Nr. 21 (Elftes Blatt
181. Jahrgang
Montag, 26. Januar 1931
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Die Einigung über den Aalsbeschluß im RinderheitenkonW. polen zum Gystemwechsel gegenüber der deutschen Minderheit aufgefordert. — Der Rat erwartet im Mai Bericht. Unzulängliche Garantien für die Zukunst.
Genf, 24. Ian. (BJIB.) Der Völkerbunds- r al Hai In feiner heutigen Rachnittlagssihung die deutsche Beschwerde über die Terrorakte in Polnisch-Oberschlesien, Pofen u tkö Pommerellen mit der Annahme des den Ratsmitgliedern vorgelegten Berichts abgeschlossen. Die Erledigung nahm nur kurze Zett in Anspruch, eine Aussprache erfolgte nicht mehr.
Der Bericht besteht aus vier Teilen. Der erste Teil gibt zusammensassenb den Inhalt der drei deutschen Boten an den Völkerbund wieder, nach denen ein Bruch der Bestimmungen des Genfer Minderheitenabkommens, sowie der Bestimmun- mungcn des Schuhvertrages der polnischen Minderheiten vorliegt. Danach sei die deutsche Minderheit durch verschiedene Mittel an der freien Ausübung deS Wahlrechtes gehindert worden.
Im zweiten Teil werden ausführlich die anormalen Bedingungen dargestellt, unter denen sich die polnischen Wahlen im November 1930 für die deutsche Minderheit vollzogen hätten, ferner die unmittelbaren Verstöße, die von feiten der Behörden gegen das Wahlrecht der deutschen Minderheit vorge- nommen worden seien. Diese anormalen Bedingungen und die Verstöße der Behörden hätten tatsächlich eine Verminderung der parlamentarischen Vertretung der deutschen Minderheit herbeigeführt. Die polnische Regierung habe nicht be st ritten, daß sich Zwischenfälle hätten ereignen können; sie weise jedoch darauf hin, daß die Wahlorganisation besondere Instanzen rechtlichen Charakters vorsehe, um alle Verantwortlichkeiten in der Ausübung des Wahlrechtes festzustellen. Aach Ansicht des Berichterstatters werde der Aat richtig handeln, wenn er eS im Augenblick vermeide, sich über die materielle Seite der ihm vorgclegtcn Informationen auszusprechen, sondern die p o l i t i s ch e S e i t e dieser Frage allein als von ausschlaggebender Bedeutung betrachte.
Der dritte Teil des Berichts spricht von den unmittelbar gegen die Person oder das E'.gentum der Angehörigen der deutschen Minderheit in Polen gerichteten Anschläge und weist auch auf die Beschwerden des Deutschen Volksbundes in Oberschlesien hin. Wörtlich heißt es dann in dem Bericht:
Niemand Hai bestritten, dah Vorfälle dieser Art sich abgespielt haben, und dah diese Vorfälle von einer Schwere und einem Ausmahe gewesen find, die den hinreichend gerechtferiigien Schluß erlauben, dah in zahlreichen Fällen die Art. 75 und 83 der Genfer Konvention verletzt worden sind.
Die polnische Regierung hat unverzüglich hierüber eine Llntersuchung veranlaßt. Dies sind die ersten Feststellungen, die der Rat vornehmen muhte. Wie schon der Vertreter Deutschlands in seiner Rede vor dem Rat ausgeführt hat, ist das entscheidende Moment in dieser Angelegenheit das Verhalten der polnischen Behörden. Hier ist eine Unterscheidung anzuwenden zwischen den unmittelbaren Verantwortlichkeiten und der mittelbaren Verantwortlichkeit für die den Rat beschäftigenden Vorfälle. Die polnische Regierung hat uns dahin informiert, dah alle in der Petition des Volksbundes erwähnten Fälle Gegenstand genauer älntersuchungen gewesen sind. Infolge dieser älntersuchungen seien 125 Fälle den Gerichten überwiesen worden. In 23 F.llen habe der Staatsanwal. ös^entliche An.l.g: erhoben, und hiervon seien wieder bereits in ze^n Fällen Urteile der zuständigen Gerichte ergangen. Gegen 17 Beamte seien Disziplinarverfahren eingeleitet und neun von ihnen sei eine Rüge erteilt worden. In 83 Fällen von geringerer Bedeutung sei die älntersuchung noch nicht abgeschlossen: in 41 Fällen hätten die Behörden das Verfahren aus verschiedenen Gründen eingestellt.
