kommenden anderen Wegebenutzern besonders begünstigt wird. Für den Kraftwagenführer ist dabei besonders zu beachten, dah er. ganz unabhängig von einem etwaigen strafrechtlichen Ver- fv ulken, allein auf Grund der Bestimmungen des Krafifahrzeuggesehes je nach dem Umstande des Falles die gebotene Sorgfalt walten zu lassen hat.
Bach einer anderen Entscheidung des Reichsgerichts — 6. Str.-Sen. 682/30 — berührt die Art, wie ein Kraftwagenführer seinen Dienst verrichtet, die öffentliche Verkehrssicherheit in so hohem Matze, dah die grötzte Sorgfalt beiAus- wahl und Beaufsichtigung des Führers zu beachten ist. Daraus ergibt sich, datz demjenigen, der als Eigentümer eines Kraftwagens einen Kraftwagcnführer anstellt, eine besondere Aufsichtspflicht obliegt. Will er sich von der aus dieser Aufsichtspflicht entspringenden Haftung für den angestellten Fahrer befreien, so mutz der Eigentümer des Kraftwagens den Beweis dafür antreten, dah er seine Angestellten während der Deschäfti- gungszeit auch gebührend überwacht habe. Gelingt ihm dieser Entlastungsbeweis nicht, so bleibt der Eigentümer in jedem Falle für den von seinen Angestellten verursachten Schaden haftbar. Dabei hat der Entlastungsbeweis sich bei Kraftfahrzeugführern im Interesse der öffentlichen Verkehrssicherheit nicht nur darauf zu beschränken, datz der Führer zur Zeit seiner Anstellung die Befähigung und Eignung zur Ausführung der ihm übertragenen Verpflichtungen besessen hat, sondern er ist darauf zu erstrecken, datz der Geschäftsherr sich auch in der Folgezeit über die ordnungsmätzige Verrichtung der Dienstobliegenheiten durch seine Angestellten vergewissert hat.
Randnoten.
Wir haben leider zu gut abgerüstet, um uns gegen Grenzübergriffe unserer Bachbarn mit Erfolg zur Wehr setzen zu können. Ununterbrochen kommen polnische Flieger zu uns herüber, umkreisen unsere Ortschaften, fliegen Bahnstrecken ab, halten sich über Kasernen auf und schwirren dann sehr vergnügt wieder ab, weil sie wissen, datz wir keine Luftabwehr besitzen und uns schlimmstenfalls damit begnügen, in Warschau einen Protest zu Protokoll zu geben. Uns will scheinen, als ob das Matz unserer Geduld nun restlos erschöpft ist und datz jetzt doch andere Saiten aufgezogen werden müssen. An A b s ch i e - tz e n ist natürlich nicht zu denken, eben weil derartige Akte der Selbsthilfe den Polen nur den Vorwand liefern würden, in unser jeder Verteidigung entblöhtes Land eimufallen. Wir haben aber immer noch den Völkerbund, der darüber wachen soll, datz die Ruhe und Ordnung in Europa nicht gestört wird. Was die Polen betreiben, ist jedoch bewußte Sabotage des Friedensan unserer O st grenze. Es sollte wohl möglich sein, juristische Handhaben zu finden, um den Völkerbundsrat für die polnischen Grenzverletzungen zu interessieren. Dabei mühten wir uns zwar von vornherein darauf einstellen, dah eine deutsche Beschwerde zunächst auf Eis gelegt wird. Sie würde aber doch nicht ganz unbemerkt in den Akten des Rates verschwinden und mühte über kurz oder lang zur öffentlichen Debatte gestellt werden. Bun geben wir gerne zu, dah die Reichsregierung gegenwärtig alle Hände voll zu tun hat. Es wäre aber nicht zu viel ver- . langt, dem Auswärtigen Amt den Auftrag zu erteilen, mit der Langmut und Geduld, die Deutschland bisher an den Tag gelegt hat, Schluß machen und eine energischeBote andie .Genfer Adresse zu richten. Zwischen Polen '*• und Deutschland liegen so viel Konfliktstoffe, dah x-es auf diese Beschwerde mehr wirklich nicht mehr ankommt, um den Dölkerbundsrat aufzurütteln, . der ein Wächter des Friedens sein will, aber an
Gießener Stadttheater.
