Einzelbild herunterladen

Nr. 147 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Freitag, 26. Juni MI

Neue Regierung - alter Kurs.

Von unserem Dr.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.) Wien, 24. Juni 1931.

Die österreichische Regierung stellt sich dem Parla­ment vor. Die ehemaligen Minister für Justiz, soziale Verwaltung und Inneres nehmen ihre verwaisten Sitze wieder ein, und so ist die Regierung Dr. B u - resch bis aus den neuen Finanzminister dieselbe wie die, die seinerzeit mit Dr. E n d e r an der Spitze die Geschäfte übernahm. So scheint es er­staunlich, daß bis zu diesem Ergebnis das ganze Re­gister parlamentarischer Möglichkeiten erschöpft wer­den mußte, ja, daß es schon fast so weit war, daß überhaupt zum erstenmal in der republikanischen Ge- schichte Oesterreichs die Regierung ohne B e - fragung der Parteien vom Bundes­präsidenten ernannt werden sollte. Zu dem kommt, daß es nicht nur dieselben Mitarbeiter ge­blieben sind, sondern daß es sich auch- in großen Zügen darum handelt, die vorliegenden Aufgaben in fast gleicher Form zu erledigen, wie es Dr. Ender selber gesagt hat.

Geht man freilich tiefer, so findet man doch eine leise Verschiebung gegen früher, eine neue A b - Wandlung der politischen Skala die von rechts nach links führt. Das Wahlkabinett D a u g o i n mit den Heimwehrführern war eine Rechtsregierung, die gegebenenfalls bereit gewesen wäre, auch ohne das Parlament die Macht im Staate in ihren Händen zu behalten. Als sie von der Re­gierung Ender abgelöst wurde, war das ein beut- liches Hinüberrücken zu rein parlamentarisch demo­kratischen Grundsätzen. Der scharfe Gegensatz zur Sozialdemokratischen Partei war gemildert. Die kri­tische Zeit, die während der Regierung Dr. Einders hereinbrach, die Sorge um den Bundeshaushalt, die Sorge um die österreichische Wirtschaft, der aus dem Zusammenbruch der Kreditanstalt ernste Gefahren drohen, hat die Parteien zu noch stärkerem Ver­zicht auf Betonung der Gegensätze ver­anlaßt. Schon als die Regierung Ender zusammen­trat, hat der Landbund darauf hingewiesen, daß es notwendig sein werde, eine Konzentration aller poli­tischen Kräfte vorzunehmen und an diesem Ge- danken hat er auch in der Krise selbst festgehalten. Auch in der Christlich-sozialen Partei hat es von jeher Politiker gegeben, die sich solchen Möglichkeiten nicht verschlossen haben. Es scheint bemerkenswert und bezeichnend für die Gefahren der Lage, daß der Träger der antimarxistischen Idee in der Christlich­sozialen Partei, Dr.' Seipel, selbst den Versuch gemacht hat, eine solche Notgemeinschaft der Parteien zusammenzubringen. So weit konnte und wollte er natürlich den Versuch nicht gehen lassen, daß in dieser Notgemeinschaft der sozialdemo­kratische Gedanke führend gewesen wäre, und auf der anderen Seite fühlte sich auch die Sozialdemokratie nicht veranlaßt, in ein Kabinett einzutreten, das bei aller Konzentration doch aus bürgerlichen Grund­gedanken aufgebaut gewesen wäre. Immerhin hat dieser Versuch Dr. Seipels jene Erklärung der Sozialdemokraten herbeigeführt, die, obwohl ableh­nend für diesen Fall, den Gedanken nach einer Zu­sammenfassung der Kräfte gebilligt hat. Auch Dr. Buresch hat keine Konzentration herbei­geführt, er ist daran vorbeigegangen, aber dafür hat er sich eine weitgehende Neutralität auf dieser Seite gesichert. So ist die Regierung Buresch gleichsam die eines Nichtangriffspaktes, eines V e r st ä n d i - gungsversuches mit dem politischen Gegner. Sie ist, da sich die Meinung der Befürworter der Konzentration dadurch nicht geändert hat, eine R e - gierung des Kompromisses, vielleicht wirklich die Vorläuferin eines veränderten politischen Systems: nach sozialdemokratischer Meinung ist sie die letzte bürgerliche Regierung. Doch erst die nächsten Wahlen werden zeigen, wie weit diese Propheten recht haben. Es hat ziemlich lange gedauert, bis es zu diesem Ergebnis der Regierungsbildung ge­kommen ist. Kostbare Zeit ist dabei verloren ge­gangen, der neue Bundeskanzler selbst hat in einem Gespräch erklärt, es sei für ihn tief beschämend, daß bereits das Ausland wissen ließ, man könne nicht verstehen, wie Oesterreich in so schwieriger Lage, wo die Verzögerung auch nur um Augenblicke die schlimmsten Folgen nach sich ziehen würde, nicht die innere Kraft und den Ernst aufbringe, eine Regie-

