Ausgabe 
26.1.1931
 
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Abstimmungen des Völkerbundsrates überwachen/ Pcrtinax erklärt imEcho de Paris", daß der Be­richt des Völkerbundsrates nahezu den ur­sprünglichen Zugeständnissen des pol­nischen Außenministers entspreche, Zugeständnisse, die Zaleski schon am ersten Tage dem Präsidenten der Gemischten Kommission, (Salon*

der, unterbreitet habe, der jedoch mehr verlangt habe. Diese Tatsache höbe weder die Autorität noch das Prestige dieses internationalen Beamten.Wir wußten schon seit geraumer Zeit", fügt Pertinax hinzu,daß seine politische Einstellung und sein Takt nicht unfehlbar sind".

Cine letzte Abrüstungsdebatte.

Or. Curtius protestiert gegen den Abkommensenlwurf, den Henderson und Briand zur Grundlage der Abrüstungskonferenz machen wollen.

Genf, 24. Ian. (WTB.) Der britische Außen­minister Henderson sprach in der heutigen öffentlichen Sitzung des Völkerbundsrats zunächst dem Vorsitzenden der Vorbereitenden Abrüstungs­kommission, Loudon, seinen Dank für die Bearbei­tung der schwierigen Aufgabe aus. Er hege die Ueberzeugung, daß alle Regierungen glücklich seien zu wissen, daß die Abrüstungskonferenz endlich Zustandekommen werde. Das Jahr, das noch bis zum Beginn der Abrüstungskonferenz zur Ver­fügung stehe, müsse zur Vorbereitung benutzt wer­den. Er selbst habe schon mit der Arbeit begonnen. Der Konoeutionsentwurf sei ein Rahmen, alles hänge von den Ziffern ab, die die Regierungen hineinsetzen würden.

Der deutsche Außenminister Dr. C u r t i u s be­tonte, daß der vorliegende Konoentionsentwurf für die Herabsetzung und Beschränkung der Rüstungen, den der Vorbereitende Abrüstungsausschuß ausge­arbeitet hat, keine rechtliche Verpflich­tung darstelle. Die Ausführungen des britischen Außenministers könnten den Eindruck erwecken, daß dieser Konventionsentwurf die Verhandlungs­basis darstelle, und daß die Konferenz lediglich die Aufgabe habe, in diesen Entwurf Ziffern einzu­arbeiten. Demgegenüber erklärte Dr. Curtius in sehr entschiedener Weise, daß die deutsche Regierung ihn ab gelehnt habe. Es sei falsch, anzunehmen, daß die Abrüstungskonferenz lediglich die Aufgabe habe, Ziffern festzusetzen.

Der französische Außenminister Briand be­tonte dagegen, daß die Arbeiten des Abrüstungs­ansschusses ern st genommen werden müßten, und daß es nicht angehe, die Ergebnisse fünf­jähriger Arbeit als vollkommen wertlos zu bezeichnen. Cs bleibe selbstverständlich den Staa­ten, die den Konventionsentwurf abgelehnt hätten, unbenommen, ihre Vorbehalte auf der Kon­ferenz erneut vorzubringen. Wenn man sich aber auf den Standpunkt stelle, daß die Kon­ferenz ohne Berücksichtigung der Arbeiten des Vorbereitenden Ausschusses vollkommen von neuem anfangen müsse, so bedeute das, daß

die Konferenz von vornherein zum Scheitern v e r u r t e i l t sei.

Dr. Curtius entgegnete, auch die deutsche Regierung wünsche nichts sehnlicheres, als eine rasche Durchführung der Abrüstung. Er wolle nicht behaupten, daß alle Fragen auf der Kon­ferenz wieder ausgenommen werden müßten. Cs sei vielleicht möglich, eine Reihe dieser noch offenen Fragen bei der Vorbereitung der Kon­ferenz in den Verhandlungen von Regierung zu Regierung zu klären, er bleibe aber bei seiner Auffassung, daß dieser Konventionsentwurf, den die deutsche Regierung lediglich zur Kenntnis genommen habe, keinerlei rechtliche Ver­pflichtungen enthalte.

