Ausgabe 
25.9.1931
 
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ttr.224 Erster Matt

181. Jahrgang

Freitag, 25. September 1951

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General-Anzeiger für Oberhessen

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Dr. Fnedr. Wilh. Gange, verantwortlich für Politik» Dr. Fr. Wilh. Gange; für Feuilleton Dr H.Tbynot, für den übrigen leil Ernst Dlumfchein und für den Anzeigenteil Ma? Filter, sämtlich in Giehen.

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Wie Straßburg das erste Malbefreit" wurde.

Don unserem 8.-Berichterstatter.

(Dachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)

Strahburg, September 1931.

Ö6 ist vielleicht mehr als nur ein merkwürdiger Zufall, daß der erste französische Ministerbesuch in Deutschland, dem gewih viele Deutsche bei der heutigen Machtverteilung in Europa mit gröhter Besorgnis entgcgensehen, fast auf den Tag genau ein Dierteljahrtaufend nach einem Ereignis der gesamtdeutschen und elsässischen Ge­schichte erfolgt, das das gleiche Mistverhältnis in der Stärke der deutschen und der französi­schen Dation aufdeckte wie es auch heute herrscht.

3n der Dacht von 27. zum 28. September 1681 erschien mitten im Frieden ein starkes Auf­gebot franzöfifcher Truppen vor den Wällen der nur schwach verteidigten alten deut­schen Stad.republik Strahburg und erzwang unter dem Dorwand bestehender Rechte die An­erkennung Ludwigs XIV. als ihressouveränen Herrn und Beschützers". Am 30. September zogen nachmittags die ersten Truppen de- Königs in die Stadt ein. Der Dhcinübergang, den Strast- bura auch nach dem Westfälischen Frieden der große Teile des Elsah' unter die Pariser Herr­schaft gebracht hatte immer wieder den Fran­zosen vcrschlost. den Kaiserlichen Truppen aber offenhielt, war kampflos an Frankreich gekom­men ; das Schicksal des alten deut­schen Glsast war besiegelt. Für die Seele des elsässischen Dolkes ist die Zerreistung der natürlichen Bindungen mit der deutschen Ra­tion im Dcrlauf der Generationen von schlimm­stem Dachieil geworden: Die Derwirrung der Be­griffe Daterland, Heimat, DolkStum, Dation ist auch durch die neue deutscheReichsland'-Evoche (18711918) nicht geheilt worden. Die heutige Spaltung in (leidenschaftliche oder laue) Der- teidiyer des Heimatgedankens und Derwelschte ist dte Auswirkung einer kulturellen und politi­schen Fremdherrschaft.

Der Raub Strastburgs (ein anderes Wort ist für den völlig widerrechtlichen Dorgang nicht am Platze) vor 250 (Zähren war für die damalige Well so eindrucksvoll, weil sie die Wehrlosigkeit des Heiligen Römischen Reiches, diesesMon­strums", und auf der anderen Seite die Stost- kraft des französischen Staates sinnfällig machte. Ludwig XIV. war klug genug, den Bogen nicht zu Überspannen und Macht noch weiter auszudehnen, wie man c3 rechts des Rheins und den Strom hinunter bis nach Köln (!) damals befürchtete. Auch feine Slsast-Politik selbst war .klüger als die der dritten Republik seit 1918. Er liest der Stadt Strastburg noch lange Zeit den Schein der verbrieften Freiheit. Die ver­meintlicheRepublik" (unter demSchuh" des französischen Königs) durfte auch weiterhin in Paris Anon Gesandten beibehalten: nach wenigen Jahren wurde der Posten allerdings mit einem Vertrauensmann Louvois' besetzt, deS französi­schenEroberers" Strastburgs!

