Ausgabe 
24.6.1931
 
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kommenden anderen Wegebenutzern besonders be­günstigt wird. Für den Kraftwagenführer ist da­bei besonders zu beachten, dah er. ganz unab­hängig von einem etwaigen strafrechtlichen Ver- fv ulken, allein auf Grund der Bestimmungen des Krafifahrzeuggesehes je nach dem Umstande des Falles die gebotene Sorgfalt walten zu lassen hat.

Bach einer anderen Entscheidung des Reichs­gerichts 6. Str.-Sen. 682/30 berührt die Art, wie ein Kraftwagenführer seinen Dienst verrich­tet, die öffentliche Verkehrssicherheit in so hohem Matze, dah die grötzte Sorgfalt beiAus- wahl und Beaufsichtigung des Füh­rers zu beachten ist. Daraus ergibt sich, datz demjenigen, der als Eigentümer eines Kraftwa­gens einen Kraftwagcnführer anstellt, eine be­sondere Aufsichtspflicht obliegt. Will er sich von der aus dieser Aufsichtspflicht ent­springenden Haftung für den angestellten Fah­rer befreien, so mutz der Eigentümer des Kraft­wagens den Beweis dafür antreten, dah er seine Angestellten während der Deschäfti- gungszeit auch gebührend überwacht habe. Gelingt ihm dieser Entlastungsbeweis nicht, so bleibt der Eigentümer in jedem Falle für den von seinen Angestellten verursachten Schaden haftbar. Dabei hat der Ent­lastungsbeweis sich bei Kraftfahrzeugführern im Interesse der öffentlichen Verkehrssicherheit nicht nur darauf zu beschränken, datz der Führer zur Zeit seiner Anstellung die Befähigung und Eig­nung zur Ausführung der ihm übertragenen Ver­pflichtungen besessen hat, sondern er ist darauf zu erstrecken, datz der Geschäftsherr sich auch in der Folgezeit über die ordnungsmätzige Ver­richtung der Dienstobliegenheiten durch seine An­gestellten vergewissert hat.

Randnoten.

Wir haben leider zu gut abgerüstet, um uns gegen Grenzübergriffe unserer Bachbarn mit Erfolg zur Wehr setzen zu können. Ununter­brochen kommen polnische Flieger zu uns herüber, umkreisen unsere Ortschaften, fliegen Bahnstrecken ab, halten sich über Kasernen auf und schwirren dann sehr vergnügt wieder ab, weil sie wissen, datz wir keine Luftabwehr besitzen und uns schlimmstenfalls damit begnügen, in Warschau einen Protest zu Protokoll zu geben. Uns will scheinen, als ob das Matz unserer Geduld nun restlos erschöpft ist und datz jetzt doch andere Sai­ten aufgezogen werden müssen. An A b s ch i e - tz e n ist natürlich nicht zu denken, eben weil der­artige Akte der Selbsthilfe den Polen nur den Vorwand liefern würden, in unser jeder Vertei­digung entblöhtes Land eimufallen. Wir haben aber immer noch den Völkerbund, der dar­über wachen soll, datz die Ruhe und Ordnung in Europa nicht gestört wird. Was die Polen be­treiben, ist jedoch bewußte Sabotage des Friedensan unserer O st grenze. Es sollte wohl möglich sein, juristische Handhaben zu finden, um den Völkerbundsrat für die polnischen Grenzverletzungen zu interessieren. Dabei müh­ten wir uns zwar von vornherein darauf einstellen, dah eine deutsche Beschwerde zunächst auf Eis gelegt wird. Sie würde aber doch nicht ganz un­bemerkt in den Akten des Rates verschwinden und mühte über kurz oder lang zur öffentlichen Debatte gestellt werden. Bun geben wir gerne zu, dah die Reichsregierung gegenwärtig alle Hände voll zu tun hat. Es wäre aber nicht zu viel ver- . langt, dem Auswärtigen Amt den Auftrag zu erteilen, mit der Langmut und Geduld, die Deutschland bisher an den Tag gelegt hat, Schluß machen und eine energischeBote andie .Genfer Adresse zu richten. Zwischen Polen '* und Deutschland liegen so viel Konfliktstoffe, dah x-es auf diese Beschwerde mehr wirklich nicht mehr ankommt, um den Dölkerbundsrat aufzurütteln, . der ein Wächter des Friedens sein will, aber an

Gießener Stadttheater.