O.-Berichterstatter.

rung zu bilden, die in der Stunde höchster Not ihre Pflicht tue.

. Aber gerade das war es, was die Regierungs­bildung so verzögert hat. Es war zu viel vom Ausland gesprochen worden, es wäre gar nicht notwendig gewesen, daß die Führer der Wiener Banken und die hier anwesenden ausländischen Be­rater bei den Parteien vorsprachen, um sie auf die Dringlichkeit der Lösung aufmerksam zu machen, es war nicht notwendig von Parteiseite her darauf hin­zuweisen, daß der Generalkommissär sozusagen vor der Tür stehe. Gerade das hat persönliches Miß­trauen geweckt: es hat schwere Bedenken hervor- gerufen, als außergewöhnliche Vollmachten verlangt wurden. Diese ausfallenden und betonten Hinweise auf bas Auslanb waren Stützen für jene, bie bie vorgefaßte Meinung hegten, baß ber Wechsel in ber Regierung unb bte N o t bes Staates z u einem außenpolitischen Attentat b e - nützt werben sollten. Die Schreibweise ber französischen Presse zusammen mit ben burchaus nicht geheim gebliebenen Interventionen ber fran­zösischen Gesanbtschaft waren ganz bazu angetan, derartige Meinungen zu bestärken. Es ist keine Frage, baß bei berartiger politischer Empfinblichkeit in ber jetzigen Zeit es als eine Bestätigung biefer Auffassungen gedeutet werden wird, wenn ein Wiener Montagsblatt in auffälliger Form den fal- scheu Bericht einer Budapester Tageszeitung wieder- gibt, welche das Scheitern der Mission Dr. S e i p e l s unmittelbar einer diplomatischen Intervention der Reichsregierung im Wege der Wiener deutschen Ge- sandtschaft zuschreibt, insbesondere, da die Tendenz dieses Berichtes durch die Einleitung vollkommen klargestellt wird, die sagt, man hätte im allgemeinen von t)r. Seipel erwartet, daß er das Vertrauen des Auslandes wieder Herstellen werde, das Dr. Schober mit der überraschenden Offenbarung des Zollunions­planes auf eine harte Probe gestellt hat".

Wie gesagt, der Bericht ist falsch, aber er hat als eine richtige Geschichtsklitterung das Falsche so ge­schickt in das Wahre hineingemischt, daß jene, die ihn zu ihren Zwecken benützen wollen, nicht so leicht zu widerlegen sein werden.

Bei all dem soll nicht geleugnet werden, daß auch viel Kleinliches in diesem politischen Kampf um die Regierung gesteckt hat, viel menschliche Schwäche, die manchmal mehr ausschlaggebend gewesen ist als die Einsicht, die die Größe der Probleme fordert. Denn groß ist das Problem, es ist das Problem der Herrschaft in Mitteleuropa. Man könnte fast sagen, in Wien liege heutzutage der Schlüssel zur Lösung all der europäischen Fragen. Denn wenn sich der Kampf um Oesterreich entscheidet, so werden auch alle diese Fragen entschieden werden. Gewiß fällt die Ent- scheidung nicht hier allein. Sie kann ebenso gut in London, sie kann auch in Washington fallen, aber sie kann dort nicht mehr fallen, wenn hier in Wien bereits eine Niederlage erfolgt ist. Die bessere diplo­matische Kunst wird es sein, die den Sieg erringt.

