Einzelbild herunterladen

Nr. 72 Erstes vlatt

181. Jahrgang

Donnerstag, 26. März 1931

Erschein« täglich,außer sonntags und Feierlag» vetlaoen

Dte Illustrierte

Gießener Familienblätter Hermal tm Bild Dte Scholle

Monalr-Vezugrvretr: 2.20 Reichsmark und 30 Retchspfenmg für Trägev lohn, auch bet Richter» scheinen -.inzelnerRummern infolge höherer Gewalt.

Zerafvrechanfchlüsse anterSammelnummer2251 Anschrift für Drahtnach­richten Anzeiger Gießeit. poftfcheckkonto: 8rc*ffur1am Main 11686

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Vrvck und Verlag: vrühl'sche Univerfitütr-Vuch- und Stchtöruderei B. Lange in Sieben. Zchriftlettung und Seschästzstelle: Schullttaße 7.

Annahme von Anzeigen für di« Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher.

Preis für \ mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig; für Re­klameanzeigen von 70 mnt Breite 35 Reichspfennig, Platzvorfchrist 20°, mehr.

Chefredakteur.

Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr.H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein und für den Anzeigenteil Ma^ Filler, sämtlich in Gießen.

Eine britische Demarche in Berlin und Wien.

Vie englische Regierung fordert Einschaltung des Völkerbundsrats. Reichskanzler Vr. Brüning lehnt jede politische Einmischung energisch ab.

Der britische Botschafter beim Reichskanzler.

Brünings Antwort.

Berlin, 25. Wär;. (TU.) Amtlich wird mit- geteill: Der britische Botschafter hat heute den Reichskanzler wegen der deutsch-öster­reichischen Vereinbarung über die Zollunion ausge­sucht und ihm mitgeteilt, fjerr Henderson halte es im allgemeinen Interesse für erwünscht, daß die Angelegenheit im Hinblick auf das Genfer Protokoll vom 4.Oktober 1922 gemeinsam besprochen würde und daß Deutschland und Oesterreich bis zur nach st en Sitzung des v ö l ke r b u n d s r a t e s nicht zu c n b gül­tigen Feststellungen schritten.

Der Reichskanzler hat den Botschaster in seiner Antwort daraus hingewiesen, daß die deutsch- österreichische Vereinbarung sich ganz im Rah­men des Genfer Protokolls halte und somit nach Auffassung der Reichsrcgierung und der österreichischen Regierung für den Völker­bundsrat kein Anlaß gegeben sei, sich mit der Angelegenheit zu befassen. Wenn von anderen Regierungen eine Prüfung der Rechtsfrage angestrebl werde, fo brauchten die deutsche und die österreichische Regierung diese nicht zu scheuen. Line Prüfung des Abkommens durch den völkerbundsrat unter politischen Gesichtspunkten halte die Reichsregierung nicht fürzutässig.dadas Abkommen rein wirtschaftlichen Lharak - t c r Hobe. Der Reichskanzler erläuterle die Ziele der deutsch-österreichischen Verhandlungen, die natürlich ihren Fortgang nehmen müßten, die aber, wie von vornherein festgeslandeii habe, mit Rücksicht auf die zahlreichen zu regelnden technischen Einzel­heiten nicht vor zwei oder drei Wonaten zum Ab­schluß gelangen könnien.

Die britische Regierung hat i n 2D i e n durch ihren dortigen Gesandten den gleichen Schritt getan und von dem Vizekanzler Dr. Schober eine dem Sinne nach gleiche Antwort erhalten.

Erstes Echo der presse.

Berlin, 26. März. (TU.) Eine Anzahl Berliner Morgenblätier beschäftigt fidi mit dem Besuch des britischen Botschafters beim Reichskanzler. In allen Aeugcrungen kommt zunr Ausdruck, daß der bri­tische Außenminister Henderson bei seiner Stellung­nahme zu dem deutsch-österreichischen Zollabkommen dem Drucke Briands unterlegen ist.

