Ausgabe 
25.8.1931
 
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Kr. 197 Erster Blatt

181. Jahrgang

Dienstag, 25. August 1931

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Dr. Fnedr. Will). Lange. Berantworllich für Dohtifc Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr H.lhyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein und für den Anzeigenteil Max Filler, fAmtlid) in Diesten

Mcdonald bildet ein nationales Konzentrationskabinelt.

Oie Demission der zweiten labourregterung. Macdonald wird vom König mit der Bildung eines nationalen Konzen­trationskabinetts aus Mitgliedern aller drei Parteien beauftragt. Das Programm der neuen Regierung ist Ausgleich des Staatshaushalts, Reform der Arbeitslosenfürsorge und Sicherung des britischen Kredits.

Der Appell an die Ration.

Englands dcutichc Krisis

Don unserem W.-'Sericbterftatter.

(Rachdruck. auch mit Quellenangabe, verboten!) London, 24. August.

Seit Tagen umlagert eine wachsende Menschen­menge die weißlich-grauen RegicrungSgebäude in White Hall, und daS kleine, puritanische, ein paar Schritt breite Gäßchen, die Downing Street, wo der leitende Minister England- hinter schmuckloser, unverputzter Ziegelfront 36 Zimmer und Räumlichkeiten bewohnt. Heute sind sie aus chre Kosten gekommen. ES ist wirklich etwaS geschehen. DaS Kabinett Macdv- nald ist nicht mehr. eS hat demissioniert. Und wie man annimmt, wird dieser Regierung-- stürz, der den Abschluß einer an Sensationen nicht armen dramatischen Steigerung bildete, durch

Macdonald Baldwin

einen ebenso sensattonellen Auftakt eines neuen Dramas vielleicht eine neue politische Epoche ein­leiten: Macdonald kommt wieder.

WaS bedeutet daS? Ein Kabinett der nationa­len Konzentration aus lange Eicht? Sine Zwi­schenlösung. um der Wählerschaft eine Atempause zu gönnen, falls man sie zu Reuwahlen aufruft? Ist eS ein Bruch mit der Tradition oder ist Mac­donalds Wiederkehr zunächst nichts anderes als ein Versuch, die vollkommene Ratlosigkeit aller leitenden Persönlichkeiten von rechts bis links staatsmännisch zu verhüllen? All diese Fragen können nicht direkt beantwortet werden. Fest steht zur Zeit nur daS eine, daß die Bildung einer nationalen Regierung von allen beteiligten Personen als beste Lösung der Krisis empsohlen wird. Um die Ereignisse zu verstehen, die sich im Vordergründe der politischen Bühne abspielen, müssen wir nicht fragen, wie stehl es um die Regierung, wir müssen fragen, wie steht'S um England? Da ergibt sich ein erschütternde- Bild:

Seit dem Kriege befindet sich England i m Riedergang. Kein englische- Kabinett, weder die Koalitionsregierung Lloyd Georges, weder da- konservative Ministerium unter Donar Law und Baldwin, weder da- Koalittonsministerium Macdonald im Jahre 1924. weder die Zweidrittel- Mehrheit der Konservativen in dem nachfolgen­den Jahrfünft, noch schließlich das nunmehr ge­stürzte reine Arbeiterkabinett Rcnnsay Macdonald baben e» verhindern können, daß d i e A r b e i t -- losigkeit wuchs, England- Macht sich min­derte und der Wohlstand sank. I cd e der großen Parteien, die Liberalen, die Konservativen, die Arbeiter haben sich die Zähne vergeblich ausgebissen. Alle Doktrinen haben versagt. Eine einzige Zahl beleuchtet den Stand der Dinge: über 2,7 Millionen Arbeitslose. Aus deutsche Verhältnisse umgcrechnet entspricht da- ungefähr 4,1 Millionen Arbeitslosen im Deutschen Reich. Aber während die deutsche Arbeitslosigkeit wenig­stens eine vorübergehende Abnahme zeigte, ist sic in England auch in den Sommermonaten mit furchtbarer Regelmäßigkeit gestiegen. Doch die Arbeitslosigkeit ist mir ein Symptom für ein tiefer liegende- Leiden, dessen sich der Kranke nicht be­wußt war. Wenn wir viele Eindrücke und Be­obachtungen, Erfahrungen und Ereignisse in eine kurze Formel zusammenpressen, dann ergibt sich: die deutsche Krisis hat da- englische Welt­reich ergriffen und man könnte, ja man muh die Ereignisse diese- Sommer- England- deutsche Krise nennen.

