Nr. Yb Erstes Blatt
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Samstag, 25. April Ml
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Siebener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Dr. Friedr. Wich. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh- Lange; für Feuilleton Dr H.THyrioi; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein und für den Anzeigenteil Max Filler, sämtlich in (Biehen.
Alle Mann an Bord!
Nach einer reichlich bemessenen Osterpause sind in dieser Woche sämtliche Mitglieder der Reichsregierung wieder in Berlin eingetroffen,'so daß das Kabinett am Donnerstag mit einer Sitzung, die der Festlegung des Arbeitsprogramms galt, seine Beratungen wieder aufnehmen konnte. Niemand wird den Ministern diesmal den langen Urlaub mißgönnt haben. Eilt harter Winter lag hinter ihnen und ihre Nerven dursten wohl eine Schonzeit beanspruchen, die sie befähigen wird, neuen Belastungen standzuhalten. Denn wenn auch der Winter mit der Berabschiedung des Neichshaushalts die Dahn frei gemacht hat, so werden sich Reichskanzler Dr. Brüning wie seine Mitarbeiter doch darüber im klaren sein, daß der schwerere Teil der Aufgabe, die ihnen gestellt ist, ihnen noch bevorsteht. Die Vertagung des Reichstags bis in den Oktober Hinern, die trotz des neuerlichen Versuchs der Kommunisten, eine frühere Einberufung des Parlaments zu erzwingen, vermutlich doch wohl aufrechterhalten werden kann, hatte doch nur den Sinn, der Reichsregierung die Arme frei zu machen für die energische Fortführung des großen, umfassenden Reformwerks, für das der Ende März verabschiedete Etat nur die Ausgangsstellung abgeben kann. Daß leider auch hier der Boden immer noch schwankt, zeigt eine Uebersicht über den Stand der Reichsfinanzen. So wenig Schwarzseherei unsere Sache ist, so wenig Zweck hat es, in unserer Lage den Kopf in den Sand zu stecken und davor die Augen zu verschließen, daß die tatsächlich hereingeholten Einnahmen des Reichs an Steuern und Zöllen für das Haus» Haltsjahr 1930/31 den Voranschlag um eine sehr beträchtliche Summe hinter sich lassen. Unter dem auch in den ersten Frühjahrsmonaten kaum merklich erleichterten Druck der Wirtschaftskrisis gehen die Steuereingänge immer mehr zurück. Das alte Wort bewahrheitet sich jetzt wieder in seinem ganzen Ernst, daß auch schärfstes Anziehen der Steuerschraube und noch so erfinderisch ausgetüftelte neue Belastungen die Erträge aus einer ausgepumpten und ermatteten Wirtschaft immer spärlicher fliehen lassen, bis der Goldstrom in den stets offenen Staatssäckel als dünnes Rinnsal schließlich ganz zu versiegen droht.
Die Deutsche Volkspartei hatte schon bei Beratung des Etats Abstriche von weiteren 3 0 0 Millionen Mark an den Ausgaben gefordert, da sie die eben geschilderte Entwicklung auf der Cinnahmeseite voraussah. Damals wurde ihr von der Linken Rechthaberei und Lust am Krisenmachen vorgeworfen. Heute hat sie die schmerzliche Genugtuung, daß ihre Auffassung durch den Gang der Dinge nicht nur bestätigt wird, sondern daß der von ihr vorausgesehene Fehlbetrag heute schon auf 500 Millionen geschäht wird. Nur mit Mühe hatte sie für das Kabinett die Ermächtigung durchgedrückt, eine Verschlechterung der Reichsfinanzen durch verminderte Steuereingänge mit weiteren Abstrichen am Etat auszugleichen. Es wird eine der allernächsten Aufgaben des Reichskabinetts sein, mit dem Rotstift in der Hand noch einmal alle Positionen des Haushaltsplans scharf unter die Lupe zu nehmen. Die sensationelle Veröffentlichung über die lausenden Zuwendungen an den Exzaren Ferdinand von Bulgarien, von denen anscheinend außer den beteiligten Ressorts niemand etwas wußte, obwohl es sich doch um bei unserer Notlage immerhin nicht ganz unbeträchtliche Ziffern handelt, gibt vielleicht einen Fingerzeig, wo der Hebel an- geseht werden könnte, bevor man so einschneidende Maßnahmen, wie eine neuerliche Kürzung der Deamtengehälter, ventilieren sollte, die wirtschaftlich für die Betroffenen selber wie für die Ge- samtwirtschaft, namentlich aber auch psychologisch und allgemeinpvlitisch sehr bedenlliche Folgen haben müßte.
