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181. Zahrgang
Samstag, 24. Moder 1951
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Gießener Familienblätter Heimat im Bild Die Scholle. "
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General-Anzeiger für Oberhessen
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Lite Kraftprobe.
Nach einem kurzen innerpolitischen Zwischenspiel tritt die Außenpolitik wieder in den Vordergrund des Interesses. Am Sonntag wird Dino G r a n d i. der Außenminister Italiens, in Berlin erwartet, wo er in Vertretung seines Regierungschefs der Reichsregierung seinen Gegenbesuch abstatten will, bevor auch er isich nach Amerika einschifft, wo der französische Ministerpräsident Laval inzwischen schon gelandet ist und die ersten Besprechungen mit dem Präsidenten Hoover gehabt hat. Lavals Amerikareise kommt von diesen beiden Staatsvisiten auch in ihrer Bedeutung für Deutschland zweifellos der Vorrang zu. Denn welches Ergebnis die Zusammenkunft von Washington haben wird, wird für die Gestaltung der Weltpolitik, in deren Mittelpunkt die Schuldenfrage, Wirtschaftskrisis und Währungsproblem und schließlich die Abrüstungskonferenz stehen, von ausschlaggebendem Einfluß sein. Frankreich hat diese Auseinandersetzung mit allen Mitteln geschickter Propaganda, in der die Franzosen ja unübertroffene Meister sind, von langer Hand vorbereitet. Vielleicht ist es Zufall, daß Lavals Besuch zusammenfällt mit den Jubelfeiern, die die Vereinigten Staaten veranstalteten zur Erinnerung an die Waffenstreckung der Engländer bei TZork- foton am 19. Oktober 1781, die den älnabhängig- keitskrieg zugunsten der jungen amerikanischen Republik entschied. Damals vor 150 Jahren waren französische Truppen unter Lafahette und Ro- chambeau und eine französische Flotte an der Einschließung des britischen Generals Eornvallis hervorragend beteiligt gewesen. So wird es sich die zu der Feier entsandte französische Deputation unter Führung des Marschalls Petain haben angelegen sein lassen, mit allen Mitteln der Rhetorik und der Schaustellung die Erinnerung an die alte, im Weltkrieg erneuerte Waffenbrüderschaft wachzurufen und in der .für Dinge des Sentiments sehr empfänglichen öffentlichen Meinung Amerikas für eine französischamerikanische Zusammenarbeit Stimmung zu machen. Aber man verläßt sich in Frankreich nicht mehr allein auf Imponderabilien des Gefühls. Man hat schon vor der Landung Lavals in Reuyork ein stärkeres Geschütz aufgefahren. Roch von Bord der „Jsle de grattte“, auf her der französische Ministerpräsident seine äleberfahrt bewerkstelligte, wurde Frankreichs Programm für die Zusammenkunft in Washington in die Welt hinausgefunkt. Laval hat zwar erklärt, daß er als Gast die Anregungen und Vorschläge Hoovers abwarten wolle, aber er hat es doch und gewiß mit Recht für taktisch klüger gehalten, durch das Heer der ihn begleitenden Presseleute seinen amerikanischen Gesprächspartner darüber zu informieren, daß er mit ganz bestimmten Ideen nach Washington gekommen ist und daß Frankreich nicht gewillt ist, eine gewiss« Grenze des Entgegenkommens zu überschreiten.
Frankreich hat sich auch nicht gescheut, die gegenüber minder starken Verhandlungsgegnern ost erprobte und stets bewährte Waffe der goldenen Kugeln nun auch gegenüber den Vereinigten Staaten ins Feld zu führen. Auch hier wieder das bewundernswerte Zusammenspiel zwischen französischer Hochfinanz - und Staatsleitung bei der Vorbereitung großer politischer Aktionen. Dem Amerikanern wird im voraus klar gemacht, deich überragende wirtschaftliche Macht Frankreich heute in Händen hält, und daß die Klugheit gebietet, dem von vornherein Rechnung zu tragen, wenn man mit Frankreich zu einer Verständigung in den großen weltpolitischen Fragen gelangen will. Die Erschütterung der inter- rationalen Währungsgrundlagen und der nun auch in Amerika fühlbare Schwund des Vertrauens in die Widerstandsfähigkeit der Weltwirtschaft kommen dabei Frankreich zu Hilfe. Es brauchte nut im rechten Augenblick kräftig nachzustoßen, den Druck auf den amerikanischen Geldmarkt durch das probate Mittel der Kreditabzüge zu ver- farken, um die nervöse Atmosphäre zu haben, die es für seine Verhandlungen in Washington für wünschenswert hält.
