Ausgabe 
25.7.1931
 
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Hr. 172 Srltes Blatt

181. Jahrgang

Samstag, 25. Juli 1951

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General-Anzeiger für Oberhessen

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Chefredakteur.

Dr. Fnedr. Wilh. Lange. Derantwortlich für Polttik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton l)r H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumfchein und für den Mnjeigenteil Max Filter, fümtltch in Gießen.

Aus uns gestellt!

DaS Ergebnis der Londoner Konferenz, wie es die Vertreter der beteiligten sieben Mächte im Tchluhprotokoll klar und unmißverständlich nie­dergelegt haben, kann den nicht enttäuscht hoben, der sich davor gehütet hat, an die Reife des Reichskanzlers nach Paris und London falsche Hoffnungen zu knüpfen; Hoffnungen, die nach Lage der Tinge eine ad hoc zusammengerufene und sachlich kaum vorbereitete Konferenz gar nicht erfüllen konnte. Als der Reichskanzler vor einer Woche nach Paris fuhr, wußten wir mit einiger Sicherheit, daß in diesem Augenblick we­nigstens Frankreichs Beteiligung an einer fofor- Hgen und großzügigen finanziellen Hilfsaktion für Deutschland nur erkauft werden konnte durch po­litische Bindungen, die wir nicht eingehen wollten und konnten Trotzdem hatte die Pariser Reise Brünings ihren Wert. Tie war der Auftakt zu einer offenen Aussprache über die politischen Probleme, die störend zwischen beiden Völkern stehen. Rur von einer konsequenten Fortsetzung dieser Methode, die gegenseitig Klarheit schasst, ohne vorzeitig und übereilt Fruchte ernten zu wollen, die noch nicht reif sind, können wir eine Atmosphäre des Vertrauens erwarten, die für ein erträgliches Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich Voraussetzung ist. ohne die es auch auf finanziellem Gebiet feine ersprießliche Zusammen­arbeit geben kann Der Pariser Kanzlerbesuch hatte aber auch abgesehen von diesen immerhin noch recht platonischen Aussichten für die Zukunft, auch für die Ueberwindung der akuten Krisis seine Bedeutung. DaS französische Kabinett umfaßt be­kanntlich auch Männer der radikalen Rechien, es hatte also manche Widerstände in den eigenen Reihen zu überwinden, als es sich zu einer Be­teiligung an der Londoner Konferenz entschloß, obwohl die Pariser Besprechungen nicht die po­litischen Garantien gebracht hatten, von denen Frankreich eine finanzielle Hilfe abhängig gemacht hatte To durste man von der Teilnahme der Franzosen von vornherein nicht- erwarten. Aber weder die englische noch die amerikanische Regie­rung hätten auf der Londoner Konferenz für ihre Banken die festen Bindungen auf sich genommen, wenn eben nicht die Zustimmung der französischen Regierung zu den Beschlüssen der Konferenz ihnen eine gewisse Sicherheit dagegen gab, daß die frmtzösischen Banken durch verschärften Druck auf die Börsen von London und Reuyork die Hilfs­aktion torpedierten. Für die außerordentlich weit­reichende Macht der französischen Hochfinanz auf dem internationalen Kapitalmarkt spricht ja der ungewöhnlich hohe Goldverlust der Bank von England nicht weniger als 16,3 Millionen Pfund ( 326 Millionen Mark) in der letzten Woche mit der daraus folgernden Diskont­erhöhung Bände. Wenn also auch Frankreich selber, das an dem in Deutschland belassenen Kre- dit nur noch mit fünf Prozent beteiligt ist, von den Beschlüssen der Konferenz kaum berührt wird, war seine Anwesenheit in London doch notwendig, wenn überhaupt etwas zustande kommen sollte.