Die nächste Sorge für das Reichskabinett wird allerdings die Arbeitsbeschaffung sein, die ja mit dem Stand der Finanzen besonders der unter der wachsenden Last der Fürsorge für die Wohlfahrtserwerbslosen schwer ächzenden Gemeinden eng zusammenhängt. Die ersten Frühjahrsmonate haben für den Arbeitsmarkt leider nicht ganz die Erleichterung gebracht, die man von ihnen erhofft hatte. Die Zahl der Unterstützungsempfänger der Reichsanstalt für Arbeitslosenversicherung ist zwar um ein Beträchtliches zurückgegangen, leider aber zu einem guten Teil auf Ko st en der Gemeinden, denen aus dem Anschwellen der ausgesteuerten Erwerbslosen neue Lasten erwachsen. Hier muh nach verschiedenen Richtungen hin energisch ein« gegriffen werden, um einer Entwicklung Einhalt zu gebieten, die geeignet ist, einmal den Gemeinden den Boden unter den Füßen wegzuziehen, dann aber auch die Politik der Reichsregierung, die auf eine Stabilisierung der öffentlichen Finanzen und von hier aus auf eine Entlastung der Wirtschaft abzielt, von den Gemeinden her illusorisch zu machen. Es werden zunächst alle Möglichkeiten geprüft werden müssen, der Arbeitslosigkeit zu steuern. Ob die Vorschläge der von der Reichsregierung eingesetzten Gutachterkommission dafür gangbare Wege weisen, erscheint uns allerdings nach allem, was man bisher darüber zu hören bekam, recht fraglich. Und wir haben nur wenig Hoffnung, daß die Kommission für die nächste ihr gestellte Aufgabe, die Reform derArbeitslosenversicherung, bessere Arbeit leisten wird, denn es ist kaum anzunehmen, daß der Vater der Arbeitslosenversicherung, der ehemalige Reichsarbeitsminister Dr. Brauns,
Um die Erhöhung des Butterzolls.
Oer Reichsernährungsminister fordert Schuh der bäuerlichen Veredelungs-Wirtschaft. Handelspolitische Schwierigkeiten mit den nordischen Staaten und Holland.
Berlin, 24. April. (OB.) wie wir erfahren, hatte Reichsernährungsminister Schiele heule mit dem Kanzler eine längere Besprechung, die der Vorbereitung der morgigen Kabinellssihung galt, in der d i e zoll- und agrarpolilifchen fragen behandelt werden sollen. Sie stehen naturgemäß in engem Zusammenhang mit der L o h n Politik und der I n d u st r i e a u s f u h r. Unter diesen Umständen ist es selbstverständlich, daß die Pläne des Reichsernährungsministers im Kabinett gewissen widerständen begegnen, wenn aber ein Berliner Abendblatt bereits eine neue Schiele- firife an die wand malt, so erinnert man in politischen Kreisen daran, daß solche Meldungen bereits häufiger durch die Presse gegangen sind, ohne daß sie sich jemals bestätigten.
Zu dem Programm des Reichsernährungs- ministers. das das Kabinett morgen beschäftigen wird, erfahren wir folgendes: Die beiden wesentlichsten Punkte sind die Erhöhung des Fleisch - und vor allem des Butterjol- l e s. von der ersten Maßnahme verspricht man sich In Kreisen des Reichsernährungsministeriums keine außergewöhnliche Aenderung der Preislage auf dem Schweinemarkt, aber doch eine gewisse und in den Grenzgebieten auch sicher fühlbare 6 n 11 a ft u n g. Dasselbe gilt für die hiermit im Zusammenhang stehende Aufhebung der Zwischenzölle für Speck und Schmalz.
3m Brennpunkt der ganzen Zolldebatte steht der B u 11 e r 3 o 11, dessen Erhöhung in agrarischen Kreisen als unter allen Umständen erforderlich bezeichnet wird, weil die Buffer- und Milchproduktion jetzt besonderen Schuh erfordert. Der Berliner Großhandelspreis für Butter, der für den größten Teil des Reiches maßgebend ist, steht mit 125 Mark ungefähr auf der Vorkriegshöhe, während er im Durchschnitt des Jahres 172 Mark betrug. Die Bedeutung des Bufterpreises für die bäuerliche Wirtschaft geht schon daraus hervor, daß selbst in der Provinz Brandenburg die Einnahmen aus Milch und Butter etwa 50 Prozent, in Oldenburg, Schleswig-Holstein, dem Algäu und anderen Gebieten fo- gar70bis75Prozentdergesamten Betriebseinnahmen ansmachen. Aus faifon- mäßigen Gründen ergibt sich nun die Wahrscheinlichkeit . eines weiteren Abgleifens des Bufferpreises. Der Reichsernährungsminister verlangt deshalb eine Heraufsetzung des Butterzolls von 50 auf 100 Mark pro Doppelzentner. Das würde unter den bisherigen Saifonverhälfniffen schätzungsweise eine Erhöhung des Bufterpreises auf 150 Mark bedeuten.