Gastspiel des Intimen Theaters Nürnberg: „Familie Hannemann".
Das ist ein hochsommerlicher Schwank in Reinkultur, nicht mehr ganz neu, aber offenbar unverwüstlich. Dabei kann man von Glück sagen, daß das Ganze nur drei Akte hat und um 22 Uhr aus ist: dieses Stück ist so angelegt, daß es noch zwei Akte weiter gehen und erst um-vierundzwanzig zu Ende sein könnte, — was selbst um diese Jahreszeit ein bißchen reichlich wäre.
*
Hier wird das Unmöglichste möglich gemacht. Hier gibt es keine Situation, die nicht herhalten müßte und ausgeschlachtet würde bis an die Grenze des Erträglichen. Keinen Kalauer, der nicht kalten Blutes verschlissen würde. Kein Mißverständnis, das nicht breitgetreten und ausgewalzt würde ... auf Kosten der leisesten Wahrscheinlickkeit und selbst — was schlimmer ist — des guten Geschmackes. Die Autoren, Max Reimann und Dr. Otto Schwartz, haben sich jedenfalls nichts übel genommen. Und der Erfolg, nicht nur bei uns, hat ihnen sogar recht gegeben.
*
Der Trick dieses Stückes ist der, daß sich ein Junggeselle — seiner alten Tante in Indien zu Gefallen, um sich ihr Wohlwollen und reichliche Geldzuwendungen zu erhalten — nach und nach mit einer stattlichen Familie umgibt, die zwar nur in seiner Phantasie existiert, beim plötzlichen Geburtstagsbesuch der Tante Jutta aus Kalkutta aber sozusagen aus dem Boden gestampft werden muß. Es geht, es dauert, es wird immer doller, das Publikum quiekt, bis die Herren Schwartz und Reimann im dritten Akt ein Einsehen haben und der mit Blindheit ge- schlagenen Tante auf schonende Art die Augen öffnen.
*
Also eine völlig unverwüstliche Sache auf dem Theater, die denn auch prompt ihre Wirkung tat und einen stellenweise heftigen Lacherfolg erzielte.
*
Was das Ensemble-Gastspiel des Intimen Theaters in Nürnberg angeht, so darf vielleicht im voraus grundsätzlich festgestellt werden: das hätten unsere Leute mindestens ebensogut gespielt. Womit durch, aus nichts gegen die Nürnberger gesagt sein soll.
*
Wer die Regie besorgte, war aus dem Programm nicht ersichtlich. Ob damit der Kollektivcharakter dieser Ensembleaufführung betont werden sollte, oder ob es sich um ein Versehen handelte, ist uns nicht bekannt. Es wurde jedenfalls sehr flott gespielt und die gelegentlich bemerkbaren Unsicherheiten mit Routine ausgeglichen.
Für den unglücklichen Junggesellen Hannemann setzte sich Herbert Washington, der in den
seine Pflichten doch von Zeit zu Zeit etwas unsanft erinnert werden muß.