Ein paar Zahlen mögen die prekäre Finanzlage der Vereinigten Staaten illustrieren: Das Defizit im Staatshaushalt wird für das laufende Jahr auf 1500 Millionen Dollar geschäht, die innere Staatsschuld ist auf 17,3 Milliarden Dollar gestiegen, der Steuerertrag ist von 498 Millionen Dollar im dritten Quartel des Jahres 1430 auf 267 Millionen im gleichen Quartal des laufenden Jahres gesunken, die Zahl der Ar- bRtslosen wird auf 10 Millionen geschäht, 19 034 Insolvenzen in den ersten acht Monaten 1931 fmt) Grabsteine auf dem Friedhof der wirtschaftlichen Depression. Besonders kraß ist die Lage der amerikanischen Banken. Sie sind mit erheblichen Krediten t.. Deutschland, Oesterreich, auf dem Balkan und in England eingefroren. Die Vertrauenskrisis hat auch das amerikanische Publikum ergriffen und es zum Ab- h:ben seiner Einlagen veranlaßt. Rachdem schon im ersten Halbjahr 1931 eine Abnahme der Depo- filen bei den drei größten Reuyorker Bank- 6? ufern um 165 Millionen Dollar erfolgt war, find seitdem weitere 377 Millionen Dollar zurückgezogen. Die Lage bei den kleineren Provinz- oanien hat sich eher noch schlechter gestaltet, ko betrug die Zahl der Insolvenzen im Vank- gewerbe im September 57, in der ersten Oktober- Hüfte schon 65. Die Börsenkurse sind im Lause des letzten Jahres auch bei erstklassigen Dertpapieren zum Teil um mehr als die Hälfte gefallen. So, glitten in Reuyork 11. S. Steels, die m September 1930 noch 168 notierten, auf 75 im September 1831 herab, New QJorl Central im
Die französisch-amerikanische Fühlungnahme beginnt.
Die erste Aussprache im Weißen Haus.
Abmachungen werden nichtgelroffenwerden
Washington, 23. Oft. (WTD.) Ministerpräsident Laval legte heute am Grabe des Unbekannten Soldaten einen Kranz nieder. Er machte Höflichkeitsbesuche bei Staatssekretär S t i m s o n, bei dem Vizepräsidenten Curtis und bei dem Präsidenten des Obersten Bundesgerichtes Hughes. In der französischen Botschaft führte Laval längere Besprechungen mit dem französischen Botschafter, mit französischen Bankiers, sowie mit den ihn begleitenden Sachverständigen des französischen Finanzministeriums. Rachmittags übersiedelte er mit seiner Tochter in das Weihe Haus, wo er bis morgen wohnen wird. Dort werden Präsident Hoover und Ministerpräsident Laval in vertraulichen Aussprachen alle aktuellen Probleme behandeln. Sofort nach der Mittagstafel begann im Lincoln-Zimmer des Weißen Hauses die erste Aussprache mit Hoover im Beisein des Staatssekretärs Stimson. Beiderseits hatte man sich darüber geeinigt, daß Sachverständige lediglich bei der Erörterung von technischen S nderfragcn zugezcgen werdcn svllten. Danach bleibt nach Lavals Wunsch die völlige Unverbindlichkeit der Unterhaltungen gewahrt. Im Staatsdepartement wurde mitgeteilt, daß zuerst die Finanzfragen erörtert werden sollen, da die politischen Probleme leichter angegangen werden könnten, wenn durch eine Ve.ständ gung über die Maßnahmen zur Sanierung der Wirtschaftslage eine Art Basis für die gemeinsame Arbeit gefunden sei. Es wurde betont, daß hier in Washington keinerlei Abmachungen getroffen würden, die man dann den anderen als fait accompli Vorlagen wollte. Man werde keine Reuverteilung der Welt beschließen, andererseits aber auch nichts festlegen, was zum Beispiel deutsche Opfer erfordere. Sei ja gerade die Behebung der deutschen Schwierigkeiten einer der Hauptpunkte der Diskussion. Man wolle mit Laval sprechen, um genau festzustellen, wie weit die beiden Regierungen in der Frage einer Beteiligung an der internationalen Zusammenarbeit zusammengehen könnten. Sollte, wie man hoffe, in gewissen Punkten eine Einigung über den einzuschlagenden Weg erzielt werden, so werde man .diese Vorschläge den übrigen beteiligten Regierungen zur Begutachtung unterbreiten.