Gastspiel des Intimen Theaters Nürnberg: Familie Hannemann".

Das ist ein hochsommerlicher Schwank in Rein­kultur, nicht mehr ganz neu, aber offenbar unver­wüstlich. Dabei kann man von Glück sagen, daß das Ganze nur drei Akte hat und um 22 Uhr aus ist: dieses Stück ist so angelegt, daß es noch zwei Akte weiter gehen und erst um-vierundzwanzig zu Ende sein könnte, was selbst um diese Jahreszeit ein bißchen reichlich wäre.

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Hier wird das Unmöglichste möglich gemacht. Hier gibt es keine Situation, die nicht herhalten müßte und ausgeschlachtet würde bis an die Grenze des Erträglichen. Keinen Kalauer, der nicht kalten Blutes verschlissen würde. Kein Mißverständnis, das nicht breitgetreten und ausgewalzt würde ... auf Kosten der leisesten Wahrscheinlickkeit und selbst was schlimmer ist des guten Geschmackes. Die Autoren, Max Reimann und Dr. Otto Schwartz, haben sich jedenfalls nichts übel genommen. Und der Erfolg, nicht nur bei uns, hat ihnen sogar recht gegeben.

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Der Trick dieses Stückes ist der, daß sich ein Jung­geselle seiner alten Tante in Indien zu Gefallen, um sich ihr Wohlwollen und reichliche Geldzuwen­dungen zu erhalten nach und nach mit einer stattlichen Familie umgibt, die zwar nur in seiner Phantasie existiert, beim plötzlichen Geburtstags­besuch der Tante Jutta aus Kalkutta aber sozusagen aus dem Boden gestampft werden muß. Es geht, es dauert, es wird immer doller, das Publikum quiekt, bis die Herren Schwartz und Reimann im dritten Akt ein Einsehen haben und der mit Blindheit ge- schlagenen Tante auf schonende Art die Augen öffnen.

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Also eine völlig unverwüstliche Sache auf dem Theater, die denn auch prompt ihre Wirkung tat und einen stellenweise heftigen Lacherfolg erzielte.

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Was das Ensemble-Gastspiel des Intimen Theaters in Nürnberg angeht, so darf vielleicht im voraus grundsätzlich festgestellt werden: das hätten unsere Leute mindestens ebensogut gespielt. Womit durch, aus nichts gegen die Nürnberger gesagt sein soll.

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Wer die Regie besorgte, war aus dem Programm nicht ersichtlich. Ob damit der Kollektivcharakter dieser Ensembleaufführung betont werden sollte, oder ob es sich um ein Versehen handelte, ist uns nicht bekannt. Es wurde jedenfalls sehr flott gespielt und die gelegentlich bemerkbaren Unsicherheiten mit Rou­tine ausgeglichen.

Für den unglücklichen Junggesellen Hannemann setzte sich Herbert Washington, der in den

seine Pflichten doch von Zeit zu Zeit etwas un­sanft erinnert werden muß.