Der völkerbundsrat nimmt von diesen Maß- nahmcn der polnischen Regierung Kenntnis. Andererseits Hal der Rat den Wunsch, vor seiner nächsten Sitzung von der polnischen Regierung eine vollständige und genaue Darstellung der Ergebnisse zu erhalteu, die die hinsichtlich der verschiedenen Fälle angcordneten Untersuchungen, ebenso wie die infolge dieser Untersuchungen eingeleiteten Sanktionv- und Lntschädigungsmahnahmen gehabt haben.
Die eigentliche Stellungnahme des Völkerbundsrats enthält der entscheidende Teil 4 des Berichts, in dem es heißt: Ich möchte zunächst die große Bedeutung unterstreichen, dah in Gebieten, wie der Woiwodschaft Schlesien, alles vermieden wird, was direkt oder indirekt die Gemüter erregen oder die Leidenschaften aufreizen könnte. Es versteht sich von selbst, dah sich hieraus für die Behörden besonders schwerwiegende Verantwortlichkeiten und Verpflichtungen ergeben, die ihrerseits eine gewissenhafte Beachtung der Minderheitenrechte und ein weitgehendes Verständnis erfordern. Es dürfte besonders notwendig fein, dah keine Behörde, welche sie auch fei — und
je höher die Behörde gestellt ist, um so gebieterischer ist diese Verpflichtung — sich dem Verdacht aussetzen darf, sich an politischen Streitigkeiten zu beteiligen, besonders wenn diese einen die Minderheit berührenden Charakter tragen.
Andererseits ergibt sich aus den Dokumenten, die dem Rat unterbreitet wurden, und aus den Debatten, die in diesen letzten Tagen stattgesunden haben, der Eindruck, daß der sog. „Aufständischenverband" von einem Geiste beseelt ist, der sicherlich nicht geeignet ist, die Annäherung zwischen zwei Elementen einer Bevölkerung zu erleichtern, deren friedliches Rebencinanderteben eine Vorbedingung der politischen Konsolidierung in diesem Teile Europas darstellt. Es liegt auf der Hand, dah in den Gebieten mit einer gemischten Bevölkerung, wie in Oberschlesien, keine Vereinigung mit ausgesprochen nationalistischer Tendenz in dem Sinn privilegiert sein dürfte, dah die» den Interessen einer Minderheit Abbruch tun kann. Um dieses Ziel zu er-
G e n f, 24. Jan. (Täl.) Der vom Völkerbunds- rat angenommene Bericht über die Vorfälle in Oberschlesien wird in den beteiligten Winder- heitenkreisen formal als eine tragbare □Regelung angesehen, jedoch hängt die entscheidende Beurteilung der Stellungnahme des RateS davon ab, wieweit die polnische Regierung die ihr auferlegten Verpflichtungen durchführt und der Rat auf feiner Maitagung die Durchführung dieser Beschlüsse kontrolliert. Der Bericht weist allerdings nur in verklausulierter Sprache auf den Woiwoden GraczYnski hin, indem er erklärt, dah gerade die höchsten Behörden sich strengste Zurückhaltung in allen politischen Kämpfen auserlegen mühten. Der Aufständischenverband wird dagegen als solcher ausdrücklich erwähnt und seine Tätigkeit scharf verurteilt. Weiter fordert der Do- richt Beseitigung der Beziehungen zwischen dem Aufständischenverband und den Behörden. Auch hierüber muh die polnische Regierung im Mai Bericht erstatten. Man erwartet, dah Polen hierbei Mitteilung von einer Aenderung in der Stellung des Woiwoden von Oberschlesien machen wird. Die sofortige Absetzung des Woiwoden ist von deutscher Seite nicht verlangt worden, da eine solche Forderung zweifellos unter Hinweis auf die mangelnde Zuständigkeit des Rates zum Eingreifen in innenpolitische Rechte eines Landes abgeleynt worden wäre.
