene Feier seines 50jährigen Bestehens hier in Schotten abgehalten hatte, versammelte sich am Montagabend, dem Gründungstage (22. Juni 1881) im Klublokal der hiesige Zweigverein, um im engeren Rahmen des Gründungstages zu gedenken. Karl Sind gab in seiner Festrede einen Ueberblick über die in 50 Jahren geleistete DHC.-Arbeit. Der erste Vorsitzende, Apotheker S c r i b a , ergänzte die Ausführungen. Bürgermeister M e n g e l überbrachte den Glückwunsch und den Dank der Stadt. Am kommenden Samstag soll ein Ehrenmal, das der hiesige Zweigverein für seine gefallenen 17 VHC.-Brüder bei der Marienruhe im Giertal geschaffen hat, eingeweiht werden.
□ Laubach, 25. Juni. Am vergangenen Samstagabend hielt im „Schützenhof" der hiesige Schützenverein eine außerordentliche Mitgliederversammlung ab. Den Hauptpunkt der Tagesordnung bildete die Sanierung der restlichen, aus dem Bau der Schießstände herrührenden Schulden. Schützen- Weister Kreider machte, um für die Zukunft die Zinsen für das aufgenommene Kapital zu sparen, Den Vorschlag, von jedem Mitglied den Betrag von £5 Mark, und zwar gegen Ausgabe von zinslosen Aktien, von denen ein Teil durch jährliche Auslosung
Die neue Riesenzeppeliuhalle in Friedrichshafen vor der Vollendung.
Die Luftschiffhalle in Friedrichshafen-Loewental, die die größte Europas sein wird, geht jetzt ihrer Vollendung entgegen.
■ ' ■
W
Aus dem Darmstädter Stadtrat.
WSN. Darmstadt, 24. Juni. In einer aus- gedehnten Abendsitzung beschäftigte sich der Darmstädter Stadtrat noch einmal mit dem Ausgleich des Voranschlags für 1931 und dem Wohnungsbauprogramm für das laufende Jahr. Der Stadtrat kam einstimmig zu der Auffas. fung, daß es hinsichtlich des Wohnungsbauprogramms notwendig sei, Kleinwohnungen zu erstellen und die Mieten auf einen Betrag möglichst unter 40 Mark für Zweizimmerwohnungen herab- zusetzen. In der Vorlage der Verwaltung, die dahin geht, die Bürgschaft in Höhe von 85 Prozent für das notwendige Baudarlehen zu übernehmen, wird der Betrag auf 3,2 M i l l i o n e n veranschlagt. Die Bauten werden von verschiedenen Baugenossenschaften ausgeführt. Zur Dedung des verbliebenen D e • fizits im Stadthaushalt war der Voran- schlag nochmals zur Beratung an den Stadtrat zu- rüdverwiesen worden. Es fand sich jedoch keine Mehrheit, die dem Vorschlag einer dreifachen Erhöhung der Bürgersteuer, einer Verdoppelung der Biersteuer und der Einführung einer lOprozentigen Getränkesteuer zugestimmt hätte. Die Vorlage wurde vielmehr einstimmig abgelehnt, so daß nunmehr die Aufsichtsbehörde oder wvh«4cheinlich der Staatskommissar die Dedung dekretieren wird. Abschließend ergab sich nochmals eine sehr lebhafte Debatte über die Wahl des Intendanten Hartung zum Generalintendanten des Hessischen Landestheaters. Die Wahl Hartungs wurde mit Ausnahme der sozialdemokratischen Fraktion von allen Fraktionen scharf verurteilt und abgelehnt, und es wurde zum Ausdrud gebracht, daß die aufgezwungene Generalintendantur Hartungs zu einer Schädigung des Hessischen Landestheaters führen würde.
Srüdgezahlt wird, zu erheben. Nach längerer Aps- :ache wurde dieser Vorschlag mit überwiegender ehrheit angenommen. — Die hiesige Landwirtschaftliche Bezugs - und Absatzgenossenschaft hatte vor einigen Wochen ihre Liquidation beschlossen. In einer am Sonntagnachmittag unter dem Vorsitz des Direktors, Kaufmann Kreider, abgehaltenen außerordentlichen Generalversammlung sprach sich die Mehrheit der Mitglieder nach längerer Debatte für die Erhaltung der Genossenschaft aus, wobei auch eine Erhöhung der Geschäftsanteile von 5 auf 50 Mark beschlossen wurde. Zum Rechner der Genossenschaft wurde H. K r ö d gewählt.
Kreis Alsfeld.