Die frühere österreichische Regierung hat trotz der kritischsten Augenblicke jede Kapitulation abgelebnt. Die neue Regierung hat den Leiter der Außenpolitik übernommen. Sie hat neben ihn einen Finanz­minister gestellt, dessen angko-amerikanische Be­ziehungen bekannt sind. Es ist ein Versuch, schon in den Personen ein Gegengewicht gegen den Druck zu schaffen, der von der anderen Seite kommt.

Taten für Freitag 26. Juni

1583: der schwedische Staatsmann Axel Djenftierna auf Fanö geboren; 1824: der englische Physiker Lord William Thomson in Belfast geboren; 1841: der Architekt Paul Wallbot in Oppenheim a. R. ge­boren; 1918: der österreichische Dichter Peter Rosegger in Krieglach gestorben.

Kunst unb Wissenschaft.

Wiesbadens neuer Generalmusikdirektor.

WSN. Wiesbaden, 25. Juni. Zum Nachfol­ger Erich Böhlkes wurde Karl Rankt von der Berliner Krolloper als Generalmusikdirektor nach Wiesbaden berufen.

Oberheffen.

Gemeinderai in Grünberg.

+ Grünberg, 25. Juni. Die Führung ber Reichsfern st raße (Autostraße) in ber West­ostrichtung KoblenzGießenAlsfeld ist durch un- scre Stadt schwierig, da am alten Denkmalsplatz eine starke Kurve sich befindet. Ein erster Plan, im Zuge ber Theo-Koch-Straße mit Ueberquerung ber Lon- borfer unb Bahnhofstraße nach bem Rondell zur Alsfelber Straße zu gelangen, scheiterte bamals, nachdem bort Bauten entstanden waren. Behörd­licherseits sieht man jetzt eine andere Linienführung vor, die ab Turnhalle durch den Garten des Ver- mcssungsamtes die Höfetränke überquert und längs bes Schloßgartens bann bie Alsfelber Straße er­reichen soll. Run liegt ein Baugesuch bes Gelänbe- besitzes neben ber Höfetränke vor, bas aber eine ber- artige Führung unmöglich machen würde. Aus die­sem Grunde wurde es von der Baubehörde nicht genehmigt. Um nun in ber Sache eine Entscheibung herbeizuführen, waren zu ber jüngsten Gemeinbe- ratssitzung Vertreter bes Kreisamts, ber Provinzial- bauverwaltung unb des Hochbauomts erschienen. Dor einiger Zeit hat sich ber Gemeinberat schon einmal mit ber Angelegenheit befaßt unb ist dem Ansinnen der Behörde nicht beigetreten, da eine der­artige Linienführung die Stadt finanziell stark be­lasten würde durch Geländestellung und ein Achtel der Baukosten. Von den Vertretern der Behörde wird darauf hingewiesen, daß ein Beschluß des Ge- meinderats noch lange nicht den alsbaldigen Bau bedeuten würde, da zur Zeit die Inangriffnahme größerer Straßenbauten ausgeschlossen sei. Dagegen fei es erwünscht, die Frage zu klären, damit bas Baugesuch erledigt werden könne. Eine Beschluß- fassunä wurde oertagt es soll versucht werden, ob durch Tausch von Gelände sich das Baugesuch erledigen läßt.

Aus dem Laubacher Gemeinderat.

Laubach , 25. Juni. In der jüngsten G e - rneinderatssitzung wurde beschlossen, der Schwimmabteilung des Turnvereins sowie der Real- und Volksschule den Besuch des städtischen Schwimm­bades während der Turnstunden gegen Zahlung einer jährlichen Anerkennungsgebühr zu gestatten. Der Abschluß eines Pachtvertrages mit der gräf­lichen Rentkammer wegen Unterbringung der Hürde und Gemeindeschafherde in der gräflichen Schäferei wird befürwortet. Zwecks Verschönerung des Stadtbildes ist der Bürgerverein mit einer Eingabe vorstellig geworden. Den geäußerten Wünschen soll tunlichst entsprochen werden. Zum Schlüsse wird dem Gewerbeverein für die letztjährige Werbezeitung ein Betrag von 25 Mark bewilligt und die Instandsetzung zweier Volksschulsäle be­schlossen.