Die deutsche Abordnung stand anfänglich vor der Wahl, entweder eine Erweiterung des älntersuchungsverfahrens über die Vorgänge in Oberschlesien durch Anhörung Calonders und Einsetzung eines internationalen Untersuchungsausschusses zu fordern oder eine sofortige und grundsätzliche Stel- lungnahmedesRates herbeizuführen. Die Abordnung hat sich dafür entschieden, von dem Antrag auf Einsetzung eines Ausschusses a b - zusehen, da der Ausgang einer solchen Untersuchung zweifelhaft gewesen wäre. Die Abordnung hat vielmehr entscheidenden Wert darauf gelegt, dah der Rat bereits auf dieser
Berlin, 25. San. (TU.) Zu dem Ergebnis der Genfer Oberschlesicnverhandlungen nehmen vorläufig nur wenige Berliner Blätter ausführlich Stellung, die übrigen bringen aber ihre Ausfassung in Genfer Berichten und in den Ueberschriften zum Ausdruck. Die ,.G e r m a n i a" (Zentrum) hebt hervor, daß die Schwäche des Berichts ohne Zweifel darin liege, daß er die Durchführung der Sühne und der Wiedergutmachung für die geschehenen Uebeltaten in die Hände Polens lege und damit die Loyalität der polnischen Behörden voraussetz c. Das Blatt bedauert es aufrichtig, daß es nicht möglich gewesen sei, greifbarere und eindeutigere Ergebnisse, vor ollem bezüglich der Garantierung der Zukunft der Minderheitenrechte zu erreichen, meint aber, daß ein hundertprozentiger Erfolg angesichts der Lage der Dinge kaum zu erreichen gewesen sei. — Die „Deutsche Allgemeine Zeitung" (Dolks- partei) hebt hervor, daß die Schlußfolgerungen aus der durch den Rat festgestellten Derletzung der 23er- träae durch Polen unklarundunzureichend seien. Die selbstverständliche Niederlage Polens dürfe man nicht gleichsetzen mit einem deutschen Erfolg,
reichen, und mangel» eine» anderen Mittels dürfte deshalb ein Interesse daran bestehen, dah die polnische Regierung die notwendigen Maßnahmen trifft, um die besonderen Bande aufzulösen, die zwischen den Behörden und derartigen Vereinigungen bestehen können, welche eine politische Aktivität entfalten, wie sie soeben beschrieben ist.
Es ist in jedem Falle unerläßlich, daß man bei der deutschen Minderheit der Wojwodschaft Schlesien wieder ein Gefühl des Vertrauens erweckt, das unglücklicherweise tief erschüttert zu sein scheint und ohne daß sich zwischen Minderheit und Staat nicht die Zusammenarbeit Herstellen läßt, die die Verträge und die Resolutionen der Völkerbundsversammlungen und des Völkerbunds- rots als eine gebieterische Pflicht sowohl für den Staat, wie auch für die betreffende Minderheit hin- gestellt haben. Der Rat wird bestimmt zu gegebener Zeit vor seiner nächsten Session von den Entschei- düngen, die die polnische Regierung zu treffen für richtig gesunden haben wird, Kenntnis zu nehmen wünschen.
Tagung zu einer allgemeinen Stellungnahme und Verurteilung der polnischen Regierung kam. Aus die Vernehmung Calonders ist unter diesen Tlmständen verzichtet worden.