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Die Erklärungen des französischen Außenministers haben von neuem deutlich gezeigt, daß die alliierten Großmächte fest entschlossen sind, den von Deutsch­land abgelehnten und völlig untragbaren, vom Ab­rüstungsausschuß ausgearbeiteten Abkommensent­wurf als die Grundlage der Arbeiten der künftigen Abrüstungskonferenz zu erklären und dieses Abkommen anzunehmen. Die deutsche Regierung hat bereits in den Verhandlungen des Vorbereiten­den Ausschusses erklärt, daß der Abkommensentwurf nur eine Täuschung der öffentlichen Meinung sei und nicht die Abrüstung, sondern eine Aufrüstung bedeute. Dr. Curtius hatte in seiner ersten Er­klärung festgestellt, daß Deutschland unter kei­nen Umständen den Abkommensentwurf des Abrüstungsausschusses als eine rechtlich bindende Grundlage anerkennt. Es ist aber zu bedauern, daß der deutsche Außenminister in seiner zweiten Erklärung diesen Standpunkt abgeschwächt hat. Es wäre seine Aufgabe gewesen, in seiner zweiten Erklärung erneut festzustellen, daß die Verantwor­tung für die Lösung des Abrüstungsproblems bei denjenigen Regierungen liegt, die durch Annahme des vorliegenden Abkommens-Entwurfs, sich den ihnen auferlegten internationalen Verpflich­tungen zur Abrüstung entziehen wollen.

LandesparteUagderJeuffchenVoWparieiinSeffen

Bad-Rauheim, 25. 3an. (WTB.) Dem Landesparteitag der Deutschen Dollspartei in Hessen gingen Tagungen des Kommunalpoliti­schen Landesausschusses, der Reichsgemeinschaft junger Dolksparteiler in Hessen, der Ausschüsse für Beamte, Landwirtschaft, Mittelstand, An­gestellte, Äugend, des Kulturausschusses und des Landes-Frauenausschusses voraus. Sehr stark be­sucht war die Sitzung der Landesgruppe der Reichsgemeinschaft junger Dolksparteiler. Hier sprach deren Vorsitzender Rechtsanwalt Dr. Mattern (Darmstadt) über das ThemaDie RjD. in der gegenwärtigen Politik". Die RjV. sehe in der Gestaltung unseres Staalslebens durch durch die Verfassung von Weimar keine Lö­sung, die der Eigenart des deutschen Volkes ent­spreche. Sie fordert weitgehende Erweiterung der Rechte des Reichspräsidenten und Deschrän- kung des Aufgabenlreises des Parlaments.

2m Kommunalpvlitischen Landesausschuh sprach Landtagsabgeorneter Dr. R i e p v t h zum Thema Der Staatskommissar das Ende der Selbstverwaltung". 3n einer Ent­schließung wurde gesagt: Die Aufgabe des Staatskommissars hätte zunächst die sein müssen, die Ausgabenseite der zu sanierenden Gemeinde zu prüfen und dort Abstriche zu ma­chen. Erst wenn das geschehen sei, dürfe man an «ine Cinnahmeerhöhung Herangehen. Es müsse leider festgestellt werden, daß die Staatskom- miffare in vielen Fällen umgekehrt verfah­ren seien, und daß durch ihre Steuerdiktate Die Maßnahmen der Reichsregierung, die auf Entlastung der Steuerzahler abzielten, sabo­tiert wurden.