=er. Homberg, 24. Juni. Bei den Aus - schachtungsarbeiten im Innern der S t a d t k i r ch e wurde der Boden 60 Zentimeter tiefer gelegt. Die Arbeiten sind nun beendet; ihr Zweck war, die ausgemauerten Pfeiler der Rundbogen bis zu einer gewissen Tiefe freizulegen. Das dreischiffige Langhaus der, Kirche zeigt nämlich in seinem Baukern untrügliche Spuren einer romanischen Pfeiler - Basilika aus dem Beginn des 13. oder dem Ende des 12. Jahrhunderts. Bon dieser romanischen Basilikaanlage sind noch drei Arkadenstellungen (Bogenhallen) erhalten. Di« Erbauung des Kirchturmes dagegen fällt in den Ausgang des Mittelalters.
Preußen
Kreis Wetzlar
Z Lützellinden, 25. Juni. Der preußische Minister für Landwirtschaft, Domänen und Forsten hat für die hiesige Gemeinde ein Bodenverbesserungsdarlehen von 1 0 0 0 0 Mark bereitgestellt. Das Darlehen wird durch die Deutsche Bodenkultur AG., Berlin, gewährt. Es soll für die Melioration der Surbach- und Zechbachwiesen Verwen? düng finden. Von den bei dem Unternehmen zu beschäftigenden Arbeitern müssen mindestens zwei Drittel vom öffentlichen Arbeitsnachweis entnommen sein. Landwirtschaftliche Arbeiter dürfen bei
den Bodenverbesserungsarbeiten nicht verwendet werden. Das Darlehen ist mit 4 Prozent zu ver- zinsen und vom Jahre 1933 ab in 10 Jahresraten zurückzuzablen.
0 Hochelheim, 25. Juni. Auf eine 4 0 jäh - rige Tätigkeit als Hausangestellte kann die im hiesigen Pfarrhause beschäftigte Sophie Helmes gurüdbliden. Bis zum Jahre 1926 war Fräulein Helmes bei dem verstorbenen Pfarrer Schneider in Stellung; von da ab ist sie bei dessen Sohn, dem jetzigen Ortsgeistlichen, als Hausangestellte tätig.
* Hochelheim, 25.Juni. Die Frühkir- sch en ernte hat begonnen, die Bäume sind gut behangen und bringen einen vollen Ertrag. Zur Hauptsache werden die Kirschen in den Kreisstädten Gießen und Wetzlar abgesetzt. Das Pfund kostet 30 Pf. Zum Teil werden die Kirschen auch von den hiesigen Händlern nach auswärts verkauft.
Kreis Biedenkopf.
XX Rodheim a. d. Bieber, 24. 3u.nL Die hiesige Freiwillige Feuerwehr, die im Jahre 1906 den Grund gelegt hat zu dem Feuerwehrverband Hinterland (jetzt 1. Verband Nassau) hatte für Sonntag zu einer bescheidenen Feier des 25jährigen Bestehens eingeladen. Zahlreiche Abordnungen der Verbandswehren waren erschienen. Ein stattlicher F e st z u g , in dem die Feuerwehrkapellen Don Krofdorf und Biedenkopf flotte Märsche spielten, bewegte sich nach der Zigarrenfabrik von 3. B. Noll, an der die Wehr durch einen gelungenen Brandangriff ihr Können zeigte. Bürgermeister P e P p le r hatte die Begrüßung der Gäste übernommen. Ein kleines Volksfest beschloß den Tag.
Kreis Marburg.
H Marburg, 25. 3uni. Der Polizei gelang es, den Kraftwagenführer, der am Mittwochvormittag den Arbeiter B r u n n e t aus Sarnau angefahren hatte und schwerverletzt liegen lieh, auf dem Diehmarkt zu Hersfeld d i n g s e st zu machen^ Es handelt sich um den Führer eines Lastkraftwagens mit Anhänger aus dem Kreise Gießen.
Erweitertes
Schöffengericht Gießen.
• Gießen, 25. 3uni. 3n Fortsetzung der Verhandlung wegen der Schlägerei in Ranstadt gelegentlich einer Versammlung der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei wurde heute zunächst der Kreisleiter des Kreises Büdingen vernommen, der damals Einberufer und Leiter der Versammlung war. Da sich der Zeuge in dieser Eigenschaft für den ordnungsmäßigen Verlauf der Versammlung für verantwortlich hielt, hatte er, als die ersten Zwischen^ rufe laut wurden, den Führer des Saalschutzes (einer der Angeklagten) angewiesen, im Falle eines Tumults von sich aus den Saal zu räumen, was der Zeuge aber nicht allgemein bekannt machte. Durch SA.°Leute ließ er dann den Angeklagten E., der wiederholt störte, zum Verlassen des Scvales auffordern. Dieser leistet« keine Folge. Kurz darauf sah der Zeuge, daß G. ein Bierglas in die SA.-Leute warf. Andere Zeugen haben nur gesehen, daß E. sein Bierglas hochhob, das er dann wieder fest auf den Tisch gestellt habe. Weiter hat der Zeuge, wie er unter seinem Eide bekundet, beobachtet, wie während des Tumults der Angeklagte G. aus dem 3nnern seines Rocks einen Gummiknüppel hcrauszog, womit er draufschlagen wollte.