Die Entscheidung des Rats stellt somit im Sinn« der gesamten deutschen Minderheitenpolitik nur «ine erste Etappe dar. Auf der Maitagung bietet sich von neuem die Möglichkeit, die Interessen der deutschen Minderheit in Oberschlesien wahrzunehmen. Die Verlesung des Berichtes hat allgemein einen nachhaltigen Eindruck hervorgerufen, da zweifellos aus ihr eindeutig der außerordentliche Ernst der Lage in Oberschlesien, die Verletzung der Minderyeitenverträge und die Schuld der polnischen Regierung hervorgehen. Dieser Eindruck wurde weiter verstärkt durch die Erklärung Hendersons, die auf eine Rücksprache mit dem deutschen Außenminister zurückgeht. Cur- tius hat entscheidenden Wert darauf gelegt, daß 6er Präsident des Rates seinerseits zudem Bericht Stellung nimmt, um den Eindruck zu vermeiden, als ob es sich lediglich um eine deutsch-polnische Angelegenheit handele. Henderson stellte dann ausdrücklich fest, daß es sich nicht um eine deutsch-polnische Angelegenheit, sondern um eine internationale und Völkerbundsfr a ge von schwerwiegendster Bedeutung handele. In der Erklärung Hendersons, dah der heutige Bericht den Anfang einer neuen Regelung des Minderheitenschutzes darstellen müsse, sieht man den Hinweis auf die unvermeidliche Revision des gesamten Minderheitenverfahrens vor dem Rat. Auf deutscher Seite wird der Bericht des Rats als eine befriedigende, wenn auch keineswegs voll befriedigende Regelung angesehen. Der Bericht gibt jedenfalls den deutschen Minderheiten in Oberschlesien eine sofortige Genugtuung. Die 'Verhandlungen vor dem Völkerbundsrat über die Lage der deutschen Minderheit in Ober'chlesien haben nunmehr vor der gesamten I Weltöf entlichkeit auf das schärfste die unhaltbaren Folgen der Grenzregelung im Osten nachgewiesen.
der mit anderen, als Genfer Maßstäben zu messen sei. — Die „Berliner B ö r s e n z e i t u n g" (kons.) sogt, die Kundgebung des Völkerbundes fei das aller m i n b e ft e, was das deutsche Volk und die deutsche Minderheit in Polen zu verlangen hätten. Die Hauptsache stehe noch aus: Die Frage sei noch unbeantwortet, ob das moralische Gewicht des Völkerbundes und seines Urteils stark genug sein werde, um Polen zu veranlassen, alle Konsequenzen aus dem Urteil zu ziehen und die Methode zu ändern. — Die „Deutsche Tageszeitung" (Landbund) weist darauf hin, daß die Frage der Garantien der schwächste Punkt in der Entscheidung des Rates sei, gegenüber einem Staat wie Polen genügten diese Garantien nicht. — Der „L o k a 1 - A n z e i g e r (Hugenberg) schreibt, die Empfehlungen des Dölkerbundsrots an Polen seien Papier. Was Polen mit diesem Papier anfangen werde, könne man sich schon ungefähr oorstellen: Ein Schaugericht, das noch mächtig viel aussehe, das aber nicht für den Konsum bestimmt sei. — Die „Deutsche Zeitung" (deutschnatt.) schreibt, Deutschland habe sich mit Hoffnungen auf die polnische Vertragsfreudigkeit abspeisen lasten.
Rur eine erste Etappe.
Oie Auffassung der deutschen Delegation. — Eine Erklärung des Ratöpräsidenien
Das Scho von Sens in der Berliner Presse.
Das Mindeste, was Deutschland verlangen durste. — Wo bleiben die Garantien für die Zukunst?
von der uns schon so unendlich viele Enttäuschungen beschert worden seien.
Der „B ö r s e n - C o u r i e r" (dem.) bezeichnet es als einen Erfolg gegenüber den bisherigen Erfahrungen mit dem Völkerbund, daß Polen ernstlich verwarnt worden sei und daß der Rat eine befristete und vollständige Rechenschaftslegung über die zur Beseitigung der bestehenden Schaden zu treffenden Maßnahmen von einem Mitglied des Völkerbunde» gefordert habe. — Auch das „Berliner Tageblatt" (dem.) bezeichnet die Einigung als einen Erfolg und meint, die deutschen Ansprüche seien in allen wesentlichen Punkten durchgesetzt. — Der „Vorwärts" (soz.) sieht in der Entscheidung ebenfalls einen deutschen Erfolg. Daß Polen im Mai vor den kritischen Augen der Welt abermals Rechenschaft ablegen müsse, sei für Deutschland eine wirksame Garantie, daß der Genfer Beschluß kein« platonische Geste bleiben werde. — Die „Vossi - s ch e Zeitung" (Staatsp.) vertritt die Auffassung, daß sich das Ergebnis von Genf, bei objektiver Ab« roägung zwischen dem, was erreicht und was nicht gelungen fei, durchaus sehen lassen könne. Zum erstenmal habe der Rat in der Frage des Schutze» der Minderheiten zweifelsfrei zugunsten der Be« drückten entschieden.