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Der Ausgang der schweren Krise, die hinter dem österreichischen Parlamentarismus liegt, ist der, daß im wesentlichen alles beim Alten bleibt. Der Kanzler ist ausgewechselt, und der Finanzminister, sonst aber sind fast alle anderen Minister übernommen. Ueber die neuen Persön­lichkeiten nur ein paar ganz kurze Worte: Dem Bundeskanzler Du re sch rühmt man, große Kunst der Menschenbehandlung und des Aus­gleichs nach, Gaben, die er brauchen können wird. Der Finanzminister Dr. Redlich ist vornehmlich Finanztheoretiker. Er war schon einmal im glei­chen Amt tätig, in dem unrühmlichen Kabinett Lammasch, das vor der Revolution wenige Tage bestand. Seither war er dauernd an der Har- vard-Universität tätig und hielt sich nur besuchs­weise in Wien auf. Er wird seine Wahl wohl vornehmlich seinen guten Beziehungen zu Ame­rika zu danken haben, die Oesterreich in seine« prekären Finanzlage auch weiterhin brauchen kann. Das stärkste Aktivum aber, das dem Wiener Ka­binett seine eigene Bote gibt, ist die Rückkehr Dr. Schobers in das Außenministerium. Der Ver­such, einen Kurswechsel zu erzwingen, ist miß­glückt, die deutsche Linie der österrei- chischenAuhenpolitikist allen Anfeindun­gen zum Trotz festgehalten worden. Sie hat eine sehr schwere Belastungsprobe hinter sich, und dah Dr. Schober sich trotzdem wieder durchsetzen tonnte, ist als Beweis dafür anzusehen, wie tief das Zusammengehörigkeitsgefühl mit Deutschland in dem österreichischen Staate verankert ist. Sonst läßt sich schwer dem neuen Kabinett ein Horoskop stellen. Herr D u r e s ch hat auf alle grundsätzlichen Bindungen verzichtet, er hat den Parteien ver­sprochen, was sie haben wollten, und dadurch die Schwierigkeiten, an denen fein Vorgänger Ender gescheitert ist, eigentlich nur vertagt. Vielleicht wäre es an der Zeit gewesen, unter dem Druck der finanziellen Schwierigkeiten so etwas wie ein Konzentrationsministerium zu bilden. Die Bot- wendigkeit dazu ist auch von allen Seiten aner­kannt worden. Aber die praktischen Schwierigkei­ten zwischen den Christlichen, den Sozialisten, den Grotzdeutschen und den Bauern waren nicht zu überwinden, weil die Sozialdemokraten nebenbei die Gelegenheit benutzen wollten, um ihren Ein­fluß auf die Leitung der Staatspolitik weitgehend festzulegen. Das ist ihnen nicht gelungen. Die Führung im Staate bleibt auch weiterhin den Hän­den der drei Mehrheitsparteien. Eine verantwor­tungsvolle, aber auch eine aussichtsreiche Aufgabe, wenn das Kabinett Burefch Schober sich in das Programm des nationalen Wiederaufbau­willens hineinlebt und zielbewuht daran festhält, dah auch Oesterreich die Sünden der zehn Bach- kriegsjahre abzubützen hat. dah es vor allem nur gesunden kann, wenn es sich darauf einstellt, dah die Schicksalsgemeinschaft mit Deutschland unzer­trennlich ist und dah deshalb alle Bemühungen Frankreichs zur Zerreihung der Zollunion besten­falls eine vorübergehende Erleichterung schaffen können. Die Rettung Oesterreichs liegt nur darin, dah es gelingt, die Kräfte zu stärken, die in en­gerer Anlehnung an Deutschland allein zur Ge­sundung führen können.

""Bei der letzten Umkonstruktton des polnischen Kabinetts hat Marschall P i l s u d s k i seinen Bru­der zum Finanzminister gemacht und ihm zugleich die Rolle eines Spardiktators übertragen. Der andere Pilsudski hat sich sofort an die Arbeit gemacht und die ersten Früchte seiner Bemühun­gen in Form von Richtlinien der polnischen Presse mitgeteilt. Was er sagt, klingt alles ganz ge­scheit. Kein Zweifel, dah der polnische Derwal- tungsapparat viel zu kostspielig ist. Er soll deshalb abgebaut werden, und gleichzeitig will man die Gelegenheit benutzen, die alten Landesgrenzen, die

Augenblicken höchster Not über ein respekteinflößen­des Zähnefletschen verfügte, mit Hingabe ein. Das verdächtige Subjekt Bollerkopp wurde von dem Ko­miker Martin Rosen mit saftigen Pointen aus- gestattet. Als Tante Jutta aus Kalkutta wirkte sehr angenehm und dezent Freya Sturmfels, dem Gießener Publikum von früher her noch in bester. Erinnerung.

Vom übrigen Ensemble machten sich insbesondere Karl Ludwig Lindt, Traute Reimann, Kläre Randolf und Karl M o r v i l i u s um die Auf­führung verdient.

Das Auditorium schien sich vortrefflich zu unter­halten. hth.

Lugenderzieher und Reifebegletter.

Don Or. Siegfried Mauermann.