*
Der Ausgang der schweren Krise, die hinter dem österreichischen Parlamentarismus liegt, ist der, daß im wesentlichen alles beim Alten bleibt. Der Kanzler ist ausgewechselt, und der Finanzminister, sonst aber sind fast alle anderen Minister übernommen. Ueber die neuen Persönlichkeiten nur ein paar ganz kurze Worte: Dem Bundeskanzler Du re sch rühmt man, große Kunst der Menschenbehandlung und des Ausgleichs nach, Gaben, die er brauchen können wird. Der Finanzminister Dr. Redlich ist vornehmlich Finanztheoretiker. Er war schon einmal im gleichen Amt tätig, in dem unrühmlichen Kabinett Lammasch, das vor der Revolution wenige Tage bestand. Seither war er dauernd an der Har- vard-Universität tätig und hielt sich nur besuchsweise in Wien auf. Er wird seine Wahl wohl vornehmlich seinen guten Beziehungen zu Amerika zu danken haben, die Oesterreich in seine« prekären Finanzlage auch weiterhin brauchen kann. Das stärkste Aktivum aber, das dem Wiener Kabinett seine eigene Bote gibt, ist die Rückkehr Dr. Schobers in das Außenministerium. Der Versuch, einen Kurswechsel zu erzwingen, ist mißglückt, die deutsche Linie der österrei- chischenAuhenpolitikist allen Anfeindungen zum Trotz festgehalten worden. Sie hat eine sehr schwere Belastungsprobe hinter sich, und dah Dr. Schober sich trotzdem wieder durchsetzen tonnte, ist als Beweis dafür anzusehen, wie tief das Zusammengehörigkeitsgefühl mit Deutschland in dem österreichischen Staate verankert ist. Sonst läßt sich schwer dem neuen Kabinett ein Horoskop stellen. Herr D u r e s ch hat auf alle grundsätzlichen Bindungen verzichtet, er hat den Parteien versprochen, was sie haben wollten, und dadurch die Schwierigkeiten, an denen fein Vorgänger Ender gescheitert ist, eigentlich nur vertagt. Vielleicht wäre es an der Zeit gewesen, unter dem Druck der finanziellen Schwierigkeiten so etwas wie ein Konzentrationsministerium zu bilden. Die Bot- wendigkeit dazu ist auch von allen Seiten anerkannt worden. Aber die praktischen Schwierigkeiten zwischen den Christlichen, den Sozialisten, den Grotzdeutschen und den Bauern waren nicht zu überwinden, weil die Sozialdemokraten nebenbei die Gelegenheit benutzen wollten, um ihren Einfluß auf die Leitung der Staatspolitik weitgehend festzulegen. Das ist ihnen nicht gelungen. Die Führung im Staate bleibt auch weiterhin den Händen der drei Mehrheitsparteien. Eine verantwortungsvolle, aber auch eine aussichtsreiche Aufgabe, wenn das Kabinett Burefch — Schober sich in das Programm des nationalen Wiederaufbauwillens hineinlebt und zielbewuht daran festhält, dah auch Oesterreich die Sünden der zehn Bach- kriegsjahre abzubützen hat. dah es vor allem nur gesunden kann, wenn es sich darauf einstellt, dah die Schicksalsgemeinschaft mit Deutschland unzertrennlich ist und dah deshalb alle Bemühungen Frankreichs zur Zerreihung der Zollunion bestenfalls eine vorübergehende Erleichterung schaffen können. Die Rettung Oesterreichs liegt nur darin, dah es gelingt, die Kräfte zu stärken, die in engerer Anlehnung an Deutschland allein zur Gesundung führen können.
""Bei der letzten Umkonstruktton des polnischen Kabinetts hat Marschall P i l s u d s k i seinen Bruder zum Finanzminister gemacht und ihm zugleich die Rolle eines Spardiktators übertragen. Der andere Pilsudski hat sich sofort an die Arbeit gemacht und die ersten Früchte seiner Bemühungen in Form von Richtlinien der polnischen Presse mitgeteilt. Was er sagt, klingt alles ganz gescheit. Kein Zweifel, dah der polnische Derwal- tungsapparat viel zu kostspielig ist. Er soll deshalb abgebaut werden, und gleichzeitig will man die Gelegenheit benutzen, die alten Landesgrenzen, die
Augenblicken höchster Not über ein respekteinflößendes Zähnefletschen verfügte, mit Hingabe ein. Das verdächtige Subjekt Bollerkopp wurde von dem Komiker Martin Rosen mit saftigen Pointen aus- gestattet. Als Tante Jutta aus Kalkutta wirkte sehr angenehm und dezent Freya Sturmfels, dem Gießener Publikum von früher her noch in bester. Erinnerung.
Vom übrigen Ensemble machten sich insbesondere Karl Ludwig Lindt, Traute Reimann, Kläre Randolf und Karl M o r v i l i u s um die Aufführung verdient. —
Das Auditorium schien sich vortrefflich zu unterhalten. hth.
Lugenderzieher und Reifebegletter.
Don Or. Siegfried Mauermann.