Für die unwandelbare Geradlinigkeit der fran­zösischen Austenpolitik, besonders nach der deut­schen Seite hin, ist höchst bezeichnend, dah die Geschehnisse des Herbstes 1681 nur die Verwirk­lichung einer Absicht waren, die seit vielen Jah­ren in Paris gehegt worden war. Paris hat ja von jeher die Behauptung vertreten, dah das Elsast widerrechtlich beim Reich sei. da die fran­zösischen Könige Rechtsnachfolger Karls des Grosten seien. So aussichtslos dieser Rechtstitel auch jahrhundertelang schien, als Strastburg und das Elsast die deutschesten und reichstreuesten von allen deutschen Städten und Gauen waren, so erlosch in Frankreich doch nie der Wille, d i e Rheingrenze zu erstreben. Als Heinrich II. als Verbündeter deutscher protestan­tischer Stände 1552 mit ihrer Zustimmung die lothringischen Bistümer Metz, Toul und Verdunin Pfand nehmen" konnte, versuchte er sofort einen V o r st o st nach Stroh- burg: er scheiterte aber an dem Misttrauen der Stadt, die mit Eifer an dem vergeblichen Ver­such des Kaisers teilnahm, die besetzten drei Bis­tümer zurückzugewinnen. Die folgenden Jahr­zehnte sind gekennzeichnet durch diplomatische Pflege einer höflichen Freundschaft mit Paris, die man in diesen Zeiten der Religionsstreitig­keiten als Rückhalt begrühte, ohne aber je einen Zweifel an der unbedingten Treue zum Reich aufkommen zu lassen.

älm 1600 tritt man am französischen Hof erst­mals dem Gedanken näher, Strahburg zumGe­horsam" zu zwingen. Die schrecklichen Zeiten des Dreissigjährigen Krieges liehen Frankreich im Elsah Fuh fassen. Die Freie Stadt Strahburg sieht sich aber vor: sie lästt im dritten Jahr- zehnt des 17. Jahrhunderts ergänzende Festungs- bauten ausführen. 1648 bestätigt der Friede von Münster und Osnabrück die Franzosen im Besitz des im Laufe der Kriegswirren besetzten elsässi­schen Gebietes: abgetreten wird jedoch nur der österreichische Haus besitz (der Eundgau im Ober- elfah vor allem) und gewisse kaiserliche Hoheits­rechte über die zehn kleinen Reichsstädte.

Die französische Dation sieht darin nur den Ausgangspunkt für weitere Eroberungen. Die seltsam verschachtelten Hoheits- und Lehnsrechte jener Zeit boten eine Handhabe, deren sich Frank­reich mit einer Rücksichtslosigkeit und Verschlagen­heit bediente, die in unserer Zeit ein Gegenstück an den Versuchen hat, noch nach dem Waffen- stillstand und sogar nach dem Versailler Frie­den Rheinpfalz. Rheinland und Saargebiet durch Abtrennung vom Reich doch noch zur französi­schen Macht- und Kulturzone zu machen. Strah-

Frankreich lehnt eine Rüstungspause ab.

Eine scharfe Aussprache im Genfer Abrüstungsausschuß. Frankreich bekennt endlich Farbe.

Keinerlei Aussicht mehr für einen Rüstungswaffenstillstand.

Massigli lehnt den italienischen Vorschlag ab.

Genf, 24. Sept. (TU.) Der Dcrtreter Frankreichs im Abrüstungsausschuß dös Völkerbundes, Mas- jigli, gab am Donnerstag den Standpunkt seiner Regierung zu dem italienischen Vorschlag auf s o - fertigen Abschluß eines Rüstungs- w a f f e n st i I l st a n d e s bis zum Abschluß der Ab­rüstungskonferenz bekannt. Die französische Regie­rung lehnt diesen Vorschlag, wie allgemein erwartet wurde, rundweg ab. Sie fordert, die Verhandlungen über diesen Vorschlag auf d i e kommende Abrüstungskonferenz zu verschieben. Massigst führte zur Begründung sei- nes Standpunktes aus, er wolle zwar an die Ehr­lichkeit und Objektivität des italienischen Vorschlages glauben, er müsse sich aber fragen, ob dieser Vor­schlag dem angcftreblcn Ziel entspreche und nützlich sei. Zwischen verschiedenen Ländern seien bereits seit einigen Monaten höchst delikate Ver­handlungen imGange, die auffallenderwcise die gleiche Frage berührten, die jetzt durch den ita- lienstchen Vorschlag eine plötzliche Lösung finden sollte.

Ls müsse aufs Allerschärfste abgelehnt werden, dah die jetzt in der ganzen West herrschende Nervosität auf den gegenwärtigen Stand der Rüstungen einiger Länder zurückzuführen sei. Diese Rervosität sei vielmehr auf Dinge zurück­zuführen, die die unmittelbaren politischen In­teressen der Völker berührten. Sie stünden in keinerlei Zusammenhang mit einem Wettrüsten, das es heute überhaupt nicht gebe.