Stadtvorstand Lauterbach.

^Lauterbach, 22. Juni. In ber jüngsten Stadtvorstandssitzung wurde das neue Ge- meinderatsmitglieb Heinrich Stop- ler als Nachfolger für das ausgeschiedene Mit­glied Beier in den Stadlvorstand verpflichtet. Es lag ein Gesuch des Pächters des Erfrischungs­raumes in der Freibadeanstalt vor, der um die Ge­nehmigung zum Verkauf von alkoholarmem Vier nachsuchte. Das Gesuch wurde abgclehnt. Ein Ge­such des Web- und Handwerkerschulvereins um kostenlose Lieberlassung von 75 qm alten Pflaster­steinen wurde genehmigt. Der Vogelsberger Höhenklub bat um einen Zuschuß zur Abdeckung einer durch die Errichtung einer Wasserleitung im Dater-Venderhcim auf der Herchenhainer Höhe entstandenen Schuld. Das Gesuch wurde abschlä­gig beschieden. Der Vürgermeister gab dann ein Schreiben der Ortsgruppe Lauterbach des 3u- gendherbergsverbandes bekannt, in dem diese für erholungsbedürftige Kinder, die sich in der Ju­gendherberge aufhalten und die Freibadeanstalt benutzen wollen, um einen billigeren Dadepreis nachsucht. Der Stadtvorstand beschloß, die Schul­klassen, denen sich in der Jugendherberge aufzu- halten gestattet ist. in der Woche einmal kostenlos baden zu lassen. Die kostenlose Belieferung der Ju­gendherberge mit elektrischem Licht lehnte der Ge­meinderat ab. Genehmigt wurde ein Antrag, den Badepreis für die Erwerbslosen auf 10 Pf. fest­zusehen. Für die Instandsetzung seines Wohn­hauses am Graben beabsichtigt der Weber Kon-

Oie Preisträgerinnen des Fronen-Literatur-preiseS.

Käte Beil (Hamburg) unb Elisabeth Lang- gässer (Alzey) erhielten zu gleichen Teilen ben vom Deutschen Staatsbürgerinnenverband gestifteten Literaturpreis in Höhe von 1000 Mark.

rad Schell ein Darlehen in Höhe von 1500 Mk. aufzunlchmen. Der Stadtvorstand ist mit der Ueoemahme der erforderlichen Bürgschaft einver­standen.

Landkreis Gießen.

<LWieseck, 25. 3unL Der Gemeindera t beschäftigte sich in seiner gestrigen Sitzung mit dem durch Steuern zu deckenden Betrag aus dem Voranschlag. Aach Berücksichtigung aller Acnde- rungen bleibt im diesjährigen Voranschlag noch ein ungedeckter Be trag von 64 500 Mark. Da die Aealsteuern (Grundsteuer um 6 Prozent und Gewerbesteuer um 12 Prozent) durch Bestimmung der Regierung gesenkt werden müssen, beschloß der Gemeinderat die Einfüh­rung der Bürger st euer. Vorläufig sollen die einfachen Sähe erhoben werden. Die Zahl der Erwerbslosen und Wohlfahrtsempfänger be­trägt zur Zeit 248.