Sonntagvormittag wurde im großen Saal des Sprudelhotels der eigentliche Landesparteitag vom stellvertretenden Landesvorsitzenden Scholz (M. d. L.) mit Begrüßungsworten eröffnet. Nach Neuwahl des Landesausschusses erklärte

der Parteiführer Reichstags- abgeordneter Dingeldey,

Dr. Curtius habe sich in Genf wacker und schnei­dig geschlagen. Die Erklärung der polnischen Regie­rung, daß sie alles tun werde, um Abhilfe zu schaffen und die Verantwortlichen zur Verantwor­tung zu ziehen, könne von uns aber nicht mit innerem Glauben angenommen werden. Die Geschichte des polnischen Staates sei ein Be­weis dafür, daß derartige Erklärungen im umgekehr­ten Verhältnis zu dem Willen ständen, ihn durch­zuführen. Er fei deshalb der Meinung, daß die Abberufung der obersten polnischen verantwort­lichen Beamten in Oberschlesien und eine unpar­teiische Untersuchung durch neutrale Beauftragte des Völkerbundes die ein­zig mögliche Sühne gewesen sei. Wenn unser Außen­minister dies nicht habe durchsetzen können, so sei das ein Beweis dafür, welches Maß von Gleich­gültigkeit und Uebelwollen bis heute in einer ein­heitlichen Front den Lebensforderungen des deut­schen Volkes gegenüberstände.

Dingeldey beschäftigte sich bann mit der natio - nalsozlolistischen Bewegung. Man müsse sich darüber klar fein, daß diese Bewegung, nachdem sie eine Millionenbewegung, nachdem sie die zweit­stärkste Partei des Deutschen Reichstages geworden fei, ihren Wert vor der Geschichte des deutschen Vol­kes nur beweisen könne durch staatsmän­nische Leistungen, nicht aber durch agitato­rische Anträge und laute Massenversammlungen. Die nationalsozialistische Bewegung möge sich nicht dar­über täuschen, daß das deutsche Volk in seiner über­wältigenden Mehrheit die Diktatur jedes Radikalis­mus unter allen Umständen ablehne.

Er habe den Eindruck, daß wir im innerstaallichen Leben Deutschlands einem Wendepunkt ent­gegengehen. Das Parlament verdiene das

Schicksal, das ihm bereitet worden fei. Die Par­teien hätten den Beweis nicht erbracht, daß sie in außerordentlichen Zeiten, wo nur unpopuläre Maß­nahmen ergriffen werden könnten, den Mut haben, sich für diese einzusetzen. Der Parlamentarismus in Deutschland sei von den Parteien selbst dadurch in einen schweren Entartungszustand hineingebracht worden, daß sie einen uferlosen Wettlauf um d i e Gunst der großen Masse hem­mungslos Jahre hindurch getrieben hätten. Es sei das stärkste Verdienst des Reichskanzlers Dr. Brü­ning, daß er mit der ihm innewohnenden Zähig­keit den Weg weitergegangen fei, der vor allem Volk das Mißverhältnis zwischen Allmacht des Parlaments und Verantwortungsbewußtsein des Parlaments habe deutlich erscheinen lassen. Wir müßten uns von dem System des staats- sozialischen Wohlfahrtsstaates wie­der frei machen. Dies bedeute eine Verzicht- Iciftung von allen Schichten des Volkes auf Forde­rungen, die sie sich während des letzten Jahrzehnts angewühnt hätten an den Staat zu stellen. 'Alles, was die Reichsregierung auf diesem Gebiete tue, werde sich als unpopulär erweisen. Die dazu er­forderliche Autorität werde aber nicht gestärkt, wenn in der Regierung Männer säßen, die, wie Dr. Wirth, glaubten, ber nationalsozialistischen Bewegung durch polizeiliche /Schikanen entgegentreten zu können, die von altersher sich nur als das beste Mittel zur Erreichung des Gegenteils erwiesen hätten.