Die von dem italienischen Vorschlag angestrebte Erleichterung für die Haushalte würde nicht ein­treten, da die Militärhaushalle bereits bis Juni 1 9 3 2 f c ft gelegt seien und ferner ein Stillstand der Rüstungen in vielen Ländern zu einer Verschärfung der Arbeitslosigkeit füh­ren würde.

Massigst suchte dann den Beweis zu führen, daß ein Waffenstillstand zur Zeit sowohl auf dem Gebiete der Land, als auch der See- und Luftrüstungen nicht in Frage kommen könne. Auf dem Ge- biete der Flottenrüftungen kämen die veralteten Flotten gegenüber den jungen Flotten in Nachteil, und dadurch würde das derzeitige Flottengleich- gewicht gestört worden. Auf dem Gebiete der Luft- rüftungen könnten die Mächte auch während der Dauer des Waffenstillstandes ihre Kleinflugzeuge durch Großflugzeuge ersetzen. Auf dem Gebiete der Canörüftungen feien die Haushalte bereits bis 1932 feftgelegt.

Massigst schlug bann vor, den Antrag der japa­nischen Regierung auf Ueberroeifung des italienischen Vorschlags an die Ab­rüstungskonferenz anwneljmen. Die Regie- rungen müßten noch vor Eröffnung der Abrüstungs­konferenz ihren Standpunkt bekanntgeben, jo daß die Abrüstungskonferenz mit der Aussprache über den Waffenftillftandsoorschlag eröffnet werden könnte.

Sin tödlicher Schlag gegen dm Abrüstuncsgedanken.

Die Rede Massiylis ist in weitesten Kreisen des Abrüftungsausschufies alseintödlicherSchlag gegen Öen Abrüstungsgedanken empfun­den worden. Massigst hak in der schroffsten yorm jeden Rüftungsstillstand abgelebt und hierbei, rote allgemein bemerkt wurde, die Durchführung der Abrüstung von der vorhergehenden Lö­sung der politifchen Probleme ab­

hängig gemacht. Massigst spielte in seiner Rede auch auf den bekannten französischen Vorschlag eines politischen Waffen ft ill ft anbes zwi. schen Deutfchlanb u nb Frankreich an und rückte dabei den Gedanken der Erfüllung der politischen Forderungen Frankreichs als Voraus­setzung für die Abrüstung wieder in den Vorder­grund. Die Rede Massiglis muß daher als eine ernste Belastung der kommenden Verhandlungen auf der Abrüstungskonferenz aufgefaht werden. Sie Jdjafft nunmehr eindeutige Klarheit darüber, welche Politik Frankreich in der Abrüstungsfrage betreibt.

Ein neuer Vorschlags aliens.

(Sm letzter Appell an die Machte

Die Ablehnung des italienischen Vorschlages durch Massigli führte im Abrüstungsausschuß zu einer großen Aussprache, in der die Vertreter der südslawischen, rumänischen und tschechoslowakischen Regierung sich dem Standpunkt Frankreichs an- schlossen und nachdrücklichst den italienischen Vorschlag ablehnten. Der schwedische Außen- m i n i ft c r wies darauf hin, daß der italienische Vorschlag feine Aussicht mehr auf Annahme habe und schlug vor, einen Appell an alle R e - gierungen zu richten, bis zur Abrüstungskonfe- rcnz sich jeöer Erhöhung ihrer Rüstungen zu ent­halten. Der Vertreter der kanadischen Regie­rung wies darauf hin, daß, wenn nicht einmal eine Einigung über den Rüftungsstillstand zu erliefen fei, wie bann eine Einigung über bie allgemeine Herabsetzung ber Rüstungen zu erzielen fei.

Der italienische General M a r I n l stellte einen neuen Italienischen Vorschlag zur Ver­

handlung, nach dem die Dötfcrbunbsoerfammlung einen feierlichen Appell an alle diejenigen wachte richtet, die die Grundsätze der Gerechtigkeit und bcs Friedens durchzusühren bereit sind, um aus diese weise eine öffentliche Meinung zu schas­sen, die auf die Abrüstungskonferenz in der Rich­tung praktischer Ergebnisse einwirken könnte. Ferner sollen allen Regierungen solgende allgemeine Richtlinien eines Rüsiungswassenstlllstandes durch den Rat übermittett werden: Jede Regierung verpflichtet sich, die bereits bewilligten Ausgaben für die Canbrüflungen bis zum Ab­schluß des Waffenstillstandes nicht zu erhöhen, ferner keine neuen Sdjlffsbaulen vorzu­nehmen und den Bau neuer Militärflugzeuge ein- 3 u ff eilen. Der Rüstungswaifenftlllftand soll für die Dauer eines Jahres, beginnend vom l.Rovember 1931, abgeschlossen werden. Der Rat soll die Regierungen ersuchen, dem Generalsekretär des Völkerbundes bis zum 15. Oktobe» Mitteilung zu machen, ob sie entschlossen sind, den Rüflungs- wassenstillftand auf Grund dieser Bedingungen an­zunehmen.