3n den Familien fragen Vater und Mutter: „Wohin schicken wir unser Kind während der Dommerferien?" Der Bachdruck liegt auf dem Worte „schicken". Die gute alte Familienreise wird immer seltener, teils, weil die Kinder, früher selbständig als bisher, ihre eigene Wanderfahrt machen, teils, weil die wirtschaftlichen Böte den Eltern das Mitreisen nicht mehr erlauben. Freilich werden Sommerfrischen, Reiserabattunternehmen, Reifeverbilligungsunternehmen das Ihre tun, um auch den Gehaltsgekürzten das Familienreisen doch noch zu ermöglichen; aber so lockend auch die Anzeigen von See und Gebirge, von Forsthaus und von Gutshof her kommen, einrichten muh man sich doch. Manche Eltern möchten gern auf solche Dommerfrischenangebote ein- ?ehen, wenn sie nur einen zuverlässigen Reise- egleiter für ihr Kind hätten. Da finden sich dann als Zeichen der Zeit Anzeigen, die vom Jugenderzieher als Reisebegleiter sprechen. Ein Jugenderzieher, etwa ein Studienassessor, ein Studienreferendar, ein Predigtamtskandidat treten da am meisten in die Erscheinung.
Wo Heranwachsende auf Reisen zu betreuen sind, wird alles, was nach Art und Bildung den Ehrentitel „Jugenderzieher" wahrhaft verdient, in erster Linie in Betracht kommen. Man kann darüber in den Schriften des alten Berliner Pädagogen Wilhelm Münch Nachlesen, der sich viel mit der Frage der Prinzenerziehuiw besaht hat. Bis zu den Persern und ihrem Kyros zurück können wir die Wichtigkeit des Reisebegleiters für Jugendliche verfolgen. Viele unserer großen Dichter haben — zum Teil aus Versorgungsgründen — eine Zeitlang die Rolle des mitreisen- den Hofmeisters spielen müssen. Adel und Hochadel vor allem wußten den Wert solcher mentorartigen Führer zu schätzen. Bei der Familie > von Oertzen war Johann Hinrich Voß, bei der
bisher in dem Aufbau der polnischen Provinzialbehörden fest geh alten waren, zu verwischen, aus den ehemals österreichischen, russischen und preußischen Teilen Polens also den Unterbau eines einheitlichen Staates zu schaffen. Wobei freilich hinzuzusügen ist, dah die kulturellen Biveauuntersch'.ede. die sich vornehmlich zwischen Russisch-Polen und Preuhifch-Polen auch heute noch zeigen, in frühestens einer Generation verschwinden werden. Aber das macht Herrn Pilsudski keinerlei Sorge. Die ganze Mahnahme ist für ihn nur Mittel zu einem andern Zweck. Er hat hier sehr geschickt eine Kulisse aufgebaut, hinter der die Terrorisierung der Minderheiten unbeeinflußt vom Auslande künftighin erfolgen kann. Und das ist der eigentliche Grund, weshalb auch Deutschland sich mit dieser „Derwaltungsreform" gründlich beschäftigen muh. Ob die siebzehn Wojewodschaften um fünf vermindert werden, bas ist eine interne polnische Angelegenheit, die uns nichts angeht. Wenn aber dabei gleichzeitig eine Wahlkreisgeometrie betrieben wird, die nur darauf berechnet ist. die Minderheiten zu vergewaltigen. dann haben wir schon ein Recht daran, sehr genau aufzupassen, ob hier nicht der Versuch gemacht wird, auf Umwegen die deutschen Zwangsbürger Polens um ihre ohnehin schon
kärglichen Rechte zu betrügen. Und das ist der ganze Zweck der Hebung, Pommerellen wird durch einige konyreh-polnische Kreise vergrößert, ähnlich wird in Posen operiert, gegen die Ukrainer wird noch wesentlich rücksichtsloser vorgegangen. Ueberall wird sich dasselbe Bild ergeben, daß es Bezirke, in denen nationale Minderheiten an sich die Mehrheit ausmachrn, nicht mehr gibt, sie werden durch Hinxulegung rein polnischer Distrikte majorisiert, und Polen hat künftig in Genf die Möglichkeit, die Zahlen so zu frisieren, daß die Minderheiten überall nur einen Bruchteil der rein polnischen Bevölkerung ausmachen. Wie die Dinge sich in Oberschlesien gestalten, das ja noch besonderen Minderheitenschutz hat, läßt sich aus den bisherigen Angaben Pilsudskis nicht ersehen. Auch hier aber wird selbstverständlich das gleiche Experiment gemacht, wenn nicht sogar der Versuch unternommen werden sollte, die ganze Eigenverwaltung Oberschlesiens in irgendeiner Form zu beseitigen und dadurch die Dölkerbundsgarantre auszuschalten. Wir begrüßen es jedenfalls, daß die deutsche Regierung ihren Warschauer Vertreter zu einem eingehenden Bericht aufgefordert hat. um rechtzeitig die Aufmerksamkeit des Völkerbundes auf diese neue Gewalttat lenken zu können.