Dingeldey verteidigte zum Schluß die Forderung der Deutschen Dolkspartei auf E r s p a r n i s s e von weiteren 300 Millionen M k. im Reichs- haushalt. Wenn in einigen Monaten wiederum ein starkes Defizit vor uns läge, würde das den Zusammenbruch aller Vertrauensgrundlagen sowohl im Inland wie im Ausland bedeuten. Der Parla­mentarismus in- feiner überspitzten Form müsse ein­geschränkt werden zugunsten einer ftärferen Herausarbeitung der präsidialen Stelle und der ihr verantwortlichen Reichsregie­rung. Neben das Parlament müsse zur Klärung seiner Beschlüsse eine Erste Kammer gefetzt werden, zusammengesetzt aus Vertrauensmännern der organisierten Berufsstände und aus den vom persönlichen Vertrauen des Reichspräsidenten Be­rufenen. Das Wahlalter müsse auf die Stufe heraufgesetzt werden, die eine politische Reife vor- aussetzt. Die ganze Atmosphäre könne entgiftet wer­den, wenn die Reichsregierung sich entschließe, gegen alle Widerstände starke Schritte vorwärts zur Durch­setzung einer Reichsreform zu tun.

Der Vorsitzende der Landiagsfrakiion Oberstudiendirekior Dr. Keller

sprach über »Wohin haben uns zwölf 3 ahre Weimarer Koalition in Hessen ge­bracht?" Er rechtfertigte zunächst die oppositionelle Haltung der Deutschen Volkspartei in Hessen als politische Rotwendigkeit und stellte fest, daß es der Weimarer Koalition nicht gelungen sei, das hesstschr Volk vor schwersten, fast un-

Lasten zu schützen, so daß der Zustand Hessens heute ernster sei als der anderer Kutscher Länder. Im einzelnen wandte sich der Redner gegendieAusblähungdesVer- waltungsapparates, gegen die alle De­mokratie hohnspvech-ende Verlängerung der Landtagssession und gegen das Sanie- rungsprogramm der Regierung. Auch die Steuerdikratur der Staatskommissare sand ein­deutige Ablehnung. Lieber die am Dienstag be­ginnenden Haushaltsberatungen des Hessischen Landtags könne sich die Opposition heute nvch kein klares Bild machen, da ihr b i s h e r k e i n e S Y?'lagen zugegangen seien, was ein neues Destpiel für eine gewisse Richtachtung der oppo­sitionellen Parteien in Hessen sei. Anter Hinweis

auf die bevorstehenden Reuwahlen in Hessen er­klärte der Redner, daß die Deutsche Volkspartei mit den besten Hoffnungen in den Wahlkampf eintreten könne. Rach kurzer Aussprache wurde die öffentliche Sitzung des Parteitages gegen 14 Ahr geschlossen. 3m Anschluß daran erfolgte die Reuwahl des Landesvorstandes. Zum e r st e n Vorsitzenden wurde an Stelle des Reichs­tagsabgeordneten Dr. Dingeldey Landtagsabge- ordneter Bürgermeister Dr. R i e p o t h (Schlitz) gewählt.

Oie Reg erungskrisis in Frankreich.

Laval mit der Kabinettsbildung betraut.

Paris, 24. 3an. (ERB.) Der Präsident der Republik hat Außenminister Briand auf das dringendste ersucht, die Kabinettsbildung zu über­nehmen. Briand hat abgelehnt, weil er sich vollkommen der Außenpolitik zu widmen gedenkt. Briand hat aber zweifelsohne dem Präsidenten der Republik empfohlen, die Kabinettsbildung Se­nator Laval zu übertragen. Laval ist gewisser­maßen ein Schüler Briands. Er hat, politisch be­trachtet, die gleiche Entwickelung durchgemacht wie Briand. Auch er kommt vom Sozialismus und hat sich von ihm abgewandt. Laval ist aber trotz­dem Demokrat, und man kann wohl sagen, ein überzeugter Anhänger der Laienpolitik.

Rach seiner Rückkehr aus Gens hat Briand bereits das Außenministerium über­nommen und T a r d i e u und M a g i n v t

sollen sich bereiterklärt haben, in das Kabmelll einzutreteii. Die offene Frage bleibt, ob sich di« Radikalen an dem Kabinett beteiligen wer­den, wenn ohne fraktionsmähige Bindung ein gemäßigtes Mitglied der Maringruppe aus­genommen wird. Die Radikalen könnten, um die Schwierigkeiten zu umgehen, auch ihrerseits einige Mitglieder ermächtigen, in das Kabinett einzu- treten, ohne die Gesamtpartei zu binden. Wenn die Radikalen nein sagen, dann wird sich Se­nator Laval zu entscheiden haben, ob er ohne sie überhaupt ein Kabinett bllden wird.