Betrachten wir nun naher, was in London denn erreicht wurde, so muß vor allem einmal mit dem Gedanken aufgeräumt werden, als ob auf einer spontan zusainmengelretenen Konferenz der Regierungschefs überhaupt die Möglichkeit be­standen hätte, eine Konsolidierung der schweben­den deutschen Schuld oder gar eine neue lang­fristige Anleihe von nennenswerten Ausmaßen zu erreichen. Wenn Reichsbankpräsident Dr. Lu­ther auf seinem hastigen und psychologisch we­nig überlegten Flug nach den Finanzmetropolen des Westens von London tote von Paris nur den Hinweis mitbrachte, daß es bei der von ihm ge­schilderten Lage vorerst Sache der Regierungen sei, sich zu äußern, so steht das nicht in Wider­spruch zu den in London gefaßten Beschlüssen eben dieser Regierungen, die die Frage einer finanziellen Sanierung Deutschlands für eine An­gelegenheit der Danken erklären. Die internatio­nale Bankwelt, vor allem die Bank von England und die amerikanische Bundesbank, brauchte das sichtbare Zeichen einer Beruhigung der politischen Atmosphäre als Unterpfand für die Rückkehr des Vertrauens in eine Stabilisierung der politischen Verhältnisse, bevor sie mit einiger Aussicht auf Erfolg an eine finanzielle Tanierungsaktton für Deutschland herantreten konnte. Erst Rückkehr des Vertrauens, dann Ab stoppen deS Kreditabflusses auiS Deutschland, das ist eine logische Folge, die sich beim besten Willen nicht um kehren läßt. Die Bankwelt brauchte also die deutsch-französische Aussprache und die Londoner Siebenmächtekon­seren z, um nun gestützt auf das Vertrauen der Regierungen an die gleiche Ausgabe Herangehen zu können, deren Uebernahme sie vor Klärung Der politischen Situation Herrn Dr. Luther ab­lehnen mußte. So war auch die Ausgabe Der Lon­doner Regierungskonserenz dahin begrenzt, die Bahn für die Bankiers freizumachen. Das ist vor allem mit der ausdrücklichen Erklärung ge­schehen, daß der Mangel an Vertrauen, dem die Kreditabflüsse aus Deutschland zuzuschreiben sind, durch die wirtschaftliche Lage Deutschlands und auch nicht durch die Lage der deutschen Staats­finanzen gerechtfertigt sind. Dabei soll gleich mit dem viel verbreiteten Irrtum aufgeräumt wer­den, als ob es sich bei der gegenwärtigen Krills um eine Krills der Staatsfinanzen handle. Das Reich hat seinen Etat mit Hilfe der beiden Not­verordnungen und des Hoovermoratvriums aus- batangiert Don den Kreditkündigungen des Aus­landes sind vorwiegend, wenn nicht ausschließ­lich die Gemeinden und die Privatwirtschaft be­troffen worden. Bei der durch den Reichskanz­ler in Fluh gebrachten Stützungsaktion handelt es sich also auch wesentlich darum, den Gemeinden

Frankreich setzt den Angriff auf den Londoner Geldmarkt fort.

Die französischen Kreditabzüge bei den Londoner Banken dauern an. Weitere Diskont­erhöhung wird erwogen. politische Hintergründe des Goldabsiuffes.