cf. Heuchelheim, 24. Juni. Die Frei» luftbadegelegenheit liegt in unserer Ge­meinde sehr im argen. Die einzige Möglichkeit besteht im Baden in der offenen Lahn, um) die? ist auch nur möglich oberhalb der Kläranlage der Stadt Gießen. Aber auch diese Gelegenheit wird nunmehr durch die Durchführung der Bahnlinie zu dem neu zu erbauenden Viehhof zunichte ge­macht. Besonders hart trifft dieser Umstand die Heranwachsende Schuljugend. Der Rektor der hie­sigen Volksschule, Knab, hat es deshalb unter­nommen, die Frage der Errichtung einer Bade­gelegenheit. zumindestens einmal.für die Schul­jugend, ihrer Lösung entgegenzuführen. 3u einer Zusammenkunft mit Vertretern der hiesigen Tum- und Sportvereine legte Rektor Knab seine 3deen über die mögliche Errichtung einer Schwimm- und Badeanstalt dar. Die Anwesenden waren mit den Vorschlägen grund­sätzlich einverstanden. Durch private 3nitiative soll vorerst ein finanzieller Grundstock gelegt und die nötigen Vorarbeiten geleistet werden. Dann soll mit der Gemeindeverwaltung das Projekt gemeinsam ausgeführt werden. Als Platz für die zukünftige Badeanstalt wurden die hinter der Heuchelheimer Mühle gelegenen .Oberwiesen" als am besten geeignet angesehen. Die Kommission hat beschlossen, die Vorarbeiten energisch in die Hand zu nehmen.

# Garbenteich, 24. Juni. Für bie in Kürze vorzunehmenbe Beigeorbnetenwahl würbe nur ein Wahlvorschlag, ber auf Landwirt Wilhelm Kissel lautete, eingereicht. Somit erübrigt sich eine Wahl, unb Wilhelm Kissel, ber seitherige Beigeorb- nete, ist auf neun Jahre wiebergewählt.

-2 Hausen, 24. 3uni. Bei ber Bürger- meist erwähl am vorigen Sonntag wurde das Gemeinderatsmitglied Heinrich Göbel mit 205 Stimmen zum Bürgermeister gewählt. Aus den Wahlvorschlag 1: KennwortBürgervereinigung" mit dem Gemeinderatsmitglied Wilh. Schardt als Kandidaten entfielen 146 Stimmen. Die Wahlbeteiligung war außergewöhnlich stark, sie betrug 91 bis 92 Prozent.

+ Grünbsra, 25. Juni. Am letzten Mittwoch hielten Oberrealscyule unb Volksschule gemeinsam

Hederich.

Von Rudolf Behrens.

Sprichst du vom Flieder, so meinst du die Syringe. und redest du vom Hederich, so denkst du an den Ackersenf. Ackersenf ist der falsche Hederich, Ackenettich der echte. Diese Verwech­slung klingt in Ujrer Zwillingsbruderschaft be­gründet; denn die Familie der Mohnblütler be­sitzt viele Kinder, die sich auf ein Haar gleichen. Falscher und echter Hederich haben gelbe Gesichter und machen sich auf den Feldern breit. Der Landmann haßt sie, ber Blumenfreund sieht über sie hinweg, unb bennoch hat ihnen bie Schöpfung das Wunder verliehen, ganze Felder in leuchtendes Sonnengott) zu tauchen. Vor ihrer Leuchtkraft verblaßt das Blau der Kornblume unb bas Rot bes Katschmohns. Sie schmarotzen aus Feldern wie Efeu an Bäumen; sie zehren vom Mark und zieren das Kleid. Solche Wider­sinnigkeiten liegen oft im Leben beieinander. Fragen wir warum, so gibt uns vielleicht ein Weiser die Antwort, daß der Widersinn das Leben ist. Was schön ist, braucht nicht immer nützlich zu sein, und das Nützliche ist oft in seinem Aeu- ßereu belanglos. Das Feld ist nicht nur nützlich, es kann auch schön sein, wenn man das Auge sinzustellen weih.

Der praktische Blick sieht in ihm das älteste Kulturbild einer Landschaft. Es zwang den No­maden zur Seßhaftigkeit unb schuf aus bem Hir­ten den Bauer. Solche Liebergänge benötigen weite Zeiträume und sind schwer durch 3ahres- zahlen festzuhallen. Schon die alttestamentliche Mythologie kennt die Felderwirtschast und nennt als ersten Landmann Kain, ber über das Hirten- tum seines Brubers Abel ergrimmte. 3ahr- taufenbe stank) die Agrikultur an ber Spitze bes zivilisierten Lebens. Hm ihre Werte zankten sich Nachbarn, Familien, Sippen, Stämme unb Völ­ker. Gänber, in benen Milch unb Honig floß, sind stets Zankäpfel ber Menschen gewesen. So stritt 3frael um Kanaans Garten, so tauschten germanische Völkerschaften aus gleichen Gründen rauhe Nordgefilde mit der Sonne des Südens unb kämpften um diese Sonne bis zum Linker-