Auch in Kreisen des Reichsernährungsminisie- riums verhehlt man sich nicht, daß eine Erhöhung des Bufferzolles gewisse handelspolitische Schwierigkeiten ergeben würde, weil in erster Linie für Finnland ein Kontingent von 5000 Tonnen zum Zoll von 50 Mark gesichert bleiben würde und Dänemark und Holland, bis zu einem gewissen Grade auch Schweden, trotz
etwaiger Zollerhöhung auf Grund der Meistbegünstigung ebenfalls Anspruch auf ein solches Kontingent erheben könnten. Ls verlaufet sogar, daß sie diese 5000 Tonnen nicht als ein absolutes, sondern als ein relatives Kontingent befrachten und verlangen würden, daß ihnen eine Menge zugebilligf wird, die im gleichen Verhältnis zu ihrer Produktion sieht, wie die 5000 Tonnen zu der Erzeugung Finnlands. Das würde das Mehrfache jenes Quantums sein. Lin solcher Anspruch ließe sich nach deutscher Auffassung aber schon rein juristisch nicht durchhalten. Außerdem darf man von Holland und Dänemark doch vielleicht erwarten, daß sie ihren größeren Vorteil in einer verständi - gung mit uns sehen, zumal da Deutschland als Abnehmer für Agrarprodukte bei beiden Ländern immer noch an zweiter Stelle steht.
3n den kommenden fiabineftsberatungen wird zweifellos genau geprüft werden, wie sich der Ruhen und die Nachteile einer Ausnutzung der Zollermäch- figung zueinander verhalten. 3n unterrichteten Kreisen glaubt man nicht, daß es in der Frage des Butterzolls schon am Samstag zu einer Entscheidung kommt, vielmehr wird zunächst mit dem interessierten Ausland Fühlung genommen werden.
Oanzig kämpft für seine Unabhängigkeit.
Senatspräjident Dr.Jiehm weift die polnischen Borwände zurück
Danzig, 24. April. (TU.) Das demonstrative Rücktrittsgesuch des, polnischen diplomatischen Vertreters in Danzig, Minister Straßburger, bildete, wie zu erwarten war, nur den Auftakt zu neuen polnischen Bestrebungen auf eine ro eitere Einschränkung der Selbständig- keit und Unabhängigkeit der Freien Stadt Danzig. Die Verhandlung Straßburgers mit dem polnischen Außenminister haben bekanntlich dazu geführt, daß das Rücktrittsgesuch einstweilen nicht angenommen wird und daß stattdessen der Danzig-polnische Streitfall vordie Maitagung des Völkerbundsrates gebracht werden soll. Polen erstrebt durch diese neue Aktion vor dem Rat die Anwendung eines Beschlusses des Völkerbundsrates vorn 22. Juni 1921, wonach die polnische Regierung unter besonderen Voraussetzungen dazu berufen. sein soll, die Aufrechterhaltung der Ordnung irn Gebiet der Freien Stadt Danzig sicherzustellen.
Senaispräsideni Or. Ziehm
hielt nach Bekanntwerden dieser neuen polnischen Aktion am Freitag im Danziger Senat eine bedeutungsvolle Rede, m der er sich eingehend mit der durch den bedrohlichen polnischen Vorstoß geschaffe-
Sozialdemokratie und Kabinett.