Ein Sturmführer, der an diesem Abend nur Ordnungsdienst hatte, bekundet, daß er im Auftrag des Versammlungsleiters, welcher Unruhen befürchtete, telephonisch noch den Saalschutz aus Hungen herbeigerufen hat, der während der Diskussion eintraf. Um Ruhe zu verschaffen, hat der Zeuge wiederholt auf seiner Trillerpfeife gepfiffen. Dieses Pfeifen ist nach Ansicht des Zeugen gleichbedeutend mit Achtung, niemals bedeute es etwa ein Zeichen zum Angriff.
Nach der Darstellung, die einige Zeugen über den Verlauf der Schlägerei gaben, war diese bereits im Gange, als der Schuß fiel, während andere Zeugen behaupten, daß der Schuß in dem Augenblick krachte, als die SA.-Leute von der
drandungdesstbens
Roman von Kate Lindner.
(Copyright 1931 by Verlag Alfred Bechthold in Braunschweig.)
22. Fortsetzung Nachdruck verboten.
„Sergej Mamonow, ich wurde von der Direktion bed Savoyhotels mit der Untersuchung der im Hotel ausgeführten Diebstähle betraut", sagte der Detektiv. „(Sie sind mit Ihrer Begleiterin Sonja Kasalowska überführt, sämtliche Diebstähle ausgeführt und die Perlen Miß Galvestvnes auf die Seite gebracht zu haben. Sie wurden bei einem Hehler in Venedig entdeckt und konnten wieder zur Stelle gebracht werden. Sie werden auch von London aus verfolgt als der so lange gesuchte Hoteldieb, der sich immer wieder seiner Strafe entzog und unter einem anderen Namen eine Gastrolle anderswo gab. Leugnen hilft nichts mehr, Sie sind überführt, nur ein offenes, rückhaltloses Geständnis kann 3hre Strafe mildern."
Ein höhnisches Lachen flog durch den engen Raum. Sergej Mamonow stand auf und reckte die Arme. Er war groß und dunkelhäutig, wie ein dunkler Schatten stand er jetzt mitten in der Zelle. Schwarzes Haar fiel in ein abgemagertes Gesicht hinein, flackernde Augen standen unter zusammengewachsenen Brauen. 3eht flogen sie haßerfüllt zu Semjonow, der neben der Tür stand und unverwandt zu ihm herübersah.
„Warum brachten Sie zu meinem Verhör den Eintänzer des Savoyhotels mit, Signore", fragte der Gefangene jetzt höhnisch „Wirklich ein sonderbar anmutendes Verfahren dieses Landes, Untersuchungen zu führen. 3ch protestiere gegen die Anwesenheit dieses Herrn in meiner Zelle, in der ich zu Unrecht gesangengehalten werde. 3ch protestiere.. ."
Er sprach ein tadelloses Französisch mit fremdem Akzent. Auch jetzt kam Semjonow die Gewißheit, daß er einen Russen vor sich hatte.
Boni sagte in gemütlichem Ton:
„3hr Protestieren wird 3hnen wenig nützen dieser Herr hat nachher eine kleine Gewissensfrage an Sergej Mamonow zu richten, wenn wir unsere Angelegenheit abgewickelt haben. Bitte, wollen Sie einstweilen sich dieses Schemels bedienen, Herr Graf. Es ist der einzige, den wir haben. Sie müssen noch ein wenig warten, ehe Sie die gewünschte Auskunft von Signore Mamonow einholen können."
Bei der Anrede Herr Graf stutzte der Delinquent, und seine schwarzen Augen fuhren blitzschnell zu Semjonow hinüber, der immer noch an der Türe lehnte.
Dann stellte der Detektiv ein Kreuzverhör in so
geschickter Weise an, daß alle Ausflüchte, die der Gefangene verzweiflungsvoll zusammensuchte, in sich zusammenfielen.