DerBerliner Lokalanzeiger" (hugen- bcrg) erklärt u. a.: Man will die Angelegenheit also vor das Forum des Völkerbundsrats bringen, einer Instanz, die mit dieser Angelegenheit nicht das Allergeringste zu tun hat. Brüning scheint, nach dem amtlichen Wortlaut des deutschen Eommu- niquös zu urteilen, denn auch mit erfreulicher Deutlichkeit den deutschen Rechtsstandpunkt vertreten und auch wegen der gewünschten Behin­derung der Zolloerhandlungen dem englischen Bot­schafter eindeutig klargemacht zu haben, daß sich Deutschland nicht im G e r i n g st e n in seinem Weg beirren lassen wird. Man kann nur wünschen, daß die deutsche Regierung in dieser Frage fester bleibt, als das bei manchen anderen Gelegenheiten, in denen die deutsche Außenpolitik in den letzten Jahren wichtige Entscheidungen zu tref­fen hatte, der Fall gewesen ist. DerT a g" (hugenberg) weist darauf hin, daß es geradezu grotesk wäre, wenn der Völkerbund, der sich als politisches Instrument Frankreichs und Englands dishergänzlichunfähig erwiesen habe, auch nur die kleinsten praktischen Ergebnisse bet der Be­kämpfung der europäischen Wirtschaftsanarchie zu erzielen, 'sich von interessierten Mächten dazu miß­brauchen ließe, Deutschland und Oesterreich politisch in den Weg zu treten, wenn diese ihrer­seits eine praktische Lösung in Angriff genommen haben. Sehr leicht könne daraus die entscheidende Krise des Völkerbundes entstehen. Fn derB c r « liner Börsenzeitung" (Konferv.) wird dar­auf hingewiefen, daß der englische unter dent Druck Frankreichs entstandene Schritt allein politisch Zu bewerten sei, da er der rechtlichen Grund­lage in vollem Umfange entbehre. Selten habe sich das faktische Vorhandensein der französischen Hege­monie in Europa so handgreiflich, wie in diesem Falle gezeigt. Der uns gegenüberstehenden Front von Herren und Knechten werde deutlich die Wahr­heit über den Anspruch gesagt werden müssen, den Deutschland und Oesterreich auf Respektierung i h r e r E n t s ch l u ß f r e i h e i t, auf Achtung ihrer Souveränität zu erheben haben, sollte der Völker­bundsrat sich gegen die Zollunion aussprechen, so liege es nahe, daß sich uns dann außenpolitische Ent- schlüsse von weittragender Bedeutung ausdrängen. DieD e u t s ch e T a g e s z e i t u n q" (Landvolk) spricht von einem Versuch kalter Abwür­gung und erklärt u. a., daß die Einschaltung des Völkerbundsrates jeder politischen Sabo­tage Tür und Tor öffnen wurde. Am wich­tigsten sei jedoch die grundsätzliche Frage. Unsere Selbstbestimmung sei durch die Friedensdiktate schon in der unerhörtesten Weife beschränkt. Es fei daher

ganz ausgeschlossen, daß wir uns darüber hinaus noch weiter bevormunden lassen und Einsprüche dulden könnten, zu denen unsere Gegner auch nicht den Schein eines Rech- t c 5 haben. Die Durchführung der Zollunion könne niemals erst dem Rat zur Prüfung und Genehmi­gung unterbreitet werden.

DieDeutsche Allgemeine Zeitung" (Volksp.) begrüßt besonders, daß der deutsche wie auch der österreichische Staatsmann dem Versuch Frankreichs und Englands, die Zollunionsfrage auf das politische Gebiet zu schieben, energisch zurück­gewiesen haben. Auch diejenigen, die sonst stets ge­neigt seien, vor jedem Stirnrunzeln in Paris oder London zurückzuweichen, würden sich in der Frage der Zollunion de in einmütigen f e ft c n WiI - len der gesamten deutschen Station beugen müssen, die in diesem Fall geschlossen hinter ihren Regierungen in Berlin und Wien stehe.

Briand will den Völkerbund einschalien. (trotze Betriebsamkeit in Paris.

Paris, 25. März. (WTB) Der französische Außenminister hat die Vorsitzenden der Aus- toänigcn Ausschüsse von Kammer und Senat, Paul-Boncour und P e r a r d, empfangen und sie über die Initiative unterrichtet, die er auf diplomatischem Wege schleunigst, bevor die Absichten von Wien und Berlin veröffentlicht worden seien, getroffen habe, um diese 'Re­gierungen an die 'Respektierung sämt­licher bestehender Vereinbarungen zu erinnern. Er letzte den Vorsitzenden der Auswärtigen Ausschüsse auseinander, welche Stellung die französische Regierung in dieser Angelegenheit einnehme. Er lenkte namentlich ihre Aufmerksamkeit auf die Tatsache, daß das Protokoll Vr. 1 vom 4. Oktober 1922 betreffend die Finanzsanierung Oesterreichs durch den Völkerbund zustande gekommen sei und unter dem Schuhe des Völkerbundes bleibe, so daß der Völkerbundsrat ein Wort mitzureden habe, bevor dem frag­lichen Plan irgendeine Folge gegeben werde.