Berlin, 25. April. (ERB.) Der sozialdemokratische Fraktionsvorstand, hat, dem „Vorwärts" zufolge, für den Anfang der kommenden Woche eine politische Aussprache mit dem Reichskanzler verabredet. Das Blatt beschäftigt sich mit kommunistischen Behauptungen, daß die Reichsregierung beabsichtige, in kurzen wöchentlichen Abständen Notverordnungen ergehen zu lassen und nennt diese Behauptungen — Befriedigung der Wünsche des Landbundes und einschneidende Verschlechterung der sozialen Leistungen — demagogisches n- verantwortlichkeit. Auf der anderen Seite, so schreibt das Blatt weiter, wird natürlich niemand in Abrede stetten, daß die Beratungen, die das Kabinett jetzt führt, von weittragender Bedeutung sind, und daß die Vertreter der Arbeiterschaft auf der Hut sein müssen. Die Sozialdemokratte wird auch in einer Zelit, in der das Parlament nicht versammelt ist, ihren ganzen Einfluß aufbieten, um zu verhüten, daß die wirtschaftliche und finanzieUe Zwangslage, in der sich das Land befindet, in einer für die Arbeiterschaft unerträglichen Weise von der Regierung ausgenutzt wird.
nen Lage beschäftigte. Die Regierung könne mfl gutem Gewissen vor aller Welf den Nachweis führen, daß jeder polnische Staatsangehörige in Danzig genau denselben Rechtsschutz genieße, wie die Danziger Staatsangehörigen und alle Fremden. Es fei nicht der geringste Beweis dafür zu erbringen, daß der Schutz der polnischen Staatsangehörigen nicht ausreichend war. Auch die Behauptung, Polen fei am freien Zu- gang zum Meer gehindert worden, fei im Zusammenhang mit den von Polen geltend gemachten Streitfällen, die durchweg eine den Gesetzen entsprechende Erledigung durch die Organe der Freien Stadt Danzig gefunden hätten, so grotesk, daß es nicht schwer falle, vor dem Völkerbundsrat diese Behauptung als jeder Begründung entbehrend zurückzuweisen.
Polen erstrebe die hohell über Danzig und wolle insbesondere Einfluß auf die innere Verwaltung Danzigs auf dem Gebiet der Polizei und des Gerichtswesens gewinnen. Ls fei Aufgabe jeder Danziger Regierung, diesem durch die Verträge nicht begründeten Machtstreben des polnischen Staates entgegenzutreten. Die Erfüllung dieser Aufgabe verlangten alle deutschen kreise in Danzig von ihrer Regierung in der Erkenntnis, daß auf der Aufrechterhaltung der Danzig nach den Verträgen belassenen Selbständigkeit die Erhaltung feines Deutschtums beruhe. Alle Parteien seien sich darin einig, daß sich der
plant Polen einen Handstreich ans Danzig?
Berliner Gerüchte wollen von der Absicht einet1 militärischen Besetzung der Freien Stadt durch polen wissen.
dem man den Vorsitz in der Gutachterkommission übertragen hat, die Fehler seines Kindes so scharf sieht, wie es notwendig wäre, wenn eine wirklich durchgreifende Reform erreicht werden soll. Dabei spielen noch schwierige finanzielle Erwägungen hinein, denn es kann unmöglich so weitergehen, daß nach dem leichtfertigen Grundsatz „Den letzten beißen die Hunde" Reich und Länder sich von der Last der Arbeitslosenfürsorge befreien und ihre Finanzen sanieren, während die Gemeinden unter den lawinenartig anschwellenden Ziffern ihrer Sozialetats auf der Strecke bleiben. Man muß also zu einem TI m 6 au schreiten, der Steuerquellen und Lasten so verteilt, daß alle leben und die ihnen zufallenden Aufgaben bewältigen können: Reich, Länder und Gemeinden. Ob die Lösung nun über die Vorschläge des Deutschen Städtetages gesucht wird, die die gesamte Arbeitslosenfürsorge zusammenziehen und die aus ihr entspringenden Lasten auf die drei Träger der öfffentlichen Finanzen gerecht verteilen wollen, ob man über die längst überfällige Neuregelung des Finanzausgleichs den Ausweg suchen soll oder ob, wie es unsere Meinung ist, beides ineinandergreifen muß: um zu einem für alle Teile tragbaren organischen Neubau zu kommen, ist eine Frage, die das Kabinett im Verein mit den berufenen Instanzen baldigst klären muß.