London, 25. Juli. (ERB. Funkspruch, eigene Meldung.) .Daily Herald" beschäftigt sich heute eingehend mit der Zurückziehung sranzö- sischer Kredite vom Londoner Markt. Man schätzt, so schreibt daS Blatt, daß Frankreichs in England untergebrachte Kredite vor Ausbruch der deutschen Krise etwa 150 Millionen Pfund (2,1 Milliarden Mk.) Sterling betragen hätten, wovon seither etwa 50 Millionen ge­kündigt worden seien. Diese Maßnahme der französischen Banken, so meint das Organ der englischen Regierungspartei weiter, brächten den Erfolg der Londoner Konferenz in ernste Gefahr, denn die Londoner Dan­ken, die bereit seien, ihre Kredite in Deutschland stehen zu lassen, müßten nun zusehen, wie ihre Mittel durch die französischen Forderungen ein- schrumpften Die Tatsache, daß trotz des auf der Siebenmächtekonferenz gegebenen Ver­sprechens freundschaftlicher finanzieller Zusam­menarbeit und trotz der Erhöhung des englischen Diskontsatzes am letzten Donnerstag d i e Gold- abzüge andauerten, rufe in britischen poli­tischen und finanziellen Kreisen geradezu Heber- raschung und Destürzung hervor. Wenn die Dinge so weiter gehen, dürste eine wei­tere Erhöhung des Diskontsatzes der Dank von England auf 4,5 P r oze n t in der nächsten Woche wahrscheinlich fein. Mon­tagne Rorman solle die Regierung unter­richtet haben, daß praktische Maßnahmen notwen­dig seien, um diesen Goldabfluß zu unterbinden.

Gewisse Beobachter feien der Auffassung, daß der Zurückziehung der Kredite die Absicht zu­grunde liege, die englische Regierung und die englischen Banken daran z u hindern, Deutschland Hilfe angedeihen ; u lassen, es sei denn, in Verbindung mit Frank­reich und ausderGrundlageder fran­zösischen Bedingungen.Daily herald" deutel dann noch die Möglichkeit eines anderen Grundes der französischen Finanzpolitik an, nämlich, daß Frankreich sein vertrauen In bie finanzielle Stabilität und den Kredit Englands verloren habe. Vieser Verlust des Vertrauens hänge mit dem kürzlichen pariser Besuch Hendersons zusammen. Die Franzosen hätten gegen den britischen Außenminister und nicht ganz ohne Grund den Argwohn, daß er die Mb- rustungsfrage mehr al» bisher in den Vordergrund der Verhandlungen habe rücken wollen. Weiterhin hätte Frank­reich Macdonald und Snowden im verdacht, daß sie den Hintergedanken einer Revision des goungplanes hegten. Daß die Franzosen sich zur Teilnahme an der Londoner Konferenz entschlossen, sei auf die sensationelle Beschreibung der finanziellen und wirtfchaftlichcn Schwierig­keiten Englands zurückzuführen, die Henderson

und der Privatwirtschaft zu helfen, diese Krisis zu überwinden und wieder eine gesunde finanzielle Dosis für sie zu schaffen.

Als dringendste Maßnahmen dazu empfiehlt die Konferenz einmal eine Verlängerung des der Reichsbank bereits durch Vermittlung der Dank für internationale Zahlungen (DIZ.) in Dasel durch die Zentralnotenbanken zur Verfügung ge­stellten Hunde rt-Millionen-Dollar-Kredits auf weitere drei Monate ab 16. August. Ferner durch die Bildung eines sog. Stillhaltekonsortiums das Abstoppen des weiteren Krcditab- flufses aus Deutschland. Die deutsche kurzfristige Verschuldung (bis zu drei Monaten) wird auf insgesamt rund 5 Milliarden Mark ge­schäht, wovon etwa 2,4 Milliarden Mark auf die Vereinigten Staaten, etwa 1,6 bis 1,8 Milliarden Mark auf England, nurnoch etwa 3 0 0 Mil­lionen M k. auf Frankreich und rund 500 Millionen Mk. auf die übrigen Länder, darunter vor allem Holland, die Schweiz und Schweden entfallen durften. Diese immer noch beträcht­lichen Summen sotten der deutschen Wirtschaft also erhalten bleiben, doch darüber hinaus sott nach den Empfehlungen der Londoner Konferenz ein von den Zentralnotenbanken ernannter Sachver­ständig en au sich uh weitergehende Kreditbedürf­nisse Deutschlands prüfen aber auch die Um - Wandlung dieser kurzfristigen Schul­den in langfristige erwägen Dies letztere erscheint uns besonders wichtig. Denn es kann sich doch für Deutschland nach den trüben Erfah­rungen dieses Sommers keinesfalls darum han­deln. nun auf b:m schwankeirden Deden lurzsnsti er Auslandskredite weiterzubauen und dann erleben zu müssen, wie bei irgendwelcher Zuspitzung der politischen Loge durch einen Stoß von außen die deutsche Wirtschaft durcheinonderzupurzeln droht wie ein Kartenhaus. Diese Londoner Konferenz hat, mag man auch ihr Ergebnis im Hinblick aus die Größe unserer Bedrängnisse mager und dürs- tig schelten, wenigstens das eine Gute gehabte sie hat uns vor politischen Bindungen bewahrt, die unsere politische Handlungsfreiheit irgendwie ein­geschränkt hätten. Dadurch unterscheidet sie sich vorteilhaft von allen ihren Vorgängerinnen. Aber das hatte bei der bekannten Einstellung der Fran-