gang. Seit Columbus Tagen wetteifert bet Men­schenüberschuß der allen Kulturstaaten um die Kolonisation bes neuen Erbteils. Stets war Grunb unb CB oben, Ackerkrume und Feldfrucht ber Desiebelungsmagnet. Recht spät erst schuf die Geschichte bas Gegenspiel zur Ackerwirt- schäft, die Industrie. 3n diesem Gegenspiel ruht der Ausgleich ber Wirtschaft, das Wohlergehen ber Völker. Obwohl sich Fabrik unb Bauernhof, Selb unb Schornstein nicht vertragen wollen, finb sie bennoch auf Gedeih unb Berderb mit» emonber verbunben.

Das Selb ist ber Stolz bes Lanbrnannes, bie wechselnbe Kulisse ber Straßenbühne unb ber Tummelplatz einer verzweigten Klein kierwelt. Geht ber Bauer spazieren, so geht er ins Feld unb betrachtet mit freudigen Blicken ben Segen der Saat. Empfängt er Besuch, so führt er ihn auf den Acker, um feinen Stolz zu zeigen. Für die Schar der Wanderlustigen ist das Feld mehr als ein Drotacker. Wogende Saat, ziehende Wol­ken geben die rechte Feldstimmung, die sich auch in dem Feld -Blum en str auße, der an Natürlich­keit. Llrsprünglichkeit und Sinngebung manchen Zierstrauch in den Schatten stellt, widerspiegelt. Wenn in einem Strauß Kornblumen, Wucher­blumen, Kamillen, Minze, Rittersporn, Hahnen­fuß, Mohn, Kornrade unb Ackerwinde mit ihrer Farbenfülle wetteifern, gleichen sie dem zerlegten Sonnenlicht im Spektrum, einer buntbeklecksten Malerpalette. Kein Landschaftier hat sich das Motiv einer Frühlingssaat oder eines gold­gelben Aehrenseld^ entgehen lassen. 3ch sah blühende Kartoffelfelder, "bie den Blumenfeldern einer Landschaftsgärtnerei Konkurrenz machten. Ein Raps- ober Lupinenseld sprüht gelbes Feuer aus. Warm schmiegt sich ber rötliche Buch­weizen in bas Heidebett, und unendlich fein sind die Schattierungen der Kornfelder abgestimmt.

Welche Lust muh es sein, hier seine Wohnung aufzuschlagen.'Ein Leben gibts im Aehrenfeld, wie sonst wohl nirgend auf der Welt." weih schon der Schulbub aus bem ersten Lesebuch zu singen. Hier sitzt basHäschen in ber Grube" unb verschläft mit offenen Augen ben Tag. Sein Leben in Wort unb Bild ist zu einer wah­ren Mümmelmann-Literatur angewachsen, bie sich vorn einfachen Kinbergartenliebe bis zur höch­

sten Vollendung des tragischen Hasenromans eines Francis 3ammes steigert. Hier ist das Grab bertoten Lerche", von einer Droste-Hüls- hoff unsterblich besungen, unb daneben lauscht man ben spottlustigenKrähengesprächen", die uns Hermann Löns zu verdeutschen wußte. Hier ist auch das Kleintierreich, das Hoffmann von Fallersleben zu Musik und Kirmeh aufmar­schieren läßt, zechende Grillen, spazierende Käfer- famtf.ien, musizierende Bienchen, singende Fliegen und tanzende Mücken.

3hr Reich baut der Landmann mit Pflug und Egge auf und zerschneidet es wieder mit der Sichel. So geschah es im alten Aegypten, so ist es bis heute geblieben Die Methode ist die gleiche, nur ihre Hilfsmittel passen sich bem Fort­schritt an. Die Chemie gestaltet ben Acker er­giebiger, bie Saatzucht schafft höhere Werte, und die Maschine nimmt dem Dauern auch die letzte Handreichung ab.