Natürlich spricht niemand dergleichen aus. Wohl weih der Bankier in der City, daß die Sicherheit seiner Anlagen durch den Zusammenbruch der deut­schen Wirtschaft in ihren Grundfesten bedroht würde. Gewiß ist sich der Präsident der Bank von England darüber klar, daß Frankreichs Stellung auf dem Geldmärkte der Welt eine Folgeerscheinung der Reparationen ist. Gewiß hat jeder Engländer die Währungsanlcche Englands bei der Bank von Frankreich als höchst persönliche Schande cmpfun- den. Dies alles ist deutlich. Auch ist man sich durch, aus im klaren darüber, daß England den Weltkrieg nur scheinbar gewonnen tatsächlich aber d e r loren hat. Aber alle diese allgemeinen lieber- legungen haben sich erst in dem Augenblicke zur |

politischen Aktion verdichtet, als man sich darüber klar wurde: der Staatshaushalt ist nicht mehr im Gleichgewicht! England lebt über seine Verhältnisse.

Aus dem Plane, ein Kabinett der nationalen Konzentration zu bilden, ergibt sich aber, wie man hier die Dinge ansieht. England empfindet, daß man mitten im finanziellen, wirtschaftlichen Welt­kriege steht. Darum zieht man die Folgerungen so, a l s ft ü n b e man im Kriege. Eine sozia­listische Regierung mit konservativer Beteiligung kann nicht als parlamentarische Taktik oder als Notbehelf angesehen werden. Ganz im Gegenteil, das ist ein Appell an die Nation, darin liegt die Ankündigung einer harten, entschlossenen, drakonischen Politik. Man will heraus aus der Großmannssucht. Ist unser Lebensstandard falsch? fragte neulich dieDaily Mail". England rasst sich auf. Zwölf Jahre lang hat man Versteck gespielt. Zwölf Jahre lang hat man sich in falschem Selbstvertrauen Mut gemacht. Man hat militärisch, finanziell, wirtschaftlich nur abgerüftet. Nirgendwo machte man cs sich so bequem wie in England. Jedem Konflikt wich man aus. Fede Forderung an das nationale Pflichtgefühl wurde vermieden. Das soll jetzt anders werden.

Ob es anders werden wird, das ist die große Frage. Zunächst ist das nationale Koalitionskabinett noch nicht fertig. Ob es, wenn es Gestalt gewonnen

hat, aktionsfähig fein wird, obwohl Baldwin und Ramfay Macdonald persönlich befreundet sind, das bliebe abzuwarten. 3m Grunde ist das aber gleich­gültig. England steht im Begriffe, sein inneres Gleichgewicht wiederzusinden. Es knüpft an älteste Ueberlieferung, indem cs aller Ucberlieferung zum Trotze handelt: England ist niemals doktrinär gewesen. Man hat endlich die Wurzel des Hebels erkannt. Man will sich innerlich sanieren. Ob man zu diesem Zwecke zum Schutzzoll oder zu einer anderen Form des Wirlschaftsschutzes übergeht, ob man neue Steuern verhängt ober Streichungen am Etat oornimmt, ob man sozial-reaktionär ober liberal hanbeln wird, all das ist vorderhand wohl interessant, aber weltpolitisch gleichgültig. Was man auch immer tut, so ist bas Ziel ber nationalen Kon­zentration vollkommen klar. Englanb will seine Handlungsfreiheit, seine Souveränität zu­nächst im Inneren roiebergeroinnen unb beschreitet bazu einen neuen Weg. Dieser Regierungswechsel soll eine Stärkung bes allgemeinen Vertrauens unb keine Erschütterung des englischen Kredites bringen. Man ist stolz darauf, daß sich dabei die politischen Widersacher Baldwin und Macdonald die Hand bie­ten können. Was auch immer geschehen mag, Eng­land hat den Entschluß gefaßt, große Entschlüsse zu fassen. Und vertraut dabei auf die Gefolgschaft der englischen Nation.

Der Auftrag -es Königs.

Wer wird dem neuen Kabinett angeboren?