Rach längerer Aussprache wurde beschlossen, einen engeren R e d a k t I o n s a u s s ch u ß einzusehen, dem sämtliche europäischen Großmächte, ferner die Schweiz, die Vereinigten Staaten, Japan, Süd­afrika und Lhile angehören und der bis zur Jrel- tagssitzung entweder einen einheitlichen Beschluß oder einen Mehrheit»- und Minderheitsbericht aus- arbeiten soll. ,

Am Mittwoch soll die neue Notverordnung erscheinen.

_ Oaö Kabinett berät Probleme der Hauszinssteuer, der Kleinsiedlung und Arbeitolosensürsorge.

Berlin, 24. Sept. (ERB.) wie wir erfahren, hat das Reichskabinett die eigentlichen Kabinetts­beratungen über das Wirtschaftsprogramm begon­nen, die durch die Ehefbefprechungen vorbereitet worden sind. Es hat sich vor allem darum gehan­delt, das Problem der Hauszins st euer zu klären, das immer noch die schwierigste Frage im Rahmen des Wirtschaftsprogramms darftellt. wie man in unterrichteten Kreisen vermutet, werden die Beratungen wohl schließlich darauf hinauslaufen, daß die beiden Lösungsmöglichkeiten, über die man bisher gesprochen Hut, zusammengelegt werden und zwar in der Form, daß eine Senkung und ein all- mählicher Abbau der Hauszinssteuer eintritt und dah außerdem für den Reff eine ablö­sende Kapitalisierung vorgesehen wird.

Line Frage, die so schnell wie möglich entschieden werden soll, ist die Kleinsiedlung, für die die Zeit vor dem Eintritt starker Fröste noch aus- genuht werden muh. In politischen Kreisen rechnet man damit, dah dem Reichsminister Trevira­nn s heute die Vollmachten des Sied- lungskommissars übertragen werden. Im Lause der nächsten Woche sollen dann bereits die Ausführungsbestimmungen erscheinen, durch die den Städten die für die Ingangsetzung des Werkes er­forderlichen Anweisungen gegeben werden, wie wir

hören, haben sich bereits viele tausende Ar­beitslose um solche Kleinsiedlerstellen beworben. Die Probleme der Arbeitslosigkeit kommen außer- dem noch In den Beratungen über die Zusam­menlegung von Krisen- und woht- fahrtssürsorge zur Geltung. Darüber hinaus hat das Kabinett noch eine Reihe weiterer Fragen zu behandeln. Dazu gehört z. B. die Notverordnung über die Sondergerichte, die inzwischen ira Reichsjustizministerium ausgearbeitet worden ist.'

Line grohe Roll spielen die Fragen, die mit der Finanzlage von Reich, Ländern und Gemeinden Zusammenhängen. Dazu gehört in erster Linie die Beförberungsfpcrre für öle Beam­ten, die Herabsetzung der höchstpen- f i o n e n und schliehlich die Verschiebung des Etatsjahres vom 1. April auf. den 1. Juli. Endlich ist noch daran zu erinnern, dah Vertreter der Sozialdemokraten in der letzten Zeit verschiedent­lich mit dem Kanzler und den Ressorts über die Beseitigung der schlimm st en Härten früherer Rotverordnungen verhandelt haben. Es ist anzunehmen, daß diese Fragen in der neuen Rotverordnung ebenfalls realisiert werden. In politischen Kreisen rechnet man damit, dah die Beratung all dieser Probleme auch noch den Frei­tag in Anspruch nehmen wird, während des Be-