Reparaftonen unb wirtschaftliche LeistimgsWM
Von Arthur Zmarzly-Vefrei.
Der Gedanke, die politischen Tributzahlungen nach der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit zu bemessen, durchzieht von Anfang an die Geschichte der Reparationsverhandlungen. Er konnte sich am Konferenztisch aber nie vollständig durchsetzen. Politische Tribute entziehen sich aus inneren Gründen jeder wirtschaftlichen Detrachtungs- weise. Die Wallstreet-Bankleute glaubten vielleicht Deutschland zu nützen, als sie General Dawes beauftragten, diesem Gedanken Geltung zu verschalsen. Das war der erste Irrtum. Das Dawesa bkommen war als Prüfstein für die reparationspolitische Leistungsfähigkeit Deutschlands gedacht. Die Amerikaner stellten sich die Aufgabe, die deutsche Wirtschaft zahlungsreif zu machen. Das war der zweite Irrtum. Die gut verzinsten Milliardenanleihen nützten nicht viel. Kapital allein macht keine Wirtschaft leistungsfähig; es gehören noch viele andere wirtschaftliche Vorbedingungen dazu. Die geborgte Rativnalisierungskonjunktur begann abzuflauen, als Amerika glaubte, genügend Kapital der deutschen Wirtschaft geliehen zu haben. Die europäische Polittk gegen Deutschland setzte dem amerikanischen Kapitalstrom ein festes Ziel. Trotz der ausgiebigen Kapitaldüngung blieb die europäische Wirtschaftsweide politisch versauert. Die Amerikaner hielten es an der Zeit, sich zurückzuzieben. Parker Gilbert trat vor die Front und erklärte, Deutschland sei nun „reif", feste Verpflichtungen zu übernehmen. Bei der Ehrfurcht, die wir damals der finanziellen Allweisheit des reichen Amerikas, unseres größten Privatgläubigers, entgegenbrachten, erschien dieses Reifezeugnis schon als Art Belohnung. Das Dawes-Abkommen wurde mit dem V o u n g- abkommen vertauscht, das zwar die ersten Jahreszahlungen verminderte, aber die Zahlungsbedingungen verschärfte. Der Gedanke, die poli- ttschen Tributzahlungen der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit Deutschlands anzupassen, beherrscht theoretisch nach Ansicht der Amerikaner und der Tributempfänger den neuen Plan. Es war ein grandioser Erfolg: Schon nach 3Vr Dawesjahren war die deutsche Wirtschaft reif geworden, feste Verpflichtungen zu übernehmen. Man ging sogar noch weiter und nahm sich im Voungplan vor, den Tributleistuugen den bösen politischen Charakter zu nehmen und sie in kom
merzielle Schulden umzuwandeln. Zu diesem Dehufe mußte man natürlich versuchen, die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit Deutschlands festzustellen. Auf welche Weise das geschehen ist, ist leider nicht bekanntgegeben worden. Bach den Berechnungen amerikanischer Bankiers —*> wie Herr Larmont von der Morgan-Dank — waren die festgelegten Summen für Deutschland tragbar. Der Leistungsgedanke der amerikanischen Dankleute hatte also einen Sieg erfochten. In Deutschland fand dieser Gedanke viele Anhänger, denn man glaubte, daß die Tribute nun auf ein erträgliches Maß herabgesetzt werden würden. Heute lehnen alle deutschen politischen Parteien den Voungplan ab, aber man versteift sich leider immer noch auf die Idee, die Tribute von der deutschen Wirtschaftskraft abhängig zu machen, obwohl eine derartige Verknüpfung zweier wesensfremder Dinge jede Lösungsmöglichkeit verbaut.