Conbon, 24. Aug. (IDIB.) Macdonald hat dem König heute nachmittag die Rücktritts- erklärung des Kabinetts formell überreicht. Der König hat Macdonald gebeten, die Bildung des nationalen K o n z e n t r a 11 o n s f a b i - netts ju übernehmen. Um 21.15 Uhr wurde von der Downing Street 10 eine amtliche Mittei­lung berausgegeben, in der es u. a. heißt:Rach feiner Audienz beim König am Montagnachmittag hat der Ministerpräsident mit Baldwin, Sir Herbert Samuel und Snowden über bie ft a n - didafenliste für das Kabinett beraten, die dem König zur Bestätigung vorgelegt werden soll. 3n dieser Frage sind beträchtliche Fortschritte erzielt worden. Das Hauptziel bei der Bildung der neuen Regierung ist die Beseitigung der gegen­wärtig be st ehe «den nationalen Rol­lo g e. Sie wird nicht eine Koalltlons- r e g i er u n g im Sinne dieses Wortes fein, sondern eine Regierung der Zusammenarbeit fürdiefenbesonderenZweck." Ferner heißt es in der amtlichen Mitteilung, daß das Parla­ment am 8. September jufammen- treten werde. Dem Parlament werden Vorschläge für große Abstriche an den Ausgaben unterbreitet werden, um den haushalt auszugleichen. Auch werde die Regierung alle notwendigen Schritte ergreifen, um das vertrauen in das Pfund Sterling zu erhalten.

Au- dem Wortlaut bes amtlichen Kommuni­que- wurde ber Schluß gezogen, daß b'.e Der- öfsentlichung ber Rainen ber Mitglieder ber neuen Reg.erung heu:e nicht mehr zu erwarten ist. Der feine Unterschied, ben baS Kommunique zwischen einer Koalitionsregierung unb einer Re­gierung ber Zusammenarbeit macht, wirb in dem Sinne au-gelegt, baß bie neue Regierung f l ch nur mit ben Maßnahmen be fassen werbe, bie ber Verminberung ber Aus­gaben unb ber Erschließung neuer Steuerquellen bienen, abgesehen natürlich von solchen Vorlagen, bie zur Fortführung ber Geschäfte bes Landes notwendig find, wie bie Erneuerung von Gefehen, beren Laufzeit zu Enbe geht. Ferner wirb au- dem Wortlaut des Kom­muniques der Schluß gezogen, baß bie zu er­zielenden Ersparniffe größer fein sollen als der Betrag der neuen Steuern. Es verlautet, baß beabsichtigt fei, bie Ausgaben um ungefähr 68 Millionen Pfunb zu verrninbern unb neue Steuern im Betrage von etwa 52 Millionen Pfunb aufzubringen. Der Schlußsatz bes Kommu­niques richte sich an bie Welt. Er befunbe ben entschlossenen Willen, bad Dubget unter allen ilmftänben auszuglei­chen, für bie Arbeitslofenfürforge eine ge» sunbeGrunblagezu schaffen unb bas Ver­trauen zu bem britischen Krebit unb zum Sterlingkurs Wieberherzustellen.

Wie aus zuverlässiger Quelle verlautet, wirb Macbonalb Die Dilbung einer Regierung auf überparteilicher Basis versuchen, an ber alle

Mitglieder des zurückgetretenen Kabinetts verlaßen nach der entscheidenden Sitzung das Haus des Ministerpräsidenten in Downing Street 10. Don links noch rechts: Der Minister für Schottland Adamfon, Außenminister Henderson Minister für öffentliche Arbeiten Lansbury, Lord- Geheimsiegelbewahrer Williams, der Führer der Gewerkschaften.

drei politischen Parteien tetlnefr* men werden. Al- sicher kann angesehen werden, daß diejenigen Ministep deS bisherigen Kabinett- Macdonald, die sich entschieden gegen jegliche Herabsetzung der Arbeitslosenunterstützung aus­gesprochen haben, ber neuen Regierung nicht angeboren dürften, so daß ihre Portefeuille- für Mitglieder der anderen Parteien frei wür­den. Als sicher scheint zu gelten, daß Hender­son dem neuen Kabinett nicht ange­boren wird. AIS ziemlich ausgeschlossen gilt es, da Sir Austin Ehamberlaln an die Stelle von Henderson treten wird. Dagegen wird seit einiger Zeit der ehemalige Vizekönig von Indien, Lord 3 r b 1 tl als möglicher Außenminister ge­nannt. Lord Irvin besaß während seiner Amts­tätigkeit in Indien das Vertrauen aller poli­tischen Parteien, und seine Verhandlungen mit Gandhi haben feinen Rus bei der Labour-Parth erheblich gestärkt. Gleichzeitig ist er auch mit den meisten führenden Köpfen der Konservativen eng befreundet.