Damit würde allerdings ein weiteres Problem angeschnitten, über das zwar amtlich und nichtamtlich schon ganze Aktenberge an Denkschriften, Kommissionsprotokollen und Gutachten zusammen- geschrieben worden sind, vor dessen ernsthafter Inangriffnahme sich aber .bislang jede Reichsregierung gedrückt hat, die Verwaltungs - und Ver- faffungsreform. Wir machen uns darüber keine Illusionen, daß aus ihr Einsparungen herauszuholen wären, die bei den Riefenzahlen unseres öffentlichen Finanzbedarfs wesentlich zu Buch schla
gen würden, wir sind aber der Meinung, daß eine Vereinfachung unseres Staatsaufbaus, eine schärfere übersichtliche Gliederung der Kompetenzen und Aufgaben und eine Reorganisation der Verwaltung mit der daraus zu erhoffenden Beseitigung unzähliger, in wirtschaftlichen Krisenzeiten doppelt lästig empfundenen Reibungsflächen, mit dem Verschwinden von Neben- und Gegeneinanderregieren von Behörden, die gleiche Aufgaben bearbeiten, und des damit verbundenen Leerlaufs uns zumindest indirekt erhebliche Erleichterungen bringen könnte. Es ist endlich an der Zeit, mit dem fystem- und ideenlosen „von der Hand in den Mund leben" Schluß zu machen und, statt immer wieder zu versuchen, das Pferd beim Schwanz aufzuzäumen, endlich daran zu gehen, gegen alle bürokratischen Widerstände, deren Front crstaunlicherweise durch alle Parteien von rechts bis links geht, einen klardurchdachten Plan für eine Neugliederung des Reichs und einen durchsichtigen Aufbau unserer öffentlichen Verwaltung durchzusetzen. Möge der Reichskanzler, der im ersten Jahre feiner Amtszeit schon so manchen Beweis von Klugheit und Mut gegeben hat, vor dieser schwierigsten, aber auch lohnendsten Ausgabe der inneren Reformen nicht vorzeitig die Flinte ins Korn werfen.
Für diese Arbeit braucht Dr. Brüning e i n Kabinett von starken, unabhängigen und ideenreichen Männern. Ob ein Innenminister wie Dr. Wirth, der in der Behandlung der Länder eine notorisch unglückliche Hand bewiesen hat und dessen politische Vergangenheit dem Reichskanzler eine vielleicht einmal ihm wünschenswert erscheinende Zusammenarbeit mit der Rechten außerordentlich erschweren würde, grabe der rechte Mann ist, die ihm ressortmäßig zufallende Reichsreform praktisch in Angriff zu nehmen, darf füglich bezweifelt werden. Auch Herr von Guörard, der trotz aller Mißerfolge und Enttäuschungen mit erstaunlicher Zähigkeit feinen Si^ im Verkehrsministerium be
hauptet, ist den Befähigungsnachweis für feine Zugehörigkeit zu einem Reformkabinett, wie es uns vorschwebt, schuldig geblieben. Zwei Ministerien, die der Justiz und der Wirtschaft, sind feit langen Monaten überhaupt nicht besetzt. Wenn sie auch von zwei so bewährten Staatssekretären wie Joel und Trendelenburg interimistisch verwaltet werden, so haben sich diese Lücken im Kabinett doch schon recht unliebsam bemerkbar gemacht. Namentlich für das Wirtschaftsministerium, das bei der künftigen Gestaltung unserer Zoll- und Handelspolitik, bei der Lösung des Arbeitslofen- problems wie bei der Behandlung von Lohn- und Preisfragen ein gewichtiges Wort mitzufprechen berufen wäre, ist die Fortdauer dieses Interregnums unerträglich. Aber auch im Justizministerium, das bei der Neugestaltung unseres Strafrechts und bei der Rechtsangleichung mit Oesterreich führend fein sollte, dessen Mitwirkung bei den innerpolitischen Reformen aber ebenfalls dringend erwünscht wäre, ist eine baldige Wiederbesetzuna des Ministerpostens notwendig. Der Reichskanzler ist ein zu klarer Kopf, als daß er sich nicht dieser Mängel bewußt wäre, die seinem Kabinett in personalis anhaften. Wenn er trotzdem immer wieder vor einer Reorganisation und sogar vor einer Auffüllung seines Kabinetts zurückschreckt, so fürchtet er wohl, sich an dem heißen Eisen die Finger zu verbrennen und in parteipolitische Auseinandersetzungen, namentlich auch mit feinen eigenen Leuten, zu geraten, die er vermeiden möchte, solange dies ohne Not geschehen kann, um nicht den Bestand seines ganzen Kabinetts aufs Spiel zu fetzen. Aber einmal m u ß es gewagt werden, denn die Aufgaben, die dem Kabinett bevor- ftehen, können von einem Torso nicht gelöst werden. Auch mit Rücksicht auf die großen außenpolitischen Probleme, die in Genf und Chequers in Angriff genommen werden wollen, gibt es für Reichskanzler Dr. Brüning und feine Mitarbeiter nur die eine Lösung: „Alle Mann anBor d!"