Der Gedanke der Leistungsfähigkeit ist im Voung-Abkommen natürlich nicht zur Vollendung gediehen. Die Forderungen der Tributempfänger wurden von vornherein als das Maß für die Wirtschaftskraft des Zahlenden genommen. Diese Untersuchungsmethode wird sich stets bei den Verhandlungen über Tributverpflichtungen durchsetzen, weil sie nie den politischen Machtwillen verleugnen kann. Die wirtschaflliche Tragfähigkeit, die erst nach dem Willen der amerikanischen Bankleute in die rein pvlittsche Betrachtungsweise hineingearbettet wurde, wird immer nur als humanes Mäntelchen dienen. Der Bouna-Plan scheitert nicht nur an seiner politischen Konstruktton und seinen technischen Mängeln; er würde auch absterben.'wenn die deutsche Leistungsfähigkeit viel gründlicher und ohne pvlittsche Beeinflussung geprüft worden wäre. Sehen wir zunächst davon ab, daß keine Regierung dieMacht hat, dasVolk zu zwingen, fich Tribute abzudarben, die seinen Rechtssinn verletzen, so ist der Begriff wirtschaftliche Leistungsfähigkeit eines Volkes gar nicht sestzulegen. Es würde an dieser Stelle zu weit führen, näher darauf einzugehen. Bur so viel sei gesagt: Unsere volkswirtschaftlichen Theoretiker stehen dem Auf und Ab der Konjunktur genau so hilflos gegenüber, wie die Wirtschaftspraktiker. Die nationalökonomische Wissen-
Familie von Kalb Hölderlin in diesem Sinne tätig. Herder begleitet den Sohn des Fürstbischofs von Lübeck, der junge Goethe reist mit dem Erbprinzen von Weimar. Die Aufgaben eines solchen Hofmeisters und Reisebegleiters waren so lebensschwer, manchmal auch so lebenslustig, daß der Stürmer und Dränger Jakob Michael Reinhold, Goethes Jugendfreund, Lenz, ein Theaterstück über das Schicksal eines Hofmeisters geschrieben hat. Prinzen hatten neben ihrem Zivilerzieher auch einen militärischen und einen staatswissenschaftlichen Beigeordneten. Inzwischen ist aber Bildung und Betreuung des einfachen Mädchens, des einfachen Jungen von allgemeiner Wichtigkeit geworden, und so müssen für sie treue Lebens begleiter, vorbildliche Reisebegleiter ausgewählt werden. Heute muß für die wertvollen Hnbegüterten noch mehr als bisher gesorgt werden; sonst geht unsere in ihrer Ausgleichsfähigkeit wichtige Mittelschicht verloren. Der Reisebegleiter, die Reifebegleiterin solcher Jugend muß vor allem den Wert der Anspruchslosigkeit. den Wert der Sparsamkeit kennen, ohne deshalb zum häßlichen Extrem hier zu kommen. Cs wird sich zunächst für Sommerreifen als Führer der Jugend ein Mensch zwischen 25 und 35 Jahren bewähren, der nicht einen einzelnen führt, sondern eine Gruppe von jungen Menschen; denn eine Gesellschaftsreise vermindert die Unkosten. Zu Altersdistanz, Herzensnähe, Derständnisnähe wird ein gewisser Scharfblick kommen müssen, die rechte Auswahl bei der Zusammenstellung einer Gruppe treffen $u können. Es ist durchaus nicht immer Gleicharttgkeit unbedingt nötig, wohl aber Harmonie, hier in der Parallelität, dort in der gegenseitigen Ergänzung. Die Frage der Regungen die etwa auf bewußte oder auf unbewußte Liebesneigungen deuten könnten, kann man bei munterm Sport, bei tüchtigem Wandern, bei geistiger Ablenkung für alles Baturschöne und ge» schichtlich Große auf der Reise getrost als erledigt betrachten. Ablenken ist hier das Beste; dann jede Vermeidung der Einsamkeit und der Zweisamkeit. Der Führer selbst muß in solchen Dingen natürlich gefestigt sein.