3n den Familien fragen Vater und Mutter: Wohin schicken wir unser Kind während der Dommerferien?" Der Bachdruck liegt auf dem Worteschicken". Die gute alte Familienreise wird immer seltener, teils, weil die Kinder, früher selbständig als bisher, ihre eigene Wanderfahrt machen, teils, weil die wirtschaftlichen Böte den Eltern das Mitreisen nicht mehr erlauben. Frei­lich werden Sommerfrischen, Reiserabattunterneh­men, Reifeverbilligungsunternehmen das Ihre tun, um auch den Gehaltsgekürzten das Familien­reisen doch noch zu ermöglichen; aber so lockend auch die Anzeigen von See und Gebirge, von Forsthaus und von Gutshof her kommen, ein­richten muh man sich doch. Manche Eltern möch­ten gern auf solche Dommerfrischenangebote ein- ?ehen, wenn sie nur einen zuverlässigen Reise- egleiter für ihr Kind hätten. Da finden sich dann als Zeichen der Zeit Anzeigen, die vom Jugenderzieher als Reisebegleiter sprechen. Ein Jugenderzieher, etwa ein Studienassessor, ein Studienreferendar, ein Predigtamtskandidat tre­ten da am meisten in die Erscheinung.

Wo Heranwachsende auf Reisen zu betreuen sind, wird alles, was nach Art und Bildung den EhrentitelJugenderzieher" wahrhaft verdient, in erster Linie in Betracht kommen. Man kann dar­über in den Schriften des alten Berliner Pä­dagogen Wilhelm Münch Nachlesen, der sich viel mit der Frage der Prinzenerziehuiw besaht hat. Bis zu den Persern und ihrem Kyros zurück können wir die Wichtigkeit des Reisebegleiters für Jugendliche verfolgen. Viele unserer großen Dichter haben zum Teil aus Versorgungs­gründen eine Zeitlang die Rolle des mitreisen- den Hofmeisters spielen müssen. Adel und Hoch­adel vor allem wußten den Wert solcher men­torartigen Führer zu schätzen. Bei der Familie > von Oertzen war Johann Hinrich Voß, bei der

bisher in dem Aufbau der polnischen Provinzial­behörden fest geh alten waren, zu verwischen, aus den ehemals österreichischen, russischen und preu­ßischen Teilen Polens also den Unterbau eines einheitlichen Staates zu schaffen. Wobei freilich hinzuzusügen ist, dah die kulturellen Biveauuntersch'.ede. die sich vornehmlich zwischen Russisch-Polen und Preuhifch-Polen auch heute noch zeigen, in frühestens einer Generation ver­schwinden werden. Aber das macht Herrn Pil­sudski keinerlei Sorge. Die ganze Mahnahme ist für ihn nur Mittel zu einem andern Zweck. Er hat hier sehr geschickt eine Kulisse aufgebaut, hin­ter der die Terrorisierung der Minderheiten un­beeinflußt vom Auslande künftighin erfolgen kann. Und das ist der eigentliche Grund, weshalb auch Deutschland sich mit dieserDerwaltungsreform" gründlich beschäftigen muh. Ob die siebzehn Woje­wodschaften um fünf vermindert werden, bas ist eine interne polnische Angelegenheit, die uns nichts angeht. Wenn aber dabei gleichzeitig eine Wahl­kreisgeometrie betrieben wird, die nur darauf be­rechnet ist. die Minderheiten zu verge­waltigen. dann haben wir schon ein Recht daran, sehr genau aufzupassen, ob hier nicht der Versuch gemacht wird, auf Umwegen die deutschen Zwangsbürger Polens um ihre ohnehin schon

kärglichen Rechte zu betrügen. Und das ist der ganze Zweck der Hebung, Pommerellen wird durch einige konyreh-polnische Kreise vergrößert, ähn­lich wird in Posen operiert, gegen die Ukrainer wird noch wesentlich rücksichtsloser vorgegangen. Ueberall wird sich dasselbe Bild ergeben, daß es Bezirke, in denen nationale Minderheiten an sich die Mehrheit ausmachrn, nicht mehr gibt, sie wer­den durch Hinxulegung rein polnischer Distrikte majorisiert, und Polen hat künftig in Genf die Möglichkeit, die Zahlen so zu frisieren, daß die Minderheiten überall nur einen Bruchteil der rein polnischen Bevölkerung ausmachen. Wie die Dinge sich in Oberschlesien gestalten, das ja noch besonderen Minderheitenschutz hat, läßt sich aus den bisherigen Angaben Pilsudskis nicht ersehen. Auch hier aber wird selbstverständlich das gleiche Experiment gemacht, wenn nicht sogar der Versuch unternommen werden sollte, die ganze Eigenver­waltung Oberschlesiens in irgendeiner Form zu beseitigen und dadurch die Dölkerbundsgarantre auszuschalten. Wir begrüßen es jedenfalls, daß die deutsche Regierung ihren Warschauer Ver­treter zu einem eingehenden Bericht aufgefordert hat. um rechtzeitig die Aufmerksamkeit des Völker­bundes auf diese neue Gewalttat lenken zu können.