Die Stimmung wird pessimistisch.
Will Frankreich wirtschaftlichen Fragen ausweichen?
Reuyork, 23. Oft. (TU.) Auf amerikanischer Seite macht sich das Bestreben geltend, die reichlich hochgespannten Erwartungen der durch kritif-
lose Presseberichte beeinflußten öffentlichen Meinung abzudämpfen. Diese Zurückhaltung ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, daß Laval die S i - cherheitsfrage bewußt in den Mittelpunft seiner Reuyorker Rathausrede gestellt hat. Laval will offensichtlich versuchen, Hoover zumindest für eine Erweiterung des Kellog>Pak e3 zu gewinnen. Die Tatsache, daß Amerika unter Anrufung des Kriegsächtungspaktes in den japanisch - chinesischen Streitfall eingegriffen und sogar einen Berater in den Völkerbundsrat entsandt hat, läßt nach Ansicht gut unterrichteter Kreise die Annahme zu, daß weder Hoover noch der amerikanische Senat gegen eine Ergänzung des Kellogg - Paktes durch eine obligatorische Konsultativklausel etwas einzuwenden hätten. Dagegen würde ein Versuch der Franzosen, Amerika auf die Anwendung wirtschaftlicher Boykottmaßnahmen gegen einen Angreifer festzulegen, unüberwindlichen Schwierigkeiten begegnen. Senator B o r a h, der letzte überlebende Führer der Gruppe, die vor zwölf Jahren Wilson stützte und die französischen Hoffnungen enttäuschte, der A p o st e l der
amerikanischen Jsolierungspolitik, soll, während Lavals Dampfer sich dem Hafen näherte, dem Präsidenten erklärt haben daß eine große Mehrheit des Senats, jede Garantie der französischen Sicherheit durch Amerika ablehnen werde.
Die Finanzkreise fordern eine konstruktive Lösung des Problems der Kriegsschulden und zeigen sich höchst besorgt darüber, daß die Franzosen denHauptwertauf politische Fragen legen. „Wenn es Hoover und Laval nicht gelingt, für Deutschland und damit für die ganze Welt eine tragbare, auf der Erkenntnis wirtschaftlicher Wahrheiten beruhende Lösung der Reparationsfrage zu finden, so hätte der französische Ministerpräsident getrost in Paris bleiben können", so erklärte ein bekannter Bankier der Wallstreet dem Vertreter der TU. Dieser Gegensatz zwischen Politik und Wirtschaft, der bei der Aussprache in Washington unverkennbar zutage tritt, verursacht bei den zahlreichen dort versammelten Beobachtern einen zunehmenden Pessimismus.
Wie Borah sich die Neuordnung der Wett denkt.
Fort mit den ungerechten Grenzen deSÄersaitterDeriragS. — Keine Ausdehnung des Keiloggpakts. - Keine Gchuldenstreichung ohne Streichung der Reparationen.
GinekatteDuschefiirdieIranzosen
Heute Besprechung mit Laval.
Washington, 23.Ott. (WTB.) Senator Borat) beantwortete den französischen Korrespondenten, die mit Laval nach Washington gekommen sind, mit voller Offenheit Fragen über Europas Probleme. Er betonte, daß er zwar Vorsitzender des Auhen- ausschusses des Bundessenats sei, aber lediglich seine eigenen Ansichten darlege. Auf Lavals Wunsch werde er morgen abend mit ihm bei Stimson speisen, um diesem gleichfalls seine Meinung über die außenpolitischen Probleme zu unterbreiten. Senator Borat) erklärte dann, folgendes sei seine Ansicht:
Keine Besserung der Weltwirt s ch a f ts l a g e ist möglich ohne Aenderung des Versailler Vertrages, insbesondere müssen Aenderungen bezüglich der Grenzen im p o l - Nischen Korridor, in Oberschlesien und Ungarn erfolgen. Zwar herrscht jetzt Friede in Europa, aber es ist ein Frieden brutaler Gewalt, nicht ein auf Zufriedenheit gegründeter Frieden. Die Zeit für den Ausbau des Kelloggpaktes ist noch' nicht gekommen. Auch wirtschaftlicher Druck als Ver
stärkung des Kelloggpaktes kommt n i cht in Frage, denn wirtschaftlicher Druck ist von Krlegsmaßnahmen nicht verschieden, würden wir jetzt im Fernen Osten einen derartigen Druck ausüben, so käme das einer Kriegserklärung an 3 a p a n gleich. Eine Verringerung der Rüst u n g e n auf prozentualer Basis ist undurchführbar, überhaupt ist eine Einschränkung der Rüstungen nicht möglich, solange die vereinigten Staaten nicht mit Sowjetrußland diplomatische Beziehungen aufnehmeo.