ihnen gab. Lr solle sogar bie Möglichkeit ange- beutel Hobe, bah (England selbst ein M o - raforium erklären müsse, wenn Deutsch- lanb ein solches erklären würbe. Daraufhin fei eine Panik in französischen Dank- kreisen entstauben.

Daily Herald" bezweifekt die Zweckmäßigkeit der Diskonterhöhung um nur 1 Prozent- Mit 3.5 Prozent ist der Diskontsatz nicht imstande, den Abfluß des Goldes zu hemmen, und.auf der anderen Seite hat eine solche Erhöhung eine schädliche Wirkung auf das Vertrauen im AuS- laude Es sind bereits Anzeichen vorhanden, daß die Diskonterhöhung auf dem Kontinent, be­sonders in Frankreich, a l s Ausdruck der Bestürzung aufgefaßt wurde. England hat nahezu 23 Millionen Pfund Sterling von feinem .Gold verloren. Aber die Bank von England besitzt noch immer über 143 Millionen Pfund Gold; das bedeutet einen erheblichen Abstand von den 75 Millionen, die der bekannte Mac-Millan-Ausschuß als SicherheitSgrenze be­zeichnet. Einer Verminderung bis zu 75 Millio­nen würde man natürlich nicht mit Gelassenheit zusehen können. Aber gegentoärtigtann die Dank sich noch leisten, viele weitere Millionen Gold einzubüßen

DieTimeS" schreibt zur Diskonterhöhung: Der Schritt der Dank ist natürlich bestimmt, den Besitz von Guthaben in London gewinn-

bringender und damit anziehender zu machen und so den Goldabfluß einzuschränken. Indessen sind noch weitere Geldverluste zu erwarten, bis bie Rervosi täl infolge her deutschen Krise sich gelegt hat. Denn die Krise ist verantwortlich für daS Sinken des Sterlingkurses, den Gvldverlust und die Erhöhung der Dankrate

wir erfahren, bah ba» abgewogene (ßolb ; u m gröhten Teil nach Frankreich geht, bah aber bie Bank von Frankreich sich bemüht hat, bie Bewegung zu entmutigen. Auch anbere Stellen, bie erkennen, bah ber (ßolbflanbarb nur bann nutzbar gemacht unb überhaupt im Inter­esse bes internationalen Handels aufrechterhalten werben kann, wenn alle Beteiligten bie Spielregeln beobachten, haben ihr Bestes getan, um bem gebankentofen vor­gehen gewißer einzelner Personen unb (Belb- institute ein Enbe zu machen. 3m Finanz­iell berMorning Post" heißt c», bie Aus­gabe ber B 3 Z., entfprechenb bem Wunsche ber sieben Mächte bie Finanzlage Deutschlands zu bessern, wirb sehr erschwer! burch bie Tatsache, bah bie Bankkreise eines ber beteiligten Länder den Augenblick für geeignet halten, u m Gold z u Hamstern.