Reparaftonen unb wirtschaftliche LeistimgsWM

Von Arthur Zmarzly-Vefrei.

Der Gedanke, die politischen Tributzahlungen nach der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit zu bemessen, durchzieht von Anfang an die Ge­schichte der Reparationsverhandlungen. Er konnte sich am Konferenztisch aber nie vollständig durch­setzen. Politische Tribute entziehen sich aus inne­ren Gründen jeder wirtschaftlichen Detrachtungs- weise. Die Wallstreet-Bankleute glaubten viel­leicht Deutschland zu nützen, als sie General Dawes beauftragten, diesem Gedanken Gel­tung zu verschalsen. Das war der erste Irrtum. Das Dawesa bkommen war als Prüfstein für die reparationspolitische Leistungsfähigkeit Deutschlands gedacht. Die Amerikaner stellten sich die Aufgabe, die deutsche Wirtschaft zahlungsreif zu machen. Das war der zweite Irrtum. Die gut verzinsten Milliardenanleihen nützten nicht viel. Kapital allein macht keine Wirtschaft lei­stungsfähig; es gehören noch viele andere wirt­schaftliche Vorbedingungen dazu. Die geborgte Rativnalisierungskonjunktur be­gann abzuflauen, als Amerika glaubte, genügend Kapital der deutschen Wirtschaft geliehen zu haben. Die europäische Polittk gegen Deutschland setzte dem amerikanischen Kapitalstrom ein festes Ziel. Trotz der ausgiebigen Kapitaldüngung blieb die europäische Wirtschaftsweide politisch ver­sauert. Die Amerikaner hielten es an der Zeit, sich zurückzuzieben. Parker Gilbert trat vor die Front und erklärte, Deutschland sei nun reif", feste Verpflichtungen zu übernehmen. Bei der Ehrfurcht, die wir damals der finanziellen Allweisheit des reichen Amerikas, unseres größ­ten Privatgläubigers, entgegenbrachten, erschien dieses Reifezeugnis schon als Art Belohnung. Das Dawes-Abkommen wurde mit dem V o u n g- abkommen vertauscht, das zwar die ersten Jahres­zahlungen verminderte, aber die Zahlungsbe­dingungen verschärfte. Der Gedanke, die poli- ttschen Tributzahlungen der wirtschaftlichen Lei­stungsfähigkeit Deutschlands anzupassen, be­herrscht theoretisch nach Ansicht der Amerikaner und der Tributempfänger den neuen Plan. Es war ein grandioser Erfolg: Schon nach 3Vr Da­wesjahren war die deutsche Wirtschaft reif ge­worden, feste Verpflichtungen zu übernehmen. Man ging sogar noch weiter und nahm sich im Voungplan vor, den Tributleistuugen den bösen politischen Charakter zu nehmen und sie in kom­

merzielle Schulden umzuwandeln. Zu diesem Dehufe mußte man natürlich versuchen, die wirt­schaftliche Leistungsfähigkeit Deutschlands festzu­stellen. Auf welche Weise das geschehen ist, ist leider nicht bekanntgegeben worden. Bach den Berechnungen amerikanischer Bankiers*> wie Herr Larmont von der Morgan-Dank waren die festgelegten Summen für Deutschland tragbar. Der Leistungsgedanke der amerikani­schen Dankleute hatte also einen Sieg erfochten. In Deutschland fand dieser Gedanke viele An­hänger, denn man glaubte, daß die Tribute nun auf ein erträgliches Maß herabgesetzt werden würden. Heute lehnen alle deutschen politischen Parteien den Voungplan ab, aber man versteift sich leider immer noch auf die Idee, die Tribute von der deutschen Wirtschaftskraft abhängig zu machen, obwohl eine derartige Verknüpfung zweier wesensfremder Dinge jede Lösungsmög­lichkeit verbaut.