„Alles nützt Ihnen nicht mehr, mein Freund", kam jetzt Bonis freundliche Stimme, „Sonja Kasalowska hat schon vor Ihrem Eintreffen hier ein umfassendes Geständnis abgelegt und Sie in keiner Weise dabei geschont. Sie war wohl eine sehr geschickte Helfershelferin, Sergej Mamonow, aber da Sie ihr mit Ihrer Klugheit und Verschlagenheit nicht mehr zur Seite standen, brach sie unter der Wucht der Anklagen zusammen. Wozu halten Sie uns also so unnötig aus?"
Mit einem Stöhnen sank der Angeklagte auf der Matratze zusammen. Eine ganze Weile war es still. Dann kam stoßweise auf alle Fragen die Antwort.
„Sehen Sie, jetzt sind wir endlich so weit. Und welcher von Ihren vielen Namen, die Sie sich zulegten, ist nun 3hr richtiger? Sonja Kasalowska behauptet, Mamonow, aber stimmt dies auch?"
Müde nickte der ander«.
„Es war in den Tagen des Umsturzes in Rußland leicht, sich Ausweispapiere zu verschaffen", sagte er dann, und ein scheuer Blick schweifte zu Semjonow hinüber. „Nicht ich allein benützte diese Gelegenheit, ein wahrer Rausch hatte die Bediensteten der Tscheka befallen, dunkle Neben- geschäfte zu machen, die ungeahndet geblieben sind. 3ch war früher Offizier in einem Linienregiment des ermordeten Zaren von Rußland gewesen. Hatte mir nie etwas zuschulden kommen lassen. Bis der Umsturz kam und mit ihm der völlige Zusammenbruch meiner bescheidenen Existenz. So viel Ehrgefühl war damals noch in mir, daß ich nicht zur Roten Armee überlief, sondern als Arbeiter eine Gelegenheit, aus Rußland zu entkommen, abwartete. Da ich bürgerlich, arm und ohne einflußreiche Stellung gewesen war, hatte man mich in Ruhe gelassen, der arme, kleine Leutnant war ja auch schleunigst ihrem Machtbereich entronnen, und dem Arbeiter Mamonow taten sie nichts.
So wartete ich. Meine bescheidenen Ersparnisse hatte ich aus dem Zusammenbruch gerettet damit fristete ich mein Leben. 3ch hatte in einer Hafenkneipe ein verkommenes Subjekt kennengelernt. Wassil Wohschesf war ein treuer Diener des Sowjetstaates, aber für Geld und Wodka tat er alles. Er trieb einen geheimen, schwunghaften Handel mit Pässen und Ausweispapieren. Gott weih, auf welche Weise und auf welchen Wegen er sie sich verschaffte. Genug Helfershelfer hatte et, die sie ihm in die Hände spielten. So brachte er mir ab und zu Ausweise, für die er nicht gerade einen anderen Abnehmer hatte Immer war Wassil in Geldverlegenheit. und ich zahlte ihm, was er verlangte. Mein Plan ins Ausland zu entfliehen, war fett langem vor
bereitet, ich wußte damals noch nicht, wozu mir die Pässe nützen würden. Aber da ich sie billig erwerben konnte, nahm ich sie.
Dann ist es immer weiter abwärts gegangen mit mir. 3ch kannte Sonja Kasalowska seit langem, sie war Polin, Bardame in einer Animierkneipe, und eine durchtriebene Person. Unsere Wünsche, aus Rußland fortzukommen, begegneten sich. Ich batte mit Sonja einmal eine kleine Liebschaft gehabt... sie war eine anhängliche klein« Motte. Frauen vergessen so leicht keinen, der ihnen einmal schöne Augen gemacht hat. Aber sie wurde mein Verderben.
Es gelang uns, aus der Hölle Rußlands zu entkommen. Run begann ein abenteuerliches Leben. Das Endergebnis, wie wir uns ausreichende Cxistcnzmittel auf gefahrvollen Wegen verschafften, wissen Sie."
Nach diesem umfangreichen Geständnis sank Mamonow auf die Matratze zurück und schloß die Augen in einem Schwächeanfall.
Boni winkte Semjonow an seine Seite.
„Hier neben mir steht Graf Alexander Kyrill Semjonow. Strengen Sie 3hr Gedächtnis an, Sergej Mamonow, und sagen Sie uns noch zum Schluß, ob Sie auf dieselbe Weise in den Besitz seiner Papiere gekommen sind und ob Sie uns weitere Aufschlüsse über seine Person geben können. Sein bei Ihnen vorgefundener Paß stimmt auffallend überein mit seiner Persönlichkeit, er behauptet, Graf Semjonow zu sein. Aber daraufhin köirnen wir ihm noch nicht seine Papiere zurückgeben."
Wieder loderte Haß in den tiefliegenden Augen Mamonows auf.