Der Acker ist der Kalender des Landmannes. 3m Eismonat liegt das Schneetuch über ihm. Der Taumond sieht seine Schollen brechen Wenn der Lenzmond über den Boden streicht, schaut junges Grün aus ihm hervor, und der Äeim- mond bringt es zur Entfaltung. Der Blüten­monat läßt bie Saat in bie Halme schießen. Brächet- unb Heumonb schaffen Aehren Die Lust ber Reife spenbet der Erntemonat, während ber Herbstmonat Nachlese hält. 3m Weinmonat steht er in Stoppeln, währenb ber Nsbelmonb ihm eine neue Auferstehung bereitet Langsam läßt ihn ber Christmonb in den Winterschlaf verfallen.

So begleitet der Acker ben Menschen wie der Mensch ben Acker burch bas 3ahr. Das Feld wirb zum Sinnbilb bes Lebens. Wieviele Gleich­nisse vom Acker unb Säemann, vom Samen unb von ber Ernte bezeugen das von ber bibli­schen Zeit bis heute. Fabeln unb Parabeln ent­nehmen dem Felde Bilder und Zeichen, um unsere irdische Laufbahn zu beuten. Führt sie uns nicht auf ben letzten Acker, den Gottesacker, der den Leib wieder mit bem vereinigt, von bem er gekommen ist, mit ber Erbe? Lim bieses Ge­heimnis einer unfaßbaren Macht haben bie be* beutenbften Köpfe aller Zeit gestritten, ohne eine restlose Lösung gefunben zu haben. Wohl brin­gen wir in die Atome des Staubes ein, doch wie

sie sich zu lebendigen Zellen formen konnten, bleibt gläubige Hinnahme, mögen wir uns in De­mut unfetm Gott beugen, mögen wir uns in kluger Weltanschaulichkeit mit der Materie be­freunden. Glauben und Wissen werden mitein­ander hadern, solange die Triebkraft des Samen­kornes Geheimnis bleibt.

Der Bauer weih, daß ihm die Scholle Geben gibt, und der Staat sieht in diesem Geben sein eigenes. Darum ringen beide mit Fäusten, Schutz­zöllen, Wissenschaften unb Gesehen um seinen Segen. Durch ihn erfüllt sich unsere Bitte um bas tägliche Brot. Das Feld lehrt uns erste Kulturgeschichte, beherbergt Tausenbe unb mehr Obdachlose kleiner unb kleinster Gebewelt, er­götzt bas Auge burch seine Bildkraft, beschenkt uns reicher als jebe andere Landschaft unb weiß sich mit dem Hederich, dem gemeinsten aller Ackerunkräuter, auf das köstlichste zu schmücken.

Sochschulnacbrichten.

Amtlich wird die Ernennung des Privat» dozenten Dr. jur. Hans von Heutig zum or­dentlichen Professor für Strafrecht an der Uni­versität Kiel bestätigt. Dr. v. Heutig gehörte- bisher dem Gehrkörper der Universität Gießen an. Seit 1. 3amiar 1931 hat er einen Lehrauf­trag für kriminalistische Hilfswissenschaften ander Universität Kiel.

Professor Dr. Günther Müller, Ordinarius für neuere deutsche Literaturgeschichte an der Uni­versität OK ün ft er, hat den an ihn vor einigen Monaten ergangenen Ruf an die Universität Wien als Nachfolger von Paul Kluckhohn ab­gelebnt.

Der Literarhistoriker Professor Dr. Friedrich von der Leyen in Köln ist für das Studien­jahr 1931,32 an die Universität Harvard in Cambridge (Mass.) als Kuno-Francke-Pro- fessor für Deutsche Kultur berufen worden.

Prof. Dr. Hans Erich Feine in Rostock hat den an ihn ergangenen Ruf auf ben neuerrichteten Lehrstuhl für deutsches und bürgerliches Recht in Kiel abgelehnt, hingegen ben Ruf nach Tübin­gen angenommen.