3m Schlepptau Frankreichs.

Paris, 25. März. (TU.) Die erste Unter» re dung zwischen Briand und dem englischen Außenminister Henderson am Dienstag hat nicht das von den Franzosen gewünschte Ergebnis ge­zeitigt, das darin bestanden hätte, daß sich Hen­derson sofort bereit erklärt hätte, gemeinsam mit Frankreich und den anderen Mächten eine Protestaktion in Wien und Berlin einzuleiten. Der englische Außenminister hat vielmehr vor übereilten Schritten gewarnt und dem französischen Außenminister zu verstehen ge­geben, daß er zunächst einmal den Bericht des englischen Botschafters in Wien abwarten wolle. Sn einer neuen Unterredung zwischen den beiden Außenministern wurde eine Einigung erzielt, man will sich gemeinsam an den Völkerbund wenden, und ihn um seine Auffassung darüber bitten, wieweit das beab­sichtigte Zollabkommen in Einklang mit den Verträgen von St.Germain und dem Protokoll vom Jahre 192 2 zu bringen sei. Die deutsch-österreichischen Besprechungen mühten solange unterbrochen werden, bis der Völkerbundsrat in seiner Maitagung fein Gutachten abgegeben habe. Obgleich Vertreter der italienischen und tschechischen Regierung an den Besprechungen nicht teilnahmen, nimmt man in französischen Kreisen an, daß sie sich dem fran­zösisch-englische Schritt anschließen werden.

Eine Attacke Hernois.

Tic Paneuropafreunde entpuppen sich.

p a r i 5, 26. Wärz. (IvTB. Funkspruch.) 3n einem Artikel in derEre Rouvelle" wendet sich der radi­kale Abgeordnete h e r r i o t gegen das deutsch- österreichische Zollangleichungsabkommen. Lr stellt zehn Punkte auf, die er gegen das Abkommen vor­bringen zu müssen glaubt, nämlich: 1. Das Protokoll, betreffend die regionalen Abkommen, fei nur Finte, eine Falle. 2. Artikel 2 schaffe einen wahren Zollverein, und was das fei, wisse man ja aus der Vergangenheit. 3. Wan würde die Franzosen für Lsel halten, wenn man glaubte, sie hätten vergessen, daß die politische Li n h e i t Deutschlands vermittels der Zoll­vereinigung zu st an de gekommen sei. 4. Das österreichisch-deutsche Protokoll stehe im for­mellen Widerspruch zu dem Anstreben der Organi­sierung des Friedens und der Vereinheitlichung (Europas. 5. Deutschland werde dadurch eine Llipfe mit zwei Mittelpunkten. 6. Die Ausdehnung des jetzigen Zollvereins auf Ungarn stehe bevor, wenn sie nicht schon vollzogen fei. 7. Die deutsche Demokratie sei bei

der Angelegenheit durch die nationalistischen und imperialistischen (Elemente an der Rase herum­geführt worden. S. Der deutsche und der österreichische Rationalismus rechneten, indem sie in dieser weise eine aggressive Stel­lung einnähmen, mit der Schwäche gewisser Län­der. 9. Die deutscheDemokratieundder Friede seien in gleicher weise bedroht. 10.

(Es sei an der Zeit, darüber Klarheit zu gewinnen, ob man freimütig die Politik von Genf annehme, oder ob man unter dem Deckmantel einer schein­baren Befolgung dieser Politik in Wirklichkeit einen offensiven Block bilde, der sich bei Gelegen­heit eben so brutal äußern werde, wie beispielsweise jetzt das deutsch-österreichische Protokoll.

Auf demWendepuukt -erWirtschastskrisis

Erste Anzeichen einer Besserung. Oer Reichskanzler über das deutsch - österreichische Zollabkommen.