Der Gedanke der Leistungsfähigkeit ist im Voung-Abkommen natürlich nicht zur Voll­endung gediehen. Die Forderungen der Tribut­empfänger wurden von vornherein als das Maß für die Wirtschaftskraft des Zahlenden genommen. Diese Untersuchungsmethode wird sich stets bei den Verhandlungen über Tributverpflich­tungen durchsetzen, weil sie nie den politi­schen Machtwillen verleugnen kann. Die wirtschaflliche Tragfähigkeit, die erst nach dem Willen der amerikanischen Bankleute in die rein pvlittsche Betrachtungsweise hineingearbettet wurde, wird immer nur als humanes Mäntelchen dienen. Der Bouna-Plan scheitert nicht nur an seiner politischen Konstruktton und seinen tech­nischen Mängeln; er würde auch absterben.'wenn die deutsche Leistungsfähigkeit viel gründlicher und ohne pvlittsche Beeinflussung geprüft worden wäre. Sehen wir zunächst davon ab, daß keine Re­gierung dieMacht hat, dasVolk zu zwingen, fich Tribute abzudarben, die seinen Rechtssinn verletzen, so ist der Begriff wirtschaftliche Leistungsfähigkeit eines Volkes gar nicht sestzulegen. Es würde an dieser Stelle zu weit führen, näher darauf einzugehen. Bur so viel sei gesagt: Unsere volkswirtschaftlichen Theoretiker stehen dem Auf und Ab der Konjunk­tur genau so hilflos gegenüber, wie die Wirt­schaftspraktiker. Die nationalökonomische Wissen-

Familie von Kalb Hölderlin in diesem Sinne tätig. Herder begleitet den Sohn des Fürst­bischofs von Lübeck, der junge Goethe reist mit dem Erbprinzen von Weimar. Die Aufgaben eines solchen Hofmeisters und Reisebegleiters waren so lebensschwer, manchmal auch so lebens­lustig, daß der Stürmer und Dränger Jakob Michael Reinhold, Goethes Jugendfreund, Lenz, ein Theaterstück über das Schicksal eines Hof­meisters geschrieben hat. Prinzen hatten neben ihrem Zivilerzieher auch einen militärischen und einen staatswissenschaftlichen Beigeordneten. In­zwischen ist aber Bildung und Betreuung des einfachen Mädchens, des einfachen Jungen von allgemeiner Wichtigkeit geworden, und so müssen für sie treue Lebens begleiter, vorbildliche Reise­begleiter ausgewählt werden. Heute muß für die wertvollen Hnbegüterten noch mehr als bisher gesorgt werden; sonst geht unsere in ihrer Aus­gleichsfähigkeit wichtige Mittelschicht verloren. Der Reisebegleiter, die Reifebegleiterin solcher Jugend muß vor allem den Wert der Anspruchs­losigkeit. den Wert der Sparsamkeit kennen, ohne deshalb zum häßlichen Extrem hier zu kommen. Cs wird sich zunächst für Sommerreifen als Füh­rer der Jugend ein Mensch zwischen 25 und 35 Jahren bewähren, der nicht einen einzelnen führt, sondern eine Gruppe von jungen Menschen; denn eine Gesellschaftsreise vermindert die Unkosten. Zu Altersdistanz, Herzensnähe, Derständnisnähe wird ein gewisser Scharfblick kommen müssen, die rechte Auswahl bei der Zusammenstellung einer Gruppe treffen $u können. Es ist durchaus nicht immer Gleicharttgkeit unbedingt nötig, wohl aber Harmonie, hier in der Parallelität, dort in der gegenseitigen Ergänzung. Die Frage der Regun­gen die etwa auf bewußte oder auf unbewußte Liebesneigungen deuten könnten, kann man bei munterm Sport, bei tüchtigem Wandern, bei gei­stiger Ablenkung für alles Baturschöne und ge» schichtlich Große auf der Reise getrost als erle­digt betrachten. Ablenken ist hier das Beste; dann jede Vermeidung der Einsamkeit und der Zweisamkeit. Der Führer selbst muß in solchen Dingen natürlich gefestigt sein.