Die von Frankreich geforderte Sicherheit kann nur auf Gerechtigkeit gegründet werden. Ich bin s ü r Streichung der Kriegsschulden der Alli- „Werten an uns, im gleichen Maßstab mit der Streichung der deutschen Reparationen. Ls liehe sich ein weg finden, Frankreich für den tatsächlichen Sachschaden in den zerstör- t en Gebieten zu entschädigen, aber mehr darf man von Deutschland nicht verlangen. Die Zeit für Moratorien ist vorbei, wir müssen jetzt tatsächliche Abstriche an den Kriegsschulden vornehmen, sonst geht Deutschlands Kredit vollkommen verloren. Amerika kann seine eigene Depression ohne Zusammenarbeit mit Europa nicht beenden.
gleichen Zeitraum von 162 auf 59, Standard Oil von 69 auf 33, General Motors von 44 auf 29.
Uno nun kommt Frankreichs Angriff auf das amerikanische Gold in breiter Front Hur Entfaltung. Der Pfundkrisis folgt die Dollar- krisis. Innerhalb von vier Wochen -mußten die Vereinigten Staaten eine Goldmenge von 708,1 Millionen Dollar abgeben, davon sind rund 650 Millionen nach Paris gegangen. Fast jedes Schiff aus Reuyork hat Goldbarren für Frankreich an Bord- Roch betragen die französischen Guthaben in den Vereinigten Staaten rund 600 Millionen Dollar. Amerika kann diesem Goldabfluß nicht mehr länger zusehen. Es hat gleich Deutschland und England ein Stillhalteabkommen mit der französischen Hochfinanz treffen müssen, das 200 Millionen Dollar in Amerika belassen soll. Aber Frankreich fühlt sich schon stark genug, der einst allmächtigen Wallstreet die Pistole auf die Brust zu sehen und ihr Bedingungen zu diktieren, die den Amerikanern das Stillhalteabkommen kräftig versalzen. Die Franzosen verlangen eine Erhöhung des Zinssatzes für Dollarguthaben von 1,5 auf 2 Prozent und eine Diskonterhöhung des Federal Reserve Board, der amerikanischen Bundesnotenbank. Ob man darauf eingehen wird, erscheint mehr als zweifelhaft, aber daß diese Bedingungen, die in anderen Zeiten für Amerika völlig undiskutabel gewesen wären, überhaupt gestellt werden konnten, beleuchtet grell die Situation.
So psychologisch wie machtpolitisch wohl vorbereitet und unterstützt beginnt der französische Ministerpräsident die Besprechungen in Washington. Hoover stellt gewiß die Frage zur Diskussion, was nach Ablauf des Schuldenmoratoriums geschehen soll. Daß weder der Voungplan noch die interalliierten Kriegsschuldenabkommen nach allem, was inzwischen geschehen ist,^ wieder unverändert in Kraft gesetzt werden können, darüber ist man sich natürlich auch in Frankreich im klaren. Laval hat nun keineswegs unbeschränkte Verhandlungsvollmacht erhalten, er geht vielmehr mit sicher recht eng begrenzter Marschroute und muß Rücksicht nehmen auf den rechten Flügel seines Kabinetts, der im Parlament wie im Lande starke Sympathien hat. Aber um ein Entgegenkommen in der Schuldenfrage wird er nicht herumkommen. Wie dies etwa aussehen wird, spiegelte sich in den natürlich amtlich beeinflußten Funksprüchen von Dord
der „Jsle de France" und in den Pressekommentaren wider, mit denen die französischen Berichterstatter die Zusammenkunft in Washington begleiten. Danach scheint es, als ob Frankreich einer Verlängerung desHooverrnora- t o r i u m s und einer Kreditgewährung an Deutschland zwar entschieden widerstreben werde, aber über die Herabsetzung sämtlicher zwischen st aatlichen Schulden, also auch der deutschen Tributzahlungen, mit sich werde reden lassen. Es denkt ferner an eine Umwandlung der deutschen Barleistungen in Sach- lieferungen. Soweit Barzahlungen bestehen bleiben, sollen sie statt in Devisen in Reichsmark an die Basler Bank für internationale Zahlungen, die B2Z., abgeführt werden dürfen. Durch die stärkere Einschaltung von Sachlieferungen glauben die Franzosen die deutsche Wirtschaft ankurbeln zu können, wovon sie sich eine schnellere Rückzahlung der in Deutschland belassenen kurzfristigen Kredite versprechen. Hauptprinzip bei den Verhandlungen bleibt, Kriegsschulden einerseits und Reparationszahlungen andererseits so zu gestalten, daß Frankreich dieses Konto mit einem Saldo für sich abschließen kann.