03 c r I in . 25. März. (WTB.) Unter dem Vor­sitz des Präsidenten Franz von Mendelssohn fand im ehemaligen preußischen Herrenhause die 51. Vollversammlung des Deutschen Sndu- strie - und Handelstages statt. Sn seiner Begrüßungsansprache betonte Präsident von Mendelssohn, daß Arbeit und Kapital ihrem Schicksal aufs engste verflochten feien, so daß die überwiegende Zahl der deutschen Unternehmen bei unzureichendem Ertrage in ihrer Erneue- rungs-, Kapitalfammlungs- und Kreditfähigkeit, von der die Beschäftigung ihrer Angestellten und Arbeiter abhängt, notleide. Einem Ueberfluß an Lebensmitteln, Rohstoffen, Produktionsmitteln, Arbeitskräften steht verringerter Verbrauch, stehen 20 Millionen Arbeitsuchende gegenüber. Der Weg einer völlig freien Wirtschaftsführung stößt, weltwirtschaftlich gesehen, an die trennende Ab- schließung der Völker, die besonders in Europa viel zu viele Behinderungen i n a l l z°u engen Wirtschaftsgebieten hervorrief. Daher sollten handelspolitische Einigungen als Fortschritt aus dem Wege einer belferen Or­ganisation Europas begrüßt werden. Aber darüber hinaus sollten sich alle Teilhaber der Weltwirtschaft darüber klar sein, daß die gemein­same Krise gemeinsame Pflichten bringt, daß es unmöglich ist, in der Weltwirtschaft stehende Länder zu isolieren, daß insbesondere die Einsperrung von Gold und Ka­pital durch ein Land weder diesem noch der Weltwirtschaft dient. Es fehlt in Deutschland nicht ganz an Anzeichen, daß die deutsche Wirtschaft den Höhepunkt der Krise erreicht hat. Dedarfsstauung, Erleichterung des Geldmarttes. langsame Besserung der Börsenkurse und Anstei­gen der Rvhstoffpreise bedeuten Entwicklungsan­sätze, die man gefährden würde, wenn das Ver­trauen durch kapitalfeindliche 03ctoegungen wieder gestört würde. Deutschland sucht wirtschaftliche Zusammenarbeit nach allen Seiten. Die Kriegslasten haben auch im Ausmaße des Voungplans sich als eine die Leistungs- fraft übersteigende Belastung, da­mit auch als tiefe Schwächung der weltwirtschaft­lichen Kaufkraft Deutschlands und der weltwirt­schaftlichen Entwicklung erwiesen. Sie setzten eine wirtschaftliche Entwicklung voraus, deren Ge­genteil eingetreten ist.

Reichskanzler Vr. Brüning betonte, daß es gelungen sei, den Verfall der Staatsgewalt zu verhindern, der in dü­steren Wintermonaten zu drohen schien. Für die Reichsfinanzen sei die Grundlage einer Ordnung geschaffen. Das sei eine Leistung, deren Bedeutung nicht unterschätzt wer­den dürfe und die zur Hoffnung berechtige, daß es auch zur Ueberwindung der an­deren Schwierigkeiten kommen werde. Die Ziele, die sich die Reichsregierung gestellt habe, wolle sie auch in Zukunst mit vollster Tatkraft weiter verfolgen. Sie werde bestrebt fein, di e Bildung von Privatkapital nach Möglichkeit zu fördern. Aus diesem Grunde dürfe die Wirtschaft nichtweitermit neuenSteuern belastet werden, weil so die Kapitalbildung behindert würde. Die Reichs­regierung müsse sich Deshalb auf das entschie­denste gegen neue Steuerbelastungen wenden; denn fie würde sonst die Linie ihrer Politik verlassen. Wenn trotz der Röte f ü r den Osten rund eine OHilliarbc ein­gelegt worden wäre, so sei dies geschehen in der Erkenntnis, daß der Ostm eines der wich­tigsten Wirtschaftsgebiete sei. Schutz und Stärkung des Binnenmarktes seien die erste Voraussetzung für eine Erhaltung der Wirtschaft. Der Ueberschuh deutscher Produk­tion würde immer auf den Weltmarkt drücken, um so mehr, je stärker die Kauf­kraft im Snlande sinke. Cs sei deshalb not­wendig, daß das Ausland diese Zusammenhänge endlich einmal erkenne. Roch immer verabsäume es aber die Welt, die notwendigen Fol­gerungen zu ziehen. Die Vorbelastung Deutschlands mit Reparationen bedeute eine Son­derstellung Deutschlands auch auf handelspoliti­schem Gebiet. Ohne Steigerung der Ausfuhr und Drosselung der Einfuhr sei die Schaffung eines Ausfuhrüberschusses nicht möglich. Es hänge auch zu einem großen Teil von der Welt selbst ab, ob und wie lange der neue Reparationsplan, der doch auf diese Punkte Rücksicht nehmen folle» erfüllt werden könne.