Sein praktischer Sinn wird sich bald offenbaren; einmal in der Wahl der Beförderungsmittel, der Unterkünfte und in der Wahl der Hauptreifeziele. Das Sicherste ist immer noch eine Eisenbahn- fahrt. Der Sammelfahrschein für Gesellschafts» reisende, die Wochenendkarte, das alles bringt durchaus gebotene annehmbare Vorteile, die der Jugenderzieher als Reisebegleiter kennen muß. Viele Schulen haben heute ein Landheim mit einem Sommerlager. Das bietet erschwingliche Unterkunft. Freilich darf Ueberanstrengung. dür­fen Strapazen und Entbehrungen, so hoch zu schätzen auch die spartanische Abhärtung ist, die eigentliche Sommer-Erholung nicht zunichte machen. Ein Buch, eine Hängematte, ein hübsches Lichtbild, eine kräftige Mittagsmahlzeit, nicht das

romanttsche Abkochen, das doch oft nicht viel mehr als das Anrühren einer zu heißen Dünnfuppe be­deutet, das ist alles zu beachten. Wieviel Segen haben auch die Jugend-, die Schüler- und Stu­dentenherbergen gespendet! Auch hierin mutz der Jugendreiseführer Bescheid wissen. Auch hier wie­der die Obacht daraus, datz die Unterkunft für Rast und Ruhe da ist. Die Schüler- und Stu­dentenherbergen bestehen seit 1883. die Jugend­herbergen seit 1910. Wer die statistischen An- ?aben über diese segensreichen Einrichtungen nach» iest, wird mit Staunen und Freude den groben Aufschwung darin feststellen. Straffe Organisa­tion und wohltätige Gönner und Förderer haben die Zahl solcher Herbergen auf insgesamt nahe­zu 3000 anwachsen lassen. In erster Linie kommt das deutsche Land, dann vor allem Oesterreich in Betracht.

Bestimmen eine günstige Bahnverbindung und preiswerte Unterkünfte die Reiseziele, so trifft der gesundheitlich wie geistig tüchtige und vielseitige Jugendführer seine Aufenthaltsauswahl nach dem Gesichtspunkte des Kennen lernens. Die Alters­stufen und das Geschlecht sind dabei zu berück­sichtigen. Die Kleinen gehören aufs Land zum Förster und zum Gutsbesitzer. Den Trotzen kann man eher eine Stadt zeigen, freilich nur im Touristentempo. Hamburg mag den Knaben, Dresden den Mädchen mehr sagen. Dort das Ha­fenleben, gewaltige Technik, hier Kunst, Schmuck und Porzellan, wenn man das nahe Meisten mit» nimmt. Besonders glücklich sind Thüringen und der Rhein. Weimar wird ein Jugend-Reisefüh­rer als die geradezu klassische Stätte schätzen. Für Jünglinge wie für junge Mädchen gleich wertvoll. Eisenach mit der Wartburg und Jena mit dem nahen Rudolstadt, auch Saalfeld, Ilmenau, Baumburg nicht unähnlich. Wieviel bietet Bonn mit Beethoven und Arndt! Dazu der Rhein! Welch eine Andacht vor und in dem Kölner Dom, und wie bilderreich eine Uferfahrt! Und so über­all rbeinab-, rheinaufwärts; auch Worms mit seinem Sagenborn sei nicht vergessen. Das Ge­schichtliche der Hanse an Oft» und Bordsee, das Wetterharte und Truhige dort, Klaus Groth und Theodor Storm geben dem Borden Vorzüge. Mu­sikalische Stammesbrüderschaft zieht nach dem Süden: Bayern, Tirol, Oesterreich bedeuten für viele junge deutsche Menschenkinder eine unbe­friedigte Sehnsucht. Beim Besuch aller nicht mit­teldeutschen Länder muh von dem Jugendführer gute Beherrschung des Mundartlichen verlangt werden.

Und seine Bezahlung? Verschwindend gering. Jugendverbände haben in dieser Hinsicht vorge­arbeitet für die kommenden Jugendreisen. Auch an jeder Schule wird sich mindestens eine Dame und ein Herr finden, der die Eltern hierin be­rät. Bur beizeiten daran denken und gleich vor die rechte Schmiede gehen, das wird die Haupt­sache sein.