Professor Sasse! an die Adresse der Reichsbank.

Kam die Erhöhung des Heichöbankdislonis rechtzeitig genug? Die Frage der Golddeckung.

Frankfurt a-M-, 24. Juli. (TU.) Der be- kannte schwedische Rationalökonom Professor Gustav Cassel äußert sich in einem Artikel in derFrankfurter Zeitung" übe r die Ur- fachen der deutschen Zahlung-st ok- kungen und die Möglichkeiten ihrer Behebung. Er führt u. a. aus, in letzter Linie ist die Kris« ein Ergebnis der unmöglichen ReparationS- sorderungen, die die Siegermächte feit dem Kriege aufrecht zu erhalten gesucht Habern Deuts chlcnck» hat ausländische Anleihen in einer Ausdehnung in Anspruch nehmen müssen, die kaum mit einer sicheren Oekonomie vereinbar ist. Rach Er­schöpfung der Möglichkeiten zu festen ausländi­schen Anleihen hat sich Deutschland mit kurzen ausländischen Krediten helfen müssen. Die Folge mußte eine Krise werden. Solche Krisen voll­ständig zu verhüten, ist nur möglich durch eine radikale Herabsetzung der Re­parationsforderungen. Obwohl dieses Ziel eines der tieferen Zusammenhänge ist, so ist es jedenfalls nicht ohne Bedeutung, die Art, in der bie deutsche Geldpolitik der Krise entgegengetreten ist, näher zu untersuchen. Es

ist offenbar, daß hier Fehler begangen worden find.

wir finden, baß bie verlelblgungsmaßnahmen ber Zentralnotenbank ganz unzulänglich gewesen flnb. Entfprechenb ben Ereignissen vom Mai war eine Erhöhung des Reichsbankdiskonts schon bamals natürlich.

Ein Diskont ist hoch, wenn er bedeutend über dem allgemeinen Zinsniveau des Lan­des liegt, aber niedrig, wenn er bedeutend dar­unter liegt. Jetzt ist «S ganz unzweifelhaft, daß daS allgemeine Zinsniveau in Deutschland zur gegebenen Zeit wenigstens in der Höhe von 7 Prozent lag. Rachdem Deutschland in einigen Wochen mehrere Milliarden Mark anS Ausland zurückgezahlt hatte, stellten ein Reichsbankdiskont- satz von 10 Prozent und ein Lombardzinssatz von 15 Prozent nicht länger ein beson­ders hoheS Zinsniveau dar. Die Reichs­bank konnte sich aber nicht zu dieser vollständig natürlichen Krediteinschränkung entschließen, eh« daS Geldwesen des Landes durch ganz außer-

zvsen natürlich zur Folge, daß sie sich damit be­gnügen muhte, den Weg zu zeigen, auf dem eine Sanierung der deutschen Wirtschaft möglich ist, ohne sofort Hilfe in dem Umfange und mit der Großzügigkeit zu leisten, wie man es in Deutsch­land vielleicht erwartet hatte. Und wir müssen uns heute schon darüber ganz klar sein, daß die­ser Weg auf seiner ersten und schwersten Streck« von uns allein überwunden werden muß. Wan will uns zwar nicht weiter bedrängen, wie in den lehtenMonaten, schön, aber man will ab warten, wie weit wir durch Selbsthilfe unser Haus wieder in Ordnung zu bringen vermögen, ehe man und neues Kapital anvertraut. Das ist eine klare Linie, die den Vorzug hat, geschäftsmäßig gedacht zu sein und wirtschaftliche Fragen nicht mit poli­tischen Kautelen zu belasten, wobei wir wohl wissen, daß erste Voraussetzung für den Weg der Selbsthilfe, auf den man uns gewiesen hat, eine innerpolitische Stabilisierung ist, ohne die wir auch später kaum auf fremde Hilfe werden rechnen können.