Sein praktischer Sinn wird sich bald offenbaren; einmal in der Wahl der Beförderungsmittel, der Unterkünfte und in der Wahl der Hauptreifeziele. Das Sicherste ist immer noch eine Eisenbahn- fahrt. Der Sammelfahrschein für Gesellschafts» reisende, die Wochenendkarte, das alles bringt durchaus gebotene annehmbare Vorteile, die der Jugenderzieher als Reisebegleiter kennen muß. Viele Schulen haben heute ein Landheim mit einem Sommerlager. Das bietet erschwingliche Unterkunft. Freilich darf Ueberanstrengung. dürfen Strapazen und Entbehrungen, so hoch zu schätzen auch die spartanische Abhärtung ist, die eigentliche Sommer-Erholung nicht zunichte machen. Ein Buch, eine Hängematte, ein hübsches Lichtbild, eine kräftige Mittagsmahlzeit, nicht das
romanttsche Abkochen, das doch oft nicht viel mehr als das Anrühren einer zu heißen Dünnfuppe bedeutet, das ist alles zu beachten. Wieviel Segen haben auch die Jugend-, die Schüler- und Studentenherbergen gespendet! Auch hierin mutz der Jugendreiseführer Bescheid wissen. Auch hier wieder die Obacht daraus, datz die Unterkunft für Rast und Ruhe da ist. Die Schüler- und Studentenherbergen bestehen seit 1883. die Jugendherbergen seit 1910. Wer die statistischen An- ?aben über diese segensreichen Einrichtungen nach» iest, wird mit Staunen und Freude den groben Aufschwung darin feststellen. Straffe Organisation und wohltätige Gönner und Förderer haben die Zahl solcher Herbergen auf insgesamt nahezu 3000 anwachsen lassen. In erster Linie kommt das deutsche Land, dann vor allem Oesterreich in Betracht.
Bestimmen eine günstige Bahnverbindung und preiswerte Unterkünfte die Reiseziele, so trifft der gesundheitlich wie geistig tüchtige und vielseitige Jugendführer seine Aufenthaltsauswahl nach dem Gesichtspunkte des Kennen lernens. Die Altersstufen und das Geschlecht sind dabei zu berücksichtigen. Die Kleinen gehören aufs Land zum Förster und zum Gutsbesitzer. Den Trotzen kann man eher eine Stadt zeigen, freilich nur im Touristentempo. Hamburg mag den Knaben, Dresden den Mädchen mehr sagen. Dort das Hafenleben, gewaltige Technik, hier Kunst, Schmuck und Porzellan, wenn man das nahe Meisten mit» nimmt. Besonders glücklich sind Thüringen und der Rhein. Weimar wird ein Jugend-Reiseführer als die geradezu klassische Stätte schätzen. Für Jünglinge wie für junge Mädchen gleich wertvoll. Eisenach mit der Wartburg und Jena mit dem nahen Rudolstadt, auch Saalfeld, Ilmenau, Baumburg nicht unähnlich. Wieviel bietet Bonn mit Beethoven und Arndt! Dazu der Rhein! Welch eine Andacht vor und in dem Kölner Dom, und wie bilderreich eine Uferfahrt! Und so überall rbeinab-, rheinaufwärts; auch Worms mit seinem Sagenborn sei nicht vergessen. Das Geschichtliche der Hanse an Oft» und Bordsee, das Wetterharte und Truhige dort, Klaus Groth und Theodor Storm geben dem Borden Vorzüge. Musikalische Stammesbrüderschaft zieht nach dem Süden: Bayern, Tirol, Oesterreich bedeuten für viele junge deutsche Menschenkinder eine unbefriedigte Sehnsucht. Beim Besuch aller nicht mitteldeutschen Länder muh von dem Jugendführer gute Beherrschung des Mundartlichen verlangt werden.
Und seine Bezahlung? Verschwindend gering. Jugendverbände haben in dieser Hinsicht vorgearbeitet für die kommenden Jugendreisen. Auch an jeder Schule wird sich mindestens eine Dame und ein Herr finden, der die Eltern hierin berät. Bur beizeiten daran denken und gleich vor die rechte Schmiede gehen, das wird die Hauptsache sein.