Oer erste Eindruck in Ostoberschlesien.
K a t t v w i h. 24. Jan. (TU.) In Kreisen beC deutschen Minderheit in Ostoberschlesien sieht man bas Erg bn.s der Ratstagung, soweit es bisher hier bekanntgewvrden ist, als nicht befriedigend an, wenn auch eine endgültige Stellungnahme erst nach Vorliegen näherer Einzelheiten erfolgen kann. Man mißt hier vor allen Dingen der Tatsache Bedeutung bei, daß sich der Völker- bunbörat im Mai erneut mit der oberschlesi- schen Frage beschäftigen und die Durchführung der von Polen zu ergreifenden Maßnahmen nachprüfen wird. Das bedeute eine Art Rückversicherung, und in dieser Beziehung unterscheide sich die jetzige Regelung grundsätzlich von früheren Völkerbundsbeschlüsscn über oberschlesische Fragen, die gewöhnlich im Sande verlaufen seien. Man betont jedoch andererseits, baß nunmehr sehr viel von dem Geiste abhängen werde, in dem die polnische Regierung die ihr auferlegten und nicht genau präzisierten Maßnahmen durchsühren werde. Mit Bestimmtheit erwartet man die Abberufung des Woiwoden Grazynski, auch wenn Polen nicht ausdrücklich dazu verpflichtet worden ist. Wenn auf Grund der Genfer Verhandlungen nunmehr durch einen Systemwechsel die Voraussetzungen für ein friedliches Zusammenleben der Rationalitäten in Ostoberschlesien geschaffen würden, so würde das niemand mehr begrüßen, als die Angehörigen der deutschen Minderheit, die stets ihren guten Willen in dieser Beziehung bewiesen und sich als loyale Staatsbürger gezeigt haben.
Befriedigung in Polen.
„Ein voller Lieg": Keine Untcrfud ung, keincA ilüsungdesAufständischenverbands
Warschau, 25. Jan. (TU.) „Der Bericht des Völkerbundes ein voller Sieg Polens!", so schreibt die polnische Presse zum Genfer Ergebnis. Das maßgebendste Regierungsblatt. die „Gazeta Pollka", findet sogar, daß der Bericht sich völlig mit dem polnischen Standpunkt decke. Wit besonderer Befriedigung hebt die polnische Presse allgemein hervor, dah in dem Ratsbericht weder von einem Sonderausschuß noch von einer Auflösung des Aufständischenverbandes in Oberschlesien die Rede sei. Die „Gazeta Polska" erklärt folgendes: „Wie vorauszusehen war, hat der deutsche politische Angriff, der unter dem Vorwand der Minderheitenfrage gegen Polen geführt wurde, einen völligen Mißerfolg erlitten. — Das Schwesterblatt „Kurjer Poranny" bezeichnet die Rede des Reichsaußenministers Curtius als daS Plädoyer eines Staatsanwalts in einem großen Strafprozeß mit politischem Charakter. — Der „Krakauer Illustrierte Kurier", der in diesem Kreise nicht fehlen darf, sieht sich veranlaßt, festzustellen, daß die deutschen Versuche, in Genf ein polenfeindliches Gewitter zu entfachen, erfolglos geblieben seien. — Die Oppositionsblätter beschränken sich zunächst lediglich darauf, die Genfer Beschlüsse kommentarlos wiederzugeben.
Auch Paris ist zufrieden.
Keine Verurteilung *X ölens.
Paris, 25.3an. (TU.) Das Genfer Ergebnis in der Oberschlesienfrage wird nur von einem Teil bet Blätter kommentiert. Der „Matin" und das „Echo de Paris" gehn ihrer Befriedigung über bas Kompromiß Ausdruck. „So ist die Tätigkeit einiger örtlicher polnischer Behörden gemißbilligt worden", schreibt der „Ma« tin", „aber die polnische Regierung ist nicht verurteilt worden, wie die deutschen Rationalisten erwartet hatten. Es findet auch keine internationale Untersuchung statt und der polnische Staat selbst wird die Durchführung bei