„Ich hatte mich leider in meiner verfluchten Sorglosigkeit nicht um den Namen des Eintänzers im Hotel gekümmert", sagte Mamonow nach einer schwülen. Pause. „Als ich ihn zufällig einmal hörte, war es zu spät, trotzdem ich sofort das Hotel verlieh und Sonja befohlen hatte, mit unseren Sachen nach Florenz nachzukommen. Dieser Schurke hier hat Sie wohl auf unsere Spur gehetzt, so leicht hätten Sie uns nicht entdecken können."
„Nein, er war wirklich nicht schuld daran, der Herr Gras. Madame Kasalowska lief trotz aller Schlauheit selbst in ihr Verderben. Aber Sie sind uns noch diese Antwort schuldig. Wie kamen Sie zu seinen Papieren?"
„Wassil Wotzschesf hatte einen Kumpan, den er oft mitbrachte, wenn es ein Geschäft zu machen galt. Kyrill Petrowitsch war unter der alten Regierung des Zaren als politischer Verbrecher verdächtigt und ins Zuchthaus gebracht worden. Als die Revolution ausbrach, öffnete man ihm sofort die Pforten seiner Zelle. Als besondere Vergünstigung gab ihm die neue Regierung einen Posten als Wächter in demselben Gefängnis, in
dem er so lange geschmachtet hatte. Sie wußten wohl, daß man damit einen guten Griff getan.“
Semjonow legte die Hand über die Augen und griff nach dem Arm Bonis. Ein teuflisches Gesicht tauchte in feiner Erinnerung auf... Harte Hände, die- erbarmungslos die Knute geschwungen hatten bei der geringsten Widersetzlichkeit... Ein Teufel war dieser Wächter gewesen, hatte sich nie genug tun können im Erfinden immer neuer Grausamkeiten ... Furchtbares Erinnern ...
„Was haben Sie, Herr Graf...? 3a, ich glaube es wohl, daß Petrowitsch kein humaner Zuchthauswärter war, er ist Ihnen wohl in der besten Erinnerung geblieben. Äeser Mann war von einem glühenden Hah beseelt gegen alle, die einstmals unter der alten Regiemmg eine einflußreiche Stellung bekleidet hatten", erklang wieder die höhnische Stimme Mamonows. „Eines Abends kam er wieder einmal mit Wohschesf in die Kneipe. Er hatte getrunken, brauchte Geld und hatte Papiere und ein Amulett, das er mir zum Kauf anbot. Wilde Reden führte er gegen die neue Regierung, eine einflußreichere Stellung verlange er, nicht nur ein Popanz wollte er fein für diese Zarenbrechte. „Qtber heute", sagte er mit einem teuflischen Lachen, „habe ich dem seinen Grafen, der immer auf schreit wie ein junger Hund, wenn ich mit der Knute komme, dem habe ich ein teueres Andenken in seine Tasche gesteckt... Wenn er auswacht, wird er Kyrill Petrowitsch fein, fein Graf Semjonow mehr. Was werden sie auch in Sibirien nach einem Grafen Semjonow fragen? • • • Dafür ist Kyrill Petrowitsch gerade gut genug. Nun könnte ich jetzt hier den seinen Grafen spielen, aber wäre das nicht eine gefährliche Sache, Brüderchen... niemals würdest du diese Papiere bekommen, die ich dir jetzt anbiete um einen Pappenstiel, um ein Nichts.
2lber steck« sie nur lieber in deine Tasche... sind ja doch nur Papiere. Seine Besitztümer sind längst vom Väterchen Staat beschlagnahmt worden, ist ein Mächtiger und Reicher gewesen, der Graf Semjonow... unb liegt jetzt wie ein Hund auf faulem Stroh, und Kyrill Petrowitsch kann seine Wut auslassen an ihm. Kräht kein Hahn darnach, was er mit ihm anfängt. Na, willst du die Papiere und das Ding da haben oder nicht? Was willst du geben dafür?"
Er legte Papiere und ein kleines, goldenes Medaillon vor meinem Platz auf den Tisch. Ich wollte dies« Papiere zuerst nicht kaufen, viel zu gefährlich kam mir dieser Ausweis vor. Nun ist er mir hier auch richtig zum Verderben geworden. Aber wir wurden damals doch rasch einig. Das Medaillon nahm ich auch mit. es war nichts wertvolles und enthielt das Bildnis seiner Frau."
„Tatiana Iwanownas BildI", schrie Semjonow auf. „Ich hatte es zwischen die Papiere gelegt, mit ihnen war es verschwunden."
(Fortsetzung folgt.)