burgs Lage zwischen einem annerionslustigen Frankreich und einem schwächlichen, entschluß­unfähigen Deutschland wurde immer.verzweiselter. 3m 3uni 1679 muhte cs einen königlichen Residenten" zulasten. 1680 nach dem Dhmwcgcr Frieden verfügte eine der in der Geschichte berüchtigten französischenR s u n i * onskamm e r n", daß Strahburg als Besitzer gewisses elsässischer Orte, die unter die Souve­ränität des Königs gehörten, ihm einenTreu- e i d zu schwören hätte. Die auf ihre alte Selbst­verwaltung stolzen Bürger schlossen sich mit an­deren deutschen Reichsständen zusammen, zur Ver­teidigung ihrer Ansprüche gegenüber den will­kürlichen Entscheidungen der Breisacher Reuni- onskammer. Verhandlungen sollten im Sommer 1681 in Frankfurt a. M. stattfinden, nicht in Strahburg. weil Paris ihm nichteine Art von diplomatischer Llnverlehlichkeit" zubilligen wollte!

Zu Beginn des Jahres war de la Grange, der französische Intendant im Elsah, bereits in­formiert worden, dah Strahburg bis Ende 1681 zumGehorsam" gebracht werden würde. Wie unter dem Schuh der gröhten Heimlichkeit den Sommer über durch Louvois militärisch alles vorbereitet wurde, um die so lang ersehnte Feste zu Fall zu bringen, ist aus neueren französischen Publikationen zu entnehmen. Als alles bereit war, griff Frankreich zu und pflückte die reife Frucht. Der Widerhall, den Strahburgs Fall im Reich fand, war den national stolzen Franzosen sicherlich unbegreiflich und verächtlich. Die deutsche

Ration bot ein llägliches Schauspiel der Zer­fahrenheit: voller Untertoürfiglcit Überboten sich angesehene Geschlechter mit Beglückwünschungen des erfolgreichen französischen Räubers.

Die französische Ration, die sich heute so sehr über Verletzung feierlicher Verträge, über das Wort vomFetzen Papier" zu entrüsten weih, hat niemals die Llngeheuerlichkeit dieses Strah- burger Llnternehmens als ehrenrührig empfun­den. Auch in der neuesten Schilderung der Vor­gänge wird nicht die mindeste Rechtfertigung versucht. Es heiht lediglich, dah esunver­meidbar" gewesen sei, dah das französische Königtum diese Republik Strahburgernten (re- ceuilhr) muhte", deren Neutralität wie der französische Historiker Legrelle erklärtzwi­schen zwei Rassen, die seit langem und für lange Zeit feindlich sind", eine Chimäre gewesen sei. Wie eine weltgeschichtliche Wiedergutmachung mutet es an. daß auf den Tag 189 Jahre später, wiederum an einem 30. September (1870) die deutschen Truppen des Generals Werder in Straßburg einmarschierten, nach­dem es die Schrecken einer mehrwöchigen Bela­gerung und Beschießung über sich hatte ergehen lassen müssen. Es ist von tiefer Tragik, dah die alte deutsche Stadt von deutschen Truppen solche Leiden erdulden muhte. Die Schuld daran trug, geschichtlich gesehen, Ludwig XIV., der mit dem Elsaß und Strahburg ältestes deutsches Kultur- land vom Reiche losgerissen und unter fremde Herrschaft gezwungen hatte.

Hindenburg empfängt Laval und Briand.

Berlin, 24. Sept. (TU.) Der französische Ministerpräsident Laval und der Auhenminister Briand haben den Wunsch ausgesprochen, an­läßlich ihres Berliner Besuches vom Reichs­präsidenten von Hindenburg emp­fangen zu werden. Der Reichspräsident wird diesemWunsche entsprechen, doch steht noch nicht sest, wann dieser Empfang ftattfinöen wird. In Aussicht genommen ist bisher der Mon­tag kommender Woche.

Wie der »Lok.-Anz." aus Paris meldet, wandte man sich auf die Rachricht, dah die französische« Staatsmänner einen Empfang bei Hindenburg freudig begrüßen würden, noch bevor die Weldu g von v. Hindenburgs Zusage cintraf, an den Quai d Orsay um Auskunft, ob dieser Empfang irgend­welche Folgen für die Liste der als .Kriegs­verbrecher" bezeichneten Deutschen haben werde, da sich hierauf auch der Harne Hin­denburg s befinde und damit Hindenburg, dem die französischen Staatsmänner einen Besuch ab­statten wollen, immer noch alsFeind" bezeichnet werde. Daraufhin wurde vorn Quai d'Orsay die Auskunft gegeben, daß Frankreich an dem Be­stehen der Liste nicht mehr interessiert fei und daß diese Liste als annulliert gelten könne.