Da die Erkenntnis der Zusammenhänge in der Welt nur langsam vorwärtsschreitc, müsse die Reichsregierung bestrebt sein, durcheigene In i- t i a t i v c die Entwicklung anzubahnen, die im Be­reich des Möglichen liege. Rach dieser Richtung hin feien die Verhandlungen zu verstehen, die jetzt zwi­schen Deutschland und Oesterreich ein« geleitet worden wären. Die Richtlinien, die Deutsch­land und Oesterreich für den Vertrag vereinbart habe«, sind von keinen politischen 5)interabsichten, sondern allein von dem Bestreben diktiert, der Wirt­schaft beider Länder im Rahmen der geltenden Ver­träge mit möglichster Schnelligkeit diejenigen Vor­teile zu verschaffen, die sich aus der Erweiterung des Wirtschaftsgebietes ergeben, aber diese Vorteile brauchen mit den Interessen anderer Staaten in keiner Weise in Widerspruch zu stehen. Das Ange­bot, auch mit dritten Staaten auf deren Wunsch in Verhandlungen über eine gleichartige Regelung einzutrctcn, kann, wenn cs unvoreinge­nommen und nach rein wirtschaftlichen Gesichts­punkten beurteilt wird, den Anstoß zu einer Ent­wicklung geben, die sich im europäischen Gesamt- interessc als äußer st heilsam erweisen würde. Ich habe deshalb die Rederzeugung, daß die euro­päische Oefsentlichkeit und auch die europäischen Re­gierungen, wenn sie das deutsch-österreichische Ab­kommen in seinen Linzelheiten prüfen, die ihm zu­grundeliegenden Absichten würdigen werden, und daß dann auch Mißverständnisse ver­schwinden, wie sie anscheinend auf die ersten Rachrichten der Presse hin hier und da entstanden sind. Deutschland und Oesterreich sind jedenfalls ent­schlossen, den Weg, den sie in ihrem eigenen Inter­esse und im Gesamtinteresse als richtig erkannt haben, mit ruhiger Festigkeit zu Ende zu gehen.

Todesurteile im Saffran-prozeß.

Sm Rartcnftcincr Mordprozeß (Saffran verkün­dete das Gericht in später Abendstunde folgendes Urteil: Gegen ©aff ran und Kipnick wird auf Todesstrafe und je 12 Sabre Zuch t- Haus erkannt. Ella Augustin wird zu s ü n f Sahren Zuchthaus verurteilt, wovon sechs Monate durch die Untersuchungshaft als verbüßt gelten. Sohan n Augustin wird zu drei Monaten Gefängnis verurteilt, wovon ein Mo­nat durch die älntersuchungshaft als verbüßt gilt. Die übrigen Angeklagten Reck, Schidlowski und Katzki werden freigesprochen. Der Vor­sitzende gab noch einmal einen Ueberblick über die Entstehungsgeschichte des Mordes. Am 17. Suli versuchten Saffran und Kipnick Friede- r i s z i k zu ermorden. Saffran ist unbedingt als Mittäter anzufehen. Dagegen hat Ella Augustin nur Beihilfe geleistet. Dann ka­men die Vorbereitungen zur Fahrt am 12. September. Schon einige Tage zuvor berieten Saffran und Ella Augustin, was nachher zu tun sei. Sie schrieb an ihren Bruder und kündigte ihm den Besuch eines Unbekannten an. Diese Begünstigung der Augustin vor Begehen der Tat ist als Beihilfe zum Mord anzufehen. Das Gericht ist zu der Auffassung gekommen, daß Ä i p « n i ck die Schüsse abgab. Saffran ist mit d a < bei gewesen. Beide haben zusammen die Leiche Dahls in den Teppich gerollt, fortgefahren und im Speicher versteckt. Saffran ist daher unbedingt a I s Mittäter anzusprechen. Auch bei der Brandstif­tung leistete Ella Augustin Begünstigung. Ihr waren die Pläne bekannt und in dieser Kenntnis stand sie Saffran und Kipnick mit Rat und Tat zur Seite. Die Brandstiftung führten Kipnick und Saffran ge­meinschaftlich aus. Trotzdem richtet sich der Ver- dacht gegen Kipnick, daß er es war, der den Brand anlegte. Der Angeklagte Johannes Augustin war wegen Begünstigung zu bestrafen. Seine Schwester Ella hatte ihm mitgeteilt, daß ein Mann zu ihm kommen werde. Am nächsten Tage erfuhr er durch die Zeitungen, daß Saffran sich der Brandstiftung und Verficherungbetrugs schuldig gemacht hatte. Für den vollendeten Mord, durch Saffran und Kionick, ist die lobesftrafe zu verlangen. Das Gesetz steht auf dem Standpunkt, daß da, wo wissentlich Blut geflossen ist, auch das Blut des Mörders zu vergießen fei.