Gandhi ist freigelaffen.

Delhi, 25. 3an. (WTB.) Der D'.zekönig Hai die bedingungslose Freilass ung Gan­dhis und der anderen Mitglieder des Arbeits­ausschusses des Allindischen Kongresses angeord­net. Gleichzeitig hat er die Aechtung dieses Aus­schusses als ungesetzliche Körperschaft aufge­hoben. Die Freilassung Gandhis ist eine un­mittelbare Auswirkung des Abschlusses der Londoner R o un d-T a bl e-K v n fe renz, die englische Regierung zu einer Kursände­rung in 3ndien veranlaßt hat. Gandhi wurde am 5.Mai v.3. als Führer im Kampf gegen dasSalzmonopol, der den Auftakt zum allgemeinen Freiheitskampf bilden sollte, ver­haftet. Es bleibt abzuwarten, ob er an seinen Politik des passiven Widerstandes festhält oder an den kommenden Verhandlungen -über die Reu- regelung der Stellung 3ndiens innerhalb des Bri­tischen Reiches teilnimmt.

Reichskanzler Brüning fordert Solidarität der Wirtschaft. Eine große Rede zum inner- und außenpolitischen Kurs der Reichsregierung.

Köln, 25.3an. (WTB.) Das Dezirkskartell der christlichen Gewerkschaften Köln veranstaltete in der Großen Messehalle in Köln-Deutz eine Kundgebung, auf der Reichskanzler Dr. Brü­ning über die politischen und wirtschaftlichen Aufgaben des deutschen Volkes und seiner Ar­beiterschaft u. a. etwa folgendes ausführte: Wenn man, wie ich, in den vergangenen drei Wochen in Ost- und Mitteldeutschland und jetzt in West­deutschland herumkommt, dann hört man über­all scharfe Kritik und man stößt auf eine Resignation, die bis an den Rand der Verzweiflung geht. Wir haben zunächst nichts anderes machen können, als nur immer wiederneueDämme aufzurichten, neue Mit­tel zu ersinnen, die uns vor der Katastrophe be­wahren. Wir wären pslichtrergessen und verloren, wenn wir, wie es früher geschehen ist, dem Volke sagen würden: Wir machen jetzt ein 3ahr Ge­setze, und dann wird es in drei Monaten besser. Auch lehne ich es ab. irgendein Versprechen zu machen, von dem ich nicht si.<er w, daß ich es halten fanru (Lebhafter Beifall.)

2Heine Mitarbeiter und mich stören nicht die stärkste Agitation, die Auspeitschung der Massen. Verleumdungen jeder Art. Der Kampf geht diesmal um die Wahrheit, endlich ein­mal nach 16 Jahren. (Stürmischer Beifall.) Und wer die Wahrheit hören will und wer sie hören kann, der wird in der Lage sein, trotz aller düsteren Erscheinungen, trotz aller Ver­dünnung am Horizont Glauben zu haben an die Zukunst und Mut zu fassen für die Gegen- wart.

Der Kampf für die Demokratie wird von der jetzigen Reichsregierung unter allen Amstänäen fest, ruhig, entschlossen und ohne große Redereien durchgeführt werden. (Stürmischer Beifall.) 3ch glaube mich nicht zu täuschen, wenn ich sage, daS deutsche Volk hat einen ganz tiefen 3nstinkt da­für, was in den entscheidenden Augenblicken an Taten notwendig ist. Das deutsche Volk ist doch nicht so unpolitisch, wie e8' manche politische Führer haben wollen. Glaubt man denn wirklich, daß diese gewaltige Auferlegung von Opfern für alle Schichten der Bevölkerung, vor allem aber für die Aermsten, so ruhig ausgenommen würde, wenn nicht in diesem Volke etwas geradezu Fabel­haftes an politischer Begabung und Verantwor­tungsgefühl steckte. And dieses zu er­wecken, darum geht es, und diesen guten Geist des deutschen Volkes auf das Parlament zu übertragen, darum geht es auch.