Man glaubt auch an die Möglichkeit, datz Lloyd George wieder das Amt deS Schatzkanzlers übernehmen wird: Lloyd George hat dieses Amt bereits einmal mit gro­ßem Erfolge inne gehabt. Das würde aber nicht unbedingt bedeuten, daß Snowden auS der Regierung ausscheiden würde, da er eines der tüchtigsten Mitglieder der Arbeiterpartei und in der gegenwärtigen KrisiS mit Macdonald durch d i ck und dünn gegangen ist.

Da Baldwin bereit- seiner Bereitwilligkeit Ausdruck gegeben hat, unter Macdonald an den RegierungSgeschästen teilzunehmen, glaubt man, daß ihm wahrscheinlich da - Amt deS Lord- Gcheimsiegelbewahrer- und Führer- deS Unterhauses gegeben wird, eine Stellung, tote sie Donar Lato unter Lloyd George in der frühe­ren Koalitionsregierung inne gehabt hat. Andere führende Politiker, die wahrscheinlich zum Dei- tritt in das Kabinett aufgefordert werden durften, find außer Daldwin Lloyd George und Snowden, Samuel Hoare, Sir Austtn Ehamber- I a in und RevillS Ehamberlaln von den Konservativen und Lord Reading, Sir Her­bert Samuel und Sir Donald Mac Lean von den Liberalen. Die Tatsache, daß kaum mehr als vier Mitglieder des Arbeiterkabinetts mit Macdonald gehen werden, erleichtert natürlich dessen Ausgabe erheblich. AuS der Dereitwil- ligteit ber Liberalen, an ben Regicrungsgcschäs- ten teilzunehmen, kann man schließen, daß e i n zehnpr o zentiger Finanzzoll nicht zum Programm deS neuen Kabinetts gehören dürfte.

Die Spaltung der Labompartei. Ein starker Lppofitionsblock im Parlament gegen Macdonald

London, 24. Aua. (WTB.) In politischen Krei­sen ist man der Ansicht, daß mit den Ereignissen der letzten 24 Stunden eine endgültige Spal­tung der Arbeiterpartei bereits einge­treten ist. Macdonalds Gegner in der Partei hoffen darauf, daß die Mehrzahl der Abgeordneten der Partei ihren Fahnen folgen wird, wenn bem Un- tertjaus das Programm der neuen R e- Gierung der nationalen Einigung vorgelegt wer- den wird. Die ßabourminifter in einer nationalen Regierung würden eine große Anzahl der ,Ln- teUeftueUcn*' der Arbeiterpartei hinter sich haben, aber zweifellos bie Unterstützung des (in­ten Flügels einbüfjen und wahrscheinlich noch darüber hinaus die Mehrzahl der Par­lamentsmitglieder, die von den Ge­werkschaften kontrolliert werden. Eine Politik weit umfassender Ersparnisse in den sozialen Leistungen und Herabsetzung der Arbeitslosenbezüge läuft der Politik der Arbeiterbewegung zuwider. Besonders der linke Flügel, aber auch andere Mit­glieder der Arbeiterpartei sind der Ucberzcugung, daß England immer noch reich genug ist, die Bürde der Arbeitslosigkeit zu tragen, und daß die gegenwärtigen Bezüge nur bie notroen- bigften Exiftenzmittel barfteUten. Es ist möglich, baß bie Arbeiterparteiler jene, bie bie neue Regierung unterstützen, aus ber Partei aus- schließen, unb baß Henderson ber neue Führer ber Partei wirb.

Der Ernst ber Spaltung ber Arbeiterpartei läßt sich aus ber Tatsache ersehen, baß sich das neue nationale Kabinett wahrscheinlich einer Opposition gegenübersehen dürfte, die nicht von unverantwort­lichen und mehr oder minder unbedeutenden Mit­gliedern der Partei geleitet werden wird, sondern von Männern wie Henderson, Graham, Elynes, Alexander unb Lansbury. Die zurücktretenben Mit- fllieber der Regierung werben einen sehr ern­sten Oppositionsblock bilben unb von einem großen Teil ber Arbeiterpartei in bem Unterhaus unterstützt werben.

In gewißen Kreisen der Arbeiterpartei glaubt man, baß Macbonalbs neue Rolle als Haupt einer nationalen Regierung feine enbgültige unb bauernbe Trennung von ber Arbeiter­partei bebeuten wirb. Als ein Anzeichen für bie überaus großen Schwierigkeiten, mit denen die na«