Dazu ist dringend notwendig, daß wir mit aller Energie mit den Maßnahmen fortsähren, mit denen vor 14 Tagen reichlich spät den Vor­wurf wird man dem Reichsbankpräiibenten, dessen Blick anscheinend wie gebannt auf die Ausland- hilfe gerichtet war, kaum ersparen können der Weg der Selbsthilfe beschritten wurde. Di« Rückkehr des Reichskanzlers nach Berlin wird, so hoffen wir, die Inangriffnahme eine- Pro­gramms beschleunigen, das den nun schon feit zwei Wochen ins Stocken geratenen Zahlungs­verkehr endlich wieder in Gang bringt und Damit in letzter Stunde von großen Teilen der Wirtschaft schweres Unheil ab wendet. Denn es kann unmöglich damit getan fein, Gehälter- und Lohngelder siche rzu st eilen, ohne Industrie und Handel die Möglichkeit zu geben, Rohstoffe und Waren zu beschaffen, um die Betriebe weiter zu beschäftigen. Wenn dazu eine weitere scharfe Diskonterhöhung notwendig ist, fo wird man auch vor dieser unb anderen drakonischen Maß­nahmen nicht zurückschrecken Dürfen, um ben Rück­fluß bet Devisen zur Reichsbank zu beschleunigen, Den Kapitalschiebern ihr unsauberes Geschäft zu erschweren und auch unvernünftigen Leuten Den

Geschmack am Rotenhamstern zu nehmen. Aber mit banktechnischen Maßnahmen allein ist uns nicht geholfen. Unsere gesamte Wirtschaftspolitik steht an einem Wendepunkt. Mit dem halb sozia­listischen, halb kapitalistischen Wirtschaftssystem, wie es sich in den letzten zwölf Jahren bei uns herauSgebildet hat und zwischen dessen Mühl­steinen Der freie Unternehmer, Der selbständige Mittelstand in Handel, Gewerbe und Handwerk zerrieben wird, mit diesem System kommen wir nicht vorwärts. Hier muß eine klare Entscheidung getroffen werden und der neue Kurs auch gegen politische Widerstände und bureaukratische Hem­mungen durchgeseht und durchgehalten werden. Wir ntüffen uns bewußt sein, daß wir uns schon mitten im entscheidenden Repara - tionskarnpf befinden. Das Schlußprotokoll Der Londoner Konferenz deutet es selber ver­schämt an, wenn es von ben vorgeschlagenen Maßnahmen als einer , Basis für eine Darauf folgende permanentere Aktton" spricht. Denn darüber waren sich alle in London versammelten Regierungschefs im innersten Herzen klar, wenn es auch noch nicht über ihre Lippen kam, daß das ungelöste Reparattonsproblern wie ein Da­moklesschwert über Der Weltwirtschaft schwebt unD zu vernichtendem Schlage niedersausen wird, wenn man das Feierjahr des Hooverplans ver­streichen läßt, ohne die wirtschaftliche Unsinnig­keit Der Reparationen aus der Welt zu schaffen. -R eoifion oder Chaos" überschreibt Die übertriebener Deutschfreundlichkeit gewiß unver­dächtigeTimes" einen Aufsatz, Der Der Londoner Konferenz vorwirft, das Zentralproblem der Re­parationen beiseitegeschoben zu haben, das das stärkste Hindernis für eine Rückkehr des Ver­trauens in Deutschlands finanzielle Zukunft sei. Die in Paris und London unter fördernder Mit­wirkung Amerikas begonnenen Besprechungen werden weiter gehen. Aber bis sie zu greifbaren Ergebnissen kommen werden, sind wir auf uns selbst gestellt. Gegen schwere See stampft unser Schiff, Sturzwellen fegen über Deck, neue Unwetter werden nicht ausbleiben, aber Mut, Selbstvertrauen und Disziplin wer­den uns hindurchhelfen, wenn der Steuermann an Bord Den Kurs hält.