Das Spiet des Parlaments, einige hundert Agi­tationsanträge einzubringen, die gewöhnlich einige hundert Millionen oder gar ein bis zwei Milliarden neuer Ausgaben bedeuten, muß end­lich durch Maßnahmen des Reiches zu Ende gebracht werden. (Beifall.) Man ist Abge­ordneter. um feinen Wählern die Wahrheit zu sagen, und nicht, um zu versprechen, was man nicht halten kann. Der Reichstag wird im Fe­bruar nach dieser Richtung hin vor gewaltige Entscheidungen gestellt sein. Und dann werden wir eine gewisse Klarheit bekommen, auch im Volke über Wahrheit und Richtwahrheit, über

Wirklichkeit und Agitation.

Das wird cs meiner Regierung erleichtern, weitere Maßnahmen, die unbedingt notwendig find, durch­zuführen. Wir sind nicht allein durch Reparations- laften ins finanzielle Unglück hineingekommen, son­dern in sehr starkem Maße auch dadurch, daß wir uns eingebildet haben, die öffentliche Hand und auch die Privaten könnten trotz eines verlorenen Krieges, trotz ungeheurer Opfer an Geld und Blut besser leben al^in der Vorkriegszeit. Wir haben uns Bauten geleistet überall in Reich, Ländern und Gemeinden, die wir uns in der Vor­kriegszeit nicht haben leisten können, wir haben Hunderte von Millionen für Dinge ausgegebep, die sich nach einiger Zeit gls verfehlt und un­produktiv erwiesen. Es bleibt nichts anderes übrig, als mit jedem Pfennig, den die öffentliche Hand ausgibt, genau so zu verfahren wie andere Völker, die nach einem verlorenen Kriege wieder hochgekommen sind, nämlich sich wieder zu überlegen, was der Pfennig wert ist. Man muß daran denken, gleichzeitig Maßnahmen zu treffen, die verhindern, daß trotz der Ersparnisse der Lebensstandard des deutschen Volkes in allen seinen Kreisen zum Sinken gebracht wird. Mit der Lohnsenkung allein, wie vielleicht in Unter­nehmerkreisen die Meinung herrscht, die Produk- tionskosten zu senken, ist nicht möglich. Der Grad der Lohnsenkung muß sehr sorgfältig überlegt wer­den und muß in Einklang stehen mit der 2(uf- rechterhaltung der Kaufkraft in dsr

Masse der Bevölkerung, sonst kommt man in denselben Jrrkreis hinein, in den man auf an­derem Wege durch übermäßige und über­eilte Rationalisierung unserer In« d u ft r i e gekommen ist.

Sollte es in Deutschland nie möglich sein, daß noch einmal Arbeitnehmer und Arbeitgeber vom Standpunkt der Solidarität sich zu gemeinsamer Arbeit zusammensehen und sich über gemein- same Maßnahmen unterhalten? Ich rede nicht von einer Arbeitsgemeinschaft im alten Sinne, sondern vielmehr davon, daß es möglich sein mühte, zu überlegen, wie gewisse Fragen, z. V. die der Arbeitszeit, zum Ausgleich von schwer­wiegenden Nachteilen der Rationalisierung elastisch von Fall zu Fall und von Gewerbe zu Gewerbe unterschiedlich beraten und gelöst wer­den können.