Präsident Hoover wird nun vermutlich versuchen, das Schuldenproblem irgendwie mit der Abrüstüngsfrage zu verbinden, aber hier werden die Franzosen entschieden widersprechen. Sie haben wieder ihre alte These hervorgeholt, mit der sie schon in Genf operierten und mit Erfolg jeden Angriff auf ihre Rüstung abgeschlagen haben: keine Verminderung der Rüstung ohne zusätzliche Sicherheit. Wenn Hoover sich von einer Beschränkung der Düstungsausgaben eine Verminderung der öffentlichen Lasten und die Möglichkeit zu Schuldenstreichungen verspricht, so halten dem die Franzosen ihren alten Grundsatz entgegen, daß die Schuldenfrage mit der Abrüstung nichts zu tun habe und der Rüstungsstand eines jeden Landes —, wobei aber praktisch immer nur Frankreich gemeint ist — ganz und ausschließlich von dem Grad der Sicherheit abhängt, der individuell verschieden zu bewerten sei. Wenn also Amerika von Frankreich ein Entgegenkommen in der Rüstungsbeschränkung erwartet — so argumentieren die Franzosen weiter — seht das trotz Völkerbund, ßoearno und Kelloggpakt die Heber» nähme einer weiteren Sicherheitsbürgschaft zu Gunsten Frankreichs durch die
Vereinigten Staaten voraus. Frankreich denkt sich offenbar das in Form eines möglicherweise auch auf andere Mächte zu erweiternden französisch-amerikanischen Reutralitätsvertrags, der im Kriegsfälle keinem der beiden Vertragskontrahenten die Verwendung seiner Hilfsmittel gegen den anderen (Wunitionslieferungen, Kredite. Rahrungsmittelver^orgung) erlauben würde, vorausgesetzt, daß dieser von einer dritten Macht angegriffen werde. Das Staatsdepartement in Washington scheint einer solchen Ergänzung des Kelloggpakts — so würde man die neuen Sicherheitsbedürfnisse Frankreichs frisieren können — grundsätzlich nicht abgeneigt zu sein, aber der springende Punkt ist die Frage: wer ist der Angreifer? Man hat schon in den jahrelangen Debatten in Genf keine befriedigende Definition gefunden, und es besteht wenig Aussicht, daß man nun in Washington glücklicher sein wird. Amerika wünscht den Vorbehalt, daß es selber bestimmen kann, wen es für den Angreifer hält. Mit anderen Worten, es will in jedem Falle fteie Hand haben, ob es den Reu- tralikätsvertrag für gegeben ansieht oder nicht. Mit einer solchen dehnbaren Auslegung werden sich nun die Franzosen schwerlich zufrieden geben. 2lber anderseits ist es doch sehr fraglich, ob die öffentliche Meinung Amerikas, die seit der eklatanten Riederlage der Wilsonschen Friedenspolitik in Versailles jedem Hineinziehen der Vereinigten Staaten in europäische Dinge ängstlich und bis aufs äußerste widerstrebte, bewogen werden könnte, diesen Standpunkt preiszugeben zu Gunsten eines Pakts, der, wenn auch in verschleierter Form, schließlich doch auf eine Beteiligung Amerikas an wirtschaftlichen und finanziellen Repressalien im Falle eines europäischen Konflikts hinausliefe.
Amerika hat in diesem auf wirtschaftlichem, finanziellem und polittschem Gebiet begonnenen Spiel um einen großen Einsatz nicht mehr sehr viel Trümpfe in der Hand. Der stärkste wäre augenblicklich zweifellos die Aufgabe deS Goldstandards, aber es ist doch sehr fraglich, ob es riskieren kann, ihn auszuspieleir. Frankreich käme dann — um ein treffenöeä Bild eines amerikanischen Dankgouverneurs zu gebrauchen — in die wenig beneidenswerte Rolle des Jungen, der beim Murmelspielen zwar so geschickt war, alle Murmeln au gewinnen, nun aber niemanden mehr hat. mit dem et spielen