Es geht nicht, daß das Tempo der Rationalisie- rimg in dem jetzigen Umfange weitergeführt wird, wo heute das Kapital fehlt. DaS würde dazu führen, daß immer weitere Kreise dauernd aus der Arbeit ausscheiden, daß sich die Lasten der öffentlichen Hand immer weiter steigern, und es kommt das Gefährlichste hinzu, was es gibt, nämlich, daß immer mehr Menschen, die wirklich ernstlich arbeiten wollen, nicht mehr arbeiten können. Sollten in Lohnstreitigkeiten politische Hebertegungen hin­einkommen etwa derart, als müsse zuerst das Chaos tommcn, es könne gar nicht schaden, wenn die Arbeiterschaft nach einem solchen Chaos auf 3ahre hinaus am Boden li^ge, sollte sich diese Auffassung Geltung verschaffen, so wird die Regierung alles tun, um auch die Staats­autorität gegenüber solchen Theo­rien zu sichern. (Lebhafter Beifall.) Wir lassen keine Chaospolitik unter dem Mäntelchen natio­naler Gesinnung zu. Wir haben keine Angst vor Drohungen und Verleumdungen; wir sind entschlossen, den Weg des soliden Aufbaues zu gehen.

Die Lasten, die dem deutschen Volke auferlegt sind, sind nicht auf die Dauer au ertragen. Aber um den Kampf zu führen zur Verständigung über neue Lösungen der Reparationsfrage, dafür muß man wirtschaftlich und finanziell gerüstet sein. Auch hier muß Verantwortung und Mut zu unpopulären, richtigen Entscheidun­gen über Umfang und Zeit allein maßgebend sein. Es sind Meinungen aufgetaucht, an eine frontale Aufrollung des Repara- tivnsproblems heranzutreten, selbst auf die Gefahr hin, daß die eine oder andere Provinz in ihrem Zusammenhang mit dem Reich ge­fährdet würde. Cs sieht so aus, als ob ge* wisse Persönlichkeiten alles wieder ver­gessen haben, was wir in den letzten 3ahren durchgemacht haben, und glauben, man könnte bie Außenpolitik ändern, indem man unter Trommel- und Pfeifenklang auf dem Exerzierplatz aufmarschiert. Verantwortliche Politik i,r etwas anderes, und die Politik, die wir einmal a-ls richtig erkannt haben, werden wir auch in ihrem Tempo selbst bestimmen. Es kommt daraus an, jedes zu seiner Zeit, bann aher entschieden zu tun. Aber eine vorzeitige Inangriffnahme von innerpolitisch und wirtschaftspolitisch nicht vorbereiteten Fragen, die Wahl eines falschen Augenblicks für die Lösung der Reparationsfragen wäre das Törichtste, was man in der deutschen Politik tun könnte. Es sind nicht die schlechtesten R a m e n in der preußischen und beutfdjen Ge­schichte, die, wie wir, als Landesverräter gebrandmarkt worden find. Es ist kein Grund zur Verzweiflung da. Wir sind nich<t so schlecht gestellt wie andere 3ndustrieländer. Wir haben heute bereits einen gewissen Vor­sprung. Es wird möglich fein, den entscheidenden Punkt zu überwinden, die Bahn frei zu machen für einen dauernden Aufstieg, für eine bessere unb glücklichere Zukunft unseres Vaterlandes. (Lang anhaltender, stürmischer Beifall)

Wettervoraussage.

Die Nordmeerstörung hat feit gestern ihre Lage kaum verändert, sich aber wesentlich abgeflacht. Die Kaltluft an ber Rückseite führte von Westen her zu stärkerem Barometeranstieg. Die Temperaturen sind in Deutschland wiederum zirka 2 Grad gefallen und liegen schon in Gefrierpunktsnähe. Da ber Zustrom kalter Luftmassen noch anhält, wird ber hohe Druck wehr nach bem Festlanbe hingesaugt, so baß zeit­weise Aufklaren eintritt. Dabei gehen in ber Nacht a.Temperaturen bis zu bem Gefrierpunkt zurück. .. «,SJ'chten für Dienstag: Neblia-wolkia Aufklaren, kälter, Nachtfrost, meist trocke«.